Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    1

Das biblische Zeugnis von der Seele

Autor: Maier-Gerber, Hartmut, Dr.  |  Kategorie(n): Lehre  |  1,995 x gelesen

(Wortdienst während der 22. Brüderkonferenz auf der Langensteinbacherhöhe vom 27.9. - 5.10.1980)

Das Wort Seele soll etymologisch, also wortwissenschaftlich, von dem Wort die See, also das Meer, stammen. Dort vermutete man wohl in ganz früher Zeit den Aufenthaltsort der Seelen vor der Geburt. Blicken wir in ältere und auch neuere Lehrbücher der Psychologie oder Philosophie, so finden wir, daß es Aristoteles und später Thomas von Aquin waren, die als Grundlage der Philosophie späterer Jahrhunderte die Ganzheit des Menschen in der Zweiheit von Seele und Leib lehrten. Vom Geist als eigenem Teil des Menschen ist in ihrer philosophischen Vorstellung keine Rede. Die Seele bestimmt nach ihrer Auffassung weitgehend Gestalt und Form des Leibes, und der Leib wirkt wiederum reflexiv auf die Seele. Zwischen diesen beiden Teilen sei also eine ständige Wechselwirkung zu konstatieren. Diese Auffassung ging in die Scholastik des Mittelalters ein und ist als sogenannte aristotelisch-scholastische Stoff-Form­Metaphysik noch heute die Grundlage der katholischen Glaubenslehre. In ihr wird die Unterscheidung zwischen der Seele und dem Geist als einem eigenen Teil des Menschen sogar zur Häresie, d. h. zur Irrlehre erklärt. Die katholische Religionsphilosophie spricht daher, einen Mischbegriff benutzend, von der Geist-Seele.

Im 17. Jahrhundert bahnte sich durch Descarte seine andere Auffassung an. Neben der materiellen Welt und damit auch dem menschlichen Leibe wird nur noch die Cogitatio, also die Denkkraft der Seele, als existent anerkannt. Beide, Leib und Seele, existieren sozusagen unabhängig nebeneinander, so daß man von einem dualistischen Parallelismus spricht. Dieser Lehre hingen auch Spinoza und Leibniz an. Eine dritte Auffassung schließlich wurde von Schopenhauer, Nietzsche und Scheller vertreten. In ihr werden Leib und Seele lediglich als verschiedene Erscheinungsweisen desselben Geschehens und derselben Wirklichkeit betrachtet. Die moderne Psychosomatik, d. h. die Lehre von einer engen Seele-Leib­Verbindung, erklärt bekanntlich viele Krankheiten des Leibes durch seelische Kausalitäten und nimmt bei allen drei genannten Grundauffassungen Anleihen auf. Wir wollen den recht komplizierten Denkwegen dieses und jenes Philosophen oder modernen Naturwissenschaftlers nicht weiter folgen; des vielen Bücherschreibens darüber ist kein Ende. Immer aber sind die Vorstellungen säkularer Denker über Leib und Seele, über Physik und Metaphysik, über Materielles und Immaterielles, über Psyche und Physis getragen von der grundsätzlichen Annahme eines klassischen Dualismus, also der Existenz von nur zwei Teilen des Menschen. Inwieweit die frühe, mittelalterliche und moderne Wissenschaft in dieser Vorstellung Recht hatte, werden wir im folgenden zu prüfen haben.

Unser Blick soll ausschließlich in das Wort Gottes gehen, weil wir dort über dieses auch für unser Glaubensleben wichtige Thema die einzig verläßlichen Angaben finden, die der lebendige Gott durch Seinen Heiligen Geist über die einzelnen Schreiber der Bibel gemacht hat. Ich meine, daß wir bei gründlichem Studium aller Schriften der Bibel zu einer klaren biblischen Aussage über die menschliche Seele kommen, über ihre wichtigsten Eigenschaften und ihre Abgrenzung gegenüber links und rechts sowie oben und unten.

Mir ist bewußt, daß ich bei solchem Studium ein auch in unseren Kreisen umstrittenes Gebiet betrete. Gibt es doch auf der einen Seite die fast zum aristotelisch-scholastischen Denken und damit zur katholischen Glaubenslehre hin neigende Auffassung, daß Gott im Schöpfungsakt den Leib geformt und durch Seinen Odem nur den Geist eingehaucht habe, während die Seele durch das Zusammenkommen von Geist und Leib quasi als Produkt von deren Gemeinsamkeit entstanden sei. Daraus ergibt sich zwingend, daß bei dem Vorgang des Sterbens, also der Trennung von Leib und Geist, die Seele sich wieder auflöst und zu dem Zustand der Nicht-Existenz zurückkehrt. Sie hätte also keine Eigenständigkeit oder Selbständigkeit und auch keine Kontinuität, d. h. kein Fortbestehen über den Tod des Leibes hinaus. Solche Auffassungen werden, wie Sie alle wissen, auch unter uns gelegentlich vertreten.

Auf der anderen Seite unterscheidet man häufig nicht klar genug Seele und Geist und verwechselt sie oft unbemerkt. Daraus folgt dann die Auffassung, daß die Seele der weitaus wichtigste Teil im Menschen sei, und man räumt ihr weitgehend das Primat, also die Führung und Bestimmung der Lebens- und Glaubensäußerungen ein. Immer wieder und fast in allen Kreisen der Gemeinde Christi Jesu finden wir solche Ansätze, die da und dort zu Recht als schwarmgeistig bezeichnet worden sind. Zu welchem Ergebnis kommen wir nun, wenn wir möglichst viele Aussagen der Schrift zusammentragen und ohne Einseitigkeit würdigen?

(Über lange Zeit hinweg versuchte ich das zu tun. Ich habe es mir dabei nicht leicht gemacht. Alle wichtigen Stellen der Bibel, wo eine Aussage über das Phänomen der Seele gemacht ist, habe ich aufgesucht, nach bestimmten Kriterien zusammengetragen und gemeinsam mit meiner Frau herausgeschrieben. Es ist schwierig, in einem einstündigen Vortrag aus der Fülle von vielen hundert biblischen Aussagen die wichtigsten herauszugreifen. Gestatten Sie mir darum, daß ich das sich ergebende Bild aus allen Stellen sowohl in Worten wie auch in geometrischer Darstellung möglichst knapp und übersichtlich zusammenfasse und auf die wörtliche Verlesung von Bibelstellen weitgehend verzichte.)

Immer wieder hat es mich gewundert, daß die Diskussion über das Gebiet der Seele viel mehr Zündstoff auch unter Gläubigen enthält, als etwa die über den Leib oder den Geist. Vielleicht drückt sich darin das Schwergewicht gerade der Seele als jenes Teiles des menschlichen Gesamtindividuums aus, über das kein anderes Geschöpf nach Aussage der Schrift in dieser Form verfügt, auch kein Engelfürst oder sonstiger Bewohner der himmlischen Welten. Lediglich bei den Tieren ist in abgewandelter Form von einer Seele die Rede, allerdings ohne den dritten Teil, den Geist.

Als Basisaussage darf gelten, daß der Mensch gemäß 1. Thessalonicher 5, 23 von Gott in Dreiheit gemacht und nur vollständig, also zum Ganzen gebracht ist, wenn alle drei Teile, Leib, Seele und Geist, im Gesamtindividuum des Menschen vereinigt sind. Offenbar besteht die Gottebenbildlichkeit des Menschen gerade darin, daß er über die gleichen drei Teile in seiner Gesamtpersönlichkeit verfügt, wie der lebendige Gott selbst. Denn deutlich und mehrfach ist neben dem viel erwähnten Geiste Gottes auch von der Seele Gottes und von Seiner Gestalt die Rede. Wenn nun der Mensch wirklich im Bilde Gottes und nach Seinem Gleichnis gemacht ist, und daran ist nicht zu zweifeln, dann könnte man fast kühn davon sprechen, daß Gott das Original ist, nach dem der Mensch gestaltet wurde, so daß der Höchste selbst eigentlich der Original-Mensch ist.

Folgen wir einmal genau dem Schöpfungsbericht, so stellt sich folgendes dar: Gottes Geist, im Urtext hier “ruach”, also Hauch, genannt, koordiniert zunächst die (nach einer Gerichtskatastrophe zum völligen Chaos gewordenen) Energie- und Massentrümmer einer ersten Schöpfung mit Hilfe der Erschaffung von Atomen und schließlich Molekülen zur Materie, wie sie uns heute umgibt. In den hierbei gegebenen Naturgesetzen entfaltet Gott eine wunderbare Ordnung, wie wir sie immer wieder staunend in Chemie und Physik erkennen. Dann ruft Er das Licht, wohl als Erscheinungsform des Gottesgeistes, ins Leben, scheidet es von der Finsternis, trennt die unteren Wasser von den oberen Wassern, läßt den Lufthimmel entstehen und den Erdball. Auf der Erdoberfläche schafft Er die Wunderwelt der Pflanzen und Bäume und läßt über ihnen Sonne, Mond und Sterne aufleuchten, wodurch Nacht und Tag und Zeiten und Jahre zustandekommen.

Nachdem die Vielfalt der Tierwelt in den Wassern, auf der Erde und über der Erde entstanden ist, hat Er alle Voraussetzungen geschaffen, um nun in das Gemachte Sein Ebenbild hineinzuversetzen. Schon bevor Er es erschaffen hat, legt Er fest, daß Sein Ihm exakt nachzubildender Stellvertreter herrschen soll über die ganze Erde und alles Getier.

Nun ist es soweit, daß Er die gleiche, von Ihm zu Beginn geordnete Materie nimmt und aus ihr Sein “säläm”, wörtlich Sein Bild oder Seine Figur, als eine heilige Selbstoffenbarung vor den Augen der sicher aufmerksam zuschauenden Himmelsbewohner gestaltet. Der erste Teil Seines Selbstbildnisses, der Leib des Menschen, ist entstanden. Gott verleiht ihm die Fähigkeit zum Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Wir fassen diese fünf Sinne zusammen in den Begriffen Optik, Akustik und Kontaktik.

Bei dem nun folgenden Teil des Schöpfungsgeschehens kommt es auf jedes Wort und seine grammatische Form an. Gott haucht nun in die Nase dieses menschlichen Leibes “Odem der Leben”. Er läßt jetzt der gestalteten Materie mit ihren funktionellen Sinnen Immaterielles innewohnen, indem Er Seinen “nischemat chajjim” einhaucht. In der wörtlichen Übersetzung dieser Wortfolge “nischemat chajjim” ist wichtig, daß von dem Leuchtodem “der” Leben, also von der Mehrzahl göttlicher Leben, die Rede ist. Die Argumentation, daß Gott nur einen Odem eingehaucht habe und so auch nur den Geist und nicht gleichzeitig die Seele hätte entstehen lassen, ist sprachlich nicht richtig. Nicht nur der etymologisch gründlich und geistgewirkt arbeitende Heinrich Langenberg, sondern auch eine Anzahl anderer begnadeter Schriftausleger sehen in dieser Pluralform “Odem der Leben” einen Hinweis darauf, daß Gott mit dieser Einhauchung Seines Gottesodems die Seele und den Geist von sich als ein Stück Seines Wesens dem Menschen als Seinem exakten Abbild zur Innewohnung hingab, vielleicht sogar nur entlieh.

So besteht der Mensch am Ende dieses Schöpfungsgeschehens aus drei Teilen, dem Leibe, der Seele und dem Geiste. Allerdings wird sofort hervorgehoben, daß der Mensch zu einer lebendigen Seele wurde, was heißen soll, daß seine Individualität, sein Ich oder sein Selbst in der Seele und nicht im Geiste lag. Ob dies von Anfang an so von Gott gemacht war oder ob der Mensch durch die ihm geschenkte Eigenständigkeit seine Seele stärker entwickelte und über Leib und Geist hinaushob, ist hier nicht ausgedrückt. Ich selbst vermute eher das letztere, weswegen Gott auch später erstmalig feststellt, daß es nicht gut sei, daß der Mensch allein bleibe. Vermutlich hatte die übermächtig gewordene Seele nach einem Du verlangt, in Sehnsucht nach Zartheit und Selbsterfüllung in liebesmäßiger Vereinigung. Übrigens auch ein Erleben, das allen übrigen Himmelsbewohnern nicht möglich ist.

Von Gott selbst ist gesagt, daß Sein Ich, Seine Individualität und Sein Selbst im Geiste liegen, so daß Er, wie auch der zweite Adam, Jesus Christus, ein lebendigmachender Geist und nicht eine lebendige Seele genannt wird. An dieser Stelle unterscheidet sich also deutlich das Abbild Mensch von seinem Vorbild Gott. Auch darum glaube ich, daß es ein Prozeß des Sich-Entfernens von Gott war, der zu solcher Unterscheidung führte.

Der Seele schenkte Gott die Fähigkeit zum Denken, zum Fühlen und zum Wollen. Sicherlich hat auch Seine Seele die gleichen Fähigkeiten, die, Schrift deutet dies an. Wieder ist es also eine Dreiheit in Form von drei Grundfunktionen, die sich in diesem Teil des Menschen, seiner Seele, zutragen. Beachten wir bitte, daß der Intellekt, das Denken, nach biblischem Zeugnis einwandfrei Teilbereich der Seele und nicht des Geistes ist. Das gleiche gilt für die Willensbildung. Sehr intellektbetonte Menschen oder Willenstypen sind also seelische Menschen.

Dem Geiste schließlich ordnet Gott nach der Aussage Seines Wortes ebenfalls drei Grundfunktionen zu, die Fähigkeit zur Gemeinschaft mit Ihm, die Fähigkeit zum Empfang von Eingebungen von Ihm und schließlich die Fähigkeit zur Einordnung in göttliche Körperschaften, wie z. B. den Leib des Christus. Diese drei Grundfunktionen des Geistes könnten wir in die Begriffe zusammenfassen: Kommunikation mit Gott, Inspiration von Gott und Integration in Gott.

Skizze 1:

Es bietet sich an, jeden dieser drei Teilbereiche des Menschen mit seinen drei Grundfunktionen in der geometrischen Form eines Dreieckes darzustellen, in welchem drei gleichlange Gerade zusammengefügt sind, jede mit jeder Kontakt behält und eine klar determinierte Fläche damit umschrieben wird.

Zeichnen wir das zuvor Gesagte auf, so entständen drei Dreiecke nebeneinander, die sich geringfügig überdecken, eben der Leib, die Seele und der Geist. Unter dem ersten Dreieck, dem Leibe, würden wir die Hauptfunktionen Optik, Akustik und Kontaktik, unter dem zweiten Dreieck, also der Seele, die Funktionen Denken, Fühlen und Wollen und unter dem dritten Dreieck, dem Geist, Kommunikation, Inspiration und Integration anschreiben. Da die Seele zum Sitz des Ichs geworden ist, dürfen wir in dieses Dreieck SUBJEKT hineinschreiben, während der Leib das OBJEKT wird, sozusagen ausführendes Organ der Seele, und der Geist INITIATOR für die Gedanken, Empfindungen und Willensentscheidungen der Seele. Der Leib mit seinen Sinnen vermittelt Umwelterkenntnis und schafft Umweltvertrauen, die Seele mit ihren Funktionen bringt Selbsterkenntnis und führt zu Selbstvertrauen, während der Geist Gotteserkenntnis erlangen und zum Gottvertrauen führen kann.

Nebeneinander und in guter Ausgewogenheit sind offenbar alle drei Teile des Menschen in dieser Form gottgewollt und finden Sein Einverständnis, auch wenn der Schwerpunkt und Sitz des Ichs die Seele geworden ist und insoweit eine Entfernung vom göttlichen Vorbild eingetreten ist. Auf diese Veränderung reagierte Gott — wie bereits erwähnt mit der Feststellung: “Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, Ich will ihm eine Hilfe machen, seinesgleichen”, worauf Er die männliche und die weibliche Seite dieses “Ebenbildes-Seiner-Selbst” voneinander trennte und zu eigenen Menschenpersönlichkeiten — nämlich Mann und Frau — machte. Jede Seite verfügt weiter über die gleichen Teile Leib, Seele und Geist mit den gleichen Grundfunktionen, nur in voneinander abweichender geschlechtsspezifischer Struktur.

Zwischen den Dreiecken von Leib und Seele und von Seele und Geist ergibt sich, wie aus Zufall, ein jeweils nach oben offener Raum, den ich zunächst nur mit I und II kennzeichnen möchte. Diese beiden Räume werden sich in unseren weiteren Betrachtungen als geeignet erweisen, für die beiden Seiten des menschlichen Herzens zu stehen, die linke und die rechte, die alte und die neue. Das Herz ist ja als Begriff in der Bibel ein geheimnisvolles und gewichtiges Ding, das vielfach genannt und immer zwischen Leib und Seele oder zwischen Seele und Geist stehend ist. So passen die beiden Räume I und II vorzüglich in unser Bild.

Das Ganze ist also eine vereinfachte Darstellung des “Menschen Gottes vor dem Sündenfall”. Auch der Mensch ist also in der Trinität, d. h. der Dreiheit, geschaffen, mit wieder jeweils drei Grundfunktionen. Von einem “klassischen Dualismus” ist hier nichts zu erkennen.

Skizze 2:

Nun hat Gott in 1. Mose 2, 17 davor gewarnt, daß der Mensch Vertrauen und intime Gemeinschaft nicht nur mit Ihm, sondern auch mit dem Fürsten der Finsternis suche, der inmitten seiner Heerscharen seinen Verbannungsort in der Umgebung unseres Planeten Erde gefunden hatte. Wörtlich übersetzt sagt der Höchste zu dem Menschen: “Welches Tages du davon issest (das heißt eins wirst mit der dir angebotenen Frucht des Finsternisfürsten), wirst du gewißlich sterbend sterben“, d. h. du wirst ein Sterbender und ein Gestorbener sein (H. Langenberg).

Was hat sich nun nach dem Vertrauensbruch gegenüber Gott am Bilde des Menschen, verglichen mit dem Zustand vor dem Sündenfall geändert? Sterbend wurde ohne Zweifel der Leib, dem ab diesem Zeitpunkt der Alterungsprozeß in jedes DNS-Molekül aller Zellkerne einprogrammiert wurde. Der gestorbene Teil aber war wohl der Geist, welcher durch den Vertrauensbruch gegenüber Gott und die Entfernung von Ihm zum glimmenden Docht reduziert wurde (Jesaja 42, 3 / 61, 3b sowie Matthäus 12, 20 und Epheser 2, 1).

Übrig blieben nur noch zwei Teile des Menschen, die Seele als das Subjekt und Sitz des Ichs mit den Funktionen Denken, Fühlen und Wollen, und der Leib als das Objekt mit den Sinnen der Optik, Akustik und Kontaktik. Beide Teile zusammen werden in der Schrift “das Fleisch” (sarx) genannt, welches also den Leib unter dem Diktat der vom Geiste Gottes getrennten Seele zusammen mit dieser umfaßt. Die “Kumpanei” des “anthropos psychicos”, des seelischen Menschen, mit dem “soma”, seinem Leibe, wird zum Fleisch, das immer wider den Geist gelüstet.

Der Geist selbst aber ist erstorben, quasi reduziert zu einem glimmenden Docht, so daß die Funktionen Kommunikation, Inspiration und Integration nicht mehr erfüllt werden können und die Antenne zu Gott hin nicht mehr besteht. Jetzt haben wir den eingangs beschriebenen “klassischen Dualismus”. Wir erkennen überrascht, daß die Wissenschaft schon des Altertums bis zur Neuzeit am gottfernen Menschen gar nicht falsch beobachtete, wenn sie nur noch zwei Teile, nämlich Leib und Seele, erkannte.

Skizze 3:

Nun hat der Finsternisfürst in 1. Mose 3, Vers 4 und 5 behauptet: “Mitnichten werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, daß welches Tages ihr davon esset, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.” Satan hatte also ein kühnes Versprechen einzulösen, da er behauptet hatte, der Mensch würde keineswegs sterben, sondern seine drei Teile alle behalten, und er würde wieder sein wie Gott auch, nämlich dreiteilig. Ja noch mehr, er würde jetzt endlich wirklich sein wie Gott, nämlich das Gute und das Böse kennen, während er bisher nur mit dem Guten Umgang pflegte.

Darum trat der Finsternisfürst, der Geist des Bösen, im Akte eines listig erschlichenen Ehebruchs an die Stelle des gotteingehauchten Geistes, wurde zum bösen Initiator der Seele und über diese auch zum Regenten des Leibes. Beide, Leib und Seele, übernahmen mehr und mehr die Prägung dieses neuen Initiators, wurden ihm ähnlich und veränderten so ihre gottgegebene Struktur.

Es entstand “der Mensch der Sünde nach dem Sündenfall”. Noch sind die Funktionen des Leibes und der Seele, wenn auch in anderer Prägung, erhalten. Der nunmehr dem Individuum Mensch als dessen dritter Teil zugehörende Geist des Bösen aber pflegt jetzt Kommunikation mit der Finsterniswelt, erhält Inspirationen von dort und gliedert den ganzen Menschen auf dem Wege der Integration ein in das gefallene Weltsystem.

Gott selbst stellt wenig später fest (1. Mose 8, 21), das Herz des Menschen sei nunmehr böse von Jugend an. Jetzt wachsen alle in Galater 5, 19 genannten Früchte des Fleisches: Hurerei, Unreinigkeit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Neid, Totschlag, Trunkenheit, Gelage und dergleichen, anstelle der von Gott erwarteten Früchte des Geistes. Die Menschen werden nach 1. Johannes 3, 10 zu Kindern des Teufels, nach Epheser 2, 2. 3 zu Söhnen des Ungehorsams und Kindern des Zorns, und Jesus selbst erklärt in Johannes 8, 44: “Euer Vater ist der Teufel.”

Der Mensch, das Abbild Gottes, bestellt zum Stellvertreter des Höchsten auf Erden und zum Heilsübermittler für die dort in Verbannung befindlichen Finsternisfürsten und Gewalten, hat sich freiwillig diesen untergeordnet. Auf dem Wege eines Zeugungsaktes sind die Wesenszüge des Teufels in den Menschen hineingelangt; darum nennt Jesus den Satan den Vater der Menschen, und Luther spricht von der Erbsünde.

Mit dieser freiwilligen Hingabe an die Finsternis, dem ersten Bruch einer heiligen Verbundenheit zwischen Gott und dem Menschen, hat die Finsterniswelt ein Anrecht an den Menschen erhalten, das für alle Zeiten und alle Welten gelten mußte.

Skizze 4:

Gott, der Höchste aber, welcher schon vor Grundlegung der Welt diese Entwicklung erschaute, hatte längst mit Seinem Sohne bedacht und geplant, wie es wieder zu einem Rückkauf, einer Erlösung des Menschen aus der Gewalt der Finsternis kommen könne. Als Kaufpreis gab Er die Seele Seines einzig gezeugten Sohnes (Jes. 53, 10), welche offenbar für die seelenlosen Geister des Bösen von so unschätzbarem Werte war, daß sie dafür ihren Rechtsanspruch an den Menschen aufzugeben bereit waren. Wie die ungetreuen Weingärtner in Jesu geheimnisvollem Gleichnis vom Weinberg hofften sie allerdings, darin, wenn sie den Erben Gottes in ihrer Gewalt hätten, auch Seine Erbschaft an sich zu reißen und so alle Menschen wieder in ihre Gewalt zurückzubringen. Diese List aber erreichte ihr Ziel nicht. Die Finsternismächte hatten das himmlische Gesetz mißachtet, wonach jeder, der gestorben ist, freigesprochen ist von den Anrechten der Sünde; der Tod kann nicht mehr über ihn herrschen (Römer 6, 6-10). Damit war ihnen die Möglichkeit, auf den Menschen je wieder Anrechte geltend zu machen, genommen, weil alle Menschen in Christo waren und in Ihm gestorben sind. Hätten sie das geahnt, so würden sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben (2. Kor. 5, 14; 1. Kor. 2, 8).

Durch den einmaligen Rechtsakt von Golgatha ist also der Kaufpreis, auch was die Anrechte des Finsternisfürsten betrifft, bezahlt. Seine Ansprüche an die Menschheit in ihrer Gesamtheit sind erloschen. Er kann sie nur noch da eine Zeitlang geltend machen, wo der einzelne Mensch sich nicht auf den Boden der Erlösung stellt, sondern freiwillig in der Vaterschaft des Bösen, in dem Gefängnis Satans bleibt. Sobald er jedoch in seiner Seele, die noch immer der Sitz seines Ichs ist, den Willensentscheid trifft, sein Vertrauen nunmehr völlig Gott dem Höchsten wieder zuzuwenden, was die Schrift Buße oder Umsinnung nennt, nimmt er den Rechtsakt von Golgatha und damit den auch für ihn entrichteten Kaufpreis für sich in Anspruch, und Satan verliert sein Recht an ihn augenblicklich.

Gott aber, der immer nur nach dem Prinzip der völligen Freiwilligkeit handelt, weil eben Liebe nie Zwang ausübt, hat nur diesen freiwilligen Willensentscheid des einzelnen Menschen abgewartet. Auch diesen hat Er gnädig durch das Locken und Ziehen Seines Heiligen Geistes vorbereitet. Nun entfacht Er nicht mehr in einem Schöpfungsakt, sondern in einem souveränen Zeugungsakt den zum glimmenden Docht reduzierten Geist im Menschen wieder zur lodernden Flamme. Damit zeugt Er hinein in den Menschen an die Stelle des ehemals von Ihm gegebenen und dann erstorbenen Geistes nun ein Stück Seiner Gottesnatur, Seinen lebendigen Gottesgeist, der das bisher nur geschaffene Gottes-Ebenbild nun zum gezeugten Kinde Gottes macht. Jetzt erst ist der Mensch im Besitz unauflöslichen Gotteslebens, hat ständige Kommunikation, d. h. Gemeinschaft mit Gott durch aufwärtsgerichtetes Gebet und herniederkommende Offenbarung, hat Eingebung von oben, also Inspiration, sowie Einordnung in den Leib des Christus, also göttliche Integration.

Erst jetzt ist der Sitz des Ichs im nunmehr wiedergeborenen Kinde Gottes der Geist und nicht mehr die Seele. Damit wird der Geist nunmehr Subjekt und Seele und Leib ihm unterzuordnende Objekte.

Diese Neuzeugung im Geiste, die den Menschen wieder von seiner rudimentären Zweiheit in die gottebenbildliche Dreiheit hinein vervollständigte, ist nicht identisch mit dem, was die Schrift als “Erfüllung mit dem Heiligen Geiste” bezeichnet. Nach zahlreichen Bibelstellen ist dieses “Erfülltwerden mit Geist” nicht nur abhängig von einem Neugezeugtsein durch den Geist Gottes, das einen einmaligen Akt darstellt, sondern auch von dem daran anschließenden, langsamen Prozeß des Heilwerdens der Seele. Das “Erfülltsein mit dem Geiste” ist eine sich wachstümlich einstellende Folge des rechten Wandels im Licht in aller Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit als Ausdruck der heilwerdenden Seele und führt zu ständigem Lobpreis im Herzen, zu Danksagung allezeit und für alles und zu gegenseitiger Unterwürfigkeit in der Furcht Christi (Eph. 5, 8-21).

Dieses “Erfülltsein mit dem Geist” kann durch Ungehorsam auch wieder verlorengehen oder vermindert sein, je nach Hingabe an den Herrn. Nie könnte solches jedoch von der Neuzeugung oder Wiedergeburt gesagt werden: sie ist entweder ganz vorhanden und dann für immer, oder gar nicht.

Ich kann daher für die Leibesgemeinde keine Hinweise im Worte Gottes finden für eine Geistestaufe im Sinne einer besonderen, unverlierbaren Erfahrung, die zur Geistesfülle führt. Ich möchte mich viel eher der Meinung mancher Gottesmänner anschließen, daß das “Voll­Geistes-Werden” eine der größten Verheißungen und Verpflichtungen auch der Leibesgemeinde auf paulinischem Boden ist. Die Bedeutung unseres Wandels im Licht sollte darum noch viel ernster genommen werden. Wandel ist aber immer zu vollziehen durch die Seele mit Denken, Fühlen und Wollen sowie durch den Leib.

So finden wir im rechten Herzensraum den Heiligen Geist so weit ausgegossen in unsere Herzen, wie diese freiwillig von uns entleert worden sind. Wir finden durch den Geist geschenkte Geistesgaben, deren jeder von uns mindestens eine hat, und daraus erwachsende Geistesfrüchte. Schließlich finden wir nach den Worten Jesu selbst die Innewohnung des Vaters und des Sohnes in unseren Herzen, wenn dieser Prozeß der Heilung unserer Seele nahe seinem Ziele gekommen ist.

Diesen Prozeß habe ich in der Darstellung unserer Dreiecke durch ein langsames Umwechseln von punktierten zu schraffierten Flächen bzw. Umrandungen als Ausdruck der sich verändernden Struktur von Seele und Leib wiedergegeben. Das Behilflichsein und Handreichung-Tun bei diesem Prozeß der Heilung aber nennen wir Seelsorge. Sie will im anderen dazu verhelfen, daß Denken, Fühlen und Wollen als Grundfunktionen der Seele sich durchlichten und durchheiligen lassen von dem Geiste, dem neuen Herrn der Dreiheit Mensch. Die Seele darf ihren Herrschaftsanspruch freiwillig abgeben, sich ebenso wie der Leib vertrauensvoll anlehnen an den Geist und sich ihm unterordnen.

In dem linken Teil des Herzens, der sich nach unserer Darstellung als offener Raum zwischen Leib und Seele ergibt, ist mitunter noch mancherlei zu finden von der alten Struktur des Bösen. Solange der Prozeß der Heilung nicht zum Abschluß gekommen ist, können dort noch dämonische Zwänge Rechtsansprüche geltend machen und Krankheitsmächte sowie Erblasten ihre Wirkung entfalten. Dann bedarf es besonderer seelsorgerlicher Offenbarung und vollmächtiger Hilfe, um auch aus solchen Bindungen zu lösen.

So erkennen wir in dieser vereinfachten graphischen Darstellung des “Kindes Gottes nach der Neuzeugung” die unerhörte Gottestat der Wiedergeburt und gleichzeitig die bei vielen Gottesmenschen noch bestehenden letzten Bollwerke des Bösen in den Untergrundgefilden ihrer Herzen. Wie oft gibt die Seele ihre Vormachtstellung nicht oder nur zeitweise ab und kämpft, in der Kumpanei mit dem Leibe, als das Fleisch wider den Geist, so daß auch der Geist wider das Fleisch antreten muß, auf daß dieses nicht tue, was es will (Gal. 5, 17).

Wie unabdingbar notwendig sind solche vollmächtigen seelsorgerlichen Handreichungen, ohne die wir nach 1. Petrus 1, 9 “das Ende unseres Glaubens, die Heilung unserer Seelen, nicht davontragen können”. Wenig später heißt es dort, daß wir “unsere Seelen reinigen durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur ungeheuchelten Bruderliebe” (1, 22). In Hebräer 10, 39 hören wir, daß auch wir Gläubigen und damit Gerechten, also Erlösten, uns nicht zum Verderben der Seele zurückziehen, sondern durch Glauben unsere Seelen erretten, wörtlich übersetzt: heilen sollen. Auch Jakobus fordert in Kapitel 1, 21 auf, alle Unsauberkeit und alles überfließen von Schlechtigkeit abzulegen und mit Sanftmut das eingepflanzte Wort zu empfangen, das unsere Seelen zu heilen vermag.

Noch zahlreiche Stellen belegen diese Aussage, daß die Heilung unserer Seele ein oft lange dauernder Prozeß ist, der nicht ohne unseren Willen und unsere Beteiligung abläuft; selbst wenn der Geist Gottes in uns dieses Werk letztlich tut und Jesus als der Heiland die Zielerreichung garantiert, so müssen wir es doch immerhin an uns geschehen lassen, wir müssen uns völlig hingeben.

Mitunter wirkt die Heilung der Seele auch im Sinne eines Heilungsgeschehens hinein in den Leib. Je näher der Beginn des Tausendjährigen Reiches vor der Tür steht, desto häufiger finden wir die heilsgeschichtlich bemerkenswerte Erscheinung, daß Heilung der Seele auch Heilung des Leibes wird. Im kommenden Reiche der Himmel auf Erden wird die Heilung durch Glaube und Gottes-Wort schließlich das Normale und Alltägliche werden, ebenso wie es zur Zeit Jesu auf Erden für Ihn und die um Ihn befindlichen Kranken das Normale und Alltägliche war. Während Seiner Erdenwanderung war ja das Reich der Himmel nahe herbeigekommen, und es hätte begonnen, als das Tausendjährige Reich auf Erden sich zu etablieren, wenn Jesus als der Messias Seines Volkes Israel nicht abgelehnt und schließlich gekreuzigt worden wäre. Seit Golgatha und dem Ableben der Apostel aber ist während der nahezu zwei Jahrtausende Entwicklungszeit der Leibesgemeinde aus den Nationen das Heilungsgeschehen durch Glauben und Wort Gottes immer mehr in den Hintergrund getreten. An die Stelle des Heilungsauftrages der Evangelien, den Jesus Seinen Jüngern in Matthäus 10 zur Heilung aller Gebrechen und aller Krankheiten gab, ist auf dem Boden des Paulinischen Evangeliums weitgehend der Leidensauftrag getreten. Darum lesen wir bei Paulus: “Wir rühmen uns der Trübsale”, oder: “Jetzt freue ich mich in den Leiden und ergänze in meinem Fleische, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für Seinen Leib” (Röm. 5, 3; Kol. 1, 24). Ja, es kommt zum Ausdruck in diesem Evangelium des erhöhten Herrn, welches die Offenbarung eines Geheimnisses ist, daß wir nur insoweit der Herrlichkeit des Christus teilhaftig werden, als wir auch in Seine Leiden miteingeschlossen wurden. Auf dem Boden der Gemeindelinie gilt, daß erst Leiden würdig machen zum Eintritt in das Reich Gottes, und daß wir Erben Gottes und Miterben Christi nur werden können, wenn wir auch Mitleidende sind (Röm. 8,17).

Heute existieren biblisch legitimiert und von Gott her gewirkt nebeneinander der Leidensauftrag und der Heilungsauftrag in bezug auf den Leib. In bezug auf die Seele jedoch gibt es, so meine ich, nur einen Heilungsauftrag, der in unserer Lebenszeit auf Erden dringend zu seinem Ziele geführt werden muß, der aber auch stets durch Leiden und Umwandlung des alten seelischen Wesens führt. Allerdings steht für die Seele nicht der Tod am Ende dieses Erdenlebens, wie für den Leib, sondern der Übergang ins Licht.

So sind Heilung der Seele und Heilung des Leibes in enger Beziehung und Wechselwirkung zueinander zu sehen, wenn auch der Leib im Gegensatz zur Seele seine volle Errettung oder Heilung erst nach seinem Tode findet durch das Bekleidetwerden mit dem himmlischen Geistleib. Die Seele hingegen kann und soll ihr Heilungsziel schon in diesem Leben erreichen.

Darin dürfen wir den tiefsten Sinn unserer Lebenszeit auf Erden erkennen und für jedes Jahr dankbar sein, das uns bleibt, um dem Ziel der Unterordnung unserer Seele unter den neugezeugten Geist Gottes in uns und damit dem Ziel ihrer völligen Heilung näher zu kommen. Auf diesem Wege aber ist Seelsorge durch geistgeführte und bevollmächtigte Mitbrüder und Mitschwestern ein gottgegebener, wichtiger Dienst, ja eine heilige Verpflichtung.

Lassen Sie mich abschließend noch einmal den seelsorgerlich so wichtigen Unterschied zwischen Erlösung als einem einmaligen Akt einerseits und Heilung oder Errettung als einem länger dauernden Prozeß andererseits hervorheben. Die Erlösung, griechisch “lytrosis”, geschah durch das Opfer von Golgatha ohne unser Mitwirken und schaffte eine Rechtsposition, auf die ich mich stellen kann oder nicht. Habe ich den Willensentscheid getroffen, das Opfer von Golgatha als Rechtsakt für mich in Anspruch zu nehmen, habe ich mich also bekehrt und eine Umsinnung vollzogen, wobei Gott bereits mitgewirkt hat, so ist die Voraussetzung für einen göttlichen Zeugungsakt gegeben, der nach Seinem Willen und zu Seiner Zeit geschieht (Jak. 1, 18). Jetzt erst beginnt der Prozeß der “sotäria”, der Heilung oder, wie die meisten Übersetzer es leider ausdrücken, der Errettung der Seele durch das Wort, den Glauben und unser Ausharren. Auch hierbei ist der Heilige Geist tätig, so daß also Gott das Wollen und das Vollbringen bewirkt (Phil. 2, 13).

Ein Beispiel mag uns diesen Unterschied noch verständlicher machen: Da liegt einer etwa im Mittelalter krank und schwach und halb verhungert in einem Schuldturm. Zu dem Gerichtsherrn, der ihn um seiner finanziellen Schulden willen verurteilt hat, kommt nun ein “Erlöser” oder Einlöser, ein Goel. Er legt die gesamte Summe der Schulden des Gefangenen auf den Tisch und kauft ihn durch diesen einmaligen Akt mittels des ausreichend hohen Kaufpreises ein für allemal frei aus der Gewalt des Gerichtsherrn. Niemand hat jetzt mehr einen Rechtsanspruch gegen diesen aus Kerkerhaft Entlassenen. Er ist ein Erlöster. Aber krank und schwach und halb verhungert ist er zunächst noch immer. Dem einmaligen Akt der Erlösung muß ein über längere Zeit hingehender Prozeß der Heilung zur Erlangung der vollen Seligkeit — des vollen Heils — folgen. Das Wort Errettung würde hier weniger passen, da der Gefangene aus der Gewalt des Gerichtsherrn durch den Kaufpreis bereits errettet ist, so daß lediglich die Heilung noch aussteht.

Halten wir also fest: Von den drei Teilen des Menschen ist der von Gott neugezeugte Geist selbstverständlich erlöst und heil, weil er nie in einem anderen Zustand war noch je hineinkommen kann. Die Seele ist ebenfalls durch Golgatha aus der Hand des Finsternisfürsten erlöst, aber sie ist noch nicht heil, sie soll das Heilungsziel während ihrer Zeit auf Erden erreichen. Auch der Leib ist durch Golgatha erlöst, aber ebenfalls noch nicht heil. Er kann sein Heilungsziel allerdings erst nach dem Sterben durch die göttliche Gestaltung des Geistleibes erreichen.

Hauptaufgabe für unsere Lebenszeit auf Erden ist also die Ausheilung unserer Seele, sichtbar im Wandel, im Denken, im Empfinden, im Wollen, im Reden, im Schweigen, in liebevoller Hingabe an Gott und den Nächsten. Wir sollen geheilt und frei werden von Stolz, Ungehorsam, Haß, Bitterkeit, Unruhe, Lüge, Ungeduld, Kritikgeist, Minderwertigkeit, Eifersucht, Gleichgültigkeit, Sorge, Nervosität, Mißtrauen, Habsucht, Zweifel, Auflehnung, Ärger, Unversöhnlichkeit, Intellektualismus, Selbstmitleid, Eigenwille, Einbildung, Entmutigung, Melancholie, Furcht, Selbstbetrug, Geiz, Intoleranz, Eßlust, Alkohol, Drogen, Nikotin, Ermattung, Kummer, Vergnügungsmittel, Neid, Ehebruch und dergleichen mehr. Statt dessen werden durch die Einwirkungen des Geistes in uns auf unsere Seele die Früchte des Geistes in ihr wachsen: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit (Gal. 5, 22).

Alle diese Heilungsprozesse aber werden sich immer in unserem Wandel äußern, abgelesen von unserer Umgebung, von Engeln wie von Menschen, denen wir ein ständiges Schauspiel sind, ein “theatron” (1. Kor. 4, 9). Darum schreibt Paulus in Eph. 5, 15: “Seht nun genau zu (wörtlich übersetzt müßten wir sagen: treibt es auf die Spitze), wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse”. Offenbar steht nur die Zeit unseres Erdenlebens in dieser Weise für den Heilungsprozeß der Seele zur Verfügung. Auch das Bleiben im Herrn und Sein Bleiben in uns ist davon abhängig, daß wir Seine Gebote halten, also recht wandeln (1. Joh. 3, 24). “Voll Geistes” werden wir nur sein können, wenn unsere Seele, ausgewiesen durch unseren Wandel, weitgehend heil geworden ist.

Da es sich bei dem Begriff “Heilung” immer zunächst um die Seele handelt, erkennen wir wohl klar, welches Gewicht Gott und die unsichtbare Welt gerade der Seele zumißt. Sie ist das Hauptmerkmal der Gottebenbildlichkeit, das allen anderen Himmelsbewohnern fehlt. Es gibt eine Reihe von Stellen, die sogar ihre Präexistenz vor dem Entstehen des Leibes vermuten läßt und die ihre Existenzfähigkeit auch getrennt vom Leibe eindeutig belegt.

So ist das biblische Bild der Seele als Mitte, wenn auch nicht als Spitze der Dreiheit des gottebenbildlichen Menschen unverkennbar bei Betrachtung aller Aussagen des Wortes Gottes über die Seele. Darum ist der Bereich der Seele und der Seelsorge im Leben der Gemeinde Jesu auf dieser Erde von hervorragender Bedeutung, ist, uns heilige Verpflichtung an uns selbst und am Nächsten.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1981; Paulus-Verlag; Heilbronn)

Bisher gibt es einen Kommentar zu “Das biblische Zeugnis von der Seele”

  1. 1 Markus (Samstag, 12. September 2009; 22:06): 

    Sehr gute und prächtige Ausführung zu diesem Thema.
    Es werden heilsgeschichtliche Hintergründe sowie logische Zusammenhänge deutlich, während schließlich auch auf praktische Auswirkungen in einem Christenleben eingegangen wird.
    Einige biblische Begründungen bleiben jedoch aus.

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
6 Besucher online