Offenbarungsstufen des Heiligen Geistes
Autor: Mössinger, Manfred | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Gemeinde, Heiliger Geist, Heilsgeschichte, Israel, Lehre, Paulus, Schriftteilung | 1,545 x gelesen(Nach einem Referat auf der Brüderkonferenz 1986 der Langensteinbacherhöhe)
Es ist ja sicher allen Bibellesern klar, dass Gott Geschichte macht, eine Offenbarungsgeschichte. Das bedeutet: Er sagt am Anfang nicht alles, sondern Er enthüllt es in bestimmten Stufen. Es geht weiter in heilsgeschichtlichen Schüben. So offenbart sich Gott auch heute unter uns — es geht weiter und weiter. Gott ist nie Stagnation, nie Statik allein, sondern immer Dynamik, immer Bewegung, die weiterführt.
Ich möchte hier zunächst einen kurzen Überblick geben, so wie ich das im NT sehe:
1. Wenn wir das NT aufschlagen, dann haben wir zuerst die Evangelien vor uns. Es beginnt mit Matthäus, Markus, Lukas — diese drei ersten sind die sogenannten “synoptischen Evangelien”, die in ihrer Art (wie und was sie darstellen von Christus und vom Heiligen Geist) zusammengeschaut werden können. Sie zeigen uns die messianische Zeit in Israel, denn Jesus hat gesagt: “Das Königreich Gottes ist mitten unter euch” (Luk. 17, 21), es ist angebrochen in meiner Person. Es ist also messianische Heilszeit, die in Israel mit dem Kommen Jesu, mit dem Erscheinen des Gottes- und Menschensohnes, angebrochen ist. Jesus Christus ist erschienen, das Königreich Gottes brach an. Kranke wurden geheilt, Besessene befreit und Tote auferweckt. Das Evangelium wurde gepredigt, auch als Bußruf an Israel.
2. Es gibt einen Übergang aus der messianisch-jüdischen Heilszeit heraus und hinüber in die paulinische Zeit der Gemeinde des Leibes Christi. Das Bindeglied zwischen den drei ersten Evangelien und dem Apostel Paulus scheint mir das Johannesevangelium zu sein. Ich erinnere hier an die Kapitel 14-16, die sogenannten Abschiedsreden, sowie an die Kapitel 20 und 21, wo Johannes uns als Einziger berichtet, dass Jesus Seine Jünger schon vor Pfingsten angehaucht und ihnen Geist gegeben hat. Man fragt sich natürlich, in welche Offenbarungsstufe das hineingehört. Der Heilige Geist von Pfingsten kann es noch nicht gewesen sein, denn Er war noch nicht aufgefahren, und erst nach Seiner Auffahrt kam der Geist des Vaters und des Sohnes (Joh. 7, 39; Apg. 2, 33). Das war also eine Übergangszeit.
3. Nun kommt Pfingsten selbst. Das ist noch einmal eine messianische Gabe an das Volk Israel, und damit verbunden ist die Entstehung der judenchristlichen Gemeinde. Ich werde das nachher noch mehr aufschlüsseln.
4. Jetzt kommt die Erwartung des messianischen Reiches durch Bekehrung ganz Israels. Das wird vor allem in Apg. 2-6 ganz deutlich. Die judenchristliche Gemeinde erwartet das sofortige Hereinbrechen des messianischen Reiches unter der Voraussetzung der Bekehrung ganz Israels. In diese Phase hinein gehört wohl auch der erste Teil, die erste Phase des Lebens des Paulus nach seiner Bekehrung — ich teile das Leben des Apostels in drei Teile auf —, die Missionstätigkeit in Damaskus und in Jerusalem und dann das Verschwinden für 13 Jahre.
5. Sicher ist Euch das schon aufgefallen: Mit Kapitel 12 bricht die Apostelgeschichte mit der Tätigkeit von Johannes, Jakobus und Petrus ab; sie werden dann nur noch erwähnt, insofern sie für Paulus relevant sind. Alles andere verschweigt die Apostelgeschichte. Lukas hat uns nichts mehr über die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem oder Judäa zu sagen, sondern er berichtet jetzt weiter, was der Apostel Paulus tut. Das wäre die zweite Phase im Leben des Apostels Paulus: Israel und Jerusalem verlieren an Bedeutung, aber sehr gewichtig wird nun das, was Paulus in der Nationengemeinde, der Leibesgemeinde tut — auf seinen drei Missionsreisen und in seiner Arbeit in drei großen Missionszentren. Das ist zunächst Antiochien, dann ist es Korinth und dann ist es Ephesus. In Antiochien hielt er sich mindestens ein Jahr lang mit Barnabas auf, später noch einmal, dann war er eineinhalb Jahre in Korinth und dann drei Jahre in Ephesus. Das waren für ihn die ganz besonderen Zentren; von da aus hat er Leibesgemeinde des Christus im paulinischen Sinn der totalen Gnade aufgebaut und dargestellt. Diese zweite Phase im Leben des Apostels Paulus wird uns vor allem in Apg. 13-28 beschrieben und auch in Gal. 1-2. In dieser zweiten Phase sind seine ersten Briefe entstanden — an die Galater und Thessalonicher, Korinther und Römer. Die zweite Phase ist noch gekennzeichnet durch den Dienst zuerst an den Juden, auch noch mit Zeichen und Wundem.
6. Dann kommt die dritte Phase im Leben des Apostels Paulus: seine Gefangenschaften. Wir denken da an die Gefangenschaft in Cäsarea und dann in Rom bis zu seinem Märtyrertod. (Es könnte durchaus sein, dass Paulus auch noch in Ephesus gefangen gesetzt war, doch darüber ist man sich nicht ganz einig.) In dieser Zeit entstanden seine Gefangenschaftsbriefe.
Nach diesem kurzen Überblick sollen uns nun die Offenbarungsstufen des Heiligen Geistes im Einzelnen beschäftigen.
1. Der prophetische Geist beginnt wieder in Israel zu wirken. Nachdem der Geist der Prophetie jahrhundertelang in Israel geschwiegen hat, bricht er auf einmal wieder auf, und zwar in wenigen Gestalten, den sogenannten “Stillen im Lande”, das sind z. B. Zacharias und Elisabeth, Maria und Josef, Simeon und Hanna, die uns namentlich im NT genannt sind. Wer das NT aufschlägt, vor allen Dingen bei Lukas, der spürt: Hier beginnt etwas völlig Neues, bis hin zu Johannes dem Täufer, der von diesem Geist bewegt wird.
2. Dann kommt Jesus selbst. Mit 30 Jahren tritt Er auf, und auf Ihm ruht der siebenfache Geist Gottes (vgl. Jes. 11, 1-2; 61, 1-3). Er kann sagen: Jetzt ist die Zeit erfüllt, der Messias ist da. Er bezeugt das ja ausdrücklich nach Lukas 4 in Seiner Heimatstadt. Im messianischen Reich soll ja dieser siebenfache Geist auf dem Messias ruhen und dann auch übergehen und ausgegossen werden auf das Volk.
3. Dann kommt es im Leben Jesu zu einer eigenartigen Wende. Wir wissen, dass Jesus große Evangelisationen durchgeführt hat. Er hat Seine “Zwölf” ausgeschickt, Er hat Seine “Siebzig” ausgeschickt, und Er selbst ist von einem Dorf zum andern in Galiläa gezogen und hat evangelisiert, und Er hat in Judäa und Jerusalem gepredigt. Dann aber kommt die Wende hin zum Kreuz. Wir können das genau feststellen in Matth. 11-13, wo Jesus auf einmal anfängt, die Städte am See Genezareth zu schelten, weil sie nicht Buße taten, nicht umgekehrt waren. Er sagt ihnen: Sodom und Gomorra wird’s erträglicher gehen als euch! Denn redet Er auf einmal in Gleichnissen, verschlüsselt, und es erfüllt sich das Jesajawort: “Mit hörenden Ohren hören sie nicht, und mit sehenden Augen sehen sie nicht” (Matth. 13, 14). Hier beginnt die Wende hin zum Kreuz, zum Leiden, Sterben und Auferstehen, nachdem die geistlichen Führer Israels die Sünde wider den Heiligen Geist begangen haben (Matth. 12, 31.32) — eine Sünde, die nach meiner Überzeugung ein Glied am Leibe Jesu Christi niemals begehen wird.
4. Johannes enthüllt uns in seinem Evangelium den Übergang vom messianisch-israelitischen Reichsevangelium zur Botschaft des Apostels Paulus. Er enthüllt das Geheimnis der Person Jesu als Sohn Gottes. Deswegen enthält sein Evangelium sehr viele Reden Jesu und Gespräche, aber weniger Wunder — Wunder nur insofern, als sie die Herrlichkeit des Sohnes offenbaren. Matthäus zeigt uns den König, Markus zeigt uns den Knecht, Lukas zeigt uns den Heiland und Johannes zeigt uns den Sohn. So haben alle vier Evangelisten von Gott her und durch Gottes Geist inspiriert eine besondere Aufgabe.
Jetzt will ich aber zu meinem eigentlichen Thema kommen und will vergleichen die Wirkungen und Offenbarungen des Geistes Gottes an Pfingsten und in den paulinisch geprägten Gemeinden der Leibesgemeinde. Wir beginnen mit Apg. 2.
Was geschah an Pfingsten? Da kam die messianische Gabe des Heiligen Geistes zu Israel. Es geht also an Pfingsten um Israel. Dass dadurch natürlich auch die Ursprünge der Leibesgemeinde gegeben sind, das hat Paulus im Grunde genommen immer wieder bezeugt. Immer wieder ging er hinauf nach Jerusalem. Er betont: Mit denen in Jerusalem bin ich vollkommen eins geworden. Dort liegen seine Wurzeln — auch die Wurzeln für das, was er später in der Leibesgemeinde darzustellen hatte. Dass es sich aber zunächst einmal um Israel gehandelt hat, das möchte ich an verschiedenen Punkten deutlich machen. Wir behandeln jetzt die ersten Kapitel der Apostelgeschichte:
1. Die Geistempfänger, die 120 (Apg. 1, 15), die auf Befehl Jesu nach Seiner Himmelfahrt auf die Verheißung gewartet haben, nämlich auf die messianische Gabe des Heiligen Geistes, das waren alles Juden. Da war vielleicht ein Proselyt darunter, aber der war ja auch Jude geworden, wenn er auch nicht als Jude geboren war.
Die Geistausgießung geschah nach meiner Überzeugung nicht im Tempel, sondern in einem Privathaus, wahrscheinlich dem des Johannes Markus. Denn der Tempel war von Gott aus gesehen seit Karfreitag außer Kurs gesetzt. Das hat zwar die judenchristliche Gemeinde später wieder zurückgenommen, indem sie sich sehr oft in der Halle Salomos im Tempel wieder versammelt hat.
2. Der Ort der Ausgießung ist Jerusalem. Jerusalem wird das Zentrum des kommenden Millenniums sein, des Tausendjahrreichs der Herrschaft Jesu Christi hier auf dieser Erde.
3. Welchen Zeitpunkt hat Gott gewählt? — Die Geistausgießung fand statt, als das große Fest war, das Fest der Wochen, 50 Tage nach dem Fest der ungesäuerten Brote. Da war eine Menge Juden in Jerusalem, denn ein jüdischer Mann sollte an diesem Fest unbedingt in Jerusalem sein und dort die Gottesdienste im Tempel mitmachen.
In dem Augenblick, als Petrus predigt, laufen die Menschen in der Stadt Jerusalem zusammen und hören — und alles sind Juden oder Proselyten, natürlich auch hellenistische Juden aus dem Mittelmeerraum und Diaspora-Juden.
4. Die Gabe des Geistes geschieht sichtbar und hörbar, darum deutet Petrus das Geschehen als Erfüllung von Joel 3, 1-5, nämlich als messianisches Endzeit-Zeichen.
Die Geistausgießung kam wie ein Brausen eines gewaltigen Windes. Da hat kein Wind geweht, es war nur etwas zu hören wie ein brausender Ton. — Ich nehme an, Du hast den Heiligen Geist nicht empfangen mit einem solchen brausenden Ton. — Und dann erschienen ihnen Zungen wie von Feuer. Auch das ist ein besonderes Zeichen, dass es hier um Israel geht, denn in Israel geht alles durchs Auge, und in der Gemeinde geht alles durchs Ohr. Auch was nachher fürs Auge sichtbar wird, muss bei uns vorher durchs Ohr gegangen sein und im Herzen, im Innersten des Menschen, angekommen sein.
Wer den Propheten Joel ein wenig kennt, der weiß, dass die Prophetie Joels auf das Ende unseres Zeitalters und den Anbruch des messianischen Reiches hindeutet. Darum musste Petrus unter der Führung des Heiligen Geistes Joel 3, 1-5 vorlesen. Die Geistausgießung war für Petrus die Erfüllung von Joel 3 (Apg. 2, 16-21).
Joel spricht von den letzten Tagen. Da will Gott von Seinem Geist ausgießen auf alles Fleisch. Und dann gibt es Weissagungen in Verbindung mit Visionen und Träumen. Wir werden heute nicht durch Visionen geleitet. Das kann Gott zwar auch einmal tun, aber das Normale ist für uns die Geistesleitung im Wort Gottes.
5. Wir achten jetzt auf Apg. 2, 30-36. Da weist Petrus auf David hin. “Da er nun ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm mit einem Eid geschworen hatte, einen seiner Nachkommen auf seinen Thron zu setzen, hat er voraussehend von der Auferstehung des Christus geredet.” David hatte ja eine Verheißung, dass nämlich auf seinem Thron niemals ein Nachkomme fehlen wird. Aber wir wissen alle, dass das Davidgeschlecht total versagt hat.
Dann aber kam Jesus als König der Juden. Jesus ist durch Auferstehung der rechtmäßige Nachkomme und Thronfolger auf dem Thron Davids geworden. Das war dem Petrus bei seiner Pfingstpredigt vollkommen klar. Durch Auferstehung ist JESUS der CHRISTUS und somit der Thronfolger Davids geworden. Das zu wissen, war wichtig für die in Jerusalem anwesenden Juden. Und auch die Zeichen, die in Jerusalem geschahen, deuteten alle darauf hin.
6. Ich sage jetzt einen Satz, der zwar so nicht im Text steht, aber aus vielen Stellen zwischen den Zeilen herausgelesen werden kann: Petrus hat damals erwartet, dass nach der Bekehrung ganz Israels Jesus sofort wieder erscheint und für Israel das Reich aufrichtet. Das war die Erwartung der judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem. In der Erwartung der baldigen Erscheinung des Messias wurde z. B. der Grundbesitz verkauft. Anders ist die Gütergemeinschaft in Jerusalem überhaupt nicht zu verstehen. Das wäre völlig unsinnig! Sie lebten in der Erwartung, dass sich jetzt ganz Israel bekehrt und dann der Messias kommt. Dann ist das messianische Reich da — wozu brauchen wir dann noch Grundbesitz! Von dieser Gütergemeinschaft lesen wir nur in Apg. 2 und 4, dann hört das völlig auf. Denn die Verfolgung und Zerstreuung der Gläubigen in alle Winde im ganzen Mittelmeerraum hat das sowieso überflüssig gemacht. Wer noch in Jerusalem ein Haus besaß, hat es sowieso verloren.
Wir lesen in Apg. 3, 17-21: “Und jetzt, Brüder, ich weiß, dass ihr in Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Obersten. Gott aber hat so erfüllt, was Er durch den Mund aller Propheten vorher verkündigt hat, dass Sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und Er den euch vorausbestimmten Jesus Christus sende, den freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund Seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.” — Das Denken des Petrus und der judenchristlichen Gemeinde war: Wenn sich jetzt ganz Israel bekehrt, dann erscheint der Messias und dann wird durch Israel der Segen Gottes allen Nationen zuteil. Das hat Gott so genehmigt, sonst hätte Er es gar nicht bestätigt. — Weiter sagt Petrus: “Es wird aber geschehen, jede Seele, die auf jenen Propheten nicht hören wird, soll aus dem Volk ausgerottet werden” (V. 23). Das ist messianisches Tausendjähriges Reich! Da wird nicht mehr Sünde auf Sünde gehäuft. Wer sündigt, wird sofort ausgeschieden, und zwar durch den Tod.
Ein Beispiel dafür sehen wir in Apg. 5, 1-11 im Bericht von Ananias und Saphira. Wenn das heute so in unseren Kirchen geschehen würde, würden da nur noch Leichen herumliegen! Wenn Gott so mit uns verführe wegen jeder kleinsten Lüge und Verschleierung, würden wir da noch leben? Die beiden haben ja nur ein bisschen Bestätigung gesucht, sie haben nicht zugeben wollen, dass man daheim noch einen Sparstrumpf hat, dass man nicht alles hat hergeben wollen, dass man sich noch ein bisschen abgesichert hat. Der Tod von Ananias und Saphira war ein Zeichen des Tausendjährigen Reiches. Da wird sich dann keiner halten können, der auch nur eine Sünde begeht. — Auch die Heilungen nach Apg. 5, 12-16 weisen auf das kommende Reich hin. Es ist wie bei Jesu Erdenzeit. Es ist ein Angebot der messianischen Heilszeit für Israel.
Der Übergang zur Leibesgemeinde
1. Es muss für Petrus, Johannes und Jakobus schwer zu verkraften gewesen sein, als sie miterleben mussten, dass eine erste schwere Verfolgung über die Gemeinde kam. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie rechneten ja mit Israels Bekehrung, aber nicht mit einer Verfolgung. Stephanus stirbt den Märtyrertod, Jakobus, der Bruder des Johannes, wird als Märtyrer hingerichtet (Apg. 7 und 12), das waren erschütternde Ereignisse für die Judenchristen. Statt der Bekehrung Israels geschieht das Gegenteil. Die Juden werden aufs Neue schuldig. So wie sie schon einmal schuldig wurden am Tode Jesu, so werden sie jetzt schuldig gegenüber dem Heiligen Geist und am Leib des Christus. Das war ein katastrophaler Einbruch in das Denken dieser Gläubigen, die darauf warteten, dass Christus bald kommt und Sein Königreich aufrichtet.
2. Durch die verjagten und zerstreuten Judenchristen beginnt eine Missionsarbeit in Antiochien. Dieses Antiochien (im heutigen Syrien) war eine Universitätsstadt mit wahrscheinlich 250.000 Einwohnern, ein Umschlagplatz in wirtschaftlicher, politischer, kultureller, ideologischer und philosophischer Hinsicht. In dieser Stadt ist etwas Entscheidendes passiert: Heiden werden gläubig und empfangen den Heiligen Geist. Sie empfangen die messianische Endzeitgabe, ohne jüdisch zu leben! Ihnen wird das Gesetz nicht aufgeladen. Ohne jegliche Unterwerfung unter das jüdische Gesetz werden sie gläubig und empfangen den Heiligen Geist. Die erste Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen entsteht. Es war der entscheidende Durchbruch einer heilsgeschichtlichen Entwicklung hinein in die Nationengemeinde (Apg. 11, 19-26).
3. Etwas ganz Schlimmes kam im Jahre 70 über die Juden: die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels. Wir können uns kaum vorstellen, was das für die Juden bedeutete: Die Stadt des lebendigen Gottes ist nicht mehr, und sie dürfen sie auch nicht mehr betreten. Dies war im Jahr 135 bei Todesstrafe verboten. Und der Tempel, der Wohnsitz Gottes, wo Gott im Allerheiligsten wohnte, ist zerstört, verbrannt. (Nach der Kriegsgeschichte der Römer wollte Titus es noch verhindern, aber es war schon zu spät. Seine Soldaten hatten schon die Brandfackeln hineingeworfen.) Mit tausenden von fanatischen Juden, die geglaubt hatten, er sei uneinnehmbar, ist der Tempel untergegangen. Damit wurde auch die Absicht der Judenchristen, in der Synagoge zu bleiben, im Tempel- und Opferkult zu bleiben, den väterlichen Gesetzen treu zu bleiben, zutiefst erschüttert.
4. Jahre zuvor schon fand die Bekehrung des Rabbiners Saulus statt. Für die überzeugten orthodox gläubigen Juden war das ein unmöglicher Vorgang. Einer ihrer Treusten, der fanatischste von allen, ist auf einmal von Jesus, dem Gekreuzigten, überzeugt worden und verkündigt Ihn! Auf dem Apostelkonzil (Apg. 15 und Gal. 2) legt dann Paulus den Jerusalemer Aposteln sein Evangelium dar. Ich kann mir sein heißes Ringen vorstellen: Brüder, versteht den Ratschluss Gottes, der jetzt etwas Neues tut! Nicht gegen euch, sondern aus eurer Mitte heraus beginnt Gott etwas Neues, um den Leib des Christus herauszuholen! Und sie reichen einander die rechte Hand der Gemeinschaft, und Petrus erkennt: Du hast den Auftrag, und ich habe den Auftrag!
Wie wirkt nun der Heilige Geist in der Gemeinde des Leibes des Christus?
Jetzt sind wir nicht mehr auf dem Boden Israels. Die Frage steht jetzt nicht mehr im Vordergrund: Kommt bald der Messias und richtet das Reich Gottes für Israel auf (Apg. 1, 6)? Sondern es geht um etwas ganz anderes: Einzelne — manchmal viele und manchmal wenige — sollen aus allen Völkern und Nationen und Rassen herausgerufen werden, um den Leib des Christus vollständig zu machen. Darum geht es heute.
Der Empfang des Heiligen Geistes geschieht nicht mehr unter äußeren Zeichen, sondern im Hören des Evangeliums und im Glauben (Eph. 1, 13.14). Pfingsten ereignet sich in Antiochien nicht mehr wie in Jerusalem: Nicht in Verbindung mit Zeichen und Wundem und Hände-Auflegen, sondern durch Hören des Evangeliums und Glauben werden Menschen mit dem Heiligen Geist versiegelt.
Der Geist wird in die Herzen der Gläubigen ausgegossen, ja, Christus selbst wohnt in ihren Herzen, und es ereignet sich Sohnschaft (Röm. 5, 5; 8, 9-16; Gal. 4, 6-7; Eph. 3, 17). Also ist die Gabe des Heiligen Geistes nicht mit äußeren Dingen — mit dem Anbruch des messianischen Reiches — verbunden, sondern mit der Innewohnung Christi im Herzen.
Im Geist teilt der Herr Gnadengaben aus, wie Er will. Ich denke, dass Korinth nicht unbedingt der Maßstab für die Darstellung aller örtlichen Gemeinden sein muss. Die Korinthergemeinde war schon damals nicht der Maßstab für alle Gemeinden des Apostels Paulus. Man muss einmal darauf achten, welche Gnadengaben im Römer- oder Epheserbrief von Paulus aufgezählt werden, da findet man sehr verschiedene Angaben (1. Kor. 12 und 14; Röm. 12, 4-8; Eph. 4, 11.12). Gott teilt die Gaben aus, wie Er will. Die Taufe mit dem Heiligen Geist erfolgt auf dem Boden der Leibesgemeinde bei der Wiedergeburt und ist immer Taufe in den Tod Jesu, wobei mein alter Mensch in den Tod Jesu hineingetauft wird. Dann kann Neues entstehen. Und wichtiger noch als irgendeine Gabe des Geistes sind die Früchte des Geistes (Gal. 5, 22), die Heiligung, die wesenhafte Erneuerung und Verwandlung vom Kreuze her.
Zuletzt möchte ich daran erinnern — halten wir’s fest: Als Söhne Gottes haben wir einen Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen dürfen: Abba, Vater (Röm. 8, 15 und Gal. 4, 6).
Zusammenfassung
Die Offenbarungen und Wirkungen des Geistes Gottes begannen bei der Schöpfung, als ER über den Chaosmassen brütete und vibrierte. Eine Formung und Profilierung von Licht und Finsternis begann aber erst durch das Schöpferwort “Es werde”. Von Anfang an gehören Geist und Wort zusammen (1. Mose 1).
Das Bemühen des Geistes um den Menschen in seinem Gewissen endete und mündete ein in das Gericht der großen Flut (1. Mose 6ff.).
Mit dem Geist der vollmächtigen Führung wurden Josua und später die Richter erfüllt, um dem Volk Israel Landbesitz und Einheit des Volkes zu sichern (4. Mose 27, 18 und Richterbuch).
Waren David, Salomo, Josia noch von Gottes Geist bewegt, so versagte das Königshaus immer mehr. Die Propheten traten auf als Geistträger, vor, in und nach der babylonischen Gefangenschaft (Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und die sogenannten Kleinen Propheten).
Mit Sacharja und Maleachi verstummt der Heilige Geist und der Prophetendienst bis auf Johannes den Täufer. Seit Pfingsten (und kurze Zeit danach) hat Israel keine Propheten mehr, auch heute nicht. Der prophetische Geist wurde durch die Apostel dann der Gemeinde gegeben; er ruht auf allen Kindern Gottes und allen Gliedern des Leibes Jesu, bis der Herr kommt. Ist die Zeit der Gemeinde vollendet, wird Israel bei seiner Erneuerung Joel 3 erleben.
Die Wirkungen des Heiligen Geistes heute unter uns sollten große Beachtung finden. Wir brauchen in unserer Endzeitsituation die besondere Vollmacht des Heiligen Geistes. Wortauslegung ohne Heiligen Geist wird zum Referat, Heiliger Geist ohne Wort wird zur Schwärmerei. “Den Geist betrübt nicht” (Eph. 4, 30). Der Heilige Geist sammelt Gemeinde, teilt die zum Wachstum und Aufbau der Gemeinde nötigen Gaben aus und erteilt die Berufungen und Dienste in der Gemeinde und hinein in die Umwelt.
Es ist der Heilige Geist, der Geist des Vaters und des Sohnes, der Menschen zu Söhnen und Töchtern Gottes macht. Er ist die kostbarste Gabe des Vaters und des Sohnes.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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