Die Quelle des Lebens
Autor: Mössinger, Manfred | Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Heiligung | 1,100 x gelesen(Wortdienst auf der Langensteinbacherhöhe anläßlich der Brüderfreizeit 1975)
“Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so suchet, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnet auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Wenn der Christus, unser Leben, geoffenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit Ihm geoffenbart werden in Herrlichkeit.” (Kol. 3, 1-4)
Leben — göttliches Leben, gezeugtes Leben, gibt es nur in Jesus Christus. Jesus ist gestorben, Jesus ist auferstanden, und Jesus ist aufgefahren. — Die Frage, die uns heute morgen beschäftigen soll anhand dieses Textes, ist nicht so sehr, was dies alles bedeutet, sondern die praktische Frage: Wie bekomme ich Anteil an dieser Lebensquelle? Wie entsteht dieses neue Leben in mir? Und wie wirkt es sich aus?
Ich möchte versuchen, in 4 Punkten darauf einzugehen. Das neue Leben des auferstandenen Christus in mir — das bedeutet:
- In mein Wunschleben und Triebleben kommt eine neue göttliche Ordnung.
- Es gibt in meinem Leben einen Abbruch verkehrten Trachtens.
- Ich bejahe das verborgene Leben mit Christus in Gott.
- Ich lebe in einer lebendigen Hoffnung.
Unser Text sagt: “Wenn ihr mit Christus auferstanden seid”, und nicht: “Falls ihr vielleicht mit Christus auferstanden seid, dann trachtet …” Hier werden Tatsachen festgestellt. “Wenn ihr” — wir können auch übersetzen: “Weil ihr mit Christus auferstanden seid”. Das ist eine fertige Tatsache. Tatsachen haben wir nicht zu bezweifeln oder in Frage zu stellen, sondern die Konsequenzen daraus zu ziehen. Wenn Besuch zu uns kommt, sagen wir auch nicht: “Falls du da bist, iß doch bei uns zu Mittag”, oder: “Wenn du eventuell jetzt da bist”, sondern: “Weil du jetzt da bist …” So ist das hier gemeint. Ihr Leute in Kolossä, ihr seid mit dem Christus auferstanden! Das ist eine vollendete Tatsache. — Wenn ihr einige Schriften von Watchman Nee kennt, so wißt ihr, daß er gerade auf diesem Gebiet in seinem persönlichen Glaubensleben Gewaltiges erlebt hat. Nach der Bibel besteht kein Zweifel daran: Das Sterben Jesu ist ein Sterben der ganzen Welt. Was am Kreuze geschah, ist nicht nur stellvertretend für alle geschehen, sondern in diesem Jesus Christus ist die ganze alte Schöpfung mitgestorben und mitbegraben (vgl. 2. Kor. 5, 14). Wir können es auch so sagen: Das Kreuz ist die Todesanzeige für meinen und deinen alten Menschen. Was würdet ihr sagen, wenn ihr eine Todesanzeige in der Zeitung lesen würdet: “Im Jahre 33 n. Chr. ist Manfred Mössinger gestorben”? Herzliches Beileid? Nein: Halleluja dürfen wir sagen! Das ist damals geschehen! Diese Tatsache kommt eigentlich in unseren Gebeten und Zeugnissen viel zu wenig zum Ausdruck. Wir sagen: Jesus starb für meine Sünden. Das ist wunderbar. Aber wir dürfen sagen: “Halleluja! Herr, ich danke Dir, daß Du für mich gestorben bist und ich mit Dir!” Wir sollten das viel mehr im Glauben zur Kenntnis nehmen und in unseren Gebeten zum Ausdruck bringen.
Ebenso gilt, daß Christi Auferstehung die Geburt einer neuen Schöpfung ist, eine neue Zeugung Gottes. Wenn ich die Geburtsanzeige meines neuen Lebens in die Zeitung setzen würde, wenn ich schreiben würde: “Heute, am … wurde Manfred Mössinger geboren” — dann würden die Leute sagen: er spinnt. So haben sie auch bei Watchman Nee einmal gesagt. Ich habe mir lange überlegt: Wie kann ich es der Gemeinde deutlich machen, daß ich schon vor 1900 Jahren in Christus war? Daß ich in Christus war, als Er starb und auferstand? Ich kenne kein besseres Bild dafür als ein Bild aus der Heiligen Schrift: der Christus ist wie ein Weizenkorn. Werfe ich solch ein kleines Korn in die Erde, dann stirbt es. Nachher finde ich nichts mehr von dem alten Korn. Aber in dem Weizenkorn war im kleinen schon alles enthalten: Halm und Ähre und Blüten und Frucht. So war in diesem Christus der Keim des neuen Lebens für alle, der Anfang der neuen Schöpfung. Alles war darin enthalten — auch du und ich. Es braucht nur noch seine Entfaltung zu finden im Glauben, in unserem Leben, in unserem heutigen sterblichen Leib. Dieser Gedanke hat mir viel geholfen, und damit habe ich es der Gemeinde deutlich gemacht.
Jeder Same enthält das kommende Leben bereits im ganzen. Es ist nur ganz klein. Und so ist das Leben des Christus bereits das Leben des ganzen neuen Kosmos: in einem. Wenn dieses Leben Jesu Christi in einem sterblichen Leibe vorhanden ist, dann ist es unzerstörbar. Das kann kein Tod mehr töten. Dann lebt dieser wunderbare Christus, dieses neue Leben, diese neue Schöpfung Gottes, in uns. Darauf können wir uns dann getrost verlassen. Wenn ich an Krankenlagern oder Sterbebetten stehe, dann ist es mir immer ein ganz großer Trost, daß ich dem Bruder, der Schwester sagen darf: In Ihnen lebt der Christus! Das sind Lebensenergien und -kräfte, die der Tod nie mehr in den Griff bekommt. Vor einigen Tagen stand ich am Krankenlager eines Mannes, der fürchterliche Angst vor dem Sterben hatte. Ich sagte: Ich kann Sie verstehen. Nur Einer kann Ihnen durch die letzte Stunde hindurchhelfen, der, der den Tod schon hinter sich hat: Jesus Christus. — Und nun sagt Paulus im Kolosserbrief: Weil das eine Tatsache ist, weil ihr mit dem Christus auferweckt worden seid, könnt ihr nun zu einem ganz neuen Sinnen und Trachten, Streben und Wünschen gelangen. Auf diese Basis müssen wir uns immer wieder stellen, jeden Tag aufs neue. Wir sind mit Ihm gestorben und auferstanden; Indikativ — sonst hat der folgende Imperativ keinen Sinn. Vollendete Tatsache! Andernfalls entsteht nur Gesetz und Krampf und läßt uns nie zu einem echten Wachstum, zu einer tiefen Freude, zu einer Entfaltung des wahren Lebens kommen.
Betrachten wir nun die Folgen dieser Tatsache:
1. In mein Wunsch- und Triebleben kommt eine neue göttliche Ordnung
Paulus sagt: “Suchet, was droben ist”, d. h. “trachtet nach dem, was droben ist!” Für mich ist die Bibel immer noch das beste Lehrbuch für Psychologie. Alle anderen Psychologien können dagegen wenig bieten. Jesus sagt: “Ich will euch Ruhe geben für eure Seelen.” — Paulus spricht in unserem Abschnitt vom Suchen nach … Trachten nach … Streben nach … Verlangen nach … Das ist, psychologisch gesehen, von sehr großer Bedeutung! Die Psychologie sagt uns: Die Triebe — nicht die Vernunft — sind die stärksten Kräfte in einem Menschen. Wenn mir einer sagt, er könne wegen intellektueller Schwierigkeiten nicht glauben, so nehme ich ihm das nicht ab, weil nicht der Intellekt, sondern die Triebwelt das Stärkere im Menschen ist. Es kann sich einer hundertmal vorsagen: “Was ich jetzt tue, ist unsinnig und verderblich” — er wird es trotzdem tun, weil seine Triebwelt es will.
Hier will die Kraft des auferstandenen Christus Ordnung schaffen, Ordnung im innersten Streben, Sehnen und Verlangen. Adolf Heller hat oft bezeugt, daß Gott einmal das Sehnen aller Völker stillen wird (”Das Ersehnte aller Nationen wird kommen”, Haggai 2, 7). In diese Richtung geht auch unser Pauluswort. Aus der Seelsorge könnte ich Ihnen sagen, daß es gestandene Männer gibt, im Alter von 60 oder mehr Jahren, die aber mit ihrem Traum- und Wunschleben nicht zurechtkommen. Auch das soll durch den auferstandenen Christus geklärt werden und in Ordnung kommen. Was glaubt ihr, was uns sonst auf dem Sterbebett noch alles anhängen kann, was nicht geordnet und geklärt und in Jesus Christus erfüllt wurde! In Ihm kann die Sehnsucht des Herzens gestillt werden. — Man kann sich zwar “am Riemen reißen” und darauf achten, daß man sich nicht gehen läßt, daß man Fasson bewahrt, daß das “Image nicht zerkratzt” wird. Aber was meint ihr, was geschieht, wenn das alles einmal zerbricht, wenn das Theaterspiel einmal aufhört, wenn die lauernden Mächte des Unterbewußtseins losbrechen in unserem Leben, über allem, was nicht in Jesus Christus geordnet wurde? Da wird es einem wind und weh. Und dann lernt man verstehen, was Paulus hier sagt: “Strebet nach dem, was droben ist”!
Ich weiß, daß an dieser Stelle bei dem einen oder andern eine notvolle Stelle angerührt wird. Wie geht es dir, Bruder und Schwester, in deinem Verlangen? Das, was du heimlich bist in deinen Gedanken, in deinem Verlangen, das bist du wirklich. Nicht das freundliche Gesicht, das du gelegentlich zeigst, sondern was du heimlich bist in der Nacht, wenn dich keiner sieht und keiner hört, was da aufsteigt an Neid und Haß und Begehrlichkeit, — das bist du wirklich. Alles andere bist du nicht wirklich. Du bist, was du begehrst und wonach du trachtest. Paulus hat hier etwas angesprochen, was uns alle angeht.
Mancher sucht seine inneren Wünsche und Triebe abzuwürgen durch Gesetz und Vorschriften, sucht sich zu stützen, zu dressieren, zu korrigieren, — aber das führt nur zu einer Verlagerung. Mancher verlagert seine Sexualität hinein in die Frömmigkeit. Sie ist damit nur verlagert, aber nicht gelöst. Ein anderer verlagert sein Machtstreben in die Frömmigkeit und wird dann ein kleiner Papst. Wieder ein anderer verlagert sein Suchen nach Bestätigung und Anerkennung — die jeder Mensch braucht — in die Frömmigkeit hinein. Er wird dann vielleicht ein Mensch des Gesetzes, den das Gesetz, der Buchstabe, erfüllt, aber nicht der Christus selbst. Der Kolosserbrief ist von A - Z ein leidenschaftlicher Ruf des Paulus: bitte, nur Christus; nur Christus und nichts anderes!
Im voranstehenden Text sagt uns die Bibel kurz und bündig: Bring dein ganzes Triebleben, alles innere Verlangen in Verbindung mit dem auferstandenen Christus! Ändere deine Zielrichtung, habe eine neue Wunschliste! Trachte nach dem, was droben ist! “Droben” ist für mich eine Ortsangabe und vor allem eine Inhaltsangabe. Wenn Christus nicht im Himmel wäre, brauchten wir nicht nach dem Himmlischen zu trachten. Wenn Er noch auf Erden wäre, hätte Paulus geschrieben: Trachtet nach dem, was auf Erden ist! Und wenn Er in der Hölle wäre — so hat ja Luther das Wort “Hades” überspitzt übersetzt —, dann hätten wir zu trachten nach dem, was in der Hölle wäre, falls eben Christus dort wäre.
Um was geht es in diesen Paulusworten? Darf ich es einmal psychologisch sagen: es geht hier um das Fasziniertwerden, um das Ergriffenwerden von dem ganzen Christus. Hier ist nicht nur der Erniedrigte am Kreuz gemeint, sondern auch der Erhöhte, der gesamte Christus (Christus ist hier Titelangabe). Ich möchte es auch hier einmal so ausdrücken, wie ich es am vergangenen Sonntag tat: Bitte, schnipfelt an dem Christus nichts ab! Predigt den ganzen Christus in Seiner ganzen Fülle! Es wird viel vom Kreuz gepredigt, das ist wunderbar. Auch ich predige sehr gern von der Fülle der Gnade, die der gekreuzigte Christus für uns hat, aber wir brauchen das andere ebenso: diesen ganzen Christus, der das ganze All in Seinen Händen hat, der über meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das letzte Wort hat — ja, der über meinem und deinem Leben, über der gesamten Weltgeschichte, über dem ganzen Kosmos, über jedem Tier, jedem Lebewesen, jeder Psyche und jedem Geist und allen Geistern das erste und das letzte Wort hat.
Zum Ordnen ihres Trieblebens braucht unsere Seele nicht das Gesetz, das Abwürgen (auch wenn hier in Kol. 3 von Töten die Rede ist.) Laß dir doch zuerst einmal die große Herrlichkeit des Christus zeigen! — Dazu ein Beispiel: Ein Bub kommt mit einem Stein in der Hand zu seiner Mutter. Die sagt: “Schmeiß doch den Stein fort!”; aber er faßt ihn nur um so fester. Hat er aber Hunger und die Mutter reicht ihm Brot, so wird er den Stein fallen lassen und nach dem Brot greifen. — Wir haben die große Verantwortung, den Hörern den ganzen Christus zu verkündigen. Man kann mit Gesetzespeitsche und Moral ein ganzes religiöses Volk zusammentrommeln; fragt man aber nach der Substanz, dann ist erschreckend wenig da! So ein Sammelsurium von religiösen Dingen. Nur selten ist einer darunter, der sagt: Ich habe Jesus erkannt, ich habe den Christus geschaut, Jesus hat mich fasziniert, Er hat mich ergriffen, Er hat mich geliebt, und ich liebe Ihn! Es genügt nicht, daß wir sagen: Ich liebe dies und das; dieses und jenes ist mir wichtig. Brüder, es geht immer um das Eine, daß wir sagen können: Mir ist der lebendige Christus begegnet! Weniger darf es nicht sein, sonst ist es zu wenig. Wenn du alles weißt, alle möglichen religiösen Pfündlein hast, bist du dennoch arm, wenn du nicht sagen kannst: Ich habe dem lebendigen Christus ins Auge gesehen. Er hat mich angenommen, Er trägt mich, und Er wird alles vollenden.
Mag auch die Triebwelt dem einen oder andern noch sehr viel Not machen — Christus ist größer! Ich erlebte gerade in den letzten Wochen eine Fülle von Seelsorge. Manche Menschen überkommt das Triebleben mit einer unwahrscheinlichen Wucht. — Paulus sagt: Laß dich von dem Christus ergreifen! Dazu gehört auch, was in Kol. 3, 16 steht: “Lasset das Wort des Christus reichlich unter euch wohnen”, das Wort des ganzen Christus! Brüdern, die in der Verkündigung stehen, möchte ich sagen: Bitte, macht in jeder Ansprache, an irgendeiner Stelle, euren Hörern Jesus so lieb, daß einer sagt: Den muß ich haben! Es geht damit, wie andererseits mit der Sünde: Wenn die Lust da ist, empfängt und gebiert sie auch (Jak. 1, 14-15). So geht es auch, wenn uns der ganze Christus in Seinem Wort eröffnet wird: Der Geist Gottes wird die Lust wecken, daß wir sehnend und verlangend werden, Ihn zu besitzen, uns Ihm hinzugeben. Darum sollte jede Predigt darin gipfeln, diesen Christus zu verherrlichen.
Ich glaube, damit hat uns Paulus auch hinsichtlich der Psychologie einiges gesagt. Allerdings muß ich noch hinzufügen: es kommt nicht von selbst, instinktiv. Nicht umsonst ruft uns Paulus auf: Trachtet! Da ist der ganze innere Mensch gefordert. Wir können uns nicht aufs Sofa hinlegen und warten, bis die Gnade alles getan hat. Evangeliumsgemäße Heiligung hat — verglichen mit der gesetzlichen — einen ganz anderen Ansatzpunkt. Die gesetzliche sagt: Ich muß dies und das tun, damit Gott dies und das tut. Gesetz herrscht da, wo der Mensch noch in seinem Urzustand lebt und noch nicht in der Gnade. Das zeigt sich dann auch in unseren Gebeten. — Die evangeliumsgemäße Heiligung sagt: Ich bin gestorben, ich bin mit Christus auferstanden, und ich kann darauf nur antworten mit einer ganzen Hingabe! Auch diese dem Evangelium gemäße Heiligung ist eine ernste Sache! Wenn Paulus in Kol. 3 fortfährt: “Tötet” — das nimmt mir der Herr nicht ab. Es gibt Dinge, die nimmt uns der Herr Jesus nicht ab. Wenn Er sagt: “Stehe auf”, dann muß ich eben aufstehen. “Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten!” (Eph. 5, 14). Aufwecken tut Er mich, aber das Aufstehen muß ich tun. Es hat mir einmal jemand gesagt: “Ich hatte am Sonntagmorgen um ½ 9 Uhr keine Lust aufzustehen und in die Kirche zu gehen. Wenn Gott mir die Lust dazu nicht gegeben hat, brauche ich auch nicht zu gehen; denn alles wirkt der Herr!” Damit entschuldigte sich der Mann dafür, daß er im Bett blieb. Versteht: Was Jesus wirkt und schafft, sind keine willenlosen Leute. Er schafft Persönlichkeiten, Er schafft einen Willen, Er richtet unser Trachten neu aus zu einem wunderbaren Ziele hin.
2. Es gibt in meinem Leben einen Abbruch verkehrten Trachtens
Das neue Leben erfahre ich nur, indem der Position (Bejahung) auch eine Negation (Verneinung) gegenübersteht. Deswegen sagt Paulus: “… nicht auf das, was auf der Erde ist”. Das ist eine Sache, die heute manchmal Schwierigkeiten macht. Wer einen festen Standpunkt einnimmt, hat zu der einen Sache ein Ja und zu der andern ein Nein. Wir leben heute im Pluralismus, in der Vermengung. Alles ist vermischt, so ein Konglomerat. Alles erscheint schön und fromm und richtig, und wenn man dahin und dorthin hört, kann man zuletzt kaum noch unterscheiden, was recht und was unrecht ist. Alles kann begründet werden. Aus der Bibel kann man ja auch herauslesen, daß man Wein trinken soll, und manches andere. Wir kennen diese Art “Auslegung”.
Paulus sagt: Wer nach dem trachtet, was droben ist, hat ein hartes Nein zu dem, was auf der Erde ist. Position schafft Negation! Wer nicht nein sagen kann, kann auch nicht ja sagen. Es gibt heute Leute, die “Jein” sagen können. Sie sind die großen Karrieremacher in der Welt. Sie kommen überall durch; sie stoßen nirgends an; sie wahren immer ihr Gesicht. Im theologischen Bereich sind sie auf allen Parketts daheim; sie können überall mitreden; sie sind überall zu haben. Nie sagen sie etwas, was andere verletzen könnte. Sie können nicht segnen und können nicht fluchen; sie sind immer zwischendrin. Wer aber nicht wehtun kann, kann auch nicht wohltun. Bejahung schafft Verneinung, Position schafft Negation. Entweder suchen wir den Himmel oder die Erde, entweder Christus oder das eigene Ich. Entweder sind wir von unten oder von oben. Es gibt Klärungen, die der Herr von uns erwartet. Da müssen wir lernen, die Spannungen und das Leid und den Schmerz des Christus über diese Welt mit Ihm zu tragen.
Was ist das eigentlich, “was auf Erden ist”? — Paulus nennt im 5. Vers vor allem die Unzucht und die Habsucht. “Die da reich werden wollen, die fallen …” (1. Tim. 6, 9). Das habe ich in der Gemeinde in der letzten Zeit öfter gesagt, nicht weil ich Geld sammle, sondern weil es ein geistliches Gesetz ist. Das trifft die Welt und natürlich auch die Gläubigen. Niemand kann hier zwei Herren dienen. Es heißt nicht: “Du sollst nicht …”, sondern: “Du kannst nicht.” Gott wird irgendwie eine Scheidung schaffen. Gott läßt es bei mir nicht zu, daß ich über einen Menschen hochmütig denke; Er wird mich gewiß demütigen. Das tut Er nicht, um mich zu plagen, sondern um mich zu reinigen. Genauso ist es beim Reichtum. Die Frage ist immer, wo ich letzten Endes die Befriedigung all meines inneren Sehnens und Trachtens suche, ob in der Fülle des Christus oder bei meinem eigenen Machen und Wirken.
Das Suchen und Streben des Menschen zeigt sich vor allem auf drei Gebieten:
- Der Mensch sehnt sich nach Lusterfüllung. Die meisten Menschen suchen sie auf dem Wege der Sexualität. Die einen versuchen, sich auszutoben; andere wieder würgen das Verlangen danach völlig ab und werden verkrampft.
- Wir suchen Bestätigung. Die einen suchen sie in der Bildung, in der Musik, in der Wissenschaft; — andere suchen sie in der Gosse; sie wollen auffallen durch ihren Dreck.
- Der Mensch strebt nach Macht. Dieses Machtstreben kann sich auf vielen Gebieten äußern, sogar im frommen Bereich.
Die Macht, die Christus entfaltet, ist die, daß die Seinen nicht mehr Sklaven dieser Gesetzmäßigkeiten sein müssen. Das Leben im Geist, das Er schenkt, steht nicht nur im Gegensatz zum Leben im Fleisch, sondern auch zum Leben im Gesetz. Die Gefahr ist groß, daß wir ein Leben im Gesetz statt in der Freiheit des Geistes führen. Ein Leben, das sich selbst durch Leistungen bestätigt, sich selbst sucht, sich selbst meint und sich selbst Macht verschafft. Auch das sind “die Glieder, die auf Erden sind”. Abbruch dieser Dinge, die auf Erden sind, heißt: Heraus aus dem Leben des Gesetzes und hinein in das Leben der Gnade unseres Herrn. Das heißt nicht “abwürgen”, sondern sich vom Herrn beschenken lassen. In Ihm ist die Fülle. Es mangelt mir nichts. Brüder und Schwestern, betet doch im Blick hierauf einmal den 23. Psalm ganz durch. “Der Herr ist mein Hirte …” — bitte, nicht so schnell! Kannst du mitbeten und sagen: “Mir mangelt nichts”? — Mir mangelt nichts im Blick auf meine Familie, meinen Beruf, meine Veranlagung, meine Begabung und alles, was ich habe? Das ist die Frage. Der Abbruch verkehrten Trachtens geschieht, indem wir uns von Jesus Christus erfüllen lassen. Dann können wir über allen Nöten und Negationen des Lebens im Glauben bekennen: “Mir mangelt nichts”. Das gibt uns die innere Lösung, das schafft Frieden und tiefe Freude. Hier ist letzte Lust und Sinnerfüllung des Lebens. In der Seelsorge sage ich gelegentlich Menschen den Spruch: “Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz begehrt.” Laß dein ganzes Sehnen und Trachten auf diesen Einen gerichtet sein, dann wird dein Herz überströmen von Freude. — Wenn ich aber an einer Stelle von Jesus nicht befriedigt bin, steigt der Teufel zu diesem Fenster herein und sagt: “Das fehlt dir noch; das mußt du dir selbst verschaffen!” — sei es Geld, Ehre, Macht, Lust oder Selbstbestätigung. Der Teufel sagt das alles nicht plump, sondern “besorgt”, daß Jesus dich enttäuschen möge und deine Gebete nicht erhöre. Du mußt dich nun fragen: Habe ich meine Lust an dem ganzen Herrn, an Seinem Willen, an Seiner Liebe, an Seinem Werk, an Seinem Tun und Wesen? — Dann wird dir nichts fehlen, dann wird dein Herz erfüllt werden.
3. Ich bejahe das verborgene Leben mit Christus in Gott
Sicher tritt dieses neue Leben auch nach außen hin in Erscheinung, und in einer Zeugnisversammlung könnte wohl jeder von uns etwas sagen, was der Herr in seinem Leben getan hat: wie Er Geduld gewirkt, zum Leiden befähigt hat, wie Er uns Freude und Sinnerfüllung des Lebens gegeben hat. Aber das Eigentliche, was Gott hier wirkt, ist etwas Verborgenes. Es steht hier geschrieben: “Euer Leben ist verborgen” — zunächst einmal für mich. Gott zeigt mir heute noch nicht alles, was Er an Leben und Herrlichkeit mir noch bereitgelegt hat. Es ist so herrlich, daß ich es heute mit meinen menschlichen Augen noch gar nicht sehen könnte. Paulus schreibt einmal: “Ich hörte Unaussprechliches!” Er konnte es nicht in menschliche Worte einkleiden. Was wir jetzt schon in Christus haben, ist so herrlich, daß wir es nicht sehen können. “Euer Wandel, euer Bürgertum, ist im Himmel” — sagt Paulus. Gott zeigt mir nicht alles. Auch manches an mir selbst kann ich nicht beurteilen. Wenn ich z. B. Wege des Ungehorsams gehe, ist mein Blick schnell getrübt, so daß ich nicht alles sehen kann. Ich kann mich nicht selbst beurteilen. Christus sieht mich anders. Darum sollten wir uns hüten, immer mit dem Thermometer unter dem Arm herumzulaufen, oder ständig vor dem Barometer zu stehen: “Ach, schon wieder ein Tief!” — Kürzlich fragte mich einer am Telefon: “Hast du ein Tief?” Ich sagte: “Ein Tief? Keine Spur! Und wenn ich’s hätte — der Herr hat immer ein Hoch!” Wir dürfen uns nicht nach unserem Empfinden beurteilen. Wenn uns unser Herz verdammt, ist noch lange nicht gesagt, daß uns Gott verdammt. Wenn Menschen zu mir sagen: “Was bin ich doch für ein schlechter Mensch!”, dann frage ich immer: “Hat Ihnen das der Heilige Geist oder ihr eigenes Herz gesagt?” Seien wir hier vorsichtig! Wenn uns der Heilige Geist Sünde aufdeckt, dann zeigt Er uns auch immer den Christus und Seine Liebe, und wie Er das alles schon mit hineingenommen hat in Sein Werk der Erlösung.
“Verborgenes Leben mit Christus” bedeutet auch: Alles echte Wachstum braucht seine Zeit. Es geht durch viel Beengung, Beschränkung, Geängstigtsein und Bedrückung, durch Müdigkeit, überbeanspruchte Nerven und manche Beschwernis des Leibes, und was noch alles in unserem Leben liegt. Ein verborgener Weg! Wir können uns selbst nicht beurteilen, und die Welt kann es erst recht nicht, weil sie den Vater und den Sohn nicht kennt. Du kannst dein Hemd ausziehen und das Letzte hergeben, sie wird doch nicht an Jesus glauben. Nur der geistliche Mensch kann alles beurteilen. Michael Hahn sagte einmal: “Was gehen den Teufel meine Sünden an?” So ist es auch.
“Verborgenes Leben” bedeutet schließlich: Was verborgen ist, ist zugedeckt. Ich zeige nicht jedem meine Seele; ich enthülle mich nicht jedem. Nur in der Beichte decke ich auf. Beichte heißt: ins Licht stellen, aufdecken; mit der Sünde brechen. — Gott hat Heilige, dich und mich. Um Seine Heiligen legt Er den Mantel des Verborgenseins. Noch nicht einmal die Engel läßt Er da hineinschauen, geschweige denn den Satan. Gott stellt uns nicht aus, wir sind Ihm nicht feil. Wir sind Ihm das Heiligste, darum deckt Er uns zu. Er deckt uns zu mit Kreuz, Leiden, Krankheit, Schmach und Not, damit nicht nach außen sichtbar wird, was Ihm so wertvoll ist. — Das Kostbarste, was Gott dem Sohn gegeben hat, ist Sein Leib, Seine Gemeinde. Er ist immer darauf bedacht, die Herrlichkeit Seiner Heiligen zu schaffen. Was werden Vater und Sohn wohl an diesem heutigen Tag über dich verhandeln? Der Vater wird sagen: Wie können wir ihm noch mehr Herrlichkeit verschaffen? Eine herrliche Sache! Wenn ich daran denke, könnte ich vor Freude jauchzen! “Verborgen mit dem Christus in Gott.” — Wenn Gott heute den Mantel des Verbergens über uns legt, dann tut das weh. Wir möchten manchmal heraus und uns zeigen. Aber Gott verhüllt vor der ganzen Welt Sein Geheimnis. Auch mit dem Auferstandenen hat Er es so gemacht. Nur Seine Jünger durften Ihn sehen.
4. Ich lebe in einer lebendigen Hoffnung
Das Verborgensein bringt Spannung und Anfechtung in unser Leben. Paulus sagt uns aber: Diese Zeit ist vorübergehend, sie ist kein Dauerzustand. Was uns jetzt auch niederdrückt, wir werden ewig leben! Einmal wird sich die ganze Herrlichkeit des Christus, des Hauptes und des Leibes, offenbaren. Noch leben wir in der Spannung. Otto Riethmüller sagt in einem Gedicht:
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Nicht irdischen Frieden hat Er uns beschieden. Noch kämpfen die Heere um Länder und Meere, ob Glaube, ob Zweifel, ob Gott oder Teufel den Sieg behält. |
Doch über den Zeiten und ihrem Streiten thront, heut noch verborgen, der Sieger von morgen. Vom Kreuze zum Thron ging heim der Sohn. |
Wir werden einmal mit Ihm offenbar werden in Seiner Herrlichkeit. Was wird dann eigentlich offenbar werden? Was Er jetzt in uns, in dir und mir, gewirkt hat. Jedes Seiner Worte, das Er als Same des ewigen Lebens in dich hineingelegt hat. Es wird offenbar werden, wo wir unsere Knie gebeugt haben, heimlich oder öffentlich. Offenbar werden wird, wo wir uns in den Christus hinein gedemütigt und gesagt haben: “Nur Du sollst es sein!”
Bruder und Schwester, führst du ein verborgenes Leben mit Christus? Wo du Ihm alles auslieferst, wo du ständig im Gespräch mit Ihm bist, wo du in der Hingabe und Preisgabe deines ganzen Lebens stehst? Wo du Ihm das Bündel deiner Triebe, deines Verlangens hinlegst mit der Bitte: erfülle alles in Dir? Das verborgene Leiden, alles, womit Gott uns jetzt im Verborgenen zubereitet, wird sich einmal verwandeln in strahlenden Glanz, und wir werden als herrliche Lichter den Himmel auszieren!
Gott sei Dank dafür! Ihm sei die Ehre! Amen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/1976; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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