Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Versöhnung des Alls in Christum hinein

Autor: Langenberg, Heinrich  |  Kategorie(n): Allversöhnung  |  601 x gelesen

«Denn in Ihm hat die ganze Fülle Wohlgefallen, zu wohnen und durch Ihn zu versöhnen das All in Ihn hinein, indem Er Frieden macht durch das Blut Seines Kreuzes, durch Ihn, sei es das auf der Erde, sei es das in den Himmeln» (Kolosser 1, 19.20)

In Christus wohnt die ganze Fülle Gottes, in die hinein wir auch erfüllt werden sollen (Eph. 3, 19). Was diese Gottesfülle ist — in Kolosser 2, 9 heißt es: Fülle der Gottheit —, das können wir jetzt noch nicht fassen. Fülle (griechisch: plärooma) bezeichnet die reifste Frucht, das höchste Ziel einer Entwicklung, das letzte Ziel eines Werdens. Die Fülle Gottes ist nicht das, was Gott ausfüllt, nämlich der Reichtum Seines Wesens, sondern das Ziel eines Werdens in Gott. Dieses Werden kann nur die Verwirklichung Seiner Heilsgedanken, Seiner Heilsoffenbarung sein.

Diese ganze Gottesfülle wohnt in Christo. Wohnen heißt: eine Behausung haben, sich häuslich niederlassen. In Christo hat die ganze Gottesfülle, die Erfüllung aller Seiner Heilsgedanken die Behausung gefunden, sich häuslich niedergelassen, eine leibliche Gestalt angenommen (Kol. 2, 9), das heißt, sie ist in die Sichtbarkeit, in die Offenbarung eingetreten. Die Behausung ist aber nicht nur eine Stätte der Enthüllung für die Hausbewohner, sondern auch eine Stätte der Verhüllung für Draußenstehende. Die Fülle Gottes, die in Christo wohnt, wird nur der Gemeinde erkennbar.

Wie es das Wohlgefallen des Willens Gottes ist, der Gemeinde die Sohnesstellung durch Christus Jesus zu schenken (Eph. 1, 5), so ist es auch das Wohlgefallen der ganzen Fülle Gottes, in Christus zu wohnen. Das Wohlgefallen ist das innerste Heiligtum des Willens Gottes, und dieses ist erfüllt von Herrlichkeitsplänen für Christus und die Gemeinde. Die heilsgeschichtliche Durchführung dieser Herrlichkeitspläne zeigt Paulus im folgenden Satz:

«… und durch Ihn zu versöhnen das All in Ihn hinein …» (V. 20). Dieser Satz ist noch abhängig vom Vorhergehenden, also: Die ganze Fülle Gottes hat Wohlgefallen, durch Ihn zu versöhnen das All in Ihn hinein. «Diese Stelle foltert die Ausleger und wird wiederum von ihnen gefoltert» (Devenant). Halten wir uns im einfältigen Glauben an das untrügliche Wort, selbst wenn es althergebrachte Meinungen über den Haufen wirft. Es wirkt auf jeden Fall befreiend und erfreuend, wenn wir es in seiner ganzen Tiefe erfassen und uns daran orientieren. Die Lehre von der Allversöhnung ist kein Menschenfündlein, sondern echt paulinisch und sozusagen die Krone seiner christologischen Verkündigung. Sie steht parallel mit der Allerfüllung Gottes in Christo und ist Konsequenz der Allschöpfung in Ihn hinein (V. 16). Ist das All durch Ihn und in Ihn hinein erschaffen, so ist es notwendig, daß das durch Sünde gestörte All versöhnt werde in Ihn hinein. Es ist dasselbe All wie in Vers 16, das All in den Himmeln und auf der Erde. Zu beachten ist hier die umgekehrte Reihenfolge. Die Erde wird vor den Himmeln genannt, wohl weil das Werk der Allversöhnung von der Erde seinen Ausgang nimmt. Es ist sozusagen die aufsteigende Linie. Damit will Paulus wohl sagen, daß sogar das in den Himmeln Befindliche der Versöhnung bedarf. Im Zusammenhang mit der in Kolossä aufgetretenen Irrlehre liegt darin ein Vorwurf für die, die durch den Verkehr mit der Engelwelt eine höhere Heiligung zu erlangen hofften. Inwiefern auch das All in den Himmeln einer Versöhnung bedarf, wird nicht näher erläutert.

Das All soll in Christus hinein versöhnt werden. Dieser Ausdruck ist einzigartig und kommt nur im Kolosserbrief und an dieser Stelle vor. Wenn Paulus sonst von versöhnen spricht, so bringt er es in Beziehung zu Gott (Rom. 5, 10; 2. Kor. 5, 18-20; Eph. 2, 16), hier aber sagt er nicht «mit Gott versöhnt werden», sondern «in Christus hinein». Was meint er damit? Am nächsten kommt wohl die Aussage Römer 11, 15: «Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist …» Durch Israels Fall ist der Kosmos, d. h. die Weltordnung, in Unordnung, in Zwiespalt gekommen. Durch das gerechte Gericht der Verwerfung Israels ist diese Unordnung beseitigt und die Weltordnung wieder ausgesöhnt, in Einklang gebracht mit Gottes Gerechtigkeit und Gottes Heilsplan. So ähnlich verhält es sich mit dem ganzen All. Das All ist durch die Sünde der Menschen und den Fall der Engel aus der Ordnung geraten, und diese Ordnung wird durch die Allversöhnung wiederhergestellt. Es ist damit nicht gesagt, daß alle persönlichen, geschöpflichen Wesen der Versöhnung bedürfen, jedenfalls nicht die Engel, die nie gesündigt haben. Es steht auch der Ausdruck «das All» im Neutrum, um damit anzudeuten, daß hier nicht die einzelnen Wesen gemeint sind, sondern das System des Alls. Es ist deshalb eine müßige Spekulation, wer alles an der Allversöhnung Anteil hat, und ob etwa der Satan mit seinen bösen Engeln auch noch gerettet wird. Das Feuergericht an Satan und seinem Anhang bedeutet ebenso Versöhnung des Allsystems, wie die Verwerfung der Juden die Versöhnung des Kosmos ist. Ob Satan gerettet wird oder nicht, hat mit der Allversöhnung nichts zu tun, und was die Schrift nicht ganz eindeutig und klar ausspricht, dürfen wir auch nicht verkündigen.

Doch was bedeutet es, daß das All in Christus hinein versöhnt werden soll? In Epheser 1, 10 heißt es, daß das All in dem Christus aufgehauptet werden soll. Diese Allaufhauptung in dem Christus ist der Weg oder das Mittel zur Allversöhnung in Christus hinein. Dadurch soll das All sein Schöpfungsziel erreichen, denn die Allschöpfung ist ja durch Christus und in Christus hinein (V. 16), weil Er der Erbe des Alls ist (Hebr. 1, 2) . Diese Allversöhnung harmoniert mit der Weltwiedergeburt (Matth. 19, 28) und ist die weiteste Auswirkung des Kreuzes Jesu Christi.

«Indem Er Frieden macht durch das Blut Seines Kreuzes.» Juden und Heiden hat Christus in einem Leibe mit Gott versöhnt durch das Kreuz (Eph. 2, 16). Das ist in der Gemeinde köstliche Wirklichkeit geworden. Aber die Wirkung der Blutskraft Seines Kreuzes geht noch viel weiter, bis in die Allversöhnung hinein, indem Er Frieden macht im All, d. h. die Allordnung wieder herstellt. Friede ist der unversehrte, vollkommene Heilszustand. Dieser wird erreicht sein, wenn ein neuer Himmel und eine neue Erde in die Erscheinung treten (Off. 21, 1).

«Durch das Blut Seines Kreuzes.» Zur Wiederherstellung der gestörten Allordnung muß die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes völlig befriedigt und das All mit derselben in Einklang gebracht werden. Das ist geschehen durch das Blut des Kreuzes Christi. Ohne Ausgleich der Gerechtigkeit Gottes ist Versöhnung unmöglich. Darum mußte die Sünde der Welt in Jesu Kreuz gerichtet und im Urteil Gottes getilgt werden. Das Ziel der Versöhnung ist die Aufhebung aller Disharmonie, aller Spannung und aller Trennung, die innigste Lebens- und Liebesgemeinschaft. Die letzte Ursache der Versöhnung ist die Liebe Gottes, die in der Dahingabe des Sohnes ihren ergreifendsten Ausdruck gefunden hat. In Christus ist der Dualismus der Welt endgültig überwunden, indem Gott Frieden macht durch das Blut des Kreuzes Christi. Der Dualismus, die Feindschaft, die Spannung durch die Sünde wird besiegt durch den Sühnetod Christi und macht Platz der Einheit, dem Leben, dem Frieden durch Versöhnung. Das Kreuz Christi in seiner zentralen und universaler Bedeutung ist der Ausgangspunkt einer ganz neuen Welt und einer ganz neuen Weltherrschaft Gottes, in welcher die Liebe Gottes in einem ungetrübten Licht erstrahlt.

(Quelle: Diese Betrachtung ist Langenbergs Auslegung des Kolosserbriefes entnommen)

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