Der Glaube ist nicht jedermanns Ding
Autor: Michaelis, D. Wilhelm, Prof. | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Paulusbriefe | 633 x gelesen(Nach einer Predigt, gehalten am 10.01.1960 in der Luth. Gemeinde Bern)
2. Thess. 3, 1-5: “Weiter, liebe Brüder, betet für uns, daß das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch, und daß wir erlöst werden von den verkehrten und argen Menschen. Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen. Wir versehen uns aber zu euch in dem Herrn, daß ihr tut und tun werdet, was wir euch gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen zu der Liebe Gottes und zu der Geduld Christi.”
Liebe Gemeinde! Wir kennen alle das Wort des Apostels Paulus: “Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen” (1. Kor. 13, 13). Der Apostel meint jedoch nicht, daß, wenn die Liebe so groß sei, es dann unter Umständen auch die Liebe allein tue. Vielmehr: an Liebe ohne Glauben denkt er nicht. Freilich: er denkt auch nicht an Glauben ohne Liebe. Erst die Liebe macht den Glauben zum echten, vollen Glauben. Auch deswegen wird die Liebe als so groß bezeichnet sein. Es ist also nicht irgendeine Liebe gemeint, sondern die Liebe, die aus dem Glauben erwächst, die Liebe, durch die der Glaube tätig ist (Gal. 5, 6). Wie groß auch immer die Liebe einzuschätzen sei, ihre Voraussetzung, ihre unerläßliche Voraussetzung, ist der Glaube, der Glaube als unsere Antwort auf Gottes Liebe zu uns. Ohne Glauben auch keine Liebe — wir können beifügen: ohne Glauben auch keine Hoffnung.
Wenn somit die allerwichtigste Voraussetzung die ist, daß der Glaube in Ordnung ist, wenn alles andere — ob die Liebe regieren darf oder die Lieblosigkeit herrscht, ob Hoffnung vorhanden ist oder Hoffnungslosigkeit sich ausbreitet — davon abhängt, ob Glaube vorhanden ist, dann ist nun aber die Tatsache um so beunruhigender, daß es in der Welt so sehr an Glauben fehlt. Zwar, wenn dem so ist, wundert uns ja nicht, daß es auch an der rechten Liebe fehlt und daß so wenig Hoffnung zu finden ist. Das kann nicht anders sein, wenn nun einmal der Glaube fehlt. Aber, so müssen wir fragen, warum ist das so? Warum gibt es so viele Menschen, die nicht glauben, die nicht zum Glauben kommen, will sagen: zu einem ganz persönlichen Verhältnis zu ihrem Gott, zu einer ganz persönlichen Verbundenheit mit Christus? Und dies trotz aller Bemühungen, sie einzuladen zum Glauben, sie hinzuführen zum Glauben! Wie viele Anstrengungen werden in dieser Hinsicht doch unternommen, Anstrengungen ganzer Bataillone und Regimenter von Pfarrern, Predigern, Evangelisten und Missionaren! Wieviel — scheinbar erfolglose — Fürsorge von ungezählten Eltern, Lehrern, Paten! Wieviel Tränen und Gebete von Frauen und Müttern zumal!
Dabei, liebe Gemeinde, müssen wir so urteilen ja nicht nur im Blick auf andere, sondern müssen uns selber in diese Frage durchaus einschließen. Warum ist es — so müssen wir fragen — so schwer, am Glauben festzuhalten, im Glauben wirklich zu stehen ohne jedes Schwanken, den Glauben in der Liebe zu bewähren? Warum bemerken wir auch in den Reihen derer, die sich zu Gottes Wort halten und die mit Ernst Christen sein wollen, soviel Glaubensschwäche, soviel Glaubenslosigkeit — mit Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit im Gefolge —, ja soviel Unglauben?
Eine Antwort auf diese quälende Frage könnte das Wort des Apostels sein, das in der Mitte des verlesenen Abschnittes steht, der Satz: “Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.” Dann nämlich wäre dieser Satz eine Antwort, wenn mit ihm gemeint sein sollte: es können gar nicht alle zum Glauben kommen. Wir dürften das gar nicht erwarten! Es wäre unwirkliche Schwärmerei, ein Überspringen der gegebenen Tatsachen, wenn wir damit rechnen wollten, alle könnten zum Glauben kommen. Solche Schwärmerei hole dieses Apostelwort auf den Boden der nüchternen Wirklichkeit zurück, indem uns hier gesagt werde, der Glaube sei eben nicht jedermanns Ding. Man könne ihn nicht einfach haben wollen, und man könne ihn auch anderen nicht einfach wünschen. Vielmehr müsse man für den Glauben bestimmt sein, müsse eine gewisse Anlage dafür schon mitbringen, und diese Anlage habe eben nicht jeder. Genauer müßte dies allerdings dann heißen: Gott habe diese Anlage nicht jedermann mitgegeben. Es gebe Menschen ohne diese Anlage, ohne ein Organ, ohne ein Aufnahmegerät für den Glauben. Bei ihnen sei dann alle Mühe umsonst. Der Glaube sei nicht jedermanns Ding. So sei es nun einmal, und wir sollten uns damit abfinden.
Wenn das Wort des Apostels damit richtig verstanden wäre, wenn es uns also diese Auskunft geben würde, dann wäre in der Tat mit einem Schlage — und ohne daß wir daran herumdeuteln oder gar widersprechen könnten — erklärt, warum es so wenig Glauben — und so wenig Liebe und so wenig Hoffnung — in der Welt, in der Gemeinde, bei uns selber gibt. Auf der anderen Seite jedoch müßte diese Antwort uns doch erschrecken. Wäre das noch der Gott der Liebe, der Gott, der Liebe ist, der nicht allen Menschen die Möglichkeit offen hielte, zum Glauben zu kommen? Sollte es wirklich Menschen geben, denen das Wichtigste, das Aufgeschlossensein für den Glauben, überhaupt nicht mitgegeben ist oder gar für immer vorenthalten bleiben muß?
Dabei, liebe Gemeinde, müßten wir doch auch diese Frage auf uns persönlich anwenden und nicht nur auf andere. Das heißt, wir müssen uns fragen, ob, wenn Gott nicht alle zum Glauben bestimmen sollte und einen Teil von ihnen vielleicht gar zum Unglauben, wir denn so sicher sind, daß wir auf der Seite derer stehen, die dann zum Glauben bestimmt sind. Vielleicht ist ja auch bei uns das Nichtglauben das Normale und das Glauben die Ausnahme oder gar eine Täuschung, eine Einbildung? Sollten etwa wir selber zu denen gehören, die gar nicht zum Glauben bestimmt sind? Was für ein Abgrund tut sich da vor uns auf!
Es müßte uns freilich sehr wundern, daß gerade der Apostel Paulus diese Meinung vertreten sollte. Denn an sich ist doch unter allen, die in den Schriften des Neuen Testamentes zu Worte kommen, gerade er der, von dem besonders gilt, daß er nicht müde wird, zu betonen: “Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen” (1. Tim. 2, 4). Darum müssen wir doch näher zusehen, was er mit dem Sätzchen “Der Glaube ist nicht jedermanns Ding” denn wirklich zum Ausdruck bringen will.
Wir werden gut tun, auf den Zusammenhang zu achten. Der Satz gibt sich als Begründung. Es heißt ja: “Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding”. Es ist klar, daß das, wofür er eine Begründung sein will, im Vorangehenden stehen muß. Ich lese uns noch einmal, was vorangeht. Der Apostel schreibt. “Weiter, liebe Brüder, betet für uns, daß das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch, und daß wir erlöst werden von den verkehrten und argen Menschen”, und dann folgt: “Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding”.
Ohne Zweifel könnte es naheliegen, daraufhin sofort zu sagen: dann sei dieser Satz also Begründung für das unmittelbar Vorhergehende, nämlich für den Wunsch des Apostels, er möchte erlöst, befreit werden von den verkehrten und argen Menschen; und in der Tat wird der Satz sich auch auf diesen Wunsch und auf diesen Teil seiner Bitte um Fürbitte beziehen. Der Satz würde dann besagen, die Gemeinde in Thessalonich solle sich nicht wundern, daß es solche verkehrten und argen Menschen gebe; der Glaube sei nun einmal nicht jedermanns Ding. Wir wissen zwar nicht, an wen der Apostel bei diesen verkehrten und argen Menschen gedacht hat. Aber es werden ja wohl Menschen gewesen sein, die nicht geglaubt haben. Von ihnen möchte der Apostel befreit sein. Es sind also Menschen, die ihm nicht wohlwollten, die ihm feindlich gesinnt waren. Jedoch: wohl nicht als seine persönlichen Gegner (das würde der Apostel vielleicht auch nicht zum Gegenstand einer Fürbitte seiner Gemeinde gemacht haben), vielmehr doch wohl als Gegner des Evangeliums.
Das Evangelium aber ist ja nun auch gemeint, wenn der Apostel noch vor der Erwähnung seines Wunsches, er möchte von diesen bösen Menschen befreit sein, den anderen Wunsch äußert, das Wort des Herrn, das Evangelium möchte doch laufen. Es sind mithin nicht zwei verschiedene Gegenstände der Fürbitte, die er den Thessalonichern nennt, nicht zwei Gegenstände, die miteinander gar nichts zu tun hätten, nämlich erstens, daß das Wort des Herrn laufe, und zweitens, daß er erlöst werde von den verkehrten und argen Menschen. Sondern: beides hängt aufs engste zusammen. Das wäre noch deutlicher, wenn der Apostel umgestellt und geschrieben hätte: “daß ich von diesen Leuten erlöst werde und das Wort des Herrn laufe”. Aber es ist, wenn man erst einmal gemerkt hat, worauf der Apostel hinaus will, auch bei dem jetzigen Wortlaut durchaus deutlich, was er meint.
Nämlich: daß das Wort des Herrn laufe, daß es rasch, ungehindert, auch von diesen verkehrten und argen Menschen nicht gehindert, überallhin gelange — “wie bei euch” schon jetzt und bisher, so auch anderwärts —, auch hierbei ist an Paulus selbst gedacht. Drum heißt es ja vorweg: “betet für uns!” Er, der Apostel ist es, der dies Evangelium verbreiten soll, nicht als Privatmann, sondern als Apostel, dessen Aufgabe, dessen von Gott ihm gegebene Aufgabe es ist, das Evangelium zu verkündigen. Mithin muß der Satz “Der Glaube ist nicht jedermanns Ding” Begründung sein schon für die Bitte, das Wort des Herrn möge laufen. Er ist Begründung für beides, für den Wunsch, das Evangelium möge laufen, und für den Wunsch, er selber möchte nicht mehr gehindert sein.
Der Zusammenhang ist demnach so: die Fürbitte der Gemeinde ist nötig und wird vom Apostel erbeten, weil das Evangelium nicht so läuft, wie es laufen sollte und der Apostel möchte, daß es liefe. Er ist eben behindert durch arge Menschen, durch irgendwelche Gegner seiner Verkündigung und Missionsarbeit. Das Wort sollte aber nicht behindert sein! Das Wort sollte laufen können! Denn: das Wort war ja noch nicht überall, längst nicht alle hat das Wort erreicht, längst nicht alle glauben.
Dies ist mit dem Sätzchen “Der Glaube ist nicht jedermanns Ding” gemeint! Luthers Übersetzung vermag das nicht ganz auszudrücken. Sie ist zwar überaus einprägsam, aber doch etwas irreführend. Wie einprägsam sie wirkt, sieht man daran, daß sie von der Zürcher Bibel übernommen worden ist, wo genau gleich übersetzt ist. Nicht viel anders lautet es bei Menge: “Der Glaube ist nicht jedermanns Sache”. Eine Vergröberung in Richtung auf das, was nun nicht gemeint ist, findet sich bei Albrecht: “Nicht alle sind für den Glauben empfänglich”. Jedoch, wörtlich steht nur da: “Nicht aller ist der Glaube”, und das soll bedeuten: “Nicht alle haben den Glauben” (wie denn auch Schlachter übersetzt hat), nicht alle glauben. Dies als Begründung für die Dringlichkeit der Fürbitte! Als Feststellung der bisherigen Lage, nicht aber als Aussage über Gottes ewigen Heils- oder gar Unheilsratschluß!
Ist das richtig gesehen, dann ist ein schwerer Druck von uns genommen. Es ist dann nicht gemeint: es können gar nicht alle glauben, da von Gott her — und somit für immer — nur ein Teil zum Glauben bestimmt ist. Vielmehr: daß nicht alle glauben — deutlicher wäre es noch, wenn der Apostel geschrieben hätte: daß “noch nicht” alle glauben —, das ist das Unnormale und der Anlaß zur Fürbitte. Eigentlich sollten alle glauben. Nicht weil der Apostel das wünscht, indem er so begeistert von seinem Auftrag wäre oder soviel Mitleid mit den Menschen hätte, sondern offenbar, weil Gott es so will! Mithin — genau wie in 1. Tim. 2, 4: “Gott will, daß allen Menschen geholten werde”. Gott will nicht, daß jemand nicht gerettet werde.
Dies heißt nun aber, daß auch wir keinen Menschen als unfähig zum Glauben ansehen dürfen, sozusagen als von vornherein hoffnungslosen Fall. Es gibt niemand, der von Gott zum Nichtglauben oder zum Unglauben bestimmt ist. Liebe Gemeinde, auch wir selber nicht!
Die Antwort auf die Frage, warum nicht alle glauben, warum es so sehr an Glauben fehlt, lautet mithin nicht: es sollen gar nicht alle glauben, sondern: das Wort des Evangeliums ist noch nicht zu allen durchgedrungen. Das Wort muß deswegen laufen, wie damals so heute! Daß es laufe, das ist unser Dienst, und es ist die Aufgabe ja nicht nur der Bataillone und Regimenter von Pfarrern und Predigern, sondern die Aufgabe eines jeden von uns, die Aufgabe der ganzen großen Armee, die die christliche Gemeinde darstellt.
Ob das Wort freilich läuft und ob Menschen durch das Wort des Herrn — durch seine Verkündigung in Wort und Tat — zum Glauben kommen, das hängt allerdings entscheidend nicht ab von unserer Betriebsamkeit, von unseren guten Methoden, von unserem guten Willen. Es hängt vielmehr — und deswegen ruft der Apostel zu Gebet und Fürbitte auf — von Gott ab. Er allein kann durch Seinen Geist die Hindernisse für das Wort aus dem Wege räumen — bei uns und bei anderen, auch dort, wo wir keine Möglichkeiten mehr sehen, und dies heißt doch wohl auch — die Heilige Schrift selbst ermuntert uns, diese Zuversicht zu hegen —, daß auch der Tod für Gott kein Hindernis darstellt, wenn Er doch will, daß allen Menschen geholfen werde. Ihm dürfen wir trauen, Er ist der treue Herr, wie der Apostel Ihn nennt. Auch wir dürfen diesem treuen Herrn uns nahen mit der Bitte, Er möge auch uns stärken und bewahren vor dem Argen und möge auch unsere Herzen richten zu der Liebe Gottes und zu der Geduld Christi. Amen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit; 1962; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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