Gedanken eines Nichttheologen zu Kolosser 1, 20
Autor: Künstler, Manfred G. | Kategorie(n): Allversöhnung | 1,086 x gelesenAls völlig ungläubiger, junger Mann wurde ich in die Gemeinde von Prediger Großmann in Berlin, Hasenheide, eingeladen. Dort hörte ich zum erstenmal im Leben eine biblische Verkündigung. Gottes Wort wurde sehr nüchtern, klar und gründlich dargeboten. In mir entstand ein unstillbares Verlangen, mehr über die Bibel zu erfahren. Und wie immer, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, bewirkte das lebendige Wort neues Leben. Ich kam zum Glauben und nahm Jesus Christus als meinen Heiland an.
Aber die Hasenheide hat in den Augen vieler Christen einen Schönheitsfehler: Man verkündigt dort unter anderem auch die Allversöhnung. Das erfuhr ich erst später, und auch, wie verwerflich diese Lehre sei. Was hätte ich nun tun sollen? Hätte ich fragen sollen: “Lieber Herr, wie konntest Du nur einen solchen Fehler machen und mich in so einem Kreis zum Glauben kommen lassen? Ist Dir denn gar nichts Besseres eingefallen?” Nein, das tat ich nicht. Mir war ganz klar, dass es mir nicht zusteht, Gott vorzuschreiben, wie Er mich zu führen hat. Ich akzeptiere Seinen Weg und bin dankbar dafür.
Es hat mich immer wieder betroffen gemacht, auf welche Weise viele ernsthaft gläubige Christen mit denjenigen umgehen, die an eine schließliche Rettung aller Verlorenen glauben, weil sie die Bibel beim Wort nehmen. Wie wird das werden, wenn wir uns “im Himmel” wieder begegnen? Es könnte ja sein, dass dort auch Leute dabei sind, die an die Allversöhnung geglaubt haben. Werden sie dann von den besserwissenden, christlichen Brüdern einfach wieder nach rückwärts hinausgestoßen?
Mit einer solchen Reaktion zu rechnen, halte ich nicht für übertrieben. Schließlich haben wir schon hier unten genug Beispiele dafür. Wer an eine Allversöhnung glaubt, wird als Irrlehrer, als Verräter behandelt, mit dem man nichts mehr zu tun haben will. Da ist der Gemeinschaftsprediger, der sich jahrzehntelang in der Arbeit für den Herrn bewährt hat. Nachdem er zur Überzeugung gekommen ist, dass die Liebe Gottes grenzen- und bedingungslos ist, wird er rücksichtslos aus seinem Gemeinschaftsverband ausgestoßen. Da ist der Leiter einer messianischen Gemeinde in Israel, der über Jahre die Gastfreundschaft eines Konferenzhauses genossen hat. Dann hört er, dass dort “Schwärmer” wohnen, die an die Allversöhnung glauben, und alles ist nicht mehr recht. Selbst ein lieber Bruder im höheren Kirchenamt, der über diesen Dingen stehen sollte, lehnt es — verständlicherweise — ab, darüber auch nur zu diskutieren. Dabei gab es zumindest im schwäbischen Pietismus etliche geachtete Glaubensväter, die diese Lehre ohne Scheu vertraten. In neuerer Zeit war das der Stuttgarter Prälat Hartenstein, nachzulesen im Buch von Theo Sorg “Bibel lesen mit Karl Hartenstein” auf Seite 119/120.
In unserem Bibelkreis haben wir kürzlich über den Text aus Kolosser 1, 15-20 gesprochen. Da habe ich mir über Vers 20 so meine Gedanken gemacht. Abgesehen von dem Eiertanz der Experten, mit dem sie uns klarmachen möchten, dass Paulus den Brief gar nicht geschrieben habe, sondern dass er zur “nachpaulinischen” Literatur gehört und somit letztlich eine Fälschung sei, gibt es die Auslegungen der “Fundamentalisten”. Ich las unter anderem in der “Edition C” vom Hänssler-Verlag, wo es zu Kol. 1, 20 heißt: “Es ist aber überzogen, von dieser Aussage eine Lehre von der »Allversöhnung« ableiten zu wollen. Das steht hier nicht, zumal »unter der Erde« nicht erwähnt ist. »Erde« und »Himmel« meint die eine, ursprünglich ganze Schöpfring. Und nirgends in der ganzen Bibel ist von einer »Zwangs«-Versöhnung, von einer »Zwangs«-Wiedergehurt oder -Bekehrung auch nur andeutungsweise die Rede.”
Hm, jetzt haben wir’s! Der Bruder hat ja Recht. Von einer “Zwangs-Versöhnung” steht tatsächlich nirgends etwas in der Bibel. Bloß habe ich das auch noch nie von jemandem gehört, der über die Allversöhnung sprach. Das würde ja dem Wesen unseres Gottes zutiefst widersprechen, wenn Er irgendwen zur Versöhnung zwingen wollte. Aber Seine Liebe wird Mittel und Wege finden, dass sich alle einmal freiwillig von Ihm zurechtbringen lassen, allerdings manche mit unauslöschlichen Malen der Gerichtsstrafen. Was steht denn da in Vers 20?
“… und durch Ihn alles (ta pánta) mit (oder für) sich (eis autón) zu versöhnen (apokatalláxai, Aorist) … es sei auf der Erde oder in den Himmeln.”
Paulus gebraucht in Kolosser 1 zwanzigmal das Wort pặs, pántes, was “jeder”, “ganz” oder in der Mehrzahl “alle” bedeutet: in V. 4, 6, 9, 10 (2x), 11 (2x), 15, 16 (2x), 17 (2x), 18, 19, 20, 23, 28 (4x). Daraus geht schon hervor, dass er die Wirkung des Evangeliums sozusagen in universalem Sinne versteht. Viermal davon gebraucht er das Wort im Neutrum Plural, nämlich ta pánta. Das meint absolut “alles”, im weltlichen Griechisch auch “das All, Universum”. Hier kommt es vor in Vers 16 (2x), 17b und 20. In Ihm wurde alles (das All) geschaffen (V. 16a). Was gehört dazu? Was im Himmel (wörtl. in den Himmeln) und auf Erden ist, das sind die Lebewesen (auch die Geistwesen), die sich im Himmel und auf Erden befinden. Sie gehören zu der Schöpfung von 1. Mose 1, 1. Sie alle sind durch Ihn und für Ihn (wörtl. eis, in Ihn hinein) erschaffen worden (V. 16b), haben alle in Ihm ihren Bestand (oder Zusammenhalt, V. 17) und sind alle durch Ihm versöhnt mit Ihm (wörtl. eis, in Ihn hinein), nämlich wieder die im Himmel und auf Erden (V. 20). Das sind also die “alle” oder “das All”. Bitte, überlegen Sie, wer alles dazu gehören mag und ob es jemand gibt, der nicht dazu gehört — außer dem Schöpfer selbst. Wenn ein Bereich “unter der Erde” in 1. Mose 1, 1 und Kol. 1, 16 nicht genannt wird, so heißt das doch nicht, dass er nicht auch zu dieser Schöpfung gehört!
Werden denn auch Engel versöhnt durch das Blut Christi? Nun, sie sollen einst von der Gemeinde gerichtet werden (1. Kor. 6, 3). Seinen Boten (oder Engeln) wirft Er Torheit (od. Nachlässigkeit) vor (Hiob 4, 18).
Wo Gericht ist, braucht man Versöhnung für die Wiederherstellung des Friedenszustandes. Und dafür sorgt Gott mit Hilfe der Gemeinde Jesu Christi. Doch sehen wir das wirklich richtig so? Die Bibel spricht ja deutlich genug von Strafe und Gericht. Höhepunkt und Abschluss der Gerichte Gottes wird in Offb. 20, 11-15 geschildert, wo die Rede ist vom “Feuersee” und vom “zweiten Tod”. Schon vorher erfahren wir etwas vom Feuergericht in Offb. 14, 11; 17, 3 und 19, 20. Wir wollen hier gar nicht von den vielen anderen Stellen reden, die von den Gerichten Gottes handeln. Es ist auch nicht nötig, an dieser Stelle nachzuweisen, dass “ewig” in der Bibel nicht “endlos” bedeutet, sondern einen Zeitraum von unbekannter Länge. Die Tatsache schrecklicher Gerichtsstrafen bleibt bestehen. Die entscheidende Frage ist, ob diese Strafen endlos sind. Das muss nach dem Wortlaut der Bibel verneint werden. Der Begriff’ “ewig” im Sinne von endlos ist einfach nicht biblisch.
Wem würde eine ewige Strafe nützen? Ist es denn wirklich erforderlich, dass die Geretteten bis in alle Ewigkeit vor Augen haben müssen, wie furchtbar es den Ungläubigen und Abgefallenen ergeht? Ich stelle mir in meiner Phantasie den Zustand in der Ewigkeit vor. Von Zeit zu Zeit, nach einem Äquivalent von Millionen Jahren, werfen wir dort einen Blick in die Gegend, wo sich das feurige Gefängnis der Ungehorsamen befindet, und stellen fest: “Aha, die schmoren und qualmen immer noch. Na ja, das geschieht denen aber auch recht. Wie erhebend! Was sind wir doch dagegen für Kerle! Wir haben die unfassbar große liebe Gottes erfahren dürfen. Wir haben zwar auch nicht viel dazu getan, aber uns war Gott wenigstens so gnädig, dass Er uns vor diesem schrecklichen Los bewahrt hat.” Dann wenden wir uns wieder unbeschwert dem Studium der wunderbaren, harmonischen, himmlischen Lobgesänge zu. — Und das alles hört nie, niemals auf — eben in alle Ewigkeit …?
Strafe und Erziehung wird sein, das steht klar in der Bibel. Und ich muss auch vorsichtig sein, dass ich nicht mein menschliches Denken mit dem Denken Gottes verwechsle. Seine Gedanken sind unendlich viel höher als menschliche Gedanken (Jes. 55, 8.9). Aber Gott ist nicht grausamer, als Menschen sein können. Darum hat Er sich auch selbst die Vergeltung vorbehalten (Röm. 12, 19). Und Sein Wort gibt uns doch etwas Einblick in Seine Gedanken.
In unserer Bibel steht: “Er erbarmt sich aller Seiner Werke” (Ps 145, 9). Sagte nicht Paulus in Röm. 11, 32: “Denn Gott hat alles (and. Lesart: das All) einbeschlossen in den Ungehorsam, damit Er sich aller erbarme”? — “Gott will, dass alle Menschen gerettet werden” (1. Tim. 2, 4), und der Herr “will nicht, dass jemand verloren werde” (2. Petr. 3, 9). Will Er, aber kann Er nicht? Doch, Er kann! Gott kann sogar, was niemand sonst kann: Gott kann auch von den Toten erwecken (Hebr. 11, 19).
Die Gerichteten im Feuersee müssen einen “zweiten Tod” erleiden. Das soll wohl sagen, dass sie in völliger Gottesfeme existieren müssen. In Offb. 14, 10.11 lesen wir nicht nur vom Feuergericht, sondern auch von einer “ewigen” Qual. Wer wirklich tot ist, kann keine Qual mehr empfinden; also müssen sie noch eine Art Leben in sich haben. Doch wie das auch sein mag, Gott kann von den Toten erwecken. Er kann Menschen unversehrt aus dem Feuer herausholen, wo alles andere verbrennt (Dan. 3, 19-27). Es besteht kein Zweifel, dass Er auch noch solche aus dem Feuer holen kann, die dort bereits schwerste Brandfolgen erdulden mussten. Diese werden sicherlich so etwas wie “Brandmale” an sich tragen, die sie nie mehr verlieren werden. Daran wird man sie klar von denen unterscheiden, die nicht in solches Gericht gekommen sind. Aber wer lange genug an solcher Stätte der Strafe und Läuterung ausharren musste, wird wohl nicht mehr gezwungen werden müssen, sich dem Herrn des Alls zu unterwerfen. Das tut er spätestens dann, wenn Er dessen unendliche Liebe und Barmherzigkeit erkannt und an sich selbst erfahren hat. Er wird zwar nicht teilhaben an dem “Erbteil der Heiligen im Licht”, er wird den Erlösten keineswegs Konkurrenz machen. Doch Gottes Schöpfung ist groß und weit genug, so dass es für ihn irgendwo einen Platz und eine Aufgabe geben dürfte, wo er sich im Frieden (schalóm) nützlich machen kann. Er wird dann viel Grund haben, Gottes Gerechtigkeit und Erbarmen zu rühmen. Das sind freilich nur meine menschlichen Vorstellungen, keine Bibelworte. Die Bibel sagt bekanntlich, dass Gott Ihm (dem Sohn) alle Feinde unter Seine Füße legt, dass der letzte Feind, der vernichtet wird, der Tod ist, und dass am Ende Gott alles in allem (pánta en pặsin) sein wird (1. Kor. 15, 25.26.28). Beurteilen Sie selbst, ob meine Gedanken da so ganz aus der Luft gegriffen sind.
In Kol. 1, 20 steht, dass Christus alles mit sich versöhnt hat, indem Er Frieden gemacht hat durch das Blut Seines Kreuzes, und das gilt für das, was auf Erden ist, wie auch für das, was im Himmel ist. Wir können die Wirkung des Blutes Christi nicht groß genug einschätzen. Wenn Er dadurch Frieden macht, so stellt Er den ursprünglichen Zustand der Schöpfung wieder her, Er macht alles wieder heil. Das sind natürlich zunächst die Bevorrechtigten, die Sein Blut jetzt schon für sich angenommen haben und wirken lassen. Das wird auch einmal Israel sein, wenn es endlich erkennt, wen es damals durchbohrt hat (Sach. 12, 10), und seinen Messias annimmt. Aber damit ist die Heilsgeschichte noch nicht zu Ende. In den kommenden Äonen ist noch Spielraum für die liebe Gottes und für das Ziel der großen Versöhnung: alles dahin zu bringen, dass es “in Christus” (nämlich eis autón) ist, damit Er das Reich (oder die Herrschaft) Gott, dem Vater, übergeben kann, nachdem Er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt (der widergöttlichen Wesen) vernichtet hat (1. Kor. 15, 24).
(Quelle: Mir unbekannt)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 