Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Errettung ganz Israels

Autor: Langenberg, Heinrich  |  Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel  |  569 x gelesen

Israel bildet immer eine solidarische Einheit, wenn es sich um seine Heilsgeschichte handelt. Gericht und Rettung ist durchweg mit ganz Israel verbunden. Die Idee der einzelnen, persönlichen Errettung durch Herausrufung aus der großen Masse gehört ihrem Wesen nach einer ganz anderen Haushaltung Gottes an, und zwar der Haushaltung Ekklesia oder Leibesgemeinde. Israel dagegen ist als nationale, unteilbare Einheit Gegenstand der Heilspläne Gottes und in dieser Beziehung Muster und Anschauungsunterricht für die endgeschichtliche Errettung der Nationen. Wie in Hosea 2, 1 und 25 (Elbf. Bibel: 1, 10/2, 23) das Heil für das ganze Volk verheißen ist, so zieht sich durch alle Propheten dieser Heilsbegriff für das Gesamtisrael wie ein roter Faden hindurch. Der Apostel Paulus, der erkenntnismäßig völlig auf den Schultern der alttestamentlichen Propheten steht, hat diese Fundamentalwahrheit konsequent festgehalten und glaubensmäßig durchgeführt, wenn er sagt: “Und also wird ganz Israel gerettet werden” (Röm. 11, 26).

Es handelt sich nun darum, festzustellen, was ganz Israel bedeutet. Wir unterscheiden dabei den qualitativen und den quantitativen Begriff. Qualitativ ist “Ganzisrael” der ideale Begriff eines lebendigen, unteilbaren Organismus, der durch die gerade lebende Generation plastisch zur Darstellung kommt. So redet Petrus Apostelgeschichte 2, 36 das ganze Haus Israel an, indem die gerade Anwesenden in solidarischer Verbundenheit mit dem Volksganzen das ganze Haus Israel repräsentieren. Ebenso machen es alle Propheten.

Es fragt sich nun, ob ganz Israel auch quantitativ als unteilbare Einheit anzusehen ist. Da hat es nun innerhalb der großen Masse immer eine kleine Schar von Gläubigen, Jehovahtreuen gegeben, eine wartende Messiasgemeinde, ein lebendiges prophetisches Zeugnis. Aber diese kleine Schar nach Auswahl der Gnade (vgl. Röm. 11, 5) hat niemals die Verheißungen für sich allein beansprucht und die große Volksmasse als verloren betrachtet. Eine solche Anmaßung lag den Heiligen der Schrift Alten und Neuen Testaments völlig fern. Sie ist lediglich eine traurige Errungenschaft der modernen “Christenheit”. Paulus betrachtete sich und die Gläubigen aus Israel nur als Erstlinge, die die Rettung des Ganzen garantieren (Röm. 11, 16; vgl. 1. Petr. 2, 9 .).

Ganz Israel hat sich gestoßen an dem Stein des Anstoßens (Röm. 9, 32). Sie sind alle gestrauchelt (Röm. 11, 11) und werden alle begnadigt (Röm. 11, 32). Auch die Lehre vom Überrest steht nicht im Widerspruch zum quantitativen Begriff der Rettung von ganz Israel, sobald wir uns entschließen können, den Überrest, der gerettet wird (Röm. 9, 27), nicht zu verwechseln mit der Auswahl (Röm. 11, 7), d. h. mit der kleinen prophetischen Messiasgemeinde innerhalb des verstockten Überrestes. Paulus braucht für beide Gruppen zwei verschiedene Ausdrücke: Römer 9, 27 hypoleimma und Römer 11, 5 leimma. Beides kann mit “Rest“ übersetzt werden, aber in verschiedener Hinsicht. Letzteres ist der Rest innerhalb des Ganzen und identisch mit eklogä = Auswahl (Röm. 11, 7); ersteres ist das Volksganze als zusammengeschmolzener, elender Überrest, wie er durch die erlittenen Gerichtskatastrophen werden soll. Und von diesem wird gesagt, daß er gerettet wird. Wie Gott sich seinerzeit an einem ungehorsamen, widerspenstigen Volk verherrlicht hat durch Errettung aus Ägypten und aus der babylonischen Gefangenschaft, so wird Er es endgeschichtlich mit ganz Israel wieder tun. Infolge einer ganz wunderbaren und unverdienten Errettung und durch das lebendige Eingreifen Gottes wird das bis dahin noch so verstockte und zum Überrest gewordene Volk sich bekehren und eine Wiedergeburt erleben. — Es bleibt dann nur noch eine Frage zu beantworten: Was wird aus den Vielen, die dann, wenn der lebende Überrest gerettet wird, bereits gestorben sind?

Wenn ganz Israel auch quantitativ, d. h. zahlenmäßig eine solidarische Einheit bildet, so drängt sich diese Frage mit innerem Zwang auf: Was wird aus den Vielen? Haben sie Anteil an der Errettung? Die Propheten haben sich auch mit dieser Frage beschäftigt und Antwort gesucht. Dem Daniel wurde es gegeben, in dieses Geheimnis hineinzuschauen.

“Zu jener Zeit wird errettet werden dein Volk, wer immer sich aufgezeichnet findet im Buche” (Dan. 12, 1). Auch Daniel hat das künftige Heil Israels immer nur als ein universales geschaut (vgl. Kap. 7, 14.18.27; 9, 24). Das ganze Volk ist im Buch Gottes verzeichnet. Das hier erwähnte Buch ist nicht zu verwechseln mit dem Buch des Lebens, in welchem die Namen derer verzeichnet sind, die das ewige Leben bereits empfangen und nichts mehr von dem zweiten Tod zu fürchten haben (vgl. Phil. 4, 3; Offb. 3, 5; 20, 12.15; 21, 27), sondern es ist einfach das Buch, das prophetische Heilsbuch Israels (vgl. 2. Mose 32, 32f.), in welchem Gottes , Reichsgedanken mit Israel verzeichnet sind. Der Hinweis auf dieses Verheißungsbuch hat hier eine besondere Bedeutung. Daniel sollte getröstet werden, nachdem ihm die zukünftige Trübsalszeit Israels gezeigt worden war. Gottes Heilsverheißung bleibt unerschütterlich trotz aller bevor­stehenden Zorngerichte über Sein Volk. Dieser aufrichtende Glaube war dem Volke Gottes in der langen, dunklen Zeit, die noch bis zum Kommen des Christus verstreichen sollte, unentbehrlich. Wie weit sich nun der Heilsuniversalismus für ganz Israel erstrecken wird, darüber sollte Daniel besonders belehrt werden durch den Hinweis auf eine allgemeine Totenauferstehung:

“Und viele werden aus den im Erdenstaub Schlummernden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zur Schmach und zu ewiger Schande” (Dan. 12, 1). Nicht nur die zufällig lebende Generation soll also teilhaben an Gericht und Gnade, während all die vielen vergangenen Generationen im Grabe ruhen und unbeteiligt bleiben. Sie soll nicht allein alle Konsequenzen vergangener Geschlechter als solidarisch haftbar für das Ganze tragen, sondern auch jene sollen durch Totenauferstehung ihren vollen Anteil bekommen (vgl. Jes. 26, 19). Der Ausdruck “viele von denen, die” ist eine hebräische Redefigur, die etwa soviel sagen will wie: “die vielen, welche” (vgl. 1. Mose 6, 2; 7, 22; 9, 10; 17, 12 usw.).

Alle werden nämlich auferstehen, die Gerechten und Ungerechten, und so ihren Anteil an der Endentwicklung der Heilsgeschichte, durch Gericht zum Heil, bekommen. Der Ausdruck “ewig” (olam) bedeutet ebenso wie der entsprechende neutestamentliche aionios (= äonisch) nicht soviel wie “endlos“, sondern: für einen abgegrenzten Zeitraum. Daß das Ende des Gerichts über die Ungerechten auch Rettung sein wird, darüber war sich auch Daniel mit allen Propheten völlig klar.

Aus der gesamtprophetischen Schau zieht Paulus die letzte Konsequenz: “Und also wird ganz Israel gerettet werden” (Röm. 11, 26). Er hält an der Verheißung Hosea 2, 1 und 25 fest (vgl. Röm. 9, 25) und fußt darauf in seinen Ausführungen in Röm. 9-11, in denen er sich mit den Gerichts- und Heilswegen Gottes mit ganz Israel beschäftigt. Wir dürfen also annehmen, daß der Ausdruck “ganz Israel” sowohl qualitativ als auch quantitativ das Volksganze umspannt.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1983; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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