»In diesem allen sind wir Übersieger«
Autor: Langenberg, Heinrich | Kategorie(n): Andachten, Gemeinde, Paulusbriefe | 690 x gelesenDie zentrale Frage im Römerbrief: »Wie werde ich ein Überwinder?« wird von Paulus bis in die äußersten Konsequenzen hinein total beantwortet. Er fasst seine Belehrung über den Heilsweg der Gläubigen (Röm. 6-8) zusammen zu einem triumphierenden Zeugnis von der Gewissheit des Heils, das durch keine Macht der Welt mehr erschüttert werden kann. Diese Heilsgewissheit ist nicht nur objektiv als geschichtliche Heilstatsache zu verstehen, sondern soll auch subjektiv als Aneignung der Heilsgewissheit erfasst werden, gleichsam als Krönung der ganzen Entwicklung des persönlichen Glaubenslebens. Der Schwerpunkt aber im persönlichen Werden liegt in dem, was Gott an und in uns wirkt. Dieser Ton beherrscht nun auch das Schlusswort zu diesem Herzstück des Römerbriefes. Es ist alles Gottes bedingungslose Gnade, trotzdem es so aussieht, als sei es das Resultat unserer eigenen Anstrengungen im Heiligungsleben.
Römer 8, 31: »Was sollen wir nun noch sagen zu diesem? Wenn Gott für uns (zu unseren Gunsten), wer wider uns?«
Der Gläubige, der seines Heils gewiss ist, hat nichts zu fürchten. Sein Heil ist gesichert. Diese Heilsgewissheit beruht also nicht auf einer gesteigerten Frömmigkeitsstufe, sondern ist in der ewigen Liebe Gottes verankert. Die Garantie liegt in Gott allein. Seine Liebe ist der einzige, unerschütterliche Heilsgrund. Es klingt wie eine Herausforderung an alle feindlichen Mächte im All, wenn Paulus ausruft: »Wenn Gott für uns, wer wider uns?« Hat denn der Gläubige, der so zum Siegesleben durchgedrungen ist, gar keine Widerwärtigkeiten mehr? Gibt es für ihn keine Todesmächte mehr wie Krankheit, Alter, Schwäche, Unfall, Sterben, die mit seinem noch sterblichen Leibe zusammenhängen? Sind für ihn alle Hemmungen des äußeren Lebens wie Armut, Unglück, Misserfolg, Feindschaft der Menschen, aufgehoben? Existieren für ihn auch keine Hemmungen des Geisteslebens mehr wie Nichtwissen und Gebetsschwäche? Ist Satan mit seiner Höllenmacht für ihn kein Begriff mehr? Hat er mit den bösgeistigen Mächten in den Himmlischen nichts mehr zu tun? Alle diese Tatsachen sind doch nicht einfach zu verneinen in der Meinung, das sei der rechte Glaubensstand. Das Geheimnis des triumphierenden Siegeslebens über alle Widerwärtigkeiten liegt in der positiven Einstellung des Glaubens, dem alles dienstbar sein und so zum Guten mitwirken muss (vgl. V. 28). Wohl werden wir nicht aus den widerwärtigen Verhältnissen herausgenommen, aber wir dürfen in den Verhältnissen über den Verhältnissen stehen. Dann steht über unserm ganzen Leben mit seinen Kämpfen und Schwierigkeiten das Motto: »Wenn Gott für uns, wer wider uns?« Der Gegensatz von für (hyper = zugunsten) und wider (kata = zuungunsten) ist hier besonders markant. »Für« zeigt nach oben (hyper bedeutet eigentlich: über) und »wider« zeigt nach unten (kata heißt: von herab). Dieser triumphierende Grundton der Heilsgewissheit hat seinen guten Grund, wie Paulus im Folgenden ausführt.
Römer 8, 32: »Er, der doch des eigenen Sohnes nicht schonte, sondern für uns alle Ihn dahingab, wie sollte Er uns mit Ihm nicht auch alles (ta panta = das All) schenken?«
Mit der Dahingabe Seines eigenen Sohnes hat Gott ein für allemal den Beweis erbracht für Seine Liebe, die alles zu schenken bereit ist. Für schenken steht charizesthai = aus Gnaden schenken, Gnade aktiv werden lassen. Das Schenken Gottes ist der ergreifende Ausdruck Seiner wirksamen Liebe, die sich selbst gibt. In der Dahingabe Seines Sohnes gibt Gott sich selbst. Der eigene Sohn ist höher und mehr wert als das ganze All. Darum kann Paulus von dem Größeren auf das Kleinere schließen. Im Nichtverschonen und Dahingeben liegt der Beweis der überwältigenden Liebe Gottes. Und in dem: »Wie sollte Er uns mit Ihm nicht auch das All schenken?« ist der nicht zu messende Umfang Seiner Gnade angedeutet, um sie uns anschaulich zu machen, soweit dies überhaupt möglich ist. Unsere Vorstellungswelt findet in dem All ihre Begrenzung. Gott aber ist unbegrenzt. Unfassbar groß ist nun die Heilsgewissheit, wenn wir im Ernst versuchen, uns vorzustellen, dass Gott zur Erreichung Seines Heilszieles mit den Menschen uns das All zur Verfügung stellt, zum Guten mitwirken lässt. »Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.« Mit Ihm oder zusammen mit (syn) Ihm ist bereits das All uns aus Gnaden gewährt worden. Mit »das All« (ta panta) ist tatsächlich das ganze Universum gemeint. Durch die Übersetzung mit »alles« oder »alle Dinge« hat man wohl versucht, das schier Unbegreifliche uns begreiflich zu machen, weil man nicht wagt, so unendlich Großes auszusprechen aus Furcht, der maßlosen Übertreibung beschuldigt zu werden.
Römer 8, 33.34: »Wer will gegen Auserwählte Gottes Klage erheben? Gott ist, der rechtfertigt! Wer ist, der verurteilt? Christus ist der Jesus, der gestorben ist, noch mehr aber, der auferweckt worden ist, der zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet.«
Paulus nennt die Gläubigen hier »Auserwählte Gottes« (vgl. Kol. 3, 12; 2. Tim. 2, 10; Tit. 1, 1). Vergleichen wir alle Vorkommen, so finden wir, dass Paulus diesen Titel dann gebraucht, wenn er die Gläubigen in Verbindung bringt mit ihrem künftigen Beruf als Königspriester des Universums, wie überhaupt der Begriff »Erwählung« immer mit Berufung in Verbindung steht. Dieses zu erkennen ist äußerst wichtig für unser Heiligungsleben in Bezug auf unsere Verantwortung. Deshalb werden wir ernstlich ermahnt, uns zu befleißigen, unsere Berufung und Erwählung fest zu machen; denn wenn wir dieses tun, so werden wir niemals straucheln (2. Petr. 1, 10). Das Heil ist bedingungslos, die Berufung und Auserwählung jedoch an Bedingungen geknüpft, bei deren Nichterfüllung wir den Beruf verfehlen und damit die Krone verlieren können. Wie groß ist also unsere Verantwortung! Von dieser Vorschau aus müssen wir versuchen, Paulus zu verstehen, wenn er ausruft: »Wer will gegen Auserwählte Gottes Klage erheben? Gott ist, der rechtfertigt! « So werden wir bewahrt vor falscher Sicherheit und genötigt, über Aneignung der triumphierenden Heilsgewissheit als Voraussetzung eines siegreichen Überwinderlebens schriftgemäß zu denken. Heilsgewissheit und Erwählungsgnade zur Berufung sind zwei Begriffe, die wir nicht trennen dürfen, weil wir sonst die ganze ungeheure Spannung der Polarität einbüßen, die zwischen Rechtfertigung aufgrund von Glauben getrennt von Gesetzes Werken (Röm. 3, 28) und Befestigung der Berufung und Erwählung besteht.
Wir begreifen nun, warum Paulus in 8, 32 nicht an die Rechtfertigung anknüpft, wie in Röm. 5, 1, sondern an das universale Geschenk Seines Sohnes zur Erreichung Seines Heilszieles für Auserwählte. Dass Paulus gerade daran anknüpft, ist von besonderer Bedeutung, weil er gleichzeitig mit dem Siegesjubel die ganz große Verantwortung des Gläubigen betonen will. Diese liegt in der Grundbedeutung des Wortes »schenken« (charizesthai = aus Gnaden schenken, Gnade aktivieren). Für Gnade und Dank hat das Griechische des Neuen Testaments dasselbe Wort, nämlich charis. Darin liegt eine tiefe Wahrheit, weil Dank das Echo der göttlichen Gnade in unserem Herzen sein soll. Dank aus tiefstem Herzensgrund für das Gottesgeschenk Seines Sohnes und die Indienststellung des Alls zugunsten Seiner Auserwählten ist der rechte Impuls zu einem frohlockenden Siegesleben mit totaler Einsatzbereitschaft. Dem großen Gnadengeschenk Gottes gebührt unser totales Dankesgeschenk. Ein gegenseitiges Sich-Schenken ist das Geheimnis der frohlockenden Siegesgewissheit. Wenn wir also das Wort nachsprechen: »Wer will gegen Auserwählte Gottes Klage erheben?«, so denken wir mit tiefem Dank an das große Gnadengeschenk Gottes, womit Er sich selbst verschenkt hat. Er wird auch das angefangene Heilswerk bis zum triumphierenden Abschluss durchführen. Dafür hat Er Vorsorge getroffen, dass alle Mächte der Finsternis diesen Plan nicht sabotieren können. Dem Gesetz oder auch Satan als dem Verkläger gegenüber ist Gott der Rechtfertiger. Es ist auch kein Richter da, der verurteilt; denn alles Gericht hat der Vater dem Sohn übergeben, und dieser ist der Versöhner durch Tod, Auferweckung, Machtergreifung und Hohepriesterdienst. In diesen vier grundlegenden Heilstatsachen ist die Vollendung der Auserwählten Gottes ein für allemal sichergestellt. Paulus bemüht sich, durch Häufung der Attribute für die Größe des Geschenkes Gottes dem nach totaler Auslieferung ringenden Gläubigen den Mut der Siegesgewissheit zu stärken. Der Tod Christi sichert die Versöhnung, ja noch mehr: die Auferweckung sichert die Rechtfertigung und Gerechtmachung, die Machtergreifung sichert die Durchführung der Heilsgeschichte, der Hohepriesterdienst gewährt den Schutz gegen Sabotage von innen und außen.
Römer 8, 35.36: »Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? So wie es geschrieben ist: Deinetwegen werden wir dem Tod überliefert den ganzen Tag, wir werden gerechnet wie Schlachtschafe.«
Die Siebenerreihe auf dem Todesweg zeigt uns, mit welcher Not Gotteskinder noch zu rechnen haben. Sie besteht aus folgenden Gliedern: Drangsal (thlipsis = Einengung, vgl. der schmale, bedrängte Weg); Angst (stenochoria = Klemme, Verlegenheit, enger Raum mit Seufzen verbunden); Verfolgung (diogmos); Hunger (limos = Hungersnot); Blöße (gymnotäs = Nacktheit, Dürftigkeit, Schäbigkeit); Gefahr (kindynos); Schwert (machaira = Richtschwert zur Hinrichtung). Der Fortschritt der einzelnen Glieder in dieser Kette ist von innen nach außen. Der schwache Glaube könnte nun fragen: Wie reimt sich das alles mit der Liebe Gottes oder der Liebe des Christus? Welch ein Paradox! Wenn Gott uns doch das ganze All zu unseren Gunsten schenkt, wie kann Er es zulassen, dass so unendlich viel Leid damit verbunden ist, und dass wir geachtet werden wie Schlachtschafe? Es ist dies der unvermeidbare Todesweg in der Nachfolge Christi. So steht es schon geschrieben in Ps. 44, 23. Paulus zitiert diese Psalmstelle, um zu zeigen, wie von jeher bei Gottes Volk dieser selbe Grundsatz herrscht. Das Neue aber ist, dass wir nun auch wissen, warum (vgl. 2. Kor. 4, 11: »Denn wir, die Lebenden, werden immer in (den) Tod überliefert um Jesu willen, damit auch das Leben des Jesus offenbar gemacht werde in unserm sterblichen Fleische«). Der Todesweg der Gotteskinder, der in seiner Siebenheit bis zum Martyrium wie ein furchtbar drohendes Schicksal den Liebesabsichten Gottes entgegenzustreiten scheint, ist in Wirklichkeit kein Hindernis, sondern, und das ist das Wunder der Gnade Gottes, gerade das Mittel zur volleren Offenbarung der Liebe des Christus.
Römer 8, 37: »Aber in diesem allen sind wir Übersieger durch den, der uns tatsächlich liebt.«
In diesem allen, d. h. den unfassbaren Gegensätzen, sind wir nicht nur einfache Überwinder, sondern »mehr als Überwinder«, Übersieger (»überwinden wir weit«, Luther). Wie sollen wir das verstehen? Das Wort für »übersiegen« (hypernikan) kommt nur einmal vor im Neuen Testament, und zwar gerade an dieser Stelle. Es muss demnach auch aus dem näheren Sachzusammenhang zu erklären sein mit Zuhilfenahme verwandter Begriffe. Paulus spricht gelegentlich gern von dem göttlichen Übermaß (hyperbolä), wodurch das einfache Maß durch ein außergewöhnliches Zusatzmaß noch gesteigert wird, um das ganz Außerordentliche, alle Vorstellungen Übertreffende zu betonen. Dieses göttliche Übermaß kommt jedesmal dann zur Geltung, wenn es sich um die Durchführung der Heilspläne Gottes handelt, bei denen nur Christus das Maß aller Dinge ist. »Er, der doch des eigenen Sohnes nicht schonte, sondern Ihn für uns alle dahingab, wie sollte Er uns mit Ihm nicht auch das All schenken?« (Vers 32). Da geschieht etwas »gemäß Übermaß«. Und das ist nun das Erstaunliche, kaum Fassbare, dass die Gemeinde auch mit einem Übermaß an Siegeskraft bis in das All hineindringen soll. Dem Übermaß Gottes entspricht das Übermaß der Siegeskraft der Gemeinde. Wir sind in der Versuchung, eine solche Behauptung als maßlose Übertreibung hinzustellen, zumal wenn wir Maßstäbe zum Vergleich aufstellen, die wir unseren durchschnittlichen eigenen Erfahrungen im Glaubensleben entnehmen. Aber dürfen wir wagen zu sagen, dass Paulus ein maßloser Schwärmer war und dass er uns geradezu verleitet, ebenso maßlos zu übertreiben? Wir tun besser, wenn wir mit all unserm Kleinmut kapitulieren und uns zum Glauben aufraffen, der sich in diese gewaltigen, überschwänglichen Perspektiven versenkt. Gerade durch die Überwindung aller feindlichen Gewalten und Todesmächte erfahren wir die ganze Tiefe und Weite der Liebe Gottes, der Seinen Sohn für uns alle dahingegeben hat. Seine Liebe zu uns macht uns stark zum Überwinden. Diese Liebe ist nicht nur eine geschichtliche Tatsache, sondern eine fortwährende Quelle der Kraft für uns zum Kämpfen und Siegen, und zwar so überströmend, dass wir mehr als Überwinder, nämlich Übersieger werden.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 6/2000; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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