Der Auferstehungsleib der Christen
Autor: Langenberg, Heinrich | Kategorie(n): Gemeinde, Tod & Auferstehung | 1,606 x gelesenDer Auferstehungsleib der Christen ist nicht zu verwechseln mit dem Leib des Christus. Beim letzteren ist der Ausdruck »Leib« im übertragenen Sinn zu verstehen als einheitliches Organ, an dem Christus das Haupt ist, während die mit dem Haupt lebensmäßig verbundenen Gläubigen die Glieder oder die ausführenden Organe darstellen. Beim Auferstehungsleib der Christen aber handelt es sich um die Leiblichkeit oder körperliche Wirklichkeit, wie auch bei dem Leib Jesu, der ans Kreuz geschlagen, begraben und auferweckt wurde, der die Verwesung nicht gesehen hat, sondern unmittelbar in den Zustand der Verklärung übergegangen ist.
Welch entscheidende Rolle die Leiblichkeit im Heilsplan Gottes überhaupt spielt, wird im allgemeinen viel zu wenig beachtet. Deshalb ist die Auferstehungshoffnung der Christen bei vielen so verschwommen und so wenig lebendig. Wenn Paulus in Kol. 2, 9 schreibt, daß »in Ihm die gesamte Fülle der Gottheit leiblich (soomatikoos) wohnt«, so meint er damit, daß die Gottheit, d. h. die Wesenheit Gottes, in der Leiblichkeit Christi zur füllemäßigen Offenbarung kommt. Dadurch will Paulus im Kolosserbrief gerade die Größe Christi herausstellen und zeigen, wie die ganze Fülle (Gottes) Wohlgefallen hat, in Ihm zu wohnen (Kol. 1, 19). So soll auch in dem Auferstehungsleib der Gläubigen eine besondere Fülleoffenbarung Gottes zur Darstellung kommen.
Es ist das große Anliegen des Apostels Paulus, die Bedeutung der Leiblichkeit in Gottes Heilsplan hervorzuheben. Deshalb schreibt er den Gläubigen in 1. Kor. 6, 19: »Wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel (naos) des Heiligen Geistes ist in euch, den ihr habt von Gott?« Im Hebräerbrief wird die Leiblichkeit Christi besonders betont in Verbindung mit Seinem Versöhnungswerk (10, 5) und unserer Heiligung (10, 10).
Paulus betont die Leiblichkeit bei der Auferstehung Jesu und knüpft an diese Tatsache die leibliche Auferstehungshoffnung der Gläubigen (vgl. 1. Kor. 15, 12ff.). Er beantwortet damit die in Korinth vielfach erörterte Zweifelsfrage über den Auferstehungsleib. Manche behaupteten nämlich, die Auferstehung sei rein geistig zu verstehen und beim Gläubigen schon geschehen. Bei seiner sehr ausführlichen Erklärung der leiblichen Auferstehung oder der Auferstehung des Leibes (nicht »des Fleisches«, wie vielfach irrtümlich gesagt wird) gebraucht er das Bild vom Samenkorn. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wunder des aus dem Samenkorn entstehenden Pflanzenleibes. Er sagt: »Nicht den Leib, der werden soll, säst du, sondern ein nacktes Korn säst du« (ein unbekleidetes Korn, also ohne den Leib, der werden soll) (V. 37). Also »was du säst, wird nicht lebendig gemacht, es sei denn, daß es stirbt«. Nicht aus dem verwesenden Samenkorn erwächst organisch die Pflanze, sondern das Samenkorn muß ersterben; dann gibt Gott ihm einen Leib, so wie Er will, und jeglichem Samen den eigenen Leib (V. 38).
Die Frage nach einem stofflichen Zusammenhang zwischen dem verwesenden Samenkorn und dem Auferstehungsleib beantwortet Paulus nicht naturwissenschaftlich, sondern geistig, pneumatisch. Es bestehen wohl Zusammenhänge zwischen dem alten und dem neuen Leib, aber nicht stofflicher, sondern rein seelisch-geistiger Art. »Gesät wird ein seelischer Leib, auferweckt wird ein geistiger Leib« (V. 44). Der Unterschied zwischen dem alten und neuen Leib ist sehr groß: »Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt wird in Unvergänglichkeit; gesät wird in Unehre, auferweckt wird in Herrlichkeit; gesät wird in Schwachheit, auferweckt wird in Kraft« (V. 42.43). Diese Leibesauferweckung ist ein Schöpfungswunder. Der neue Leib entsteht durch einen Schöpferakt Gottes. Daß bei der Unterschiedlichkeit der Auferstehungsleiber, die in V. 38 angedeutet wird (»einem jeglichen Samen den eigenen Leib, so wie Er bestimmt«) das im alten Erdenleib geführte Leibesleben der Gläubigen mitbestimmend sein wird, kann aus 2. Kor. 5, 10 gefolgert werden. »Denn wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl des Christus, damit ein jeder als Entgelt erhalte, was er im Leibe gewirkt, es sei gut oder schlecht.«
Die Leiber der Gläubigen werden verwandelt werden, und zwar alle. »Wir alle werden zwar nicht entschlafen, wir alle aber werden verwandelt werden« (1. Kor. 15, 51). Mit »wir alle« meint er tatsächlich alle, sowohl die schon vorher in Christus Entschlafenen als auch die, welche die Wiederkunft des Herrn erleben (1. Thess. 4, 15f.). Die Parusie des Herrn ist nicht nur ein zeitlicher Begriff, sondern auch Ausdruck der dynamischen Wirkung der Herrlichkeitsgegenwart des Herrn. Den Ausdruck »bei (en) Seiner Parusie« kann man auch übersetzen: »vermittels Seiner Herrlichkeitsgegenwart« (1. Kor. 15, 23). Paulus nennt diesen Schöpferakt Gottes der Verwandlung ein Geheimnis (1. Kor. 15, 51). »Denn dies Vergängliche muß anziehen die Unvergänglichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit« (V. 53.54). Danach sehnt sich die ganze Gemeinde. »Denn auch in diesem (irdischen Haus des Zeltes = dem irdischen Leib) seufzen wir, indem wir unsere Behausung, die aus dem Himmel ist, überzuziehen uns sehnen … denn auch als die in dem Zelt Seienden seufzen wir, beschwert, auf Grund dessen wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, auf daß das Sterbliche verschlungen werde vom Leben« (2. Kor. 5, 2-4). »Der uns aber zu eben diesem fertig macht, (ist) Gott, der uns das Angeld des Geistes gibt« (V. 5). Diesen Schöpferakt Gottes, die Verwandlung des irdischen Seelenleibes in den unsterblichen Geistleib (1. Kor. 15, 44), nennt Paulus von uns aus gesehen ein Anziehen der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit, ein Verschlungenwerden des Todes in Sieg hinein (1. Kor. 15, 54).
Der Auferstehungsleib ist ein Geistleib, also weder rein stofflich, noch rein geistig, sondern ein geistiger Organismus mit der Fähigkeit, alles Sichtbare, Stoffliche zu beherrschen und sich dienstbar zu machen. Er ist ein Herrlichkeitsleib. »Welcher umwandeln wird den Leib unserer Erniedrigung, gleichgestaltet zu werden dem Leibe Seiner Herrlichkeit gemäß der Wirksamkeit, die Ihn befähigt, Ihm untertänig zu machen auch das All« (Phil. 3, 21). In diese Herrlichkeitsleiblichkeit des erhöhten Christus hinein soll die Gemeinde Ihm gleichgestaltet werden. Die Verwandlung, das Gleichgestaltetwerden, ist die Vollendung der Sohnschaft, unseres Leibes Erlösung (Röm. 8, 23). Dies wird ein Erlösungstag sein, für den wir versiegelt sind mit dem Heiligen Geist (Eph. 4, 30).
Die Beantwortung der Frage, ob zwischen dem Sterben der Gläubigen und ihrer Auferstehung ein kürzerer oder längerer zeitlicher Zwischenraum besteht, so daß die in Christus Entschlafenen warten müssen, bereitet insofern Schwierigkeiten, als unsere Vorstellungen von Zeit und Ewigkeit beschränkt sind und abweichen von dem Zeitbegriff in prophetischer Schau. Jesus korrigiert die beschränkte menschliche Auffassung der Martha, die von einer Auferstehung am »jüngsten Tage« redet, nicht mit einer schwer faßbaren Deutung des Zeitbegriffs (vom Vollendungsstandpunkt aus), sondern indem Er erwidert: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, auch wenn er sterben sollte, wird er leben« (Joh. 11, 24.25). In dieser Schau schwinden alle zeitlichen Distanzen, da ist alles zeitlose Gegenwart, das wahre, wesenhafte Sein. Im Blick auf das Zeitlose ist immer heute, Gegenwart. So schwinden Auslegungsschwierigkeiten, wenn wir in unseren zeitlich gebundenen Vorstellungen umdenken lernen. Was für uns sterbliche Menschen ein Zeitraum von tausend Jahren ist, ist in der göttlichen Wirklichkeitswelt wie ein Tag (2. Petr. 3, 8).
Das Bild vom Entschlafen (koimasthai) (1. Kor. 11, 30; 15, 6.18.20.51; 1. Thess. 4, 13.14.15) in Christus (1. Kor. 15, 18) oder durch Jesus (1. Thess. 4, 14) ist kein bloßer Euphemismus (wohlklingende Umschreibung) für sterben, sondern eine tief bedeutsame Metapher (bildlicher Ausdruck), um uns den Zustand der Gläubigen nach ihrem Tod anschaulich zu machen. Was uns hier als lange Wartezeit bis zur Leibesauferstehung erscheint, ist für die Gläubigen wie ein köstlicher Schlaf, in welchem alles Zeitbewußtsein ausgelöscht, dagegen das Bewußtsein von der göttlichen Wirklichkeitswelt hellwach und lebendig ist. In Christus Entschlafensein ist demnach ein von allen Hemmungen gelöstes bewußtes wesenhaftes Sein. Es ist kein Todesschlaf oder Ruhen im Grabe ohne Bewußtsein. Paulus schreibt 1. Thess. 4, 13.14: »Wir wollen aber nicht, Brüder, daß ihr in Unkenntnis seid betreffs der Entschlafenen … Denn wenn wir glauben, daß Jesus starb und auferstand, also wird auch Gott die durch Jesus Entschlafenen mit Ihm führen.« Und Phil. 1, 23 sagt er: »Ich habe das Begehren nach dem Abscheiden (analysai = aufgelöst werden) und mit (syn) Christus Zusammensein; denn um vieles ist es besser.« Dieser Zustand kann daher kein bewußtloser Seelenschlaf sein, sondern ein vollbewußtes Sein mit Christus, wobei alles, was nur mit stofflicher Körperlichkeit zusammenhängt, ausgeschaltet ist.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/1998; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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