Gemeindeprophetie
Autor: Langenberg, Heinrich | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Gemeinde, Lehre, Paulus, Schwarmgeist, Versuchung & Verführung | 827 x gelesenEs ist eine auffallende Tatsache, dass die besondere Geistes- oder Gnadengabe der Gemeindeprophetie heute in den geschichtlich gewordenen gottesdienstlichen Erbauungs- und Missionsversammlungen kaum mehr gefunden wird, während doch gerade dieses Charisma nach der ausführlichen Darstellung des Apostels Paulus in der Urchristenheit einen hervorragenden Platz einnahm. Wie ist das zu erklären? In der kirchlichen Theologie wird in der Lehre von den Charismen die Sache vielfach so hingestellt, als ob in der Entstehungsgeschichte der christlichen Kirche die Gabe der Weissagung wohl eine gewisse Rolle gespielt habe, aber hernach seien die besonderen Dienste der Apostel und Propheten mehr und mehr zurückgetreten. Dafür sei nun das geordnete kirchliche Amt zuständig geworden. Auf evangelischer Seite gibt es keine sogenannten Apostelnachfolger mehr wie in der päpstlichen Kirche. Ebenso ist die Gemeindeprophetie durch das Lehr- oder Predigtamt verdrängt und überflüssig geworden.
Wir fragen uns: Ist das die Anschauung der Schrift?
Wie ist es zu verstehen, wenn Paulus schreibt (1. Korinther 12, 28): “Und zwar hat Gott etliche in der Gemeinde gesetzt, zuerst Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, sodann Kräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Zungen”. Will Paulus damit sagen, dass die erste Dreiergruppe: Apostel, Propheten, Lehrer nur bei der Grundlegung der Gemeinde zeitlich ihre Rolle gespielt haben? Oder gibt er in den Versen 28-31 in der Aufzählung der mannigfachen Charismen in der Gemeinde eine gewisse Rangordnung bekannt? Letzteres ist nach dem Zusammenhang der Ausführungen in 1. Korinther 12 ohne Zweifel der Fall. Es lag durchaus keine Veranlassung vor, die Frage einer geschichtlichen Sukzession aufzuwerfen.
Die Apostel stehen als Gründer der Gemeinde Gottes zeitlich obenan, ihr Dienst war einmalig und wir finden keine Andeutung für den Fortbestand des apostolischen Dienstes. Wir sind gezwungen, diesen Dienst als einmalig und ohne Nachfolge zu betrachten wegen der unwiederholbaren Bedingung, dass ein Apostel ein Augen- und Ohrenzeuge des irdischen Christuswirkens Jesu und seiner Auferstehung sein musste (vgl. Apg. 1, 21.22). Der Dienst eines Gemeindepropheten und Lehrers ist jedoch bleibend bis zur Vollendung der Gemeinde (vgl. Offb. 12, 17; 19, 10).
Aber weshalb hält sich die Gemeinde Gottes nicht an die durch Paulus hier angegebene Ordnung? Wir müssen diese Frage mit ganzem Ernst stellen und nach den Ursachen forschen und aufs neue untersuchen, was unter der Gabe der Gemeindeprophetie eigentlich zu verstehen ist und weshalb sie heute noch notwendig ist zur Vollendung des Gemeindezeugnisses.
Der Weissagungsgeist ist ohne das heilsgeschichtliche Ziel der Universalgemeinde nicht erreichbar. Warum nur wird diese Tatsache so sehr übersehen und vernachlässigt. Es gibt Zeiten, da des Herrn Wort teuer ist und Gesichte nicht verbreitet sind (vgl. 1. Sam. 3, 1). Es kommen auch Zeitspannen in der Heilsgeschichte, in denen der Mund der Propheten ganz verstummt, wie z. B. zwischen dem Auftreten des letzten alttestamentlichen Schriftpropheten Maleachi und der Wirksamkeit des Täufers Johannes, von welchem Jesus bezeugt, dass er mehr sei als ein Prophet (Luk. 7, 26). Während dieser ca. 500 Jahre dauernden prophetenlosen Zeit gab es jedoch das geschriebene prophetische Wort, das wie ein leuchtender Wegweiser Führerdienste für die Stillen im Lande leistete. Es gab aber keine neue Weissagung gemäß dem Offenbarungsfortschritt, sondern nur ein glaubensvolles Warten auf das Aufgehen des Lichtes des angekündigten messianischen Heilstages.
In den Tagen der Urchristenheit, der werdenden Gemeinde, war die Gabe der Prophetie außerordentlich lebendig. Und im Laufe der Jahrhunderte der Geschichte wechseln Zeiten des prophetischen Wirkens ab mit Zeiten tiefen Schweigens. Über dieses geschichtliche Problem könnte und sollte eine gründliche Untersuchung angestellt werden, die wahrscheinlich zu demselben Resultat kommen würde wie ein tiefer schürfender Vergleich der prophetisch orientierten zwei Bücher der Könige mit den zeitlich gleichlaufenden zwei Büchern der Chronika. Letztere geben uns eine religiöse Geschichtsbetrachtung mit Betonung der Leistungen frommer Könige und der durch sie hervorgerufenen Reformationsbewegungen. Alle diese so vielversprechenden Reformationen endigten mit einem Fiasko. Der prophetische Geist in den Königsbüchern hat jedoch andere Grundsätze und ist orientiert an der Ehre Gottes, dem Wirken der bedingungslosen Gnade und dem heilsgeschichtlichen Offenbarungsfortschritt, der durch die zeitgenössischen Schriftpropheten fundamental dokumentiert wird.
Und wie steht es heute in der Gemeinde Gottes? Gibt es noch eine Gemeindeprophetie, und wenn ja, was ist ihre besondere Aufgabe? Heute scheint es so, als ob Satan, der große Widersacher, die Kenntnis der Heilspläne Gottes mit Israel und der Gemeinde so gründlich sabotiert hat durch den groben Mißbrauch der Gabe des Weissagens, und diese so sehr in Mißkredit geraten ist, dass man es einfach nicht wagt, erneut an eine biblische Untersuchung der Frage der Gemeindeprophetie heranzugehen, was doch so dringend notwendig ist und hiermit versucht werden soll in der Überzeugung, dass die Gemeinde Gottes ihr gesetztes Ziel nicht erreichen kann ohne eine erneute Erweckung des prophetischen Wortes.
Damals, zur Zeit Jeremias, hat der große Gott gesprochen: “Siehe es kommt die Zeit, spricht Jehova, dass ich das gute Wort erwecken will, welches ich dem Hause Israel und dem Hause Jakob geredet habe” (Jer. 33, 14). Wenn die Gemeinde Gottes im Vertrauen auf Gottes gutes Wort erst selber aufwacht und anfängt, um diese gottwohlgefällige weltweite Erweckung des prophetischen Wortes ernstlich und einmütig zu beten, das gäbe eine wirkliche Erweckung, die schriftgemäß von Israel ausgehend die ganze Völkerwelt erfaßt. Wie oft wird um eine “weltweite Erweckung” (worldwide revival) gebetet und Israel dabei ganz vergessen, um eine Vergrößerung der eigenen Gemeinde durch Zuwachs der Mitgliederzahl zu erreichen, also im selbstsüchtigen Parteiinteresse. Lernen wir mehr biblisch denken, biblisch beten und biblisch missionieren. Der Herr bekennt sich zu seinem Verheißungswort und er schenkt uns wieder biblische Gemeindeprophetie.
1. Wesen und Charakter des Propheten
Der Apostel Paulus, der speziell über Gemeindeprophetie schreibt, gibt uns keine Belehrung über Wesen und Charakter der Propheten. Das durfte er als bekannt voraussetzen.
Schon die zahlreichen Zitate aus den alten Schriftpropheten sind ein Beweis dafür, dass die Empfänger seiner Briefe damit wohl vertraut waren, mehr als wir heute. Wir müssen das wieder lernen. Es ist allerhöchste Zeit, wenn die Gemeinde ihren heilsgeschichtlichen Beruf erfüllen soll. Aus dem Alten Testament, der Bibel der ersten Christen, können auch wir lernen, was das eigentliche Wesen des prophetischen Redens überhaupt ist, und wie der Charakter eines Propheten sein soll. Der hebräische Name Prophet (nabi = Sprecher) zeigt schon an, dass ein von Gott berufener Prophet ein Sprecher Gottes sein soll. Gott redet mit den Menschen durch den Mund des Propheten. Man hat ihn wohl auch als Dolmetscher Gottes bezeichnet. Doch dieser Ausdruck ist nicht ganz zutreffend, da ein Dolmetscher ein Übersetzer ist, der aus einer für den Angesprochenen fremden Sprache in dessen eigener Sprache übersetzt. Prophet ist vielmehr einer, der die Sprache Gottes weitergibt, so dass derjenige, zu dem Gott spricht, sich unmittelbar angeredet fühlt. So wird das Wort selber redend. Das ist also die vornehmste Aufgabe eines Propheten, mitzuhelfen, dass das Wort (Logos) Gottes redend oder ein sprechendes Wort (rhäma) wird und somit Glauben erzeugt. Paulus schreibt Römer 10, 17 wörtlich übersetzt: “Also, so kommt der Glaube aus Hören; das Hören aber durch gesprochenes (redendes) Wort (rhäma) Christi.” So allein kann durch das sprechend gemachte Wort Gottes Wille auf lebendige Weise kundgetan werden.
Propheten sind nicht nur Sprecher Gottes, sondern auch Hörer Gottes, die das Gehörte weitergeben sollen. Von Samuel lesen wir, dass der Herr ihn mit seinem Namen gerufen und Samuel den Herrn gehört hat. Er war, wie sein Name andeutet, nicht nur ein von Gott Erhörter (vgl. 1. Sam. 1, 20), sondern auch ein Hörer Gottes. Die Antwort auf den Anruf Gottes lautete deshalb kurz und bestimmt: “Rede, Herr, denn dein Knecht höret” (1. Sam. 3, 9.10). Das wusste Eli, der Priester, auch, dass ein Mensch auf diese Weise ein Prophet werden kann. Er gab dem Knaben Samuel schon eine richtige Verhaltungsvorschrift, befolgte sie aber selber nicht, und das brach ihm das Genick (vgl. 1. Sam. 4, 18). Samuel folgte im kindlichen Gehorsam dem Anruf des Herrn mit seinem glaubensvollen, dienstbereiten: “Rede, Herr, denn dein Knecht höret!” Er sagte nicht: “Höre, Herr, denn dein Knecht redete”, wie es durch so manches Gebet der Frommen durchklingt, als ob Gott erst zum Hören aufgefordert werden müsse. Er gehörte vielmehr zu denen, die sagen können: “Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden, Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen” (Jes. 50, 4 f). Von den falschen Propheten heißt es in Hesekiel 13, 3: “… welche ihrem eigenen Geiste folgen”. Ein Prophet ist also in erster Linie ein Hörer Gottes, und als solcher wird er zu einem Sprecher Gottes, der das Gehörte weitergibt. Das ist seine vornehmste Aufgabe; also nicht in erster Linie die Enthüllung der Zukunft durch Gesichte oder Schauungen. Letzteres ist zweitrangig. Für das Volk schien dies allerdings das Wichtigste zu sein, weshalb man die Propheten Seher nannte (vgl. 1. Sam. 9, 9). Das Volk nannte sie so. Gott jedoch nennt sie niemals so, trotzdem er oft auffordert: “siehe!” Damit meint er das verständnisvolle, innere Herzenssehen. “Beides hat der Herr geschaffen: ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge” (Spr. 20, 12).
Die Reihe der Propheten beginnt offiziell mit Samuel (vgl. Apg. 3, 24), obwohl auch Abraham als Prophet angesehen wurde (vgl. 1. Mose 20, 7), und von Mose heißt es, dass er sich selbst als Prophet bezeichnet hat (Apg. 3, 22; 7, 37; 5. Mose 18, 15). Für uns ist es wichtig zu erfahren, wie ein Prophet berufen wurde, um daraus Schlüsse zu ziehen über Wesen und Charakter der Gemeindepropheten. Das erfahren wir in anschaulicher Weise durch die Berufung Samuels. Weitere Belehrung gibt uns der Apostel Petrus, indem er schreibt: “Dieses zuerst erkennend, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung (Auflösung) geschieht; denn nie ist durch den Willen eines Menschen eine Weissagung (Prophetie) geworden, sondern vom Heiligen Geist getragene Menschen reden von Gott aus” (2. Petr. 1, 20.21). Von heiligem Geist getragen ist noch zu unterscheiden von durch Gottes Geist geführt werden (vgl. Röm. 8, 14). Das Getragenwerden vom heiligem Geist betont mehr den Verzicht auf alles Wirken, Wollen und Gehen aus eigener Kraft. Dabei sind Propheten keine Schwächlinge, sondern energiegeladene Kraftmenschen, indem sie von Gott aus reden. Ein Reden von Gott aus ist zu unterscheiden von in Vollmacht Gottes reden. Von Gott aus reden bedeutet soviel wie vom Standort Gottes aus reden als sein Sprecher. “Für Christus nun sind wir Botschafter, als ob Gott durch uns ermahnte” (2. Kor. 5, 20). Von Gott aus reden als Sondergesandter oder Botschafter Gottes für (d. h. zugunsten, hyper) Christus bedeutet, außerhalb aller menschlichen Organisation stehend, unmittelbar von Gott berufen, Botschafterdienst zu tun. Das kann keiner, der noch gebunden ist an menschliche, kirchliche Einrichtungen mit verpflichtenden Dienstsatzungen. Priester waren an theokratische Satzungen gebunden, Propheten dagegen wurden außer aller menschlichen Ordnungen unmittelbar von Gott berufen, nicht als kirchliche Beamte (rite vocati), sondern als Sondergesandte mit Sonderbotschaften. Solche Sonderbotschaften stehen jedoch nicht im Widerstreit mit Gottes heiligen Ordnungen, wohl aber mit starrem Satzungswesen, mit allem, was Menschen eigenmächtig gemacht haben aus Gottes Ordnungen, wodurch der gottgewollte Offenbarungsfortschritt gehemmt wird. Menschliche Organisationen haben tausend Beamte, die den Fortschritt des Evangeliums verhindern (frei nach Sören Kierkegaard). Gottes Sondergesandte lassen sich durch keine Schranken aufhalten. Gott hat den leidgeprüften, zartfühlenden Propheten Jeremia gegen ein falsch religiöses Volk zu einer festen Stadt und zu einer ehernen Mauer gemacht (vgl. Jeremia 1, 18).
2. Die Entstehung der Gemeindeprophetie
So wie im alten Bund auf dem Boden der Theokratie die von Gottes Geist erfüllten und getriebenen Propheten die Interpreten (Deuter) der Heilspläne und Regierungswege Gottes waren, so sind die Gemeindepropheten die Sprecher Gottes für sein fortschrittliches 0ffenbarunghandeln auf dem Boden der werdenden Gemeinde. Die Gemeindeprophetie nahm geschichtlich ihren Anfang in der Gemeinde von Antiochien, Apostelgeschichte 13, 1: “Es waren aber in Antiochien gemäß der dort ihr Wesen habenden Gemeinde Propheten und Lehrer, sowohl Barnabas, als auch Simeon, der genannt wurde Niger, und Lucius, der Kyrener, ebenfalls Manaen, der Pflegebruder des Vierfürsten Herodes und Saulus.” Die Geschichte dieser Gemeinde in Antiochien markiert eine hochbedeutsame Zeitwende im Werden der Gesamtgemeinde.
Durch die Verfolgung, die nach dem Märtyrertod des Stephanus über die Gläubigen in Jerusalem hereinbrach, wurden diese zerstreut in die Länder Judäa, und Samaria, außer den Aposteln (vgl. Apg. 8, 1). Dieses wird uns so berichtet, damit wir tiefe Einblicke gewinnen können in Gottes Offenbarungshandeln und in die Hintergründe seiner eigenartigen Regierungswege. Gerade unter dem Druck äußerer Verfolgung gedieh die Evangeliumsbewegung in wunderbarer, schier unvorstellbarer Weise. So entstand durch die Tätigkeit des Evangelisten Philippus eine große Erweckung in Samaria. Aber nicht nur dort, sondern bis über die Grenzen des Heiligen Landes verbreiteten die zerstreuten Gläubigen das Evangelium (Apg. 8, 4): “Die Zerstreuten nun gingen umher und verkündigten das Wort”.
Sie verkündigten nicht nur Juden das Evangelium, sondern auch Griechen. So bildete sich in Antiochien, der drittgrößten Stadt im römischen Weltreich, eine sehr lebendige christliche Gemeinde mit fortschrittlichem Charakter ohne Mitwirkung der in Jerusalem gebliebenen Apostel. Hier entstand ein ganz neues Missionszentrum, während die kleiner gewordene Gemeinde in Jerusalem mehr an Einfluss verlor, ja, in äußerste Not und Armut geriet.
Dass keine Zerspaltung in der Urchristenheit aufkommen konnte, kein Auseinanderfallen der Gesamtgemeinde in zwei große Organisationen oder Konfessionen, ist menschlich gesehen dem Einfluss der Gemeindepropheten zu verdanken, besonders der gesegneten Wirksamkeit des Barnabas, der höchstwahrscheinlich der von Gott bestimmte Führer in der Gemeinde zu Antiochien war. Er steht bezeichnenderweise in der Liste von Apostelgeschichte 13, 1 an erster Stelle und Saulus zuletzt. Die Geschichte der Beziehungen zwischen diesen beiden Männern ist für die Geschichte der Gemeindeprophetie geradezu eine Fundgrube tiefster Erkenntnisse bezüglich der Wirkung des prophetischen Geistes im Aufbau der Gemeinde. Beide Männer, sowohl Barnabas als auch Saulus, waren in ihrer Eigenart und Verschiedenheit typisch für die Entwicklung der Gemeindeprophetie.
Barnabas (= Sohn des Trostes) war der fortschrittliche Friedensmann mit feinem psychologischen Verständnis für das Wirken des Geistes Gottes, und der Dynamiker Saulus ein Auserwählter, den Gott durch tiefe Zerbruchswege zu seinem heilsgeschichtlichen Beruf als Prophet der Universalgemeinde erziehen konnte. Von Barnabas hören wir, dass er von der Muttergemeinde in Jerusalem abgesandt wurde, um die große Erweckungsbewegung in Antiochien zu lenken und das Band der Einheit mit der Gesamtgemeinde zu pflegen. Barnabas nahm es ganz ernst mit der brüderlichen Gemeinschaft, auch wenn sie große persönliche Opfer erforderte (vgl. Apg. 4, 36 f). Von ihm wird gesagt: “Als er hinzugekommen war und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle mit Vorsatz des Herzens, in dem Herrn zu verharren; denn er war ein guter Mann und voll heiligen Geistes und Glaubens; und eine zahlreiche Menge wurde dem Herrn hinzugetan” (Apg. 11, 23.24). So sieht ein Gemeindeprophet aus. Er hat begnadete Augen und kann die Gnade Gottes im Nächsten sehen. Das ist die heilige Kunst der vom eigenen Ich erlösten Gläubigen. Es heißt nicht: er sah die gute Ordnung, er sah erstaunliche Liebeswerke, er sah viele Bekehrte oder er sah den Glauben. Er sah die Gnade Gottes, das Wirken der Gnade Gottes. Das ist reinste Freude, die nicht aufkommen kann bei negativer Kritik, sondern nur bei bewusst positiver, gläubiger Einstellung zum Menschen, die aus der positiven Einstellung zu Gott und seinen Gnadenwegen entspringt. Nur bei solcher Einstellung ist wahre Seelsorge möglich, die in ermahnendem Zuspruch besteht und der heiligen Entschiedenheit, durch Vorsatz des Herzens in dem Herrn zu verharren. Wie unendlich viel hing doch zu jener Zeit und unter den besonderen Umständen von der Treue eines einzigen Mannes ab. Er konnte durch falsche Einstellung oder unweises Vorgehen außerordentlich viel schaden und das Werk hindern. Aber er konnte auch dazu dienen, dass ein Durchbruch göttlichen Lebens zustande kam, der für Jahrhunderte die segensreichsten Folgen hatte. Es kommt auch bei unserem Dienst darauf an, zur rechten unter Leitung des Geistes nach Gottes Programm ganze Treue zu üben.
Der Erfolg der seelsorgerlichen Mission des Barnabas war ein gewaltiger: eine ansehnliche Menge ward dem Herrn hinzugetan. Er gründete nichts, gewann keine Mitglieder für eine Sache oder Richtung, sondern sein Wirken geschah einzig und allein für den Herrn. Schon Apostelgeschichte 5, 14 finden wir diesen Ausdruck: “dem Herrn hinzugetan”. Apostelgeschichte 2, 47 müssen wir genau übersetzen: “Der Herr tat hinzu täglich auf dasselbe hin”, d. h. in die gleiche Zielsetzung oder Ausrichtung. Es heißt niemals: “hinzugetan zur Gemeinde”, obgleich dies nicht verkehrt wäre. Die Bindung an den Herrn bleibt aber einzig das Ausschlaggebende, während die äußere Zugehörigkeit zu einer Gemeinde noch nicht die Gemeinschaft mit dem Herrn garantiert. Auch das ist ein wichtiger Zug in der Charakteristik des Gemeindepropheten, der durch Barnabas repräsentiert wird. Er versteht es, zur rechten Zeit die rechten Mitarbeiter zu gewinnen.
Nach einer etwa zehnjährigen eifrigen Arbeit, solange hat Saulus in Tarsus einsam gewartet, suchte Barnabas den Saulus auf und führte ihn in die Mitarbeit in der Gemeinde Antiochien ein. Wie kam nun Barnabas gerade zu diesem Entschluss? Wie wichtig derselbe für die gesamte weitere Entwicklung des Evangeliums war, das konnte Barnabas damals noch gar nicht übersehen. Er folgte einfach im Glaubensgehorsam der Führung des Geistes.
Aber, so fragen wir leise, wie ist das denn mit dieser Geistesführung? Wie kann man diese klar und bestimmt erkennen? Ist das nicht doch etwas, was aus dem eigenen Herzen aufsteigt, wobei die fromme Phantasie unerkannt die führende Funktion hat? Oder ist es nur das Zusammentreffen zufälliger Ereignisse, aus dem der findige Menschengeist höhere Führung der göttlichen Vorsehung konstruiert? Wie finde ich da eine klare Schau? Gott bewahre uns vor jeglicher Art von Unnüchternheit. Die Geschichte, wie Barnabas den Saulus von Tarsus holte und in die Gemeinde in Antiochien einführt, gibt uns einen praktischen Unterricht über Geistesführung. Ein geistgeführter Mensch kann nur einer sein, der sich hat füllen lassen vom heiligen Geist. Von Barnabas heißt es Apg. 11, 24: “Denn er war ein guter Mann und voll heiligen Geistes und Glaubens”. Das “war” in diesem Satz ist besonders betont als ein wesenhaftes Sein. Er war im vollen Diensteinsatz, also kein Träumer, kein religiöser Einzelgänger. Nach zehnjähriger eifriger Aufbauarbeit in Antiochien erkannte er zur rechten Zeit, ehe ihm die Arbeit über den Kopf wuchs, (so dass er die Übersicht verlor), dass er dieselbe nicht allein tun sollte. Das ist sehr wichtig. Er war frei von dem Wahn des Einmannsystems. Wir dürfen annehmen, dass er viel darum gebetet hat. Dabei wurden seine Gedanken immer wieder auf Saulus gelenkt, den er vor vierzehn Jahren in Jerusalem kennen und schätzen gelernt hatte. Er hatte den Saulus nach seiner Flucht aus Damaskus in Jerusalem aufgenommen und bei den Aposteln eingeführt (Apg. 9, 27.28). Aus der besonderen Art der Berufung des Saulus durch den Herrn selber und dessen freimütiges Zeugnis in dem Namen Jesu hatte er gleich die Bedeutung dieses Mannes durchschaut. Dadurch dass er immer wieder mit zunehmender Dringlichkeit durch den Heiligen Geist an Saulus erinnert wurde, erkannte er auch mit zunehmender Klarheit die Geistesführung. Er hatte den Lehr- und Prophetengeist und daher den weiten Blick für das Ganze des Werkes des Herrn. Er war es, der die Echtheit des Glaubens und die besondere Berufung dieses Mannes erkannt hatte und der deshalb bemüht war, das Misstrauen der Gemeinde gegen ihn zu beseitigen. Wer die prophetischen Schriften gründlicher studiert, wird die Entdeckung machen, dass gerade die zu Propheten oder Sondergesandten des Herrn Berufenen wohl ausnahmslos durch viele und große Schwierigkeiten hindurch, durch Gottes gnadenreiches Eingreifen und eigenartige Schule endlich auf den ihnen bestimmten Platz gelangen. Die Wege bis dahin scheinen oft sehr krumm zu sein, sind aber aus der vertikalen Schau ganz gerade, aufs Ziel hin ausgerichtet. All die langen Jahre hindurch hat die Urgemeinde in Jerusalem sich um Paulus nicht mehr gekümmert (vgl. Apg. 9, 30 und Gal. 2, 1). Es war gewiss nicht Lieblosigkeit oder Teilnahmslosigkeit der Urgemeinde, dass sie gar nicht mehr nach Saulus gefragt hat, trotzdem sie sich doch verantwortlich fühlte für alles, was auf dem weitausgedehnten Missionsgebiet vorging. Sie hatten keinen göttlichen Auftrag, den Saulus zum Dienst zu berufen. Dieser Auftrag wurde dem Barnabas zuteil (Apg. 11, 25). Paulus wäre nie zu seiner großen Mission gekommen ohne Barnabas, menschlich gesprochen. Er war der rechte Mann für Antiochien. Hier bewährte er sich. Bis dahin hatte sich in all den Jahren noch keine Möglichkeit gefunden, diese wertvolle Kraft mit heranzuziehen. Beinahe vierzehn Jahre blieb Saulus wie verschollen. Barnabas musste ihn in Tarsus erst suchen. Er fand ihn auch wirklich. Sind das die gottgewollten Wege kirchlicher Ordnung und Missionsgrundsätze, um für rechten Nachwuchs zu sorgen in den Gemeindediensten?
Auffallend ist die majestätische Ruhe in der Führung Gottes.
Gottes Uhr geht nie zu früh und nie zu spät. Sie unterliegt nicht weltlichen Zeitgesetzen. Bei Gott ist immer Gegenwart, Heute, d. h. Ewigkeit. Auch Saulus hatte in Tarsus warten gelernt. Es wird uns nicht gesagt, was er all die Jahre getan hat. Er stand auf der Höhe seiner reifen Manneskraft, ja schon an der Grenze eines ehrwürdigen Alters. Vielleicht war er ca. sechzig Jahre alt geworden, als er endlich den Ruf erhielt für seine eigentliche prophetische Lebensaufgabe. Saulus konnte warten auf Gottes Stunde. Seine intensive Arbeit in den ersten drei Jahren nach seiner Bekehrung endigte damals beständig mit einem Fiasko. Er war nicht verzweifelt, sondern wartete auf klare Führung. Ob ihm diese Zeit nicht doch allzu lang vorkam? Ob er nicht oft zu Gott gerufen: Herr, wie lange hoch? Wir haben Grund, das zu vermuten, wenn er später seinen geliebten Galatern schreibt: “‘Darauf, (erst) nach vierzehn Jahren (wörtlich: durch vierzehn Jahre) zog ich wieder hinauf nach Jerusalem mit Barnabas” (Gal. 2, 1). Es ist uns so, als könnten wir aus diesem Wort etwas heraushören von dem geheimen, tiefen Seufzen in der langen Wartezeit, aber ohne den leisesten Unterton der Unzufriedenheit. Er wohnte in Tarsus an der offenen Tür in die asiatische Völkerwelt hinein, bereit zu gehen, wenn der Herr ruft. Sein Herz brannte vor Sehnsucht nach Erfüllung seines Auftrags, und doch unternahm er nichts von sich aus. Er wurde auch nicht irre an seinem Auftrag, obgleich die Jahre darüber hingingen. Seine große Stunde war erst gekommen, als er in Troas den Ruf bekam nach Mazedonien, Europa. Seinen heiß gehegten Plan, in die volkreichen Gegenden Asiens mit dem Evangelium vorzudringen, musste Gott durchkreuzen: “… da ihnen vom heiligen Geist verwehrt ward, das Wort (Gottes) zu sprechen in der Asia” (vgl. Apg. 16, 6). Wieder eine wunderbare Geistesführung. Noch war die Stunde für die östlichen, asiatischen Volksmassen nicht gekommen. Paulus musste erst das Evangelium (die Evangeliumsbewegung) in Europa zur Fülle bringen (vgl. Röm. 15, 19). Das ist ein Missionsdienst unter Leitung der Gemeindeprophetie. Da fallen Entscheidungen, deren Tragweite wir erst vom Ziel aus erkennen. Alles noch so eifrige Wirken aus eigener Planung und Regie ist nur ein geräuschvolles in die Luft Streichen. Der prophetische Geist wacht darüber, dass die Gemeinde Gottes wächst nach Gottes Programm. Gott wirkt seine großen Entscheidungen im Werden der Gemeinde stets durch Neuanfang. Dabei geht es hart um eine restlose Loslösung von alten hemmenden Traditionen, bei der die Bruderschaft sich zu bewähren hat. Zu diesem Zweck gibt Gott seinen berufenen Gemeindepropheten auf eine wunderbare Weise Gelegenheit, für diesen so sehr verantwortungsvollen Dienst gerüstet zu werden. Barnabas führte Saulus nach Antiochien, wo dieser seine so wichtige Rüstzeit für den bevorstehenden Dienst als Gemeindeprophet haben durfte in Gemeinschaft mit seinem treuen Freund. “Es wurde ihnen aber auch, ein ganzes Jahr in der Gemeinde zusammen zu kommen und eine beträchtliche Schar zu lehren” (Apg. 11, 26). Zu beachten ist der Ausdruck: “es wurde ihnen”. Echte Arbeitsgemeinschaft kann man nicht machen, nicht organisieren.
Zweierlei ist charakteristisch für eine Rüstzeit unter Leitung des prophetischen Geistes: das Zusammenkommen in der Gemeinde und das geistgelenkte Lehren. Der Ausdruck, der hier für zusammenkommen gebraucht wird (Aorist passiv von synagein) bezeichnet nicht nur das Versammeln zum Gottesdienst, sondern das Zusammenwachsen in der Gemeinde. Freizeiten oder Rüstzeiten dürfen nie zum Selbstzweck werden oder zur Cliquenbildung führen, sondern müssen der Gesamtgemeinde dienen. Was Gemeinde ist und sein soll für das weltweite Missionswerk, bekam in Antiochien sein Muster. Wie wichtig war für das dem Apostel aufgetragene fundamentale Dienstprogramm die gründliche Schulung in der Gemeinde zu Antiochien.
Die engere Arbeitsgemeinschaft der am Wort dienenden Brüder bestand aus lauter Propheten. In Apg. 13, 1 werden uns fünf mit Namen genannt. Barnabas als erster und Saulus als letzter. Einen hervorragenden Platz in dem gemeinsamen Dienst nahm das Lehren ein. Dieses unterscheidet sich vom Verkündigen des Evangeliums (vgl. Vers 20) zur Gewinnung von Menschen für den Herrn Jesus. Das Lehren durch Gemeindepropheten ist nun nicht so zu verstehen, als ob diese sich nur mit eschatologischen Themen beschäftigt haben. Das Interesse für die letzten Dinge oder Zukunftsereignisse war gewiss recht lebhaft, stand aber nicht an erster Stelle. Die Bemerkung: “Es wurden auch in Antiochien die Jünger Christen (christianoi) genannt” (Vers 26), läßt uns darauf schließen, dass das Lehren so christozentrisch war, dass man den Gläubigen einfach den Namen Christianer gab. Das war bedeutsam und ein gutes Zeichen (vgl. dagegen 1. Kor. 1, 12). Der Name “Christ” wurde nicht einfach Parteiname. Es ist auch dieser Name der Gemeinde von seiten der Heiden beigelegt worden ist, wie etwa der Name Nazarener von seiten der Juden. Anzunehmen ist, dass die Gläubigen sich selbst so genannt haben als ausgesprochene Bezeichnung ihrer Zugehörigkeit zu Christus (viel. Apg. 26, 28; 1. Petr. 4, 16). Der Ausdruck für “heißen” oder “genannt werden” (chrämatizein) deutet an, dass diese Benennung auf göttliche Weisung (chrämatismos) hin erfolgt ist. So hätten wir auch in diesem scheinbar so nebensächlichen Charakterzug einen Beweis für den Einfluss der Gemeindeprophetie. Der Name “Christen” war gleichzeitig auch eine Abwehr gegen die Volksanschauung, wonach die Gemeinde als jüdische Sekte angesehen wurde. So wurde mit diesem Namen erklärt, dass die Gemeinde eine vom Judentum völlig abgesonderte eigene Körperschaft war. In diesem Namen soll Gott verherrlicht werden (vergl. 1. Petr. 4, 16). Bis dahin hatten die Heiden die Gemeinde nicht wesentlich von den Juden unterschieden, doch jetzt, da in Antiochien eine große Menge Heiden gläubig wurden, erkannte man deutlich, dass es sich um einen vom Judentum unabhängige Sache handelte. Die Namengebung erfolgte aus innerer Notwendigkeit heraus. Dieser Name enthält mit einem Wort das Programm der Gemeinde der ganzen Welt gegenüber. In Antiochien hat Christus vom Thron der Herrlichkeit aus bewirkt, dass er als Herrn über alles einen neuen Organismus hat werden lassen, der seinen Namen trägt. Dieser Christus wirkt souverän als der Herr und zwar so, dass er nicht nur das Volk Israel als bisherigen Offenbarungsträger beiseite setzt, sondern dass er sogar die 12 Apostel der Beschneidung allmählich zurücktreten lässt, um seine Gemeinde als neuen Offenbarungsträger in solcher Form auf den Schauplatz des heilsgeschichtlichen Werdens zu stellen, dass sie in klarer Weise eine vollkommene Darstellung des Christuswesens ist.
Das ist die tiefste Bedeutung des neuen Namens. Damit musste auch ein neues Apostelamt gesetzt werden. Dasjenige der 12 Apostel für die Beschneidung war bedingt durch die Gemeinschaft und Zeugenschaft mit dem irdischen Christuswirken Jesu (vgl. Apg. 1, 21 f). Das neue hatte ausschließlich das Erlebnis des himmlischen verklärten Christus zur Voraussetzung. Der Träger dieses neuen Offenbarungstypus wurde Saulus. Er musste daher notwendig seinen Ausgang nehmen von der Gemeinde in Antiochien. Damit ist jedoch der Dienst und die Führung in der Gemeinde für die anderen Apostel nicht hinfällig geworden, aber sie treten zurück hinter die Führerschaft Pauli, was den Offenbarungsfortschritt für die Gemeinde betrifft. Von jetzt an heißt die Parole nicht Angleichung des Paulus an die Wirkungsmethode der Urapostel, sondern umgekehrt Angleichung an Pauli Missionsauftrag und Überwindung der zwischen Juden und Christen und Heiden-Christen bestehenden Hemmungen für die Brudergemeinschaft. Die Einheit der ganzen Gemeinde und auch die Harmonie zwischen den Aposteln Israels und dem Universalapostel Paulus blieb dabei ungebrochen. Diese höhere geistige Einheit sucht Lukas in seinem Bericht meisterhaft zu dokumentieren, indem er auf der einen Seite zeigt, wie der Fortgang der Evangeliumsbewegung unter Führung von Petrus und Johannes in Samarien und von Petrus allein in Caesarea erfolgte und unter Leitung des Philippus bei der Bekehrung des Kämmerers ohne Mitwirkung der Apostel, und indem er auf der anderen Seite die Entstehung der Gemeinde in Antiochien durch ungenannte Glieder der Gemeinde beschreibt. Je mehr der Geist Gottes über die Schranken des Volkes Israel hinaus drängte, desto mehr schuf er sich neue Organe und desto mehr traten die Urapostel in den Hintergrund. Ihr Schweigen war kein stiller Protest, sondern gläubige Einwilligung in Gottes Offenbarungswegen.
Von Anfang an erkennen wir bei den Führern der Urgemeinde in Jerusalem das aufrichtige Bestreben, die kontinuierliche prophetische Linie aufzuzeigen. Petrus als Wortführer in der Deutung des Pfingstereignisses beteuerte deshalb mit besonderem Nachdruck: “Dies ist, was angesagt ward durch den Propheten Joel” (Apg. 2, 16), und im Blick auf die Zukunft wies er hin auf die Zeiten der Wiederherstellung (äpokatastaais) alles dessen, was Gott spricht durch den Mund seiner heiligen Propheten vom Äon an (Apg. 3, 21). “Aber auch alle Propheten von Samuel an und der Reihe nach, soviele als da sprechen, verkündigen euch diese Tage. Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes” (Apg. 3, 24.25). Im Hause des Kornelius in Caesarea bekräftigte Petrus: “Von diesem zeugen die Propheten alle” (Apg. 10, 43). Auch der gesetzestreue Jakobus, als Ältester der Gemeinde in Jerusalem, wies die ungebrochene prophetische Linie nach bei der Frage nach der Befreiung vom mosaischen Gesetz für die Gläubigen aus den Heiden mit den Worten: “Mit diesem stimmen überein (symphonein) die Worte der Propheten, wie es geschrieben steht” (Apg. 15, 15). Die ganze judenchristliche Urgemeinde wurde mit hineingezogen in diese heilige, prophetische Glaubenssymphonie, “die Apostel und die Ältesten und die Brüder” (Vers 32).
Von seiten der Gemeinde in Antiochien wurde von Anfang an das Band der Brudergemeinschaft mit der Urgemeinde in Jerusalem gepflegt, nicht durch Rechthaberei und überhebliche Belehrung aufgrund tieferer Erkenntnis der geraden, fortschrittlichen prophetischen Linie, sondern durch den Dienst der praktischen Nächstenliebe. Der Zusammenhang der vom Judentum freien Gemeinde mit dem wichtigsten jüdischen Besitz, den prophetischen Wort, blieb gewahrt durch die Wirksamkeit der Gemeindepropheten. Andererseits blieb auch das Heidenchristentum durch die Kenntnis des prophetischen Wortes bewahrt vor den Gefahren von seiten der griechischen Philosophie und Gnosis. Die Heidenchristen wurden Mitteilhaber der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums (vgl. Röm. 11, 17). Wir können wohl die Wurzel des Ölbaums auf die Glaubensgerechtigkeit Abrahams und die Fettigkeit auf das prophetische Wort deuten. Das brüderliche Band der Gemeinschaft zwischen beiden Richtungen, der gesetzlichen und der freieren Richtung innerhalb der Gesamtgemeinde, wurde durch den Dienst der praktischen Nächstenliebe gestärkt durch Vermittlung der Gemeindepropheten auf beiden Seiten. “In diesen Tagen aber kamen Propheten herab von Jerusalem nach Antiochien. Einer aber von ihnen, namens Agabus, stand auf und kündigte an (bezeichnete, sämainein = durch Zeichen kundtun) durch den Geist eine große Hungersnot, die im Begriff war zu sein über die gesamte Wohnerde, die da wurde unter Klaudius. Von den Jüngern aber setzte ein jeglicher, sowie es ihm die Mittel erlaubten, etwas fest zur Handreichung (diakonia), zu schicken den in Judäa sich niedergelassenen Brüdern, was sie auch taten, indem sie es absandten an die Ältesten durch die Hand von Barnabas und Saulus” (Apg. 11, 27-30). Der Prophet Agabus hat wohl nicht an eine partielle Hungersnot gedacht sondern an das, was Jesus schon Matthäus 24, 7 und Lukas 21, 11 verkündigt hat für die Endzeit und den ganzen Erdkreis (oikumenä). Wenn erklärend gesagt wird: “… die da wurde unter Klaudius”, so soll damit wohl angedeutet werden dass zu jener Zeit bereits mit einer partiellen Vorerfüllung ein Anfang geschah von einer längeren Kette von Hungersnöten (und Erdbeben) als Anzeichen der bevorstehenden Endzeit. Gott läßt von Zeit zu Zeit solche entsetzlichen Katastrophen hereinbrechen hin und her über die gesamte Wohnerde, um die Menschen zu warnen und zu mahnen. Es war und ist Aufgabe der Gemeindepropheten, dieses Phänomen durch den Geist zu deuten als ein göttliches Zeichen. Der Praktische Zweck dieser Weissagung des Agabus war nicht Befriedigung der Sensationslust, nicht Vorausverkündigung der Zukunft durch Orakel, sondern Erziehung zum totalen Dienst. Hierbei dürfen wir beobachten wie exakt echte Gemeindeprophetie ist in ihren knappen Ausdrücken, die ganz genau verstanden werden müssen. Auch auf genaue Übersetzung ist Gewicht zu legen. So heißt es nicht, dass es sich um eine Hungersnot handelte, die zur Zeit des Klaudius Judäa heimgesucht habe, sondern dass die Zukunftssignatur eine große Hungersnot sei für die gesamte Ökumene, d.h. den bewohnten und zivilisierten Kreis der Erde, und dass diese Periode wurde (egeneto) zur Zeit des Klaudius, d. h. von da an ihren Anfang nahm in stets wiederholten partiellen Hungersnöten. Es hat den Anschein, als ob das Seherauge des Propheten die ganze Endzeit, die damals schon ihren Anfang nahm, überschaute. In dieser Endzeit, die ihrem Höhepunkt entgegen geht, leben wir jetzt. Mehr als je zuvor ist jetzt die Rede von zunehmendem Hunger in der Welt, der bereits die halbe bewohnte Erde betrifft. In dieser radikalen Totalität war es noch nie so der Fall wie heute. Alle Sturmsignale und Aufrufe zu weltumspannenden Hilfs- und Sammelaktionen haben dieses Hungergespenst nicht bannen können. Die Habsucht der Menschen verschlimmert die Not nur noch durch sinnlose Vernichtung von wertvollen Nahrungsmitteln, um die Preise künstlich hochzuhalten. Wieviel im einzelnen von dieser Endzeitentwicklung der Prophet vorausgesehen hat, wissen wir nicht. Solche Zukunftsweissagungen sind im allgemeinen äußerst knapp in ihrer Darstellung, weil sie nicht zu falschen Spekulationen einen Anlass geben wollen. Dem prophetischen Geist ist es nicht darum zu tun, Weltgeschichte oder allgemeine Menschheitsgeschichte im voraus darzustellen, um unlautere Neugier zu befriedigen, auch nicht um Menschen zu politischen und sozialen Aktionen aufzufordern, sondern offenbar ist der Zweck solcher Gemeindeprophetie die Erziehung der Gemeinde zum totalen Dienst. Dabei steht das und es sind unsere Verlegenheiten Gottes Gelegenheiten. Verkehrt wäre es jedoch, wollten wir aus diesem biblischen Beispiel, aus der Geschichte der Gemeinde in Antiochien den Schluss ziehen, als ob die Bekämpfung von Hungersnöten und ähnlichen Nöten sich nur auf die Not innerhalb der Christengemeinde zu beschränken habe. Hier gilt der Grundsatz: “Das Edle aber tuend lasst uns nicht müde werden, denn zu seiner eigenen Wendezeit werden wir ernten, wenn wir ja nicht ermatten. Demnach nun, wie wir eine Wendezeit (oder Frist oder Gelegenheit) haben, lasset uns das Gute (= die dienende Liebe) wirken gegen alle; am meisten gegen die Hausgenossen des Glaubens” (Gal. 6, 9.10). Die dienende Liebe muss jedoch eine engere Heimat haben. Hier für die Gemeinde in Antiochien waren die Hausgenossen des Glaubens die Brüder, die sich in Judäa niedergelassen hatten. Wir haben in diesem Musterbeispiel einige sehr wichtige Fingerzeige für Gemeindediakonie unter Führung von Gemeindeprophetie. Zunächst die Durchführung der Brudergemeinschaft aufgrund der neuen Güterordnung. Dass dies vom prophetischen Geist angeordnet wurde, ist wichtig, da nicht die alte gesetzliche Ordnung des Zehnten erneuert werden sollte, worunter sich leicht Unaufrichtigkeit und Geiz verstecken konnte, sondern die neue vom Geist Gottes kontrollierte Güterordnung durchgeführt werden sollte. Da deckt der prophetische Geist Heuchelei und Unredlichkeit auf (vgl. Apg. 5, 1-11). Nirgends im Neuen Testament finden wir den Zehnten, sondern den totalen Dienst. Dieser ist keine Ehre bringende Wohltätigkeit vom Überfluss, sondern Haushalterschaft über das Eigentum des Herrn. In diesem Punkt gingen die Führer der Gemeinde allen mit gutem Beispiel voran. Barnabas und Saulus waren sich darin einig, keine Entschädigung für ihren Dienst in der Gemeinde zu nehmen, sondern sich durch eigener Hände Arbeit in ihrem Handwerk ihren Unterhalt zu erwerben (vgl. 1. Kor.9, 6). Die glückselige Besitzlosigkeit aufgrund von Geist (Matth. 5, 3) war für diese beiden Männer ein Vorrecht und heiliges Prinzip. In diesem selben Geist handelte nun die ganze Gemeinde. Das war heilige Gemeindediakonie. “Von den Jüngern aber setzte ein jeglicher etwas fest, so wie es ihm die Mittel erlaubten” (Apg. 11, 29). Festsetzen (chorizein = abgrenzen, bestimmen) ist zugleich ein Handeln in persönlicher Freiheit und Verantwortung einerseits und peinlicher Gewissenhaftigkeit und Selbstlosigkeit andererseits — und zwar vor Gottes Angesicht. “Wie es die Mittel erlaubten” (euporeisthai = nach dem Maß der Vermögenslage handeln). Welch eine Freiheit und persönliche Verantwortung! Wo der Geist des Herrn ist da ist Freiheit, wahre Geistesfreiheit (2. Kor. 3, 17).
Ein zweites, was wir aus diesem Musterbeispiel lernen können, ist die geistgelenkte Diakonie. Da war keine planlose Wohltätigkeit, sondern planvoll gelenkte Verwendung der dem Herrn gehörenden Mittel für ganz bestimmte Zwecke. Nicht überall etwas ohne jede Kontrolle, sondern geistgelenkte Planwirtschaft in zielklaren Diensten. Ein solches planvolles Wirken unter Geistesführung nach Gottes Programm ist von durchschlagender Wirkung.
Das Bild der Urchristenheit scheint uns so ideal und vollkommen gezeichnet zu sein, dass wir einen leisen Zweifel an der Geschichtstreue der Schilderung nicht unterdrücken können. Die Harmonie und Symphonie in der Führerschaft der Gemeindepropheten war doch wohl nicht schon das absolut Vollkommene und Fehlerlose. Gibt es so etwas überhaupt unter Menschen, die bekennen müssen: “Nicht dass ich es schon erhielt oder schon vollendet sei. Ich jage aber nach, ob ich auch ergreifen möge, aufgrund von welchem ich auch ergriffen worden bin von Christus Jesus” (Phil. 3, 12)? Die Bibel ist das Buch der Wahrheit. Sie erzählt keine Märchen, sondern ist ein Spiegel, in welchem wir die Wirklichkeit sehen. Sie gibt uns auch eine überraschende Antwort auf die Frage, ob Gemeindepropheten auch wohl mal uneinig werden und sich zanken können. Es wird uns nicht verschwiegen, dass es selbst zwischen Paulus und Barnabas später einmal zu einer scharfen Auseinandersetzung (paroxysmos) kam wegen Johannes Markus, eines Neffen des Barnabas, den letzterer gerne mitnehmen wollte, den Paulus aber entschieden ablehnte als unzuverlässig und ungeeignet für den verantwortungsvollen Missionsdienst mit seinen vielen Schwierigkeiten. Es kam selbst zu einer Trennung zwischen Paulus und Barnabas wegen Markus (vgl. Apg. 15, 36-40). Dass aber diese Meinungsverschiedenheit mit der Zeit überwunden wurde, beweist die kurze Bemerkung in 2. Timotheus 4, 11: “Markus nimm auf und führe ihn mit dir, denn er ist mir wohl brauchbar zum Dienst”. Soviel ist jedenfalls klar, dass echte Gemeindepropheten auch noch Menschen sind, von denen man aber sagen kann: “Das sind die Weisen, die vom Irrtum zur Wahrheit reisen”, die also nicht im Irrtum beharren wie die Narren. Über die Geschichte der Zusammenarbeit von Paulus und Barnabas ließe sich noch sehr viel Interessantes und Lehrreiches sagen. Aber dafür ist hier nicht der Ort, weil wir streng bei unserm Thema bleiben müssen und nicht abschweifen dürfen in unterhaltsamen Erzählungen. Wir wenden uns deshalb der Besprechung dessen zu, was Paulus selbst über Gemeindeprophetie zu sagen hat.
Der Sonderdienst des Paulus und die große prophetische Linie
Dass der Apostel Paulus für seine Belehrung über Wesen und Aufgabe der Gemeindeprophetie die Vorgänge und Tatsachen auf dem Boden der korinthischen Gemeinde als geschichtlichen Hintergrund gewählt hat, ist nicht rein zufällig, sondern hat seinen tieferen Grund. Der äußere Anschein spricht für die allgemein verbreitete Annahme, dass Pauli Briefe alle mehr oder weniger Gelegenheitsbriefe waren. Rein äußerlich gesehen hat diese Annahme auch ihre Berechtigung, denn in Korinth war eine reiche Fülle und Mannigfaltigkeit von Gnaden- oder Geistesgaben. Aber das kann nicht der einzige Grund gewesen sein; denn es ist nicht abzusehen, weshalb Paulus nicht eine Gemeinde wie Ephesus zum Anschauungsunterricht gewählt haben sollte, in welcher jedenfalls diese Seite des Geisteslebens in großer Blüte stand, über die sowohl Paulus als auch später Johannes nichts berichtet haben. Diese Tatsache ist kein Beweis dafür, dass die Gläubigen im Gemeindekreis von Ephesus keine Belehrung über diese Teilwahrheiten nötig hatten. Wenn uns aber das Verständnis dafür geschenkt wird, wie der Geist der Prophetie die heiligen Schreiber in der Wahl und Anordnung ihrer Themen gelenkt hat, dann bekommen wir auch neues Licht über Wesen und Aufgabe der Gemeindeprophetie. Der prophetische Geist ist der unsichtbare Lenker der heilsgeschichtlichen Aufrollung des Heilsprogramms Gottes. Für den dem Apostel Paulus zufallenden Teil in der Darstellung der Gemeindeprophetie war gerade die Gemeinde in Korinth der prädestinierte Hintergrund. Hier fand seine Mission, die Einheit der Gesamtgemeinde durch ein gefüllteres Pfingstzeugnis zur Darstellung zu bringen, ihr nächstes Ziel. In Römer 15, 15-19 schreibt er: “Kühnlicher aber schreibe ich euch, Brüder, zum Teil um euch zu erinnern wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, um ein Diener Christi Jesu zu sein in die Nationen hinein, priesterlich dienend am Evangelium Gottes, damit die Darbringung der Nationen wohlannehmbar werde, geheiligt in Heiligem Geist. Ich habe nun das Rühmen in Christo Jesu, das, was auf Gott gerichtet ist; denn ich werde nicht wagen, etwas zu sprechen von dem, was nicht Christus bewirkt durch mich in Gehorsam der Nationen hinein auf Grund von Wort und Werk, in Kraft von Zeichen und Wundern, in Kraft Heiligen Geistes, so dass ich von Jerusalem ab und im Umkreis bis nach Illyrien das Evangelium des Christus erfüllt (zur Fülle gebracht) habe”. In diesen Worten rollt Paulus sein spezielles Dienstprogramm auf, wie es unter Führung des Geistes und der Gemeindeprophetie durchgeführt wurde. Ein klares Verständnis desselben ist unerlässlich, um auch das zu verstehen, was Paulus lehrhaft über Gemeindeprophetie schreibt.
Wir wollen deshalb die Hauptpunkte in diesem Programm herausheben und unterstreichen. Paulus nennt sich selber einen Amtsträger Christi Jesu in die Nationen hinein (wörtlich übersetzt): Als Prophet war er ein Sondergesandte des Herrn und als berufener Apostel ein Amtsträger Christi Jesu. Ein Amtsträger (leiturgos) heißt soviel wie Diener des Heiligtums (vgl. Röm. 13, 6). Paulus gebraucht diesen Ausdruck, wenn es sich um das große Weltheiligtum Gottes handelt, in welchem sich das heilsgeschichtliche Geschehen abspielt. In diesem ist er ein Liturg Christi Jesu in die Nationenwelt hinein. Ein Liturg hat über die festgesetzte Ordnung des Gottesdienstes zu wachen. Das war nun der Sonderdienst Pauli, worin er sich unterscheidet von den anderen Aposteln der Beschneidung. Nicht dass er den Heiden das Evangelium verkündigte war das Besondere, das taten andere auch, sondern der ausdrückliche Priesterdienst am Evangelium Gottes. Dieser bestand in der Darbringung der Nationen. Es war Pauli Sonderauftrag diese Darbringung oder dieses Opfer (prosphora) zu vollziehen, das vervollständigte oder erfülltere Pfingstzeugnis aufzurichten. Das erste Pfingsten war nur für Israel (Apg. 2). Zum volleren Pfingsten gehörte die Darbringung der Nationen als Erstlingsbrot. Als Paulus zum letzten Male in Jerusalem war mit den Repräsentanten aus den Heidenchristen, und zwar ausgerechnet zum Pfingstfest, wurde dieses Zeugnis errichtet (vgl. Apg. 21). Es bedeutete für Paulus den Zerbruchsweg als Gefangener Christi Jesu, für das Volk der Juden, welches dieses Zeugnis verwarf, das Verstockungsgericht, und für die Gemeinde den Sieg der absoluter Gnade auf dem Zerbruchswege zur größeren Hoffnung. Paulus war der Opferpriester bei diesem volleren Pfingstzeugnis in zweifacher Hinsicht: Er brachte die Nationen als Erstlingsbrote Gott dar, und er wurde dabei selber ein Opfer seines Dienstes. Er schreibt Philipper 2, 17: “Wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über das Opfer und den Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich gemeinsam mit euch allen”. Durch die Mitwirkung der römischen Gemeinde sollte dieser Dienst seine Vollendung finden. Unter dieser Mitwirkung sollte die Darbringung ihre Heiligungsreife erfahren. Ein Opfer ist erst dann wirklich wohlannehmbar und geheiligt in Heiligem Geiste, wenn es auf dem Altar Gottes liegt und von seinem Feuer entzündet wird. Dadurch, dass Paulus diesen seinen Priesterdienst am Evangelium Gottes durch Darbringung der Nationen vollführte, erfüllte er oder brachte er das Evangelium des Christus zur vollständigen Ausreifung.
Das Evangelium des Christus hat es speziell zu tun mit der Erbauung der Gemeinde als des Leibes des Christus. Zu dem Leibe des Christus gehören sowohl Judenchristen als auch Heidenchristen. Er umfasst alle Gläubigen. “Von Jerusalem und Umkreis an”, das entspricht der Evangeliumsbewegung auf dem Boden Israels nach dem Programm der ersten pfingstlichen Muttergemeinde in Jerusalem. „Bis nach Illyrien” ist eine Bezeichnung des speziellen Arbeitsgebietes des Apostels Paulus bis zur äußersten Grenze. Das entspricht dem: der Amtsträger Christi Jesu zu sein in die Nationen hinein. Dieser ganze Weg war ein Erfüllungsweg der Evangeliumsbewegung in Richtung der Fülle des Christus (vgl. Eph. 4, 13). Paulus wurde der Amtsträger Christi Jesu in die Nationen hinein, um hier einen Grund zu legen als ein weiser Baumeister (vgl. 1. Kor. 3, 10), auf dem der Leib des Christus klar zur Darstellung kommen sollte. Durch seinen Dienst fand die prophetische Linie von Jesaja 52, 15 ihre Erfüllung. Die Stelle zitierend schreibt er: “Es werden sehen, denen nichts verkündet ward von demselben, und die nicht gehört haben, werden verstehen” (Röm. 15, 21). Das ist Pauli Sondermission als Erfüllung des prophetischen Wortes, das Evangelium der bedingungslosen, absoluten Gnade heilsgeschichtlich zur Darstellung zu bringen. Das war die heilsgeschichtliche Situation, in die Paulus mit seinem Auftrag hineingestellt worden ist. Während die Juden die sie betreffende Kunde durch Unglauben ablehnten und den Arm Jehovas nicht sehen wollten, fand das Evangelium bei den Nationen freudige Aufnahme, so dass diese sahen und verstanden. Mit den Worten: “Laßt es euch (den Juden) nun bekannt sein, dass dieses Heil Gottes den Nationen geschickt ward, und sie werden hören,” schließt der Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte, die offensichtlich die Tendenz hat, den wesentlichen Charakter der paulinischen Mission herauszustellen. Der ganze Römerbrief hat den Zweck, die römische Gemeinde für den besonderen Dienst zu erziehen, den sie nach Gottes Vorsehung hatte: Zentrale des Fülleevangeliums in der Nationenwelt zu werden. Jede einzelne paulinische Gemeinde hatte ihre besondere Ausprägung, aber keine war so universalistisch in ihrem Charakter wie die römische Gemeindegruppe und daher so geeignet für den Dienst des Apostels Paulus als Amtsträger Christi Jesu in die Nationen hinein. Über die genaue Durchführung des speziellen Dienstprogramms des Paulus zu wachen, damit die große prophetische Linie ihre Erfüllung finde, das war die bestimmte Aufgabe der Gemeindeprophetie. Wenn wir dies im Auge behalten, verstehen wir besser was Paulus im einzelnen im 1. Korintherbrief sagt.
Was sagt der Apostel Paulus über die Gemeindeprophetie?
Nachdem wir nun Pauli Sonderauftrag näher kennen gelernt haben, ist uns das, was Paulus selber über Wesen und Aufgabe der Gemeindeprophetie lehrhaft aussagt, verständlicher, auch vor allem 1. Korinther 14. Dieses Kapitel, das hauptsächlich von Zungenreden und Weissagen handelt, ist arg missdeutet worden durch eine unbiblische Auslegung und durch den gescheiterten Versuch, ein neues Pfingsten zu erleben in der Meinung, eine Wiederholung desselben sei möglich durch besondere Anstrengungen in der Heiligung. Der grundsätzliche Irrtum ist der, dass man ein einmaliges heilsgeschichtliches Ereignis glaubt wiederherstellen oder wiederholen zu können, unter der Parole: Zurück zum ersten Pfingsten. Es gibt überhaupt kein Zurück, sondern nur ein Vorwärts, genau nach Gottes Plan. Alle Reformationsversuche, Altes wiederherzustellen, sind deshalb zum Scheitern verurteilt. In Bezug auf Gemeindeprophetie ist viel versäumt worden im Laufe der Jahrhunderte, ja viel zerstört worden, aber es geht trotz alles menschlichen Versagens heilsgeschichtlich nach Gottes Plan vorwärts bis zum bestimmten Ziel. Dass der Apostel Paulus sich die korinthische Gemeinde ausgesucht hat, um das zu demonstrieren, hat seinen tiefen Grund. Gerade die korinthische Gemeinde bietet den besten Anschauungsunterricht für menschliches Versagen und Gottes wunderbare Erziehungswege, um trotz alledem zum Ziel zu kommen, ja nicht nur “trotz alledem”, sondern “gerade deshalb”, damit sich vor Ihm kein Fleisch rühme. Die korinthische Gemeinde verdankt ihre Entstehung, menschlich gesprochen, zwei bedeutenden Männern: Paulus und Apollos. Paulus schreibt: “Wer ist nun Apollos? Wer aber ist Paulus? Diener, durch welche ihr gläubig seid, und zwar wie der Herr einem jeglichen gibt” (1. Kor. 3, 5). Paulus nennt den Apollos zuerst. Das ist nicht menschliche Höflichkeit, sondern hat seinen tieferen Grund. Durch des Apollos Mitarbeit beim Aufbau der korinthischen Gemeinde kam die Eigenart der Gemeindeprophetie so recht zur Darstellung in Korinth, der griechischen Hauptstadt, wo man so großes Gewicht auf menschliche Weisheit legte. Apollos war ein hochgelehrter Mann, aus der Gelehrtenstadt Alexandrien. An diesem Mann hat Gott demonstriert, wie ein Gelehrter umerzogen werden muss, um ein Gemeindeprophet zu werden an der Seite des Apostels Paulus, und zwar derart, dass diese zwei Männer wie ein Doppelgespann sich wunderbar ergänzten, wie es ganz selten der Fall ist im Laufe der Geschichte, ohne den leisesten Misston.
Wer war Paulus? Das wissen wir bereits. Aber wer war Apollos? Das erfahren wir Apostelgeschichte 18, 24-28. Er kam als Jesusprediger von Alexandrien nach Ephesus, um in der dortigen Synagoge für Jesus zu werben. Heute würde man sagen, er war ein rechter Erweckungsprediger oder Evangelist, “ein Mann der logischen Rede, der glühend im Geist redete. Er lehrte genau das, was Jesus betrifft, obwohl er allein von der Taufe des Johannes wusste. Und dieser begann freimütig zu reden in der Synagoge”.
Es gab noch Jünger des Johannes, des Täufers, die in Jesus den großen Lehrer und Reformator verehrten. Solche waren auch in Alexandrien, durch die der gelehrte Jude Apollos für Jesus gewonnen wurde. “Dieser war unterrichtet in dem Wege des Herrn”, d. h. er kannte das Leben und die Lehre Jesu. Aber er kannte noch nicht in Jesus den Christus. Ihm fehlte noch die Erkenntnis des eigentlichen Heilsplanes Gottes mit der Gemeinde des Christus, des Wesens Gottes. Diese fehlende Erkenntnis wurde ihm durch Priszilla und Aquilla vermittelt, die ihn in der Synagoge gehört und, indem sie sofort merkten, was diesem Mann noch fehlte, sich seiner besonders liebend angenommen hatten. Sie nahmen ihn mit sich nach Hause und setzten ihm den Weg Gottes noch genauer auseinander. Priszilla wird zuerst genannt, wahrscheinlich weil sie die gereiftere und wortmächtigere war.
In der öffentlichen Versammlung trat sie nicht als Lehrerin auf. Sie meldete sich nicht zum Wort der Erwiderung auf den Vortrag des Apollos (vgl. 1. Kor. 14, 34; 1. Tim. 2, 12). Aber zu Hause im engeren Kreise durfte sie das Wort führen mit Einwilligung ihres Mannes, der dankbar die bessere Bibelerkenntnis seiner Frau anerkannte.
“Sie setzten ihm den Weg Gottes noch genauer auseinander”. Der Weg Gottes ist der gesamte Heilsratschluss Gottes wie Paulus ihn überall kundtat (vgl. Apg. 20, 27). Das hatten Aquila und Priszilla, die getreuen Schüler und Mitarbeiter des Apostels Paulus, von ihrem geliebten Lehrmeister gelernt. Apollos wurde dann von der kleinen Schar von Brüdern in Ephesus mit einem Empfehlungsschreiben an die Gemeinde in Korinth entlassen. Hierin dürfen wir die Leitung des prophetischen Geistes erkennen, die durch die gesegneten Folgen legitimiert wurde. Die Arbeit des Apollos in Korinth war geradezu eine notwendige Ergänzung zu der Arbeit, die Paulus dort geleistet hat. Paulus bekennt von der gemeinsamen Arbeit: “Ich pflanze, Apollos begießt (tränkt), jedoch Gott läßt es wachsen.” (1. Kor. 3, 5.6).
Wie selbstlos Paulus war, das zeigt seine Einstellung zu Apollos und dessen Dienste. Trotzdem es, gewiss ohne Schuld des Apollos, zeitweise zu einer besonderen apollischen Parteibildung kam (vgl. 1. Kor. 1, 12), kannte Paulus keine kleinliche parteiische Besorgtheit, sondern bemühte sich mit wahrhaft brüderlicher Liebe, dass Apollos noch einmal nach Korinth gehen möchte (vgl. 1. Kor. 16, 12). Des Apollos Tätigkeit in Korinth wird Apg. 18, 27.28 als eine besondere Hilfe für die Gemeinde gegen die Juden beschrieben. Es mag sein, dass die Gemeinde dadurch schwer angefochten war, dass die Juden mit ihrer Schriftkenntnis des prophetischen Wortes und ihrer Dialektik den jungen Christen stark zusetzten. Da kam ihnen Apollos als eine von Gott gesandte Hilfe. Dieser hatte das Rüstzeug, um die Juden unnachgiebig gründlich zu widerlegen, öffentlich durch die Schriften beweisend, dass Jesus der Christus sei. Mit derselben Problematik hat es die Endzeitgemeinde zu tun; den Juden in der ganzen Welt, besonders den Israelis gegenüber, die sich aus eigener Kraft in dem Lande der Verheißung niedergelassen haben (katoikuntes, Offb. 3, 10; 6, 10; 8, 13; 11, 10; 13, 8.12.14; 14, 6; 17, 2.8). Denn solange die Decke auf ihrem Herzen liegt, können sie in Jesus, den sie wohl als großen Lehrer ihres Volkes anerkennen. nicht den Christus (Messias) sehen (vgl. 2. Kor. 3, 14-16). “Sobald es (das Volk) aber sich wenden sollte zum Herrn, wird die Decke fortgenommen.”
Den Schriftbeweis führen ist etwas ganz anderes, als apologetische Vorträge halten. Nicht mit Vernunftgründen soll die Gemeinde für Christus Propaganda machen, sondern der Schriftbeweis wird erbracht, wenn wir mit dem durch die Schrift, das prophetische Wort, wirksamen Geist Gottes rechnen, der sein gutes Wort erwecken wird (vgl. Jer. 33, 14). Zu solchem prophetischen Dienst gebraucht Gott “Diener (hypäretai) Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse” (1. Kor. 4, 1). So nennt Paulus sich selber und Apollos. Solche Lehrer- und Gemeindepropheten gebraucht Gott in dieser Endzeit zur Belehrung Israels. Das Heil für ganz Israel gehört unbedingt zu dem gesamten Heilsratschluß Gottes, denn ohne die Volkswiedergeburt Israels kann die große Völkermission in der Welt nicht durchgeführt werden. Das erkannte auch Apollos. Deshalb traf er viel zusammen mit denen, die durch die Gnade zum Glauben gekommen waren (Apg. 18, 27). Sein Dienst war nicht leicht. Deshalb brauchte er viel Gnade für sich und die Unterstützung derer, die durch die Gnade gläubig geworden waren. Die Betonung der Gnade ist an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang besonders zu beachten, denn nur auf diesem Wege ist Israels Unglaube und Widerspenstigkeit zu überwinden.
Nachdem wir durch die gemeinsame Arbeit von Paulus und Apollos beim Aufbau der Gemeinde in Korinth einen lebendigen Anschauungsunterricht empfangen haben über die praktische Bedeutung der Gemeindeprophetie, gibt Paulus uns eine lehrhafte Darstellung der Gemeindeaufbauarbeit im Geiste der Gemeindeprophetie. Er schreibt in 1. Kor. 3, 9: “Denn Gottes Mitarbeiter sind wir; Gottes Ackerfeld, Gottes Gebäude seid ihr”. Während sonst der Ausdruck Mitarbeiter gebraucht wird in Verbindung mit anderen Arbeitern, steht der Ausdruck “Mitarbeiter Gottes” nur an dieser Stelle!
Gottes Mitarbeiter ist nicht Gottes Vorarbeiter, sondern einer, der ganz und gar harmoniert in seiner Arbeit mit Gottes Planung und Führung, der also kein unabhängiges Arbeitsprogramm hat, auch keine selbständige Arbeitsmethode. Er hat vor allem darauf zu sehen, dass die Gnade Gottes zu ihrer ungehinderten Entfaltung kommen kann im Menschen (vgl. 2. Kor. 6, 1) und dass das Wort der Versöhnung zu allen Menschen durchdringe (vgl. 2. Kor. 5, 20). Das Betätigungsfeld der Mitarbeiter Gottes wird durch zwei Bilder gezeichnet: “Gottes Ackerfeld, Gottes Gebäude seid ihr”. Auf dem Ackerfeld Gottes ist Paulus ein Pflanzender, während Apollos begießt. Nun aber will Paulus an dem Bilde des Gebäudes Gottes anschaulich machen, was er unter der Auferbauung im Geiste der Gemeindeprophetie versteht. In 1. Korinther 14, 4 spricht Paulus nun von Auferbauung und macht dabei eine beachtenswerte Unterscheidung: “Der in einer Zunge spricht, erbaut sich selbst, der aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf”. Besonders zu beachten ist, dass das, was der Gemeindeprophet auferbaut und hier Gemeinde genannt wird, in 1. Korinther 3, 9 Gottes Gebäude (oikodomä) heißt. Dieses Gottesgebäude ist nach 2.Korinther 5, 1 identisch mit der neuen Gotteswelt, der neuen Schöpfung (2. Kor. 5, 17). Der Bau aus Gott ist eine Gründung Gottes, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges (äonisches) in den Himmeln, d. h. in der Welt der göttlichen Wirklichkeit. Ganz genau genommen dürfen wir Epheser 4, 12 nicht übersetzen: “zur Auferbauung des Leibes Christi”, sondern “hinein in den Bau oder das Gottesgebäude (oikodomä) des Leibes Christi”, womit die neue Schöpfung Gottes gemeint ist. Ein Mitarbeiter Gottes baut also mit an dem Neuschaffen Gottes, wie es in der Gemeinde, dem Leib des Christus, anschaulich wird. Weil nun Paulus vom Gemeindepropheten aussagt, dass er die Gemeinde aufbaut (oikodomein), d. h. zu einem Gebäude Gottes macht, zu einer neuen Schöpfung, so dürfen wir daraus den Schluss ziehen, dass gerade dieser Dienst die Spezialaufgabe der Gemeindeprophetie war. Von sich selbst sagt Paulus in dieser Verbindung: “Nach der Gnade Gottes, die mir mitgegeben ist, habe ich wie ein weiser Baumeister Grund gelegt, ein anderer aber baut darauf; ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baue” (1. Kor. 3, 10). Paulus nennt sich einen Baumeister (architekton), d. h. Führer der Bauarbeiter, der die Verantwortung für die richtige Ausführung des Baus nach einem bestimmten Plan hat. Gott dagegen ist Künstler (technitäs) und Schöpfer (dämiurgos) (Hebr. 11, 10). Er ist das, was wir heute unter Architekt verstehen, der die Baupläne erfindet und entwirft. Paulus hat keine Baupläne ersonnen, sondern den Heilsbauplan Gottes erkannt und ausgeführt, nach der ihm gegebenen Gnade Gottes. Diese ist die Berufsausrüstung des Apostels für seinen besonderen Dienst. Im Handeln nach dieser Gnade bestand die Weisheit Gottes. Seine Lebensaufgabe war die Gründung der Gemeinde Gottes aus Juden und Heiden. Alle anderen Mitarbeiter haben nur die Aufgabe des Weiterbauen auf diesem Fundament. Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der da liegt, welcher ist Jesus Christus (1. Kor. 3, 11). Gott selber legt den Grund oder Eckstein (Eph 2, 20). Grund oder Eckstein ist nicht dasselbe wie Grundlage oder Grundschicht, sondern was man heute etwa die Bauzeichnungen nennen würde (vgl. Hes. 4 ,1); denn durch die Lage und die Linien des Grundsteins mit seinen genau ausgerichteten Ecken wird die Struktur des ganzen Baus bestimmt. Die Grundlage oder Grundschicht (themelso) die darauf gelegt wird, ist insofern von größter Bedeutung, weil die Ausführung dieser Arbeit den Beweis erbringen muss, dass die Signatur des Grund- oder Eckstein ist richtig erkannt worden ist. Und dies war der Dienst des Apostels Paulus.
Die Signatur dieses Dienstes ist Jesus Christus. Einen anderen Grund kann niemand legen neben diesen, denn der liegt. Damit will Paulus sagen, dass es überhaupt keine wirkliche Gemeindearbeit geben kann mit Beiseitesetzung der paulinischen Fundamentalarbeit, weil diese die Signatur Jesu Christi trägt. Es ist nicht etwa der paulinische Lehrertypus gemeint im Unterschied vom petrinischen oder johanneischen, sondern der lebendige Grund, welcher ist Jesus Christus. Paulus hat Jesus Christus verkündet und diesen als gekreuzigt (1. Korinther 2, 2).
In 1. Korinther 14 gibt Paulus einen Vergleich zwischen dem Zungenreden und dem Weissagen oder prophetischen Reden. “Ich will aber, dass ihr alle in Zungen redet, vielmehr aber, dass ihr weissagt. Größer aber ist der Weissagende als der in Zungenredende, ausgenommen er übersetzt es, damit die Gemeinde Erbauung empfange” (1. Korinther 14, 5). Mit diesen Worten tritt der Apostel einer falschen Überbewertung der Gabe des Zungenredens entgegen. Es ist nicht nur sein Wunsch, sondern sein Wille, dass alle in Zungen reden, aber in der rechten, nüchternen Einschätzung dieser Gabe. Der Maßstab ist der Nutzen für die Gemeinde. Das Weissagen ist deshalb vorzuziehen. Das “größer” bezieht sich also nicht auf den Grad der Heiligkeit oder der Stellung der Geistbegabten untereinander, sondern auf die Nützlichkeit für die Gemeinde. Da steht oben an die Auferbauung der Gemeinde in dem oben geschilderten Sinne. Paulus fährt fort in Vers 6: “Nun aber, Brüder, wenn ich zu euch komme in Zungen redend, was werde ich euch nützen, wenn ich nicht so ich rede entweder vermitteln als Offenbarung oder Erkenntnis oder Weissagen oder Lehre? Die Vierzahl der für die Auferbauung der Gemeinde nützlichsten Gaben symbolisiert die Allseitigkeit und Vollständigkeit derselben. Offenbarung steht oben an als eine Geisteswirkung, durch die Neues kundgetan, enthüllt wird. Erkenntnis ist mehr als bloßes Wissen, nämlich das erlebnismäßig, praktische Eindringen in die Wahrheit (vergl. Kapitel 12, 8). Weissagen schließt sich an bereits Offenbartes an. Reden vermittelt Lehre. Was Paulus zuletzt nennt, ist die verständnisvolle, übersichtliche und zusammenordnende Darstellung der Wahrheit als Ganzes oder in einzelnen Teilen. Hier scheint die Rangordnung eine andere zu sein als wie Paulus sonst wohl schreibt, wenn er das prophetische Reden oben anstellt. Wenn wir aber die vier hier angeführten Geisteswirkungen in zwei Gruppen einteilen, in dem Offenbarung und Erkenntnis als die zwei Quellen, Weissagung und Lehre dagegen als die zwei Vortragsarten anzugeben sind, schwindet die Schwierigkeit. Daher kann Paulus am Schluss des aufschlussreichen Kapitels 14 auch zusammenfassend sagen: “Daher, meine Brüder, eifert um das Weissagen und verwehret nicht das Reden in Zungen” (Vers 39). Am Anfang des Kapitels hatte er bereits die Parole ausgegeben: “Jaget der Liebe nach, eifert um die Geisteswirkungen, mehr aber, dass ihr weissagt (prophetisch redet) (V. 1). Weissagen ist die Gabe der prophetischen Rede, wobei der erhöhte Christus sich seiner Werkzeuge als Sondergesandte bedient, um direkte Botschaften an seine Gemeinde zu übermitteln (vgl. Offb. 19, 10). Es ist kein Reden, das unabhängig von dem geschriebenen Wort Gottes oder gar abweichend von demselben sein kann, sondern stets aus dem tieferen Verständnis des Wortes mit seinen Geheimnissen geschöpft ist. Es hat auch nichts zu tun mit Wahrsagen oder Hellsehen oder Orakeln. Es ist auch kein Vorhersagen bestimmter weltgeschichtlicher Ereignisse, also darin zu unterscheiden von Offenbarung. Weissagen ist Deutung der Gegenwart im Licht der Heilsvollendung. Dieses Licht schenkt der Heilige Geist demjenigen, der sich liebend und verständnisvoll versenkt in das prophetische Wort der Schrift, durch Erkenntnis der großen heilsgeschichtlichen Grundlinien. Der Unterschied zwischen Weissagungen und Lehre besteht darin, dass bei ersterer die Unmittelbarkeit des geistigen Erkennens, des höheren Hörens und Sehens mit dem Herzen vorwiegt, während letztere sich auf die Wiedergabe des richtig verstandenen Schriftwortes beschränkt. Der Geist der Weissagung ist stets fortschrittlich, durch Gericht hindurch zur Heilsvollendung führend. Die Vollendung der Gemeinde hängt davon ab, ob der Geist der Weissagung in ihr das Vollzeugnis Jesu zur Verwirklichung führen kann (vgl. Offenbarung 19, 10). Darum liegt dem Apostel daran, dass die Gemeinde am meisten nach der Gabe der Weissagung achten soll. Bei den Korinthern war dieser Vergleich das Gegebene, da sie das Zungenreden so ungebührlich hoch stellten. Denn wer in einer Zunge redet, redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand hört, im Geist aber spricht er Geheimnisse. Wer aber weissagt, redet für Menschen Auferbauung, sowohl Ermahnung als auch Tröstung (Verse 2 und 3). Das Weissagen ist nicht ein Reden in Geheimnissen, sondern klares, vernünftiges, für alle verständliches Reden zur Auferbauung, das heißt zur Förderung des christlichen Lebens. Ermahnungen (parakläsis) ist ermutigende Zurechtweisung, und Tröstung (parmythia) ist beruhigender Zuspruch. Paulus erwähnt nur diese eine Seite des Weissagens und sagt nichts von der richterlichen Aufgabe desselben, weil es sich hier nicht um Abbrechen, sondern um Aufbau handelt (Jer. 1, 10). Von der prophetischen Verkündigung des Heils durch Gericht und vom Zorn Gottes spricht Paulus an anderer Stelle und in einem anderen Zusammenhang. Was die Gemeinde des Christus betrifft, so gilt das Wort des Herrn: “Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich sendet, hat ewiges (äonisches) Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist übergegangen aus dem Tod in das Leben (Joh. 5, 24). Es ist also nicht Aufgabe der Gemeindepropheten Gericht zu verkündigen, wie die Propheten Israels, deren Parole lautete: kein Heil ohne Gericht, kein Gericht ohne Heil. So ohne weiteres können wir dies nicht übertragen auf die Gemeindepropheten, deren Aufgabe Ermahnung und Rüstung ist zur Auferbauung der Gemeinde. Dennoch geht die Auferbauung nicht ohne göttliches Gericht vonstatten. Der Erziehungswege Gottes für die Gemeinde ist ein Zerbruchsweg.
Diesen Weg zu deuten, gehört zu den vornehmsten Dienst der Gemeinde.
3. Die weissagende Gemeinde
Offenbar sieht Paulus das Gemeindeideal in der weissagenden Gemeinde. “Wenn nun die gesamte Gemeinde auf dasselbe hin (epi to auto) zusammenkäme und alle in Zungen redeten, es kämen aber herein Laien oder Ungläubige, werden sie nicht sagen, dass ihr von Sinnen seid? Wenn aber alle weissagen, es käme aber irgend ein Ungläubiger oder Laie herein, so wird er von allen überführt, von allen durchforschend gerichtet. Das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und also wird er aufs Angesicht fallend vor Gott anbeten, verkündigend, dass Gott wirklich unter euch ist” (1. Kor.14, 23-25).
Paulus setzt hier nicht nur den hypothetischen, d. h. möglichen Fall, sondern spricht in diesen Worten seines Herzens Wunsch aus für das Werden der Gemeinde, als wirklich durchdringendes Zeugnis in der Welt. Seinerzeit war die Pfingstgemeinde in Jerusalem ein Zeugnis für Israel durch das Zungenreden oder Sprachenwunder. Dieses war ein einmaliges heilsgeschichtliches Ereignis und wird nicht wiederholt. Es war die Erfüllung einer besonderen Weissagung des Propheten Joel für Israel. Das Ziel der Auferbauung der Gemeinde durch die Gemeindeprophetie ist die weissagende Gesamtgemeinde in ihrer vollen Zeugniskraft für die Welt.
Zu beachten ist der auch in Apostelgeschichte 1, 15; 2, 1; 1. Korinther 11, 20 vorkommende Ausdruck “auf dasselbe hin”, der in manchen Übersetzungen mit “am selben Ort” wiedergegeben wird, aber wörtlich und sinngemäß heißt “auf dasselbe hin”, d. h. dasselbe Ziel und dieselbe Einstellung oder Gesinnung habend. Dies war für die Urgemeinde in ihrer Entstehung ein geradezu typischer Ausdruck, um die wahre Einheit des Geistes und der Gesinnung zu kennzeichnen. Das soll auch der Grundcharakter der Idealgemeinde im paulinischen Sinne sein. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die Gesamtgemeinde erfüllt sein wird vom Geist der Prophetie als Zeugnis Jesu (vgl. Offb. 19, 10). “Ihr könnt alle weissagen (prophetisch reden), einer wie der andere (kath hena, d. h. gemäß Einem), als wäret ihr alle eins” (1. Kor. 14, 31): die Übersetzung: “einer nach dem andern” befriedigt nicht und passt nicht ganz in den sinnvollen Zusammenhang. Die Gabe des Weissagens sollten alle zu erlangen suchen ohne Ausnahme. In 4. Mose 11, 29 sagt Moses: “Möchte doch das ganze Volk Jehovas Propheten sein, dass Jehova seinen Geist auf sie legte”. Das war auch der Herzenswunsch des Apostels Paulus für die Gemeinde in der Überzeugung, dass dies der einzige Weg ist, um das Gemeindeziel zu erreichen.
Das weiß Satan, der Saboteur der Heils- und Erziehungsabsichten Gottes, auch und deshalb sucht er mit allen Mitteln die Gläubigen abzulenken und auf ein falsches Geleise zu bringen. Ein solch falsches Geleise wäre das Trachten nach einer in Zungen redenden Gesamtgemeinde. “Wenn dann alle in Zungen redeten, es kämen aber herein Laien oder Ungläubige, werden sie nicht sagen, dass ihr von Sinnen (verrückt) seid?” Das wäre dann der Erfolg. Wenn es nun in Vers 22 heißt: “Daher sind die Zungen zu einem Zeichen nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen, die Weissagung aber nicht den Ungläubigen, sondern den Glaubenden”, so scheint das im Widerspruch zu stehen mit dem oben Gesagten in Vers 23. Nicht für die Ungläubigen in der Welt draußen sind die Zungen ein Zeichen, sondern für die Ungläubigen in der Gemeinde, die es auch noch gibt, die nicht hören wollen auf Gott, wörtlich: “die nicht in mich hineinhören” (V. 21).
Unter Zeichen (sämeioh) ist hier ein Strafzeichen zu verstehen. Diese Anwendung ist allerdings nur da zulässig, wo man wohl Freude am Wunderbaren hat, aber nicht geneigt ist, auf das einfache Gotteswort zu hören. Solche klammern sich an Wunderbares, Äußerliches, während die wahrhaft Gläubigen daran erkannt werden, dass das prophetische Wort eine Macht in ihrem Leben ist. “Die Weissagung aber nicht den Ungläubigen, sondern den Glaubenden” (V. 22). So wie das Zungenreden nicht ein Zeichen für die Ungläubigen in der Welt ist, um sie zu bekehren, so ist auch das Weissagen hier nicht für die Draußenstehenden bestimmt. Beides ist in diesem Zusammenhang nur auf die Gemeinde zu beziehen. Es gibt wie gesagt auch in der Gemeinde Ungläubige, wie einst im Volk Israel, denen das prophetische Wort nichts gilt, oder die nur für das Sensationelle im prophetischen Wort Interesse haben. In dieser Gefahr war die korinthische Gemeinde, sich auf die Linie Israels zu stellen.
Dem stellt Paulus nun das Idealbild einer weissagenden Gemeinde entgegen. Da ist die Wirkung auf die ungläubige Welt und die Unwissenden (Laien) eine durchschlagende. Während das Zungenreden das Verständnis verschließt und eine in Zungen redende Gemeinde den Eindruck eines Haufens Wahnsinniger machen würde, würde eine weissagende Gemeinde eine das Herz und Gewissen des Ungläubigen oder Laien packende Wirkung erzielen. Das Weissagen schließt das Verständnis auf und macht den Weg zum Herzen frei. Es wirkt überführend, durchforschend, richtend, das Verborgene des Herzens offenbar machend, Glauben weckend. Weissagen ist kein Zeichen den Ungläubigen in der Gemeinde (V. 23). Das Weissagen ist ein Zeugnis für die Wirklichkeit Gottes in der Gemeinde (vgl. Joh. 4, 19) und hat als lebendiges, redend gemachtes Wort lebenweckende Zeugniskraft. Bei dieser Gelegenheit erhalten wir eine wertvolle Belehrung über Wesen und Charakter des Weissagens. Weissagen ist also das bis in die verborgene Tiefen dringende Wahrheitszeugnis von der Wirklichkeit Gottes, sei es nun in seiner Weltregierung oder in seinem Heiligkeitswalten im Leben des Einzelnen. Die Beweisführung des Apostels ist so zwingend und unausweichbar, dass er die Schlussfolgerung getrost den Lesern des Briefes überlassen kann.
Paulus schildert nun das Zusammenkommen einer Gemeinde, die zu einer Mustergemeinde werden soll. “Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeglicher einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zunge, er hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Erbauung” (V. 26). In einer Mustergemeinde sind alle Glieder wirklich Teilhabende, die mit der anvertrauten Gabe zur allgemeinen Erbauung der Gemeinde beitragen. Vergessen wir dabei nicht, was Erbauung bedeutet, nicht etwa bloße Befriedigung religiöser Gefühle oder Stimmungen, nicht angenehme, interessante Unterhaltung auf höherer Ebene, sondern wie das Wort “Erbauung” es andeutet, alles, was den praktischen Aufbau der Gemeinde fördert. Ein jeder hat etwas, nicht alles, sondern eine besondere Gabe. Ein Einmanndienst in der Gemeinde ist dem apostolischen Zeitalter völlig unbekannt.
Jeder hat zu dienen mit der Gnadengabe, die er empfangen hat als idealer Haushalter der mancherlei Gnade Gottes (vgl. 1. Petr. 4, 10). Einen Psalm haben heißt natürlich nicht, das gemeinsam zu singende Psalmlied vorschlagen, sondern einen Psalm aus eigenem Herzenserguß vortragen, sei es ein bekannter Psalm aus der Schrift, sei es aus eigener Dichtung. Eine Lehre haben, ist auch wohl so zu verstehen, dass einem durch plötzliche Erleuchtung eine Lehre zum Vortragen geschenkt wird. Offenbarung und Zunge sind ebenfalls Gaben, die durch ihr unmittelbares Hervortreten auffallen. Zum Zungenreden gehört auch Auslegung, die dem Redenden gegeben wird. Es ist hier keine vollständige Liste von allen Gaben, die zur Erbauung dienen, sondern nur eine bestimmte Auswahl solcher Gaben angeführt, die durch ihr plötzliches, impulsives Auftreten unter Umständen eine Gefahr für die heilige Gemeindeordnung bedeuten können, wie es in Korinth wohl häufiger der Fall sein mochte. Es ist deshalb wohl nicht anzunehmen, dass die Schilderung in Vers 26 ein fertiges, zur Nachahmung empfohlenes Muster sein soll, sondern Paulus will anknüpfend an den gewohnten Verlauf des Gottesdienstes in der korinthischen Gemeinde zeigen, wie daraus ein vorbildliches Muster werden kann.
Damit nun alles zur Erbauung der Gemeinde geschehe muss eine heilige Ordnung eingeführt und beobachtet werden, wie Paulus im folgenden ausführt.
“Sei es, dass jemand in einer Zunge redet, so sei es zu zweien oder höchstens dreien und der Reihe nach und einer übersetze es. Wenn aber keine Auslegung da ist, so schweige er in der Gemeinde, er spreche aber für sich selber und für Gott (V. 27.28). Paulus nennt das Zungenreden zuerst, weil wohl gerade hierin die meiste Unordnung vorgekommen sein mag. Für jede einzelne Gabe soll in einer internen Gemeindeversammlung das ihr gebührende Maß bestimmt werden. Der Ausdruck “in Gemeinde” ohne Artikel bezeichnet die Gemeindeversammlung zur Besprechung interner Angelegenheiten, ohne dass Fremde dabei sind. Da soll nun bestimmt werden, dass das Zungenreden nicht über das Maß hinaus Zeit und Kraft für sich in Anspruch nehmen darf. Zwei, höchstens drei dürfen die Gabe des Zungenredens der Reihe nach (ana meros) in ein und derselben Versammlung betätigen, vorausgesetzt dass ein Ausleger da ist. Ohne Auslegen soll Zungenrede in der Versammlung nicht geduldet werden. Aber im stillen Gebet mag der Betreffende dann seine Gabe zur Anwendung bringen. Zur heiligen Ordnung in der Gemeinde gehört Maß, Einteilung, Reihenfolge, Zweckmäßigkeit, also Eigenschaften, die der Mensch in seiner Gewalt haben muss. Der Geist Gottes, der in den Gaben wirksam ist, anerkennt solche Ordnung und unterwirft sich derselben.
“Propheten aber sollen zwei oder drei reden, und die andern sollen genau richten. Wenn aber einem andern, welcher sitzt, eine Offenbarung zuteil geworden ist, so schweige der Erste” (V. 29.30). Es ist scheinbar hier dasselbe Maß wie bei den Zungenrednern, nur dass es bei letzteren heißt: “höchstens drei” und bei den Propheten: “zwei oder drei”. Dies war das heilige Maß für Zeugenaussagen (5. Mose 17, 6; Hebr. 10, 28).
Das Zungenreden hat nicht den vollen Zeugniswert wie das Weissagen. Darum soll die Zahl der in ein und derselben Versammlung zu Wort kommenden Zungenredner nur im Höchstfall die Drei erreichen, beim Weissagen aber soll es die Norm sein.
Aber auch das Weissagen steht besonders unter heiliger Zucht. Die anderen sollen genau richten, d. h. in erster Linie wohl diejenigen, welche die Gabe der Geisterunterscheidung haben (1. Kor. 12, 10). Geisterunterscheidungen sind ebenfalls eine besondere Gnadengabe, die dem Kraftglauben geschenkt wird. Dazu reicht kein natürliches Urteilsvermögen aus, keine noch so scharfe psychologische Kenntnis. Zu prüfen sind die Geister der Propheten, ob sie aus Gott sind (1. Joh. 4, 1), und ob das von ihnen Geweissagte gemäß Analogie des Glaubens ist (Röm. 12, 6). Dazu bedarf die Gemeinde nicht neuer Offenbarungen, desto mehr aber der tieferen Einführung in die ganze geoffenbarte Wahrheit, um feststellen zu können, was in Übereinstimmung oder Harmonie mit dem ist, was den Glauben der Gemeinde ausmacht. An dieser Prüfung sollte die ganze Gemeinde mitbeteiligt sein. Das sind “die anderen”.
Die Gabe der Offenbarung steht noch höher, so dass in dem Fall, dass einem Gliede eine Offenbarung geschenkt wird, dasselbe bevorzugt zu Wort kommen soll (vgl. Vers 6). Hier erfahren wir beiläufig, dass der Redende stand (V. 30). Wer sich zum Wort meldete, stand von seinem Sitz auf (vgl. Luk. 4, 16). Für den gerade im Reden begriffenen Propheten war es ein Zeichen, seine Rede abzubrechen. Alles sollte in guter Ordnung vor sich gehen. “Denn ihr könnt alle weissagen, einer wie der andere (gemäß einem), damit alle lernen und alle ermahnt werden (V. 31). Wir dürfen uns nicht wundern, dass Paulus mitten in einer Unterweisung über heilige Ordnung im christlichen Gottesdienst auf einmal so weit ausholt und die Linien auszieht bis zum äußersten Ziel. Das ist seine Art, die wir überall in seinen Briefen finden. Dass er auf die Pflege des prophetischen Geistes besonderen Nachdruck legte, geht aus dem ganzen 14. Kapitel hervor. Alle können sich jetzt schon der Gabe des Weissagens befleißigen, “damit alle lernen und alle ermutigt werden”. Paulus will nicht nur, dass alle zu Wort kommen und somit jeder sein Recht erhält, sondern dass das heilsgeschichtliche Ziel der Universalgemeinde erreicht werde. Das ist die Aufgabe des prophetischen Geistes in der Gemeinde. Das Lernen und die Ermahnung (Ermutigung) hat den Zweck, die Gemeinde diesem Ziel entgegenzuführen. Damit nun der Geist Gottes ungehindert wirken kann, müssen alle Geistesgaben unter einer heiligen Zucht stehen, besonders auch die Gabe des Weissagens. “Und Prophetengeister sind Propheten untertan. Denn nicht der Gott der Unordnung ist er sondern des Friedens” (V. 32 und 33). Prophetengeister sind nicht dasselbe wie Geist der Weissagung, auch nicht persönliche Geistwesen sondern es sind die eigenen Geister der Propheten gemeint. Der Geist als Wesensbestandteil des Menschen ist der Seele, der Person Ich, unterworfen. Das Subjekt eines Individuums ist nach biblischer Anschauung nicht der Geist, den ein Mensch hat, sondern die Seele, die der Mensch ist. Das gilt auch von den Propheten, deren Geist ihrer Person Ich unterworfen ist, d. h. sie sind nicht in dem Zustand eines willenlosen Mediums, sondern bewusst verantwortlich für ihre Haltung. So müssen die Propheten sich auch in die göttliche Ordnung fügen. Das ist das Kennzeichen wahren Prophetentums: “Nicht der Geist der Unordnung ist er, sondern der Gott des Friedens.” Ist Friede der ungestörte Heilszustand, so ist Unordnung hier als Gegensatz zu Frieden, die Störung des Heilszustandes. Unordnung im christlichen Gottesdienst ist demnach eine ernste Störung im Werden der Gemeinde für ihren heilsgeschichtlichen Beruf. Zu diesem Beruf gilt vor allem die Vollendung des prophetischen Zeugnisses. Wir verstehen daher, weshalb Paulus so ausführlich in diesem Brief auf die Ordnung des christlichen Gottesdienstes eingeht und besonders der Gabe der Weissagung den gebührenden Platz eingeräumt wissen will.
“Wie in allen Gemeinden der Heiligen” (V. 33). Zu beachten ist der Ausdruck “Gemeinde der Heiligen”, der nur an dieser Stelle vorkommt. In 1. Korinther 1, 2 nennt Paulus die Gemeinde in Korinth “berufene Heilige” und erinnert sie dadurch daran, dass es ihr Beruf ist, die paulinische Universalmission verwirklichen zu helfen gemäß Römer 15, 16-19.
Zu diesem Zweck sind sie von der Welt Abgesonderte und Gott zum Dienst Geweihte, d. h. Heilige. Hier nun bringt Paulus die Korinther in Beziehung zu allen Gemeinden der Heiligen und spricht von der heiligen Ordnung in denselben. Wenn es sich nur um Nebensächliches handelte, wäre es nicht zu verstehen, warum Paulus soviel Aufhebens davon macht. Aber da es um den heilsgeschichtlichen Beruf der Gemeinde zur Vollendung des prophetischen Zeugnisses geht, so bekommt der Zusatz ”wie in allen Gemeinden der Heiligen” eine besondere Note. Paulus überblickt die universale Aufgabe aller Gemeinden, sowohl der judenchristlichen, als auch der heidenchristlichen in dieser Beziehung. Als Heilige stehen sie alle auf derselben Linie des heiligen Berufs und der heiligen Ordnung.
Auffallend ist, dass Paulus gerade hier, wo er so eingehend über die heilige Ordnung in der weissagenden Gemeinde spricht, eine ernste Mahnung betreffs des dieser Ordnung entsprechenden Verhaltens der Frau in der Gemeinde hinzufügt. “Die Frauen, in den Gemeinden mögen sie schweigen; denn nicht ist es ihnen gestattet zu reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so mögen sie im Hause die eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau zu reden in Gemeinde” (1. Kor. 14, 34.35). Es könnte befremden, dass Paulus hier noch eine Ermahnung wegen des Redens der Frauen in der Gemeinde anhängt, wenn wir die große Linie außeracht lassen, die von dem Beruf der weissagenden Gemeinde handelte. Dieser kann nur unter strenger Wahrung der Gemeindedisziplin erfüllt werden, die in bedingungsloser Unterwerfung unter ein Haupt oder eine Führerschaft Ausdruck findet (vgl. Kap. 11, 3). Jeder Verstoß gegen diese Regel ist eine Untergrabung des Gemeindeberufes. Gerade die Emanzipation der Frau ist dafür typisch, nicht nur in Korinth, sondern überall (vgl. 1. Tim. 2, 11.12). Das öffentliche Lehren oder Reden (Ialein = reden, vortragen, verkündigen) in der Versammlung ist der Frau nicht gestattet, weil es ein Verstoß ist gegen das göttliche Gesetz, das die Unterordnung der Frau unter den Mann als ihr Haupt bestimmt (vgl. 1. Mose 3, 16). Beten und Weissagen waren der Frau gestattet. Aber auch die Form des Fragens soll sie nicht anwenden, um ihre Meinung zur Geltung zu bringen. Wenn es ihr wirklich um Belehrung zu tun ist, dann soll sie daheim (im Hauskreis) die eigenen Männer befragen. “Zu Hause” kann sich auch auf den engeren Hausgemeindekreis beziehen, und “die eigenen Männer” müssen nicht bloß die betreffenden Ehemänner, sondern können auch die Männer des engeren Hausgemeindekreises sein (1. Tim. 5, 8). Ausgeschlossen wären sonst ja von diesem Vorrecht die Unverheirateten oder diejenigen Frauen, deren Männer ungläubig sind. Wenn Paulus hier nur die Ehemänner gemeint hätte, dann würde er wohl nicht die Mehrzahlform gebraucht, sondern von “dem” Mann und “der” Frau gesprochen haben.
In den Gemeinden mögen sie schweigen. Das Schweigen (sigan) muß dem “in der Stille sein” (en häsychia einai, 1. Tim. 2, 12) entsprechen. Gemeint ist daher wohl nicht das negative Nichtsprechen, das Zuhalten des Mundes, sondern das aktive Hörschweigen vor Gott, das Herzenshören. Es kommt auf diese richtige Haltung in der weissagenden Gemeinde an, nicht auf ein rigoroses Verbieten des Mundes. Wortführer dürfen die Frauen in der Gemeinde nicht sein. Das wäre schändlich für eine Frau. Durch aktives Schweigen mit hörendem Herzen leistet sie den wichtigsten Frauendienst bei der Auferbauung der Gemeinde.
“Wenn aber jemand sich dünkt, ein Prophet zu sein oder ein Geistlicher, der erkenne, was ich euch schreibe, dass es ein Gebot des Herrn ist. Wenn aber jemand unwissend ist, so mag er unwissend sein (andere Lesart: wenn aber jemand nicht erkennt, so wird er nicht anerkannt)” (V. 37.38).
Diese Worte sind gegen geistliche Anmaßung gerichtet, die bei denen leicht vorkommt, die sich dünken, etwas zu sein. Unter Geistlicher oder Prophet ist wohl der Geistbegabte zu verstehen. Daran soll die Echtheit beider erkannt werden, dass sie imstande sind, in den Anordnungen des Apostels Paulus ein Gebot des Herrn zu sehen. Paulus stellt nicht einfach apostolische gegen angemaßte Autorität, er verlangt nicht, dass man ihm gehorche von Amts wegen. Das wäre kirchliche Hierarchie. Er beruft sich auf die Untrüglichkeit wahren Geisteszeugnisses. Ein wirklich Geistlicher konnte und musst erkennen, dass Paulus Christi Denksinn hatte (vgl. 1. Kor. 2, 16), also die Fähigkeit, Gottes Heilswege zu verstehen, und dass deshalb das, was er anordnete, in Übereinstimmung mit dem Willen des Herrn, des Hauptes der Gemeinde war, demnach ein Gebot des Herrn.
Abschließend fasst Paulus noch einmal alles in zwei Sätze zusammen: “Daher, meine Brüder, eifert um das Weissagen und verwehret nicht das Reden in Zungen. Alles aber geschehe (werde) auf wohlanständige Weise und ordnungsgemäß” (V. 39f.).
Schluss: Der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu
… durch welches auch die Vollendung der Gemeindeprophetie angezeigt wird. Zweimal kommt dieser Ausdruck in der Apokalypse (Offenbarung Johannes) vor: Kap. 12, 17 und 19, 10. Von dem Überrest Israels, den Übrigen des Weibessamen, die da halten die Gebote Gottes und bewahrt werden vor der Wut des Drachen heißt es, dass sie haben das Zeugnis Jesu. Diese messiasgläubigen Juden, die nicht der Gemeinde angehören, haben dennoch das Zeugnis Jesu. Auch dies ist ein Erfolg des Christuszeugnisses, welches von der weissagenden Gemeinde auf Israel sich erstreckt. Es mag uns noch ein Geheimnis sein, weshalb diese messiasgläubigen Juden sich nicht der Gemeinde Gottes aus Juden und Heiden anschließen. Wahrscheinlich haben sie eine besondere Mission innerhalb ihres Volkes. Der Zorn des Drachen kommt zur Vollendung in seinem Hass gegen die Gemeinde, nachdem diese ihm durch Entrückung entzogen worden ist, gegen den messiasgläubigen Teil Israels (vgl. Offb. 14, 1-5). In Offenbarung 19, 10 erfahren wir, was das Zeugnis Jesu ist, nämlich der Geist der Weissagung. Alle, die das Zeugnis Jesu wirklich haben, sind solche, die den Geist der Prophetie haben, also den innersten Kern der Prophetie erfasst haben, dass die ganze Prophetie Jesum zum Urheber und Inhalt hat. Schrift und Geschichte finden in Christus ihre restlose Synthese. Dies ist das Zeugnis Jesu, der Geist der Weissagung, der große Gottesbeweis. Das Haben dieses Zeugnisses Jesu ist das Charakteristikum der Knechte Gottes, d. h. aller derer, die zum Dienst im Königreich Gottes berufen sind.
(Quelle: Unbekannt; www.r-eberle.de)


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