Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?

Autor: Ludwig, Rudolf  |  Kategorie(n): Heilsgeschichte, Lehre  |  669 x gelesen

Wir kennen das Buch Hiob. Hiob ist kein Israelit, das Buch handelt nirgends von Israel, auch die auftretenden Sprecher sind Nichtisraeliten. Das Buch hat auch nichts mit dem mosaischen Gesetz oder Glauben zu tun. Es tritt also ganz aus der israelitischen Richtung der anderen Bücher des AT heraus. Das Buch ist also in erster Linie für Nichtisraeliten, die Nationen bestimmt, also an uns gerichtet, wie im NT die paulinischen Briefe. So besteht denn auch zwischen Hiob und Paulus eine gewisse Verwandtschaft, wie wir sehen werden.

Wir wollen nun heute über eine besondere Lehre sprechen, die uns im Buch Hiob wie auch in den Paulus-Briefen von Gott erteilt wird. Bei Hiob liegt der Keim, die Wurzel, die Offenbarung dieser Lehre Gottes; bei Paulus die Entfaltung, Krone und Erfüllung derselben. Zwischen beidem liegt die Erlösungstat unseres Herrn Jesu Christi!

Das Generalthema bei Hiob sowohl als auch bei Paulus lautet: Wie kann der Mensch gerecht sein vor Gott? Und die Antwort bei beiden ist, zunächst kurz gesagt: Die Gottesgerechtigkeit und damit die Gotteserkenntnis erhält der Mensch nur durch eine Wundertat, eine Selbstoffenbarung Gottes!

Zunächst Hiob:

Dreimal finden wir in diesem Buch die Frage: Wie kann der Mensch gerecht sein vor Gott? (4, 17; 9, 2; 25, 4.) Hiob ist der Typ des ehrlichen, gottesfürchtigen frommen Menschen und Gottsuchers, was wir ja auch mal waren oder vielleicht noch heute sind. Hiob kannte Gott sogar besser als mancher Christ von heute. Davon zeugen z. B. schon Hiobs Aussprüche: “Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt!” Oder: “Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?” Auch konnte er mit einer Reihe guter Werke aufwarten: 1, 21; 2, 10.

Aber dennoch musste er in Gottes Schule, um zu seiner scheinbar guten Gotteserkenntnis noch etwas, und zwar das Nötigste, hinzu zu bekommen, nämlich: die persönliche Selbstoffenbarung Gottes an ihn! Da erst kam der Durchbruch, das Gerechtsein vor Gott und die wahre Gotteserkenntnis! Er bricht in die Worte aus: “Ja, jetzt erkenne ich, dass du alles kannst; von allem, was du willst, ist dir nichts verwehrt. Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen, doch jetzt sieht dich mein Auge selbst.” Gott hatte ihm eine grandiose Naturbeschreibung gegeben, die ihm das Walten der göttlichen Weltordnung zeigte. Da sah er, dass alles zu seiner Zeit und an seinem zugehörigen Platz erfolgt; alles ist in der wunderbarsten Weise aneinander und ineinander gefügt, und alles hat seinen göttlichen Hintergrund. Wie darf sich da der Mensch anmaßen, die Handlungen Gottes beurteilen oder gar richten zu wollen! Wenn Gott in seiner Allmacht alle Erscheinungen der Natur so wundervoll geordnet hat, so wird auch das Schicksal eines jeden Menschen, der Völker, ja der ganzen Menschheit ein göttliches Endziel haben, das der natürliche Mensch in seiner kurzsichtigen und fleischlichen Beurteilung solange nicht erkennen kann, bis er eine Selbstoffenbarung Gottes erlebt und dann erst in die Gedankenwelt Gottes eindringen kann.

Gott hat sein Ziel mit Hiob erreicht und wird es auch bei jedem Menschen erreichen! Alles, was der Schöpfer und Erhalter des Weltalls tut oder zulässt, ist wohlgetan und hat seinen göttlichen Zweck; sein Ziel im Rahmen des Gesamten ist das Gute im göttlichen Sinne, die Errettung aus Sünde und Tod!

Und dann: Haben die vielen langen und lehrreichen Ermahnungen der drei Freunde Hiobs diesem etwas genützt? Nein! Sie waren wohl zum Teil gut gemeint, aber nur nach Menschenweise! Gott selbst sagt ja über sie, dass sie nicht recht von Gott geredet hätten.

Also: Weder die Selbstgerechtigkeit Hiobs und seine guten Werke, noch die vielen Belehrungen seiner drei Freunde konnten die Gottesgerechtigkeit des Hiob bewirken! Der geistvolle Elihu dagegen verherrlichte nur Gott, er war der Mittler zu Gott hin. Doch nur einzig und allein die Selbstoffenbarung Gottes an Hiob konnte dessen Gerechtigkeit erwirken, und zwar ganz unabhängig vom Menschen Hiob. —

Übrigens zweigt sich zur Zeit der Geschichte des Hiob die Reichsgottesgeschichte in die zwei Teile ab:

1. Das Volk Israel. Es hat sein eigenes Gesetz, seine eigenen Propheten und seine eigene Volksgeschichte. Der Typus dieses Volkes ist Abraham. Da ist zu beachten, und das gehört mit zum Gedanken des Themas: Dies Volk würde auf Erden gar nicht da sein oder existieren, denn es ist nicht auf natürlichem Wege gezeugt worden, wie das bei den anderen Menschen der Fall ist, sondern der Gang der Natur ist hier von Gott durchbrochen worden, indem ER den Keim zu diesem Volke erst ins Leben rief. Also auch hier eine Wundertat Gottes. Denn beide, Abraham und sein Weib, waren zu der Zeit bereits unfruchtbar (Röm. 4, 19; Hebr. 7, 11). —

2. Die Heidenvölker. Diesen galt besonders das Buch Hiob, welches lehrte, was für sie bezüglich göttlicher Dinge nötig war. Sogar auf den zukünftigen Erlöser weist ja Hiob schon hin, indem er sagt: “Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und später auf der Erde sich erheben wird. Und nachdem meine Hülle zerstört ist, werde ich — ohne mein Fleisch — Gott schauen. Ich werde ihn schauen — mir wohlgesinnt; meine Augen werden ihn sehen und zwar nicht als Feind. Danach schmachtet meine Sehnsucht im Busen” (19, 25). —

Woher hatte wohl Hiob solches Wissen? Einerseits durch mündliche Überlieferung des Urevangeliums vom Weibessamen aus dem Paradies durch seine Väter. Andererseits aber auch aus der Bilderschrift der Symbolik des Sternenhimmels, des sog. Tierkreises, an dem die äonische Absicht und Macht Gottes erschaut werden kann. Denn die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes (Röm. 1, 19; Ps. 19, 1). Und 5. Mose 4, 19.20 heißt es, dass Gott den Nationen (nicht Israel!) den Sternenhimmel zur Offenbarung seines göttlichen Willens zugeteilt habe. Israel dagegen hat er sein Gesetz, die Propheten und seine unter göttlicher Führung stehende Geschichtsoffenbarung gegeben. So enthalten denn auch die zwölf Sternbilder des Tierkreises den Erlösungsplan Gottes. Ich verweise hier nur auf das Sternbild der Jungfrau mit dem Zweig, dem Spross. Gerade im Buch Hiob wird auf mehrere der Sternbilder Bezug genommen. Wir sehen ja auch an den drei Weisen aus dem Morgenlande, dass sie aus den Sternen ihre Kenntnis vom Erlöser abgelesen hatten und zwar auch ganz richtig. Leider wird ja derartiges heute nicht mehr beachtet, und wir können hier auch nicht weiter darauf eingehen.

Hiob ist also im Gegensatz zu Abraham ein Typus oder Vorbild für die Nationenwelt. — Damit wollen wir nun Hiob verlassen.

Zwischen Hiob und Paulus liegt, wie schon gesagt, die Wundertat Gottes: die Stiftung des Versöhnungswerkes für die gesamte Menschheit. “So sehr liebte Gott die Welt, dass er seinen einziggezeugten Sohn gab, auf dass die Welt durch ihn erlöst und gerettet werde” (Joh. 3, 16.17; 12, 47). — Der Gottessohn entäußerte sich seiner Herrlichkeit, die er vor dem Werden des Kosmos beim Vater hatte. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, zum Tode des Kreuzes! Darum hat Gott nach von ihm bewirkter, glorreicher Auferweckung ihn auch hoch erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, und dieser ist: KYRIOS — Allherr oder Herr des Alls (Joh. 17, 5; Phil. 2, 6-11)! —

Zuerst also tat Gott etwas zur Rettung des Kosmos!

Wir gehen nun zu Paulus über. Paulus ist nicht Jude, sondern aus dem Stamm Benjamin. Wie schon gesagt, besteht zwischen Hiob und Paulus eine gewisse Verwandtschaft. Auch Paulus war, wie Hiob, zunächst fromm, gottesfürchtig und selbstgerecht, indem er auf Fleisch sein Vertrauen setzte. “In der gesetzlichen Gerechtigkeit untadelig”, wie er selbst sagt (Phil. 3, 4-6); er ist durchaus kein Sünder nach Menschenmeinung. Das war und blieb bei Paulus so, bis es Gott gefiel, ihm seinen Sohn auf dem Wege nach Damaskus zu offenbaren (Gal. 1, 15.16). Da umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel, und er stürzte zur Erde und hörte eine Stimme. Das war die Stimme des Herrn (Apg. 9, 3-6).

Also auch hier ist wie bei Hiob erst eine Gottesoffenbarung nötig, um die Gotteserkenntnis zu erlangen, eine Gnaden- und Wundertat Gottes. Diese Gottestat geschah aber nicht nur um des Paulus willen, sondern er wurde zugleich von Gott ausgesondert und bestimmt, dass er den Sohn den Nationen verkünden sollte (Gal. 1, 16).

Wir kommen nun zu der für uns so wichtigen Frage: Wie und wodurch kann nun der einzelne Mensch persönlich gerecht werden vor Gott? Paulus gibt uns die Antwort darauf (Röm. 3, 28): Denn wir urteilen, dass ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke. — Das ist ein schwerwiegendes Wort!

Zunächst: Der Weg, den Gott einschlägt, damit Menschen zu diesem Glauben kommen, geht über den Dienst der Versöhnung, denn: der Glaube erwächst aus der Botschaft, und die Botschaft erfolgt auf Grund des Wortes Christi (2. Kor. 5, 28; Röm. 10, 17).

Also: Im Glauben wird der Mensch gerecht gesprochen, ganz ohne Werke! Wir erwähnen noch einmal Hiob. Wie kam er zum Glauben? Nur durch eine Selbstoffenbarung, eine Wundertat Gottes! Und wie kam unser Vorbild, Paulus, zum Glauben? Auch nur durch eine Selbstoffenbarung, ein Wunder Gottes! Ganz genau so verhält es sich auch mit den Menschen in der jetzigen Gnadenzeit. Auch wir können nur zum Glauben und zum Annehmen der von Gott in Christo angebotenen Versöhnung durch ein Wunder Gottes kommen — und das ist: die Verleihung des Heiligen Geistes! Einen anderen Weg gibt es nicht!

Der gefallene Mensch hat keinen freien Willen mehr, er kann sich nicht mehr von sich aus für das Göttliche oder Geistliche entscheiden. Das liegt in Adam begründet, dem Stammvater der Menschheit.

Adam wurde von Gott zur lebendigen Seele (Wesen) erschaffen (1. Kor. 15, 45). In diesem Zustande hatte er zwar nicht den Heiligen Geist Gottes, aber es war der Zustand der reinen Unschuld, der Sündlosigkeit und Unsterblichkeit. Ein Zustand, in dem wir nie gewesen sind, und den wir nie kennen gelernt haben. In diesem Urzustand konnte sich Adam frei für das Gute oder Böse entscheiden, für oder gegen Gott. Trotz Androhung der Folgen entschied er sich aber gegen Gott und wurde damit zum Sünder und Gottesfeind. Er geriet damit aber auch unter die Herrschaft seines Verführers und Gottesfeindes, Satan, und mit ihm seine gesamte Nachkommenschaft. Von da ab hatte Adam, einschließlich seiner Nachkommen, keinen freien Willen mehr, er konnte sich nicht etwa noch nachträglich für Gott entscheiden. Der Mensch kann nun von sich aus nicht mehr annehmen und glauben, was geistlich oder göttlich ist; es ist das für ihn vielmehr nur eine Torheit (1. Kor. 2, 11)! Darum begreift niemand das, was göttlich ist, als eben der Geist Gottes. Das im reinen Zustand befindliche Wesen, Leib und Seele, war unsterblich; infolge der Sünde aber wurde es, Leib und Seele, sterblich (Hes. 18, 4.20 u. a).

Dagegen steht nun der zweite Adam, Jesus Christus, der Gottes- und Menschensohn. Auch Jesus war als Mensch im Urzustande Adams eine lebendige Seele, im Stande der Unschuld, ohne Sünde, unsterblich. Das war, als Johannes im Auftrag Gottes öffentlich auftrat und die Bußtaufe zur Sündenvergebung verkündete. Er ließ sich taufen und betete. Und siehe: Da wurden die Himmel aufgetan und er sah Gottes Geist, wie eine Taube herabfahren und auf ihn kommen.

Auch hier geschieht also das Gotteswunder, die Selbstoffenbarung Gottes durch Verleihung seines Geistes (Matth. 3, 2.15).

Wie viel mehr haben wir das nötig, die wir ja, wie Luther so treffend in der Erklärung zum dritten Artikel sagt: nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum glauben oder zu ihm kommen können; sondern der Heilige Geist hat uns durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt.

Das Glaubenkönnen oder Zum-Glauben-Kommen oder Gläubigwerden ist nicht etwa eine Eigenleistung des Menschen, des eigenen Ich, sondern wird erst von Gott im Menschen gewirkt! Wir tun da nicht etwas, sondern Gott ist der Handelnde! Wir dürfen unsern Glauben nicht so verstehen, als ob Gott statt der vielen Gesetzeswerke nun nur noch ein Werk, unsern Glauben, von uns verlange. Dann wäre unser Glaube ja auch nur ein Werk, unser Eigenwerk! Das wäre, genau genommen, ein Glaube an unsern Glauben. Wenn der seelische (natürliche) Mensch mit seinem Verstand glauben und die Dinge Gottes erkennen könnte, dann wäre ja die göttliche Gabe des Heiligen Geistes gar nicht nötig.

Nein! Der Glaube ist nicht die Vorbedingung unserer Errettung, sondern das innere Erlebnis derselben! Zuerst gibt uns Gott seinen Geist nach Maß (Röm. 12, 3b). Das ist ein Akt göttlicher Gnade, der an uns ohne Rücksicht auf unser Laufen oder Wollen oder unsere Sünde vollzogen wird. Nun erst können wir glauben durch oder mit diesem Geist. Das ist die Auswirkung der göttlichen Gnade! Der Glaube ist das Mittel, dessen sich Gott bedient, um den Menschen seine Versöhnung und Errettung erfahren zu lassen. Dass der natürliche, alte Mensch, unser eigenes Ich, nicht glauben kann, geht ja schon aus der Korintherstelle 2, 14 klar hervor: Der natürliche Mensch nimmt die Aufschlüsse des Geistes nicht an, denn Torheit sind sie ihm, er kann sie nicht erkennen, weil sie nur geistlich erkannt werden können. Gottes Dinge erkennt nur der Geist Gottes (1. Kor. 2, 11). — Vor allem Erkennen des Menschen liegt das Erkanntsein von Gott (Gal. 4, 9); und vor und über allem menschlichen Ergreifen das Ergriffensein von Christus (Phil. 3, 12). —

“Ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes” (1. Kor. 6, 11). Der Glaube ist der Glaube der Wirksamkeit Gottes (Kol. 2, 12). Jesus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr. 12, 2). — “Er hat das gute Werk in uns angefangen” (Phil. 1, 6). “Seine Tat sind wir, geschaffen in Christo Jesu” (Eph. 2, 10). “Gott ist es, der in euch wirkt das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen” (Phil. 2, 13). “Der uns aber auf Christus gegründet und gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt und das Pfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat” (2. Kor. 1, 21.22). “Der uns aber hierzu bereitet hat, ist Gott, der uns das Pfand des Geistes gegeben hat” (2. Kor. 5, 5). — “Danksagend dem Vater, der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen im Licht, der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und uns versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe” (Kol. 1, 12). —

Schon diese Schriftstellen genügen zum Beweis für die auch von mir schon jahrelang vertretene Lehre, dass das Glaubenwollen und -können nicht ein Werk unseres Ich, des alten Menschen ist, sondern allein und ausschließlich die Wirkung Gottes bzw. des uns von Gott zuvor gegebenen Heiligen Geistes. Keiner kann von sich aus sagen: Ich habe geglaubt! Oder: Ich habe mich bekehrt! Alles ist allein Gottes Tat und Gnade! So ist Gnade das freie, unmittelbare Eingreifen, Handeln und Sichgeben Gottes gegenüber dem Menschen, das gänzlich unabhängig ist von irgendwelchen guten oder schlechten Handlungen oder Unterlassungen des Menschen. —

Zum Überfluss möchte ich zum Beweis dafür, dass die eben vorgetragene Wahrheit nicht etwa nur persönliche Ansicht oder Liebhaberei von mir ist, die Brüder noch mit fünf Zeugnissen hervorragender Theologen und Universitätsprofessoren (darunter mehrere Bibelübersetzer) bekannt machen:

  1. Th. Zahn, Erlangen: “Paulus hat sich wohl gehütet, auch nur ein einziges Mal den Glauben des Menschen als Grund der Rechtfertigung zu bezeichnen.”
  2. Deissmann, Berlin: “Der Glaube ist nicht die Vorbedingung der Rechtfertigung, er ist das Erlebnis der Rechtfertigung.”
  3. A. Weiss, Berlin: “Der Glaube darf nicht so missverstanden werden, dass Gott statt der vielen Werke des Gesetzes jetzt nur ein einzelnes Werk, den Glauben, verlangt, so dass dieser Glaube auch wieder ein Tun wäre und unter die Kategorie der Werke fiele. Er ist eben keine Art menschlicher Leistung, durch die man sich bei Gott irgendetwas beschaffen oder verdienen, irgendeinen Ruhm erlangen könnte. Als Gegensatz aller menschlichen Leistung ist der Glaube ein Verzichtleisten auf alles eigene Tun und Erwerben.”
  4. Paul Feine, Wien: “Der Glaube ist nicht eine Leistung des Menschen, denn der Glaube wird von Gott im Menschen gewirkt und zwingt den Menschen, ganz von sich abzusehen. Der Heilsglaube ist niemals eine Leistung, sondern immer das Gegenteil aller Leistung. Es kommt nicht auf ein Tun an, sondern auf ein Erleiden. Gott ist der allein Handelnde.”
  5. W. Michaelis, Bern: “Dieser sagt, dass der Glaube als Wirkung der göttlichen Gnade das Mittel ist, dessen sich Gott bedient, um den Menschen seine Rechtfertigung erfahren zu lassen. Der Glaube ist keine Leistung des Menschen, sondern ein Geschenk Gottes; aber nicht: statt der Werke des Gesetzes das sublimierte (verkürzte oder verfeinerte) Werk des Glaubens — sondern: statt irgendwelcher Leistungen des Menschen allein die souveräne (freiherrschende) Gnade Gottes. Der Glaube ist die von Gott geweckte Gewissheit.” — Soweit diese fünf Zeugnisse.

Dennoch wollen wir zum Abschluss dieses Gedankens noch einige Bibelstellen bringen. Luk. 10, 22 sagt Jesus: “Niemand erkennt, wer der Sohn ist als nur der Vater, und wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.” — Apg. 3, 16: “… und der Glaube, der durch Jesus gewirkt ist.” — Nach Apg. 13, 48 kommen nur die zum Glauben, “die zum äonischen Leben verordnet sind.” — Apg. 15, 9: “Gott reinigt durch den Glauben die Herzen.” — 1. Kor. 4, 7: “Wir haben nichts, was uns nicht zuvor von Gott gegeben wurde.” — 2. Thess. 2, 13.14: “Gott erwählt und beruft.” – Offb. 3, 9: “Ich (Jesus) werde sie dazu bringen, dass sie kommen und anbeten und erkennen.” Nach 1. Kor. 12, 9 wird der Glaube durch den Geist verliehen. — Nach Gal. 5, 22 ist der Glaube die Frucht des Geistes. — Nach Eph. 1, 19 glauben wir infolge der Wirkung der Macht Seiner Stärke. — 2. Kor. 3, 5.6: “Nicht, dass wir von uns aus befähigt wären, etwas ins Werk zu setzen, als ob wir es ausgedacht hätten, sondern unsere Befähigung stammt allein von Gott!”

Nach alledem hängt es nicht davon ab, ob einer will (dass Gott sich seiner erbarme) oder läuft (um dies zu erreichen), sondern allein von Gott, ob ER sich erbarmt (Röm. 9, 16; 2. Kor. 4, 6). Denn Gott, der (wie bei der Schöpfung) sprach: “aus der Finsternis leuchte Licht”, ist es, der auch Licht in unseren Herzen schuf, so dass uns erstrahle die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht des Christus. — “Durch die Gnade seid ihr errettet worden, mittelst des Glaubens, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht infolge von Werken, auf dass sich nicht jemand rühme” (Eph. 2, 8.9)! — “Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist unmöglich gemacht” (Röm. 3, 27)! — Alles ist Gnade! 82-mal benutzt Paulus dies Wort!

Nun verstehen wir auch besser, warum Paulus von Erwählten und Erwählung spricht. Gott erwählte, heißt es dreimal. Ebenso ist es auch mit Berufung (Ruf, Zuruf) und Berufenen. Gott hat berufen! Gott hat uns auch vorausbestimmt (1. Kor. 1, 27.28; Eph. 1, 4; 2. Tim. 1, 9; Röm. 8, 28-30; Eph. 1, 5-11). —

Nach 1. Kor. 4, 13 ist es der Geist des Glaubens, d. h. der Geist, der uns zum Glauben bringt, zur Rechtfertigung des Lebens. Gerechtfertigt durch den Glauben in Christo Jesu (Röm. 5, 18; Gal. 2, 17; Kol. 1, 4). — 15-mal ist bei Paulus vom Glauben in Christo Jesu die Rede. Eph. 1, 13: “… in dem auch ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, das Evangelium eurer Errettung, in dem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung”. Glauben und Versiegelung fällt zeitlich zusammen; Versiegelung ist Begabung. Diese Versiegelung ist unsere eigentliche Taufe (Eintauchung, Färbung und Begabung). “Er aber wird mit Heiligem Geist taufen” (Mark. 1, 8). Bei unserer Taufe handelt es sich nicht um natürliches Wasser, sondern um “lebendiges” Wasser (Joh. 4, 10). — Bei unserer Versiegelung wird uns der Charakter der Zugehörigkeit an den Versiegelnden aufgeprägt. Wir empfangen den Geist, der aus Gott stammt, damit wir zu erkennen vermögen, was uns alles von Gott geschenkt worden ist. Denn niemand begreift, was göttlich ist, als allein der Geist Gottes (1. Kor. 2, 11.12).

Diese Verleihung des Geistes an uns ist also das Gotteswunder, es ist die neue Schöpfung aus dem Nichts! Nicht etwa wird das Neue aus dem Alten gemacht, denn das gilt vor Gott als abgetan. Wir haben, menschlich gesprochen, einen neuen Sinn dazu erhalten, den wir vorher noch nicht hatten. Es war Gott, der das, was nicht ist, ins Dasein ruft und das, was er schon vor den Äonen gewollt und zugesagt hat, auch zu tun imstande ist (Eph. 1, 4.5; Röm. 4, 17.21; 2. Kor. 5, 17.18). “Ist jemand in Christo, ist er eine neue Schöpfung; das Alte wurde übergangen (beiseite gesetzt). Siehe, Neues ist entstanden! Das alles aber (stammt) aus Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus.” —

Vor dem Kommen des Glaubens aber wurden wir zusammen eingeschlossen auf den Glauben hin, der künftig offenbar werden sollte (Gal. 3, 23). Das Offenbaren bezeichnete hier nicht ein aufklärendes Belehren, sondern ein Tun bzw. Geschehen seitens Gottes.

Wir sind von Gott erkannt worden (Gal. 4, 6; 1. Kor. 13, 12). “Der Herr erkannte die Seinen” (2. Tim. 2, 19). Im voraus hat er uns erkannt (Röm. 8, 29). Erkennen heißt: sich auf innigste verbinden; es ist eine Tat Gottes, die von ihm aus geschieht, bei der er sich mit dem Menschen verbindet mittels des Heiligen Geistes.

Welchen Wert die Schrift gerade auf diese hier so ausführlich begründeten Gedanken legt, zeigt uns Röm. 8, 29.30: “Die Gott zuvor ausersehen hat, die hat er auch im voraus dazu bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, so dass Christus der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist. Die er aber im voraus bestimmt hat, die hat er auch berufen; und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gesprochen; die er aber gerecht gesprochen hat, die hat er auch verherrlicht!” In nur zwei Versen wird hier achtmal betont, dass ER (Gott) überall der Handelnde am Menschen ist!

Und der Name, den Gott durch Paulus dieser erwählten, berufenen und vorausbestimmten Gesamtheit gibt, ist Ecclesia! Das sind zwei Wörter: ek und klesia. Klesia = Ruf, Zuruf, Berufung; ek = aus, heraus. Also: herausgerufen, herausberufen, d. h. als Einzelne aus der Gesamtmenschheit. 62-mal hat Paulus dies Wort. Neunmal sagt er: die Ecclesia Gottes.

Dieselben Grundsätze gelten übrigens auch für das irdische Reichsevangelium, über das wir zwecks Gegenüberstellung wenigstens noch das Nötigste sagen wollen, denn es besteht da immerhin ein gewisser Parallelismus zwischen dem Evangelium der Gemeinde und dem Reich, nur dass hier das Irdische, dort das Himmlische charakteristisch, das Geistliche aber beiden gemeinsam ist. Zunächst hatte ja Gott im AT allgemein das Volk Israel, d. h. alle 12 Stämme für das von den Propheten, Jesus und den Reichsaposteln angekündigte Gottesreich auf Erden (das 1000-jährige Reich der Offenbarung) bestimmt. Nachdem aber dies Volk nach der wunderbaren Errettung aus Ägypten seinen Gott verleugnete und sprach: “Wir haben keinen Gott, der vor uns herzieht” und sich ein Kalb machte und es anbetete und ihm opferte – da band sie Gott strafweise mit der Wiederholung des Gesetzes (das 5. Buch Moses) und legte ihnen damit schwere Lasten auf. Und als das Volk Gott abermals erzürnte, hat er ihnen in der Wiederholung des Gesetzes noch eine Blindheit, würdig ihrer Werke, dazu gegeben und gesagt: “Verflucht ist jeder, der am Holze hängt!” (5. Mose 21, 23; Gal. 3, 15), auf dass, wenn Christus kommen würde, sie sich nicht zu ihm halten könnten, sondern glauben müssten, er wäre zum Fluche verdammt! Später erfolgte dann im göttlichen Auftrag durch Jesaja endlich die Verstockung des Volkes auf Zeit als göttliches Strafgericht im Jahre 738 v. Chr. Diese Verstockung Israels wird bestehen bleiben bis zur Entrückung der Gemeinde (Röm. 1, 25.26), d. h. bis zum Beginn der letzten Zeit. Mit der dann erfolgenden Aufhebung der Verstockung tritt aber nicht etwa automatisch ein allgemeines Gläubigwerden des Volkes ein, sondern nur die Verstockung, das Nichtverstehen-Müssen ist aufgehoben. Wir wissen aber aus Matth. 24; 2. Thess 2, 10-12 und der Offenbarung, dass ein Teil von Israel sich einst in der letzten Zeit gegen Gott und seinen Christus entscheiden wird und nur ein Teil für Christus. Erst beim Kommen des Herrn zur Erde am Ende der letzten Zeit (Offb. 19, 11) wird dann der noch lebende Teil des Volkes gerettet werden — soweit er sich nicht dem Tier ergeben hatte. (Gegenstück: Jesaja 25, 7.) Das hier Gesagte wird zum allgemeinen Verständnis genügen.

Nun sagten wir vorhin, dass zwischen dem Evangelium vom Reich und dem von der Gemeinde eine Parallele bestünde. Diese betrifft die Erwählung, die es auch innerhalb des Reichsevangeliums gibt. Israel hat eine doppelte Bestimmung: eine zum Bösen, zum Fluch, und eine zum Guten, zum Segen. Schon Moses hat ja dem Volke Fluch und Segen vorgelegt (5. Mose 11, 26).

Über diese Bestimmung zum Bösen haben wir ja schon gesprochen. Nun noch einige Worte über die Bestimmung des Volkes zum Guten: Gerade aus dem verstockten Volk heraus werden von Gott diejenigen erwählt, die im künftigen Äon innerhalb dieses Volkes auf Erden im 1000-jährigen Reich mit Christus herrschen sollen. Diese Erwählungen geschahen schon im AT, dann zur Zeit Jesu und der Reichsapostel und werden wieder geschehen in der letzten Zeit (vgl. Hebr. 11; Offb. 7, 1-8; 20, 4-6). Es sind das die Gläubigen der Reichsgemeinde, auserwählt für den künftigen Äon, um die dann lebenden Völker zu Gott zu führen, “denn … in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde”.

Das ist die Parallele! In beiden Haushalten nur Erwählung! Auch diese sind ausschließlich Wundertaten Gottes. So kamen auch die Jünger erst zum wahren Glauben durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten (zu diesem Gedanken vgl. Matth. 11, 27; 16, 17; Joh. 6, 27.44.47; 8, 47; 14, 6.7; 15, 16; Hebr. 2, 12). — Ebenso wird es einst mit dem Überrest des Volkes Israel sein beim Kommen des Herrn zur Erde: “Danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch” — “Ich werde meinen Geist in euer Inneres geben, und ich werde machen, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut.” Demnach auch hier: “Nicht durch menschliche Kraft und nicht durch menschliche Macht, sondern durch meinen Geist!” (Joel 2, 28; Hes. 36, 27; Sach. 4, 6).

In beiden Haushalten gibt es nur Erwählte in freier Gnadenwahl Gottes, ganz unabhängig vom Wollen oder Nichtwollen des Menschen! —

Und wozu geschehen diese Erwählungen? Zum göttlichen Dienst in den künftigen Äonen! Dieser Dienst wird für die Gläubigen des Reiches irdischer und für die Gemeinde himmlischer Natur sein. Es handelt sich für uns nicht etwa nur um ein allgemeines Seligsein nach Wunsch, sondern um künftigen Dienst, nämlich Errettungsdienst! Von diesem Dienst der verherrlichten Gemeinde schreibt Paulus 1. Kor. 6, 2.3, dass die Heiligen den Kosmos und die Engel richten werden, natürlich unter Leitung des Hauptes Jesus Christus, des Allherrn. Also: Erwählung, und das zum künftigen Dienst.

Herausgerufen aus diesem Äon und damit zum Besitz äonischen Lebens gelangt, zum lebendigen Dienst in den Äonen! Äonisches Leben zu äonischem Dienst! Das ist und bedeutet äonisches Leben!

Nach Abschluss des gegenwärtigen Äons, wenn der Herr zur Erde kommt, wird niemand mehr äonisches Leben erhalten, wohl aber Leben in Gott durch Jesus Christus! In diesem Äon hat sich Gott nur erst seine Arbeiter und Gehilfen für die kommenden Äonen für Erde und Himmel erwählt, dann erst kommen die anderen dran!

Gottes Erlösungsplan ist voll Weisheit auf das wechselvolle Erkennen und Nichterkennen seines Christus aufgebaut; das Erkennen ist aber nur durch eine Wundertat Gottes, die Gabe des Heiligen Geistes, möglich!

So ist alles Gnade Gottes durch Jesus Christus, unsern Herrn! Wollen wir schließen mit dem Lobpreis Gottes Röm. 11, 33-36:

“Welch eine Tiefe des Reichtums an göttlicher Weisheit und Einsicht! Wie unerforschlich sind seine Entscheidungen und wie unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas gegeben und es würde ihm nur zurückerstattet werden? Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge!”

IHM SEI EHRE FÜR DIE ÄONEN! AMEN!

(Quelle: Unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)

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