Heiligung auf dem Boden der Gnade
Autor: Lubahn, Erich, Dr. | Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Heiligung | 690 x gelesenBei diesem Thema geht es um den gelebten Glauben. Was will ich damit sagen? Bei dem biblischen Zeugnis des Glaubens geht es nicht um ein abstraktes Fürwahrhalten biblischer Aussagen, sondern um eine ständige Veränderung im praktischen Leben. Jesus Christus als Sieger und Herr über Sünde, Tod und Teufel — gemäß dem Zeugnis der Bibel — bestimmt zunehmend einen durch den Geist Gottes wiedergeborenen Christen. Solche Menschen nehmen an dem teil, was Jesus am Kreuz für die Welt getan hat, und an dem neuen Leben durch Seine Auferstehung. Ein Christ im gelebten Glauben darf mit Paulus bekennen:
»Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist im Vergehen, siehe. Neues ist geworden« (2. Kor. 5, 17). Wer dies neue Leben begonnen hat zu begreifen, steht auf dem Boden der Gnade (sola gratia). Sie ist kein »Ruhekissen« zum Warten auf den kommenden Herrn, sondern die Voraussetzung zur biblischen Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird (Hebr. 12, 14). Die Wechselwirkung von Gnade und Heiligung suche ich im Folgenden zu verdeutlichen.
1. Gnade und Heiligung stehen in einer Wechselwirkung
Jeder Mensch, der durch Liebe zur Wahrheit mit demütiger Gesinnung zu einer biblischen Selbsterkenntnis gekommen ist und fortlaufend weiter kommt, weiß von der Gnade Jesu Christi, die uns frei macht von »dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Röm. 8, 2). Die Lehre von der Gnade ist für uns keine Ausrede für sittliche Laxheit, sondern eine wunderbare Kraftquelle für die Heiligung. Gnade und Heiligung sind aufeinander bezogen nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren. Jede der beiden Seiten bewirkt die Förderung der anderen Seite.
Die Rechtfertigung des Sünders vor dem heiligen Gott durch die uns durch Jesus erworbene Gnade ist total verbunden mit dem biblischen Zeugnis von der Liebe Gottes. Das Schlüsselwort dafür lesen wir in Johannes 3, 16: »Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.«
Paulus unterstreicht dies Schlüsselwort, indem er sagt: »Gott preist Seine Liebe gegen uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren« (Röm. 5, 8).
Die aus der Gnade wachsende Heiligung steht auf der fundamentalen Aussage Gottes: »Ich bin heilig und ihr sollt auch heilig sein« (3. Mose 11, 44f.; 20, 26). Das Volk Gottes sollte teilhaben an der Heiligkeit Gottes. Heilig sein heißt: von der sündigen Welt abgesondert und Gott zugeordnet, Ihm geweiht sein. Wenn die Menschen in der Bibel als Heilige bezeichnet werden, so soll damit nicht behauptet werden, dass sie vollkommen und sündlos seien, sondern es wird dadurch nur ihre grundsätzliche Stellung Gott und der Welt gegenüber gekennzeichnet. Sie sind von der Welt abgesondert und Gott zu Seinem Dienst geweiht. Heilig im absoluten Sinn ist nur Gott und Sein Sohn Jesus Christus. Um die Heiligung des Namens des Vaters dreht sich das ganze Heilswerk. Deshalb stellt Jesus in Seinem Mustergebet die Bitte an die erste Stelle: »Dein Name werde geheiligt« (Matth. 6, 9; Luk. 11, 2). Jesus ist der Mittler, der die Heiligung des Vaters vermittelt. »Ich heilige mich selbst für sie, auf dass auch sie geheiligt seien in Wahrheit« (Joh. 17, 19).
Das Heiligungsleben ist ein Werden, ein Umwandlungsprozess. Das Fundament dieses Umwandlungsprozesses liegt nicht in uns, das wäre einfach unmöglich, sondern in dem, was Gott aus Gnaden an uns herangebracht hat (Joh. 17, 17.19; 1. Kor. 1, 30; Eph. 5, 25f.). Der aktive Glaube auf dem Fundament der Gnade ist eine bewusste Heiligung, eine Gleichschaltung mit dem Willen Gottes (Röm. 6, 19.22, 2. Kor. 7, 1; 1. Thess. 4, 3). So sind Heilige nicht Vollkommene und Sündlose, sondern Gläubige auf dem Boden der Gnade, die mit ganzem Ernst das auszuleben trachten, was ihr heiliger Beruf ist, Menschen in Christo mit dem höchsten Ziel (Eph. 1, 4; 5, 27; Kol. 1, 22).
Gnade ohne Heiligung ist eine »billige Gnade« (Dietrich Bonhoeffer, 1944), die sektiererisch selbstsicher macht. Heiligung ohne die Gnade macht pharisäisch hochmütig.
2. »Wir in Ihm« ist Gnade — »Er in uns« ist Heiligung
Jesus ist am Kreuz für alle Menschen gestorben; dabei hat Er nicht einen Menschen vergessen. Was bedeutet das praktisch? Das durch die Sünde verschlossene Tor über das Paradies zum Himmel Gottes wurde durch Jesu Tat für jeden Menschen geöffnet. Diese Tatsache kann niemand, auch der Teufel nicht, rückgängig machen. Das All ist ein für allemal versöhnt. Paulus spricht wörtlich von der Versöhnung des Alls (Kol. 1, 20). Das ist die Grundlage der viel umstrittenen biblischen Lehre von der Allversöhnung. Paulus sagt 2. Kor. 5, 19: »Gott war in Christo, die Welt (den Kosmos) zu versöhnen mit sich, ihnen nicht anrechnend ihre Verfehlungen, und hat dadurch aufgerichtet für uns das Wort von der Versöhnung.« Der Glaubende nimmt das, was Gott für alle getan hat, für sich in Anspruch. Dabei rühmt er allein die Gnade, deren er in Christo gewiss sein darf. Darauf beruht die evangelische Lehre der Heilsgewissheit. Jetzt können wir die Botschaft des Evangeliums von der Rettung aller Sünder als »Botschafter an Christi Statt« (2. Kor. 5, 20) nicht verschweigen, indem wir unsere Mitmenschen »an Christi Statt bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott«. Glauben heißt in diesem Zusammenhang: Persönliche Annahme dessen, was Jesus am Kreuz getan hat. »In Christo« ist das Schlüsselwort für das praktische Leben des wiedergeborenen Christen. Wenn z. B. Paulus auffordert, gerade auch angesichts von großem Elend, sich bei allem zu freuen (Phil. 4, 4), so ist das ohne den Stand in Christo nicht möglich, nur eine fromme Illusion.
Wer begonnen hat in Christo zu leben, erfährt dann auch die andere Seite der heilsgeschichtlichen Tatsache: »Christus in uns«. Jesus sagt zu den Seinen: »Bleibt in mir und ich in euch« (Joh. 15, 4). Das Eine ist von dem Anderen nicht zu trennen. Diese Verbundenheit macht insbesondere Paulus in allen seinen Briefen deutlich. Im Anfang aller seiner Briefe wird die Gnade in Ihm gerühmt und am Ende die Realisierung der Gnade durch die Heiligung. Sie ist durch den Heiligen Geist Jesu Werk im Glaubenden. So beginnt Paulus im Römerbrief den Abschnitt über die Heiligung in Christo mit den Worten: »Bringt eure Leiber als lebendiges, heiliges Opfer Gott dar als euren vernünftigen Gottesdienst … lasst euch umgestalten durch die Erneuerung eures Denksinns« (Röm. 12, 1f.).
Die Gnade in Christo ist die einzigartige Gabe Gottes, der Indikativ. Die Heiligung in Ihm ist der Imperativ, ein Werden auf dem Boden der Gnade zur Entfaltung des neuen Lebens in Christo. Der Indikativ lautet mit Paulus: »Ich bin mit Christus gekreuzigt« (Gal. 2, 19), der Imperativ lautet: »Lebt Gott als der Sünde Gestorbene in Christo Jesu« (Röm. 6, 11; 1. Kor. 15, 31; 2. Kor. 4, 10f.).
3. Wer sind wir »in Adam« und wer »in Christo«?
Wer auf dem Boden der Gnade steht, weiß um den Menschen in Adam. Diese Erkenntnis ist die Voraussetzung der Erlösung in Christo. Wie bezeugt Paulus in persönlicher Betroffenheit seine Stellung in Adam? »Ich weiß, dass in mir, das meint in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht …« (Röm. 7, 18ff.). Als »elender Mensch« sucht Paulus Erlösung. Er hat sie in Jesus gefunden und bezeugt sie im ganzen 8. Kapitel des Römerbriefes. Man hat diesem Kapitel die Überschrift gegeben: »Das Hohelied des Glaubens«.
In Christo hat Paulus die Erlösung seines adamitischen Sündenzustandes erkannt und bezeugt aus Erfahrung: »Das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Röm. 8, 2). Nur der Mensch, der seine Verderbnis in Adam erkennt, erfährt die wunderbare Erlösung in Christo. Dabei geht es nicht allein um die Erkenntnis einiger Sünden, sondern um die totale Verderbnis des Fleisches; es geht um die Erlösung von der Sünde (Röm. 7, 20; Gal. 5, 17). Vergebung der Sünden gibt es schon unter dem Gesetz (z. B. Ps. 103); die Erlösung von dem »Gesetz der Sünde« (Röm. 8, 2) gibt es allein in Christo. Dazu hat Gott durch Jesus uns den Heiligen Geist gegeben, damit wir nicht mehr vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt werden (Röm. 8, 9.11.14-16). Ohne den Heiligen Geist kann niemand im Ernst Jesus seinen Herrn heißen (1. Kor. 12, 3).
Wer auf dem Boden der Gnade um seine Verlorenheit in Adam weiß, weiß zugleich von seiner Rettung in Christo. Wer von dieser Gnade lebt, lässt sich vom Heiligen Geist zur Heiligung treiben (Hebr. 12, 14).
4. Gnade und Heiligung sind ein Prozess des neuen Lebens
Das Neue Testament unterscheidet drei Lebensweisen: 1. Das biologische Leben (bios). Dies Leben haben alle Pflanzen, alle Tiere und alle Menschen. 2. Das seelische Leben (psychee). Daran haben alle Tiere und Menschen teil. 3. Das durch den Geist Gottes geschenkte Leben (zoee) kann nur von Menschen empfangen werden. Darum geht es im ganzen Evangelium. Wer dies Leben nicht bzw. noch nicht hat, ist eine tote Seele; wer es durch die Gnade Jesu im Glauben empfängt, ist eine lebendige Seele. Paulus schrieb an die durch Jesus zum Leben Gottes Erlösten: »Wir waren tot in den Sünden« (Eph. 2, 1.5; Kol. 2, 13). Tod meint nach dem hebräischen Verständnis Trennung von Gott. Auf diesem Hintergrund sagt Johannes: »Wir wissen, dass wir aus dem Tod (Trennung von Gott) in das Leben (Leben mit Gott) gekommen sind« (1. Joh. 3, 14). Wer im Glauben mit Jesus verbunden lebt, »ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen« (Joh. 5, 24). Wer das begonnen hat zu begreifen, vermag mit Paulus zu bekennen: »Christus ist mein Leben« (Phil. 1, 21; Kol. 3, 3f.; vgl. Röm. 5, 10; 6, 6).
Glauben nach dem hebräischen Verständnis (ämuna) will einen Prozess verdeutlichen, der einen neuen Weg, weg von der Gottesferne hin zu Gott, bedeutet. Aus dieser Sicht hat Martin Luther den Glauben folgendermaßen gedeutet: »Ich bin nicht fromm, sondern ich werde fromm. Ich lebe nicht im Sein, sondern im Werden.« — Das irdische Leben ist dafür ein Abbild: Ein Kind wird unter dem Herzen einer Mutter. Wenn es geboren ist, wird langsam aus dem Kind ein Erwachsener. Wann ist ein Mensch wirklich in seiner Ganzheit erwachsen? Paulus hat diesen Hintergrund, wenn er vom Kindlein Jüngling und Vater in Christo schreibt (z. B. 1. Kor. 3, 1; 13, 11; 1. Tim. 5, 1; 1. Kor. 4, 15).
Wer im Glauben wiedergeboren ist, der hat neues Leben. Dies Leben will sich entfalten: Das geschieht auf dem Boden des Glaubens durch die Heiligung.
5. Glaubende haben durch Gnade und Heiligung ein Ziel
Paulus als Zeuge von Glauben und Heiligung sagt: »Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder vollkommen (wörtlich: vollendet, zum Ziel gekommen) sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin … Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, es ergriffen zu haben. Eines aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu« (Phil. 3, 12-14).
Worin bestand das Ziel des Apostels Paulus? Er trachtete danach, am Ende seines irdischen Lebens in den »dritten Himmel« zu seinem Herrn entrückt zu werden. Wir wissen, dass Paulus einmal eine Vision empfing, indem er den Herrn Jesus im dritten Himmel schaute. Paulus, der als Hebräer lebte, wusste von den drei Himmeln: Der erste Himmel beginnt bei dem Glaubenden im Herzen (Luk. 17, 21). Der zweite Himmel ist das Paradies, der Aufenthalt Adams vor seinem Fall. Weil er ungehorsam war, wurde er aus dem Paradies verwiesen (1. Mose 3). Weil dagegen »der zweite Adam« gehorsam war bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil. 2, 8), darum ist Er nach Seiner Erhöhung (Auferstehung) in den dritten Himmel zu Seinem Vater gekommen. Dort ist Jesus jetzt und hat verheißen: »Ihr sollt sein, wo ich bin« (Joh. 12, 26; 14, 3; 17, 24). Jesus ist vorausgegangen, den Seinen die Wohnung zu bereiten (Joh. 14, 2.23). Wer mit diesem Ziel stirbt, der beginnt eine neue Phase seines geistlichen Lebens, für den ist das Abscheiden von dieser Welt nur Gewinn (Phil. 1, 21; Gal. 2. 10; Röm. 8, 38f.).
Ohne Heiligung auf dem Boden der Gnade kann kein Mensch in Nöten des Lebens, im Leiden, im Ertragen von Unrecht und beim Sterben getrost mit Paulus sprechen: »Wir aber wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« (Röm. 8, 28). Paulus hat im Kerker die »Freudenepistel« (Luther), den Philipperbrief, geschrieben und dort gesagt: »Christus ist mein Leben (zoee) und Sterben ist mein Gewinn … Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein« (Phil. 2, 21-23).
Glaubende auf dem Boden der Gnade im Wachstum der Heiligung »jagen dem vorgesteckten Ziel nach« (Phil. 3, 14) und lassen sich von niemandem und durch nichts das Ziel verrücken (Kol. 2, 18). Dies Ziel wird niemand bei seinem Abscheiden von der Welt mit Paulus erreichen, wenn er nicht im täglich gelebten Glauben durch die Heiligung auf dem Boden der Gnade, »auf dem Weg«, seinem Herrn total gehorsam sein will und gehorsam ist. So ist der lebendige Christ täglich herausgefordert mit der Gewissheit: »Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden« (Phil. 1, 6). Jesus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr. 12, 2) für jeden, der auf dem Boden der Gnade der Heiligung nachjagt. Das Ziel ist: Mit Jesus zusammen leben und königlich herrschen. So leben wir nicht zur eigenen Ehre, sondern zur Ehre Gottes, unseres Vaters, durch unseren Herrn Jesus Christus.
(Quelle: »Gnade und Herrlichkeit«; 2/2002; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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