Liebe und Kraft des Heiligen Geistes
Autor: Merz, Karl | Kategorie(n): Heiliger Geist | 666 x gelesenEs gibt im Deutschen wohl nicht viele Worte, die so mißverstanden und mißbraucht werden wie das Wort Liebe. Für die einen bedeutet die Liebe kaum mehr als Sinnlichkeit und Leidenschaft, für die anderen stellt sie den Inbegriff des Glückes dar.
Wir bedauern es, daß die deutsche Sprache für die verschiedenen Arten von »Liebe« nur ein Wort hat. Die griechische Sprache ist in diesem Stück offenbar genauer. Wir lassen uns sagen, daß sie nicht weniger als vier Ausdrücke für das hat, was wir mit »lieben« bezeichnen: 1. eran (Hauptwort eros), wenn wir den andern fleischlich und selbstsüchtig, leidenschaftlich und eifersüchtig für uns begehren; 2. stergein, wenn wir etwas oder jemand zärtlich gern haben, wie etwa Eltern ihre Kinder; 3. philein, wenn wir gefühlsmäßig, also seelisch lieben, uns zu jemand hingezogen fühlen, weil er uns »sympathisch« ist; 4. agapan (Hauptwort agape), wenn wir göttlich lieben, es also auch dann tun, wenn der andere gar nicht »liebenswürdig« ist.
Nun ist es sehr bezeichnend, daß im weltlichen Griechisch der eros sehr viel, die agape aber kaum vorkommt, und umgekehrt, daß in der Schrift die agape am häufigsten vorkommt, während sich eran gar nicht, stergein im Neuen Testament nur in der verneinenden Form findet. — Knoch sagt in seiner Konkordanz zu dem Wort Liebe als agape: »Nur die höhere, selbstlose Liebe, zu unterscheiden von der geringeren (Freundschaft), die durch die Vorzüge ihres Gegenstandes erregt wird, ebenso von der Leidenschaft für das andere Geschlecht.«
Vielleicht reden wir am einfachsten von einer sinnlichen, einer seelischen und einer geistlichen Liebe. An sich ist weder die eine noch die andere sündlich oder verwerflich. Freilich, der Preis gebührt der Liebe des Geistes. Von ihr wollen wir heute miteinander sprechen. Den Nachdruck legen wir jedoch nicht auf die Liebe, sondern auf die Liebe des Geistes.
Deshalb bleiben wir auch nicht bei Gal. 5, 22 stehen: »Die Frucht aber des Geistes ist Liebe« oder bei 2. Tim. 1, 7: »Gott hat uns gegeben den Geist der Liebe«. Wir denken vielmehr an die beiden anderen Stellen, wo von der Liebe des Geistes die Rede ist. So lesen wir in Römer 15, 30: »Ich ermahne euch … durch die Liebe des Geistes« und in Kol. 1, 8: »… der uns eröffnet hat eure Liebe im Geist«.
Der Liebe im Geist oder des Geistes steht zunächst die Liebe des Fleisches gegenüber. Leider findet die letzte sich nicht nur in der Welt, sondern oft auch noch bei den Kindern Gottes. Und zwar denken wir hier nicht an den Kampf, den zumal Neubekehrte zwischen Fleisch und Geist noch zu bestehen haben, bis der Geist den Sieg errungen hat. Vielmehr bewegt uns die Tatsache, daß das Fleisch sich je und je einen geistlichen Anstrich zu geben und dann als Liebe hinzustellen versucht, was diesen Namen gar nicht verdient. Wenn wir z. B. in 1. Petr. 5, 14 lesen: »Grüßet euch untereinander mit dem Kuß der Liebe«, so ist es zweifellos ein grober Mißbrauch, wenn dies allgemein geschieht, nämlich ohne Unterschied des Geschlechtes. Ja, noch ganz andere Dinge sind unter der Maske der »Liebe« getrieben worden. Die schwarmgeistige Bewegung alter und neuer Zeit weiß davon manche traurige Geschichte zu erzählen. Nicht umsonst spricht Paulus an verschiedenen Stellen von dem heiligen Kuß.
Die Liebe des Geistes unterscheidet sich aber auch von der der Seele. Diese läßt sich beim Lieben von der natürlichen Zuneigung bestimmen. Die edelste Form davon ist die Freundesliebe. Es will in der Tat etwas heißen, wenn eine Magd des Herrn von ihrem Vater berichten kann, daß es zwischen ihm und seinem Freund innerhalb 30 Jahren nie eine Trübung gegeben habe. Aber solche Fälle sind nicht nur selten, sondern wir müssen sagen, daß Freundesliebe oft dann versagt, wenn sie am nötigsten wäre. Wir denken hier an Petrus. Er hat seinen Herrn wirklich gern gehabt. Aber so viel Kraft floß ihm daraus doch nicht zu, daß er hätte in jener Nacht standhalten können. Er hat seinen Herrn vielmehr dreimal verleugnet. An dieses Erlebnis knüpfte der Herr an, als Er nach Seiner Auferstehung den Petrus fragte: »Simon Jona, hast du mich lieber, denn mich diese haben?« Die Antwort des Petrus lautete: »Ja, Herr, Du weißt, daß ich Dich liebhabe«. Hier stehen im Grundtext für »lieben« verschiedene Worte. Das erste Mal, nämlich in der Frage des Herrn, heißt es agapan; das zweite Mal in der Antwort des Petrus philein. Der Sinn jener Stelle in Joh. 21, 15 ist offenbar der: Der Herr fragt den Petrus, ob er Ihn geistlich liebe. Wenn das zutrifft, dann wird er Ihn nicht mehr verleugnen. Aber Petrus wagt diese Frage nicht zu bejahen, wohl aber kann und darf er sagen, daß er den Herrn im Sinne der Verehrung und Freundschaft liebhabe. Die ganze Prüfung, die der Herr am See Genezareth mit Petrus abhielt, sollte diesen nicht nur an seinen Fall erinnern, sondern ihn ein Stück weiter, nämlich von der bloß seelischen zur geistlichen Liebe führen. — Bei wie manchem von uns mag die Liebe zum Heiland auch noch mehr von der Seele als vom Geist bestimmt sein!
Die Liebe des Geistes ist rein und wahr und stark. Petrus spricht einmal von ungefärbter Bruderliebe und davon, daß wir einander inbrünstig liebhaben sollen aus reinem Herzen (1. Petr. 1, 22). Da tut man einander nicht schön ins Gesicht, sondern sagt sich — allerdings in Liebe! — die Wahrheit.
Hierher gehört auch 2. Petr. 1, 7. Das ist nicht eigentlich zu lesen: »… reichet dar (1.) brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe (2.) allgemeine Liebe«, sondern: »… in der brüderlichen Freundschaft (philadelphia) aber die Liebe (agape).«
Die Welt ist liebeleer, und die Kinder Gottes sind liebearm. Dabei sehnen sie sich alle nach Liebe. Was ihnen not tut, ist indes nicht Liebe des Fleisches oder der Seele, sondern Liebe des Geistes. Diese allein erquickt. Nach ihr verlangt auch uns. Wir wollen sie aber nicht in erster Linie empfangen, sondern geben.
Und das werden wir in dem Maße vermögen, als der Heilige Geist unser Herz und Leben erfüllt.
Die Kraft des Geistes
In diesen Tagen empfing ich einen Brief von einem Freund. Er teilte mir darin u. a. mit, daß er mit der Vorbereitung auf eine Freizeit beschäftigt sei. Das Thema, das er dort behandeln soll, heiße: »Ein Leben in Kraft«. Dann fügte er hinzu: »Was brauchen wir heute mehr als Kraft aus der Höhe für den Alltag des Lebens und besonders zu unserer Zubereitung« (gemeint ist: auf den Tag des Herrn).
Ich kann diesem erfahrenen und bewährten Bruder nur zustimmen. Was uns heute not tut, ist weniger Licht als vielmehr Kraft. Vor unserem geistigen Auge steht ein Bild: Ein Eisenbahnzug ist zur Abfahrt bereit. Die Wagen sind mit Reisenden besetzt, Schaffner und Zugführer zur Stelle und die Geleise frei. Auch die Lokomotive und der Lokomotivführer fehlen nicht. Trotzdem fährt der Zug nicht ab. Dabei ist er der Zeit nach überfällig. Woran mag es nur liegen? Die Maschine hat keinen Strom. — Das ist ein Bild so mancher Gemeinden und Gemeinschaften. An der Organisation fehlt es nicht. Ausschüsse sind genug vorhanden. Ja, der Betrieb läuft. Und doch scheint es nicht vorwärts zu gehen. Es mangelt an der göttlichen Energie. Der Heilige Geist hat zu wenig Raum. Darum ist sowohl im Leben des einzelnen als auch in der Arbeit des Kreises oder des Vereins so wenig von Kraft zu merken.
Es fällt auf, wie verhältnismäßig oft in der Schrift der Heilige Geist und Kraft zusammen genannt werden. Wir wollen uns die einzelnen Stellen einmal ansehen. Am bekanntesten ist ja wohl das Wort in Apg. 1, 8: »Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen«. Es versetzt uns in jene Stunde, in der der Herr sich von Seinen Jüngern verabschiedete. Nachdem Er ihnen noch die letzten Aufträge erteilt hatte, gab Er ihnen die Weisung, in Jerusalem zu bleiben, bis … dass sie angetan würden mit Kraft aus der Höhe (Luk. 24, 49). Ohne diese — das war der Sinn Seiner Worte — würden sie nicht imstande sein, das ihnen befohlene Werk zu vollführen. Das erinnert mich an eine Zusammenkunft, in der ein junger Mann von einem Anwesenden gefragt wurde, was er für eine Arbeit im Reich Gottes tue. »Ich bin noch in Jerusalem«, habe die Antwort gelautet. Der Gefragte wollte damit sagen, daß ihm die Kraft zu solchem Dienst noch fehle. Nun brauchen wir ja nicht zu warten, bis es in uns gleichsam drängt und treibt. Denn da würden die meisten wahrscheinlich überhaupt nie zum Arbeiten kommen. Aber in der Antwort, die jener junge Mann gegeben hat, steckt eine Wahrheit, die mehr beachtet werden sollte, als dies allgemein geschieht. Es ist einfach Tatsache, daß bei unserem Wirken deshalb nicht mehr herauskommt, weil es uns an Kraft fehlt.
Wie ganz anders war es bei Paulus. In 1. Kor. 2, 4 spricht er davon, daß ihn die Erfahrungen in Athen fast entmutigt hätten. Er sei kein Redner und habe in dieser Beziehung keinen Eindruck auf die anspruchsvollen Griechen machen können. Aber eins dürfe er sagen, daß nämlich seine Rede in Beweisung des Geistes und der Kraft bestanden habe. Dasselbe meint er in 1. Thess. 1, 5, wenn er dort sagt, daß seine Verkündigung nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist gewesen sei. Durch seinen Dienst gab es Bekehrungen und kamen Lösungen zustande.
Dasselbe wissen wir von Petrus. Wir denken hierbei in erster Linie an seine Pfingstpredigt. Bei einer theologischen Prüfung, so hat jemand gesagt, würde er wohl die Note »nicht genügend« bekommen haben. Denn seine Rede ließe eigene Gedanken vermissen und stelle lediglich eine Aneinanderreihung von Bibelstellen dar. Es ist durchaus möglich, daß so geurteilt worden wäre. Aber eins offenbarte diese Predigt, nämlich Kraft. Durch sie wurden immerhin Tausende aus ihrem Sündenschlaf aufgeweckt und zum Glauben an Christus geführt. Und heutzutage? Da werden durch eine Predigt nicht 3000 bekehrt, sondern durch 3000 Predigten vielleicht nicht ein einziger! Das ist traurig, aber wahr. Wir leiden unter einer Inflation des Wortes; indessen gebricht es uns an Kraft.
Am deutlichsten tritt der enge Zusammenhang zwischen Geist und Kraft wohl in dem Leben und Wirken des Herrn zutage. So lesen wir in Luk. 4, 14: »Und Jesus kam wieder in des Geistes Kraft nach Galiläa.« Wir fragen, woher denn der Herr gekommen sei, und antworten: aus der Versuchung. Offenbar hat diese Ihn aber nicht geschwächt, sondern eher gestärkt. Bei uns ist leider oft das Gegenteil der Fall. Wir kehren nicht selten geschwächt aus den Proben an unseren Platz zurück. Und warum?
Weil es Uns an der Kraft des Geistes fehlt! Wir haben diese zum Widerstehen und Überwinden bitter nötig. — Dann bezeugt Petrus in dem Hause des Cornelius: »… wie Gott diesen Jesum von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und Kraft; der umhergezogen ist und hat wohlgetan und gesund gemacht alle, die vom Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit Ihm.« — Das Leben und Wirken des Herrn war demnach voll Geistes und darum auch voller Kraft. So geleitet und gerüstet, widerstand Er dem Feind nicht nur im eigenen Leben, sondern unternahm Er Einbrüche in das Reich Satans und befreite manch einen aus dessen Gewalt.
Wie aber gelangen wir zu dieser Kraft? Ich möchte da ein Dreifaches sagen:
- Wir müssen den Heiligen Geist haben. Wir bitten, es uns nicht übelzunehmen, daß wir immer wieder auf diesen Punkt hinweisen. An ihm hängt unser ganzes geistliches Leben, wie unser geistliches Wirken. Wenn wir den Heiligen Geist haben (besser noch: wenn der Heilige Geist uns hat), dann fehlt es uns auch nicht an Kraft. Wir denken hier an das Wort in 2. Tim. 1, 7: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft.« Und zwar haben wir dann Kraft, für Gott einzutreten und gegen den Feind aufzutreten; Kraft zu zeugen, Kraft zu lieben, Kraft zu tragen (zwar nicht die Sünde, aber den Sünder), Kraft zu hoffen, Kraft zu leiden und, wenn es sein soll, auch Kraft zu sterben. Das dürfen wir glauben, und damit dürfen wir rechnen.
- Diese Kraft verträgt sich sehr wohl mit unserer Schwachheit, ja setzt sie eigentlich voraus. Wir richten oft deshalb so wenig aus, weil wir noch mit eigener Kraft kämpfen oder wirken. Da bleibt dem Herrn nichts anderes übrig, als uns mit unserer eigenen Kraft immer mehr zuschanden werden zu lassen. Wir müssen da an jenen geretteten Trinker denken, der in einem Zeugnis auf seine starken Muskeln zeigte und erklärte, daß er es auch mit dem Teufel aufnehmen könne. Es dauerte nicht lange, da lag er am Boden als ein Besiegter. Und wie viele kämpfen gegen die Lüste der Jugend mit eigener Kraft! Weil diese aber nicht ausreicht, gibt es immer wieder Niederlagen. Dasselbe gilt im Blick auf das Wirken für den Herrn. Solange es in eigener Kraft geschieht, kommt nichts Göttliches und darum auch nichts Bleibendes zustande.
Der Herr heißt uns warten. Schwester Eva von Thiele-Winckler, jene gesegnete Magd des Herrn, spricht einmal davon, daß dies Warten jahrelange Vorbereitungen in sich schließen, daß es sich über Monate und Wochen hinziehen, aber auch, daß es in Tagen und Stunden sich erfüllen könne. Wie der Herr uns mit der Kraft aus der Höhe antut, das wollen wir gern Ihm überlassen. Nur daß Er uns damit ausrüste und mehr damit ausrüste, sei unsere heiße und gläubige Bitte zu Ihm!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 5/1991; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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