Dein Reich komme!
Autor: Malessa, Friedrich | Kategorie(n): Endzeit, Israel, Kirchentum | 1,135 x gelesenDer umfassende Heilssinn der zweiten Bitte, “Dein Reich komme”, ist nur im Zusammenhang mit den sieben Bitten zu erkennen. Sie ergeben eine wunderbare Heilsschau des gesamten Heilsgeschehens Gottes, des Vaters. Dieser Gesamtüberblick kann in der vorliegenden kurzen Abhandlung nicht aufgezeigt werden. Wir müssen uns auf die zweite Bitte beschränken. (Wer sich für die Gesamtschau des Vaterunsers interessiert, möge mein Buch “Das Vaterunser in erbaulicher und prophetischer Deutung” lesen. Zu beziehen bei: Philadelphia-Buchhandlung, August Fuhr, Reutlingen/Württ. — Anmerkung 2009: Das Buch ist nur noch antiquarisch zu beziehen.)
Zunächst sei festgestellt, daß Jesus mit dieser Bitte ein ganz spezielles “Reich Gottes” meint, nämlich das REICH DES VATERS! — Man übersehe nicht die Tatsache, daß Jesus in diesem Gebet den Vater anspricht: “Unser Vater in den Himmeln.” Im Blick auf den Vater, den Urgrund und das Vollmaß aller Dinge, betet Jesus: “Dein Reich komme.”
Bei der Einsetzung des Abendmahles sagt Jesus: “… bis an den Tag, da ich´s neu trinken werde mit euch in MEINES VATERS REICH” (Matth. 26, 29). Auch da spricht er mit allem Nachdruck vom Reich des Vaters.
Die Apostel haben das erkannt und reden darum in voller Klarheit vom “Reich des Vaters”. Paulus hat bei seiner endgeschichtlichen Schau folgendes zu sagen: “Danach das Ende, wenn ER das Reich Gott und dem Vater überantworten wird” (1. Kor. 15, 24). Unverkennbar zeigt Paulus an, daß zu einem gewissen Zeitpunkt der Sohn sein Reich dem Vater überantworten wird. In einigen weiteren Versen zeigt Paulus einen weiteren Vorgang an: “Wenn aber alles ihm untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles untergetan hat, auf daß Gott sei alles in allen” (V. 28). — Das letzte Reich ist das Reich des Vaters.
Wenn nun das Reich des Vaters das Letzte ist, dann können die vor-letzten Reiche nur des Sohnes sein. Paulus zeigt auch das an: “Welcher uns erneuert hat von der Obrigkeit der Finsternis, und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes” (Kol. 1, 13). Ersichtlich ist, daß das Reich des Vaters vom Reich des Sohnes unterschieden werden muß. Allein zeitlich gesehen ist ein Davor und ein Hernach zu beachten.
Der Reichsbegriff hat aber nicht nur zeitliche, sondern auch wesenhafte Unterschiede. Die müssen gesehen werden, wenn man in der Reichsdarlegung kein Gemenge bereiten will. Solches kann nämlich zu folgenschweren Verirrungen führen, wenn auch “nur” in der Lehre. Ungenaue Lehre kann aber ungenaues Leben zur Folge haben. Als markantes Beispiel sei der Hinweis auf die Ekklesia (Herauswahl), von der man treuherzig als von dem vorhandenen Reich Gottes spricht. “Wir bauen das Reich Gottes.” Man überlegt nicht die Tatsache, daß eine Herauswahl aus der zum Gericht ausreifenden Welt niemals das Reich Gottes sein kann. Ein Reich kann nur absolut oder eben nicht vorhanden sein. Eine Vorbereitung zum Reich, wie es nun einmal die Ekklesia ist, kann doch nicht als Reich angesprochen werden. Das ist bestenfalls Reichsanbahnung! Wir werden darum bei der Schau der “Reichsgottesgeschichte” auf dreierlei zu achten haben:
- Anbahnung,
- Vollführung und
- Vollendung des Reiches Gottes.
1. Die Anbahnung des Reiches Gottes
Das Reich Gottes ist “da”, — aber nicht hier. Es wird wohl niemand bezweifeln können, daß Gott sein Reich hat. Aber dieses sein Reich muß in dieser Welt aufgerichtet werden. Es muß kommen! Jesus sagt in Anbetracht seines Kommens ins Fleisch: “Das Reich Gottes ist nahe zu euch kommen” (Luk. 10, 9-11). Daß die Menschen dieser Welt das Reich Gottes nicht angenommen haben, ist ihre Schuld. Dazu sagt Jesus: “… doch sollt ihr wissen, daß euch das Reich Gottes nahe gewesen ist.” Also ist beim Kommen Jesu ins Fleisch das Reich Gottes NAHE gewesen. Man kann darum nicht sagen, daß mit der Fleischwerdung Jesu das Reich Gottes begonnen hat. Im Gegenteil: “… von den Tagen des Johannes des Täufers bis hierher leidet das Himmelreich Gewalt; die Gewalt tun, die reißen es an sich” (Matth. 11, 12). Andere Übersetzung: “Das Himmelreich duldet Vergewaltigung durch die Gewalttäter.” — Mit eigenen Worten: Die Gewaltmenschen dieser Welt machen die Aufrichtung des Reiches Gottes unmöglich! Das Reichswesen konnte mit dem Kommen Jesu ins Fleisch nur in folgender Weise verwirklicht werden: “… sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch” (Luk. 17, 21). Andere Übersetzung: “… ist mitten unter euch.” Das “in euch” oder “unter euch” kann niemals als das vorhandene Reich Gottes angesehen werden, sondern bestenfalls als Anbahnung. Jesus hat für seine Fleischeszeit und noch darüber hinaus gesagt: “Also auch, wenn ihr diese alles sehet angehen, so wisset, daß das Reich Gottes nahe ist” (Luk. 21, 31). Also war das Reich Gottes nahe, in Jesu Person sogar sehr nahe — mehr nicht. Von einer Aufrichtung des Reiches Gottes kann hier keine Rede sein. Immer noch blieb das göttliche Bestreben bestehen — sogar in der ganzen Zeit der Ekklesia — “Dein Reich komme!” Freilich wird sich das Kommen des Reiches Gottes einmal verwirklichen, sogar höchst real. Aber wann? Diese Frage führt uns zum zweiten Geschehen:
2. Die Vollführung des Reiches Gottes
Wann beginnt die Vollführung? “Und der siebente Bote posaunt. Und es wurden laute Stimmen im Himmel, die sagten: Es ward das Königreich der Welt unseres Herrn und seines Christus, und herrschen wird ER für die Äonen der Äonen” (Offenb. 11, 15). Weiter: “Und ich höre wie Geräusch einer zahlreichen Schar und wie Geräusch vieler Wasser und wie Geräusch starker Donner, die da sagen: Halleluja! Denn es herrscht der Herr, unser Gott, der Allmächtige! Freuen wir uns und frohlocken wir und geben wir ihm die Herrlichkeit, denn es kam die Hochzeit des Lämmleins und seine Braut macht sich bereit” (Offenb. 19, 6).
Aufgrund dieser und anderer Schriftaussagen kann eindeutig gesagt werden: Die Vollführungen des Reiches Gottes beginnen mit der Wiederkunft Christi. Der Wiederkommende richtet sein Reich auf, denn ER kommt in großer Kraft und Herrlichkeit. Freilich geht dieser Reichsaufrichtung die Überwindung und Beseitigung der satanischen Reiche voraus. Es steht fest, daß die Vollführungen des Reiches Gottes erst beginnen können, wenn alle Anti-Reiche überwunden sind. Reich Gottes hat den kategorischen Anspruch auf die Absolutheit. Da erst ist Reich Gottes, eher nicht.
Wir haben aber auch deutlich angezeigt bekommen, daß die “Reiche” — nicht das Reich — dem Christus übergeben sind, und zwar für “die Äonen der Äonen”. Diese Anzeige verdeutlicht uns die Tatsache, daß die “Reiche des Christus” noch nicht das endgültige Reich Gottes sind. Denn hier sind Reichs-Äonen, man kann auch sagen Reichs-Epochen, vorhanden. Hier sind Reichszustände nicht im Sinne der Vollendung, sondern im Sinne der Vollführung!
Wir lesen darum im prophetischen Wort: “Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan loswerden aus seinem Gefängnis, und wird ausgehen, zu verführen die Heiden an den vier Enden der Erde, den Gog und den Magog, sie zu versammeln zum Streit, welcher Zahl ist wie der Sand am Meer” (Offenb. 20, 7.8). Beachten wir die Tatsache: Das absolute Reich Gottes, das unbedingt kommen muß, duldet kein “Gefängnis”. Mag das Gefängnis noch so eingegrenzt und isoliert sein, es bleibt ein bestehendes Gefängnis, d. h. ein satanischer Lebensbezirk. Der König macht am Ende des Tausendjahrreiches die Gefängnistüren auf, damit die Gefangenen ihre Wesensart in letzter Weise offenbaren und dann dementsprechend gerichtet werden. Sie gehören in den “feurigen Pfuhl” (Offenb. 20, 15)! Und nun kann das endgültige Reich Gottes aufgerichtet werden. Wirklich? Nein, noch nicht!
Das endgültige Reich Gottes duldet auch keinen “feurigen Pfuhl”. Das Reich Gottes ist entweder absolut, d. h. einzig und einmalig, oder es ist noch in der Vollführung. Solange noch ein “feuriger Pfuhl” daneben bestehen kann, ist eben noch ein “Neben-Be-Reich” vorhanden. Solches darf nicht endgültig sein.
Wir hörten bereits, daß der König der Himmel herrscht von Äon zu Äon. Dazu hat er eben die Äonen, d. h. die volle Möglichkeit der Vollführungen. Dazu lesen wir in eindeutiger Weise: “ER muß aber herrschen, bis daß ER alle seine Feinde unter SEINE Füße lege. Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod” (1. Kor. 15, 25.26). Beachten wir die Tatsache, daß die Vollführungs-Reiche Christi das markante Merkmal des “Gerichts-Herrschens” sind. ER herrscht und richtet und richtet und herrscht. Gerichtsherrschaften und Herrschaftsgerichte sind es! Wenn wir das nicht verstehen — und wer kann es endgültig verstehen — dann lassen wir’s. Fest steht, daß Christus seine Vollführungs-Reiche hat. Sie beginnen mit dem Tausendjährigen Reich. Die Vollführungen durchlaufen die Äonen — wer kann feststellen wie viele — bis da kommen kann
3. Die Vollendung des Reiches Gottes
Paulus zeigt dieses Geschehen mit den endgeschichtlichen Worten an: “Danach das Ende, wenn ER das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, wenn ER aufheben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und alle Gewalt” (1. Kor. 15, 24). Das ist wahrhaftig eine endgeschichtliche Anzeige, die man nur im Vollführungssinne verstehen kann. Glaube doch niemand, daß Christus ruhen kann und ruhen wird, ehe sein ihm aufgetragenes Werk vollführt ist. Er hat gesagt: “Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden” (Matth. 28, 18). “Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk” (Joh. 4, 34). Meinen wir etwa, daß der Christus seinen Auftrag und sein Vorhaben nur teilweise vollführen kann und vollführen wird? Können wir eine so kleine Meinung von ihm haben?
Das letzte Geschehen lautet: “Wenn aber alles ihm untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles untergetan hat, auf daß Gott sei alles in allen” (1. Kor. 15, 28). Hier ist Vollendung. Hier hat die Bitte Jesu “Dein Reich komme” ihre volle Verwirklichung. Hier hat die Verheißung Jesu: “… bis daß ich neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich” ihre Besiegelung. Hier ist Reich Gottes in der Zielsetzung.
Nicht nur Paulus sieht das Zielgeschehen in dieser unsagbaren Erhabenheit, sondern auch die anderen Apostel. Angedeutet sei nur der Ausspruch des Johannes: “Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder. Aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wenn es aber erscheinen wird, dann werden wir Im gleich sein, denn wir werden ihn sehen wie er ist” (1. Joh. 3, 2). Die Vollführung zu diesem unergründbaren Ziele hat sich der Vater in seinem Sohne vorbehalten. Meinen wir etwa, daß der Sohn dieses Ziel nicht erreichen wird? Wäre das nicht Kleinglaube oder sogar Unglaube? Wenn wir aber glauben, daß im Reiche Gottes, des Vaters, ER sein wird ALLES IN ALLEN, dann gibt uns der Glaube eine Heilsgewißheit und eine Heilserhebung, ja sogar eine Heilsbesiegelung, die nicht auszusprechen ist. Dann stimmt’s für alle Fälle: “Das kein Auge gesehen hat, und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz kommen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieb haben” (1. Kor. 2, 9). Wir wollen bewußt und stark glauben, daß Jesu Bitte: “Dein Reich komme”, volle Erhörung findet. Sollte der ewige Sohn den ewigen Vater ohne das Zielbewußtsein anflehen? Keineswegs! — Und noch eine Frage: Sollte uns Jesus diese Bitte etwa planlos und ziellos anbefehlen? Nimmermehr!
Vielleicht ist es gut, daß wir uns am Schluß dieser sehr knappen Reichsdarstellung noch die Frage vergegenwärtigen, ob für die Reichvollführung unsere klare Erkenntnis unbedingt notwendig ist. Wird das Reich Gottes ausbleiben, wenn wir unklar sehen, oder unklar reden? Das ist nicht anzunehmen. Gottes Heilswalten ist nicht von unserer Erkenntnis oder Unkenntnis abhängig. ER ist in seinem Handeln souverän. — Ihm sei Dank dafür!
Aber wie ist es mit der Glaubwürdigkeit unserer Reichsbotschaft bestellt? Was sagen die Menschen, wenn wir ihnen klar zu machen suchen, daß das Reich Gottes längst da ist? Oder wenn wir ihnen sagen: “Wo das Wort Gottes gepredigt wird, ist Reich Gottes.” Oder wenn wir sogar fixe Daten angeben — sonderlich für Zeiten satanischer Hochkonjunktur — und ihnen sagen: “seit dem und dem Jahr ist das Reich Gottes da!” Was sollen die wirklich erwartungsvollen Menschen zu solcher Reichsbotschaft sagen? Sie werden mit Recht erwidern: “Ihr habt ein schönes Reich. Das ist ein Reich blasser Ideen und lächerlicher Phantasien. Dann ist uns das natürliche Reich viel lieber, auch wenn es diktatorische Züge hat. Es ist aber da! Bleibt uns fern mit eurem ‘Ideen-Reich’”.
Weithin vertreten wir die Meinung, daß die Christianisierung der Welt die Aufrichtung des Reiches Gottes bedeutet. “Wenn die ganze Welt christlich sein wird, dann ist das Reich Gottes da.” Ist das wahr? Jesus hat sogar die Voraussetzung für das Reich Gottes so ganz anders gesehen: “Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so (im alten Verhältnis) kann er das Reich Gottes nicht sehen” (Joh. 3, 3). Wenn das die Voraussetzung ist, kann da die Vollführung anders geartet sein? “Siehe, ich mache alles neu” (Offenb. 21, 5)! In dieser Weise geht es in der Vollführung bis zur Vollendung. Reichsanbahnung, Reichsvollführung, Reichsvollendung stehen im klaren Zeichen der göttlichen Neuheit. Und das alles in Christus. “Darum, ist jemand (auch der Kosmos) in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden” (2. Kor. 5, 17)!
(Quelle: Unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)


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