Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Wiederherstellung Israels nach Hesekiel

Autor: Langenberg, Heinrich  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Heilsgeschichte, Israel, Wort Gottes (Bibel)  |  1,596 x gelesen

Vorbemerkung von Heinz Schumacher: Heinrich Langenberg war ein im Wort gegründeter Ausleger ganz eigener Prägung. Seine Auslegungen zeichnen sich durch große Worttreue und Wortnähe, durch gleichmäßiges Behandeln aller Sätze und Abschnitte, durch das Aufspüren der durchgehenden “geraden Linien” des Wortes und durch “prophetischen Realismus” aus. Schrift wird durch Schrift erklärt, und die Zusammenhänge werden beachtet.

Seine Schau weicht vielfach von der anderer gläubiger Ausleger ab. Das hat Vor- und Nachteile. Von Vorteil ist es zweifellos, daß man neue Anregungen bekommt und erkennt, daß ein Text vielleicht auch ganz anders aufgefaßt werden kann, als man es gewohnt war. Nachteilig ist — wenn man es so nennen will —, daß man Heinrich Langenberg nicht immer in seinen Gedankengängen zu folgen vermag. Aber ist das nicht im Grunde bei allen Auslegungen so — es sei denn, man wäre nur ein unmündiger, kritikloser Anhänger eines geistlichen Führers?

Das Folgende können wir herzlich empfehlen, es enthält köstliche Einblicke und Durchblicke bezüglich des göttlichen Planes mit Israel und den Völkern.

Die Hesekiel-Auslegung Langenbergs ist nicht im Druck erschienen. Seine (auch schon hochbetagten) Kinder haben so mancherlei aus dem Nachlaß des Vaters nach und nach auf Matrizen vervielfältigt, so auch Teile seiner Hesekiel-Auslegung. Wir entnehmen daraus einiges.

Die folgenden Ausführungen machen auch deutlich, wie weit das heutige Israel noch vom Zustand seiner Vollendung entfernt ist! Noch vieles wird Jehovah, der Unwandelbare, zu richten haben, ehe Israel Sein volles Heil erfährt. Doch, wie Langenberg mit Recht im Sinne der Propheten betont: Kein Gericht ohne Heil und kein Heil ohne Gericht!


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Hesekiels Wirksamkeit im Rahmen der Zeit- und Heilsgeschichte

Hesekiel, dessen Name soviel bedeutet wie “Stark ist Gott” oder “Den Gott stark macht”, war ein Prophet von starkem, stahlhartem Charakter. Er war in der Tat der, den Gott stark macht; denn er hatte einen starken Gott. So war es denn auch sein Beruf, den starken Gott in Gericht und Heil zu verkündigen. Wie Jeremia die Aufgabe hatte, das Gericht über Jerusalem und Juda heilsgeschichtlich zu deuten, so war es die wichtige Aufgabe Hesekiels, für das widerspenstige Haus Israel in seiner Erziehungsschule im babylonischen Exil ein von Gott erleuchteten Führer zu sein. Er teilte mit Daniel sich in diese Aufgabe insofern, als Daniels Wirksamkeit mehr nach außen hin in der politischen Öffentlichkeit zutage trat, während Hesekiels Dienst sich mehr auf die Herzenszubereitung des Volkes beschränkte.

Hesekiel stammte aus einer alten Priesterfamilie Busis (vgl. Hes. 1, 3). Er war in Juda geboren zur Zeit des Königs Josia und wurde mit Jojachin nach Babel ins Exil geschickt (vgl. Hes. 1, 2; 40, 1; 2. Kön. 24, 14ff.). Er gehörte also zu dem edleren Teil des Volkes, den Jeremia mit den guten Feigen vergleicht (Jer. 24, 1ff.). Er wird etwa um 620 v. Chr. geboren sein, also als ungefähr fünfundzwanzigjähriger Mann nach Babel gekommen sein. Er wohnte in Tel Abib an dem großen Kanal Chebar, den Nebukadnezar zur Verbindung des Euphrat mit dem Tigris hatte anlegen lassen. Hier waren viele angesehene Familien aus Juda angesiedelt, welche eine große Freiheit genossen und ihre Ältestenverfassung aus der Heimat beibehalten durften. Er war verheiratet, aber seine Frau starb ihm bald, im neunten Jahr der Gefangenschaft (vgl. Hes. 24, 18). Hesekiel muß etwa im Jahre 570 gestorben sein, ist also ungefähr 50 Jahre alt geworden. Seine ganze prophetische Tätigkeit gehört dem babylonischen Exil an.

Im fünften Jahr seiner Verbannung, im Jahr 593, wurde er zum Propheten berufen. Jehovah hatte die Verbannten nicht vergessen, sondern ihnen aus ihrer eigenen Mitte einen Propheten erweckt, der ihr eigenes Geschick teilte und unter ihnen lebte. In Babel sollte ein neues Israel herangezogen werden, so recht im Mittelpunkt der großen völkergeschichtlichen Bewegungen. Zur Zeit Hesekiels war Babel unter Nebukadnezar auf der Höhe seines Glanzes und seiner Macht. Das Reich der Assyrer war untergegangen, Ägypten lag am Boden, und Juda wurde durch Nebukadnezar völlig unterworfen. Nach der Wegführung Jojachins in die Gefangenschaft im Jahr 597 herrschte in Juda der König Zedekia, von Nebukadnezar eingesetzt. Elf Jahre währte seine Regierungszeit (597-586). Seine Treulosigkeit und sein Abfall von Babel war die Ursache, daß Nebukadnezar mit seiner ganzen Heeresmacht gegen Jerusalem zog und es nach achtzehnmonatiger Belagerung eroberte und bald darauf völlig zerstören ließ. Während der Prophet Jeremia alle jene furchtbaren Ereignisse mit durchmachen und die Leiden an seiner eigenen Person mit erdulden mußte, stand Hesekiel diesen Ereignissen fern und erlebte sie von Babel aus, wo er persönlich große Freiheit genoß. Während Jeremia treu ausharrte als Hirte seines unter Gericht stehenden Volkes in der Heimat, setzte Hesekiel dessen Arbeit fort in der Fremde unter den Exulanten (Vertriebenen). Aus der Ferne begleitete er die Geschichte Israels in der Heimat. Zwischen Jerusalem und Babel muß ein großer Wechselverkehr stattgefunden haben (vgl. Jer. 29 und 51). Das Los der Verbannten war ein verhältnismäßig günstiges. In der Fremde, wo sie eigenes Königtum und Priestertum entbehren mußten, scharten sie sich um ihre Ältesten. Sie wohnten in besonderen Dorfsiedlungen und genossen eine ziemlich große Freiheit. So konnten sie in Babel eine Art bürgerliches Gemeinwesen errichten. Möglicherweise kamen hier in Babel die judäischen Verbannten wieder in Berührung mit den etwa hundert Jahre früher nach Assyrien geführten Israeliten der zehn Stämme (vgl. 2. Kön. 17, 6; 18, 11). Jedenfalls lag der Gedanke der Wiedervereinigung Judas und Israels im Blickfeld des Propheten Hesekiel (vgl. Hes. 37, 16ff.; 47, 13). Der Zusammenhang zwischen den Exulanten und den Juden in der Heimat war ein recht inniger. Auch in Babel verfolgte man die Ereignisse in der Heimat mit dem regsten Interesse. So kam es, daß die durch die falschen Propheten genährten Hoffnungen in Babel ebenso lebhaften Widerhall fanden wie in Jerusalem. Doch als Jerusalem im Jahr 586 fiel, war der Schlag für die Juden in Babel ebenso entscheidungsvoll wie für die Juden in der Heimat.

Für Hesekiel war es der Wendepunkt seiner prophetischen Aufgabe. Bis dahin war diese der Aufgabe Jeremias parallel: Kampf gegen eindringendes heidnisches Wesen und gegen die falschen Propheten, Verkündigung des Gerichts, Bußpredigt und Heilsverheißung. Von der Zerstörung Jerusalems an begann jedoch für Hesekiel die Zeit seiner besonderen, charakteristischen Mission. So wurde er der Prophet des Exils, der geistige Führer der jüdischen Gemeinde in Babel. Die mit Zedekia Deportierten brachten den Geist der Mutlosigkeit mit nach Babel. Der schwere Druck des Gerichts wirkte jedoch heilsam auf die ganze jüdische Gemeinde, so daß während des Exils das Volk wenigstens äußerlich vom Götzendienst geheilt wurde. Dieser Erfolg ist zum Teil der Wirksamkeit Hesekiels zuzuschreiben. Dem gebeugten Volk hatte er nach der Zerstörung Jerusalems vorwiegend nur Heil zu verkündigen.

So zerfällt auch seine Schrift in zwei klar unterschiedene Hauptteile: Kapitel 1-24 vor allem Gerichtsweissagungen und Kapitel 25-48 vorwiegend Heilsweissagungen. Der Gesichtspunkt seiner Prophetie unterscheidet sich wesentlich von dem seines Zeitgenossen Jeremia. Bei diesem war das Erlebnis vorherrschend. Er stand mitten drin als Mann der Schmerzen und des Elends. Er mußte selber bis in die tiefsten Tiefen hinuntersteigen, um seinem Volk ein sicherer Führer durchs Gericht hindurch sein zu können. Doch war ihm das Erlebnis nicht Grundlage des Heils, sondern diese war einzig und allein die absolute, vom Erlebnis unabhängige Gnade. Bei Hesekiel tritt das Erlebnis mehr zurück hinter die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Dazu brauchte er Distanz, um aus der Ferne klarere und weitere Übersicht zu gewinnen. Gerade sein Aufenthalt in Babel, wohl im Herzen des Weltreichs, aber doch fern genug vom Schauplatz der Ereignisse, war dazu prädestiniert. So beginnt sein Buch mit der Manifestation der Thronherrlichkeit Jehovahs und endet mit dem Ausblick auf die wiederhergestellte theokratische Herrlichkeit Jehovahs inmitten Seines Volkes. Die sich im Gericht und Heil vollziehende Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit ist die Grundidee des ganzen Buches. Ihr angepaßt ist die Form der Offenbarungsmitteilung, die seiner priesterlichen Vorstellungswelt so naheliegende, dem Tempelkultus entlehnte, großartige Symbolik.

Die Wiederherstellung Israels nach Hesekiel

Hesekiel 33, 21-29 — Das schwierige Missionsfeld des Wächters

Die große Wendung in der Mission Hesekiels war das Eintreffen der Kunde vom Untergang Jerusalems in Babel. Bis zu diesem Augenblick war der Mund des Propheten Israel gegenüber verschlossen, nachdem er das Gericht über Jerusalem klar und genügend verkündigt hatte (vgl. Hes. 24, 25-27). Inzwischen war für Israel nichts weiter zu reden. Es galt still die Vollendung des Zornes Gottes, die Ausführung des Gerichts abzuwarten. Der Mund des Propheten war verstummt, er hatte genug gezeugt. Jetzt redete Gott allein durch die erschütternde Sprache der Tatsachen, der Geschichte. Dieses Reden Gottes mußte einen gewaltigen, tiefen Eindruck machen und konnte nicht ohne Wirkung bleiben. Erst aufgrund des hierdurch hervorgerufenen radikalen Umschwungs in der Stimmung und Gesamtanschauung des Überrestes Israels konnte Hesekiel seine ganz neue Aufgabe beginnen, die Predigt von den Erbarmungen Gottes.

“Im zwölften Jahr aber nach unserer Wegführung, im zehnten Monat, am fünften des Monats, kam zu mir ein Flüchtling von Jerusalem mit der Kunde: Die Stadt ist erobert!” (Vers 21). Jerusalem ist nach Jeremia 39, 2; 52, 6 im vierten Monat des elften Jahres (Juli 587) von den Chaldäern eingenommen worden. Erst achtzehn Monate später bringt ein Entronnener persönlich die Kunde von der Einnahme Jerusalems zu Hesekiel nach Babel. Ohne Zweifel muß das Gerücht von dem Ereignis schon lange vorher in Babel verbreitet gewesen sein, aber der Prophet hatte gewissenhaft auf den in Hesekiel 24, 26 verheißenen Boten zu warten, ehe er den Mund öffnen durfte, um seiner Exilsgemeinde zu predigen.

“Nun war am Abend vor dem Eintreffen des Flüchtlings die Hand Jehovahs über mich gekommen, und Er hatte mir den Mund aufgetan, und ich war nicht länger stumm” (Vers 22).

Die Öffnung des Mundes geschah in einer Entzückung des Propheten am Vorabend des Eintreffens des Boten. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm die Wortoffenbarung von Vers 2-20 zuteil. Das erst war für ihn das erwartete Zeichen, daß er wieder zu Israel reden durfte. Er wagte nicht aus eigenem Antrieb und Ermessen heraus zu predigen, sondern wartete gehorsam den göttlichen Auftrag ab (vgl. Hes. 3, 26f.; 29, 21).

“Und das Wort Jehovahs erging an mich folgendermaßen: Menschensohn, die Bewohner dieser Trümmer im Land Israel sprechen also: Abraham war nur ein einzelner Mann und bekam doch das Land zum Besitz, unser aber sind viele. Uns ward das Land zum Besitz gegeben” (Verse 23.24).

Hesekiel muß sich jetzt an die in Judäa Zurückgebliebenen wenden, um einen durch die Katastrophe verursachten Irrtum zu bekämpfen. Diese Elenden und Armen, die bisher Besitzlosen (vgl. Jer. 39, 10; 40, 9ff.), hatten sich die Grundbesitze der in die Verbannung Geschickten und Getöteten angeeignet und fühlten sich als die Herren. Wie der ungerichtete religiöse Mensch alles zu seinen Gunsten dreht und deutet, so taten es auch diese. Sie hielten sich für die besonderen, bevorzugten Lieblinge Jehovahs, weil Er sie von dem Gericht verschont und ihnen doch augenscheinlich das Erbe der Gerichteten übergeben hatte. Sie betrachteten sich so als die wahren Abrahamssöhne, um so mehr, da Abraham doch nur ein einzelner war, sie dagegen viele.

Denselben Irrtum hatte Jesus bei Seinen Zeitgenossen zu bekämpfen (vgl. Matth. 3, 9; Joh. 8, 39). Frömmigkeit und Verkehrtheit gehen da Hand in Hand, wo das Selbstgericht fehlt. Unter dem Schein besonderer Demut und großen Glaubens gedeiht da üppig die Selbstüberhebung und der Hochmut (vgl. Hes. 11, 3).

“Darum sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jehovah: Auf den Bergen eßt ihr Opferfleisch, und zu euren Götzen erhebt ihr eure Augen, und Blut vergießt ihr — und da wollt ihr das Land zum Besitz haben?” (Vers 25). Es ist Hesekiels Art und Aufgabe, diese vermeintlich Gerechten mit dem rechten Namen als Gottlose anzureden (vgl. Vers 13), ihnen die Heuchelmaske vom Gesicht zu reißen und den tatsächlich bösen Zustand ans Licht zu stellen. Sie selbst hielten sich gewiß nicht für Götzendiener, aber der Prophet malte sie als solche ab und bewies ihnen, daß das, was sie als etwas Harmloses und Unbedeutendes, ja gar als Religiöses und Zeitgemäßes ansahen, tatsächlich in Gottes Augen nichts anderes als Götzendienst war. Sie begingen dieselben Sünden, um derentwillen Jehovah die andern in die Hände der Chaldäer gegeben hatte (vgl. Hes. 18, 6): Höhenkultus, selbsterwählter Gottesdienst, heidnischer Götzendienst unter dem Namen des Jehovahdienstes, Religionsmengerei verbunden mit moralischer Verwahrlosung und Gewalttätigkeit. Wo also Abrahams Glaube und Abrahams Werke fehlten, da war auch Abrahams Erbe eine Illusion.

“Ihr steift euch auf euer Schwert, ihr verübt Greuel, ihr verunreinigt einer des andern Weib — und da wollt ihr das Land zum Besitz haben?” (Vers 26). Sie pochen auf rohe Gewalt und das Recht des Individuums, rücksichtslos ihren Vorteil und die Befriedigung ihrer Interessen und Begierden verfolgend. Ihr Wahn, die echten Abrahamssöhne und Erben des Landes zu sein, sollte bald genug durch ein auch sie treffendes Gericht zerstört werden.

“So sollst du zu ihnen sprechen: So spricht der Herr, Jehovah: So wahr ich lebe, die auf den Trümmern sind, sollen durchs Schwert fallen, die auf dem freien Felde sind, gebe ich den wilden Tieren zum Fraß, und die auf den Felsklippen und in den Höhlen sind, sollen an der Pest sterben. Und ich will das Land zur Wüstenei machen, und aus ist es mit seiner stolzen Hoffart, und die Berge Israels sollen wüste liegen, daß niemand mehr über sie dahinzieht” (Verse 27.28).

Fünf Jahre nach dem Fall Jerusalems fand die dritte Deportation aus Juda statt (vgl. Jer. 52, 30). Da wurde das hier angedrohte Gericht vollstreckt.

“Und sie werden erkennen, daß ich Jehovah bin, wenn ich dies Land zur Wüstenei und zur Wüste mache wegen all ihrer Greuel, die sie verübt haben” (Vers 29).

Niemand sollte vom Gericht verschont bleiben, auch noch der letzte Rest in Juda sollte entweder umkommen oder nach Babel geführt werden. So und nur so konnte das Volk von seiner unheilbaren Krankheit, vom religiösen Selbstbetrug kuriert werden und zur Erkenntnis Jehovahs und zum Heil gelangen.

Hesekiel 34,1-16 — Ich selbst werde meine Herde weiden

Die völlige Unfähigkeit des Menschen, das Heil durch eigene Anstrengung zu erlangen, hatte sich erwiesen. Selbst der erschütternde Eindruck vom Gericht über Jerusalem und die dadurch hervorgerufene bußfertige Stimmung beim Überrest des Volkes vermochte eine wirkliche Herzenserneuerung nicht zustande zu bringen. Es bleibt nichts anderes übrig als das Eingreifen Gottes mit Seiner Alleinmacht, um etwas ganz Neues zu schaffen. Dieses Neue, das Heil aus Gnaden, ist der Gegenstand der Heilsverkündigung des Propheten.

“Und es erging das Wort Jehovahs an mich folgendermaßen: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jehovah: Wehe über die Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen nicht Hirten die Schafe weiden?” (Verse 1.2). Die bisherigen Führer Israels haben vollständig versagt (vgl. Jer. 23) und sollen deshalb ganz abgesetzt werden, damit Gott allein die Leitung in die Hand nehmen und dem Volk in Christus den rechten Hirten geben kann. Das Bild vom Hirten war bereits ein altbekanntes (vgl. 2. Sam. 5, 2; 1. Kön. 22, 17; Hos. 13, 6; Psalm 23). Das Wehe über die bösen Hirten galt dem ganzen Stand, sollte aber besonders die noch lebenden Könige Jojachin und Zedekia, die, falschen Propheten, Priester und alle Beamten treffen, die noch unter den Verbannten in Babel sich befanden. Die Selbstsucht wird ihnen vor allen Dingen zum Vorwurf gemacht. Anstatt in selbstloser Weise auf das Wohl ihrer ihnen anvertrauten Schafe bedacht zu sein, haben sie sich selbst geweidet.

“Die Milch habt ihr genossen und mit der Wolle euch bekleidet und das Gemästete geschlachtet, aber geweidet habt ihr die Schafe nicht” (Vers 3).

Der Vorwurf ist der, daß die Hirten nur ihren eigenen Nutzen im Auge hatten, dabei aber die Herde gröblich vernachlässigt hatten. Die Milch zu genießen, die Wolle zu verwerten, das Mastvieh zu schlachten war ihnen ja erlaubt. Aber sie haben die Vorrechte ihrer Stellung mit peinlicher Sorgfalt wahrgenommen, während sie auf der andern Seite sich um ihre Verantwortung und Pflichten nicht gekümmert haben. Die Existenzfrage war für sie ausschlaggebend. Sie haben die Schafe als ihr Eigentum betrachtet, mit denen sie schalten und walten konnten nach eigenem Belieben, anstatt sich als verantwortliche Hirten zu fühlen. Daher auch der vollkommene Mangel an Hirtentreue.

“Die Schwachen stärktet ihr nicht und das Kranke heiltet ihr nicht und das Verwundete verbandet ihr nicht, das Versprengte holtet ihr nicht zurück und das Verirrte suchtet ihr nicht auf, sondern mit Härte regiertet ihr sie und mit Tyrannei” (Vers 4).

Um die grundsätzlich verkehrte innere Einstellung der Hirten besser ans Licht zu stellen, wird negativ zunächst das aufgezählt, was sie nicht getan haben. Sie haben geradezu alles unterlassen, was eigentliche Aufgabe des Hirten ist: Die Fürsorge für die Hilfsbedürftigen, für die Schwachen, Kranken, Verwundeten, Versprengten und Verirrten (vgl. Apg. 20, 28; 2. Kor. 12, 14; Phil. 2, 21; 1. Petr. 5, 2; Jud. 12). Aus dem Mangel an fürsorgender, erbarmender Liebe entstand dann auch die Härte und Herrschsucht. Dieses war unzweifelhaft vorhanden, und doch hielten sich die Hirten für fromm und von Gott berufen.

Es war des Propheten Aufgabe, die große Lüge des ganzen bisherigen Systems aufzudecken und die Wurzeln des allgemeinen Verderbens bloßzulegen.

“Und so zerstreuten sie sich, weil kein Hirte da war, und dienten allem Getier des Feldes zur Speise und wurden zerstreut. Auf allen Bergen und auf allen hochragenden Hügeln irrten meine Schafe umher. Über das ganze Land hin waren meine Schafe zerstreut, aber niemand kümmerte sich um sie, niemand suchte sie auf (Verse 5.6).

Die Folge der Vernachlässigung seitens der Hirten war die Zerstreuung der Herde. Sie verloren den inneren Halt und den äußeren Zusammenhang. So kamen sie mehr und mehr in die Verirrung des heidnischen Götzendienstes. Sie wurden eine Beute der umwohnenden heidnischen Völker, bis sie schließlich ins Exil gerieten. Die Schafe werden hier mehr entschuldigt und in Schutz genommen, während die Hauptschuld am Verderben den Hirten gegeben wird.

“Darum, ihr Hirten, vernehmt das Wort Jehovahs! So wahr ich lebe, spricht der Herr, Jehovah: Wahrlich, weil meine Schafe zur Beute wurden und meine Schafe allem Getier des Feldes zur Speise dienten, indem kein Hirte da war, und meine Hirten sich nicht um meine Schafe kümmerten; denn die Hirten weideten sich selbst, aber meine Schafe weideten sie nicht, darum, ihr Hirten, vernehmt das Wort Jehovahs! So spricht der Herr, Jehovah: Fürwahr, ich will an die Hirten und will meine Schafe von ihrer Hand verlangen und will ihrem Schafhüten ein Ende machen, und die Hirten sollen sich nicht mehr selbst weiden, sondern ich will ihnen meine Schafe aus ihrem Mund reißen, daß sie ihnen nicht mehr zur Speise dienen sollen” (Verse 7-10).

Die Strafe für die Hirten, die verantwortlich sind für jedes Glied der Herde Jehovahs, das durch ihre Schuld verloren geht, besteht in Amtsentsetzung und Unschädlichmachung. Gott wird Seine Schafe solchen reißenden Raubtieren aus dem Maul reißen.

Damit ist ein geradezu vernichtendes Urteil über das ganze alte System ausgesprochen. Es soll nichts mehr davon reformiert oder aufgebessert, sondern als Ganzes vollständig abgeschafft werden, damit ein ganz Neues an seiner Stelle eingeführt werde.

“Denn so spricht der Herr, Jehovah: Da bin ich selbst, um meine Schafe aufzusuchen und mich ihrer anzunehmen” (Vers 11). Jehovah, der Herr der Herde, will jetzt unvermittelt, direkt sich selber Seiner Herde annehmen, einen ganz neuen Weg zum Heil der Herde beschreiten. Worin dieser besteht und wie sich das ganz persönliche Eingreifen Jehovahs äußern wird, das wird in den folgenden Versen weiter ausgeführt.

“Wie sich ein Hirte seiner Herde annimmt an dem Tag, wo er sich inmitten seiner zerstreuten Schafe befindet, so werde ich mich meiner Schafe annehmen und sie aus all den Orten erretten, wohin sie am Tage der Bewölkung und des Wolkendunkels zerstreut wurden” (Vers 12).

Das Gericht über Israel, als die Herde Jehovahs am Tage des Wolkendunkels unter die Heiden zerstreut wurde, soll ein Ende haben, und Israel soll wieder gesammelt werden. Jehovah will sich inmitten Seiner zerstreuten Schafe als der liebende, treue Hirte offenbaren (vgl. Jes. 40, 11).

“Und ich werde sie aus den Völkern herausfahren und aus den Ländern sammeln und in ihr Land bringen und werde sie weiden auf den Bergen Israels, in den Schluchten und in allen bewohnten Gegenden des Landes” (Vers 13).

Die Zurückführung Israels nach Kanaan und die Wiederherstellung des Volkes ist die große Hoffnung des gesamten Prophetismus und der Gemeinde Jesu (vgl. Hes. 11, 17; Joh. 11, 52; Apg. 1, 6).

“Auf guter Weide werde ich sie weiden und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Trift sein. Daselbst werden sie lagern auf schöner Trift und werden fette Weide haben auf den Bergen Israels” (Vers 14).

Die Heilsweide auf den grünen Auen (vgl. Ps. 23, 2) wird das Mittel sein zur inneren Gesundung des Volkes. Die gute fette Weide wird auf den Höhen Israels sein, wohl vor allem auf dem Zionsberg, wo Jehovah sich dem Volk offenbart.

“Ich selbst werde meine Schafe weiden und ich werde sie lagern lassen, spricht der Herr, Jehovah” (Vers 15).

Dem Weiden folgt das Lagern, das Zur-Ruhe-Bringen, der selige Genuß des vollen Verheißungssegens.

“Das Verirrte werde ich aufsuchen und das Versprengte werde ich zurückholen, das Verwundete verbinden und das Kranke stärken, aber das Fette und Kräftige werde ich hüten. Ich werde es weiden, wie es sein muß” (Vers 16).

Alle Schafe der Weide Jehovahs sollen so behandelt werden, wie es für jedes einzelne gut und heilsam ist. Es wird keine Gleichmacherei stattfinden, sondern eine persönliche, individuelle Pflege für Schwache und Starke, für Kranke und Gesunde, für Verirrte und Fromme, für Verwundete und Unversehrte. Was die bösen Hirten versäumt und verdorben haben (vgl. Vers 4), das will Jehovah wieder zurechtbringen. Er allein wird das Heil Israels zustande bringen und ausfahren.

Hesekiel 34,17-31 — Christus, der gute Hirte

Jehovah will sich selber Seiner Herde annehmen und sie weiden, wie es sein muß oder wie es recht ist, d. h. nach göttlichem Recht.

Dazu gehört nicht nur liebende Fürsorge für die Schwachen und Hilfsbedürftigen und Bewahrung der Starken, sondern auch ein heilsames Richten zwischen den einzelnen Schafen. “Ihr aber, meine Schafe, so spricht der Herr, Jehovah: Fürwahr, ich will richten zwischen den einzelnen Schafen, zwischen den Widdern und Böcken” (Vers 17). Das Verhältnis unter den einzelnen Schafen muß auch göttlich geordnet werden, wenn die Herde Jehovahs ihre äußere und innere Wiederherstellung erleben soll. Ob die Widder dieselben sind, die vorher Hirten genannt werden, ist hier nicht gesagt. Israel als Herde Jehovahs ist jedoch nicht zu verwechseln mit der großen Völkerherde (vgl. Matth. 25, 32f.). Die Widder und Böcke sind nicht allein diejenigen, die den andern Unrecht getan haben, sondern das Unrecht befindet sich ebensosehr zwischen den Schafen selbst.

“Ist’s euch nicht genug, die beste Weide abzuweiden, daß ihr, was von euerm Weiden übrigbleibt, mit den Füßen zerstampft? Nicht genug, das abgeklärte Wasser zu trinken, daß ihr das Übriggebliebene aufwühlt?” (Vers 18).

Es ist vor allem die rücksichtslose Selbstsucht, die gerichtet werden soll. Jeder nimmt für sich das Beste und denkt nur an sein eigenes Wohl. Doch nicht genug damit, man sucht auch noch den geringen Rest, den man wohl oder übel den andern lassen muß, möglichst zu verderben und ungenießbar zu machen. Wie wenig selbstlose Liebe, die nicht das Ihre sucht, ist doch unter den Schafen der Herde Jehovahs, die der Herr trotzdem “meine Schafe” nennt! Um das zu verstehen, müssen wir uns nur die Augen öffnen lassen über den Schaden, den das Parteiwesen im Reiche Gottes angerichtet hat. Da triumphiert der Egoismus, der nur für sich und seine Richtung Weide und Tränke wünscht und dabei den Rest für die andern mit den Füßen zertritt. Auch dieser Jammer soll einmal aufhören.

“Und so müssen meine Schafe abweiden, was ihr mit euren Füßen zertreten habt, und trinken, was ihr mit euren Füßen aufgewühlt habt” (Vers 19).

Das Schlimmste ist, daß diejenigen, die so handeln, es nicht einmal wissen. Sie halten sich für die Frommen, die Eiferer, die Streiter für die Wahrheit (vgl. Luk. 11, 52).

“Darum spricht der Herr, Jehovah, also zu euch: Fürwahr, da bin ich selbst, um zwischen den fetten Schafen und den mageren Schaf en zu richten” (Vers 20).

Die Sache der Herstellung eines harmonischen Verhältnisses unter den Schafen ist so gewaltig schwer und ernst, daß nur Gott allein dazu imstande ist. Es ist zu beachten, daß dieses Gericht über die Herde Jehovahs stattfinden wird, nachdem Israel gerettet und wieder im Land der Verheißung sein wird. Das gehört mit zu dem Weiden der Schafe (vgl. Vers 15), damit sie endlich eingehen in die Ruhe.

“Weil ihr alle schwachen Tiere mit Seite und Schulter wegdrängtet und mit den Hörnern stießt, bis ihr sie hinausgetrieben hattet, so will ich nun meinen Schafen helfen, daß sie nicht mehr zur Beute werden sollen, und will richten zwischen den einzelnen Schafen” (Verse 21.22).

Die starken, fetten Schafe suchen mit rücksichtsloser Härte die schwachen und mageren Schafe zur Seite zu drängen. Wenn wir die fetten Schafe mit den Führern des Volkes identifizieren (vgl. Verse 2ff.), so wäre das Hinausdrängen ein Bild von der Wegführung des Volkes in die Verbannung. Aber das Wort ist sicher viel allgemeiner und bezieht sich auf das Verhalten der Starken den Schwachen gegenüber (vgl. 1. Kor. 9, 22; Röm. 14, 1; 15, 1; 1. Thess. 5, 14).

“Und ich werde einen einzigen Hirten über sie bestellen, der wird sie weiden, nämlich meinen Knecht David. Der soll sie weiden und der soll ihr Hirte sein” (Vers 23).

Die Wiederherstellung Israels ist eng mit dem Erscheinen des Messias verbunden (vgl. Amos 9, 9; Jer. 23, 3.5), aus dem Samen Davids. Hier wird zu dem bisherigen prophetischen Gesamtbild noch der besondere Zug hinzugefügt, daß der Messias der einzige Hirte der Herde Jehovahs sein soll. Er wird hier David genannt, weil Er ein Nachkomme Davids ist (vgl. 2. Sam. 7, 12ff.; Amos 9, 11; Jes. 9, 6; 11, 1; Jer. 23, 5) und weil Er wie David, der Mann nach dem Herzen Gottes, Sein Volk nach dem Willen Gottes regieren wird. Deshalb nennt Ihn Jehovah auch “mein Knecht”, denn Er ist von Ihm in Sein Amt eingesetzt und tut alles im Auftrag Jehovahs.

Der Knecht Jehovahs ist das bekannte Messiasbild nach Jesaja und zeigt uns Christus als den leidenden und sterbenden Erlöser (vgl. Jes. 42, 1ff.; 49, 1ff.; 52, 13ff.). Der Messias wird einer sein im Gegensatz zu den vielen Hirten Israels, die alle versagt und das Volk nur zerrissen haben. Er wird das Getrennte und Zerstreute wieder in Eins versammeln. Die Einheit Seines Hirtenamtes, faßt alle bisher getrennten Hirtenämter Israels in Seiner Person zusammen, Er ist zugleich König, Priester und Prophet.

“Und ich, Jehovah, will ihr Gott sein, und mein Knecht David wird Fürst in ihrer Mitte sein. Ich, Jehovah, habe es geredet” (Vers 24).

Dem David will Jehovah Vater sein (vgl. 2. Sam. 7, 14), und so will Er dem Volke ihr Gott sein durch den Messiasmittler, den Fürsten in ihrer Mitte. Durch das Regiment dieses David wird Jehovah in Wahrheit der Gott Seines Volkes Israel werden, die Theokratie ihrem tiefsten Wesen nach wieder hergestellt werden. Dieses Ziel ist die Aufgabe des Messias, des guten Hirten.

“Und ich werde einen Friedensbund mit ihnen schließen und werde die reißenden Tiere aus dem Lande wegschaffen, daß sie ruhig in der Wüste wohnen und in den Wäldern schlafen können” (Vers 25).

Die Herrschaft des Messias wird für das wiederhergestellte Israel nur Heil bedeuten, das im Friedensbund Jehovahs seine Grundlage hat (vgl. Jes. 55, 3; 54, 10).

Der Friedens- oder Heilsbund bedeutet Glückseligkeit und Segen für das Volk. Alle schädlichen Einflüsse und bösen Elemente, wie böse, reißende Tiere, werden ausgeschaltet sein. Das ganze Land wird sicher sein, so daß man in der Wildnis, in der Wüste wohnen, in den Wäldern schlafen kann (vgl. 3. Mose 26, 6; Hos. 2, 20).

Paradiesische Zustände werden wiederkehren.

“Und ich werde sie und was rings um meinen Hügel her ist, zu Segensträgern machen und werde den Gußregen zu seiner Zeit hinabsenden. Das sollen segenspendende Güsse sein” (Vers 26).

Das Land soll durch reichlichen Regen, für Palästina von größter Wichtigkeit, in höchstem Maß gesegnet und zu üppiger Fruchtbarkeit gebracht werden. Der überströmende Segen konzentriert sich um den Tempelberg. Das Land und die Bewohner sollen nicht nur selber die Fülle göttlichen Segens genießen, sondern wiederum Segensträger für die ganze Völkerwelt sein.

“Und die Bäume auf dem Felde werden ihre Frucht geben, und das Land wird seinen Ertrag geben, und sie werden sicher auf ihrem Boden wohnen und werden erkennen, daß ich Jehovah bin, wenn ich die Stangen ihres Jochs zerbreche und sie aus der Gewalt derer errette, die sie knechteten” (Vers 27).

Das messianische Glück wird unter dem Bilde großer Fruchtbarkeit und ungestörter Lebensfreude geschildert. Erst dann, im Genuß des vollen Heils, wird Israel recht zur Erkenntnis Jehovahs gelangen. Was kein Gesetz, keine Erziehung, kein Gericht zustande gebracht hat, das wird das messianische Heil in Christo bewirken. Das volle Verständnis der Erlösung ist ein nachträgliches. Die Befreiung aus der babylonischen Knechtschaft wird erst dann recht verstanden und gewürdigt werden (vgl. Joh. 8, 36).

“Und sie sollen fortan nicht mehr eine Beute sein für die Völker, noch soll das Getier des Landes sie fressen, sondern sie sollen sicher wohnen, ohne daß sie jemand aufschreckt. Und ich werde ihnen eine wohlbestellte Pflanzung erstehen lassen, und es soll fortan niemand mehr im Lande geben, der von Hunger dahingerafft würde, und den Hohn der Völker werden sie nicht länger zu ertragen haben” (Verse 28.29).

Eine Wiederkehr des Gerichts ist dann nicht mehr zu befürchten, nachdem der Zorn Jehovahs ein für allemal vollendet ist. Der Heilszustand soll ungestört und ungetrübt bleiben wie eine wohlbestellte Pflanzung, für das gerettete Volk die passende, angemessene Weide.

“Und sie sollen erkennen, daß ich, Jehovah, ihr Gott, mit ihnen bin, und daß sie, das Haus Israel, mein Volk sind, spricht der Herr, Jehovah” (Vers 30).

Durch das erneuerte Israel sollen auch die Völker zur Erkenntnis Jehovahs kommen. Die Geschichte Israels ist der großartigste Anschauungsunterricht für die Welt, um die Heilsgedanken Gottes zu offenbaren.

“Ihr aber seid meine Schafe, die Schafe meiner Weide seid ihr. Menschen seid ihr und ich bin euer Gott, spricht der Herr, Jehovah” (Vers 31). Dann wird die ganze Menschheit die Herde Gottes sein, Schafe Seiner Weide und Er ihr Gott. Das ist das letzte Ziel der Regierungswege Gottes mit den Menschen: Die Wiederherstellung des verlorenen Paradieses mit einer wiederhergestellten Menschheit als Herde Gottes, eine Herde unter einem Hirten, und Israel ist der Segensvermittler für die Völkerwelt.

Hesekiel 35, 1-15 — Edom, der Feind der Herde Jehovahs, gerichtet

Die Gerichtsweissagung über Edom ist mitten in den Heilsweissagungen für Israel einigermaßen auffallend, nachdem die Gerichtsweissagungen über die Völker im allgemeinen mit Kapitel 32 abgeschlossen und das Gericht Edoms insbesondere bereits in Kapitel 25, 12-14 verkündigt worden ist. Daß also noch einmal so ausführlich das Gericht über Edom geweissagt wird, muß einen besonderen Grund haben. In Kapitel 34 hatte der Prophet die Wiederherstellung Israels im Lande der Väter angekündigt. Nun aber hatten gleich nach der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung des Volkes in die Verbannung nach Babel die Edomiter weite Gebiete des entvölkerten Juda sich angeeignet. So wurde Edom der Hauptwidersacher Israels, der Erzfeind des Volkes Gottes, und der Haupthinderer von Israels Wiederherstellung. Die Weissagung von der schließlichen Überwindung und Beseitigung dieses antigöttlichen Gegners gehört deshalb wohl in die Reihe der Heilsweissagungen über Israel, zumal in Kapitel 34, 29 verheißen wird, daß das gerettete Israel den Hohn der Völker nicht länger zu ertragen haben wird.

“Und es erging das Wort Jehovahs an mich folgendermaßen: Menschensohn, richte dein Angesicht gegen das Gebirge Seir, weissage über es und sprich zu ihm” (Verse 1.2).

Edom hat sich schwer an Juda versündigt. Ein tiefer, unauslöschlicher Haß gegen das Brudervolk war für Edom charakteristisch. Es hatte, als Juda zusammenbrach, Blutschuld auf sich geladen und sich des Landes bemächtigt. Zum Trost und zur Glaubensstärkung für den gebeugten Überrest Israels wird der Untergang dieses Erzfeindes hier vorhergesagt.

“So spricht der Herr, Jehovah: Fürwahr, ich will an dich, Gebirge Seir, und will meine Hand wider dich ausstrecken und dich zu einer Wüstenei und Wüste machen. Deine Städte will ich in Trümmer legen und du sollst selbst zur Wüste werden, damit du erkennst, daß ich Jehovah bin” (Verse 3.4).

Dieses Gericht ist Edom schon längst wiederholt geweissagt worden (vgl. Jes. 34; Jer. 49, 7ff.; Obadja), und hier wird es nur in Erinnerung gebracht, weil Edom sich scheinbar gar nicht darum kümmerte, sondern durch sein Vorgehen die Weissagung Lügen zu strafen schien.

“Weil du unaufhörliche Feindschaft hegtest und die Israeliten zu der Zeit ihres Unheils, zur Zeit der Büßung der Endverschuldung dem Schwerte überliefertest, darum, so wahr ich lebe, spricht der Herr, Jehovah, bluten will ich dich machen, und Blut soll dich verfolgen. Weil du Blutvergießen nicht verabscheut hast, soll Blut dich verfolgen” (Verse 5.6). Unaufhörlicher Bruderhaß war die Schuld Edoms gegen Israel (vgl. Psalm 137, 7). Edom hat so von Anfang der Geschichte Israels dem Volke Gottes widerstanden: Esau dem Jakob (vgl. 1. Mose 27, 41), die Edomiter dem Volk Israel auf dem Zug nach Kanaan (vgl. 4. Mose 20, 14ff.), zu Davids und der Könige Zeit (vgl. 2. Sam. 8, 11ff.; 1. Kön. 11, 14ff.; 22, 48; 2. Kön. 8, 20ff.; 14, 7. 22; 16, 6). Besonders gehässig war jedoch ihr Verhalten bei der Zerstörung Jerusalems. Sie nahmen als Feinde daran teil und schlugen die flüchtenden Judäer nieder (vgl. Obadja 11-14; Mal. 1, 3; Klag. 4, 21; Ps. 37, 7). Weil Edom sich dadurch eine ungeheure Blutschuld aufgeladen hat, soll es durch Blutvergießen gestraft werden.

“Und ich will das Gebirge Seir zu einer Wüstenei und Wüste machen und aus ihm hinwegtilgen, was da kommt und geht. Und ich will seine Berge mit Erschlagenen füllen. Auf deinen Hügeln, in deinen Tälern und in allen deinen Schluchten werden vom Schwert Erschlagene hinsinken. Zu Wüsteneien für immer will ich dich machen, und deine Städte sollen unbewohnt sein, damit ihr erkennt, daß ich Jehovah bin” (Verse 7-9).

Edom muß dasselbe Gericht erleiden, welches Israel durch seine Mithilfe bereitet worden ist, doch mit dem Unterschied, daß Volk und Land als solche nicht wiederhergestellt werden sollen wie Israel. Das Ziel des Gerichts ist jedoch nicht totale Vernichtung, sondern Erkenntnis Jehovahs durch den Überrest. Durch das Gericht soll Edom die Macht Jehovahs kennenlernen und sich unter dieselbe beugen.

“Weil du sprachst: Die beiden Völker und die beiden Länder sollen mein werden, und wir wollen sie in Besitz nehmen — darum, so wahr ich lebe, spricht der Herr, Jehovah, gemäß dem Zorn und dem Eifer, mit dem du infolge deines Hasses gegen sie verfuhrst, werde ich auch verfahren und werde mich dir zu spüren geben, wenn ich dich richten werde” (Verse 10.11).

In frecher Auflehnung gegen Jehovah hatte Edom sich vermessen, Israel und Juda in Besitz zu nehmen, also sich das Eigentum Jehovahs anzueignen. Die Mißachtung und der Haß gegen das Volk Jehovahs war Mißachtung und Haß gegen Jehovah selbst. Nach dem Wiedervergeltungsrecht sollte nun Edom genauso behandelt werden im Gericht, wie es Israel behandelt hat. Da wird Edom die Macht und Heiligkeit Jehovahs zu spüren bekommen.

“Damit du erkennest, daß ich Jehovah bin. Ich habe wohl alle deine Lästerungen gehört, die du wider die Berge Israels ausgesprochen hast, indem du sagtest: wüste liegen sie; uns sind sie zum Schmause gegeben” (Verse 12).

Nach Ansicht der Heiden, also auch der Edomiter, war der Gott eines Volkes unlösbar mit Volk und Land verbunden. Erlitt nun ein Volk eine solche Niederlage wie Israel, so schloß man auf die Ohnmacht des betreffenden Volksgottes. Edom lästerte Jehovah und verhöhnte Seine Ohnmacht, daß Er Sein Volk nicht habe erretten können. Demgegenüber wollte Jehovah Seine Macht offenbaren und im Gericht an Edom beweisen, daß Sein Gericht an Israel keineswegs Ohnmacht war, sondern Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit manifestiert hat.

“Und ihr tatet groß gegen mich mit eurem Maul und häuftet wider mich eure Reden auf — und ich habe es wohl gehört” (Vers 13). In seinem maßlosen Hochmut führte Edom großtuerische Reden gegen Israel und Jehovah, als könnten sie sich mit Leichtigkeit über die Tatsache hinwegsetzen, daß Jehovah Israels Gott war. Er war ihnen .nicht mehr als irgendein unbedeutender Nationalgott irgendeines geringen heidnischen Volkes. Solcher Großtuerei gegenüber will Jehovah Seine Macht und Größe im Gericht offenbaren.

“So spricht der Herr, Jehovah: Wie du dich freutest über mein Land, daß es wüste lag, so werde ich dir’s widerfahren lassen. Wie du dich freutest über den Erbbesitz des Hauses Israel, weil er wüste lag, so werde ich es dir widerfahren lassen. Eine Wüste sollst du werden, du Gebirge Seir, und ganz Edom insgesamt, damit sie erkennen, daß ich Jehovah bin” (Verse 14.15).

Die Schadenfreude Edoms beim Gericht über Jerusalem wird damit bestraft, daß es ihm im Gericht ebenso ergehen soll. Dieses strenge Wiedervergeltungsrecht will Gott im Gericht nicht üben bloß um Seiner selbst willen, sondern aus pädagogischen Gründen. Dadurch soll Edom zur Erkenntnis Jehovahs und also zum Heil geführt werden. Über die Erfüllung vergleiche Hesekiel 25, 12-14. Israels Erbe fiel keineswegs Edom zum Fraße, sondern Edom wurde Israel völlig einverleibt.

Hesekiel 36, 1-15 — Kanaan, das wiederhergestellte Erbe Israels

Nachdem der alte Erbfeind und Hinderer Edom beseitigt worden ist, ist das Land Kanaan für das zurückkehrende Israel frei und kann nunmehr zu einer für das erlöste Volk passenden Wohnstätte eingerichtet werden. In Hesekiel 6 ist den Bergen Israels das Gericht der Verödung verkündigt worden, jetzt kommt die große Wendung zum Heil. Ist Israel wiederhergestellt, erneuert, so muß auch das um Israels Verschuldung willen verwüstete Land mit neuem Segen ausgestattet werden, und das neue Israel muß dort seinem heiligen Zustand angemessene herrliche Lebensmöglichkeiten vorfinden. Das Land Israel wird herrlicher sein als je zuvor, und nie wird wieder eine Gerichtskatastrophe dieses Glück unterbrechen.

“Du aber, Menschensohn, weissage wider die Berge Israels und sprich: Ihr Berge Israels, vernehmt das Wort Jehovahs” (Vers 1). Die Berge Israels sind nicht nur die Punkte, die dem Seher zuerst ins Auge fallen, sondern für das religiöse Leben Israels von besonderer Bedeutung. “So spricht der Herr, Jehovah: Weil der Feind über euch gerufen hat: Ha! Die ewigen Höhen! Uns ist es zum Besitztum geworden!” (Vers 2). Der Feind ist Edom (vgl. Kap. 35, 12). Er hatte geglaubt, die Berge und das Land Israels sich als Besitz aneignen zu können. Dabei hat er höhnisch und verächtlich über die ewigen Höhen Israels gespottet. Aber auch die Heidenvölker ringsum (vgl. Vers 5) machten es wie Edom und fielen über die Beute Judas her (vgl. Kap. 25, 3.8.12).

Die ewigen Höhen, das ganze höhenreiche Land Palästinas mit seinen vielen Terrassen, sind die uralten Offenbarungsstätten Gottes und Segensstätten Israels (vgl. 1. Mose 49, 26; 5. Mose 33, 15). Vor allem ist der Tempelberg und die Königsburg Zion gemeint. Der Hohn der Feinde traf also in empfindlichster Weise die Religion Israels und war eine beleidigende Herausforderung Jehovahs.

“Darum weissage und sprich: So spricht der Herr, Jehovah: Dieweil, ja dieweil man euch verwüstete und ringsum nach euch gierte, daß ihr ein Besitz für die übrigen Völker würdet, und weil ihr ins Gerede der Zungen und die üble Nachrede der Leute kamt, darum, ihr Berge Israels, vernehmt das Wort Jehovahs! So spricht der Herr, Jehovah, zu den Bergen und zu den Hügeln, zu den Schluchten und zu den Talgründen, zu den öden Trümmern und zu den verlassenen Städten, die zur Beute geworden sind und zum Gespött für die übrigen Völker ringsum” (Verse 3.4).

Jehovah läßt solche Mißachtung Seines Namens nicht ungestraft, Er läßt sich nicht spotten. Das Land Israels, das zum Gespött der Völker geworden ist, soll getröstet werden. Das Gerede der Zungen und die üble Nachrede der Leute war die Behauptung, Jehovah, der Gott des Landes, sei zu schwach, Sein Land zu verteidigen. Auf solche Herausforderung wird Jehovah zu antworten wissen.

“Darum spricht der Herr, Jehovah, also: Wahrlich, im Feuer meines Eifers habe ich zu den übrigen Völkern und zu ganz Edom geredet, die sich mein Land zum Besitztum ersehen haben mit wahrer Herzensfreude und gründlicher Verachtung, daß sie die Bewohner daraus vertreiben, um es dann auszuplündern” (Vers 5).

Jehovah hat über diese Völker, die sich so schadenfroh und gehässig betragen, bereits das Gericht verkündigen lassen (vgl. Kap. 25-35). Da, wo man dergestalt die Ehre Jehovahs angreift, antwortet Er im Feuer Seines Eifers.

“Darum weissage über das Land Israel und sprich zu den Bergen und zu den Hügeln, zu den Schluchten und Talgründen: So spricht der Herr, Jehovah: Fürwahr, in meinem Eifer und in meinem Grimm habe ich geredet, weil ihr den Hohn der Völker ertragen mußtet. Darum spricht der Herr, Jehovah, also: Ich erhebe meine Hand und schwöre: Wahrlich, die Völker, die rings um euch her sind, die sollen euern Hohn zu tragen haben” (Verse 6.7).

Gerade weil sie sich über das Unglück Israels gefreut und Jehovahs Volk verhöhnt haben, so sollen sie in gleicher Weise den Spott an sich selber erdulden, wie sie ihn Palästina angetan haben, indem ihr Land verödet und ihre Städte zu Trümmerhaufen werden (vgl. Kap. 35, 7.15). So wird ein strenges Wiedervergeltungsrecht an ihnen vollzogen werden.

“Ihr aber, ihr Berge Israels, laßt euer Laub sprossen und tragt eure Frucht für mein Volk Israel; denn bald werden sie heimkehren” (Vers 8).

Die Berge Israels sollen sich für die baldige Heimkehr des Volkes bereit machen. Sie sollen wieder grünen und Frucht tragen. Der Prophet konnte seine Exilsgemeinde schon trösten mit dem Gedanken an eine baldige Beendigung der Verbannung und Heimkehr nach Kanaan. Von den siebzig Jahren des Exils waren bereits zwanzig verflossen. Nur noch fünfzig Jahre war keine allzu lange Frist mehr.

Die Erfüllung weist jedoch in die messianische Heilszukunft hinein, wobei kalendermäßige, zeitliche Maßstäbe ganz wegfallen.

“Denn fürwahr, ich werde zu euch kommen und mich zu euch wenden, und ihr werdet bestellt und besät werden” (Vers 9). Das so lange wüst gelegene Land soll wieder bebaut werden. Durch wen das geschehen soll, wird in den folgenden Versen ausgeführt.

“Und ich will die Menschen auf euch zahlreich machen — das ganze Haus Israel insgesamt — und die Städte werden bewohnt und die Trümmer wieder aufgebaut werden. Und ich will Menschen und Vieh auf euch mehren, und sie sollen sich mehren und fruchtbar sein. Und ich werde euch bewohnt sein lassen, wie in euren vergangenen Zeiten, und werde euch Gutes erweisen, mehr als in euren vergangenen Zeiten, damit ihr erkennet, daß ich Jehovah bin” (Verse 10.11).

Das Land soll wieder bevölkert werden. Das ganze Haus Israel insgesamt kehrt nach Kanaan zurück. Wie groß der Umfang dieser Menschenmenge sein wird, lassen die Worte hier nur ahnen. Jedenfalls werden außer Juda auch die zehn Stämme wiederkehren. Der Prophet sieht hier die nähere und fernere Zukunft in einem Bild. Der zukünftige Segenszustand Palästinas wird glänzender sein als die höchsten Blütezeiten der Vergangenheit, selbst als die Glanzperiode Salomos. Aus diesem großen Segen wird das glückliche Volk die Treue und Liebe Jehovahs erkennen. Die Berge Israels werden dann wieder herrliche Zeugen der Macht und Größe Jehovahs sein für alle Welt.

“Und ich werde Menschen auf euch wandeln lassen, nämlich mein Volk Israel. Die sollen dich in Besitz nehmen, daß du ihnen als Erbe gehörst, und du wirst sie fortan nicht mehr ihrer Kinder berauben” (Vers 12).

Einst waren die Berge und Höhen Israels Stätten greulichen Götzendienstes und die Zeugen der Verschuldung Israels, wodurch das Volk dem Gericht verfallen und kinderlos geworden ist. Nun aber sollen diese Höhen belebt werden von glücklichen Menschen, welche von Jehovah gesegnet werden.

“So spricht der Herr, Jehovah: Weil man zu euch sprach: Eine Menschenfresserin warst du und pflegtest dein Volk seiner Kinder zu berauben, darum sollst du fortan nicht mehr Menschen fressen, noch dein eigenes Volk seiner Kinder berauben, spricht der Herr, Jehovah” (Verse 13.14).

Die Sünde des Volkes war die Ursache des göttlichen Strafgerichtes über das Land. Der Hohn der Heiden, die diese Ursache nicht kannten oder nicht kennen wollten, machte daraus eine verächtliche Charakteristik des Landes, als ob das Land daran schuld sei, daß seine Bewohner verschlungen würden (vgl. 4. Mose 13, 32). In Zukunft sollen die umwohnenden Heidenvölker Palästina nicht mehr verhöhnen, als sei es ein Unglück, daselbst zu wohnen. Nie mehr soll das Land seine Kinder fressen, weil die Ursache, die Sünde des Volkes, dann für immer beseitigt sein wird.

“Und ich will dich fortan nicht mehr den Hohn der Völker anhören lassen, und das Schmähen der Nationen sollst du nicht mehr zu tragen haben und sollst dein Volk nicht mehr seiner Kinder berauben, spricht der Herr, Jehovah” (Vers 15). Das wird sein in der messianischen Zukunft. Dann wird Israel nie mehr straucheln, und also das Land nie wieder von einer Gerichtskatastrophe heimgesucht werden. Nach der Beendigung des babylonischen Exils und dem Wiederaufbau des Heiligen Landes sind noch viele, zum Teil weit schwerere Gerichte über Israel und Palästina hereingebrochen, z. B. die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. Eine wörtliche Erfüllung ist jedoch bestimmt zu erwarten und steht noch aus.

Hesekiel 36, 16-24 — Um meines Namens willen

Der Prophet kommt zum Kernpunkt seiner Heilsweissagungen. Es handelt sich bei der Wiederherstellung Israels nicht nur um ein Äußeres, um die Sammlung und Zurückführung von ganz Israel insgemein ins Heimatland und die Umgestaltung dieses bisher durch das Gericht verödeten Erbes Israels in eine mit besonderen Segnungen ausgestattete Wohnstätte eines glücklichen Gottesvolkes, sondern vor allem um eine innere Erneuerung, wie sie bereits in Kapitel 11, 17-20 angekündigt und überhaupt durch die Herrlichkeitsvision vom göttlichen Thron prinzipiell begründet worden ist. Der Nachdruck wird darauf gelegt, daß diese Veränderung nicht das Resultat eigener Bemühungen und Willensentscheidungen, sondern einzig das Werk der göttlichen Gnade ist. Über das ganze alte Israel, einschließlich das religiöse, fromme, für die Wahrheit eifernde Israel, hat das Gericht ein vernichtendes Urteil gefällt. Was Gott in Seiner absoluten Gnade schaffen will, ist etwas ganz Neues, außerhalb aller menschlichen Möglichkeiten Liegendes.

“Und es erging das Wort Jehovahs an mich folgendermaßen: Menschensohn, als das Haus Israel noch in seinem Lande wohnte, da verunreinigten sie es durch ihren Wandel und durch ihre schlimmen Taten. Wie die Unreinigkeit eines Weibes, die ihren Blutgang hat, war ihr Wandel vor mir” (Verse 16.17).

Ein Rückblick auf die Geschichte Israels bestätigt die völlige Verderbtheit des ganzen Volkes, und daß Israel wegen seiner Unreinheit des Landes verlustig gehen mußte (vgl. 3. Mose 18, 24ff.; 4. Mose 35, 33f.; Jer. 2, 7). Der Vergleich mit dem unreinen Weibe soll besonders auf die Blutschuld Israels hinweisen.

“Und ich schüttete meinen Grimm über sie aus wegen des Blutes, das sie im Lande vergossen, und daß sie es durch ihre Götzen verunreinigt hatten” (Vers 18).

In Blutvergießen und Abgötterei gipfelte die Sünde Israels, in Verschuldung gegen den Nächsten und gegen Gott. Die notwendige Folge dieses bösen Weges war das Gericht.

“Und ich zerstreute sie unter die Völker, und sie wurden versprengt in die Länder. Gemäß ihrem bösen Wandel und ihren bösen Taten richtete ich sie” (Vers 19).

Dieser kurze Überblick über die Regierungswege Gottes war nötig, um klar nachzuweisen, daß das Heil nur durch ein völlig Neues von seiten Gottes zustande gebracht werden kann. Erst müssen alle menschlichen Möglichkeiten vernichtet worden sein. Für die Exilsgemeinde des Propheten kam noch als besonders niederdrückendes Moment hinzu, daß das Gericht scheinbar alle Heilsverheißungen illusorisch gemacht hatte, und daß die Heiden mit ihrem Spott recht zu haben schienen.

“Und sie kamen zu den Heidenvölkern. Wohin sie kamen, da entweihten sie meinen heiligen Namen, indem man von ihnen sagte: Diese sind das Volk Jehovahs, und doch mußten sie aus Seinem Lande fort” (Vers 20).

Die Entheiligung des Namens Jehovahs unter den Heiden durch die Juden (vgl. Jes. 52, 5; Röm. 2, 24) schien der einzige Erfolg des Gerichts zu sein. Nicht nur durch ihr Tun, sondern auch durch ihr Schicksal entheiligten die Juden den Namen Jehovahs in der Welt.

Dieser Punkt ist in Gottes Augen besonders schwerwiegend, auch für unsere Zeit. Würde das Gericht über Israel das letzte Wort Gottes sein und nicht der schließliche völlige Sieg der Heilsgnade, dann wäre die ganze Heilsgeschichte ein Torso (= Bruchstück, verstümmelt), der innere Sinn derselben zerstört und die Einheit des Geistes unheilbar zerrissen. Dieser Punkt ist ein besonderer Ehrenpunkt für Jehovah. Die Völker mußten aus dem Schicksal Israels auf die Ohnmacht seines Gottes schließen (vgl. Hes. 20, 9), und dadurch wurde Jehovahs Ehre in den Staub gezogen. Selbst ein ehrliches Schuldbekenntnis hätte diesen Eindruck nicht verwischen können. Der endgültige Untergang eines Volkes mußte zugleich die endgültige Niederlage des Gottes dieses Volkes bedeuten. Das ist einfache, menschliche Logik. Jehovah kann nun nicht zugeben, daß Sein heiliger Name so entheiligt werde.

“Da tat es mir leid um meinen heiligen Namen, den sie, das Haus Israel, unter den Völkern entweihten, überall, wohin sie kamen. Darum sprich zum Hause Israel: So spricht der Herr, Jehovah: Nicht euretwegen schreite ich ein, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr entweiht habt unter den Völkern, überall, wohin ihr kamet. Und ich werde meinen großen Namen heiligen, der unter den Heiden entweiht ward, den ihr unter ihnen entweiht habt, damit die Völker erkennen, daß ich Jehovah bin, spricht der Herr, Jehovah, wenn ich mich vor ihren Augen heilig an euch erweisen werde” (Verse 21-23).

Der Rückblick auf die Vergangenheit und der Blick auf die Gegenwart sollte alle menschlichen Möglichkeiten vollständig zerstören. Der Mensch ist nicht nur unfähig, sondern auch unwert. Diese Tatsache muß erst in ihrem ganzen Umfang begriffen und anerkannt werden, ehe das Verständnis für die absolute Gnade aufdämmern kann.

Gott greift ein um Seines heiligen Namens willen. Wer sich noch darüber ärgern kann und Gott Egoismus vorwirft, ist noch gebunden an sein eigenes, verkehrtes Ich. Gott allein kann und darf sagen: “Ich bin”, und das Heil kann sich nur auf Gottes Freiheit und Alleinmacht gründen. Weil Gott Seinen großen, herrlichen Namen heiligen will, deshalb rettet Er die Menschen und macht aus ihnen Gefäße Seines Erbarmens. Gott ist uns nichts schuldig, und wir haben von Ihm nichts zu verlangen. Dem frommen Ichmenschen ist diese Lehre allerdings unausstehlich und ärgerlich. Auch durch unsere Willensentscheidungen, wie Bekehrung, Glauben, Heiligung, haben wir nichts zu verlangen und vor anderen voraus (vgl. Eph. 2, 8f.), sonst hätten wir ja eigenen Ruhm. Unser Heil ist die bedingungslose Gnade Gottes. Die Rettung Israels ist im letzten Grunde nur eine Tat der Selbstverherrlichung Jehovahs. So wie Er den Namen Seiner Heiligkeit durch Gerichte offenbart, so erzeigt Er sich heilig an Israel vor den Augen der Völker durch Rettung und Wiederherstellung Israels (vgl. Jes. 48, 11).

Dieses “Um meines Namens willen” war eine harte Nuß für Hesekiels Zeitgenossen. Gott zerschlug dadurch auch rein alles, woran der religiöse Mensch sich festklammert, und was seinem Selbstbewußtsein und seiner Selbstachtung noch irgendwie Halt verleihen konnte. Wie tief ist doch so ein völliges Zerbrechen! Es ist der große Sterbensweg, den alle Propheten verkündigen, und der durch das Kreuz Christi Tatsache geworden ist. Soll Gott etwas ganz Neues wirken, dann muß das Alte ganz in den Tod. Wem dies keine fromme Phrase mehr ist, sondern Erfahrung, der begreift auch den Weg Gottes mit Israel (vgl. 5. Mose 9, 6; Jos. 7, 9; Mal. 1, 11).

Vor den Augen der Heiden ist durch Israels Tun und Geschick der Name Jehovahs entheiligt worden. Vor den Augen der Heiden soll er nun geheiligt werden durch Israels Rettung und Heil. “Und ich werde euch aus den Völkern hinwegholen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen” (Vers 24). Durch diesen großartigen Machtbeweis Jehovahs sollte mit einem Schlag alles lästerliche Reden der Heiden von der Ohnmacht Jehovahs Lügen gestraft und ein neuer Abschnitt der Offenbarungsgeschichte eröffnet werden, die Demonstration der Heilsgedanken Gottes durch die Wiederherstellung Israels (vgl. Hes. 20, 41).

Israels Heil eine Neuschöpfung Gottes

Nachdem jeder menschlichen Möglichkeit der Boden völlig entzogen worden ist, wird die wirksame Gnade Gottes offenbar. Israels Unfähigkeit sowohl als auch Unwert ist durch das Wort des Propheten unzweideutig nachgewiesen worden. Das einzige Motiv des Handelns Gottes in Gnade liegt in Gott selber, im Erbarmen um Seines heiligen Namens willen (vgl. Hes. 36, 21). So ist die Voraussetzung der Herzenserneuerung der Bankrott des Menschen, vor allem in seiner eigenen Frömmigkeit; nicht nur Sündenerkenntnis und die Überzeugung von der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, sondern Einsicht und Erfahrung von der eigenen Unfähigkeit, irgend etwas zum Heil beitragen zu können, und von dem eigenen Unwert, so daß zum Eingreifen Gottes zum Heil in uns gar keine Veranlassung vorliegt, weder unsere eigene Gerechtigkeit, noch unser großes Elend. Auf den Trümmern menschlichen Könnens und Ringens baut Gott etwas ganz Neues auf, aus dem Tode bringt Er das Leben hervor, eine neue Schöpfung. An diesem Punkt knüpft Jesus Seine Lehre vom Heil oder Reich Gottes an (in Johannes 3), indem Er von der neuen Geburt aus Wasser und Geist spricht.

Bis zu diesem Punkt gelangte der Prophetismus, ohne jedoch imstande zu sein, dieses Wunder zu erleben. Es ist eine Verheißung für die messianische Heilszukunft, zu deren Verwirklichung Christus erscheinen mußte. Ein Schriftgelehrter wie Nikodemus hätte das wissen und die Erfüllung der Weissagung durch den verheißenen Messias mit Sehnsucht erwarten müssen, anstatt sich mit der unmöglichen Aufgabe abzumühen, es selber durch eigene Anstrengungen und Frömmigkeitsübungen schaffen zu wollen. Christus mußte für ihn das fehlende Glied in der Kette der Heilsweissagungen sein. Hätte er etwas gewußt von dem großen Sterben, von dem Bankrott des eigenen Ich, und vom Glauben an die absolute Gnade Gottes, sein Herz hätte Christus sofort mit Freuden aufgenommen. Er hätte in Jesus mehr als einen Lehrer, von Gott gekommen, erkannt. Er hätte in Ihm den Erfüller von Gesetz und Propheten gefunden, den, von dem die ganzen heiligen Schriften zeugen.

Die neue Geburt ist eine Geburt aus Wasser und Geist. Ohne Zweifel hat Jesus in Seiner Unterredung mit Nikodemus Bezug genommen auf Hesekiel 36, 25 ff. Dabei ist zu beachten, daß es sich in Hesekiel 36 nicht um eine Einzelwiedergeburt handelt, sondern um die Wiedergeburt des Volkes. Was Gott verheißen hat, an Israel zu tun, das will Er an ganz Israel insgesamt tun (vgl. Hes. 36, 10). Diese Wiedergeburt geschieht durch Reinigung, durch Besprengung mit reinem Wasser und durch Verleihung eines neuen Herzens* oder Lebenszentrums und die Eingebung eines neuen Geistes oder Lebensprinzips.

So wird ein ganz neues Leben geschaffen, so daß alles neu wird von innen und außen. Diese Neuschöpfung geschieht genauso wie die Urschöpfung Gottes (vgl. 1. Mose 1, 2) durch Vermittlung des Wortes.

Wird in Hesekiel 36 die Qualität dieses Wirkens geschildert, so gibt uns Hesekiel 37 einen Generalüberblick über die Quantität oder den Umfang der Neuschöpfung Israels. Die Frage, was alles durch “ganz Israel insgesamt” umschlossen wird, war für die Exilsgemeinde Hesekiels brennend geworden. Sollte es nur der geringe Überrest sein? Was wurde dann aus der großen Masse der andern? Was wurde aus den beinahe verschollenen Zehnstämmen? Sollten all die vergangenen Generationen gar keinen Anteil haben? Was wurde aus den beim Untergang Jerusalems Umgekommenen? Darüber gibt die wunderbare Vision in Kapitel 37 Aufschluß. Die Wiederbelebung der Totengebeine ist nicht zu vergeistigen, wiewohl das Bildliche der Vision festgehalten werden muß.

Im Unterschied von der Herzenserneuerung in Kapitel 36 ist hier von Totenerweckung die Rede und von Wiederherstellung des ganzen Israel, wozu auch die Zehnstämme gehören und alle bereits Verstorbenen. Das neue Israel wird unter Führung des Messias ein wahres Gottesvolk sein, und Gott wird einen ewigen Friedensbund mit ihnen schließen. Von Israel soll dann das Zeugnis Jehovahs unter alle Völker kommen (vgl. Kap. 37, 28). Auch hier wird Gott nur durch große Gerichte Seine Heilsabsichten durchführen. Das Gericht über die Scharen Gogs (Kap. 38 und 39) ist für die Völker das Mittel, sie zur Anerkennung Jehovahs zu bringen und an Israels Heil Gottes Heilsgedanken auch für sie kennenzulernen.

Hesekiel 36, 25-38 — Herzenserneuerung

Alles war dem Überrest Israels zerschlagen worden. Jerusalem war zerstört. Der Tempel lag in Trümmern. Das Erbland war verwüstet. Die letzten Hoffnungen wurden vollends durch die Reden Hesekiels zertrümmert. Das davidische Königtum war zusammengebrochen. Die Hirten des Volkes sollten ihres Amtes entsetzt werden. Alle Anstrengungen zur moralischen Besserung und Erhebung aus dem Elend waren erfolglos, selbst die durch den Eindruck der furchtbaren Gerichtskatastrophe hervorgerufene Beugung und Bußstimmung brachte keine wirkliche Herzensbekehrung zustande. Die vollständige Ohnmacht und der gänzliche Unwert Israels war offenbar geworden. Aber nun war auch der Boden zubereitet für die Heilsbotschaft, daß Gott etwas ganz Neues schaffen wolle, etwas, was nur Gott allein bewirken kann, eine Neuschöpfung. Was der Prophet jetzt zu verkündigen hat, ist dasselbe, was Jesus dem Nikodemus gesagt, die Botschaft von der Geburt aus Wasser und Geist.

“Und ich werde reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von allen euren Unreinigkeiten, und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen” (Vers 25).

Das in sein Land zurückgeführte Israel soll als Gottesvolk durch die Wasserbesprengung gereinigt und geweiht werden. Solche Reinigungszeremonien kannte man im alten Bunde verschiedene (vgl. 3. Mose 15, 19ff.; 4. Mose 19). Alle diese Waschungen und Besprengungen hatten symbolischen Charakter und sollten die Reinigung von der Sünde und Schuld darstellen. Sie konnten jedoch eine wirkliche Reinigung nicht bewirken. Diese will Gott selber zustande bringen und reines Wasser über Sein Volk sprengen. Das wird eine gründliche Herzensreinigung sein von allen Unreinigkeiten und vom Götzendienst. Es handelt sich nicht nur um Sündenvergebung, sondern um Reinigung von den Sünden und ein Leben der Heiligkeit. Dazu gehört allerdings eine radikale Herzenserneuerung, damit ein neues Lebenszentrum geschaffen wird.

“Und ich werde euch ein neues Herz verleihen und einen neuen Geist in euer Inneres legen und werde das steinerne Herz aus euerm Leibe entfernen und euch ein fleischernes Herz verleihen” (Vers 26).

Was in Kapitel 11, 19 bereits verheißen war, das soll Wirklichkeit werden. Nunmehr ist der Weg gebahnt und ein besseres Verständnis möglich. Das neue Herz und der neue Geist bilden zusammen das neue Lebenszentrum (vgl. Hes. 18, 31), die religiöse Wiedergeburt des Volkes. Das Herz von Stein, das auf die Mahnungen der Propheten nie hatte hören wollen, soll entfernt werden, und statt dessen soll Israel ein fleischernes Herz empfangen, welches das Wort Gottes willig aufnimmt. Der neue Geist ist die neue Gesinnung, die darauf bedacht ist, Gottes Willen zu erfüllen. Dies alles wird ermöglicht durch Mitteilung des Geistes Gottes.

“Und ich werde meinen Geist in euer Inneres legen und schaffen, daß ihr nach meinen Satzungen wandelt und meine Ordnungen beobachtet und danach tut” (Vers 27).

Der Geist Gottes ist das neue Lebensprinzip, die Kraft, die Befähigung, der Motor des Lebens. Der Erfolg wird ein gottwohlgefälliger Wandel in den Satzungen und Ordnungen Jehovahs sein (vgl. Hes. 11, 20). So wird Israel durch die Gnade Gottes geheiligt und mit der Kraft des Heiligen Geistes ausgestattet, die Gebote zu halten.

“So sollt ihr dann wohnen bleiben im Lande, das ich euren Vätern verliehen habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein” (Vers 28).

Es ist also eine wiederhergestellte Theokratie mit ihren verheißungsmäßigen Segnungen und Vorrechten. Der Glückszustand des Volkes hat seinen Grund in der innigen Lebensgemeinschaft mit Gott und den daraus fließenden Segnungen im Lande Kanaan.

“Und ich werde euch von allen euren Unreinigkeiten befreien und werde dem Getreide rufen und es mehren und werde keine Hungersnot mehr über euch verhängen. Und ich werde die Früchte der Bäume und den Ertrag der Felder mehren, damit ihr nicht noch einmal die Schmach einer Hungersnot unter den Völkern auf euch nehmen müßt” (Verse 29.30).

Eine Wiederherstellung paradiesischer Zustände wird diese Segnung Israels sein. Ausdrücklich wird noch einmal zusammenfassend betont, daß eine Reinigung von allen Unreinigkeiten die Voraussetzung bietet. Eine Wiederkehr der Schmach vor den Heiden durch Gerichte wird dann nicht mehr stattfinden (vgl. Kap. 34, 29).

“Da werdet ihr dann an euren bösen Wandel denken und an eure Werke, die nicht gut waren, und werdet vor euch selbst Ekel empfinden wegen eurer Verschuldung und wegen eurer Greuel” (Vers 31).

Erst dann, wenn Israel die überwältigende Gnade und Liebe Jehovahs erfahren hat, wenn es in der Fülle des Segens den wahren Charakter Jehovahs erkennen wird, dann wird es recht zum Bewußtsein seiner Schuld kommen und Ekel vor sich selber empfinden (vgl. Hes. 20, 43). Dies ist noch etwas anderes als die unter dem Eindruck des Gerichts entstandene Reue (vgl. Hes. 6, 9). Die Reue des verlorenen Sohnes bei den Träbertrögen war eine andere als die, da er am Herzen des Vaters zusammenbrach (vgl. Luk. 15, 17 bis 21).

Diese Lektion lernt man nur im vollen Verständnis der Gnade. Die ganze Abscheulichkeit der Sünde und damit der Ekel vor sich selber kommen erst da zum Bewußtsein. Ja noch mehr, da wird der Mensch erst fähig, theozentrisch zu denken und zu empfinden, zu verstehen, daß sich im letzten Grunde alles nur um die Verherrlichung Gottes dreht und nicht um unser Wohl und Wehe. Auch der Gläubige muß da noch einmal umlernen und erkennen, daß er nur ein unnützer Knecht gewesen ist mit seinem besten Wollen und Tun (vgl. Luk. 17, 10).

“Nicht euretwegen schreite ich ein, spricht der Herr, Jehovah. Das sei euch kund! Schämt euch und errötet über euren Wandel, ihr vom Hause Israel” (Vers 32).

Das ganze Heilswerk geschieht ausschließlich zur Verherrlichung Gottes (vgl. Vers 22; Eph. 1, 12). Nur von diesem Standpunkt aus verstehen wir die rätselhaften Regierungswege Gottes mit den Menschen und Seine letzten Heilsziele. Wir müssen alles Dreinreden wohl unterlassen, und uns bleibt nur übrig, uns zu schämen und zu erröten über unsern Wandel. Israel wird den Völkern diese Wahrheiten praktisch vor Augen führen.

“So spricht der Herr, Jehovah: An dem Tage, da ich euch von allen euren Verunreinigungen reinige, da werde ich die Städte wieder bevölkern, und sollen die Trümmer wieder aufgebaut werden. Und das verödete Land wird bestellt werden, anstatt daß es bisher wüste lag vor den Augen eines jeden, der vorüberzog” (Verse 33.34).

Israel soll ein Zeugnis für Jehovah sein vor den Augen der Völkerwelt. Dazu muß Kanaan, das Erbe Israels, wieder hergestellt und zu einer würdigen Wohnung des Gottesvolkes werden.

“Und man wird sagen: Dieses Land, das verödet war, ist wie der Garten Eden geworden, und die Städte, die in Trümmern lagen, verödet und zerstört waren, sind wohl befestigt und bewohnt. Da werden dann die Völker, die rings um euch übrigbleiben werden, erkennen, daß ich, Jehovah, das Zerstörte wieder gebaut, und das Verödete wieder bepflanzt habe. Ich, Jehovah, habe es geredet und werde es vollführen” (Verse 35. 36).

Aus dem Anschauungsunterricht werden die Völker die Macht und Heiligkeit Jehovahs lernen, nachdem sie auch an sich selber das Gottesgericht erfahren haben. Was Eden war in der Urgeschichte der Menschheit, das wird das Kanaan der messianischen Heilszukunft sein, das Zentrum des Segens für die Völkerwelt.

“So spricht der Herr, Jehovah: Auch darin werde ich mich noch vom Haus Israel erbitten lassen, daß ich es ihnen erweise: Ich will sie zahlreich machen an Menschen, wie eine Herde von Schafen. Wie das Heiligtum von Opferschafen, wie Jerusalem an seinen Festzeiten von Schafen, so sollen die verödeten Städte voll sein von Menschenherden, damit sie erkennen, daß ich Jehovah bin” (Verse 37. 38).

Nachdem die Qualität der Neuschöpfung ausführlich beschrieben worden ist, bleibt noch die Frage nach der Quantität oder dem Umfang derselben zu beantworten. Israel war sehr klein und gering geworden. Wird da das Israel der Heilszeit nicht zahlenmäßig sehr schwach sein? Darauf wird zunächst geantwortet mit einer Verheißung großer Vermehrung (vgl. Kap. 36, 10). Israel soll so zahlreich werden wie die Opferschafe zu den Festzeiten in Jerusalem. Das Wie in dieser Frage wird in Kapitel 37 erörtert.

Hesekiel 37, 1-14 — Auferweckung vom Tode

Dieser Abschnitt hat den Auslegern schon viele Schwierigkeiten bereitet. Weil die Schilderung von Vers 11ff. nicht recht passen will zu der neutestamentlichen Lehre von der Auferstehung, hat man versucht, den ganzen Vorgang in Hesekiel einfach zu vergeistigen. Es soll hier angeblich nicht von der Lehre der Totenauferstehung die Rede sein, wie es die alte Kirche vielfach verstanden hat, sondern von der äußeren Wiederbelebung des geistlich toten Volkes. Abgesehen davon, daß vom Thema der Wiedergeburt bereits in Kapitel 36 ausführlich gesprochen ist, verbietet auch schon der prophetische Realismus eine solche Auslegung. Es ist immer von geschichtlichen Wirklichkeiten die Rede gewesen, von einer wirklichen äußeren und inneren Wiederherstellung Israels. Eine Vergeistigung würde dem Wortlaut geradezu Gewalt antun. Der Zusammenhang gibt es uns klar an die Hand, daß, nachdem von der Qualität der Neuschöpfung Israels ausführlich gehandelt worden ist, nun noch die brennende Frage der Quantität oder des Umfangs der Neuschöpfung erörtert werden soll. In Kapitel 36, 10 wurde in Aussicht gestellt, daß das “ganze Israel insgesamt” an dem verheißenen Heil Anteil haben sollte. Und in Kapitel 37, 11 heißt es wieder von den in der Vision geschauten Totengebeinen, daß sie “das ganze Haus Israel” sind. Für den elenden, geringen Überrest Israels, die zweifelnde Exilsgemeinde des Propheten, war dieser Ausblick ein besonderer Trost (vgl. Vers 12ff.). Wir müssen bei der Auslegung uns davor hüten, von vornherein neutestamentliche Gedanken in den Text hineinzulegen. Die Lehre von der Auferstehung war bei Israel noch ziemlich unentwickelt. Was Hesekiel hier zu sagen hatte, war für seine Zeit schon etwas gewaltig Neues und Großes.

“Es kam über mich die Hand Jehovahs, und Er führte mich hinaus im Geiste Jehovahs und ließ mich Halt machen mitten in der Talebene. Die war voller Gebeine” (Vers 1).

Daß es sich hier um ein bedeutsames Neues handelt, wird schon durch die Einleitung markiert. Der Prophet wird in einen Verzückungszustand versetzt und von Jehovah im Geist in die Talebene hinausgeführt, um dort eine Vision zu empfangen. Ob es dieselbe Talebene war, wo er die erste Vision von der Herrlichkeit Jehovahs empfangen hatte (vgl. Hes. 3, 23), ist nicht gesagt. Wenn die dort in der Vision gescheuten Gebeine identisch wären mit den im Exil befindlichen Juden, dann ist nicht recht zu verstehen, warum der Prophet von dem Wohnplatz derselben in Tel Abib fortgeführt wurde an eine andere Örtlichkeit. Offenbar sollte dieses große, weite Tal ein Bild sein von dem großen Grab des Hauses Israel, in welchem die Gebeine liegen. Von der Mitte des Tales aus konnte der Prophet recht sehen, daß es voll von Gebeinen war.

“Und Er ließ mich rings herum an ihnen vorübergehen. Da lagen ihrer sehr viele auf der Oberfläche der Talebene, die waren ganz verdorrt” (Vers 2).

Eine Besichtigung der Gebeine von allen Seiten gab dem Propheten einen erschütternden Eindruck von ihrer großen Menge und ihrem ganz verdorrten Zustand. Sie müssen sich also seit langer Zeit dort angesammelt haben.

“Und Er sprach zu mir: Menschensohn, werden wohl diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr, Jehovah, Du, weißt es!” (Vers 3)

Es handelt sich hier nicht mehr um die Frage nach der Möglichkeit einer geistlichen Wiederherstellung, einer inneren Herzenserneuerung. Diese Frage ist bereits erschöpfend beantwortet in Kapitel 36. Hier handelt es sich vielmehr wie in Jesaja 26, 19 um die Frage nach dem Umfang der Auferstehung. An der Möglichkeit braucht der Prophet nicht zu zweifeln, denn Totenerweckungen hatten in Israel schon stattgefunden (vgl. 1. Kön. 17, 17ff.; 2. Kön. 4, 18ff.; 13, 21). Aber in all diesen Fällen handelte es sich um Ausnahmen und um die Wiederbelebung soeben Verstorbener. Hier dagegen handelt es sich um eine allgemeine Auferstehung solcher, deren Gebeine schon längst verdorrt waren. Der Prophet bezweifelt es nicht, gibt aber kein klares Ja zur Antwort, sondern sagt nur demütig im Glauben, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist: Herr, Jehovah, Du weißt es (vgl. 1. Mose 18, 14).

“Da sprach Er zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, hört Jehovahs Wort!” (Vers 4). Der Prophet empfängt ein bestimmtes Wort der Weissagung über die Toten Israels. Es sind nicht die Toten im Totenreich, die hier angeredet werden, sondern die Gebeine der Verstorbenen in den Gräbern (vgl. Vers 12), die wieder lebendig gemacht werden sollen. Vers 5:

“So spricht der Herr, Jehovah, zu diesen Gebeinen: Fürwahr, ich will Geist in euch bringen, daß ihr wieder lebendig werden sollt.”

Die Gebeine sollen durch Mitteilung des Geistes Gottes lebendig gemacht werden, ähnlich wie am Anfang der Leib Adams (vgl. 1. Mose 2, 7), doch mit dem Unterschied, daß es bei Erschaffung Adams der Lebensodem ist, der den Erdenkloß zu einer lebendigen Seele macht, während hier die Gebeine durch den Geist belebt werden.

“Und ich will Sehnen auf euch legen und Fleisch auf euch bringen und euch mit Haut überziehen und euch Odem einflößen, daß ihr lebendig werdet, und ihr sollt erkennen, daß ich Jehovah bin” (Vers 6).

Die ganze ausführliche Schilderung des schöpferischen Belebungsaktes zeigt die reale Körperlichkeit oder Leiblichkeit der Wiederbelebten durch Mitteilung von Lebensodem zu neuem persönlichen Leibesleben. Zu beachten ist, daß diese Auferstandenen hernach erst zur Erkenntnis Jehovahs gelangen sollen. Diese Erkenntnis ist geradezu der Zweck der Auferstehung Israels.

“Da weissagte ich, wie mir befohlen war. Und es entstand ein Rauschen, als ich weissagte, und es gab ein Rasseln, und die Gebeine rückten eins ans andere heran” (Vers 7).

Das Signal ist die Stimme Gottes (vgl. Joh. 5, 28), wodurch die Toten erweckt werden. In der Vision wird dies durch das Weissagen des Propheten markiert. Die Wirkung des Wortes war eine gewaltige Bewegung, wodurch ein Rauschen und Rasseln hervorgerufen wurde. Die wirr zerstreut liegenden Gebeine kamen wieder in schönster Ordnung zusammen, so daß es an keinem fehlte. Was je zu einem Leibe gehörte, fand sich harmonisch wieder zusammen.

“Und ich gewahrte, wie Sehnen an sie kamen und Fleisch darüber wuchs und sich Haut darüber spannte. Aber noch war kein Odem in ihnen” (Vers 8).

Vor den Augen des Propheten überzogen sich die Gebeine mit Fleisch und Haut. Doch fehlte den so wiederhergestellten Leibern noch der belebende Odem Gottes.

“Da sprach Er zu mir: Weissage dem Geiste, ja weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Geiste: So spricht der Herr, Jehovah: Von den vier Winden komm herbei, du Geist, und hauche diese Erschlagenen an, daß sie lebendig werden!” (Vers 9).

Das Lebendigmachende ist der Geist (vgl. Röm. 8, 11; 1. Petri 3, 18). Durch Einhauchung dieses Lebensgeistes ward der Mensch zu einer lebendigen Seele (vgl. 1. Mose 2, 7). Das Weissagen zum Geist durch den Propheten soll nicht ein Befehlen sein, sondern darauf hinweisen, daß Gott es durch Seinen Geist tun wird. Das ganze Wiederbelebungswerk ist ausschließlich ein Werk Gottes, eine Neuschöpfung durch Seinen Geist. Von den vier Winden soll der Geist kommen, weil die Leiber nach allen Richtungen hin zerstreut lagen.

Daß hier von Erschlagenen besonders geredet wird, beweist, daß wir es mit wirklich leiblich Toten zu tun haben, mit dem großen Massengrab, in das die beim Gericht über Jerusalem Umgekommenen gesunken sind. Die Frage: Was wird aus diesen Gefallenen? lag den Verbannten in Babel besonders nahe, waren es doch ihre nächsten Angehörigen. Sollten diese alle keinen Anteil haben an der vom Propheten verheißenen herrlichen Heilszukunft Israels? (vgl. 1. Thess. 4, 13).

Aber das Bild beschränkt sich nicht auf diese Erschlagenen, was natürlich im Vordergrund des Interesses lag, sondern bezieht sich auf alle Verstorbenen Israels.

“Als ich nun weissagte, wie Er mir befohlen hatte, da kam der Geist in sie, daß sie lebendig wurden und sich auf ihre Füße stellten — eine überaus große Schar. Und Er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Da gibt es welche, die sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, unsere Hoffnung ist geschwunden: Es ist aus mit uns!” (Verse 10.11).

Die Verbannten in Babel waren trostlos im Blick auf ihre kleine übriggebliebene Zahl. Diese Vision soll sie mit froher Hoffnung erfüllen. Die Gegenwart Israels glich allerdings einem großen Massengrab. Der lebendige kleine Überrest kam dabei kaum in Betracht. Aufs Ganze gesehen, war Israel vernichtet. “Unsere Gebeine sind verdorrt”, d. h. wir sind ja tot, unsere Hoffnung ist geschwunden, es ist aus mit uns. Das Bild von den verdorrten Gebeinen ist auch kein Symbol von den Exulanten in ihrem geistlich toten Zustand, den sie etwa selber beklagen, sondern stellt das ganze Haus Israel dar, das einem großen Massengrab glich. Die Weissagung von der Wiederlebendigmachung aller zu einer überaus großen Schar sollte nun der lebendige Trost sein.

“Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jehovah: Fürwahr, ich will eure Gräber öffnen und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufholen und euch ins Land Israel bringen” (Vers 12).

Da die Exulanten sich solidarisch mit den Erschlagenen erklärt hatten, werden sie auch solidarisch mit den Toten angeredet, als gehörten sie auch schon zu ihnen. Daß es sich um leiblich Tote handelt, beweist das Öffnen der Gräber. Daselbst befinden sich die Leiber der Toten. Sie alle sollen zu neuem Leben erstehen und insgesamt als Volk Jehovahs ins Land Kanaan gebracht werden. Das Herumliegen der Gebeine in der Talebene und das Heraufholen der Toten aus den Gräbern ist kein Widerspruch, sondern eine Deutung der Vision als eines großen Massengrabes.

“Damit ihr erkennt, daß ich Jehovah bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole” (Vers 13).

Die Erkenntnis Jehovahs ist der Zweck der ganzen Heilsgeschichte (vgl. Vers 6).

“Und ich will meinen Geist in euch geben, daß ihr wieder lebendig werden sollt, und ich will euch in euer Land versetzen, und ihr sollt erkennen, dass ich Jehova bin. Ich habe es geredet und werde es vollführen, spricht Jehova“ (Vers 14).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 5-6/1983; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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