Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Was meint die Kennzeichnung »Das prophetische Wort«?

Autor: Layer, Karl  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Heilsgeschichte  |  554 x gelesen

1. Was ist das prophetische Wort?

Wenn wir mit der Klärung des Begriffes beginnen, werden wir auf die klassische Belegstelle 2. Petr. 1, 16-21 geführt. Hier fällt auf, dass prophetisches Wort und Weissagung dasselbe meinen. Deutlich wird auch der göttliche, durch den Heiligen Geist gewirkte Ursprung dieses Wortes bezeugt. Fragt man: Wie kam es dazu?, so antworten wir: durch eine Offenbarung Gottes. Der Prophet hat als Sprecher Gottes eine Botschaft empfangen, die oft genug im Alten Testament so eingeleitet wird: »Das Wort des Herrn geschah zu mir.« Fragen wir: Wie kam dieses Wort zu uns?, so werden wir auf den Vorgang der schriftlichen Fixierung gewiesen, der dem Offenbarungsempfang folgte. In Jer. 36, 1.2 wird dem Propheten von Gott selbst der Auftrag dazu erteilt. Das Aufschreiben des prophetischen Wortes bekundete bereits damals, dass sei­ne Botschaft unbedingt zuverlässig ist, weil von göttlicher Autorität getragen. Gerade diese Zuverlässigkeit des geschriebenen prophetischen Wortes betont Petrus und bringt sie mit seinem subjektiven Erleben als Augen- und Ohrenzeuge in Verbindung. Sein Erleben mit Jesus — das Erleben der Apostel überhaupt — stimmt überein mit dem prophetischen Wort. Diese Übereinstimmung zu bezeugen, gehörte zum grundlegenden Dienst der Apostel. Der zu weckende Glaube in den Hörern der Apostelbotschaft sollte seinen Grund im geschriebenen Wort haben. Es ist wichtig, dass wir den Begriff »prophetisches Wort« nicht verengt sehen. Es ist all das Wort in unserer Bibel, das auf der Linie von Verheißung und Erfüllung liegt. Dies bezieht sich nicht nur auf den »Brückenbau« zwischen Altem und Neuem Testament, den die Apostel vornahmen. Bereits im Alten Testament lassen sich solche Linienführungen feststellen, d. h. prophetische Ankündigungen können an ihrer Erfüllung nachgeprüft werden (vgl. 1. Kor. 21, 17-19 mit 22, 38; Josua 6, 26 mit 1. Kön. 16, 34). Dabei geht es nicht einfach nur um den Aspekt des Zukünftigen — dies wäre eine Verengung —, sondern um eine Botschaft in die Gegenwart hinein. Das prophetische Wort will jetzt treffen und zu Konsequenzen bewegen. Wenn der Apostel Paulus in 1. Thess. 4, 13-18 ein prophetisches Wort über das Zukünftige sagt, ist es ganz handfest gegenwartsbezogen: »So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.« Allerdings kann ich auch nicht einverstanden sein mit denen, die dem prophetischen Wort die Dimension des Zukünftigen überhaupt absprechen und alles in das Jetzt und Heute hineinlegen. Aussagen, die das Zukünftige betreffen, dürfen nicht als »Apokalyptik« abqualifiziert werden. Zum prophetischen Wort gehört auch Apokalyptisches in dem Sinn, dass es letzte Geheimnisse enthüllt, die ihren Anknüpfungspunkt nicht unbedingt im Gegenwärtigen haben. Auch der Begriff »Eschatologie« gehört zum prophetischen Wort, wobei er im zeitlichen Sinn als Endzeit oder letzte Zeit zu verstehen ist. Wichtig ist mir die Feststellung, dass das prophetische Wort uns berechtigt, von einer Heilsgeschichte Gottes zu sprechen. Es ist das Instrument, durch das Gott vergangene, gegenwärtige und zukünftige Ereignisse deutet bzw. deuten lässt und sie — auch wenn sie mit Gericht verbunden sind — als Heilsgeschichte ausweist.

Ich fasse zusammen: Unter dem prophetischen Wort können wir ein geoffenbartes, zuverlässiges und weissagendes Wort verstehen. Dies ergibt der exegetische Befund von 2. Petr. 1, 19-21. Die Schriftwerdung dieses Wortes, wobei ich durchaus die Bildung des biblischen Kanons als ein Stück Heilsgeschichte Gottes ansehe, gibt uns die Möglichkeit, Gottes Treue am bereits erfüllten Wort abzulesen und seine Glaubwürdigkeit am verheißenen Wort zu testen. Dabei glauben wir biblisch legitim: nämlich gegründet aufs geschriebene Wort.

Aufgrund dieser Sicht müssen wir das Verständnis von prophetischem Wort ablehnen, das darin einen Datenfahrplan für die Zukunft sieht und daraus ein Sensations- und Spekulationswort macht. Tagesgeschehen den Zeitungen entnehmen und mit zwei oder drei Bibelstellen »deuten«, ist nicht prophetisches Wort. Gottes Heilsgeschichte vollzieht sich gewiss im Rahmen des ganzen Weltgeschehens. Auch sind wir als Glaubende nicht blind für die Zeitereignisse. Wir haben auf die Zeichen der Zeit zu achten und Geschehnisse ins Licht der Bibel zu stellen. Aber wir dürfen nicht meinen, jeder Vorgang sei prophetisch festgehalten. Dem Wortzeugnis der Bibel kommt es auf die lineare Gesamtentwicklung an. Dies soll der nächste Punkt aufzeigen.

2. Was ist die Botschaft des prophetischen Wortes?

Hier geht es um eine inhaltliche Skizzierung. Zunächst ist festzustellen, dass uns das prophetische Wort Gott als einen Planer zeigt. Schon beim Sündenfall geschieht eine erste prophetische, weitreichende Ankündigung des Erlösungsprogramms (1. Mose 3, 15). In 1. Mose 12, 1.2 erfolgt eine weitere verdichtete Aussage in der Verheißung an Abraham, wobei bereits ein heilsgeschichtliches Prinzip deutlich wird: Gott wählt aus, ohne dabei das Ganze aus dem Auge zu verlieren. Der Segen Jakobs über seine Söhne in 1. Mose 49 bringt eine bunte Zukunftsschau, aus der die Heilserwartung (V. 18) des Löwen aus Judas Stamm (V. 9) herausragt. Auch hier wieder: Erwählung Judas mit einer umfassenden Zielsetzung (V. 10). In Jes. 53, 10 ist davon die Rede, dass des Herrn Plan durch die Hand des Gottesknechtes gelingen wird. Das prophetische Wort zeigt uns das zielstrebige, planmäßige Handeln Gottes auf, wobei zunächst eine Linienführung der Reduktion, d. h. von den Vielen zu dem Einen, Jesus Christus, sichtbar wird, und dann wieder eine Aus­weitung von dem Einen zu den Vielen, ja zur gesamten Schöpfung (vgl. 2. Kor. 5, 14; Röm. 5, 18.19; 8, 21). Das macht deutlich, dass der Heilsplan Gottes ein Universalplan ist. Jes. 65, 17 kündet die Zielsetzung Gottes an, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen; 2. Petr. 3, 13 liefert eine Art »Zwischenbilanz« und Offb. 21, 1-8 bestätigt die noch ausstehende Erfüllung in einer prophetischen Schau. Man könnte den Inhalt der biblischen Prophetie auch an dem Dreiklang

Heilsplanung — Heilsdurchführung — Heilsvollendung

aufhängen. Dass die Perspektive der Zukunft hierbei mit einbezogen wird, ist klar. Gott beweist an dieser Stelle Seine Überlegenheit darin, dass »Er von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll« (Jes. 46, 19), d. h. dass Er im Weissagen auch vorhersagen lassen kann. Die Frage: Wo stehen wir heute, was ist für uns noch zukünftig? ist somit berechtigt. Geburt, Kreuzestod, Auferstehung, Himmelfahrt Christi waren für das Alte Testament zukünftig. Sie sind es für uns heute nicht mehr, wiewohl sie das Zentrum der Heilsgeschichte bleiben und in ihrer Wirkung Vergangenheit und Zukunft einbeziehen. Das prophetische Wort lässt im weiteren Verlauf folgende Linienführung erkennen: Nach Pfingsten wird in der Apostelgeschichte das Heilsangebot, das bisher auf Israel be­schränkt war, ausgeweitet auf die Nationen (Heiden). Paulus wird zum Nationenapostel berufen. Unter vorübergehender Beiseitesetzung Israels als Volksganzes entsteht ein neues Volk Gottes: die Gemeinde als Leib Christi aus allen Völkern und Sprachen. Noch befinden wir uns in der Zeit der Gemeindebildung, die seit Christi erstem Kommen als Endzeit bezeichnet wird. Es gibt für diese Zeit jedoch auch eine Endphase: die Zeit unmittelbar vor der Wiederkunft Christi. Befinden wir uns heute in dieser Endphase? Ich möchte dies bejahen und als Begründung auf ein einziges Zeichen verweisen: Israel. Für ein entscheidendes prophetisches Schlüsselwort halte ich Röm. 11, 25.26 (überhaupt die Kapitel 9-11). Hier wird die Gemeindezeit deutlich begrenzt und der Fortgang des Heilsgeschehens mit Israel angekündigt. Das einmal erwählte Volk Israel ist nicht für immer beiseite gesetzt. Gottes Heilsgeschichte mit diesem Volk geht weiter, sobald sich Christus mit Seiner Gemeinde vereint hat. 1. Thess. 4, 15-17 beschreibt dies in zwei Vorgängen: die Auferstehung der Toten in Christus und die Entrückung der noch lebenden Gläubigen zum Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu. Dann ist die »Fülle der Heiden« (oder: Vollzahl der Nationen) eingegangen und der Herr wird so kommen, wie ihn die Apostel haben gen Himmel fahren sehen (Apg. 1, 11). Christus richtet dann als Messiaskönig das Reich Gottes auf, das noch aussteht und um das wir immer noch im Vaterunser bitten. Der Zielpunkt für das Herrschen Christi ist in 1. Kor. 15, 28 angegeben: auf dass Gott sei alles in allem.

Um deutlich zu machen, dass das prophetische Wort bei aller »Zukunftsschau« kein Spekulationswort ist, möchte ich noch eine dritte Frage anschneiden.

3. Was ist die Bedeutung des prophetischen Wortes?

Hier kann ich nur noch andeuten. 2. Petr. 1, 19 bezeichnet das prophetische Wort als »Licht an einem dunklen Ort«. Darauf zu achten bedeutet: Orientierung finden. Im weltweiten Durcheinander unserer Tage ist es für unsern Glauben ungeheuer wichtig zu wissen, dass Gott planmäßig Sein Heilsziel in Gericht und Gnade verfolgt. Der Globalnot dürfen wir einen Globalglauben entgegenstellen, der sich als im prophetischen Wort gegründete Hoffnung ausweist. Wir können Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist (1. Petr. 3, 15). Mit dieser Hoffnung lässt sich missionieren. Der Verunsicherung auf allen Gebieten und der drohenden Resignation begegnet das prophetische Wort mit dem Hinweis auf Jesus, den Anfänger und Vollender. Als Erster und Letzter sorgt Er für die Lösung aller Dissonanzen. Er ist als Welterlöser auch der Weltvollenden Das tröstet, macht Mut und stärkt unser Durchhaltevermögen. Ohne den Blick auf das frohmachende Ziel Gottes werden wir in der Menge unserer Wege zerrieben. Manche haben die Zukunft des Unglaubens prophezeit. Das prophetische Wort aber zeigt uns die Zukunft des Glaubens.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/2003; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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