Tod, wo ist dein Sieg?
Autor: Lubahn, Erich, Dr. | Kategorie(n): Gemeinde, Lehre, Tod & Auferstehung | 1,175 x gelesen(Predigt auf der Bibelkonferenzstätte Langensteinbacherhöhe)
“… auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie (die Gemeinde) nicht überwältigen” (Matthäus 16, 18).
Wir haben uns in diesen Tagen der Konferenz reichlich mit den Themen “Tod” und “ewiges Leben” beschäftigt. Es könnte sogar sein, daß der eine oder andere denkt: Es war mir zuviel vom Tod und zu wenig vom ewigen Leben die Rede.
Wer mit Jesus lebt, besitzt die Freiheit, unbekümmert über den Tod zu reden; denn durch das Evangelium von Jesus Christus werden wir einerseits lebenstüchtig und andererseits sterbenstüchtig gemacht. Das eine läßt sich vom andern bei einem nüchternen geistlichen Leben nicht trennen. Wem es also unter uns schwerpunktmäßig um das Leben geht, der sollte um sein Sterben besorgt sein; wem es unter uns schwerpunktmäßig um das Sterben geht, der soll auch für das Leben tauglich gemacht werden.
Gestern Abend fragte mich mein Jüngster: “Vati, was würdest Du heute und morgen tun, wenn Du in der nächsten Woche sterben würdest?” Da sagte ich ihm: “Genau dasselbe, was ich mir auch ohne das Sterben vorgenommen habe: nämlich mich jetzt noch für die morgige Predigt vorbereiten und dann fröhlich und dankbar schlafen gehen.”
Wir hatten hoffentlich in der Konferenz nie das Empfinden der Peinlichkeit. In der Welt ist es immer peinlich, über den Tod zu reden; unter Gotteskindern sollte es so selbstverständlich sein wie das Leben selbst. — So wollen wir uns auch in dieser Stunde wieder, von unserem Text ausgehend, mit dem Tod beschäftigen, um dadurch lebens- und sterbenstüchtig zu werden.
“Die Pforten des Totenreiches sollen die Gemeinde nicht überwältigen.” In diesem Text bekennt sich der Herr in wunderbarer Weise zu Seiner Gemeinde und zu den Seinen. — Um was geht es im Textzusammenhang? Jesus fragt Seine Jünger, was die Leute von Ihm, dem Menschensohn, halten. Sie haben eine hohe Meinung von Ihm, so wie man in religiösen Kreisen im allgemeinen auch heute noch in der westlichen Sphäre eine gute Meinung von Jesus hat. — “Was sagt denn ihr, daß ich sei?” Petrus macht sich zum Sprecher der Jünger und antwortet: “Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.” Und Jesus reagiert darauf mit den Worten: “Das hat dir nicht Fleisch und Blut gezeigt, sondern das hat dir mein Vater im Himmel geoffenbart.” — Ob wir uns, ihr lieben Brüder und Schwestern und Freunde, immer dessen bewußt sind, was wir sagen, wenn wir uns zu Jesus, dem Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, bekennen? Ich bin keineswegs davon überzeugt, daß wir immer wissen, was wir sagen, wenn wir beten: “Herr Jesus Christus!”
Es ist die Kontinuität, die Verbindung zum Alten Testament hergestellt, wenn wir uns zu Christus bekennen. Christus (griechisch) heißt auf hebräisch der Messias, auf deutsch der Gesalbte. Er ist der Verheißene. Wenn wir uns zu Jesus, dem Christus, bekennen, so bekennen wir damit: “Das ganze Alte Testament ist und wird in Jesus erfüllt.” Eine gewaltige Aussage! Auf die Erfüllung warten die frommen Juden heute noch und erkennen nicht, daß die Erfüllung dessen, was im Alten Testament steht, in Jesus gegeben ist. Dann lesen wir mit neuer Freude das Alte Testament und können bei jeder Verheißung durch den Glauben an Jesus, den Christus, sprechen: “In IHM erfüllt!” Dabei geht es um köstliche Verheißungen für den einzelnen Menschen, für die ganze Menschheit und die gesamte Kreatur.
Es findet ein Ringen statt in dieser Welt zwischen dem Gottesreich und dem Reich des” Fürsten dieser Welt”, und wir stehen vor zwei Möglichkeiten sowohl im Leben als auch im Sterben. Das ist das, was unser Text uns als erstes sagen will:
1. Es gibt Pforten des Totenreiches — wie auch eine Pforte des Himmelreiches
“Die Pforten des Totenreiches können die Gemeinde nicht überwältigen.” Es besteht also die Möglichkeit, daß sich Pforten öffnen — nämlich einerseits Pforten ins Totenreich, andererseits — auch davon spricht der Textzusammenhang — eine Pforte ins Himmelreich. Nach dem Alten Testament und den Evangelien gibt es zwei Pforten ins Totenreich, nämlich eine Pforte zum Ort der Qual (auch Gehenna genannt) und eine Pforte zum Ort der Tröstung (Abrahams Schoß genannt). Davon spricht Jesus in jener Geschichte aus Lukas 16 vom reichen Mann und dem armen Lazarus.
Der natürliche Mensch hat die Chance, je nachdem wie er gelebt hat, durch die eine oder andere Pforte einzutreten ins Totenreich. Darum ist das Leben so wichtig, damit wir zum Sterben tüchtig werden. Und es ist heilsam, an das Sterben zu denken, damit wir wiederum lebenstüchtig werden.
Jeder Mensch — das ist meine Erfahrung, der ich schon häufig an Sterbebetten war — wird irgendwie abgeholt. Das ist eine Erfahrung, die auch Sie gemacht haben werden, wenn Sie Sterbende haben begleiten dürfen. Irgendwie öffnet sich beim Lösen der Seele vom Leib die unsichtbare Welt — für den einen negativ, für den andern positiv. Erst kürzlich sagte ein mir nahestehender Bruder, der in der Zwischenzeit verstorben ist: “Die Seele wird leicht für das Himmelreich.” Weil er ein gläubiger, entschiedener Christ war, konnte er so sprechen. “Leicht” ist in diesem Zusammenhang ein merkwürdiger Ausdruck — er betrifft hier den Prozeß des Sich-Lösens von Seele und Leib bei dem Sterben. Und dieser Prozeß wird verschieden erlebt, so daß einige merken, was auf sie zukommt; vielleicht wollen es andere nicht wahrhaben, aber ich habe bisher immer den Eindruck gehabt, daß jeder Sterbende — selbst wenn er’s nicht wahrhaben wollte — wußte, welches Tor sich für ihn öffnet: das Tor zum Ort der Qual (Luther hat diesen Bereich mit “Hölle” übersetzt; er hat überhaupt “Totenreich” mit “Hölle” übersetzt, aber wir sollten es differenzierter sehen nach der Heiligen Schrift) oder das Tor zum Ort der Tröstung.
Das eine Mal werden die Menschen, wie es mir einer einmal buchstäblich auf dem Sterbebett sagte, von dämonischen Mächten abgeholt. Ich wurde einmal ins Krankenhaus gerufen zu einem Mann, den ich vorher nicht kannte. Er hatte um einen seelsorgerlichen Beistand gebeten; die Schwester wußte offenbar niemand anders anzurufen als mich. Als ich kam, sagte sie: “ein Todeskandidat — er wünscht einen Seelsorger zu sprechen!” Er lag schon im Sterbezimmer. Ich ging hinein, aber es lag niemand im Bett, und ich war ein wenig erschrocken. Dann entstand ein Geräusch unter dem Bett, ich beugte mich und war überrascht, den Sterbenden unter dem Bett anzutreffen. Er fühlte sich dort ein wenig verborgen, und als er mich wahrnahm, sagte er: “Sehen Sie nicht — die Mächte, die da kommen? Helfen Sie mir vor ihnen!” Er hatte einen gräßlichen Tod. Ich vermochte ihm nicht zu helfen, denn er mußte so sterben, wie er gelebt hatte.
Nehmen wir das Sterben nicht leicht und werden wir nicht leichtsinnig, denn das ist das Ende jedes natürlichen Menschen, und man stirbt nicht anders, als man vorher gelebt hat! Darum hat nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift Leben und Sterben immer eine Gemeinsamkeit im Negativen oder im Positiven (vgl. Röm. 14, 8). Darum sollte ein Christ niemals Hemmungen haben und Komplexe, über sein Sterben zu reden; möglicherweise ist sonst in seinem Leben noch etwas nicht in Ordnung.
Ich betone: möglicherweise; denn auch die Konstitution der Menschen ist sehr verschieden, und es spielt die natürliche Konstitution und Gestaltung der Seele — wie im Leben, so auch im Sterben — auch eine Rolle. Seien wir daher als Beobachtende und Teilnehmende wohl vorsichtig, wenn wir ein Urteil fällen, und seien wir sehr keusch im Blick auf jedes negative Urteil. Aber Seelen, die ohne Gott gelebt haben, ja die mit großer Freude in der Sünde gelebt haben — mit scheinbarer, vermeintlicher Freude und doch betrogen — diese Seelen haben allgemein nach meiner Erfahrung kein angenehmes Sterben. Sie werden von negativen Mächten, von Dämonen abgeholt.
Ich erlebte es aber auch anders, daß Sterbende von himmlischen Mächten abgeholt wurden, etwa von Engeln, daß Sterbende im Lösungsprozeß der Seele vom Leib den Umstehenden sagten: “Seht ihr nicht — die Herrlichkeit — den Engel dort stehen?” Es können demnach Engel, die eigentlich keinen Leib haben, sich doch sichtbar machen, so daß Sterbende sie im Sterben sehen und getröstet werden. So erfuhr ich von einer Frau, die an einem schweren Asthmaleiden starb, also unter Qualen sterben mußte, daß sie mit der letzten Kraft den Umstehenden sagte: “Laßt mich gehen — seht, da kommt jemand — es ist so schön!” Und sie starb, wenn auch leiblich unter Qualen, doch im Frieden. Ein Engel holte sie ab. — Das sind die Pforten des Totenreiches.
Nun gibt es aber noch eine weitere Pforte, nämlich die Pforte des Himmelreiches (Matth. 16, 19). “Abrahams Schoß” ist noch nicht das Himmelreich, ist noch nicht das “Sein bei dem Herrn”, denn das setzt ja voraus, daß der Herr uns vorausging als der Auferstandene. Das konnte vor Seiner Auferstehung noch gar nicht der Fall sein. Schon im Alten Testament finden wir — allzu schwach, möchte man sagen — die Verheißung vom kommenden Messias, der dem Tode den Stachel nehmen würde. Nun aber ist der Messias gekommen, nun hat Er den Tod durchbrochen durch Seinen Tod; der Vater hat Ihn auferweckt, nun gibt es im Sterben eine Pforte in der Vollmacht des auferstandenen Herrn, und ich bin persönlich davon überzeugt, daß alle Glieder am Leibe Christi beim Sterben von ihrem Herrn abgeholt werden. Ich könnte Ihnen jetzt exegetisch vieles darüber bezeugen, daß die Gemeinde es immer unmittelbar mit ihrem Herrn zu tun hat und daß der Herr Seine Gemeinde, Seinen Leib, so hoch schätzt, daß Er sich ihr gegenüber niemals, auch nicht durch Engel, vertreten läßt, was das ewige Heil betrifft. So werden Gläubige in Christo Jesu von ihrem Herrn in unvorstellbarer Weise abgeholt, wie ich es auch schon beim Sterben Gläubiger habe ahnen dürfen.
Nun sind nach meiner Überzeugung nicht alle Gläubigen auch wiedergeboren. Ein nur “Gläubiger” ohne Wiedergeburt, der rein dogmatisch an biblische Wahrheiten glaubt, kommt nach seinem Sterben in “Abrahams Schoß”. Wiedergeborenen Gläubigen aber wird das Tor ins Himmelreich aufgeschlossen, und der auferstandene Herr, der Herr ist im Himmel und auf Erden, nimmt sich der Seinen unmittelbar an und holt sie ab.
2. Der Tod kann das vom Heiligen Geist Gezeugte nicht antasten
Unser Leib ist noch ganz und gar den Gesetzen dieser Welt unterworfen. Das, was wir hier voneinander — Sie von mir und ich von Ihnen — sehen, ist der Leib, der noch dem Tode unterworfen ist. Aber durch den Heiligen Geist wurden wir in unserem Geist zum ewigen Leben gezeugt, so daß unsere Seele Gottesleben hat, und kein Sterben und kein Tod vermag eine zum ewigen Leben gezeugte Seele (Luk. 17, 33 Grundtext) zu berühren. Wir können, solange wir uns noch in der Spannung zwischen der Vergänglichkeit und dem unsterblichen, ewigen Leben befinden, angefochten werden; aber für jegliche Anfechtung hat der Herr uns nun diesen Text gegeben: “… und die Pforten des Totenreiches (sowohl Ort der Qual als auch Ort der Seligkeit in Abrahams Schoß) können meine Gemeinde nicht überwältigen.” Nicht das eine oder das andere Tor des Totenreiches, nein, das Tor des Himmelreiches schließt sich für uns auf. Gläubige in Christo haben bereits im Tode Jesu ihren geistig-geistlichen Tod überwunden — für ihren Geist, für ihre Seele, für ihre Person, für ihr Sein vor Gott in der Gegenwart, — für ihren Leib als Hoffnungsgut in der Zukunft. Aber das ist keine billige Hoffnung! Gott hat uns nach Römer 8, 11 das Pfand für die Auferstehung unseres Leibes, den Heiligen Geist, gegeben, und aufgrund des Pfandes des Heiligen Geistes dürfen wir der Vollendung auch unseres Leibes gewiß sein.
Machen wir es uns freilich nicht zu leicht mit der Berufung auf den Tod Jesu Christi! Es genügt nicht, rein dogmatisch an die Sündenvergebung zu glauben; es ist notwendig, daß wir auf den Tod Jesu Christi existentiell eingegangen sind. Das meint der Apostel Paulus, wenn er bezeugt (Gal. 2, 20): “Ich bin mit Christus gekreuzigt.” Das Kreuz Jesu Christi enthält in der Tat verschiedene Evangeliumswahrheiten. Die zentrale Wahrheit ist für diejenigen, die bereit sind, alles fahren zu lassen und das irdische Leben nicht mehr als einen eigenen Besitz anzusehen, sondern es loszulassen, um nun, mit Christo Jesu gestorben, in der Kraft der Auferstehung lebend, Verwalter auch des irdischen Lebens zu sein. Ist es so bei uns, daß wir uns nur als Verwalter unseres physisch-irdischen Lebens betrachten, auch dessen, was Gott uns an Gesundheit, Gut und Geld zur Verfügung gestellt hat?
Gläubige in Christo Jesu haben eine lebendige Hoffnung — für sich im Blick auf die Sündenvergebung — für die Welt im Blick auf die Sündenvergebung — für sich im Blick auf die Auferstehung — für die Welt im Blick auf die Auferstehung. Gläubige dürfen darum angesichts des Sterbens und des Todes sagen: “Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg? — Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesus Christus!” (1. Kor. 15, 54.55.57).
Darum sind Gläubige im Leben sterbensfertig, darum sind Gläubige lebens- und sterbenstüchtig, und wir können beides nicht trennen. Darum darf die Gemeinde, die Sein Leib ist, heute schon über den Tod triumphieren, obwohl ihre Glieder im Leibe noch sterblich sind. Die entscheidende Schlacht — wie ich es vor wenigen Tagen mit dem Hinweis auf Stalingrad auf dieser Konferenz versuchte deutlich zu machen — die für die Gewißheit des Sieges entscheidende Heils-Schlacht ist geschlagen worden am Kreuz auf Golgatha.
3. Der Vater hat die Schlüssel des Todes und des Totenreiches Jesus, dem Todesdurchbrecher, übergeben
Von dieser Tatsache lesen wir in Offenbarung 1, 18 und in anderen Bibelstellen. Als der Auferstandene ist nun Jesus der souveräne Herr im Himmel, auf Erden und auch unter der Erde, das heißt, auch über das Totenreich. Im sog. “Apostolischen Glaubensbekenntnis” heißt es: “niedergefahren zur Hölle” — niedergefahren ins Totenreich. Der Herr Jesus Christus hat nach meiner Überzeugung zwei Höllenfahrten, zwei Fahrten ins Totenreich erlebt. Das eine Mal fuhr Er hernieder als das Lamm, von Gott zur Sünde gemacht, zwischen Seinem Kreuzestod auf Golgatha und Seiner Auferstehung. Da hat Er den tiefsten Punkt im Totenreich eingenommen als Opferlamm. Was das bedeutet, können wir mit unserm Verstand gar nicht fassen. — Das andere Mal hat Jesus nach 1. Petr. 3, 19 und 4, 6 als Auferstandener und Triumphator im Totenreich das Evangelium verkündigt, um denen, die es bisher nicht gehört hatten, kundzumachen, daß Er den Tod in den Tod genommen hat und daß Er als der Auferstandene der Herr ist über das Totenreich. Was nun der Vater Jesus übergeben hat — die Schlüssel des Totenreichs —, hat Jesus durch den Heiligen Geist Seiner Gemeinde übergeben. Davon spricht unser Text. Auf das Bekenntnis, daß Jesus der Christus und der Sohn Gottes ist, baut Jesus Seine Gemeinde und teilt Jesus Vollmacht aus. “Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein” (Matth. 16, 19). Dieses Petrus übergebene Amt ist nach Matth. 18, 18 der ganzen Gemeinde zugefallen. Es ist also völlig absurd, was hier die katholische Kirche lehrt: daß Petrus der erste Papst sei und daß dieses Amt nun auf alle Päpste und Priester übergegangen sei — so billig, mechanisch und gesetzlich geht es nicht; vielmehr hat sich Petrus zum Sprecher aller Jünger gemacht, aller, die mit ihm in der Nachfolge standen, und als Petrus nun die Vollmacht bekam, zu binden und zu lösen, ist sie nach Matth. 18, 18 und Joh. 20, 23 auch der Gemeinde zuteil geworden.
Alle nicht wiedergeborenen Menschen auf Erden sind eigentlich Tote, sind — darf ich es so drastisch sagen — “wandelnde Leichen”, denn sie haben kein göttlich-geistliches Leben. Wir aber verwalten die “Schlüssel des Totenreichs”, wenn wir das Evangelium verkündigen und sich der Herr Jesus zu dieser Verkündigung so bekennt, daß Menschen, die das verkündigte Wort nicht annehmen, für das Totenreich gebunden sind, während diejenigen, die das von der Gemeinde Jesu verkündigte Evangelium annehmen, das Himmelreich aufgeschlossen finden — heute für den Geist und die Seele, mit der gewissen Erwartung, daß auch der Leib in der Auferstehung nachfolgt.
Die Gemeinde Jesu Christi ist in diesem Sinne schon heute Schlüsselträger einerseits für die Pforten des Totenreiches und andererseits für die Pforte ins Himmelreich. Dies gilt sowohl für die auf Erden Lebenden als auch für die Verstorbenen.
Sie wissen, daß es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder einmal auserwählte Werkzeuge, lebende Werkzeuge gab, die den abgeschiedenen Geistern im Totenreich gepredigt haben. Ich nehme diese Brüder sehr ernst, z. B. Blumhardt den Älteren, der einige Male wöchentlich in seine Kirche gegangen ist, um des Nachts dort zu predigen. Und als die Gemeindeältesten ihn fragten (denn er hatte es nicht an die große Glocke gehängt): “Für wen hältst du denn in den Nächten Gottesdienst? Es ist ja gar kein Mensch da?” — da antwortete er: den abgeschiedenen Geistern. Er hatte von Gott den Blick bekommen, sie zu sehen, und sah, daß seine Kirche nicht ausreichte, um alle, die hören wollten, zu erreichen.
Ich habe in diesen Tagen ein Buch von Sadhu Sundar Singh gelesen. Er hatte Visionen und war von Gott begabt, den Himmel hier und da offen zu sehen, und er sagte, daß Gotteskinder auch jenseits ihres Sterbens immer einen Auftrag der Verkündigung haben, und er sah, daß Gotteskinder im Totenreich das Evangelium verkündigten. Er sah, wie gereifte Christen für “Anfänger im Glauben” (wenn ich es mit meinen Worten so sagen darf) das Evangelium verkündigten, damit sie dem Herrn näher kämen.
Wenn du ein Glied am Leibe Christi bist, nimmst du diese Vollmacht ernst? Nimmst du es ernst, daß der Herr Jesus, der als der Auferstandene die Vollmacht hat, zu öffnen und zu schließen (Offb. 3, 7), nun diese Vollmacht durch den Heiligen Geist Seiner Gemeinde gegeben hat? Dann wird jede Begegnung mit einem Menschen für uns eine ganz neue Bedeutung bekommen, wenn wir wissen, wozu wir erwählt sind – sowohl hinsichtlich der sichtbaren als auch der unsichtbaren Welt.
4. Gemeinde Jesu hat ewiges Leben
Gläubige, die vom Kreuz herkommen und mit Christus gestorben sind, haben ewiges Leben. Im Grunde genommen gibt es kein “ewiges Leben” (denn “ewig” ist ein philosophischer Begriff), es gibt nur ein “äonisches” Leben, und das heißt: ein von Gott entzündetes Leben, das alle Äonen, alle Zeitläufe überdauert. Verlorenheit gibt es nur innerhalb der Äonen; wir aber haben ewiges Leben, das heißt ein Leben, das alle Äonen überdauert.
Wozu aber haben wir dieses Leben? Um Botschafter an Christi Statt zu sein — hier im Leben, und auch jenseits unseres Grabes, solange es Verlorene gibt, und Verlorene gibt es solange, als es Äonen gibt. Wir kommen also nicht in den Himmel, um Halleluja zu rufen (das tun wir heute und in Zukunft auch!), sondern um einen Dienst wahrzunehmen, um für Verlorene — allezeit! — Botschafter an Christi Statt zu sein.
Nehmen wir die Verlorenheit derer, die Jesus Christus nicht kennen, in unserer Umgebung ernst? Ist es uns ein großes Leid, daß wir es in der Welt mehr mit Verlorenen als mit Geretteten zu tun haben? Ist es uns ein Schmerz, daß wir ihnen das Zeugnis des Heils oft deswegen nicht sagen können, weil sie ihre Ohren verschließen und weil wir nicht das Recht haben, uns mit unserer Botschaft ihnen aufzudrängen? Das ist großes Leid!
Wer all das, was in diesen Tagen und auch in dieser Stunde über Sterben, Tod und ewiges Leben gesagt wurde, recht gehört hat, der zieht daraus Konsequenzen. An den Konsequenzen soll deutlich werden, daß wir die Evangeliumsbotschaft von Sterben, Tod und ewigem Leben verstanden haben.
5. Wie sehen die Konsequenzen aus?
a) Für Gotteskinder, die das ewige Leben haben, ist die Schuldfrage geregelt. Sie tragen keine unvergebene Schuld bewußt mit sich herum. Und auch angesichts des Unbewußten dürfen sie gewiß sein, daß sie keine Schuld mehr haben, denn der Herr vergibt auch die verborgene Fehle oder Sünde (Ps. 19, 13 Luther). Sie haben das Bewußtsein, schuldfrei zu leben, und ich sage Ihnen: das ist überhaupt erst Leben! Wer noch unvergebene Schuld, auch als Gotteskind, mit sich herumträgt, der beschneidet sein Leben und ist zum Sterben nicht tüchtig.
b) Eine weitere Konsequenz: Er ist versöhnt mit Gott und lebt versöhnt auch mit seinen Feinden. Er kann seine Feinde lieben. Er ereifert sich nicht über sie, er empört sich nicht über sie, er kann sie tragen und ertragen, im Schweigen und auch in der Fürbitte.
c) Er ist ungebunden. Nicht nur die Schuldfrage, sondern auch die Machtfrage hat ihre Lösung gefunden; er lebt in Freiheit. Wir müssen nicht mehr ängstlich sein im Blick auf unser Sterben. Wir haben die Freiheit, wenn der Herr will, morgen zu sterben; und nur wer diese Freiheit hat, morgen zu sterben, der hat heute die Freiheit zu leben.
Mir sagte gestern einer: “Bei Gott ist alles, was Spaß macht, verboten.” So eine Dummheit! Das ist eine satanische Verführung, auch unter manchen Frommen. Nein, ihr Lieben: Gott befreit uns zur Freude, in Seiner Schöpfung und am Leben.
d) Wir haben auch zu bedenken, daß, falls wir morgen sterben, wir eine Verpflichtung haben gegenüber denen, die wir zurücklassen. Haben Sie alle schon ein Testament geschrieben? Mich hat gestern ein lieber Bruder darauf aufmerksam gemacht: So viele Gotteskinder, mit denen er zusammenkomme, hätten noch nicht einmal für den Fall ihres Todes alles geordnet. Das ist Sünde! Wieviel Not gibt es bei Angehörigen gläubiger Verstorbener, weil sie vor lauter Angst vor dem Sterben nicht an das Sterben gedacht haben — wohl einmal so dogmatisch-theoretisch, aber nicht existentiell. Es ist ein Akt der Liebe, daß nach dem Tode des Mannes die Frau weiß, was zu machen ist, oder, wenn die Frau vorangeht, der Mann — bis in die Einzelheiten. Wenn wir’s nicht tun, handeln wir lieblos.
e) Und die schönste Konsequenz: Wenn wir das Sterben Jesu, den Tod am Kreuz ernst genommen und ewiges Leben empfangen haben, dann hat der Heilige Geist Vollmacht, in uns und durch uns zum Heil der Welt zu beten:
Komm, Herr Jesu, komme bald! Amen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit; 4/1977; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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