Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Glauben, aber nicht davon reden? — Ein Wort zur Verkündigung der Allversöhnung

Autor: Merz, Karl  |  Kategorie(n): Allversöhnung, Heilsgeschichte  |  667 x gelesen

Die meisten Leser von »Gnade und Herrlichkeit« haben gewiß schon einmal von jenem Ausspruch gehört, den einer der Schwabenväter getan haben soll: »Ein Ochse, der es nicht sieht, und ein Esel, der es sagt.« Vielleicht ist eine solche Äußerung einmal geschehen. Ich selbst traue sie jedoch keinem der dabei genannten Männer zu. Dazu ist sie mir zu derb.

Verbürgt scheint jedoch eine andere Äußerung zu sein: »Wo die Schrift schweigt, da tue ich es auch. Ich danke Gott, daß ich nicht Sein Geheimrat bin, sondern Sein Kind.«

Aber schweigt die Schrift tatsächlich?

Bei den meisten von uns war es wohl so gewesen, daß sie im Glauben an die ewige Seligkeit und an die ewige Verdammnis unterwiesen worden sind. Dabei wurde »ewig« gleichgesetzt mit »endlos«. Dann kam eine Zeit, in der wir die Wiederbringung aller Dinge für möglich hielten. Auch ich habe diese Entwicklung mitgemacht. Ich habe mich dann mit dem letztgenannten Zitat zufrieden gegeben.

Doch der Herr führte mich weiter. Er tat dies unmittelbar durch Sein Wort. Es wurde mir klar, daß es eine Wiederbringung aller Dinge gibt. Ich wagte zwar noch nicht, sie zu verkündigen, wohl aber im Gespräch zu bezeugen.

Deutlich erinnere ich mich einer Unterredung mit dem heimgegangenen Pastor Herbst. Ich achte es als eine große Gnade, daß ich immerhin 4 Jahre Gelegenheit hatte, von diesem Mann zu lernen und in der damaligen landeskirchlichen Gemeinschaft in München mit ihm zusammenzuarbeiten. Und ich wünschte, daß wir heute noch mehr solche schriftgebundene Lehrer in der Gemeinde Gottes hätten, wie er einer war. Wieder war ich einmal bei ihm gewesen, um den Text für den kommenden Sonntag durchzusprechen. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, jedenfalls sprachen wir jenes Mal auch über die Wiederbringung aller Dinge miteinander. Pfarrer Herbst wies mich auf den Schluß von Jes. 45 hin, von dem er meinte, daß er gegen eine solche Auffassung spreche. Nun hatte ich kurz vorher auch jenen Abschnitt gelesen, allerdings nach der Elbf. Bibel. Diese schien mir für die Wiederbringung zu sprechen. — Herbst schwieg. Um der Wichtigkeit der Sache willen sei mir gestattet, die betreffenden Verse hier anzuführen. Luther übersetzt Jes. 45, 22-25: »Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und keiner mehr. Ich schwöre bei mir selbst, und ein Wort der Gerechtigkeit geht aus meinem Munde, dabei soll es bleiben: Mir sollen sich alle Kniee beugen und alle Zungen schwören und sagen: Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. Solche werden auch zu Ihm kommen; aber alle, die Ihm widerstehen, müssen zu Schanden werden. Denn im Herrn wird gerecht aller Same Israels und wird sich Sein rühmen«. Die Elbf. Bibel sagt: »Wendet euch zu mir und werdet gerettet, alle ihr Enden der Erde. Ich habe bei mir selbst geschworen, aus meinem Mund ist ein Wort der Gerechtigkeit hervorgegangen, und es wird nicht rückgängig gemacht werden, daß jedes Knie sich vor mir beugen, jede Zunge mir schwören wird. Nur in Jehova, wird man von mir sagen, ist Gerechtigkeit und Stärke. Zu Ihm wird man kommen, und es werden beschämt werden alle, die wider Ihn entbrannt waren. In Jehova wird gerechtfertigt werden und sich rühmen aller Same Israels«. — Auf zweierlei sei hingewiesen:

1. Es ist die Rede von solchen, die wider den Herrn entbrannt waren. Auch solche werden noch gerettet — also nicht nur die, die in ihrem Erdenleben nichts von Ihm gehört haben. Hierher gehört zweifellos auch 1. Petr. 4, 19-20, wo von Leuten die Rede ist, die zur Zeit des Noah lebten (und den göttlichen Boten seinerzeit ablehnten).

2. An die Stelle Jes. 45 hat offenbar Paulus gedacht, als er Phil. 2, 9-11 niederschrieb. Man muß solchen Stellen schon Gewalt antun, wenn man in ihnen etwas von Zwang und dgl. finden will.

Zur Prüfung sei den Lesern dieses Artikels auch das Folgende unterbreitet. Der bekannte, bei einem Fliegerangriff leider ums Leben gekommene Pfarrer Dr. Knappe hielt während des zweiten Weltkrieges in München Bibelstunden über die Offenbarung Jesu Christi. Bei Kap. 20, 6 und 14, wo von dem anderen Tod die Rede ist, stellte er die Frage: »Wie steht es mit der Ewigkeit der Verdammnis?« Er nannte vier verschiedene Antworten darauf:

  1. Ja, es gibt eine ewige (endlose) Verdammnis.
  2. Es gibt eine Wiederbringung aller (Apokatastasis). Zu 1 und 2 führte er eine Reihe von namhaften Vertretern der jeweiligen Auffassung an.
  3. Es kommt am Ende eine Vernichtung aller Gottlosen. Hier wurden wieder verschiedene bekannte Anhänger genannt.
  4. Es gibt heilige Gottgeheimnisse, über die wir wohl nachsinnen mögen, ohne uns freilich ein endgültiges Urteil darüber bilden zu dürfen. Knappe ließ die Frage offen, schien aber zu der Auffassung der Wiederbringung aller Dinge zu neigen.

Wie ist nun der biblische Sachverhalt? Kann man aus der Schrift etwas Gewisses erfahren? Und darf man darüber reden?

Wir geben ohne weiteres zu, daß es einzelne Stellen gibt, die dafür, und einzelne Stellen, die dagegen angeführt werden können. Leider werden vielfach die einen gegen die anderen ausgespielt. Auf diese Weise kommen wir nicht weiter. Da hilft uns nur Johannes 16, 13. Dort spricht der Herr von dem Heiligen Geist und sagt von Ihm, daß Er in alle Wahrheit leiten werde. Wenn wir jedoch den Sinn des Grundtextes genau wiedergeben wollen, dann müssen wir sagen: »… der wird euch in das Ganze der Wahrheit leiten.« Nehmen wir ein Bild: Ich kann eine Landschaft schildern und darauf hinwei­sen, wieviel wüstes Land sich in ihr fände. Ich kann auch auf einzelne Felder und Wiesen aufmerksam machen. Jedoch auf das Ganze kommt es an. In diesem Stück waren uns unsere Väter weit voraus. Sie haben nicht nur die Bäume, sondern auch den Wald gesehen und gezeigt. — Vom Ganzen handeln z. B. die folgenden Stellen:

1. Korinther 15, 28. Dort heißt es, daß Gott zuletzt alles in allem (und allen) sein wird.

Offenbarung 21, 5. Da lesen wir: »Siehe, Ich mache alles neu.« (Bruder Direktor Jahreiß von dem Diakonissenhaus Martha-Maria in Nürnberg hat sich mir gegenüber im Blick auf die Wiederbringung aller Dinge gerade zu diesem Wort bekannt.)

Römer 11, 32 lesen wir: »Gott hat sie alle beschlossen unter den Unglauben (nach dem Grundtext muß es heißen: Ungehorsam), auf daß Er sich aller erbarme«. Niemand bestreitet das erste, daß nämlich alle Menschen des Ungehorsams schuldig geworden seien und daß alle hätten in das Gefängnis für Ungehorsame eingeliefert werden müssen. Warum aber läßt man nun das zweite »alle« nicht auch gelten? Entweder — Oder!

Ich verstehe zwar, daß man auch anders denken kann. Für mich steht zwar die Wiederbringung aller zweifelsfrei fest, aber ich rede jetzt seelsorgerlich. Wir wollen unsere Brüder und Schwestern nicht nach ihrer Stellung zur Wiederbringung aller Dinge einschätzen. Maßgebend für uns sei unsere Stellung nicht zur Allversöhnung, sondern zu dem Allversöhner!

Die Allversöhnung — um nun auch den anderen Ausdruck zu gebrauchen — schließt Höllenstrafen nicht aus. Vielleicht haben wir in der ersten Freude diesen Punkt zu wenig beachtet oder doch zu wenig davon geredet. Darum sei es hier ausdrücklich gesagt: Auch die Allversöhnung kennt Höllenstrafen. Diese können lang und schwer sein, je nach der Schwere des Falles. Was wir jedoch ablehnen müssen, ist die Endlosigkeit der Höllenstrafen. Gott wird für jeden einzelnen die rechten Mittel und Wege finden, die ihn früher oder später davon überzeugen, daß nur Er es gut mit ihm meint. Die Folge davon wird sein, daß einer nach dem andern seinen Widerstand aufgibt und in Gott alles findet, was ihn froh und frei und glückselig macht. So will offenbar auch Jesaja 45, 22-25 verstanden werden. Freilich, wer hier das Angebot der Gnade ablehnt, kann nicht unter die Schar der Erstlinge aufgenommen werden, er darf mit dem Herrn nicht regieren und Kosmos und Engel richten (d. h. zurechtrichten). Er kann nur noch, wie Böhmerle einmal sagte, ein seliger Untertan werden.

Ob die Gegner der Allversöhnung noch nie bedacht haben, daß sie im Grunde dem Feind in die Hände arbeiten? Ich denke da etwa an zwei Völker, die lange miteinander im Kampf gelegen haben. Wieder ist ein Krieg ausgebrochen. Aber es besteht kein Zweifel, daß der Gegner A siegen wird. Es liegen genügend Beweise dafür vor. Insgeheim weiß dies auch der Gegner B. Wird dieser nicht alles tun, um zu verhindern, daß dies allgemein bekannt werde? Das würde ja die Kampfkraft seiner Leute schwächen. Also sucht er den gegenteiligen Eindruck zu erwecken. — Das ist unsere Lage. Wie dankbar bin ich doch, daß ich mit Blumhardt singen darf:

    Daß Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht,
    Sein wird die ganze Welt.
    Denn alles ist nach Seines Todes Nacht
    In Seine Hand gestellt.
    Nachdem am Kreuz Er ausgerungen,
    Hat Er zum Thron sich aufgeschwungen.
    Ja, Jesus siegt!

Kürzlich sprach ich mit einigen Geschwistern, die auf dem gleichen Boden der Erkenntnis stehen wie wir. Sie wendeten ein, daß jetzt das Evangelium verkündigt werden müsse. Ihre Sorge bestand darin, daß durch die Verkündigung der Allversöhnung Menschen abgehalten werden könnten, das Heil in Christus zu ergreifen. Nun sind auch wir nicht der Meinung, daß bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von der Allversöhnung die Rede sein müsse. Wir sind durchaus der Meinung, daß dies zur rechten Zeit und in der rechten Art geschehen müsse. Außerdem gehört, wie die Dinge nun einmal liegen, viel Keuschheit und Weisheit dazu. Ich sagte jenen Geschwistern, daß die Allversöhnung ja ein Teil des Evangeliums sei. Wenn wir von jemand nach dem Ausgang seines Lebens, ja der ganzen Weltgeschichte gefragt werden, dann können wir ihm keine befriedigendere Antwort geben als die der schließlichen Allversöhnung.

Von Dr. Paul Müller erschien seinerzeit ein Aufsatz: »Ist die Lehre von der Allversöhnung ein Hindernis für die Bekehrung?« Bruder Müller sagte: nein. Ja, er schrieb: »Es ist doch sehr fraglich, ob die Bekehrungen echt sind, die nur aus Angst vor der Hölle erfolgen.«

Im übrigen geht es nicht um unsere gewiß oft gut gemeinten Bedenken und Einwände, sondern um den Gehorsam dem Herrn gegenüber. Als Paulus sich von den Ältesten in Milet verabschiedete, sagte er u. a.: »Ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluß Gottes zu verkündigen« (Apg. 20, 27).

Der Herr möge uns davor bewahren, daß wir durch unser Schweigen schuldig werden.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1970; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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