Vom Schneiden des Wortes der Wahrheit (2. Tim. 2, 15)
Autor: Langenberg, Heinrich | Kategorie(n): Lehre, Paulusbriefe, Schriftteilung, Wort Gottes (Bibel) | 754 x gelesenFrage: Welchen Sinn hat die Aufforderung des Paulus an Timotheus, »das Wort der Wahrheit in gerader Richtung zu schneiden (oder: darzubieten, auszuteilen, zu teilen — 2. Tim. 2, 15)«?
Sehr beachtenswert ist, wie Timotheus das Wort der Wahrheit gebrauchen soll. Er soll es nicht als Streitwaffe gebrauchen, sondern es so darbieten, dass es in seinen großen Zusammenhängen verstanden und genossen werden kann. Er soll es »gerade schneiden« (orthotomein). Wir wissen nicht, an welchen Vorgang Paulus bei diesem bildlichen Ausdruck gedacht hat. Von jeher hat man über diesen Ausdruck viel gestritten. Es würde zu weit führen, alle die verschiedenen Meinungen aufzuzählen, die zum Teil recht willkürlich und irreleitend sind. Ablehnen müssen wir alle Deutungsversuche, die den Zusammenhang nicht berücksichtigen oder gar das Wort orthotomein falsch übersetzen. Es kann sich nicht um ein Zurechtschneiden des Wortes der Wahrheit handeln; denn das widerspricht dem Wesen dieses Wortes, das keines Zurechtschneidens bedarf. Aber auch alle Erklärungen, die auf ein Zerteilen oder Zerschneiden hinauslaufen, müssen abgewiesen werden, da es sich um ein Geradeschneiden und nicht um ein Teilen handelt. Die Ansicht vom Teilen des Wortes hat in weiten Kreisen Fuß gefasst, nachdem vor etwa einem halben Jahrhundert die Parole von Amerika zu uns herüberkam: »Teile das Wort der Wahrheit recht« (rightly dividing the word of the truth, engl. revidierter Text). Die Elberfelder Übersetzung hat im Text auch noch die ungenaue Wiedergabe: »der da recht teilt«, aber in der Fußnote heißt es: »eigentlich: in gerader Richtung schneidet.« (In der revidierten Elberfelder Bibel von 1985 heißt es nunmehr im Haupttext: »der das Wort der Wahrheit in gerader Richtung schneidet«; so entspricht es auch den Wörterbüchern von W. Bauer und Menge-Güthling — Anmerkung: Heinz Schumacher.)
Unter »recht teilen« versteht man wohl eine klare Unterscheidung z. B. der verschiedenen Haushaltungen, der verschiedenen Berufungen, das Auseinanderhalten von dem, was nur Israel, und dem, was nur die Gemeinde angeht. So wertvoll auch diese berechtigte Arbeitsmethode des klaren Unterscheidens ist, so spricht Paulus doch an dieser Stelle von etwas anderem. Man hat bei dem Bild des Geradeschneidens wohl an den pflügenden Ackersmann gedacht oder auch an die Arbeit des Zimmermanns oder eines Zeltmachers. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, finden wir das Wort orthotomein nur an zwei Stellen, und zwar mit »Weg« verbunden, wo es übersetzt werden muss: »gerade schneiden deine Wege« (Spr. 3, 6; 11, 5). Das Bild ist also vom Hauen einer Waldschneise hergenommen. Durch das Wort der Wahrheit sollen also gerade Linien gezogen werden, sodass keine Umwege zum Ziel nötig sind. Diese Auffassung passt auch in den Zusammenhang hinein. Die Wortgefechte führen aus der rechten Bahn heraus und verlieren sich in Menschenfündlein. Timotheus soll sich an die geraden, zum Ziel führenden Linien halten. Das Ziehen gerader Linien darf aber ebensowenig zu einer geistlichen Spielerei ausarten wie das Teilen des Wortes. Aus Teilen und Unterscheiden darf kein Zerreißen werden und aus dem Geradeschneiden kein gekünsteltes Konstruieren. Die geraden Wege durchs Wort müssen so sein, dass jeder sie sehen und gehen und auf ihnen zum Ziel gelangen kann. Paulus gibt dem Timotheus ein Musterbeispiel im Geradeschneiden des Wortes der Wahrheit, indem er die große gerade Linie »durch Mitsterben zum Mitleben« markiert, und zwar sowohl für die Gemeinde als auch im besonderen für Israel. So finden wir es in allen seinen Briefen. Er vermengt nie etwas, was auseinandergehalten und klar unterschieden werden muss, aber er reißt auch nie etwas auseinander, was zusammengehört. Er zieht wunderbar klare Linien durch die ganze Schrift, sodass unsere Aufgabe lediglich darin besteht, diese Linien wieder aufzufinden und klar herauszustellen.
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Nach dem Wörterbuch von Walter Bauer bedeutet orthotomeoo in Spr. 3, 6; 11, 5 in Verbindung mit »Wege« offenbar »… den Weg in das (bewaldete oder sonst mit Hindernissen überzogene) Gelände in gerader Richtung einschneiden, sodass keine Umwege zum Ziel nötig sind«, und so bedeute 2. Tim. 2, 15 etwa: »das Wort der Wahrheit in gerader Richtung führen (wie einen zielstrebigen Weg), ohne sich durch Wortgefechte oder gottlose Redensarten aus der direkten Bahn drängen zu lassen«.
(Quelle: Auslegung der Timotheus-Briefe von Heinrich Langenberg)


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