Unsere Erlösung naht
Autor: Merz, Karl | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Gemeinde | 558 x gelesenIn einer Rede, die sich mit der Zukunft beschäftigt, hat Jesus Christus gesagt: “Wenn aber solches anfängt zu geschehen, so sehet auf und erhebet eure Häupter, darum, daß eure Erlösung naht!” (Luk. 21, 28).
Nun gibt es kaum jemand, der nicht wissen möchte, wie die Zukunft aussehen wird. Unser nächster Gedanke dabei ist der: wird sie uns Krieg oder Frieden, nämlich einen wirklichen und wahren Frieden bringen? — Doch auf diese Frage können wir nur allgemein antworten, so wie es Jesus auch getan hat. Er aber hat vorausgesagt, daß es bis zu seiner Wiederkunft Kriege geben werde. Und so düster eine solche Aussicht ist, werden wir doch gut daran tun, wenn wir uns darauf einstellen. Die Ursache hierfür liegt in der Tatsache, daß Satan, der immer noch der Fürst dieser Welt ist, offenbar Freude am Morden und Zerstören hat. Sie liegt ferner in dem Umstand, daß Menschen sich auch untereinander streiten. Wie soll da der Friede unter den Völkern einkehren? — “Es kann nicht Ruhe werden, bis Jesu Liebe siegt, bis dieser Kreis der Erden zu seinen Füßen liegt.” —
Jesus richtet unsere Erwartung darum auf etwas anderes, nämlich auf die Erlösung.
Doch was soll damit gesagt sein? — Das Wort “Erlösung” bedeutet ein Loskommen aus Unfreiheit und zwar durch die Zahlung eines Lösegeldes. Gedacht ist dabei etwa an den Loskauf eines Sklaven. Aber ist das unsere Lage? — Gegen eine solche Anschauung wandte sich vor kurzem eine bekannte Tageszeitung. Da hieß es in einem Artikel: “Es ist doch eine Schande, eine Kulturschande großen Ausmaßes, daß man allem besseren Wissen zum Trotz wie vor Jahrtausenden immer noch glaubt, daß stupides Hoffen und Harren uns das Glück bringt: daß nicht eigenes Handeln, sondern das Opfer eines andern, eines Messias, uns Erlösung schenken wird … Nur schwache, haltlose und willenlose Naturen brauchen Erlösung. Wer sich nicht auf andere verläßt, sondern selbst sein Schicksal zu gestalten anfängt, verzichtet auf Erlösung.” — Das ist ganz die Sprache eines Nietzsche. Wir sind über solche Worte aufs tiefste erschrocken. Sie verraten eine Überheblichkeit und eine Selbsttäuschung, die uns Schlimmes ahnen läßt. Denn die Erfahrung sowohl des Einzelnen wie die der Geschichte zeugen gegen sie. So hat schon mancher gesprochen: ein Nebukadnezar, ein Napoleon, ein Hitler. Und wie sind sie alle zuschanden geworden!
Ähnlich redeten die Pharisäer in den Tagen Jesu. Als dieser nämlich seinen Hörern einmal davon sagte, daß die Wahrheit sie frei machen würde, da antworteten sie: “Wir sind niemals jemandes Knechte gewesen!” — Dabei vergaßen sie ganz, daß sie zu jener Zeit mindestens politisch unfrei waren. Denn sie standen damals unter der Herrschaft der Römer. Doch Jesus dachte bei seinen Worten an eine viel schlimmere Sklaverei, und zwar an die der Sünde. “Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht”, erklärte er. Und so ist es bis heute geblieben. Um so dankbarer sind wir, wissen zu dürfen, daß wir von dieser Sklaverei befreit werden können. Nötig ist nur, daß wir unser sittliches Unvermögen einsehen und zugeben, und daß wir uns dann Jesus überlassen. “Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei.” Daran hat auch Paulus gedacht, als er in einem seiner Briefe schrieb: “An ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut.”
Wie aber kommt es, daß die Bibel im Blick auf die Erlösung bald von etwas Gegenwärtigem, bald von etwas Zukünftigem redet? —
Da gilt es zu beachten, daß die Erlösung etwas so Umfassendes ist, daß sie uns gar nicht auf einmal zuteil werden kann. Jetzt schon können wir Befreiung von Sündenschuld und Sündenmacht, von Sorgenangst und Todesfurcht haben. Später erfahren wir auch die Erlösung unseres Leibes. Zwar dürfen die Seinen ihn jetzt schon je und je auch als Arzt ihres Leibes erfahren. Es wäre aber ein Irrtum zu meinen, als ob dies nur von ihrem Glauben abhinge. Auch in Krankheitsfällen entscheidet die göttliche Führung. Wovon sie jedoch einstweilen hie und da etwas “schmecken” dürfen, das wird ihnen bei der Wiederkunft ihres Herrn voll und ganz zuteil. Da bekommen sie auch einen neuen Leib. Und zwar wird das an jenem Tag geschehen, an dem die verstorbenen Gläubigen auferweckt und die lebenden Gläubigen verwandelt und beide miteinander ihm entgegengerückt werden. Auf diese Weise gelangen sie sowohl in den Vollgenuß der Erlösung wie der Errettung aus aller Bedrängnis. Denn zuletzt wird die Not der Menschen aufs Höchste gestiegen sein. Satan hat gleichsam seine letzte Karte ausgespielt. Unter der Herrschaft des Übermenschen — sonst heißt er wohl der Antichrist — scheint es, als ob man Gottes nicht mehr bedürfte. Für den ganzen Erdkreis ist eine Stunde der Verführung gekommen. Der Mensch übertrifft mit seinen Leistungen auf allen Gebieten sich selbst. Mancher denkt, daß jetzt das goldene Zeitalter angebrochen sei. Bald aber zeigt sich, daß alles auf Lug und Trug aufgebaut ist. Und es geht wieder, wie schon so manches Mal: es bricht zusammen. Nur wird das Ausmaß dieses Mal noch größer, und die Folgen werden noch schlimmer sein, als je zuvor.
Wer Augen hat zu sehen, der sieht, daß wir einer Katastrophe entgegentreiben. Wir sind nicht imstande zu sagen, wann sie eintreten wird. Auch uns graut davor. Und wir freuen uns über jede Verlängerung der Atempause, die Gott uns noch schenkt. Aber es scheint, als ob wir uns dem Abschluß unserer Weltzeit schnell näherten. Einen Anhaltspunkt hierfür gibt uns Jesus in einem andern Wort, das er bei der gleichen Gelegenheit gesprochen hat, wie das, von dem wir heute ausgegangen sind. Es lautet: “Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis daß der Heiden Zeit erfüllt sein wird.” Damit lenkt er unsere Blicke nach Jerusalem, also nach Israel. Gott hatte dem Volk seiner Wahl dieses Land zugesagt. Weil dieses Volk aber untreu war, gab es Gott in die Hände seiner Feinde; es verlor sein Land. Zur Zeit Jesu standen sie unter der Herrschaft der Römer. Nachher kamen die Türken. Jerusalem wurde im Laufe seiner Geschichte mehr als 20 Mal erobert. Aber Jesus sagt, daß es nicht für immer zertreten werden soll. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer “Zeit der Heiden”, besser gesagt: der Nationen oder Völker, nämlich der nichtjüdischen Völker. So wie Israel seine Zeit gehabt hat, so haben die nichtjüdischen Völker ihre Zeit. Die Zeit Israels ging vorläufig zu Ende, als das Volk der Wahl erst den Sohn Gottes ans Kreuz schlug und dann auch noch den Heiligen Geist ablehnte. Daraufhin wandte sich Gott den nichtjüdischen Völkern zu. Er erwählte (und erwählt) aus ihnen eine Schar von Erstlingen. Sobald nun die von ihm bestimmte Vollzahl gewonnen ist, wendet er sich Israel wieder zu.
Vor dieser Wende stehen wir. Seit 1948 gibt es einen Staat Israel. Es mag bei dem Aufbau dieses Staates noch allerlei Schwierigkeiten, ja Rückschläge geben. Aber wir befinden uns offenbar auf dem Wege zum Abschluß dieser Weltzeit. An deren Ende steht der Zusammenbruch des antichristlichen Weltreiches und die Aufrichtung des Königreiches Jesu Christi. Wie weit die Entwicklung bereits gediehen ist, sehen wir daran, daß Jerusalem nur noch zum Teil von Fremden besetzt ist. Der andere Teil befindet sich schon in den Händen der Juden. Jesus aber sagt: “Wenn solches anfängt zu geschehen …”
Kinder Gottes sind glückliche Menschen. Wo andere sich im Taumel der Vergnügungen zu vergessen suchen oder unter Gemütsdruck stehen, dürfen sie ihre Häupter erheben, weil sich ihre Erlösung naht. Sie haben eine Hoffnung, die sie über die Schwere dieser Zeit hinaushebt und hinwegträgt, eine Hoffnung, die nicht zuschanden werden läßt.
Nun sprechen wir das Amen: Herr Jesu, komme bald! Halt uns bei deinem Namen, wirk in uns dein Gestalt, daß wir dereinst am Ende, wenn Sünder heulend stehn, in deine Königshände mit Jauchzen übergehn!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1954; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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