Das heilsgeschichtliche Rätsel Israel
Autor: Langenberg, Heinrich | Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel | 759 x gelesenDas Volk Israel ist nach Gottes Plan das Zentralvolk der Menschheit und Israels Geschichte ist der Anschauungsunterricht für die Nationenwelt. »Als der Allerhöchste die Völker zerteilte (den Nationen das Erbe austeilte), als Er voneinander schied die Menschenkinder, da stellte Er fest die Grenzen der Völker mit Bezug auf die Zahl der Kinder Israels; denn Jehovahs Teil ist Sein Volk, Jakob ist die Schnur (das Zugemessene) Seines Erbbesitzes« (5. Mose 32, 8f.). »Nun aber, wenn ihr völlig meiner Stimme gehorcht und meinen Bund bewahrt, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn mein ist die ganze Erde. Und ihr sollt mir sein ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk« (2. Mose 19, 5f.). Welch ein herrlicher Beruf und welch ein klarer, idealer Weg zu seiner Erfüllung! Aber, und da fängt das Rätsel an, Israel als Volk war alles andere als ein Vorbild und Muster, an dem sich die Nationen (Heidenvölker) orientieren konnten. Es war ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht (vgl. Phil. 2, 15), unbelehrbar und halsstarrig, um dessen Bekehrung die Propheten, die von Gott gesandten Sonderbeauftragten, einen verzweifelten Kampf führten. Und gerade dieses Volk hatte Gott ausersehen als Muster, um an ihm für die Nationenwelt Seine Regierungs- und Heilswege zu demonstrieren.
Das Heil Israels war von vornherein unerschütterliche Glaubensüberzeugung der Propheten. In Hosea 14 wird die Bekehrung des Volkes aufgrund der bedingungslosen Liebe Jehovahs als sicher in Aussicht gestellt. »Kehre um, Israel, bis hin zu Jehovah, deinem Gott; denn du bist gefallen durch deine Schuld (V 2). Ich will ihre Abtrünnigkeit heilen, gerne will ich sie lieben, denn mein Zorn hat sich von ihm abgewandt« (V 5). Aber wie soll das möglich sein? Das war das quälende, große Rätsel. Dass Israel sich bekehren muss, um der Reichsherrlichkeit teilhaftig zu werden, stand auch dem Propheten Jesaja außer aller Frage. Es handelte sich aber um ein Problem, nachdem die Unverbesserlichkeit des Volkes nachgewiesen war. Mit diesem Problem haben sich alle Propheten beschäftigt. Jeremia musste feststellen: Sie wollen sich nicht bekehren (Jer. 5, 3; 8, 5). Die Bekehrung Einzelner hat die Propheten niemals befriedigt. Ihr Ringen und Hoffen war eine Volksbekehrung. Diese war ebenso unmöglich, wie dass ein Mohr seine Haut oder ein Pardel seine Flecken wandeln kann (Jer. 13, 23). Da muss schon ein Wunder geschehen. Und dieses Wunder wird geschehen, wie der Prophet Sacharja weissagt (Sach. 8). Die Initiative geht allein von Jehovah aus, und zwar durch das Gerichtsfeuer, das mit der Wiederkunft Christi in Verbindung steht. Gerichtsfeuer, Zorn Gottes ist eifernde Liebe, und Bekehrung ist Unterwerfung unter das Zorngericht Gottes. So schildert Sacharja die Erweckung Israels aus großer Drangsal als den Auftakt zur Volksbekehrung (Sach. 12, 5). Dann wird Jehovah über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem ausgießen den Geist der Gnade und des Flehens und sie werden hinblicken auf den, den sie durchstochen haben (Sach. 12, 10), und alle Stämme Israels werden Buße tun und sich ihrem Messias Christus unterwerfen. Ein gewaltiger Zusammenbruch in erschütternd tiefem Bußschmerz eines ganzen Volkes wird das sein. So etwas hat die Welt noch nie gesehen. So weit hatten sich die Propheten schon hindurchgerungen. Sie wussten, dass eine Bekehrung des Volkes von sich aus unmöglich ist. Wir hören deshalb die dringende Bitte: »Bekehre Du mich, dass ich mich bekehre!« (Jer. 31, 18; Klagel. 5, 21). Doch bleibt das eigentliche Rätsel in der Heilsgeschichte immer noch ungelöst.
Um diese Lösung zu finden, müssen wir auf das Erlebnis des Propheten Jesaja in Jes. 6, 8-13 zurückgreifen. Dass nämlich Israel als Volk bis auf den heutigen Tag in seinem Unglauben durch Ablehnung seines Messias Christus verharrt, durch zwei Jahrtausende hindurch, auch nachdem der Christus tatsächlich als der König Israels gekommen ist, dass sie Ihn verworfen und ans Kreuz überliefert haben, und dass trotz aller Evangeliumsverkündigung immer noch die Decke über ihren Augen und Herzen hängt, und dass dennoch der Heilsplan Gottes mit Israel durchgeführt werden soll, das ist das eigentliche heilsgeschichtliche Rätsel. Wir wissen nun schon die Lösung und es wird uns daher schwer, die ganze ungeheure Schwere des Problems zu erfassen. Der Prophet Jesaja, dem zuerst die Lösung offenbart wurde, hat diese Schwere empfunden. Er selber sollte sie in seinem Missionsauftrag erleben: »Gehe hin, und sprich zu diesem Volk: Höret immerdar und verstehet’s nicht, und sehet immerfort, aber erkennet’s nicht. Verstocke das Herz dieses Volkes und verhärte seine Ohren und verblende seine Augen, damit es nicht sehe mit seinen Augen und mit seinen Ohren höre und sein Herz einsichtig werde und sich bekehre, und ihm wird Heilung widerfahren« (Jes. 6, 9-10). Also der Zustand soll noch schlimmer werden bis zu völliger Verstockung, ja zur Hoffnungslosigkeit aller Bekehrungsversuche. Gerade hier knüpft das Evangelium Jesu Christi an. Fünfmal wird diese Stelle zitiert: Matth. 13, 15; Mark. 4, 12; Luk. 8, 10; Joh. 12, 40; Apg. 28, 27. Rätselhaft ist die Sprache im hebräischen Grundtext, wo es am Schluss wörtlich heißt: »Und (er) hat ihm Heilung zugewandt.« Hier fehlt nämlich das Subjekt und muss sinngemäß ergänzt werden. Es kann kein anderer Heiler sein als Jehovah selber. Jesus gibt diese Stelle Matth. 13, 15 sinngemäß richtig wieder: »Und ich werde sie heilen.« In Mark. 4, 12 heißt es: »Und ihnen wird vergeben werden.« In Luk. 8, 10 fehlt dieser Schluss. So sprach Jesus bei Gelegenheit Seiner Königreichsgleichnisse, die dazu beitragen sollten, dass alle Bemühungen zum Hören, Sehen und Sichbekehren sich als erfolglos herausstellen sollten und die Heilung des Volkes vom Sündenschaden durch Jesus allein erkannt und durchgeführt werden sollte. In Joh. 12, 40 führt Jesus bei anderer Gelegenheit das Zitat wieder an und schließt mit dem Wort: »Und ich werde sie heilen.« Am Schluss der Apostelgeschichte (Kap. 28, 27) verkündigt Paulus die nunmehr völlig gewordene Verstockung des Volkes Israel, indem er Jes. 6, 9f. zitiert und mit der Verheißung schließt: »Und ich werde sie heilen.«
Über dieses heilsgeschichtliche Rätsel spricht Paulus nun in Röm. 9-11, ohne das Zitat aus Jes. 6 anzuführen, sondern indem er in Anlehnung an die Gesamtprophetie ausführt, wie Gott nur auf den Trümmern aller menschlichen Höhen Seine Heilsgnade zum Siege durchführt (vgl. Jes. 2). Er bringt diesen wichtigen Teil seines Römerbriefes, des Typus seines Lehrens, gleichsam als Abschluss seiner Ausführungen über das Heilshandeln Gottes aufgrund Seiner Gerechtigkeit und Absolutheit Seiner Gnade und als Überleitung zu den Ausführungen über unser verantwortliches Wirken in unserer großen Liebesmission. Die Tiefen der Weisheit und Erkenntnis Gottes in Seinen Heils- und Regierungswegen können wir verstandesmäßig nicht ergründen, wohl aber im Glauben erfassen und anbetend preisen. Gerade diese Schau, wie Paulus sie uns vermittelt, dient der Gemeinde. Israels Geschichte ist der Anschauungsunterricht für die Nationen. Die Heilsgeschichte der Gemeinde ist der Anschauungsunterricht für Israel. »Denn gleichwie ihr einst ungehorsam wart gegen Gott, jetzt aber Erbarmen erlangt habt aufgrund des Ungehorsams dieser, also werden auch diese jetzt ungehorsam aufgrund des euch widerfahrenden Erbarmens, damit auch sie selbst jetzt Erbarmen erlangen möchten. Denn Gott schließt alle zusammen in Ungehorsam hinein, damit Er sich aller zusammen erbarme« (Röm. 11, 30-32; vgl. Gal. 3, 22). Allein auf dem Weg dieser Erkenntnis und vom Ziel der Heilswege Gottes aus kann das heilsgeschichtliche Rätsel Israel gelöst werden.
(Quelle: »Gnade und Herrlichkeit«; 3/2002; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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