Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Wie ich zum Glauben an die Allversöhnung kam

Autor: Merz, Karl  |  Kategorie(n): Allversöhnung  |  420 x gelesen

Meine früheste Erinnerung an diese Sache reicht mehr als 40 Jahre zurück. In jener Zeit hatte der bekannte Zeltevangelist Jakob Vetter in der Nähe meiner Heimat einen Vortrag gegen die Lehre von der Wiederbringung gehalten. Einer der leitenden Brüder der Gemeinschaft, der Vetter sonst sehr schätzte, wäre in der Versammlung beinahe aufgestanden, um ihm entgegenzutreten. Mir selbst lag die ganze Frage aber noch zu fern, als daß ich mich weiter mit ihr beschäftigt hätte.

Etwa 10 Jahre später mußte ich mich dann mit ihr auseinandersetzen. Wir hatten in unserem Jugendbund einen Bruder, der der Lehre von der Allversöhnung anhing und sie auch zu verbreiten suchte. Ich selbst vertrat noch die Endlosigkeit der Höllenstrafen. Wir gingen in unserem blinden Eifer schließlich so weit, daß wir jenen Bruder aus unserem Bund ausschlossen. Sollte er diese Zeilen lesen — er ging später nach Amerika —, dann bitte ich ihn, uns unser damaliges Handeln verzeihen zu wollen.

Es kam das Jahr 1924 oder 1925 (genau weiß ich es nicht mehr), daß ich zum ersten Mal nach Langensteinbach (Anm.: Bibelheim Bethanien, nicht Langensteinbacherhöhe; letztere gab es in diesen Jahren noch nicht) fuhr, um dort an einem Bibelkurs teilzunehmen, der von Pfarrer Böhmerle gehalten wurde. Was mich nach Langensteinbach zog, das waren Darlegungen in seinem Blatt “Die Gemeine”. Und zwar gefiel mir besonders das Betonen des Göttlichen im Unterschied vom Menschlichen, des Gewachsenen im Unterschied vom Gemachten. Es wehte mir aus den Aufsätzen von Böhmerle ein geistlicher Hauch entgegen, der mir wohltat. Dagegen lehnte ich die von ihm vertretene Lehre von der Wiederbringung (wie man damals in Württemberg noch meist sagte) nach wie vor ab. Meine Frau war vorausgefahren zu dem Zweck, mir zu berichten, ob es gut wäre, wenn ich auch käme. Die Eindrücke, die sie empfangen hatte, waren nicht durchweg günstig. Einen unangenehmen Eindruck machte es vor allem auf sie, daß manche Gäste gar so viel von “dem” Licht sprachen, das andere eben noch nicht hätten. Dabei zeugte das sonstige Verhalten jener Gäste gar nicht immer von einem höheren geistlichen Stand. Ich erwähne diese Dinge absichtlich, weil ich damit zeigen will, daß man der Wahrheit durch seine fleischliche Art mehr schadet, als gemeinhin angenommen wird. — Nichtsdestoweniger riet mir meine Frau zu kommen. Und ich bereue es nicht, daß ich dann gefahren bin. Ich denke heute noch dankbar an jene Tage in Langensteinbach; und ich tue dies umso mehr, als Böhmerle nicht lange danach gestorben ist. Zur Allversöhnung bin ich allerdings nicht “bekehrt” worden. Ich ließ die Sache auf sich beruhen und tröstete mich — wie heute noch so viele mit dem Ausspruch von Tersteegen, daß er nicht Gottes geheimer Rat, sondern sein Kind sei.

In den Jahren 1927/29 durfte ich in dem zum Asyl Rämismühle gehörigen Ferienheim “Libanon” in Speicher bei St. Gallen während einiger Sommermonate die Andachten halten und in der Seelsorge dienen. Es sind dies vielleicht die schönsten Jahre meines bisherigen Dienstes gewesen. Wir hatten bis zu 90 Gäste; sie kamen aus den verschiedensten christlichen Kreisen. Diesen in der Abgeschiedenheit des Appenzeller Landes das Brot des Lebens zu brechen und ihnen immer wieder einen Trunk frischen Wassers reichen zu dürfen, hat nicht nur sie, sondern vielleicht noch mehr mich selbst erquickt. Ich fing in den Morgenstunden des ersten Jahres mit der Betrachtung des Römerbriefes an. Wie ich nun an Kap. 4 kam, ging mir ein ganz neues Licht auf. Bekanntlich ist dort von Abraham und von David die Rede. Paulus will offenbar sagen, daß seine Botschaft von der Glaubensgerechtigkeit gar nicht so neu sei, wie sie manchem erscheine. Sie finde sich vielmehr schon in dem Leben des Abraham und des David. Da erkannte ich, daß es doch so etwas gäbe wie ein Schriftganzes und ein Wachstum innerhalb der Schrift. Wenn ich nämlich früher gelegentlich sagen hörte: “Ja, ganz klar steht es nicht da, was wir glauben; aber es ist keimhaft im Wort enthalten”, mußte ich immer wieder denken, daß es sich da um gar nichts anderes als um ein menschliches Fündlein handele. Und weil man seine Anschauung nicht eigentlich durch die Schrift belegen könne, nehme man seine Zuflucht zu einer solchen Ausflucht. Bei der Betrachtung von Römer 4 aber war es nun in mir aufgeleuchtet, daß es tatsächlich so etwas gebe. Paulus zieht dort aus dem zeitlichen Umstand, daß Abraham vor seiner Beschneidung von Gott für gerecht erklärt worden sei — und zwar wegen seines Glaubens —, den geradezu fundamentalen Schluß: “… also kommt die Gerechtigkeit nicht aus dem Gesetz, sondern aus dem Glauben”. Ähnlich liegt der Fall bei David. Dieser hätte nach dem Gesetz wegen seines Ehebruches und wegen seines Mordes getötet werden müssen. Statt dessen rühmt David die ihm widerfahrene Vergebung seiner Sünde, wie sie ihm durch Gott zuteil und durch Nathan verkündet worden war. Anhand dieser beiden Beispiele “entwickelt” und begründet Paulus die Glaubensgerechtigkeit.

Ich halte diesen Punkt für sehr wichtig. In der Juni-Nummer von “Licht und Leben” fand eine Aussprache über die Allversöhnung statt. Ich habe mich gefreut, daß die Allversöhnung nicht mehr rundweg abgelehnt worden ist, und ich wünschte nur, daß man noch einen Schritt weiter gegangen wäre. Ich meine nicht, dass man der Allversöhnung ohne weiteres zustimmte. Aber ich würde es begrüßen wenn man eine andere Methode bei der Untersuchung dieser Frage anwendete. Bei jener Aussprache hieß es nämlich auch wieder: Die und die Stellen sprechen für und die und die Stellen gegen die Allversöhnung. Und daraus wurde dann der bekannte Schluß gezogen: Also kann man nichts Bestimmtes wissen. — Ob wir nicht weiter kämen, wenn wir in unserem Verfahren weniger orthodox und mehr pneumatisch vorgingen? Ich jedenfalls bin durch Römer 4 gelehrt worden — und wie ich meine, durch Gottes Geist gelehrt worden —, solche Dinge mehr im Sinne einer wachstümlichen Erkenntnis der Schrift zu betrachten. Dabei steht auch mir fest, daß wir nichts grundlegend Neues zu verkündigen haben. Die von uns vertretene Anschauung muß wenigstens keimhaft oder samentlich im Worte Gottes enthalten sein.

Ich selbst kann dem Herrn nur immer wieder für das Licht danken, das Er mir dort in Speicher (nicht in Langensteinbach!) aufgehen ließ.

Dazu kam, daß ich in jenen Jahren — es ist wunderbar zu sehen, wie der Herr alles fügt! — in der Schrift von Karl Engler über “Das himmlische Jerusalem” an einem Satz hängen blieb, der mich in unserer Frage ein Stück weiter führte. Soviel ich weiß, hat Engler die Allversöhnung abgelehnt. Aber bei der Erklärung von Offb. 22, 3 (”… und die Blätter des Holzes dienten zur Gesundheit der Heiden”) mußte er doch zugeben, dass mit diesen Worten noch kein Zustand der Vollendung beschrieben sei. Rekonvaleszenten könnten nicht das Letzte sein, was uns die Schrift zu zeigen hätte. Überhaupt führe die Offenbarung uns nicht an das Ende überhaupt heran. — Wahrscheinlich habe ich solche Gedanken auch früher schon da oder dort gefunden oder selbst gedacht. In diesem Augenblick aber bedeuteten sie für mich etwas Neues. Ja, so fragte ich, wo sagt uns die Schrift denn dann etwas vom Letzten? Und während ich so fragte, wurde ich zu 1. Kor. 15, 28 geführt, wo es heißt: “… auf daß Gott sei alles in allen.”

Damit war mir die Frage nach der Allversöhnung beantwortet. Ein anderer kommt vielleicht auf einem anderen Weg zur gleichen Erkenntnis. Ich für mein Teil schätze mich glücklich, daß ich’s glauben kann und glauben darf, daß Gott mit allen Menschen und mit der ganzen Kreatur zu Seinem herrlichen Ziele kommen wird. Dieser Glaube hindert mich keineswegs in der Arbeit für den Herrn. Er macht mich im Gegenteil nur freier und froher, für Ihn zu wirken. Freilich suche ich es je länger, desto weniger im Eigenen zu tun. Ich weiß, daß heute noch gilt: “Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir” (Joh. 6, 37). Weil wir aber, wie der heimgegangene Zeltevangelist Karl Röder einmal zu mir sagte, keine Kandidatenliste der Erwählten besitzen, sagen wir es allen. Wir tun es in der Gewißheit, daß die es dann hören werden, die vor Grundlegung der Welt erwählt sind. Und was die Spätlinge betrifft, so ist es durchaus nicht die Meinung der “Allversöhner”, daß sie einmal in den Himmel hineinspazieren dürften. Ganz abgesehen davon, daß sie ihr Erstgeburtsrecht verscherzt und vielleicht um ein Linsengericht verkauft haben, können sie nur durch Gerichte hindurch gerettet werden. Deren Schwere und Länge wird ganz davon abhängen, wie lange sie sich auch in der andern Welt noch sträuben. Ohne Zerbruch gibt es auch für sie keine Seligkeit. Gott aber hat Geduld und hat Zeit. Er wird jeden — hüben oder drüben — so führen, bis er einsehen gelernt hat und lobpreisend bekennt zur Ehre Gottes, des Vaters: Jesus ist Herr!

(Quelle: Mir unbekannt)

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