Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Paulus und Jakobus

Autor: Ludwig, Rudolf  |  Kategorie(n): Paulus, Paulusbriefe, Schriftteilung, Wort Gottes (Bibel)  |  1,280 x gelesen

(Bearbeitet nach “Unsearchable Riches” für das “Prophetische Wort”, 1923)

Jeder Kenner des Neuen Testamentes weiß, dass hinsichtlich des Heils und der Rechtfertigung, bzw. der Frage, ob die Errettung zu erreichen sei durch Werke oder durch Werke und Glauben oder durch Glauben allein, ein Widerstreit ist zwischen der Lehre des Jakobus und der des Paulus. Man beachte nur die Nebeneinanderstellung folgender Aussprüche.

Jakobus sagt: “Also auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, so ist er tot in sich selbst” (Jak. 2, 17); “Denn gleich wie der Leib ohne Geist tot ist, also ist auch der Glaube ohne Werke tot” (Jak. 2, 26); “Was hilft es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, dabei aber keine Werke hat? Kann ihn denn der Glaube retten?” (Jak. 2, 14); “Ward nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtfertigt, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte?” (Jak. 2, 21); “Ihr seht nun, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht allein aus dem Glauben” (Jak. 2, 24).

Paulus dagegen sagt: “Da wir denn durch Glauben gerechtfertigt sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus” (Röm. 5, 1); “So halten wir nun dafür, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird ohne Gesetzeswerke” (Röm. 3, 28); “Wer aber mit Werken umgeht, dem wird der Lohn nicht aus Gnaden angerechnet, sondern aus Schuldigkeit; wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet” (Röm. 4, 4.5); “Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.” (Eph. 2, 8.9); “Nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit hat er uns errettet” (Tit. 3, 5); “Denn was sagt die Schrift? Abram hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet” (Röm. 4, 3); “Wir sagen, dass der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit gerechnet worden ist, nicht im beschnittenen, sondern im unbeschnittenen Zustand! Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er schon im unbeschnittenen Zustande hatte, auf dass er ein Vater aller wäre, die in der Vorhaut glauben, damit auch ihnen die Gerechtigkeit zugerechnet würde, und Vater der Beschneidung, die auch wandeln in den Fußtapfen des Glaubens” (Röm. 4, 9-11); “Denn nicht durch das Gesetz erhielt Abraham … die Verheißung, sondern durch die Glaubensgerechtigkeit” (Röm. 4, 13).

Wenn diese beiden Reihen von Schriftaussagen einander nicht völlig widersprechen, und wenn sie nicht schlechthin sich weigern, sich so auslegen zu lassen, als ob beide Reihen dasselbe sagen wollten, so entschwindet uns die Möglichkeit, je zu einem klaren Verständnis und Gebrauch der Sprache zu gelangen. — Wir gehen nicht etwa darauf aus, einen Gegensatz zwischen Paulus und Jakobus auffinden zu wollen. Der Gegensatz liegt ohnehin schon in den beiden genannten Reihen von Schriftaussagen klar zutage. Uns liegt vielmehr daran, die rechte Auslegung beider Aussagenreihen zu suchen, denn beide sind göttlich eingegeben und unter der Leitung des Heiligen Geistes niedergeschrieben worden. Beide sind wahr; daran ist nicht zu zweifeln. Wozu aber dieser große Unterschied bei dem, was zum Heile notwendig ist?

Es ist nutzlose Zeitvergeudung, eine Gleichstimmigkeit beider ausdrücklich entgegengesetzter Schriftaussagen herausfinden zu wollen. Jakobus sagt: Glaube ohne Werke ist tot, und zwar genau so tot, wie der Leib ohne Geist. Was hilft ein toter Leib? Der Glaube ohne Werke ist genau so nutzlos wie er. Jede andere Auslegung ist ausgeschlossen. Um die Haltbarkeit und Unwiderlegbarkeit seiner Stellung zu bekräftigen, fährt er fort: “Wenn jemand sagt, er habe Glauben, kann ihn denn der Glaube retten?” Jakobus würde unbedingt sagen: Nein!

Man hat sich vielfach mit Erklärungen bemüht, die den Gegensatz hinweg erklären sollen; etwa so: Wenn ein Mensch etwa sagen wollte: ‘ich glaube, wird ihn das retten? Wie nun, wenn er dabei löge?’ Uns hat man mit einer solchen Erklärung aufgewartet. Was sagte der Kämmerer aus dem Mohrenlande zu Philippus? “Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.” Das war alles, und daraufhin taufte Philippus ihn. Das einfache “Ich glaube”, genügte also! Obige Erklärung besteht also die Prüfung nicht. Jakobus muss etwas anderes gemeint haben.

Er sagt: “Ihr seht nun, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht allein aus dem Glauben.” Dieser Aussage nach kann kein Mensch je vor Gott als gerechtfertigt stehen, wenn er nicht Werke aufzuzeigen hat. Die Rechtfertigung erlangt man nach Jakobus durch Werke und nicht durch den Glauben allein. Man beachte den Nachdruck, den er darauf legt. Wo bleibt da die Möglichkeit, diese Aussage mit der des Paulus in Einklang zu bringen, der auf dem Glauben ohne Werke besteht?

Ein anerkannter Bibelausleger will die Aussage des Jakobus mit der gegenwärtigen Wahrheit von dem Heil durch den Glauben allein in Übereinstimmung bringen, indem er sagt, Jakobus rede vom Standpunkt des Menschen aus, während Paulus vom Standpunkt Gottes aus rede. Eine Erklärung, die nicht erklärt und die nur eine leere Mutmaßung ist.

Wir ziehen es vor, Gottes eigene Erklärung der ganzen Angelegenheit zu nehmen, denn in einer solchen Schwierigkeit lässt Gott es nicht zu, dass zwei seiner erleuchteten Apostel einander völlig widersprechen, ohne dafür gesorgt zu haben, dass irgendwo anders in seinem Wort hinreichende Erklärung hierfür offenbart wäre. Somit bleibt uns nichts übrig, als nach dieser Erklärung Ausschau zu halten.

Gottes Wort ist geschrieben, damit er sich selbst und zugleich auch den Vorsatz, den er gefasst hat in Christo Jesu, unseren Herrn zunächst den Menschen, dann der Gemeine und durch diese allen Himmelswelten im All offenbare (Eph. 3, 10.11; 1, 10; Offb. 4, 11).

Aus seinem Wort lernen wir, dass Gott die Himmel und die Erde geschaffen hat und zwar in der Absicht, allen geschaffenen Geistwesen seine mannigfaltige Weisheit und seinen Vorsatz in Christo kund zu tun (Eph. 2, 7; 3, 10.11). Gottes mannigfaltige Weisheit betreffs der Erde und der Himmel läuft darauf hinaus, alle diese Bereiche einzurichten und zu bevölkern zu seiner ewigen Herrlichkeit durch unsern Herrn Jesus Christus. Aus dem Gesagten scheint klar hervorzugehen, dass Gott diese Bereiche geschaffen hat für das End- und ewige Geschick der Menschheit (so weit wir das jetzt beurteilen können); denn gemäß seinem Wort finden wir, dass der Mensch sie zuletzt bewohnt.

Nirgendwo aber wird uns gesagt, dass die gesamte Menschheit ihr ewiges Geschick droben im Himmel haben werde. Ebenso wenig aber wird uns gesagt, dass die Erde oder etwa die neue Erde das Endgeschick aller Menschen sein werde. Die am weitesten gehende Antwort des Wortes Gottes bringt uns Paulus in den bekannten Worten, “dass Gott (zu irgend einer Zeit der Zukunft) sei alles in allen” (1. Kor. 15, 28). Jedoch setzt diese Aussage keine Örtlichkeit für die alle fest. Nur das wissen wir, dass das All von Gott ist und dass es durch ihn und für ihn ist (Röm. 11, 36).

Nun aber hat Gott ein Erdenvolk gehabt und wird noch ein solches haben mit einem Erdenbesitz, Israel. Dieses Volk hatte und hat einen Erdendienst, einen auf dieses Volk zugeschnittenen Auftrag, so dass ihm im Wort der Wahrheit die Herrlichkeiten seines irdischen Königreiches offenbart worden sind, die ihm damit zugleich verbürgt sind. Der Herr selbst sagte zu einem der Führer des Volkes: “Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen Dingen sagen werde?” Die himmlischen Dinge liegen noch weit außerhalb des Gesichtskreises dieses Volkes Gottes. Machen wir es uns doch klar, dass dieses Volk mit der Erde verknüpft ist und mit ihrer zukünftigen Herrlichkeit. Es ist ihm nicht gegeben, himmlische Dinge zu verstehen. Daher konnten ihre Lehrer und Führer und beauftragten Diener das himmlische Geheimnis, das Geheimnis der Gemeine, des einen Leibes, das in all den verflossenen Zeitaltern in Gott verborgen geblieben war, ihnen nicht enthüllen, bis es Gott durch sein dafür auserwähltes Rüstzeug verkünden konnte. Warum wollen wir denn erwarten, dass Jakobus mit Paulus übereinstimmen soll? Besonders, da Jakobus an die zwölf Stämme schreibt (1, 1), die ihr Erbe auf dieser Erde haben (Ps. 37, 29) und die die Schafe seiner Weide sind (natürlich auf dieser Erde, nicht im Himmel) (Ps. 100, 3), während Paulus an ein Volk schreibt, dessen Erbe droben im Himmel ist (Eph. 1, 3) und das von der Erde gar nichts zu erwarten hat. Wie soll denn dasselbe Evangelium für diese beiden Völker zugeschnitten sein? Es erscheint als törichte Redensart, den Standpunkt des Jakobus als den des Menschen, und den Standpunkt des Paulus als den Gottes zu bezeichnen. Alle Schrift ist eine Offenbarung Gottes an den Menschen. Wenn Jakobus von Gott erleuchtet war zu schreiben: “Glaube ohne Werke ist tot”, dann ist der Glaube für die, an die er schrieb, ohne Werke tot”, nämlich für die zwölf Stämme. Das hat Gott gesagt! Wenn aber Paulus schreibt: “Der Mensch wird gerechtfertigt durch den Glauben, ohne Gesetzeswerke”, dann ist er ebenso erleuchtet, dies zu schreiben, und alsdann ist für die, an die er schrieb, jeder, der seiner frohen Botschaft der Gnade glaubt, durch den Glauben ohne Werke gerechtfertigt. Das hat Gott auch gesagt! Und es ist ebenso wahr.

Wir wollen nun die beiden Evangelien, die beiden Aufträge betrachten, welche durch die von Gott berufenen Führer den ihnen zugewiesenen Völkern verkündigt worden sind. Sind sie wirklich dasselbe Evangelium, nur, wie manche behaupten, an zwei verschiedene Klassen von Leuten gerichtet? Lasst uns sehen, ob sie gemäß der Schrift wesensgleich sind. Darauf kommt es vor allem an. Diese Frage berührt den Widerstreit zwischen Paulus und Jakobus an der Wurzel. Uns ist bekannt, dass im ganzen Worte Gottes ein Grundunterschied zwischen Israel und der Gemeine vorhanden ist, und dass dieser Unterschied unverletzlich bis zum Ende beibehalten worden ist. Wenn Jakobus also unbedenklich sagt, dass er an die zwölf Stämme schreibe, dann hat er der Gemeine nichts zu sagen, welche der Leib Christi ist. Warum nun lässt man diese Wahrheit nicht gerade da stehen, wohin sie der Heilige Geist gestellt hat, nämlich an und für das Volk, an das sie geschrieben worden ist? Wie kann Gott seine Botschaft an die Israeliten übermitteln, wenn die Kirche, die Gemeine alles an sich reißt, gleich an wen es geschrieben ist? Das aber hat sie stets getan, ganz ohne Rücksicht auf den ihr göttlich gegebenen so ganz anders lautenden Auftrag. — Ohne Schriftgrund schweben alle unsere Behauptungen in der Luft. Vermutungen aber wollen wir fahren lassen, wo es sich um das Wort Gottes handelt. Wenn Gott uns nicht den Weg vorgezeichnet hat, dann wollen wir lieber eine weitere Offenbarung abwarten; hat er das aber getan, dann lasst uns diesen Weg bis ans Ende gehen. Wir wissen bestimmt, dass Paulus den Auftrag erhalten hatte, mit seiner Wortverkündigung zu den Nationen zu gehen. Ebenso aber wissen wir auch, dass Petrus, Jakobus und Johannes den Auftrag hatten, mit ihrer Wortverkündigung zu den Juden zu gehen. Diese Aufträge wurden unter des Heiligen Geistes Macht und Leitung gegeben und ausgeführt (Gal. 2, 7-9). Ferner wissen wir, dass im ganzen Worte Gottes keine Aufhebung und kein Widerruf eines der Aufträge oder beider zugleich nachzuweisen ist. Wir wollen uns hüten, das Wort Gottes durch unsere Überlieferungen oder Aufsätze unwirksam zu machen.

In Gal. 2, 7 lesen wir von dem Evangelium der Vorhaut und von dem Evangelium der Beschneidung. Spricht Paulus hier von zwei Evangelien oder nur von einem und in beiden Fällen von demselben und gleichen Evangelium? Das Wort soll uns die Antwort geben. Paulus sagt: “Ich zog aber hinauf nach Jerusalem infolge einer Offenbarung und legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Nationen verkündige …” (Kap. 2, 2). Wenn dieses Evangelium das gleiche gewesen wäre, das Petrus, Jakobus und Johannes gepredigt haben, was für eine Notwendigkeit hätte dann vorgelegen, es den Ältesten in Jerusalem zu erklären? Es war nicht das gleiche! Welcher Umstand aber veranlasste den Herrn, dem Apostel Paulus zu offenbaren, dass er nach Jerusalem gehen sollte? “Und etliche kamen aus Judäa herab und lehrten die Brüder (Pauli Bekehrte): Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauch Moses beschneiden lasst, so könnt ihr nicht gerettet werden!” (Apg. 15, 2).

Um welche Frage handelt es sich da? Um dieselbe Frage, die uns in dieser Abhandlung beschäftigt. Es ist die gleiche, die den Widerstreit zwischen Paulus und Jakobus verursacht hat. Wird der Mensch durch den Glauben gerettet, oder durch Glauben und Werke zusammen? Die Gemeinde in Jerusalem wusste nichts von einer Errettung ohne Werke. Sie war so durchdrungen von der Beobachtung des Gesetzes des Mose, dass man dort zwanzig Jahre nach Pfingsten zu Paulus sagte: “Bruder, du siehst, wie viele Zehntausende von Juden gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz” (Apg. 21, 20). Dem gemäß sollte nun jeder imstande sein zu erkennen, dass die Gemeinde zu Jerusalem, diese Ältesten, Petrus, Jakobus und Johannes, tapfer kämpften um ein Evangelium der Gesetzeswerke, verbunden mit dem Glauben. Nichts anderes als das kann ihre Stellungnahme erklären. Warum will man denn durchaus die Schrift dahin verkehren, dass sie hier etwas lehren soll, was ihr ganz unähnlich ist, und warum will man ihr eine Bedeutung aufzwingen, die ihrem Gesamtinhalt gänzlich fremd ist?

Während das nun dort vor sich ging, hat Paulus ebenso männlich für sein Evangelium des Glaubens allein, ohne Gesetzeswerke gekämpft, wenn diese auch nur als eine Mithilfe zur Errettung oder zur Rechtfertigung gelten sollten.

Diese Frage gerade behandelt die grundlegende Schwierigkeit, um derentwillen eine solche Bewegung entstand, dass der Heilige Geist selbst eingriff und seine Hand auf die Männer legte, die bei dieser Konferenz am meisten mit der Angelegenheit zu tun hatten, und jedem von ihnen seinen besonderen Auftrag erteilte (Gal. 2, 7-9). Welchen Auftrag? Dass Paulus zu den Nationen gehen und ihnen dienen sollte, während die Ältesten, Petrus, Jakobus und Johannes, zu den Juden gehen und ihnen dienen sollten. Beachten wir es wohl, dass der Heilige Geist es sorgfältig niederschreiben ließ, dass es zwei Evangelien gibt, das der Beschneidung und das der Vorhaut. Es ist also nicht jedem der Beteiligten das gleiche Evangelium übertragen worden, das sie unterschiedslos überall zu verkündigen hätten. Es gibt demnach ein Evangelium der Beschneidung, das Glaube und Werke in sich schließt, und ein Evangelium der Unbeschnittenen, das zur Errettung allein den Glauben fordert. Dieses Evangelium hatte Paulus den Nationen zu bringen; dagegen hatten die Judenapostel das erstere den Juden zu verkündigen. Nun wollen wir ebenfalls beachten, dass wir in der Schrift auch nicht die leiseste Andeutung finden, dass die vom Heiligen Geist getroffenen Anordnungen irgendwie beschränkt, verändert oder so verschmolzen worden wären, dass fortan nur noch ein Evangelium zu gelten hätte.

Noch einen anderen Punkt dürfen wir nicht außer acht lassen: Paulus sagt, er zog hinauf nach Jerusalem und legte ihnen das Evangelium vor, das er unter den Nationen verkündigte. Hat der Heilige Geist bei dem Konzil unserm Paulus befohlen, “sein Evangelium” zu ändern, so dass es fortan mit dem der Ältesten übereinstimme? Oder hat er diesen geboten, “ihr” Evangelium zu ändern, damit es mit dem des Paulus gleichlautend würde? Auch nicht der leiseste dahingehende Wink lässt sich nachweisen. Wenn eine derartige Veränderung je im Sinne Gottes gelegen hätte, dann wäre hier der geeignete Ort dafür gewesen. Die damals getroffene Anordnung ist also göttlichen Ursprungs. Wir wollen also mit unsern Satzungen nicht das Wort Gottes aufheben (Mark. 7, 13).

Darum wissen wir nun, dass Jakobus, wenn er den zwölf Stämmen schreibt, “Glaube ohne Werke ist tot”, dann verkündet er unzweifelhaft das von Gott eingegebene Wort Gottes, weil er und mit ihm die, an die er schreibt, zu ihrem göttlichen Auftrag von dem Glauben und den Werken standen und dabei verharrten.

Jakobus hat aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Brief einige Jahre vor dem Apostelkonzil geschrieben, und das ist ein umso stärkerer Beweis dafür, dass die Ältesten der Gemeinde zu Jerusalem sich genau an das Evangelium des Jakobus hielten, als sie zu Paulus sagten: Du siehst, wie viele Zehntausende von Juden gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz. In diesen Worten vernehmen wir den Nachhall der Worte des Jakobus: “Glaube und Werke”. Beide stimmen also miteinander überein. Dieses Evangelium behielt also bei ihnen sein Bürgerrecht, solange Gottes Gnade für Israel offen stand. Petrus, einer der Ältesten, hatte diesem gesagt: “So tut nun Buße und bekehret euch, damit … Gott … den euch vorher bestimmten Christum Jesum sende” (Apg. 3, 19-21), “den er durch seine Rechte zum Fürsten und Erretter erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu verleihen” (Apg. 5, 31). Buße zu tun und sich zu bekehren aber weigerte sich Israel immer entschiedener, wie das in der Apostelgeschichte deutlich geschildert wird. Dieses großartige Angebot bestand aber zu Recht bis auf Apg. 28, 26-28, wo Gott diesem Volk die Tür für seine besonderen Segnungen zuschließen lässt. Sie, die erste waren, werden nun letzte (Matth. 20, 16), gehen ihrer Vorrechte verlustig, und Paulus darf nun sein Vollevangelium der Sammlung, Zurüstung und Vollreife der Auswahl aus den Nationen zu dem Leibe Jesu Christi in den Gefangenschaftsbriefen (Epheser und Kolosser) niederschreiben, in denen uns der unausforschliche Reichtum Christi (Eph. 3, 1-12; Kol. 1, 9-28) so überaus herrlich entgegenleuchtet. Israel als Volk dagegen ist für jetzt zur Seite gesetzt, bis die Fülle der Nationen eingegangen sein wird (Röm. 11, 25). Ist dies letzte aber geschehen, d. h. hat der wiederkehrende, herrliche Herr seinen Leib zur Vereinigung mit ihm als dem Haupt zu sich genommen, dann wird Gott seine großartigen Verheißungen betreffs der Errichtung des Königreichs Israels und des Kommens des dafür bestimmten Königs, von dem Petrus in der oben angeführten Stelle gesprochen hat, pünktlich erfüllen. Da aber bis dahin alles auf Israel bezügliche zurückgehalten wird, ihr König, ihr Königreich, ihr Evangelium des Königreichs, so werden auch ihr Evangelium des Glaubens und der Werke und die für sie geschriebenen Briefe zurückgehalten. Deshalb stimmen Paulus und Jakobus nicht miteinander überein.

In nicht allzu fernen Tagen, da das Evangelium des Königreichs wieder erschallen wird, werden diese Briefe an die Zerstreuung in besonderer Weise ihre Geltung und Macht über Israel erhalten. Alsdann werden auch den Verkündern dieser Wahrheit wieder die Wunderkräfte der Pfingstzeit verliehen werden, zur Ausübung nach Jak. 5, 14-15. Das scheint uns Gottes Plan und Absicht zu sein. Für uns ist das keine Sache des “Standpunkts”, weder des Jakobus, noch des Paulus. Hier handelt es sich einfach um das: “So spricht der Herr”; und darum um die Frage: zu wem spricht Gott?

Manche tun diese Angelegenheit ab mit den Worten: Jakobus hat doch an Christus gläubigen Juden geschrieben! Gewiss! Sie glaubten, dass Jesus der Messias sei, jedoch glaubten sie auch, dass Werke sie gerecht machten. Sie opferten nach dem Gesetz des Moses, wenn sie gesündigt hatten, sie übten die Beschneidung, sie waren Eiferer für das Gesetz. Derart war ihr Gläubigsein beschaffen! Wer aus Gnaden durch den Glauben gerettet ist, mag sich da berufen fühlen zu sagen: dieser Glaubensstand war eben mangelhaft, es beeinträchtigt das vollkommene Werk Christi! Wir bedürfen keiner Gesetzeswerke, vor Gott gerecht werden zu wollen!

Wenn der Brief Jakobi um 50 geschrieben wurde, wie z. B. Zahn annimmt, und etwa zwei Jahre vor dem Apostelkonzil, das wahrscheinlich Anfang 52 stattfand, dann hat um 52 die große Gemeinde in Jerusalem mit Jakobus gerade an dieser Lehre festgehalten und als das Evangelium verkündigt (man vergleiche Apg. 15, 1.2), was sie nach dem Bericht Pauli (Gal. 2, 6-9) auf Befehl des Geistes auch tun sollten; für die Zeit um Pfingsten 58 aber wird durch Apg. 21, 20.21 derselbe Tatbestand bezeugt.

In seinem Brief an die Galater, den Paulus etwa April 53 geschrieben hat, erbringt der Apostel den Beweis seiner göttlichen Vollmacht und weist die göttliche Quelle des ihm verliehenen Evangeliums nach, indem er darlegt, dass er das von ihm verkündigte Evangelium nicht von Menschen, also auch nicht durch einen Menschen (also auch nicht von den Zwölfen noch von irgend einem Menschen) empfangen oder gelernt habe, sondern, dass er es einzig und allein durch Offenbarung Jesu Christi empfangen habe (Gal. 1, 1.11-12.15-17). Welches Evangelium war das? War es das gleiche, das die Gemeinde in Jerusalem verkündigte und das Jakobus geschrieben hat? Und das, welches Petrus predigte? Wenn so, warum war es dann notwendig, dass Paulus es vom Herrn durch Offenbarung erhielt? Die einzig mögliche Antwort auf diese Frage ist die, dass es nicht dasselbe Evangelium ist. Warum dann versuchen wir das Evangelium derer, die alle Eiferer für das Gesetz sind, so zu pressen, dass es endlich doch mit Pauli neuer Offenbarung übereinstimmen könnte, welche das Gesetz mit seinen Werken ausschließt?

Die Lehre der Bibel, mit der Ausnahme der Paulus-Briefe, die den göttlichen Vorsatz in den Himmeln darlegen, folgt einer einzigen bestimmten Gedankenlinie, nämlich der Errichtung des Königreiches Gottes auf Erden, dessen Höhepunkt in Offb. 11, 15 gezeichnet ist: “Die Königsherrschaft über die Welt ist unserm Herrn und seinem Gesalbten zuteil geworden, und er wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit.”

Welches war der unterscheidende Zug des Evangeliums des Paulus? Ohne auffallende Unterschiede würden sich nie die Schwierigkeiten erhoben haben, von denen die Schrift berichtet. Apg. 20, 24 lesen wir: “Es gilt, meinen Lauf zu vollenden und den Dienst, den ich von dem Herrn empfangen habe, nämlich zu bezeugen das Evangelium der Gnade Gottes.” Dieser Aussage wollen wir ein anderes Schriftwort zur Seite stellen: “Dass die Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitgenossen der Verheißung in Christo durch das Evangelium, dessen Diener ich (nicht die Zwölfe) geworden bin nach der Gabe der Gnade Gottes, die mir gegeben ist nach der Wirkung seiner Stärke; mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen (nicht dem Petrus, Jakobus oder Johannes) ist gegeben diese Gnade, unter den Nationen zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi”, der demnach nicht von Menschen entdeckt werden konnte und der zuvor auch nicht offenbart worden ist. Worin bestand dieser nun? Lesen wir weiter: “Alle zu erleuchten darüber, welches die Verwaltung des ‘Geheimnisses’’ sei, das verborgen war von den Äonen her in dem Gott, der das All geschaffen hat” (Eph. 3, 6-9). “Nun freue ich mich in den Leiden für euch, und was an den Trübsalen Christi noch fehlt, mache ich voll an meinem Fleische zugunsten seines Leibes, welcher die Gemeine ist, deren Diener ich (und allein ich) geworden bin nach der mir verliehenen Verwaltung Gottes, euch das Wort Gottes zu vollenden, zum Abschluss zu bringen, das ‘Geheimnis’, das verborgen war, seit es Äonen und Menschengeschlechter gibt, jetzt aber offenbart ward seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, wie groß der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen ist, welcher ist Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit” (Kol. 1, 24-27).

Wunderbares Wort Gottes! Ist der unerforschliche Reichtum Christi Beschneidung und Gesetzesbeobachtung? Ist das Geheimnis, das durch die Zeitalter hindurch in Gott verborgen war, in dem Brief des Jakobus sichtbar? Ist es der Gemeinde zu Jerusalem offenbart worden? Haben Petrus, Jakobus und Johannes auch nur eine Silbe darüber laut werden lassen? Wäre das so, dann hätte doch Paulus nicht schreiben dürfen, dass es vor ihm von Gott verschwiegen worden ist. Die Briefe der Ältesten der Gemeinde in Jerusalem haben keinen Platz in der Verwaltung des Geheimnisses. Warum sollten sie auch einen solchen haben? Sie sind ja ausdrücklich zu einem ganz anderen Volke und betreffs eines anderen geschrieben worden, wie das ihre Schreiber selbst auch aussprechen. Gottes Wort unterrichtet uns hinreichend deutlich und genügend darüber, dass Paulus Gottes auserwähltes Rüstzeug war, den Nationen das Geheimnis zu verkündigen. Warum wollen wir uns erhitzen und abkämpfen dafür, dass die andern Schreiber dasselbe wie Paulus verkündigt hätten, wenn sie doch von Anfang an auf einen andern Weg verwiesen worden sind? Von welchem besonderen Wert wären die Paulus-Briefe, wenn Petrus, Jakobus und Johannes dasselbe geschrieben hätten?

Welchen Wert hätte es, dass Gott ein Volk mit einer himmlischen Bestimmung (Eph. 1, 3.4) vor Grundlegung der Welt auserwählt hätte, und dass er ein Volk mit einer irdischen Bestimmung erkoren hätte, dem er seit Grundlegung der Welt ein Königreich bereitet hat (Matth. 25, 34), wenn die heutige Gemeine alles an sich reißt? Jakobus stimmt nicht mit Paulus überein; und das ist vollauf begründet. Es war niemals Gottes Wille, dass es je geschehen sollte.

Lassen wir doch einige von den Schriften Gottes übrig für die, die nach der Aufnahme der Gemeine noch zum Herrn kommen werden. Sie ist der Leib Christi und wird bald bei ihm sein in Herrlichkeit. Gepriesen sei sein Name! Nach ihr aber werden noch ungezählte Millionen von Menschen auf Erden zurückbleiben. Von welchen Schriften sollen diese in jener schaurigen Endzeit geleitet werden? Gott wird kein neues Buch für sie schreiben, sie werden Trost und Wegleitung finden in dem Buch, das wir haben. Alsdann wird die Zeit kommen, da die Briefe an die Stämme der Zerstreuung, die Epistel an die Hebräer und das Buch der Offenbarung durch des Heiligen Geistes Macht neues Leben und neue Bedeutung und Geltung gewinnen, und sie werden für jene Zeit das Wort Gottes sein in der Tat und in der Wahrheit.

(Quelle: Unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)

Bisher gibt es einen Kommentar zu “Paulus und Jakobus”

  1. 1 Susanne Hulek (Sonntag, 19. Februar 2012; 19:58): 

    Wunderbar !!
    Vielen herzlichen Dank für diese klaren Darstellungen !! Welcher Segen !! Danke !!

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