Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist

Autor: Liede, Friedrich  |  Kategorie(n): Anbetung, Hingabe  |  976 x gelesen

Gebetserfahrungen in schwerer Krankheitsnot

Jeder Gläubige kann unerwartet und plötzlich in ernste, seine ganzen Verhältnisse bedrohende Notlagen kommen. Das können unvorhergesehene Erschütterungen im Berufsleben, Enttäuschungen in Freundschaft, Liebe und Ehe, es können aber auch schwere Erkrankungen sein, die die Frage aufkommen lassen, ob damit der letzte Abschnitt des Lebens gekommen sei. Eine solche Situation bedeutet eine klare Bewährungsprobe des Glaubens. Der Glaubens-Anfänger wird, von menschlicher Todesfurcht erfüllt, flehentliche Gebete um baldige Wiederherstellung der Gesundheit zum Himmel senden. Der Erwachsenen-Stand im Glauben wird den fleischlichen Lebenswillen auch empfinden, aber die Glaubensprobe erkennen und sich im Gebet die völlige Ergebung in Gottes Willen schenken lassen auch für den Fall, daß Gott als der Herr über das Leben Seiner Kinder beschlossen habe, ihn aus diesem Leben abzuberufen. Indem er dieser Möglichkeit klar ins Auge schaut, wird er nicht ruhen, bis er die völlige Ergebung in Gottes Willen erreicht hat. Muß man sich nicht eingestehen, daß man oft mit dem Dichter gesungen hat:

    “Deiner Führung folg ich still;
    wie Du willst, nicht wie ich will”?

Hat man nicht geglaubt oder sogar verkündet, daß wir durch Leiden in die himmlische Heimat, in die ewige Herrlichkeit eingehen? Hat der Glaube nicht die Verheißung, daß Christus dem Tod die Macht genommen hat? Hat man in der Zeit des Wohlergehens diesen Glauben betont und sollte man in der Bewährungsprobe versagen? — Wo noch Anwandlungen des natürlichen Menschen sich bemerkbar machen, wird dem Gebet um völlige Ergebung in den göttlichen Willen die Gnade der Erhörung nicht versagt bleiben.

Ist das völlige, freudige Ja des Herzens erreicht, so kann es uns gehen wie dem Sänger des 118. Psalms (alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung). Er hatte in großer Bedrängnis und Angst den Herrn angerufen und dessen Tröstung erfahren (V. 5). Aber dann bricht in ihm die Gewißheit durch: “Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des Herrn erzählen” (V. 17). “Der Herr züchtigt mich wohl, aber dem Tode hat Er mich nicht übergeben” (V. 18). Auf der Grundlage dieser neuen Zuversicht kann sich nun das Gebetsanliegen in dem Sinne verändern, daß der Betende merkt, daß er mit seinem Gebet selbst den vollen Sieg des neu geschenkten Lebens über die Todeskräfte herbeiführen darf. Aus dem Gebet der völligen Ergebung in Gottes Hände wird das um den Sieg des Lebens ringende, das kämpfende Gebet!

Dabei entsteht der Eindruck, daß Gott selbst die dem Gebet entströmenden geistigen Kräfte als Faktor zur Herbeiführung der Gesundung mitbenützt. Das erste biblische Beispiel für das “kämpfende Gebet” ist Israels Kampf und Sieg gegen die Amalekiter (2. Mos. 17, 8-16). Während der Auszug aus Ägypten, besonders die Vernichtung des dem Volke nachfolgenden ägyptischen Heeres vollständig ein Werk des Gottes Israels war und das Volk stille zu sein und einfach weiterzuziehen hatte (2. Mos. 14, 14f.), war es bei dem Kampf gegen die Amalekiter anders. Erstens hatte das Volk eine Kämpferschar unter Josua in den Kampf zu schicken, zweitens hatte Mose seine Hände betend emporzuhalten. Solange er seine Hände emporhob, siegte Israel, wenn er sie ruhen ließ, hatte Amalek die Oberhand.

Genauso das Erlebnis des Krankenlagers: Mit jedem inbrünstig den Lippen entströmenden Gebet fließen dem schwachen Leib neue Kräfte zu. Dabei kann dem Atem des Betenden eine wichtige Rolle zukommen. Schon der Gesunde kann beobachten, daß bei inniger Versenkung sich die Atmung vertieft. So kann es auch hier sein: Die mit der Bitte um neue Kraft für den Leib und seine Organe vollzogene Einatmung geschieht nun energiegeladen in ruhigen kraftvollen Zügen, die Ausatmung — von Gefühlen und Worten des Dankes begleitet — endigt in einer ruhigen und zuversichtlichen Atempause. Jeder Arzt und Naturheilkundige kann bekräftigen, daß allein schon mit einer richtig angewandten Atemtechnik Kräfte des Lebens und der Gesundheit entbunden werden können. Wieviel mehr wird dies der Fall sein, wenn der Heilige Geist sich mit dem betenden Menschengeist verbindet! Es besteht eben eine Verwandtschaft zwischen “Geist” und “Atem, Hauch, Wind”!

In dem Gespräch des Herrn Jesus mit Nikodemus über die geistige Neugeburt vergleicht Jesus dieses geheimnisvolle Geschehen mit dem Wehen des Windes (Joh. 3, 8). Schon bei der Erschaffung des Menschen wird gemäß dem zweiten Schöpfungsbericht (1. Mos. 2, 7) das eigentliche Leben der menschlichen Seele durch Einhauchung des göttlichen Odems (oder Geistes!) verliehen. Dieser Zusammenhang zwischen Geist (und Seele) und Atem, Hauch oder Wind kommt in den alten Sprachen hebräisch, griechisch und lateinisch sehr schön zum Ausdruck: sie haben für Geist und Seele einerseits und Atem, Hauch, Wind andererseits das gleiche Wort (ruach und nephesch im Hebräischen, pneuma und psyche im Griechischen, spiritus und anima im Lateinischen). Auch dürfen wir an den Bericht über die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten denken, wo dieses Geschehen sich durch ein Brausen, wie von einem daherfahrenden gewaltigen Wind, manifestiert. Auch die Dichter benützen in ihren Bildern häufig die Beziehung Geist — Atem. So Gerhard Tersteegen, wenn er in dem vierten Vers seines Liedes “O Gott, o Geist, o Licht des Lebens” (Lobgesänge Nr. 738) sagt:

    Du Atem aus der ew’gen Stille,
    durchwehe sanft der Seele Grund;
    füll mich mit aller Gottesfülle,
    und da, wo Sünd und Greuel stund,
    laß Glauben, Lieb und Ehrfurcht grünen,
    in Geist und Wahrheit Gott zu dienen.

Doch zurück zum Gebet in Krankheitsnöten. Es ist noch zu sagen, daß das “kämpfende” Gebet noch eine Steigerung erfahren kann dadurch, daß es zum Schreien wird! Das Schreien aus der Not heraus kann bei einem Ungläubigen der erste Schritt zum Glauben sein, es hat gemäß Ps. 50, 15 die Verheißung der Erhörung. Wie oft haben das Soldaten im Krieg erlebt! Aber auch der im Glauben Gereifte kann und wird in die Lage kommen, daß sein Gebet zum Schreien wird — sei es in qualvollen Schmerzen oder in unerträglichen Zuständen der Unruhe in Nerven und Gliedern, sei es in echter Todesnot. Wie in einem unwiderstehlichen inneren Zwang entringt sich der Seele ein Schreien zu Gott um Hilfe, um Erleichterung; es kann laut oder nach außen unhörbar sein. Dieses Schreien eines Beters wird in der Schrift sehr häufig erwähnt, jedoch nie ohne die sofort oder später erfolgte Erhörung. Die ersten Angaben finden wir wiederum in der Geschichte Israels. So während der Bedrückungszeit als Sklavenvolk des ägyptischen Pharaos (2. Mos. 2, 23f.). — Dann vor dem Durchzug durch das Rote Meer, als das Volk die verfolgende Streitmacht der Ägypter sah; 2. Mos 14, 10-14: “Die Kinder Israel fürchteten sich sehr und schrieen zu dem Herrn … und Mose sprach: Fürchtet euch nicht! … Jehova wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.” — Wiederholt hat Mose in großer Bedrängnis durch das hadernde Volk zu Gott geschrieen. — Im Buch der Richter wird siebenmal das Schreien des Volkes erwähnt und die Erhörung, wenn ein Überfall der Feinde drohte. — Samuel schreit in solcher Lage in Fürbitte für das Volk (1. Sam. 7, 6-9). Als er wegen Sauls Ungehorsam in Erregung ist, schreit er zu Gott die ganze Nacht (1. Sam. 15, 11)! — Aus dem Alten Testament seien nur noch die Psalmen erwähnt, mindestens zwölf Stellen lassen sich finden. Vermerkt seien nur die Stellen Ps. 30, 2-3; 34, 15 u. 17. Eine Besonderheit bildet Psalm 107; hier lesen wir, wie aus vier verschiedenen Arten der Todesnot heraus das Schreien Erhörung findet (V. 1-32). Auch Psalm 130 sei erwähnt, nach dem Martin Luther sein Lied gedichtet hat: “Aus tiefer Not schrei ich zu Dir, Herr Gott, erhör mein Flehen!” —

Aus dem Neuen Testament ist besonders der Herr Jesus selbst zu erwähnen. Wie groß Seine Todesnot war, können wir daraus ersehen, daß die Berichte über Sein Leiden und Sterben bezeugen, daß Er geschrieen hat zu Seinem Gott und Vater. So in Gethsemane: “In den Tagen Seines Fleisches hat Er sowohl Bitten als Flehen dargebracht dem, der Ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen, und ist um Seiner Frömmigkeit willen erhört worden” (Hebr. 5, 7). Am Kreuz schrie Er mehrmals (Matth. 27, 46 u. 50; Mark. 15, 34 u. 37; Luk. 23, 46). In Psalm 18, 4-6 haben wir eine Stelle, die sicherlich prophetisch auf Christus gedeutet werden muß, als Seine Seele drei Tage im Totenreich von den Banden des Todes umfangen war: “In meiner Bedrängnis rief ich zu Jehova, und ich schrie zu meinem Gott; Er hörte aus Seinem Tempel meine Stimme, und mein Schrei vor Ihm kam in Seine Ohren … Und Er führte mich heraus (in der Auferstehung) ins Weite, Er befreite mich, weil Er Lust an mir hatte” (V. 19). So wurde auch all Sein Schreien erhört, dessen Not alles weit übertraf, was wir uns ausdenken können.

Einem großen Irrtum muß allerdings hier vorgebeugt werden. Zunächst soll keineswegs der Eindruck erweckt werden, daß ärztliche Hilfe abgelehnt werden soll — sie ist in das ringende Flehen und das Erhörtwerden mit eingeschlossen! Ferner könnte man meinen, daß es nun sehr einfach sein müsse, aus jeder Notlage durch das ausdauernde kämpfende Gebet und schließlich durch das Schreien sich Befreiung zu verschaffen. So ist es nicht! Einen Gebetskampf “machen” zu wollen, wäre eine Torheit. Das wahre Gebet des Herzens, um das es hier geht, ist genauso eine Gnade, wie es ganz allgemein die bewußte Beziehung der menschlichen Seele zu ihrem Schöpfer und Retter­Gott ist. Es ist ein Geheimnis, das die Herablassung Gottes durch Seinen Geist zum Geist des Menschen zur Voraussetzung hat. Das echte Gebet ist der bewußte Vollzug einer Vereinigung des menschlichen Geistes mit dem Geist Gottes. Der Wille des Menschen mit seinem Reden und Schreien folgt den Regungen des Geistes Gottes … Er betet im Herzen des Menschen. Das sollte immer das Ziel unseres Betens sein! Das ist keine abzulehnende Mystik, sondern kann als reale Tatsache erlebt werden. Aber die Mystiker haben um dieses Geheimnis gewußt. So singt Gerhard Tersteegen in dem oben bereits erwähnten Lied im fünften Vers:

    Mein Wirken, Wollen und Beginnen
    sei kindlich, folgsam Deinem Trieb;
    bewahr mein Herz und alle Sinnen
    untadelig in Gottes Lieb;
    Dein in mir Beten, Lehren, Kämpfen
    laß mich auf keine Weise dämpfen.

Zum Schluß lassen wir das als Überschrift gewählte Wort aus dem Jakobusbrief (5, 16) in ganz wörtlicher Übersetzung aus dem Grundtext folgen:

Viel Kraft hat das Flehen des Gerechten, wenn es im Inneren gewirkt wird!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/1970; Paulus-Verlag; Heilbronn

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
6 Besucher online