Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Freiheit in allem Gebundensein

Autor: Mössinger, Manfred  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  629 x gelesen

“Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Stehet nun fest und lasset euch nicht wiederum unter einem Joche der Knechtschaft halten. Siehe, ich, Paulus, sage euch, daß, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird. Ich bezeuge aber wiederum jedem Menschen, der beschnitten wird, daß er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr seid abgetrennt von dem Christus, so viele ihr im Gesetz gerechtfertigt werdet. Ihr seid aus der Gnade gefallen. Denn wir erwarten durch den Geist aus Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit. Denn in Christo Jesu vermag weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt. Ihr liefet gut. Wer hat euch aufgehalten, daß ihr der Wahrheit nicht gehorchet? Die Überredung ist nicht von dem, der euch beruft. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Ich habe Vertrauen zu euch im Herrn, daß ihr nicht anders gesinnt sein werdet. Wer euch aber verwirrt, wird das Urteil tragen, wer er auch sei. Ich aber Brüder, wenn ich noch Beschneidung predige, was werde ich noch verfolgt? Dann ist ja das Ärgernis des Kreuzes hinweggetan. Ich wollte, daß sie sich auch abschnitten, die euch aufwiegeln.
Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder. Allein gebrauchst nicht die Freiheit zu einem Anlaß für das Fleisch, sondern durch die Liebe dienet einander. Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ Wenn ihr aber einander beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht voneinander verzehrt werdet.”
(Galater 5, 1-5)

Es geht in diesen Versen um die zentrale menschliche Frage: Freiheit. Der Christ lebt in ganz bestimmten Spannungen und Beziehungen. Sein Leben läuft immer in irgendwelchen Bindungen ab.

Ich bin gebunden an meine Erbanlagen, an meine Eltern. Auch wenn sie einmal nicht mehr leben, so bin ich dennoch der Sohn meiner Eltern. Meine Kinder bleiben meine Kinder bis ich sterbe. Das sind Strukturen, die sich nicht ändern, auch wenn ich zum Glauben komme.

Ich bin weiter gebunden an die Erde, ich brauche sie, um mich zu ernähren. Ich bin gebunden an meinen Körper, ob ich nun krank oder gesund bin. Ich bin gebunden an seine Bedürfnisse, die mich mitunter sehr vehement überfallen können und mich an ganz bestimmte Grenzen führen.

Ich bin gebunden an andere Menschen, daß sie für mich arbeiten und auch daran, daß ich für sie da bin. Ich bin gebunden an meine Triebhaftigkeit, an die Selbsterhaltung, den Sexualtrieb, den Lusttrieb, den Machttrieb, den Anpassungstrieb, vielfach auch an den Todestrieb.

Ich bin gebunden an mein Volk, an seine Kultur, seine Sprache, an die Hautfarbe, an das So-Sein. Ich werde hineingeboren, hineingelebt in ganz bestimmte vorgegebene Bindungen.

Die entscheidende Bindung, in die ein Mensch hineingeboren wird, ob er es nun will oder nicht, ob er es merkt oder nicht merkt, ist die Bindung an den lebendigen Gott.

Mit diesen Bindungen muß jeder fertig werden. Man könnte den folgenden, für mich nicht mehr diskutierbaren Satz aufstellen: “Wer in Bindungen lebt ohne Christus, wird von diesen Bindungen geknechtet.” Er kommt sofort unter die Knechtschaft dieser Bindungen.

Auf einmal wird sein Leib zu einem verehrten Gegenstand, den er hegt und pflegt, und er wird sein Götze. Oder er pflegt diese Erde und dann wird er zu einem übertriebenen Ökonomen, der glaubt, sie durch ein bestimmtes Programm noch einmal vor ihrer Vergiftung und Zerstörung retten zu können.

Oder er fängt an, sich in seiner Bindung an seine Gene, obwohl er sie vielleicht zutiefst haßt, auf einmal zu verachten. Dann ist das sein Gefängnis.

Ich könnte vieles weiteres hier einfügen. Die Befreiung besteht nun nicht darin, daß Gott mich herausnimmt aus diesen Bindungen. Das ist eine Sache meiner Lebensgeschichte, in der Gott mein Leben vollendet. Gott befreit mich nicht dadurch, daß er mich etwa frei macht von meinen Genen. Meine Gene, meine Erbanlagen, meine Eltern, die bleiben alle.

Die Strukturen meiner Seele nimmt er auch nicht weg. Ich bin der Manfred Mössinger und ich bleibe es. Der bleibt in seinen Grundstrukturen so wie er ist. So müßt Ihr mich verbrauchen, manchmal wie einen sauren Apfel.

Gott nimmt das zwar alles in die Hand und er kann es zum Segen setzen. Er sei gepriesen, daß dies bei so viel mißlichen Bindungen überhaupt noch möglich ist.

Ich bleibe gebunden an mein Volk, auch wenn ich auswandere noch Neuseeland oder noch Sibirien, ich bleibe immer noch ein Deutscher. Meine Sprache ist immer noch meine deutsche Sprache. Ich will das auch nicht verleugnen. Ich bin ganz bewußt ein Deutscher,

Gott nimmt mich also nicht aus all dem heraus und macht mich auf einmal zu einem Amerikaner. Ich habe nie gewünscht, als ich in Amerika war, ein Amerikaner zu werden. Ich will keinen Amerikaner unter uns beleidigen, aber dieser ‘way of life’ war nie mein Stil. Das ist eben amerikanisch und ich bin deutsch und bleibe wie Gott mich gemocht hat.

In diese Bindungen hinein kommt Christus in mein Leben. Er holt mich nicht heraus, sondern macht mich in diesen vorgegebenen Bindungen frei. Er gibt mir volle Freiheit.

Ich schätze einen Satz, den Paulus aus dem Gefängnis, wahrscheinlich in Rom, manche meinen in Cäsarea, schreibt: “Ich, der Gefangene Christi Jesu.”

Er durchbricht mit diesem Satz die Gesetzmäßigkeit seiner Gefangenschaft, in der er wahrscheinlich mit Ketten an einen römischen Soldaten gefesselt war. Sein Gefängnis wird auf einmal zu einer Gefangenschaft Christi, und damit ist er frei. Mitten in dieser Beengung hat er Freiheit, mit dieser Bindung auf einmal ganz anders umzugehen.

Das ist die Freiheit, die Christus uns gibt, die nicht darin besteht, daß Gott mich aus einer Polarität herausnimmt, sondern daß er in aller Polarität mich freimacht.

Polarität heißt hier, ich bin in einer Bindung, und ich bin trotzdem frei. Das ist die Bindung in Freiheit an Christus und das ist die Freiheit, die zu Christus führt. Das hört sich ein bißchen philosophisch an, aber es ist biblisch und ist leicht zu verstehen.

Man kann jeden Tag aufstehen und von früh bis spät gegen diese Bindungen angehen, dagegen ausschlagen: Ich will nicht krank sein, ich will nicht gebunden sein, ich will diese Eltern nicht mehr haben, ich will keine Vorschriften mehr beachten, ich will mich selbst verwirklichen, ich will, ich will, ich will. Und dabei setze ich mein eigenes Leben absolut.

Der Mensch versucht auszusteigen aus bestimmten Bindungen und Gefangenschaften. Das einzige, was er kann, ist aber, daß er seine Bindungen und Gefangenschaften verlagert. Er tritt nämlich aus der einen Bindung heraus und tappt in eine andere hinein. Ich habe öfters das Beispiel gebraucht, das junge Leute sagen:

“Ich habe die Nase voll von meinen Eltern, deswegen habe ich geheiratet.”

Das heißt, sie haben die Bindung im Elternhaus durchbrochen durch eine Heirat und noch fünf Jahren stellte sich oft heraus, daß sie noch schlimmer gefangen waren als zuvor. Was sie vorher verachtet hatten und loswerden wollten, das haben sie in doppeltem Maße nun wieder auferlegt bekommen. Zwei Kranke oder Gefangene ergeben keinen Gesunden oder Freien.

Nun hat Paulus in Galater 5 den fundamentalen Satz geschrieben:

“Christus hat uns zur Freiheit befreit.”

Paulus ist mit dieser Aussage am Höhepunkt des Galaterbriefes angelangt. Man könnte geradezu die vier davorstehenden Kapitel zusammenfassen, einen Strich darunterziehen und das Fazit schreiben: Summa summarum, Freiheit hat uns Christus gebracht.

Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Begriff, den Paulus hier benutzt, die Liebe. Damit sind wir als gläubige Menschen in eine ganz bestimmte Polarität hineingestelIt:

Wen Christus frei macht, den macht er frei zur Liebe. Und wer lieben will, braucht die Freiheit des Christus.

Das sind also zwei Höhepunkte im Glaubensleben eines Christen. Ich bin in Christus frei zur Liebe, und die Liebe lebt aus der Freiheit. Es kann niemand lieben, ohne frei zu sein. Wer aus Angst liebt, damit er den anderen nicht verliert, ist schon aus der Liebe gefallen.

Wer den anderen liebt, um einen Menschen zu haben, den er manipulieren kann, ist ebenfalls aus der Liebe gefallen. Wer Gott liebt aus Angst, daß er nicht in die Hölle kommt, der ist nicht mehr frei.

Liebe braucht Freiheit. Und Freiheit kann nie in etwas anderes hineinführen, sagt Paulus, als daß ich aus dieser Freiheit heraus liebe. Freiheit zur Liebe und Liebe aus Freiheit. Freiheit braucht als Grenze die Liebe. Liebe kann nur Liebe in Freiheit sein.

Pfarrer Flattich war bekanntlich ein eigenartiger Mensch. So wie er seine Frau geheiratet hat, würde ich keinem jungen Menschen empfehlen, es nachzumachen. Er hat die junge Frau in der Kutsche nach Hause geführt, und als sie in der Stube angekommen waren, gab er ihr in Gegenwart des Dekans eine schallende Ohrfeige. Der schockierten Gattin erklärte er, “das war meine Eheprüfung, ich wollte sehen, wie du reagierst”.

Das war wohl Liebe, die in die Freiheit führt. Und was in Liebe ertragen wird, führt wieder in die Freiheit von jedem Beleidigtsein.

Freiheit und Liebe waren die beiden großen ethischen Prinzipien, die Paulus hier anführt. “Brüder”, ruft er aus, “ihr seid zur Freiheit berufen. Durch Liebe diene einer dem andern, denn das ganze Gesetz ist in dem einen erfüllt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.” Freiheit und Liebe, darüber lohnt es sich, weiter nachzudenken.

So wie in einen großen Bahnhof von allen Seiten die Geleise hineinfahren, so führt im Galater-Brief alles hin auf die immer neue Aussage, Liebe und Freiheit. Wenn zum Beispiel gesagt ist, der Vater hat den Sohn auferweckt, so hat er nur ein Ziel: Durch seine Auferweckung sollen wir frei werden.

Freiheit ist das, was die Gottähnlichkeit am allermeisten ausmacht. Gott ist frei, ungezwungen, er liebt mich nicht, weil er gezwungen ist; er liebt mich nicht, weil ich etwas geleistet habe; er liebt mich nicht, weil ihm jemand einen Rat gegeben hätte, mich zu lieben. Vielmehr hat Gott aus freien Stücken mein Leben geliebt bis in den Tod seines Sohnes. Das ist meine Gewißheit. Darum braucht er seine Liebe auch nicht zurückzuziehen, wenn ich versage.

Wenn ich Scherben mache, sagt Gott nicht “das hab ich gleich gewußt”. Gott ist absolut frei. Diese Freiheit hat Gott dem Menschen mitgeteilt als seine Gottähnlichkeit.

Der Mensch hat absolute Freiheit, bis auf einen Punkt: Die Abhängigkeit von Gott. Die Abhängigkeit, zu wissen, was gut und was böse ist. Wenn Paulus sagt, Gott hat Christus auferweckt, dann hat er ihn nicht auferweckt, damit wir wieder ein Gesetzesleben führen, sondern zur vollen Freiheit gebracht sind. Das ist der Wille Gottes.

Paulus schreibt: Dafür hat Jesus sein Leben hingegeben, uns zu erretten aus diesem gegenwärtigen argen oder bösen Äon. Dieser böse Äon ist der Äon der Bindungen, der Knechtschaft. In diesem Leben, in diesem Äon, wird jeder Mensch von seinen Bindungen gefangengehalten und geknechtet, von seinem Geld, von seiner Karriere, von seiner Ehrsucht, von seiner Selbstgerechtigkeit.

Irgendwo ist immer eine Bindung. Jeder Mensch, und wenn er noch so edel ist, ist gebunden, auch wenn es nur seine Religion wäre. Manche werden ganz kurz angebunden von dem Gesetz ihrer Religion, von deren Vorschriften, von eigenen und fremden Prinzipien und vielem anderen.

Wenn Paulus schreibt: “Jesus Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, indem er selbst zum Fluche wurde”, dann ist das Ziel die Befreiung von diesem Gesetz, von diesem ständigen “du mußt”, “du darfst das nicht’, “du kannst dir das nicht leisten”, “reiß dich zusammen”, “es darf in deinem Leben dieses und jenes nie passieren”.

Darin liegt ein unheimlicher Druck. Und wenn du es nicht schaffst, so ist das ein Fluch. Fluch in meinem Leben ist, daß ich sage, Mössinger, du bist nichts, du kannst nichts, du wirst nichts. Ich habe mir dies schon oft gesagt. Das ist ein Fluch.

Wenn ich nur noch negativ unter dem Eindruck des nicht erfüllten Gesetzes in meinem Leben lebe, dann ist das ein einziger Fluch.

Das ist das gleiche, wie wenn wir zu unseren Kindern sagen: “Aus dir kann nie etwas werden.” Das ist ein Fluch. Und wenn ich sage: “Du bist halt nichts, du kannst nichts, du wirst bestimmt durchfallen”, das ist ein Fluch. Ich belaste einen Menschen zutiefst in seinem Leben, wenn ich ihm seine Leistung von vornherein abspreche.

Das ist das Ziel des ganzen Galater-Briefes, uns zu sagen: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. “Als aber die Zeit erfüllet ward, da sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe, unter das Gesetz getan, daß er die, die unter bestimmten Gesetzmäßigkeiten standen, (nicht nur unter dem Gesetz des Sinai), frei mache.”

Alle anderen Forderungen sind damit eingeschlossen. Da heißt es hier und da heißt es dort: Du mußt dem gefallen und jenem gefallen. Hier mußt du es recht sagen, und dort bist du verpflichtet. Und dann kommt der Chef, und dann kommt die Frau, dann kommen die Kinder. Das verreißt einen Menschen, wenn er ständig unter diesem Gesetzesdruck steht.

Darum ist Jesus gekommen, daß die, weiche unter Gesetz seufzen und stöhnen, die manchmal einen Erfolg haben und manchmal versagen, endlich frei werden, frei von diesen tausend Anforderungen.

Erst kürzlich bei einer Segnungsstunde hat es sich her­ausgestellt, daß ein Großteil der versammelten Brüder und Schwestern nur mit Angst in ihren Beruf gehen; mit Angst, weil nur gefordert und gefordert wird. Dann kommt noch mein eigenes Herz, und das fordert noch viel mehr. Das fordert von mir, “mach’ hier ja keinen Fehler”. “Das schaffst du dann doch nicht.”

Jesus kam also und ward unter Gesetz getan, auf daß er die, die unter Gesetz waren, löste und wir die volle Freiheit bekamen. Ja noch mehr, wir dürfen die Sohnschaft bekommen.

Jetzt sind wir Söhne. Es ist ein Unterschied, ob ein Knecht oder ein Arbeiter oder ein Angestellter respektvoll zu seinem Chef geht, oder ob der kleine Sohn die Tür aufreißt, und der vom Vater Geliebte in den Schoß des Vaters eilt. Das ist wahrlich ein Unterschied.

Das alles hat Paulus nur geschrieben, um denen in Galatien zu sagen, Christus hat euch zur Freiheit befreit. Der Mensch hat ja eine unwahrscheinliche Sehnsucht noch Freiheit. Der Mensch hat es immer versucht, im Aufstand gegen alle diese Bindungen Freiheit in diese Welt hineinzubringen.

Wir erleben in diesen Tagen eine ungeheuere Aufbruchstimmung. Dagegen ist Emanzipation noch eine Kleinigkeit. Es erklingt der Ruf, “wir wollen frei sein, alles selber entscheiden und selber bestimmen”.

Begonnen hat dies 1789 mit der französischen Revolution als man die Ratio des Menschen, die Vernunft der Masse Mensch, das Volk zu dem höchsten Gut erklärt hat. Das hat zunächst einmal geendet unter der Guillotine Robespierres.

Dann hat es sich fortgesetzt über viele Stationen bis dahin, daß Adolf Hitler seine Mythologie von Blut und Boden verkündete und schließlich in dem Bunker der Reichskanzlei in Berlin in seiner letzten Stunde erklärte: “Das deutsche Volk ist meiner nicht wert, darum soll es auch sterben.”

So endet Freiheit des Menschen, die er sich selbst holt. Aufstand gegen alle Bindungen. Jeder, der sich selber aufmacht, diese Bindungen zu durchbrechen aus eigener Macht, mit eigenen Zielen, ist daran immer noch gescheitert. Es gibt keinerlei Möglichkeit, selber Gott zu sein. Wer selber Gott sein will, verstrickt sich in die finstersten Bindungen.

Zu innerst weiß diese Tatsache jeder. Jeder hat sie in seinem Leben schon erlebt.

Unsere Männer und Frauen in Bonn setzen an der falschen Stelle an. Es entsteht wachsende Kriminalität, zunehmende Arbeitslosigkeit, Korruption, Steuerhinterziehung, weil die Hilfe von der falschen Seite kommt. Sie kommt nicht von Jesus Christus.

Die Gebetsgemeinschaften unter den Parlamentariern, die es dort seit Jahren gibt, sind immer magerer besucht. Man hat in Bonn das Beten verlernt. Darum will man den Buß- und Bettag opfern, damit ein paar alte Menschen gepflegt werden können.

Wenn aber die Freiheit eines Menschen beginnen soll, dann beginnt sie immer zunächst in dem Verhältnis zu Gott. Das ist die absolute Basis. Jedem Menschen hat Gott ein unstillbares Sehnen in sein Herz gelegt. Er möchte sein Leben recht leben, er möchte vor Gott und den anderen bestehen können.

Dafür gab es in Galatien und gibt es heute das irrige Angebot: Erfüllung religiöser Gesetze. Da sind zu den Galatern die Judaisten gekommen und haben gesagt, “ihr müßt euch eben beschneiden lassen, ihr müßt wieder das Gesetz beachten, nur dann seid ihr fromm. Nur durch die strikte Beachtung dieses Gesetzes seid ihr wirklich heilig.”

Dann gab es welche, die haben das gemacht. Die haben das Recht-Sein und das Gut-Sein wieder in die Leistung des Menschen hineinverlegt. Und ich behaupte, wir sind alle, alle auch schon darauf abgefahren.

Ich kann mich ja schließlich auch selbst anstrengen, ich kann mich auch selbst noch ein Stück heiligen. Wer mir das streitig macht, der beleidigt mich, der vergeht sich an meiner Ehre und an meinen Fähigkeiten. Ich selbst kann doch auch noch ein anständiges Leben führen. Warum außerhalb von mir und nicht durch mich? Ich will gut sein!

Paulus sagt, auf diesem Weg der eigenen Anstrengung, der eigenen Erfüllung des Gesetzes, ist noch nie ein Mensch zur Gewißheit seines Heils gekommen. Noch kein Mensch ist auf diesem Weg zur Liebe gekommen.

Wer mit Gesetz umgeht, kann nicht lieben. Er kann nur gegen Bezahlung leben. Solange ihm etwas entgegenkommt, kann er leben, sonst nicht.

Wer mit Gesetz umgeht, hat nie Heiligen Geist. Da schwindet der Heilige Geist. Nur wer außerhalb von sich selbst in dem Christus sein Leben ansiedelt, wird vollkommen gerecht durch Jesus.

Wenn jetzt einige aufstehen und sagen, “wir kennen dich gut, du bist auch nicht gerecht”, dann sage ich, “jawohl, ihr habt recht. Aber in Christus habt ihr an mir gar nichts mehr zu kritisieren. Ich bin in Jesus absolut abgesichert.”

Denn die Liebe Gottes ist bedingungslos, voraussetzungslos, sie ist grenzenlos, sie hört nie mehr auf, sie endet nicht an meiner Pleite, da fängt sie erst an.

Die Liebe endet nicht an dem zerbrochenen Krug, da fängt Gott erst an mit seiner Liebe. Und je mehr zerbrochen ist, desto mehr liebt er.

Das ist Freiheit, Freiheit, daß ich “Abba, lieber Vater”, sagen darf, daß ich frei werde von diesem ständigen Druck, “ich muß, aber ich kann mir das nicht leisten” und, und, und….

Christus ist des Gesetzes Ende. Wer an den glaubt, ist absolut gerecht für Zeit und Ewigkeit. Und gerecht heißt, da ist nichts mehr dran herumzumäkeln vor Gott.

Paulus war früher, bevor er zum Glauben an Jesus Christus kam, ständig in Unruhe. Das ist die Unruhe vieler Menschen: Wir müssen etwas tun, wir müssen etwas leisten, ich muß noch mehr machen,

Dann gibt es neue Kreise, da wird Askese verlangt, da kommt ein Guru irgendwo aus Asien, der holt das Geld aus der Tasche anderer Leute, der fordert von den einen das und von den anderen jenes. Man kann nur staunen, was die Menschen alles zu tun bereit sind.

Im Mittelalter sind sie barfuß noch Rom gewandert, auf Knien die Treppe hinauf zum Papst gerutscht, übrigens auch Martin Luther, um sich dort den Segen spenden zu lassen.

Paulus hat geschnaubt und getobt, er ist von einer Stadt zur anderen gerast, er wollte Gott einen Gefallen tun, bis ihm Christus begegnete. Dann sind ihm die Augen aufgegangen. Dann war alles vorbei.

Sein Leben hat nachher nicht an Dynamik verloren. Vielmehr hat er gesagt, “die Liebe des Christus dringet uns also. Der, der für mich gestorben ist, der hat jetzt mein Leben”. Also liebe ich nicht mehr mich selbst. Das habe ich gar nicht mehr nötig, weil Gott mich viel viel mehr liebt. Ich gebe mein Leben dahin.

Das ist Freiheit. Er gab sein Leben nicht, um bei Gott Gnade zu empfangen, sondern er empfing totale, vollkommene Gnade, darum gab er sein Leben hin.

Nun sind wir denn gerecht geworden mit Gott, haben wir das volle Heil in ihm. Werden Sie auch geplagt?

Ich weiß, es werden viele geplagt von dem einen Gedanken: Ich will das und jenes nicht machen, aber das und jenes muß ich machen, um die Gunst des anderen zu erhalten. Da will die Frau ihrem Mann gefallen aus Angst, da haben Kinder Angst vor ihren Eltern und die Eltern vor ihren Kindern und darum bemühen sie sich, einander zu gefallen. Da ist keine Liebe, die Freiheit gäbe.

Da sprechen wir Gläubigen sehr oft darüber, daß wir ein Zeugnis sein wollen im Alltag, in unserem Beruf und bei der Arbeit. Ein jeder soll an uns sehen, das was in uns ist geschehen.

Wissen Sie, was dazu auch gehört? Daß ich auch in einer ungläubigen Umgebung zu meinen Fehlern ste­hen und sagen kann, “auch dafür kommt Jesus auf”.

Ich bin weg vom ständigen Druck, ich muß mich nicht ständig zerreißen und am Abend mich zermürben über mich selbst. Ich möchte nicht wissen in welchen Zwängen der oder jener von Ihnen heute morgen steckt, wer Ihr Leben fordert.

Jesus lebte diese Freiheit vorbildlich. Bei uns aber gibt es Prinzipienmenschen. Die haben irgendein Prinzip.

Auch ich suche prinzipiell morgens die stille Zeit mit meiner Bibel. Aber ein Prinzip ist das keines. Denn, wenn es einmal nicht reicht, muß ich nicht mit einem schlechten Gewissen herumlaufen.

Es gibt Menschen, die als Prinzipienmenschen meinen, wenn ich heute morgen nur fünf Minuten Bibel gelesen habe, dann ist das der Grund, worum es an diesem Tag bei mir nicht geklappt hat. Und schon werden sie verpflichtet von einem Prinzip. Und dieses Prinzip übertragen sie gelegentlich auch noch auf ihre Umgebung. Dann heißt es: Noch diesem Prinzip mußt Du handeln, sonst bist Du nicht fromm.

Paulus war kein Prinzipienreiter. Er hat nur eines verkündigt, Jesus Christus und sein volles Heil, und hat gesagt: Daran binde Dich, total, mit Deiner völligen Hingabe. Binde Dich an diesen Christus, denn er ist alles für Dich und Du alles für ihn. Das ist Deine Freiheit.

Im Leben Jesu gibt es eine eklatante Begebenheit, wo jeder Prinzipienreiter ad absurdum geführt ist. Da hat Jesus in Kapernaum am Abend die Kranken alle geheilt. Dann wird es Nacht und Jesus zieht sich zurück.

Morgens um 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr verschwindet Jesus aus der Stadt. Er geht auf einen Berg. Auf einmal kommt ihm Petrus nachgerannt. Keuchend sagt er ihm: “Jesus, du mußt gleich wieder zurückkommen noch Kapernaum. Scharenweise liegen wieder die Kranken da und warten auf dich.”

Wem ist Jesus jetzt verpflichtet? Den Kranken oder Gott? In diesem Augenblick war es ihm klar geworden, nur Gott. Und dann sagt er zu Petrus: “Laß sie ruhig liegen, schicke sie wieder heim, ich gehe weiter, ich muß noch anderen Dörfern das Evangelium sagen.”

Das ist Freiheit, das ist nicht Willkür, das ist Freiheit, gebunden an den lebendigen Gott. Freiheit gibt es nur in der Bindung an Gott und die Bindung an Gott macht frei.

Ich lese einige Sätze von Dietrich Bonhoeffer:

“Jesus scheint manches Mal gar nicht zu verstehen, was die Menschen ihn fragen, er scheint etwas ganz anderes zu antworten. Er scheint an der Frage vorbeizusprechen. Er spricht aus einer völligen Freiheit heraus und scheinbar gar nicht zum Fragenden hin. Seine Freiheit ist auch nicht an das Gesetz der logischen Alternativen gebunden.”

Das ist die Freiheit bei uns. Diese Freiheit, die alle Gesetze hinter sich läßt, muß einem Pharisäer als die Zerstörung aller Ordnung, aller Frömmigkeit erscheinen, weil alle Unterschreitungen, um die sich der Pharisäer gewissenhaft müht, von Jesus über den Haufen geworfen werden.

Da läßt Jesus seine Jünger von den Ähren des Kornfeldes essen, obwohl sie gewiß nicht Hungers gestorben wären ohne diese wenigen Ähren. Da sagt Jesus, esset ruhig. Und die Pharisäer haben gestaunt und sich erregt. Innen wallte der religiöse Zorn auf. Das darf es nicht geben.

Wenn Jesus am Sabbat eine Frau heilt, die schon 18 Jahre lang krank ist, und gewiß noch einen Tag hätte länger warten können, dann ist dies in den Augen der Pharisäer Frevel. Hier wird das System der frommen Klasse geringgeachtet. Viele Frommen unserer Tage haben auch ein frommes System. Und da kann das Karo so klein werden, daß unser Leben gar nicht mehr hineinpaßt.

Es gibt Kreise, in denen könnte ich nicht leben und nicht atmen.

Noch einmal Dietrich Bonhoeffer:

“Weil Jesus allen klaren Fragen, die ihn festlegen wollen, ausweicht, darum ist er für den Pharisäer ein Nihilist, ein Mann, der nur sein eigenes Gesetz kennt, ein Ich-Sager, ein Ich-bin-Sager, ein Lästerer Gottes. Andererseits kann niemand bei Jesus die Unsicherheit und Ängstlichkeit dessen wahrnehmen, der aus Willkür handelt. Jesus hat nie aus Willkür gehandelt, sondern in der Freiheit, in der Bindung an Gott.”

Ahnen Sie jetzt, was Paulus, was die Heilige Schrift unter Freiheit der Söhne Gottes versteht? Martin Luther, den ich an dieser Stelle sehr liebe und schätze, hat gesagt: Ein Christenmensch ist ein freier Mensch, niemandem untertan, niemand darf über ihn herrschen, niemand ist er letztlich verpflichtet im Glauben; aber ein Christenmensch ist gleichzeitig ein Knecht aller Dinge und jedem verpflichtet in der Liebe.

Wissen Sie, wozu uns Jesus Christus befreit? Sicherlich nicht zur Willkür. Nicht, um dem Fleisch Raum zu geben, daß ich mache, was ich will. Die Freiheit ist die Freiheit der Bindung an Jesus, die uns freimacht zur Liebe.

Aus dem Glauben heraus kann ein Mensch sagen: Weil mich Gott von A bis Z bedingungslos und grenzenlos liebt, darum kann ich mich vergessen und kann mein Leben an andere verströmen.

Ich möchte Liebe noch ganz kurz in einer anderen Version zum Ausdruck bringen. Die Judaisten, die Leute aus Jerusalem mit ihrem gesetzlichen Eifer, die haben eines nicht getan, sie haben keine Verantwortung empfunden. In der Seelsorge kann ich nicht, wenn ich mehrere Menschen nacheinander berate, ein bestimmtes Paradigma anwenden. Was ich dem A sage, kann ich nicht genauso dem B sagen oder dem C.

Da sitzt zum Beispiel einer, der hat seine tiefste Schwäche in einer ganz bestimmten Not, die Jesus ihm absolut nicht nimmt. Und wenn ich das Prinzip A jetzt auf B anwende, dann geht einer aus und ist zerschlagen, weil ich ihn in eine unerfüllbare Forderung stelle.

Den muß ich an einer ganz anderen Stelle verantwortungsvoll lieben und angehen. Dem kann ich nicht gleich ein’s überziehen: “Du mußt, Du sollst, und wenn Du das nicht machst, dann brauchst Du nicht wieder zu mir zu kommen.”

Die Judaisten haben keine Verantwortung, die haben mit ihrem Gesetz alles durcheinandergebracht, das war ihnen einerlei. Sie hatten das System, wer glaubt, der muß beschnitten werden, der muß die jüdischen Sitten und das Gesetz halten, nur dann ist er ein wirklicher Christ. Das war ihr Prinzip.

Prinzipienreiter haben nie Liebe. Nie! Sie haben nie Erbarmen. Sie können den Menschen an seiner eigensten, persönlichen Not nie abholen. Sie wissen nicht, wo er wirklich leidet. Wissen Sie das? Wissen Sie, wo ein anderer leidet, der nicht in unser frommes Schema paßt?

Verantwortung haben Gesetzesfanatiker nicht. Nur die Liebe führt mich in die Verantwortung. Dann kann ich beginnen, in Verantwortung anderen zu dienen. Dann kann ich der Abfallkübel werden für andere.

In einem kleinen Büchlein steht einmal geschrieben: Christen sind Staubsauger. Wir trachten überall den Dreck der Leute aufzusaugen, und wenn unser Sack voll ist, dann geben wir den Dreck ob nach oben. Dann sind wir wieder frei für weitere Staubsaugerliebesdienste. Das heißt verantwortlich die Not, das Problem des anderen Menschen aufnehmen. Das ist die eine Seite. Das ist Liebe.

Und jetzt kommt die nächste Seite. Es gibt leider auch die Möglichkeit, daß ich meine Verantwortlichkeit überziehe und in meiner mitfühlenden Art von der Not des anderen erdrückt werde. Dann muß ich abgeben.

Hier gibt es nämlich auch wieder ein Prinzip. Das Prinzip der Barmherzigkeit, durch das ich meine, alles mitempfinden, mitleiden zu müssen. Zwischen mir und dem anderen muß immer Jesus stehen, nie ein Prinzip, auch nicht das Prinzip, jedem helfen zu müssen.

Die Liebe des Christus muß unsere Verbindung sein. Die gibt den anderen auch wieder frei, wenn es nötig ist. Da muß man seine Kinder hergeben können, da müssen Kinder ihre Eltern hergeben, da muß ich auf einmal einen Seelsorgepartner abgeben, auch wenn er noch soviel Not hat, abgeben in das Handeln Gottes. Das ist verantwortliche Liebe. Liebe, wie sie beschrieben ist in 1. Korinther 13.

Hier sage ich Ihnen ganz offen, da bin auch ich noch ein Lernender. Hier brauche auch ich Geduld, Langmut, Liebe. Vor kurzem schrieb mir einer, der mich kennt: “Sie brauchen einen ganz neuen Zustrom von Liebe, damit Sie lieben können wie Jesus.” Lassen Sie uns uns gegenseitig lieben mit der uns zugeflossenen Liebe Jesu, auf daß wir frei werden in ihm.

(Quelle: Schriftenreihe der Langensteinbacherhöhe; MRK-Verlag, Ettlingen)

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