Werdet zur Fülle gebracht im Geiste
Autor: Liede, Friedrich | Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Heiliger Geist, Heiligung | 619 x gelesen“Werdet zur Fülle gebracht im Geiste, dadurch dass ihr zu euch selbst redet in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, dadurch dass ihr singet und spielet dem Herrn in euren Herzen, dadurch dass ihr danksaget allezeit für alles dem Gott und Vater im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dadurch dass ihr einander Untertan seid in der Furcht Christi” (Eph. 5, 18-21; wörtlich).
Die vornehmste und wichtigste Aufgabe, die unser Herr durch Seinen Heiligen Geist in unserem jetzigen Zeitlauf durchführen lässt, ist die Zubereitung Seiner Gemeinde, die Er sich vor Grundlegung der Welt auserwählt hat (Eph. 1, 3). Es handelt sich nicht darum, dass diese Auserwählten “selig” würden, sondern dass die Sehnsucht des Herrn, als des Hauptes, erfüllt wird, durch die Vereinigung mit Seinem “Leibe” zur Fülle, zur Vollendung zu gelangen (Eph. 1, 25), damit Er dann als “der Christus” fortfahren könne, alles, d. h. das All, unter Sein Haupt und Seine Herrschaft zu bringen (Eph. 1, 10). Die Gemeinde soll also den Leib des Christus bilden und ihn zu Seiner Fülle (pleroma) bringen — gleichzeitig muss deshalb aber die Gemeinde sowohl als Ganzes wie jedes ihrer Glieder zur Fülle gebracht werden. Das durchzuführen ist die Aufgabe des Heiligen Geistes. Er will mit überströmender Wirkung jeden Einzelnen bis zur Erreichung des Vollmaßes erfüllen. Das meint Paulus mit den Worten, die wir an den Anfang unserer Betrachtung gestellt haben und die man gewöhnlich übersetzt: werdet voll Geistes (Luther), oder: werdet mit dem Geiste erfüllt (Elberf.).
Damit ist das Vollendungsziel jedes einzelnen zum Leibe des Christus gehörenden Gliedes umschrieben. Die Erreichung dieses Zieles ist vorbildlich für die Erlösung der gesamten Menschheit, ja des ganzen Kosmos. Wenn die Gemeinde bis zur Erreichung des Vollmaßes mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden soll, bis sie das Reifestadium des erwachsenen Mannes, das Maß des vollendeten Wuchses zur Aufnahme der Fülle des Christus (Eph. 4, 15) erreicht hat, so gilt dies auch für die ganze Menschheit, ja die ganze Schöpfung, die in den kommenden Äonen freigemacht werden soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm. 8, 21), und die in dasselbe Leben hineingezeugt werden soll (1. Tim. 6, 15). So ist Weg und Ziel der Heiligung der Gemeinde an den Besitz und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes gebunden.
Während die Menschwerdung des Heilandes, Sein Leiden, Sterben und Auferstehen und die damit erwirkte Sündenvergebung vom Verstand des natürlichen Menschen gerade noch erfasst werden kann, wenn unter dem Wort der Verkündigung eine erste Erleuchtung erfolgt, so gilt vom Heiligen Geist, sowohl von seinem Wesen an sich (als Offenbarung Gottes) als auch in Seiner Bedeutung für den Gläubigen das Wort des Paulus: “Der natürliche Mensch vernimmt oder fasst nicht, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich (pneumatisch) beurteilt wird” (1. Kor. 2, 11). Aber von sich und den wirklichen Gemeindegliedern sagt Paulus: “Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf dass wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind — der Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit” (1. Kor. 2, 12 und 10).
Bei unserem Thema handelt es sich nun nicht um die Tiefen Gottes, sondern um die Erfüllung des Menschen mit dem Geist und die Erreichung der Fülle im Geist. Um das Wesen dieses Vorganges zu erfassen, bedarf es zunächst einer klaren Unterscheidung des menschlichen Geistes vom Heiligen Geist. Denn der natürliche Mensch hat auch Geist (er besteht aus Leib, Seele und Geist), aber er hat nicht heiligen Geist. Der menschliche Geist ist zwar auch eine Gabe Gottes, die dem Menschen bei der Erschaffung durch die Einhauchung Gottes vermittelt wurde (1. Mose 2, 7). Der eingehauchte Odem oder Geist des Lebens ist zur natürlichen Geistesanlage im Menschen geworden, wodurch sich seine Seele grundmäßig von der Tierseele unterscheidet. Dieser Geistesgrund erleuchtete den Menschen des Paradieses, befähigte ihn z. B. auch zur Namengebung der Tiere, ermöglichte ihm einen direkten Umgang mit Gott, aber der Heilige Geist, der Geist der Herrlichkeit und Gottes war noch nicht in ihm. Er sollte ihn aber noch in einer Art geistiger Zeugung empfangen, wobei Gott der Zeugende und der Mensch, d. h. sein Geist, das passiv-weibliche Empfangsorgan gewesen wäre. Das liegt in dem Geheimnis vom Essen der Frucht des Lebensbaumes beschlossen. — Durch den Sündenfall kam es nicht zu dieser Geisteszeugung im Menschen, dafür kam es zur Zeugung des Fleischeswesens und zur Entstehung des Fleischesleibes im Menschen. Die Seele geriet in Abhängigkeit der fleischlichen Triebe und Begierden, was sogar den Denksinn verfinsterte und das Ichbewusstsein des Menschen mit der Tendenz zur Unabhängigkeit von Gott, ja der Feindschaft gegen Gott erfüllte. Der (an sich schon passive) Geist des Menschen verlor fast völlig seinen Einfluss auf Seele und Leib des Menschen, er wurde geschwächt und ohnmächtig in den Hintergrund (= das Unbewusste) gedrängt. Doch ganz ausgelöscht wurde er nicht. In den Regungen des Gewissens, den Erleuchtungen (Intuitionen) des Verstandes in Kunst, Wissenschaft und Philosophie, in dem religiösen Suchen und Streben nach Gott und der Wahrheit macht er sich in individuell verschiedenen Abstufungen geltend.
Gottes unbegreifliche Gnade ist es, dass Er an Seinem Plane festhält, die Menschheit zum Träger Seines Heiligen Geistes zu machen, obwohl sich der Mensch in der Sünde seines Ungehorsams von Gott abwandte. Doch Gott kann das Vollendungsziel des Menschen nur verwirklichen, wenn die Beseitigung der menschlichen Sünde als Schuld vollzogen wird (die Schuld musste gesühnt werden), — und wenn die durch die Sünde entstandene Fleisches-Natur in ihrem leiblich-materiellen und seelischen Gesamtumfang wieder beseitigt und aufgelöst wird und dafür die Geist-Natur des inneren Menschen zur Entfaltung kommt. — Das erstere ist eine objektive Tatsache, die unabhängig von dem Tun und Willen des Menschen dasteht; das letztere geschieht durch die Wirkung des Heiligen Geistes, seitdem 50 Tage nach Golgatha in dem gewaltigen Pfingstereignis in sicht- und hörbarer Weise sich die Schleusen des Himmels öffneten und die Apostel als die ersten von ihm ergriffen wurden. Während aber die erstere Tatsache durch Christus selbst vollzogen und endgültig abgeschlossen ist, ist der zweite Vorgang sowohl als Einbruch wie fortwirkender Prozess an die Haltung und Mitwirkung des Menschen gebunden. In einem für den menschlichen Verstand rätselhaften Mysterium des Zusammenwirkens des Heiligen Geistes und des menschlichen Willens kommt es infolge der Verkündigung des Evangeliums zur subjektiven Aneignung der durch Christus vollzogenen Erlösung — die göttliche Gnade vollbringt das Geheimnis des Glaubens, der sich zuerst in der Haltung der “Buße” äußert, d. h. in der Erkenntnis der eigenen Sünde und der Abwendung vom bisherigen Wandel in dem gottgelösten Ich- und Sündenwesen und in der Hinwendung und Übergabe an Christus als den Herrn. Diese Tatsache wurde in der Urgemeinde durch den feierlichen Akt der Taufe besiegelt. Doch damit wurde auch der Empfang des Heiligen Geistes vollzogen. Das bezeugt unzweideutig die erste Ansprache des Petrus an Pfingsten in Jerusalem, die in dem Satz gipfelt: “Tut Buße und ein jeder lasse sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus zur Vergebung der Sünden und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen” (Apg. 2, 28).
Schon hieraus wird klar, dass der Erst-Empfang des Geistes, die Geistes-Taufe, nicht ein zweites oder drittes Erlebnis darstellt, das zu Buße und Bekehrung hinzukommt, sondern, dass der Besitz des Geistes mit der Übergabe und dem Glauben an Christus bereits verbunden ist Denn in Joh. 16, 8 lesen wir, dass die erste Wirkung des Heiligen Geistes der Welt, dem Ungläubigen, gegenüber die sei, dass er von der Sünde überführe, dass er also Buße bewirke. Aber auch aus anderen Schriftstellen ersehen wir, dass jeder wahrhaft Gläubige den Heiligen Geist besitzt (Joh. 7, 59; 1. Kor. 12, 3: Eph. 1, 13). Er braucht also nicht in langen Gebetsnächten um die Geistestaufe zu ringen oder zum Erweis dieser Taufe sich übernatürliche Gaben und Wunderwirkungen erflehen, etwa wie sie in der Urgemeinde hervorgetreten waren, heute aber seltener sind, wie Visionen, Träume, Heilungen, Zungenreden, Weissagungen u. ä. Nirgends in der Schrift lesen wir, dass z. B. Zungenreden ein Zeichen der Vollendung oder gar Bedingung zur Entrückung sei, wie manche Schwärmer behaupten! Die Häufigkeit der mehr “ekstatischen” Wirkungen in der Urgemeinde hängen wahrscheinlich mit der Seelenverfassung der damaligen Menschen zusammen (wobei noch die orientalisch-südländische Anlage dazukommt), sie gleichen dem Aufschäumen und Überfließen beim raschen Eingießen eines moussierenden Getränkes in ein Glas — sobald die Schaumwirkung zu Ende ist, sieht man, wie wenig Flüssigkeit eingeflossen ist. Will man das Glas voll bekommen, so muss man ganz langsam weitergießen. Genau so ist die Erfüllung mit dem Geiste. Das Aufschäumen (= das Hervortreten besonderer Gaben und Wirkungen an Seele und Leib) ist beim ersten Einbruch des Geistes möglich; aber das Wichtige ist, dass nun ein fortwährender Zufluss erfolgt bis zur Voll-Erfüllung, ja bis zum Überfließen des menschlichen Gefäßes. Denn überfließen will und muss der Geist, also muss er ständig nachfließen, wenn eine Durchdringung und Umgestaltung des ganzen Menschen erfolgen soll (Joh. 7, 38-39; 2. Kor. 3, 18).
Von diesem Erfülltwerden als Folge eines stetigen Zufließens spricht der Apostel in diesem Wort; er sagt es Gemeindegliedern, denen er zu Anfang seines Briefes versichert, dass sie versiegelt seien mit dem Heiligen Geiste der Verheißung, nachdem sie geglaubt haben. Nachdem der Grund gelegt ist, sollen sie nun auch voll werden in diesem Geist, dass jede Seelen- und Willensregung und jedes Glied des Körpers unter die Leitung und Herrschaft des Heiligen Geistes kommt und somit die Vollendung, die Fülle, erreicht wird, jener Reifezustand, von dem Paulus in Kap. 4 (V. 13) als dem erwachsenen Mann, dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus spricht — es ist nach Kap. 3, 19 das Erfülltsein mit der ganzen Fülle Gottes! Welch ein unbegreiflich hohes Ziel ist doch das! Es wäre wahnsinnige Vermessenheit, wenn wir Menschen uns dieses Ziel selbst stecken würden. Aber nun ist es Gott selbst, der uns dazu erkauft und erlöst hat mit dem Blut Seines Sohnes, und Sein Heiliger Geist will das Werk selbst durchführen! Darum die Aufforderung: “werdet zur Fülle gebracht im Geiste”! Welcher wahrhaft Gläubige möchte nicht diesem Wunsche, dieser Aufforderung des Paulus nachkommen wollen? Gibt es ein wichtigeres und herrlicheres Gebetsanliegen für den einzelnen Gläubigen? — Und doch sagt Paulus nicht: Ringet unablässig im Gebet um dieses Ziel — nein, an seinen Aufforderungen merken wir, dass die Erreichung dieses Zieles eine absolut praktische Angelegenheit ist! Vier praktische Ratschläge gibt der Apostel, um ihm näher zu kommen:
- wir sollen zu uns selbst (und untereinander) reden in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern,
- wir sollen im Herzen dem Herrn singen und spielen,
- wir sollen danksagen allezeit für alles dem Gott und Vater im Namen unseres Herrn Jesus Christus,
- wir sollen einander Untertan sein in der Furcht Christi.
Wie oft lassen wir uns doch von unnützen Gedanken erfüllen, von Sorge, Kummer oder gar Neid und Eifersucht gegen Gott und Menschen! In den beiden ersten Ermahnungen sagt uns Paulus, wie wir diese gefährlichen Strömungen in uns abschalten können und wir uns empfänglich machen für die Einstrahlungen Seines Geistes! Wie sind wir doch oft unlustig, unfroh zum Gebet oder wir liegen nachts schlaflos auf dem Lager: schon stehen auch böse Gedanken da — jetzt heißt es, ihnen nicht nachgeben, sondern umschalten durch Lesen oder Auswendigsagen eines Psalmes oder Bibelwortes oder durch Singen (laut oder im Herzen) eines geistlichen Liedes. Dann wird der Feind in die Flucht geschlagen, der innere Friede wiederhergestellt und der Geist erfüllt wieder die Seele. — Ein ganz einfacher Vorschlag, den der Apostel gibt, aber wie oft lassen wir ihn achtlos beiseite! Um ihm zu folgen, müssen wir allerdings eine innere Aktivität (die mit einem äußerlichen, gesetzlichen Machen nichts zu tun hat!) aufbringen, uns mit dem Willen einen Ruck geben, um uns in Empfangsbereitschaft für den Heiligen Geist zu versetzen, damit er sich bemerkbar machen kann! Denn wie Gott dem Elia auf dem Karmel zeigte, kommt er nicht in den gewaltsamen Elementen der Natur daher, sondern in dem stillen sanften Säuseln, das nur in der Stille der Seele vernehmbar ist. Zu dieser Stille wollen uns die Ratschläge des Apostels verhelfen! Welch ein herrlicher Schatz steht uns hierzu in den Chorälen und Gemeinschaftsliedern zur Verfügung, nächst dem inspirierten Wort der Schrift eine Schatzkammer des Heiligen Geistes!
Während diese beiden mit einander verwandten Ratschläge verhältnismäßig leicht zu befolgen sind, sind die beiden folgenden ungleich schwerer. Aber Paulus verlangt nichts Unmögliches, wir müssen nur wollen! Zunächst sollen wir danksagen für alles allezeit, kommt doch alles aus der Vaterhand Gottes, der sich uns für alle Zeiten in der Hingabe Seines Sohnes als Gott der Liebe kundgetan hat! Dass wir für alle Annehmlichkeiten und Erquickungen danken sollen, verstehen wir. Aber wie oft tun wir es nicht einmal dafür! Undank ist der Welt Lohn, sagt das Sprichwort. Nächst dem Ungehorsam ist der Undank das offenbarste Zeichen unseres tiefen Falles. Wenn schon unter Menschen der Undank für erhaltene Wohltaten den Tod jeder engeren Beziehung bedeutet, wie erst im Verhältnis des Menschen zu Gott! Als Schöpfer, der jedes Leben ins Dasein gerufen hat, verlangt Gott sogar von den Ungläubigen Dank und Anbetung (Röm. 1, 21), wie viel mehr sollten Ihm Seine Erlösten für ihr Leben aus Ihm danken! Und das oft und immer wieder. — Aber Paulus geht viel weiter, nicht nur für Leben und Erlösung und für alles Angenehme sollen wir danken, nein für alles und allezeit, also auch für alles, was uns Leid, Kummer und Sorge bereitet! Das ist gerade für unsere Zeit, wo allüberall und auf jedem bergehohes Leid lastet, von ernster Bedeutung. Liebe Mutter, kannst du danken für deinen vermissten Sohn, und du, liebe Frau, für deinen so früh heimgegangenen Mann, und du, lieber Freund, für dein verlorenes Vermögen, für dein zerstörtes Haus, für die verlorene Heimat? Hast du es schon getan? Zu solch einem Dank brauchen wir allerdings den unerschütterlichen Glauben, dass Gottes Wege immer recht sind, dass Er nicht den leisesten Fehler macht, dass Er uns im Leid erst recht nahe ist, weil er uns dadurch noch mehr lösen, reinigen und läutern und an sich ziehen will. So ist im tiefsten Schmerz der Dank ein Opfer, das der Seele abgerungen, abgekämpft werden muss, aber “wer Dank opfert, der preiset mich, und das ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil” (Ps. 50, 23). Der Geist muss uns erfüllen, wenn wir so danken — und wie weicht der Versucher, wenn er statt der beabsichtigten Verbitterung unseren Dank zu Gott emporsteigen sieht! Da staunen auch die guten Engel ehrfurchtsvoll, wenn sie sehen, welche Wunder der Glaube zu vollbringen vermag!
Die letzte Aufforderung, die Paulus uns gibt, um des Geistes voll zu werden, lautet: einander Untertan zu sein in der Furcht Christi. Diese Mahnung hängt mit der Hauptwurzel unseres Sündenstandes zusammen, mit dem Ungehorsam und dem Hochmut. Die Engel sündigten durch Hochmut und fielen in Ungehorsam, die Menschen sündigten aus Ungehorsam und fielen in Hochmut. Wir wollen jetzt schon sein wie Gott, unabhängig sein, Herrscher sein, ja niemand dienen, niemand Untertan sein! So ist’s in der Ehe, im Beruf und in der Politik, ja wie oft auch bis in die gläubigen Kreise hinein. Wie mancher Gemeindevorsteher, Prediger oder Pfarrer vergisst, dass er nicht Herrscher, sondern Diener und Bruder sein soll, wie mancher Geistbegabte sucht mit seiner Gabe zu herrschen, statt zu dienen! Wie oft trüben Selbstüberhebung und Selbstüberschätzung auf der einen Seite, Neid und Eifersucht auf der anderen Seite den Segen der Wortverkündigung. Darum finden wir auch so viele Mahnungen und Warnungen hierfür in der Schrift. Sagte doch der Herr Jesus selbst zu seinen Jüngern: “Wer unter euch der Größte sein will, der sei euer aller Diener”. Er selbst hat in der Fußwaschung ein ewig gültiges Beispiel gegeben für den göttlichen Grundsatz: Wer zum Herrschen berufen ist, der muss zuerst dienen gelernt haben. Und damit wir uns nicht überheben über andere, sondern in Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst, darum hat Christus selbst sich seiner Herrschaftsrechte entäußert, hat sich selbst erniedrigt und hat Knechtsgestalt angenommen und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 2-8), wie er ja auch in Seinem ganzen Erdenleben durchdrungen war von dem unbeugsamen Willen, in allem dem Vater gehorsam zu sein. Darum hat auch die weise göttliche Führung und Vorsehung das Leben jedes Menschen, sonderlich das eines Gläubigen so angelegt, dass es eine Erziehung zum Dienen und zur Demut ist. Darum führt der Herr die Seinen so oft auf Erniedrigungswegen, damit jeder Hochmut schwindet und wir dann, wenn Er uns endgültig in der Herrlichkeit erhöht, gegen jede Hochmutsanwandlung gefeit und keiner Sünde mehr fähig sind. Wohl uns, wenn wir den Gelegenheiten zu dienen im Leben nicht ausweichen, sondern sie freiwillig und gern auf uns nehmen. Wie Paulus im Anschluss an unseren Text zeigt (Eph. 5, 21 bis 6, 9), kann das Ehe-, Familien- und Berufsleben nur dann gesegnet sein, wenn es auf der Grundlage des Untertanseins verwirklicht wird. Wo es in der Bereitschaft zum Dienen gelebt und ein egoistisches Eigenleben geopfert wird, da wird auch Raum geschaffen dem Geiste, da geht es weiter dem Ziele entgegen, dem Ziele, zur Fülle gebracht zu werden im Geiste.
Was der Apostel Paulus von uns verlangt, erscheint uns leicht und ist doch recht schwer, weil es unserer alten Natur zuwider ist; und doch spricht er nur aus, was die natürliche und praktische Folge einer jeden ernsthaften Auslieferung an Christus ist und worin wir uns durch praktisches Tun üben sollen — als Verwirklichung jenes anderen Wortes: “Wirket aus eure Errettung mit Furcht und Zittern!”
Der Herr gebe, dass wir das Geheimnis dieser inneren Aktivität des Willens, auf die es hierbei ankommt, erfassen, denn mit Passivität und Sterben allein ist es nicht getan! — dann werden wir auch erleben, dass Gott es ist, der beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen (Phil. 2, 12-13)!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit; 1949; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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