Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Hebräisches Denken — Eine Hilfe zum Verständnis der Bibel

Autor: Lubahn, Erich, Dr.  |  Kategorie(n): Lehre, Wort Gottes (Bibel)  |  2,393 x gelesen

Jeder bewusste Christ strebt danach, die Bibel mit ihrem Eigenverständnis richtig zu verstehen. Dazu möchte das hebräische Denken, welches ich von meinem geschätzten Lehrer, Professor Otto Michel, lernen durfte, eine Hilfe sein. Otto Michel (1903-1993) unterschied das abstrakte Denken von Gott, so besonders in der griechischen Philosophie, von dem lebensnahen Denken der Bibel, welches er als »hebräisches Denken« zu verdeutlichen suchte. Die Bibel bezeugt in vielen Zusammenhängen, dass Offenbarungen, die vom Empfänger im Glauben angenommen werden, das Leben des Betroffenen verändern. Der hebräisch denkende Christ ist an Gottes Handeln in der Geschichte und seiner Offenbarung orientiert. Bei jedem Text der Bibel ist zu fragen: »Was ist damals geschehen?« und »Was will Gott uns heute für unser Leben damit sagen?« Dazu möchte ich in den folgenden Abschnitten ein Fünffaches verdeutlichen:

  1. Wir lernen Gott in Seinen Taten kennen.
  2. Gott sucht den Menschen.
  3. Glauben an Gott — hebräisch verstanden.
  4. Wir denken daran, was Gott in der Vergangenheit tat, und was Er in der Zukunft tun wird.
  5. Die Verbundenheit der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung.

A. Wir lernen Gott in Seinen Taten kennen

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) wurde nicht müde, immer wieder auf Gottes Tat Seiner Schöpfung (1. Mose 1) hinzuweisen. Wer angesichts der Schöpfung einen Schöpfer leugnet oder ignoriert, kann dies nur auf Kosten der Vernunft vollziehen. Paulus bezeugt, dass Gott an den Werken Seiner Schöpfung erkannt werden sollte (Röm. 1, 20). Gott will sich aber nicht nur in Seinen Schöpfungswerken kundmachen. Darum sagt Jesus: »Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde?« (Joh. 3, 12), Mit der Bibel sucht Gott uns Seine Taten in der Geschichte zu vermitteln. Gottes Handeln in der Geschichte ist situations- und zeitbezogen. Weil aber konkrete Situationen und bestimmte Zeiten einem beständigen Wechsel unterliegen, ist es uns verwehrt, von ihnen ein religiöses Schema von Gottes Handeln abzuleiten. Dieses lehrt uns lediglich gewisse, menschlich formulierte Attribute Gottes, wie Zorn und Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit; aber Sicherheit darüber, wie Sein Handeln im Einzelfall in Zukunft aussehen werde, können wir nicht gewinnen, obwohl der natürliche Mensch nach solcher Sicherheit verlangt. Die Bibel bietet uns kein Schema, was Gott im Einzelnen zu jeder Zeit gleichermaßen tut. Wer zu dem Gott der Bibel ein Vertrauensverhältnis aufbaut, verlässt sich auf das »Dass« Seines Handelns, nicht auf das »Was« und »Wie«. So entsteht das »Dennoch des Glaubens« (Ps. 73). Die­ser Glaube entspricht dem hebräischen Denken. Vergleiche dazu das schöne Wortspiel Jes. 7, 9: »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.« (Für Glauben und Bleiben ist im Hebräischen die gleiche Wurzel aman benutzt.) Der Glaubende hat auf Überraschungen gefasst zu sein (z. B. 1. Mose 15, 6; 22, 1.2.11-18).

Der Hebräer ist an Gottes Handeln in der Geschichte und an der dabei erfolgenden Offenbarung Seines Wesens und Wirkens interessiert und orientiert. Sein Denken und Seine Gotteserkenntnis werden auf zweierlei Weise geformt:

  1. durch geschichtliche Ereignisse;
  2. durch das diese Ereignisse deutende, den Propheten geoffenbarte Wort.

Von diesen zwei Weisen der Offenbarung ist unsere ganze Bibel gekennzeichnet. Die Geschichte Israels und die der Völker wird erzählt und für uns durch das Wort gedeutet, als Gottes Handeln bedeutsam gemacht. Dazu bedarf es des prophetischen Wortes. Denn das Göttliche ist für uns Menschen nicht selbstverständlich. »Der Herr spricht: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege« (Jes. 55, 8.9). Otto Michel betonte immer wieder gemäß seinem hebräischen Denken die Zusammengehörigkeit von Geschichte und Offenbarung. Das sei ein Grundverständnis der ganzen Bibel. Auch war ihm wichtig, dass sich Gott »in der Struktur des Dialogs« (Gesprächscharakter) dem Menschen zuwendet. Der Dialog ist Ausdruck des vielfältigen und sich ständig verändernden Lebens. In ihm und durch ihn werden freilich Aussagen von grundsätzlicher Bedeutung für alle Zeiten und verschiedene Situationen gemacht. – Wer den in der Bibel gebotenen Dialog im Sinn höchster und letztgültiger Autorität verstehen will, muss die Bereitschaft investieren, in ihn einbezogen zu werden mit den Konsequenzen des Gehorsams und des Glaubens im Sinn von Jesu Worten: »Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede« (Joh. 7, 16.17). Wer im Glaubensgehorsam den Willen Gottes tun will, wird in den dialogischen Austausch der Bibel in persönlicher Betroffenheit hineingenommen. Das entspricht dann dem Verständnis des hebräischen Denkens.

B. Gott sucht den Menschen

Die Nationen (»Heiden«) suchen Gott und haben ihre vielfältigen Bilder von ihm (Götter). Die Bibel und das von ihr gelehrte hebräische Denken kennt, streng genommen, keine Philosophie, die von menschlichen Erfahrungen und Denkweisen her Gott sucht und Ihn zu bestimmen, zu definieren sucht. Das hebräische Denken ist von Gott durch Seine Offenbarungen bestimmt. Der jüdische Theologe Abraham J. Heschel (1907-1973), der »amerikanische Buber«, ist ganz vom hebräischen Denken geprägt, wenn er bekennt: »Gott sucht den Menschen«. (Eine Publikation mit dem gleichnamigen Titel erschien 1980 im Neukirchener Verlag. Wichtig war Heschel: Der Gott suchende Mensch muss sich von Gott finden lassen, der ihn sucht.) Das sei das Thema der Bibel. Aus Seiner unergründlichen ewigen Liebe sucht Gott den Menschen. Die Erwählung Abrahams, die Erwählung Israels, gipfelt in der Heilsverheißung: »In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden« (1. Mose 12, 2). In diesem Zusammenhang sagte Otto Rodenberg oftmals in unseren Seminaren: »Die Erwählung ist partikular; und das vom Erwählten ausgehende Heil ist universal.« Im Blick auf den erwarteten Messias betet Israel: »Durch Ihn sollen gesegnet sein alle Völker, und sie werden Ihn preisen. Gelobt sei Gott, der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut! Gelobt sei Sein herrlicher Name ewiglich, und alle Lande sollen Seiner Ehre voll werden!« (Ps. 72, 17b-19). In Seinem Sohn Jesus Christus sehen wir, mit welch höchstem Einsatz Gott Sein Ziel verfolgt. In Ihm erfüllt Gott alle Seine Verheißungen!

Nach hebräischem Denken ist Gottes Erniedrigung die Voraussetzung für die Erhöhung des Menschen (Phil. 2, 5ff.). Das ist ein pädagogischer Grundsatz. Wer einen anderen Menschen etwas lehren will, muss sich auf seine Verstehensebene begeben. So erniedrigte sich Gott in Seinem Wort und in Seinem Sohn Jesus Christus. Das Ziel der Erniedrigung Gottes ist es, dem Menschen die durch den Sündenfall verlorene Würde, ein Ebenbild Gottes zu sein, wieder zu vermitteln. Gott sucht Menschen, die das aus Seiner Gnade durch den Glauben entdecken und annehmen.

Das von der griechischen Philosophie geprägte abendländische Denken, auch in der christlichen Theologie, sucht alles vom Anfang (archä) her zu verstehen. Abraham Heschel betont, dass das hebräische Denken in völligem Gegensatz dazu alles vom Ziel (telos) her zu verstehen sucht. Bei dem einen Denken geht es »von unten nach oben zum Ziel«, bei dem anderen »von oben, dem Ziel her, nach unten«. Bei dem einen Denken steht der Mensch mit seinen Möglichkeiten im Mittelpunkt, bei dem anderen Gott. Bei dem einen Denken kommt die theologische Philosophie sogar zu der Überlegung, ob Gott lebe oder tot sei. Bei dem anderen stellt Gott die Frage an den Menschen, ob er tot oder lebendig sei.

C. Glauben an Gott — hebräisch verstanden

Von »Gott als dem größten Rätsel des Menschen« sprach Immanuel Kant (1724-1804) in vielen Zusammenhängen. So die Worte eines Philosophen. Als Psychologe sprach C. G. Jung (1875-1961) von »dem Menschen, der sich selbst das größte Rätsel« sei. Das biblische Zeugnis nach hebräischem Verständnis zu den beiden Aussagen lautet: Es gibt kein wahres Gottesverständnis ohne Selbsterkenntnis, und umgekehrt: Es gibt kein wahres Selbstverständnis ohne Gotteserkenntnis. Beide Aussagen gehören zusammen! Wer das eine vom anderen trennt, bietet bestenfalls richtige Sätze in abstrakter Qualität. Beide Aussagen zusammen, das ist gerade das hebräische Verständnis, das eine Hilfe für das praktische Leben bietet.

Nach hebräischem Denken ist der Glaube ein Gottvertrauen für das tägliche Leben in individueller Betroffenheit des Gläubigen. In der abendländischen Christenheit ist der Glaube oft nichts anderes als ein abstraktes Fürwahrhalten über den Horizont der menschlichen Vernunft hinaus.

Nach Immanuel Kant beginnt der Glaube, wo das Wissen aufhört. Martin Buber macht dagegen die Aussage: »Der Glaube ist ein Wissen auf höherer Ebene.« Abraham Heschel sagt: »Glauben heißt nicht Kapitulation, sondern Aufstieg zu einer höheren Denkebene.« — Wenn Immanuel Kant den christlichen Glauben als Nichtwissen definiert, Glauben und Denken trennt, macht er mit allen, die sich zu ihm bekennen, nur deutlich, dass ihm das Geheimnis biblischen Denkens noch verschlossen ist. Der lebendige Glaube öffnet das Mysterium (Geheimnis). Abraham Heschel sagt dazu: »An Gott glauben heißt: Verbindung mit dem höchsten Bereich haben, dem Bereich des Mysteriums. Das ist sein Wesen.« Der nach Gott fragende Mensch mit »aufrichtigem Herzen« (Spr. 2, 7) und »demütiger Gesinnung« (Jes. 57, 15) begegnet aus der Gnade Gottes (1. Petr. 5, 5) dem ihn suchenden Gott. Daraus resultiert ein erneuertes Denken (metanoia), welches das Weltbild erweitert und verändert. Also: Glauben nach hebräischem Verständnis heißt nicht Nichtdenken, sondern transzendierendes, auf Ewigkeit gerichtetes, erneuertes Denken. Durch dies Denken wird der »tote Glaube« gemieden und »lebendiger Glaube« ermöglicht.

Im Gegensatz zur Behauptung des Gegensatzes von Glauben und Wissen lautet die biblische Aussage: »Wir aber wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« (Röm. 8, 28). Johannes bezeugt: »Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind« (1. Joh. 3, 14). Dazu: »Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis Seines Willens« (Eph. 1, 9).

Ein weiterer wichtiger Aspekt hebräischen Verständnisses vom Glauben lautet: Der Mensch lebt nicht im Sein, sondern im Werden. Unser abendländisches Denken ist wesentlich vom statischen Selbstverständnis geprägt, in dem Gott unbetroffen und unbeteiligt über den Dingen und über der Zeit steht. Aus diesem grundsätzlichen Seinsverständnis hat sich die Philosophie der Ontologie entwickelt. (Es handelt sich um eine »Lehre von den abstrakten Bestimmungen des Wesens« — Hegel.) Auch die christliche Theologie wurde von dem statischen Seinsverständnis geprägt. Was Thomas von Aquin (1225-1274) in seinem von Aristoteles (384-322 v. Chr.) herkommenden Denken für die katholische Kirche ist, wurde Immanuel Kant für den Neuprotestantismus, insbesondere in der modernistischen Theologie.

In diesem Zusammenhang ein persönliches Wort: Ich bin von meiner Erziehung und von meinem Charakter her ein abstrakt denkender Mensch. Da Otto Michel oft Zuhörer von Bibelarbeiten und Predigten von mir auf der Langensteinbacherhöhe war, kritisierte er mich immer wieder: »Das war mir zu abstrakt …« Auch in einem theologischen Seminar stritten wir uns öffentlich über das Verständnis von Sein und Werden. Dabei betonte Otto Michel: »Unser Glaube ist ein Auf-dem-Weg-sein, er ist ein ständiges Werden.« Damals kamen wir uns im Streit lediglich näher, hatten aber keine völlige Übereinstimmung. Im Lauf der Zeit hat sich in meinem Glaubensleben etwas geändert. Ich stand — und stehe heute noch — in der Gefahr, auch das hebräische Denken abstrakt zu vertreten. Viel Streit unter Christen und Kirchen in Glaubensfragen wurzelt im statischen, abstrakten Denken. Das aber bringt uns Gott nicht näher. Der biblische Glaube ist nach dem hebräischen Verständnis ein ständiges Lernen, auf dem Weg des Glaubens im Gehorsam mit Gott zu leben. Auf diesem Weg werden wir beständig verändert. Das ist ein Prozess des neuen Lebens (zoä). Diesen Prozess nennt die Bibel Heiligung. Sie ist eine Folge persönlich erfasster »Rechtfertigung durch den Glauben«. Auf diesem Weg ist der Mensch nie fertig, sondern lernt mit Paulus der Vollendung nachzujagen (Phil. 3, 12-14).

Jeder fragende und suchende Mensch, der sich von Gott finden lässt, verwandelt sich ständig in seinem Denken und praktischen Leben. Dabei gewinnt er eine zunehmende Erkenntnis von Gott und von sich selbst. Er bleibt nie im statischen Sein stehen, sondern befindet sich in ständigem Werden. Dabei darf er die glaubende Zuversicht haben: »ER ist’s, der es schafft!«

D. Wir denken daran, was Gott in der Vergangenheit tat und was Er in der Zukunft tun wird

In der jüdischen Tradition, besonders an Festtagen, spielt das Gedenken (zekhor, bzw. zachor) an das, was Gott in der Geschichte Israels tat und was Er in der Zukunft tun wird, eine entscheidende Rolle. Es geht um die Vergegenwärtigung von heilsgeschichtlichen Ereignissen in Vergangenheit und Zukunft. »Vergiss nicht« (Ps. 103, 2): das ist Israel aufgetragen. Von die­ser Vergegenwärtigung von Gottes Taten und Verheißungen lebt im hebräischen Denken auch der Christ. Einen ganz besonderen Schwerpunkt legt der Jude auf das Passahfest, den Auszug Israels aus der Knechtschaft Ägyptens, die Wüstenwanderung und den Einzug ins gelobte Land. Nach hebräischem Denken wird dieses geschichtliche Ereignis auch auf die Zukunft im eschatologischen Sinn gedeutet. Dies Gedenken soll den Juden zu allen Zeiten für ihre Gegenwart eine Glaubensstärkung sein.

In einem Seminar erläuterte Otto Michel, wie er in Jerusalem in einer jüdischen Familie das Passahfest miterlebte. Der Hausvater dankte Gott im Gebet, dass ER ihn aus Ägypten befreit habe. Ein Kind fragte den Vater, ob er denn dabei gewesen sei? Darauf antwortete der Hausvater, dass er durch den Glauben heute an dem einmal geschehenen Ereignis teilnehme und mit der Vollendung des Geschehens für die Zukunft rechne. — In dieser Gesinnung wird auch heute noch in der Synagoge das Vorwort zum Dekalog bekannt: »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat!« (2. Mose 20, 2).

Das Gedenken ist sowohl auf der Seite Gottes (2. Mose 3, 16) als auch des Menschen. Franz Rosenzweig versichert uns, dass Israel so lange die großen Taten Gottes in der Vergangenheit in seinen Gottesdiensten bezeugt, bis schließlich alle Seine Taten im messianischen Reich zur Vollendung geführt werden (»Stern der Erlösung«, S. 375f.; vgl. Ps. 106; Jos. 24; Neh. 9).

Heschel sagt im Blick auf sein Volk Israel: »Wir sind Sein Volk, in dem die Vergangenheit fortdauert, in dem die Gegenwart ohne vergangene Augenblicke unvorstellbar ist. Die Vision der Propheten dauerte einen Augenblick — einen Augenblick, der für immer fortdauert. Was einmal geschehen ist, geschieht immer … Zeit ist keine leere Dimension. Ihr Sinn kann wie ein kostbares Gebäude sein, wenn wir wissen, wie man es mit kostbaren Taten baut …«

Im hebräischen Glauben wird das Gegenwärtige als eine durch heilige Taten zu verantwortende Zeit gesehen. Für Gott und vor Ihm werden die Taten der Menschen für alle und für immer unauslöschlich ernst genommen. Sie werden in einem »himmlischen Buch« registriert und aufgehoben zum Gericht (Dan. 7, 10; Offb. 20, 12). In der Ewigkeit Gottes sind die Taten des Menschen von entscheidender Bedeutung. Das sollte jeder Mensch ernst nehmen (Gal. 6, 7-10; 2. Kor. 5, 10).

E. Die Verbundenheit der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung

»Himmel und Erde« (1. Mose 1, 1) gehören nach hebräischem Verständnis als eine Schöpfung zusammen. Sie sind in einer Entsprechung aufeinander bezogen. Das verdeutlicht Martin Buber gemäß der jüdischen Tradition mit dem ersten Buchstaben der Bibel, dem Beth im ersten Wort von 1. Mose 1, 1: bereschit (im Anfang), welches als Zahl zugleich »zwei« bedeutet. Beth hat im hebräischen Schriftzeichen zwei horizontale Linien, die mit einer vertikalen Linie verbunden sind. Die zwei übereinanderliegenden Linien wollen die Zweidimensionalität des biblischen Zeugnisses von Himmel und Erde veranschaulichen. Beide Dimensionen sind durch eine vertikale Linie verbunden. Der Mensch ist nach Gottes Schöpfungsordnung »Bürger beider Welten« der einen Schöpfung Gottes. Es sei noch besonders vermerkt, dass Martin Buber gemäß der hebräischen Tradition unter Himmel in der Schöpfungsgeschichte »die unsichtbare Schöpfung in mehrfachen Dimensionen« sieht. Darum heißt es auch in 1. Mose 1, 1 »die Himmel«. Aus dieser Sicht ist Paulus zu verstehen, wenn er vom dritten Himmel spricht (2. Kor. 12, 2). Exegetisch ist es von Bedeutung, ob die Bibel vom Himmel im Singular oder Plural spricht (z. B. 1. Kön. 8, 27: »Der Himmel und aller Himmel Himmel können Dich nicht fassen«). Jesus, »der hinuntergefahren ist ins Totenreich«, »ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel« (vgl. Eph. 4, 9.10; Hebr. 4, 14; 7, 26) zur Rechten Gottes. Man kann in diesem Zusammenhang von einer Dreidimensionalität sprechen: 1. Die Erde als sichtbare Schöpfung, 2. die Himmel als die unsichtbare Schöpfung und 3. der Himmel Gottes, aus dem Jesus kam, bevor Er Mensch wurde (Phil. 2, 5-11), und zu dem Jesus nach Seiner Himmelfahrt zum Thron Gottes zurückkehrte (»in den Himmel«, Apg. 1, 11).

Der Gipfel der Aufklärung ist die Hypothese: Es gibt nur die eine Welt, in der wir leben und die wir erforschen können (Hegel, Feuerbach und Nietzsche). Karl Marx (1818-1893) hat diese Weltanschauung zur Grundlage des Sozialismus und Kommunismus gemacht. Besonders tragisch ist dabei, dass beide Eltern von Karl Marx aus rabbinischen Familien kamen. Er wurde zum orthodoxen Judentum erzogen. In seinen Ausführungen finden sich viele Parallelen zum messianischen »Tausendjährigen Reich«. Das, was Israel für die Zukunft betend erwartete, wollte Karl Marx für die Gegenwart ohne jegliche religiöse Ambitionen realisieren. So wurde aus dem Juden ein Atheist. Die aufgeklärten deutschen Philosophen sind oft auch in einer frommen Tradition erzogen worden. — Die sogenannte Existenzialphilosophie hat sich dann über Martin Heidegger (1889-1976) in die evangelische Theologie eingeschlichen. Rudolf Bultmann (1884-1976) machte aus dieser Philosophie eine entmythologisierende Theologie. Für ihn und ihm nahe stehende Theologen sind die biblischen Zeugnisse vom Himmel Mythen, die in aufgeklärtem Sinn neu (existenzial) interpretiert gehören. Die Auswirkung dieser Theologie ist heute noch mehr oder weniger bei Theologen und Pfarrern spürbar.

Gegen diese modernistische Theologie hat sich Otto Michel in besonderer Weise gewandt. »Entmythologisierung bedeutet: statt Konkretion Abstraktion, statt theologischer Offenbarungslehre philosophische Hermeneutik«. Als Alternative zur aufgeklärten Theologie vertrat Michel eine Exegese aus dem hebräischen Denken. Das machte er bei unserem letzten Seminar 1990 besonders deutlich.

Alle fünf Aspekte des hebräischen Denkens können eine Hilfe sein, mit persönlichem und weltweitem Leid und den vielen Ungerechtigkeiten fertig zu werden. Sie sollen alle der Zubereitung und Prüfung für die Ewigkeit Gottes dienen. Ohne dieses Wissen um das Ziel unseres Lebens werden wir nicht den Sinn unseres Lebens zu begreifen imstande sein.

Wer über das hebräische Denken noch mehr Verständnis gewinnen will, mit vielen Hinweisen auf insbesondere jüdische Literatur, kann das lesen in dem Buch, das Erich Lubahn gemeinsam mit anderen evangelischen Theologen herausgegeben hat: »Von Gott erkannt — Gotteserkenntnis im hebräischen und griechischen Denken«, Christliches Verlagshaus Stuttgart (1995, 3. Auflage, EUR 9,90).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 5/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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