Allvernichtung?
Autor: Merz, Karl | Kategorie(n): Allversöhnung | 672 x gelesenAllvernichtung” — Diesen Ausdruck kannte ich früher nicht. Er ist mir erst jetzt begegnet.
Ich bekomme seit Jahr und Tag eine Zeitschrift “Philadelphia” zugesandt. Sie wurde vor mehr als 90 Jahren von dem bekannten Pfarrer Clöter begründet. Später übernahm sie Richard vom Baur. Nach dessen Heimgang übernahm sie der auch als Zeltevangelist bekannte Ernst Panzer. (Sie ist nicht mit dem gleichnamigen Blatt von Christian Röckle zu verwechseln.) — Ende des Jahres 1968 erschien darin ein Artikel mit der ungewöhnlichen Überschrift: “Tot, töter, am tötesten”. Ich stand unter dem Eindruck, daß es sich dabei um die Vernichtung der Gottlosen handle. Um aber sicher zu gehen, schrieb ich an Br. Panzer. Er antwortete mir: “In meinem Artikel ‘Tot, töter, am tötesten’ haben Sie mich schon richtig verstanden. In meiner Schriftforschung bin ich zu der Überzeugung der Allvernichtung gekommen … Von der Allversöhnung wissen wir ja, daß sie ein Kirchenvater Origenes ums Jahr 300 n. Chr. ersonnen und entworfen hat. Wer sie genau unter die Lupe nimmt, wird sehr bald das darin enthaltene ‘Menschenfleisch’ erkennen.”
Auffällig und überraschend an dieser Antwort von Br. Panzer war mir, daß er sich nicht nur zur “Allvernichtung” bekannte, sondern ebenso die Allversöhnung ablehnte. Denn beide Anschauungen werden nicht allgemein vertreten. Wer sich zu der einen oder anderen bekennt, gibt damit immerhin zu verstehen, daß er sich nicht in ausgetretenen Geleisen bewegt. Er wird dafür seine Gründe haben. Diese aber können nur der Schrift entnommen werden, wenn sie Gewicht haben sollen. Mein Anliegen ist es jedenfalls, daß wir von da aus einander zu verstehen und zu dienen suchen.
Die ganze Sache beschäftigt mich um so mehr, als neuerdings ein Buch von Professor Lamparter herausgekommen ist, betitelt “Die Hoffnung der Christen”, das sich auch mit solchen Fragen auseinandersetzt. Lamparter nimmt in einem Abschnitt Stellung sowohl zu der Allversöhnung wie der Endlosigkeit der Höllenstrafen (oder, wie er es nennt, zu dem “doppelten Ausgang der Menschheitsgeschichte”). Er kann sich weder für das eine noch für das andere entscheiden. So kommt er dann zu der Annahme der Vernichtung der Gottlosen.
Im einzelnen sagt Lamparter im Blick auf die Allversöhnung: “Erst im Pietismus ist die Auffassung, daß auch die Verdammten schließlich noch gerettet werden, mit Nachdruck und mit biblischen (!) Gründen wieder vertreten worden.” Lamparter nennt dann noch Namen wie Albrecht Bengel, Phil. Matthäus Hahn, Christoph Oetinger und Michael Hahn, auch Schleiermacher. Er hätte aus der neuesten Zeit hinzufügen können: Hartenstein, Böhmerle, Ströter usw. Dann fährt er fort (und umreißt damit die Stellung derjenigen, die an die Endlosigkeit der Höllenstrafen glauben): “Unbestreitbar lassen sich freilich auch gegen die Lehre von der Aliversöhnung gewichtige Gründe anführen. Da sind alle jene Stellen, die mit drohendem Ernst von einer letzten Verurteilung, ja von ewiger Verdammnis sprechen und einen doppelten Ausgang der Menschheitsgeschichte, ein Entweder-Oder von Himmel und Hölle, Heil und Verdammnis ins Auge fassen … Respektiert Gott nicht die Entscheidung des Menschen, der sich bewußt und trotzig gegen Sein Gnadenangebot verschließt?” (Frage des Schreibers dieses Artikels: Kann ein Mensch — hier und dort — seinen Willen nicht ändern, wenn er einsieht, daß er töricht gehandelt hat? Siehe Matth. 23. Dort spricht der Herr erst: “Ihr habt nicht gewollt!” Dann aber sagt Er von denselben Leuten, daß sie später sagen würden: “Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn”.)
Dann kommt Lamparter auf die Vernichtung der Gottlosen zu sprechen. Er sagt: “Von einem zweiten Tod ist die Rede, im Unterschied vom ersten Tod, den alle Menschen erleiden. Ein zweiter Tod ist nicht die Fortsetzung des Daseins in endloser Qual, sondern die endgültige, unwiderstehliche Auslöschung des Lebens.”
Vielleicht dürfen wir an das letztere anknüpfen. Wir wissen, daß manche Brüder erklären: Tod ist Tod, nämlich absoluter Tod. Aber stimmt dies mit der Schrift überein? Jesus hat doch in Matth. 10, 28 gesagt: “Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten.” Danach ist es möglich, daß jemandes Leib getötet werde, aber seine Seele weiter lebe. Godet sagt dazu in seiner Erklärung zu Römer 5, 12: “Der Tod ist das Denkmal einer göttlichen Verdammung; welche die Menschheit getroffen hat … Der Ausdruck ‘Tod’ wird in der Schrift in dreierlei Bedeutung genommen:
- Der physische Tod oder die Scheidung der Seele von dem Leib; infolge dieser Trennung von seinem Lebensprinzip fällt der Leib der Auflösung anheim.
- Der geistliche Tod oder die Scheidung der Seele von Gott; infolge dieser Trennung von ihrem
- Lebensprinzip verderbt sich die Seele in ihren Lüsten (Eph. 4, 22).
Der ewige oder andere Tod; dies ist in dem menschlichen Wesen die Vollendung der Scheidung von Gott, durch die Scheidung der Seele von dem Geist, dem Sitz der Seele für das Göttliche. Dieses höheren Prinzips, des ursprünglichen Elements der Seele beraubt, wird dann Leib und Seele eine Beute des Wurms, der nicht stirbt.”
Zu Godet sei noch bemerkt, dass nach 1. Kor. 15 auch vom Leib noch “etwas” übrigbleibt, nämlich ein Samenkorn, aus dem der Auferstehungsleib dann entwickelt wird. Im übrigen gilt, dass der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht, nämlich solange, als es noch etwas zu verzehren gibt und er noch etwas zu nagen hat.
Ganz klar ist mir die Lehre von der Vernichtung der Gottlosen nicht. Die einen Vertreter scheinen anzunehmen, daß nach dem Jüngsten Gericht alle diejenigen, die schuldig gesprochen werden, danach auch gleich vernichtet werden. Andere hingegen scheinen der Meinung zu sein, daß diese Schuldigen erst noch eine bestimmte Strafe abzubüßen haben (entsprechend dem Verhalten in ihrem Erdenleben); dann aber würde ihre Existenz ausgelöscht. Nur auf diesem Weg könne das Ziel von 1. Kor. 15, 28 erreicht werden, daß Gott alles in allem (oder: allen) sei.
Würde dies aber nicht den sittlichen Ernst der Menschen schwächen und den Eifer der Gläubigen lähmen, für die ewige Seligkeit zu werben? Oder läge uns viel daran, uns auf den “Himmel” vorzubereiten, dabei allerlei Opfer zu bringen und allerlei Schmach auf uns zu nehmen, wenn wir im gegenteiligen Fall “nur” vernichtet werden? Ob die anderen es gut und schön haben, würde mir nicht viel ausmachen, weil ich ja nicht mehr bin, also von alledem nichts weiß.
Es ist mir wohl bekannt, daß ähnliche Vorwürfe den Vertretern der Allversöhnung gemacht werden. Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß solches dann zu unrecht geschieht. Wenn auch wir zwar die Endlosigkeit, nicht aber die Höllenstrafen überhaupt ablehnen, so ergibt sich daraus eine völlig andere Lage. Nach unserer Auffassung wird jeder empfangen, nach dem er im Leibesleben empfangen hat, es sei gut oder böse. (Wir sehen hier von dem Zusammenhang jener Stelle in 2. Kor. 5, 10 ab und verwenden das Wort allgemein.) So lehrt uns die Schrift. Gott aber wird auch den, der ursprünglich widerstrebt hat, so führen, daß er zuletzt sagen wird: “Herr ist Jesus” und Ihn lobpreisend als solchen bekennen und anerkennen wird (Jes. 45 und Phil. 2).
Es bleibt bei Römer 11, 32: Alle werden als Ungehorsame eingeschlossen (eingesperrt), auf daß Er sich aller erbarme.
So gesehen, ist die Anschauung von der Allversöhnung eine Lehre, die allein zur Ehre Gottes gereicht und die allein des Menschen Herz und Vernunft gleicherweise befriedigt.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1970; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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