Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Barmherzigkeit Gottes

Autor: Krafzik. J.  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre  |  644 x gelesen

(Predigt in der “Gemeinde unter Gottes Wort”, München, sowie im Rahmen einer Versammlung der “Christlichen Allianz” in der EMK Wuppertal-Elberfeld, 2007)

“Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten” (Psalm 103, 8-13).

Liebe Geschwister! Wir haben heute ein großes und wunderbares Thema vor uns, das so reich an Herrlichkeiten und voll der Größe Gottes ist, dass ich es in der Kürze der Zeit natürlich nicht umfassend behandeln kann. Dennoch tut es gut, sich immer wieder einen der wundervollsten Wesenszüge unseres himmlischen Vaters vor Augen zu führen und sich damit zu beschäftigen. Ist dieser Wesenszug doch grundlegend für unser heutiges Hiersein, grundlegend dafür, dass wir als die herausgerufene Gemeinde überhaupt existieren und uns mit Seinen, mit unseres Vaters Gedanken beschäftigen können.

Wenn wir erfahren wollen, was und wie Gott wirklich ist, wie Er handelt und wie Seine Wege mit uns, mit Israel und allen Völkern sind, nutzt es uns nichts, die Welt anzusehen und um Rat zu fragen. Seit dem Fall des Menschen ist dessen Sicht und Kenntnis von Gott getrübt und grundschief. Der religiöse und ideologische Markt der Möglichkeiten bietet dem Fragenden eine schier unbegrenzte Auswahl an Gottesbildern und lässt den Suchenden deshalb letztlich allein. Sich in diesem Chaos zurechtzufinden ist nicht möglich, geschweige denn zu dem wahren und einzigen Gott durchzudringen. Die Gottesbilder und -vorstellungen, die hin und her kursieren, sind kaum aufzuzählen, so verschieden und vielfältig sind sie. Welches davon ist wahr? Welches ist geeignet, mir eine echte Vorstellung von Gott — welchem Gott? — zu machen? Ist es das, was meinem Seelchen, meinen Wünschen und stillen Hoffnungen am ehesten entspricht? Oder ist es das, was mir sonst irgendwie am besten in meinen Kram passt — meinem Denken, meinem humanistischen Weltbild, meiner ideologischen Prägung am nächsten kommt?

Ich erzähle Euch ja nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, dass der Weg sämtlicher Religionen dieser Welt immer von unten nach oben zu gehen sucht. Also: der Mensch mit seiner Erziehung, seiner Prägung, seiner Vorbelastung und seelischen Entwicklung sucht in irgendeiner sich selbst reflektierenden, oder besser: sich spiegelnden Weise seinen Gott. Die gesamte Kultur, in die ich hineingewachsen und in der ich aufgewachsen bin, die mich umgibt und bildet, formt in aller Regel das für mich gültige Gottesbild. Mit Kultur meine ich hier nicht nur unbedingt eine mehr oder weniger zivilisatorische Volksstruktur, sondern durchaus auch die wesentlich kleineren Zellen wie Familie oder Sippe oder kleine regionale soziale Systeme.

Alle Religionen kennzeichnet, dass immer der Mensch Ausschau nach einem Gott oder mehreren Göttern hält und sich dabei in aller Regel von seinen eigenen Erfahrungen und Vorstellungen lenken lässt. Der Mensch versucht aus sich heraus zu Gott zu gelangen. Der Mensch macht sich seine eigenen Gedanken über Gott. Der Mensch legt Wesen und Gestalt Gottes aufgrund der eigenen Identität fest. —

Wie anders ist dagegen unser Gott, der Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, der Gott, den wir Vater im Himmel nennen dürfen! Und wie völlig gegensätzlich ist Sein grundlegender Weg zur Offenbarung Seiner selbst!

Wir dürfen unseren Gott erkennen, wie Er ist, weil ER SELBST sich uns zu erkennen gab. Weil ER sich dem Menschen zugewandt hat. Dieser Weg zur Erkenntnis Gottes hat also eine vollkommen andere Richtung, nämlich von oben nach unten. Und dieser Weg fand seine absolute Vervollkommnung in der Erniedrigung unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz von Golgatha! An diesem heiligen Ort stehen wir vor dem Gipfel der Selbstoffenbarung Gottes. Sein Innigstes, Seinen eigenen Sohn sandte Er aus den Himmeln herab zu uns, damit wir durch Ihn, den Sohn, Leben haben und erkennen dürfen, wer und wie ER ist. Das ist das größte Geschenk, das Gott uns machen konnte!

Aber Er sandte nicht nur Seinen Sohn herab. Auch Sein Geist wurde schon in alttestamentlichen Zeiten auf die Propheten und Gottesmänner niedergelegt, damit sie in der Erkenntnis Gottes die Dinge Gottes reden und aufschreiben konnten.

Nach der Auferstehung Jesu Christi goss Gott zu Pfingsten seinen Geist auf die versammelte Gemeinde aus, damit sie in der Erkenntnis Gottes predigen und ihre Dienste tun konnten.

Am Ende der Zeiten wird Gott noch einmal — und dann in gewaltigem Ausmaß — Seinen Geist auf die Menschen ausschütten, damit sie Erkenntnis Gottes erlangen.

Und bei uns? Uns wurde es sogar geschenkt, mit dem Geist Gottes versiegelt zu werden, in dem Er seinen Geist in uns ausgoss, damit wir Ihn erkennen, wie ER ist, und geistgefüllte Gefäße ihm zu Ehren und zu Dienste sind.

Wir sehen: Gottes Weg zur Enthüllung seines bis dahin verborgenen Wesens geschah zu aller Zeit und geschieht auch heute noch immer nur von oben nach unten, aus seiner himmlischen Welt in die irdische hinein. Indem Gott sich aufmacht und uns Seine Hand entgegenstreckt. Indem Gott sich aufmacht, sich selbst zu offenbaren.

Erst nachdem Gott von sich aus die Ihn verhüllende Decke wegnahm, können wir auf Ihn eingehen, Ihm Antwort geben, Ihn wirklich und wahrhaftig erkennen und anbeten. Und dann stellen wir auch oft genug erstaunt fest, dass Gott ja ganz anders ist, als wir es uns bisher immer dachten — und wir deshalb unsere Vorstellungen revidieren müssen. Das kann sehr schmerzhaft sein.

Denken wir nur an die kindische Allerweltsidee von einem greisen “lieben Gott”, der saft- und kraftlos im Himmel sitzt und ohnmächtig zusieht, wie der Mensch das Zepter in die Hand genommen und sich selbst zum eigentlichen Gott überhöht hat.

Oder an das Gottesbild, das — sobald wieder irgendwo ein tragisches Ereignis die Menschheit erschüttert — sofort reflexartig fragt, wie denn Gott Liebe, gut und barmherzig sein kann, wenn auf der Welt solche furchtbaren Dinge geschehen!

Der Mensch und seine Ideen von Gott! Was für traurige Zerrbilder, die überhaupt nicht weiter entfernt sein könnten von der Wahrheit, vom wahren Gott!

Wenn Gott also nicht der ist, der handelt, der sich selbst darstellt und offenbar macht, bleibt des Menschen Suchen und Überlegen immer erfolglos und maximal auf rein religiösem Boden stehen. Einem Boden, auf dem echte Gotteserkenntnis nicht möglich ist. —

Warum betone ich das zu Beginn so? — Weil wir, wenn wir uns heute mit der Barmherzigkeit Gottes beschäftigen, uns unter anderem mit Seinem Wesen beschäftigen! Da nützt es uns nichts, wenn wir uns lediglich ein paar Gedanken über Gott machen und unsere Vorstellungen von Barmherzigkeit ins Feld führen.

Wenn wir uns mit Gottes Wesen befassen wollen, also bis in Sein Innerstes vorzudringen suchen, muss unser himmlischer Vater selbst uns die nötigen Einblicke schenken. Er muss uns durch den in uns wohnenden Heiligen Geist das Herz aufschließen für das, was Er uns zu sagen hat. Kurz: Gott selbst muss hier und jetzt in und an uns handeln und eventuell vorhandene religiöse Denkmuster zerstören, damit wir nicht ins Leere laufen und in weltliche Philosophie abgleiten.

Das ist mir sehr, sehr wichtig! Denn nichts ist schlimmer, als eine sich im Herzen festsetzende Karikatur Gottes.

Damit das nicht geschieht halten wir uns an die Informationsquelle Nummer 1: das gottgehauchte, niedergeschriebene Wort Gottes. Schauen wir uns also an, was wir hieraus über die Barmherzigkeit Gottes erfahren. —

Wenn wir die Schrift aufschlagen, finden wir unzählige Schriftstellen, in denen die Worte “Barmherzigkeit”, “barmherzig” oder ihre Entsprechung “Erbarmen” vorkommen. Dabei fällt auf, dass — sagen wir 98 % dieser Substantive und Attribute direkt Gott betreffen. Und das in zweierlei Hinsicht:

Zum einen beschreibt und bezeugt die Bibel damit eine herrliche Ausprägung Seines Wesens, und zum zweiten weist sie uns auf ein sich durch die ganze Schrift ziehendes Handeln Gottes hin.

1. Barmherzigkeit als Wesen Gottes

Paulus schreibt in seinem herrlichen Gemeindegebet in Epheser 3:

“Mithin beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, nach dem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde genannt wird, dass Er euch gebe — dem Reichtum Seiner Herrlichkeit entsprechend — durch Seinen Geist in Kraft standhaft zu werden am inneren Menschen, damit Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, erstarken möget, um mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe ist — um auch die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen — damit ihr zur gesamten Vervollständigung (Fülle) Gottes vervollständigt werdet.

Der Apostel betet hier also für die Gemeinde, dass unser Herr durch Glauben in unseren Herzen wohne, damit wir fest verankert seien in der Liebe Gottes und so befähigt werden, Gott den Vater sowie Christus den Sohn im Vollumfang zu erkennen. Vollständige Gottes- und Christuserkenntnis ist das Ziel für uns, für die Gemeinde Seines Leibes. Und noch mehr: dass wir zu derselben Fülle Gottes vervollständigt werden! Was für eine unerhörte Perspektive!

Doch nicht nur Paulus spricht davon. Auch Johannes schreibt in seinem ersten Brief (1. Johannes 3, 2):

“Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.”

Es handelt sich beim Gebet des Paulus also nicht um eine Anmaßung, um etwas geradezu Ungeheuerliches, das lediglich einem religiösen Wahnsinns entsprang.

Im Gegenteil! Wir haben es hier mit einer geistlichen Wahrheit und Realität zu tun, mit einem Vollendungsziel, das der himmlische Vater in sich selbst vor Grundlegung der Welt für uns beschlossen hat und das Er deswegen auch über alle Hindernisse hinweg und alle Tiefen hindurch mit uns erreichen wird.

Unser Gott ist ein Gott der Offenbarung, der Hüllenhinwegnahme, ein Gott, dessen Liebe ihn geradezu drängt, ein Gegenüber, ein DU zu haben, das ihn von ganzem Herzen wieder liebt. Liebe, echte Gottesliebe, die Agape, will sich immer ausschütten, und zwar in ihrer gesamten Fülle, in ihrem vollem Maß. Also lasst uns doch antworten auf dieses Sehnen Gottes! Lasst uns unsererseits danach streben, Ihm wohlzugefallen, Ihn zu lieben, und machen wir uns auf den Weg, Sein Angesicht zu suchen, damit wir Ihn sehen, wie Er wirklich ist! Das will Gott, liebe Geschwister! Das will Er von Dir und das will Er von mir. Das erwartet Er von uns allen, wie wir hier sitzen und … stehen. — Und darum betet Paulus!

Erkenntnis Gottes. Erkenntnis Gottes erhalten wir allerdings nur dadurch, dass wir auf Ihn sehen, der unser aller Herr ist — Jesus Christus. Denn wenn wir Ihn ansehen, schauen wir direkt in das Vaterherz:

“Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat (Joh. 12, 44+45).

“Wer mich sieht, der sieht den Vater” (Joh. 14, 8). —

Wenn wir auf Jesus sehen, sehen wir nicht nur den Vater, sondern werden zugleich verwandelt in Sein Bild:

“Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist” (2. Kor. 3, 18).

“Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern” (Röm. 8, 29).

Wir sehen also, dass die Zielerreichung, um die Paulus in seinem Gemeindegebet im Epheserbrief betet, in der Schrift mehrfach bestätigt und durch unseren Herrn Jesus Christus selbst legitimiert wird. Paulus wandelte somit absolut auf göttlichem, geistlichen Boden, wenn er darum ringt, dass wir zur gesamten Vervollständigung (Fülle) Gottes vervollständigt werden mögen.

Doch selbst wenn das Vollmaß dieses Ziels noch zukünftig ist: in diesem Prozess des Vervollständigtwerdens stehen wir schon heute. Denn seitdem der Herr uns die Gnade der Errettung aus dem Weltlauf dieser Zeit schenkte, gilt für uns, was wiederum der Apostel Paulus in Kolosser 2, 9 und 10 schrieb:

“Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.”

Und Paulus ist darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu (Phil. 1, 6).

Wir haben also an der Fülle, der Vervollständigung Gottes bereits teil. Heute schon! Das heißt unter anderem, wir können heute schon tiefe Einblicke in das Wesen Gottes tun.

Fülle und Vervollständigung sind Begriffe, die mit der Vollkommenheit Gottes zu tun haben. Wenn Gott die Fülle ist, ist Er die vollkommene Fülle. Da gibt es nichts, was fehlt. Er ist quasi ohne Fehl und Tadel, ohne Flecken und Runzel oder etwas dergleichen. Er ist vollkommen.

Und diese Vollkommenheit Gottes äussert sich in seiner Barmherzigkeit. Barmherzigkeit und Vollkommenheit bedingen einander, gehören unbedingt zusammen. Ohne das eine wäre das andere nicht möglich.

Wenn wir uns zwei Parallelstellen in den Evangelien ansehen, finden wir das bestätigt. In Matth. 5, 48 sagt unser Herr:

“Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.”

Und im selben Kontext in Luk. 6, 36 sagt Er:

“Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.”

Barmherzigkeit Gottes hat also mit Seiner Vollkommenheit zu tun!

Das hat uns doch etwas zu sagen. Wir hörten vorhin, dass Paulus darum betet, dass wir zu derselben Fülle Gottes vervollständigt werden mögen, zu derselben Vollkommenheit Gottes. Wenn das auch unser Bestreben ist, dann haben wir nun ein praktisches Übungsfeld vor uns, auf dem der Geist Gottes uns prägen und ausgestalten darf: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Interessanterweise heißt es “seid barmherzig” und nicht “werdet barmherzig”. Sind wir denn schon barmherzig? Ja, wir sind es. Denn wie wir vorhin an der Kolosser-Stelle sahen, haben wir an der Fülle Gottes bereits heute teil!

Das bedeutet, dass wir dank des uns innewohnenden Heiligen Geistes seit unserer Neuzeugung das Wesen Gottes in uns tragen. Und zwar das gesamte Wesen Gottes in seiner ganzen Fülle. Deshalb sind wir barmherzig wie Er barmherzig ist und müssen es nicht erst werden.

Allerdings ist dieses “wir sind” dennoch ein fortlaufender Prozess, der seinen Abschluss noch nicht gefunden hat. Wir stehen hier vor genau demselben geistlichen Geheimnis, das uns manchmal ein wenig Not bereitet, nämlich vor dem spannungsgeladenen

Werdet, was ihr bereits seid!

Ihr seid heilig, jetzt werdet heilig;
Ihr seid gerecht, jetzt werdet gerecht;
Ihr seid barmherzig, jetzt werdet barmherzig.

Wir sind in Christus bereits alles, was Gott selbst ist. Wir tragen das Wesen und das Bild Gottes in Christus in unserem Herzen. Deswegen liebt uns Gott so, wie wir sind. Aber wir sollen trotzdem nicht bleiben, wie wir sind. Und genau das ist der Prozess der Ausreife (Heiligung), den der Geist in uns wirken möchte. Wir sind als auserwählte und berufene Kinder Gottes heilig. Und trotzdem gilt uns der Gottesruf: Heiligt euch!

All das, was wir im Allgemeinen unter dem Begriff “Heiligung” zusammenfassen, also das Werden dessen, was wir bereits sind, kann nur gelingen, wenn wir regelrecht an Jesus kleben. Wenn wir immerzu Ihn anschauen und uns so verwandeln lassen in Sein Bild und Wesen.

Deswegen seid barmherzig, wie der Vater barmherzig ist.

Was ist Barmherzigkeit eigentlich?

Barmherzigkeit ist eine aus der Liebe erwachsende Gesinnung, die fremdes Elend, Verzweiflung und Not nicht mitansehen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Elend fremd- oder eigenverschuldet ist.

Barmherzigkeit ist mit Mitleid zwar nahe verwandt, aber Barmherzigkeit ist mehr als nur Mitleid. Sie ist das aus dem passiven Mit-leiden oder Mit-fühlen resultierende aktiv werdende Handeln, das rettende Eingreifen. Das werden wir nachher auch noch deutlicher sehen.

Barmherzigkeit ist zudem ein Geschenk, das unverdienterweise zuteil wird, wie uns unter anderem Römer 9, 15+16 mitteilt. Paulus zitiert hier aus 2. Mose 33, 19:

“Gott spricht zu Mose: ‘Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.’ So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen (Barmherzigkeit).”

Barmherzigkeit ist eine praktische Äusserung der Liebe! Einer Liebe, die nichts Schöneres kennt, als sich bedingungslos zu verschenken und auszuschütten!

Gott ist die Liebe, sagt uns 1 Johannes 4, 8 und 16. Er hat nicht nur Liebe, Er IST die Liebe höchstpersönlich. Das ist das Größte und Herrlichste, was wir über Ihn wissen. Denn wenn unser himmlischer Vater selbst DIE Liebe ist und wir Seine Kinder sind, dann dürfen wir in vollstem Vertrauen damit rechnen, dass Er uns zu aller Zeit und an jedem neuen Tag in allerhöchstem Wohlgefallen zugeneigt ist. Und dass Er uns immer und immer wieder auf’s Neue durch alle Tiefen unseres Lebens hindurchträgt. Denn:

Gott, die Liebe, ist geduldig, langmütig und gütig. Gott, die Liebe, lässt sich nicht erbittern, rechnet das Böse nicht an. Gott, die Liebe, erträgt alles, glaubt alles, erwartet alles und erduldet alles.

Auch wenn das Wort “barmherzig” oder “Barmherzigkeit” in diesen Formulierungen aus 1. Korinther 13, dem Hohelied der Liebe, nicht explizit genannt ist: all das sind auch Kennzeichen der Barmherzigkeit, die ja wie gesagt eine Äusserung eben dieser Liebe ist.

Barmherzigkeit und Liebe sind bei Gott immer unzertrennbar miteinander verbunden. Das eine geht nicht ohne das andere. Wir sehen das sehr deutlich beispielsweise Matth. 9, 13 wo Jesus sagt:

“Geht aber hin und lernt, was das heißt: ‘Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer’.”

Jesus greift hier wie so oft ein alttestamentliches Wort auf. In diesem Fall Hosea 6, 6, wo geschrieben steht:

“Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.”

Wie vorhin Barmherzigkeit und Vollkommenheit nach dem biblischen Zeugnis gleichgesetzt wurden, setzt Jesus hier die Barmherzigkeit der Liebe gleich. Und so schließt sich der Kreis immer mehr, und letzten Endes können wir die einzelnen Beschreibungen und Eigenschaften und Wesenszüge Gottes nicht mehr trennen. Sie sind alle eins. Und sie gipfeln alle immer wieder in dem einen: Gott ist die Liebe! Deswegen ist Er barmherzig.

Ja, Gott ist geradezu der Vater der Barmherzigkeit, wie uns 2. Kor. 1, 3 mitteilt und Psalm 103, 13 bestätigt:

“Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.”

Denken wir nur an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, und wir finden es auf wunderbarste Weise bestätigt, wie sehr unser Gott tatsächlich der Vater der Barmherzigkeit ist!

Er ist geduldig, langmütig und gütig. Er lässt sich nicht erbittern, rechnet das Böse nicht an. Er erträgt alles, glaubt alles, erwartet alles und erduldet alles.

Und er freut sich an der Barmherzigkeit! Wie heißt es am Ende des Gleichnisses so schön: “Und sie fingen an, fröhlich zu sein.”

Barmherzig zu sein bereitet Freude. Sie ist keine Last, sondern die höchste Wonne der Liebe! — Wie war das vorhin bei Hosea? Ich habe Lust an der Liebe! (= Wohlgefallen an der Barmherzigkeit.)

Deswegen kann Paulus in Römer 12, 8 voller Überzeugung schreiben:

“Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s in Freudigkeit.”

Der Erweis von Barmherzigkeit ist eine Freude für Gott! Vielleicht sogar die größte Freude.

Weiter erfahren wir aus der Schrift in Epheser 2, 4, dass Gott reich an Barmherzigkeit ist. Wenn wir wissen, dass der Reichtum Gottes unausforschlich ist, dann können wir daran erahnen, dass auch Seine Barmherzigkeit ohne Ende ist.

Wenn wir durch die Gnade Gottes in Christus Jesus zum Glauben kommen durften, haben wir es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, aus dem Tod in das Leben gepflanzt worden zu sein. Wir haben Leben empfangen, echtes, unzerstörbares göttliches Leben. Auch dies haben wir der Barmherzigkeit Gottes zu verdanken.

Gott ist Leben, vollkommenes Leben. Er ist der Lebendige. Wenn irgendwo echtes Leben ist, dann in Ihm und in Seinem Sohn. Nirgendwo anders finden wir die Quelle des Lebens. Johannes 5, 26 lesen wir:

“Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber.”

Und da der lebendige Gott Leben hat in sich selber, können wir nun schon erahnen, dass Seine Barmherzigkeit dem Zweck des “Leben schaffens und zeugens” dient. Paulus schreibt in der eben erwähnten Epheserstelle 2, 4+5 nicht nur vom Reichtum der Barmherzigkeit Gottes, sondern zeigt uns auch, wohin sie führt:

“Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in Sünden, mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet.”

Das ist das Ziel der Barmherzigkeit: Lebendigmachung in dasselbe Leben, das Gott und Christus in sich selber haben. Ein wunderbares Ziel eines überaus wunderbaren Gottes! Es ist immer wieder fantastisch zu sehen, wie alles, was unser Gott tut, alles, was Er in und mit Seiner Schöpfung bezweckt, an einem Punkt zusammenläuft und sich dort konzentriert: Leben!

Allein in dieser Hinsicht ist unser Gott völlig einzigartig unter allen Göttern und Götzen der Religionen. Keiner und nichts ist IHM gleich. Nur Er ist das Leben, schenkt das Leben und liebt das Leben!

Da sehen wir übrigens, wie pervertiert, widergöttlich und dämonisiert die Religion des Islam ist. Ihr könnt euch sicher noch an die Feststellung eines dieser hochrangigen Al-Kaida-Führers erinnern, die vor einigen Monaten durch die Medien ging: “Ihr liebt das Leben, wir aber lieben den Tod!” Erinnert ihr euch? — Da hat dieser Verführte in aller Kürze die ganze Wahrheit ausgesprochen und das Wesen Allahs und seiner gesamten Botschaft auf den Punkt gebracht. Er liebt den Tod!

Unser Gott dagegen liebt das Leben. Was für ein Unterschied! Einen größeren kann es gar nicht geben. Der lebendige Gott liebt das Leben so sehr, dass Er seinen eigenen Sohn auf die Erde sandte um dort zu sterben, damit alle, die an Ihn glauben, unvergängliches Leben haben! Das ist Evangelium! Und dieses Evangelium ist das Ende einer jeglichen Religion.

An dieser Stelle möchte ich langsam dazu übergehen, den zweiten Punkt in der Betrachtung der Barmherzigkeit Gottes einfließen zu lassen, nämlich die Barmherzigkeit als Handlung Gottes. Ich kann den Übergang nicht abrupt gestalten, da sich Wesen und Handeln Gottes nie voneinander trennen lassen. Sie sind miteinander verwoben, weil sich Gottes Art immer in Seinen Werken darstellt.

So musste ich mich bisher schon immer ein wenig zurücknehmen, denn in all dem Vorgenannten steckte bereits durch und durch das Wirken Gottes drin.

Wir haben bisher gesehen, dass die Barmherzigkeit Gottes Teil Seines ureigensten Wesen ist:

  • Sie ist eine vollkommene Sache — Teil Seiner Vollkommenheit.
  • Sie ist der Auswuchs Seiner übergroßen Liebe.
  • Er ist so durchdrungen von Barmherzigkeit, dass die Schrift Ihn den Vater derselben nennt.
  • Es macht unserem Vater Freude, barmherzig zu sein.
  • Die Barmherzigkeit Gottes wirkt Leben Gottes!

Und diese Barmherzigkeit bestimmt das gesamte Handeln Gottes.

2. Barmherzigkeit als Handeln Gottes

Egal, welche Schriftzeugnisse wir uns bezüglich der Barmherzig anschauen, eines fällt immer auf: Die Barmherzigkeit Gottes ist eine heilsgeschichtliche Tat in Christus. Man kann auch sagen, die Barmherzigkeit Gottes ist ein HEILSHANDELN Gottes durch den Sohn. Auch Paulus redet von der Barmherzigkeit nur in heilsgeschichtlichen Aussagen. Einige haben wir bereits gehört.

Wie das Wort “Heilsgeschichte” ja schon ausdrückt, handelt es sich dabei um das Heilswirken Gottes in dem Lauf der Weltgeschichte. Diese begann wann? — Mit der Grundlegung der Welt. Und sie endet wann? — Wenn der letzte Feind, der Tod, hinweggetan und Gott ist alles in allem sein wird.

Zwischen diesen beiden Fixpunkten, der Start- und der Zielfahne, läuft die Heilsgeschichte. Dabei herauskommen soll Heil. Heil für wen? — Für alle!

Ich setze jetzt mal voraus, dass wir alle aus der Schrift wissen, dass das Heil oder die Errettung von Menschheit und Schöpfung nicht auf einmal geschieht, sondern dass es in Etappen erfolgt:

  1. Das Heil, die Errettung, erfährt zuerst die verhältnismäßig kleine Schar der Leibesgemeinde, die ja zu dem Zweck vorab erwählt und herausgerufen wurde, um dem Heilsziel Gottes allumfassend zu dienen. Die herausgerufene Gemeinde ist darum auch diejenige, von der die früheste Erwählung bezeugt wird, nämlich bereits vor Grundlegung der Welt, also vor Beginn der Heilsgeschichte.
  2. Als nächstes ist Israel, das derzeit von Gott beiseite gesetzt ist, in seiner Gesamtheit an der Reihe.
  3. Danach sind die übrigen Völker dran und erfahren das Heil Gottes.
  4. Und zuletzt wird, wie uns die Schrift klar belegt, die ganze Schöpfung das Heil Gottes sehen und erfahren.

An jeder dieser Heilwerdungen wirkt die Barmherzigkeit Gottes maßgeblich mit. Oder besser: für das Heil der Welt ist die Barmherzigkeit die treibende Kraft im Herzen Gottes.

Wir wollen das an Beispielen für die Gemeinde und Israel sehen:

Beginnen wir bei der GEMEINDE Seines Leibes und hören wir auf Titus 3, 3-5:

“Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mancherlei Begierden und Lüsten, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst, einander hassend. Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschien, errettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes.”

Oder 1. Timotheus 1, 12-17:

“Ich danke Christus Jesus, unserem Herrn, der mir Kraft verliehen, dass er mich treu erachtet und in den Dienst gestellt hat, der ich zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war; aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben getan hatte; überströmend aber war die Gnade unseres Herrn mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind. Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von welchen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, damit Jesus Christus an mir als dem ersten die ganze Langmut beweise, zum Vorbild für die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben. Dem König der Zeitalter aber, dem unverweslichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit! Amen.”

Wunderbare Zeugnisse für das ins Leben rettende Wirken der Barmherzigkeit Gottes! Und in dem Timotheus-Vers sehen wir sehr schön den Zweck der Errettung des Apostels Paulus:

“Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, damit Jesus Christus an mir als dem ersten die ganze Langmut beweise, zum Vorbild für die, welche [nach mir] an ihn glauben werden zum ewigen Leben.”

Dies gilt auch für die Gemeinde, die in ihrer Gesamtheit ebenfalls der Erstling der Erretteten ist

ISARAEL:

Wenn wir den Blick nun auf das Wirken der Barmherzigkeit Gottes an Israel wenden, so finden wir in Römer 11 eine wunderbare Stelle, die gleichzeitig die wechselseitige Beziehung zwischen der Leibesgemeinde und dem Volk Israel für das Heil offenbart:

“Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Hosea 2, 18 –21:

“Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, da rufst du: Mein Mann! Und du rufst mich nicht mehr: Mein Baal! Und ich entferne die Namen der Baalim aus ihrem Mund, und sie werden nicht mehr mit ihrem Namen erwähnt. Und ich schließe für sie an jenem Tag einen Bund mit den Tieren des Feldes und mit den Vögeln des Himmels und mit den kriechenden Tieren des Erdbodens. Und Bogen und Schwert und Krieg zerbreche ich und entferne sie aus dem Land. Und ich lasse sie in Sicherheit wohnen. Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Recht und in Gnade und in Barmherzigkeit, ja in Treue will ich dich mir verloben; und du wirst den HERRN erkennen.”

Ja, Israel wird errettet durch die Barmherzigkeit Gottes. Darauf hat sich unser Gott in Seinem Wort festlegen lassen, hat uns Brief und Siegel gegeben; und so dürfen wir und darf Israel darauf vertrauen, dass Er es auch zu Seiner Zeit zum guten Ende führt.

Die Männer Gottes und Propheten des Alten Testaments wussten bereits, dass alle Gerichte Gottes getragen werden von Seiner Liebe, von Seiner Güte, von Seiner Barmherzigkeit. Deswegen harrten sie bei jeder schrecklichen Gerichtsstunde für ihr Volk auf das erlösende Erbarmen Gottes. So konnte auch der Gebetsringkämpfer Habakuk angesichts der schrecklichen Gerichte Gottes, die Israel treffen, wunderbar beten:

“HERR, ich habe deine Botschaft vernommen. Ich habe, HERR, dein Werk gesehen. Inmitten der Jahre verwirkliche es, inmitten der Jahre mache es offenbar! Im Zorn gedenke des Erbarmens!

Und Lukas 1, 54+55 bestätigt der Geist Gottes dem Schreiber des Evangeliums diese göttliche Wahrheit:

“Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.”

Über Israel, so schwer geschlagen und gerichtet es auch war und ist, steht zu aller Zeit das Wort seines herrlichen Gottes: Ich gedenke im Zorn meiner Barmherzigkeit und helfe dir, Häuflein Israel wieder auf! —

Es ist völlig gleichgültig, welche dieser beiden Körperschaften (Gemeinde oder Israel) wir uns ansehen. Bei allen handelt Gott letztlich gemäß Seines Wesens. Er kann nicht anders! Alle sind eingebettet in Seine aus der Liebe entspringenden Barmherzigkeit. Wie auch immer die Wege jeder einzelnen sein mögen: Gott fängt sie alle auf und führt sie Seinem großen und herrlichen Ziel entgegen!

Bei Gott ist keine Veränderung des Wesens. Er liebt bedingungslos. Er erbarmt sich grenzenlos. Deshalb gilt Seine Barmherzigkeit auch für die gesamte Menschheit und Schöpfung.

Alle sind vor Gott schuldig geworden und dem gerechten Gericht Gottes verfallen, ohne Ausnahme. Sowohl wir als auch Israel als auch alle Völker. Aber so, wie Licht am hellsten erstrahlt, wo Finsternis ist, so erweisen sich Gnade und Barmherzigkeit am strahlendsten dort, wo Schuld und Gericht vorliegen.

Gott wird wegen Seines Wohlgefallens an Barmherzigkeit niemals unaufhörlich richten und strafen. Im Zorn gedenkt Er des Erbarmens und Seine Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht (Jak. 2, 13). Sowohl bei uns als auch bei Israel und auch bei allen übrigen. —

Jetzt könnte man natürlich fragen: Ist Barmherzigkeit nicht etwas zutiefst Ungerechtes? Genauso wie Gnade? Oder wie Paulus in Römer 13 an einer Stelle (Vers 13) fragt:

“Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott?”

Wir antworten wie er geantwortet hat: Das sei ferne! – Und zwar aus folgenden Gründen:

1.) Erbarmen und Barmherzigkeit schließen ja ein Gerichtetwerden nach den jeweiligen Werken niemals aus!

Gericht muss sein wegen der Übertretungen und wegen der Forderungen des Gesetzes. Wir wissen, dass das Gesetz sehr hart und unbarmharzig ist. Beispiel: Hebr. 10. 28:

Hat jemand das Gesetz Moses verworfen, stirbt er ohne Barmherzigkeit auf zwei oder drei Zeugen hin.

Aber wir wissen auch, dass das Gericht nicht das Letzte ist. Im Gericht kommt die Barmherzigkeit Gottes zum tragen. Und das gilt für alle.

2.) Und das ist das Wesentliche:

Wir sagten vorhin, dass die Barmherzigkeit eine heilsgeschichtliche Tat in Christus ist. Sie geschieht also immer nur in Christus und wegen Christus. Wäre unser Herr niemals auf dieser Erde erschienen, es gäbe keine Grundlage für die gerechtfertigte Barmherzigkeit Gottes.

Alles, was in den vergangenen Tagen der Heilsgeschichte bis hinein in die neutestamentliche Zeit der Evangelien unter der Erde, auf der Erde und in den Himmeln geschah — völlig gleich, was es war —, führte direkt zu Jesu Passion und schließlich zu Seinem Tod und Seiner Auferstehung. Die alte Weltgeschichte lief auf diesen einschneidenden, alles entscheidenden Punkt, diesen Kairos Gottes zu!

Zum Kreuz hin verdichtete, zentrierte sich die Heilsgeschichte, und nach dem Kreuz entfaltet sich dieselbe Heilsgeschichte! Hat sie vorher quasi den Atem angehalten resp. stockte ihr der Atem, als der Sohn Gottes am Schandpfahl hing und es plötzlich ganz ruhig wurde und der Himmel sich verdunkelte, so atmet sie nach dieser erschütternden Heilstat Jesu regelrecht auf und durch. — Jetzt kann das Heil Gottes wie ein immer breiter werdender Strom in den gesamten Kosmos überfließen und alle seine Bewohner therapieren.

Die Mitte, das Zentrum der Heilsgeschichte aber ist und bleibt das Kreuz von Golgatha. Dieses Kreuz ist der Grund, weshalb die Barmherzigkeit Gottes eine gerechte Sache ist, und keine ungerechte. Denn an diesem Kreuz trug der Herr Jesus Christus alle Schuld aller Menschen aller Zeiten und starb an dieser Schuld. — Damit ist sie für immer getilgt, und die gesetzlichen Forderungen und Rechtsansprüche an die schuldig gewordene und noch schuldig werdende Kreatur sind restlos befriedigt. Durch Seinen Tod am Kreuz hat der Herr alle Bedingungen des gerechten Gesetzes erfüllt. Unter anderem deshalb ruft Er kurz vor Seinem Tod aus: ES IST VOLLBRACHT!

Gott wurde durch dieses stellvertretende Sterben Seines über die Maßen geliebten Sohnes und der daraus resultierenden Befriedigung sämtlicher Gesetzesansprüche die juristische Freiheit eröffnet, Seine Barmherzigkeit überall, jederzeit und an jedem Seiner Geschöpfe walten zu lassen. Denn für Gott gilt selbstverständlich ebenso, was Paulus proklamiert:

“Mir widerfahre es nicht, gerühmt zu werden — es sei denn um des Kreuzes meines Herrn Jesu Christi willen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt” (Gal. 6,14).

Ja, auch unserem Vater-Gott ist die Welt gekreuzigt, und das genaugenommen nicht erst seit Golgatha! Gott lebt ausserhalb jeglicher Zeit und ausserhalb der räumlichen Dimensionen, die allesamt ja nichts weiter als Gegenstände Seiner Schöpfungskraft sind. So wenig wie sich ein Töpfer in seinen von ihm erzeugten Gefäßen bewegt, so wenig bewegt sich Gott innerhalb Seiner Gefäße Raum und Zeit.

Für Gott ist Vorgestern, Gestern, Heute, Jetzt, Gleich, Morgen, Übermorgen, in 100 oder 1000 Jahren exakt dasselbe. Was für mich als Mensch morgen ist, ist für Ihn gestern — und gleichzeitig heute. Verstehen wir? Gott ist nicht den kosmischen Zwängen unterworfen

Und so ist der Sieg von Golgatha für Gott kein vergangener Sieg, sondern — egal, wie viel Uhr es irgendwo auf der Welt ist oder welches Jahr man gerade schreibt oder in welchem Jahr tatsächlich nach unserer Zeitrechnung der Herr am Kreuz ausgehaucht hatte — für Ihn ist der Sieg von Golgatha immer ein aktuell gegenwärtiger Sieg. Dieser Sieg liegt einfach vor Gott. ES IST Sieg! Immer!

Deswegen lautet der treffendste Name Gottes, der Name, mit dem Er sich selbst vorgestellt hat: JAHWE / Jehova — Gott IST! Ich bin, der ich bin. Ich bin der Seiende. Ich bin, der da ist. Ich bin. — Unser Gott ist. Immer!

Und so können wir vielleicht ansatzweise verstehen, dass für Gott immer Rettungszeit ist, immer Zeit für Seine herrliche Barmherzigkeit. Und dass Er deswegen immer gerecht handelt, wenn Er Barmherzigkeit erweist.

Ohne das Kreuz von Golgatha wäre Barmherzigkeit Ungerechtigkeit, bzw. würde der sich als barmherzig erweisende Gott ungerecht handeln. So aber kann niemand an Gott herantreten und beispielsweise sagen: Wie, Du schenkst diesem oder jenen Barmherzigkeit, obwohl der doch den Tod verdient hat?

Gott ist heilig; Er ist gerecht; und Er ist barmherzig.

Die Barmherzigkeit Gottes

  • ist eine vollkommene Sache — Teil Seiner Vollkommenheit;
  • ist Teil der göttlichen Weisheit von oben (Jak. 3,17);
  • ist Freude und Wohlgefallen Gottes;
  • ist der Auswuchs Seiner übergroßen Liebe;
  • wirkt Leben Gottes!
  • ist eine gerechte Herzensangelegenheit eines absolut gerechten Gottes.

Unser herrlicher, wundervoller, großer Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus

  • ist so durchdrungen von Barmherzigkeit, dass die Schrift Ihn den Vater derselben nennt.

Barmherzigkeit Gottes ist eine aus der Liebe erwachsende Gesinnung, die fremdes Elend, Verzweiflung und Not nicht mitansehen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Elend fremd- oder eigenverschuldet ist. Sie ist das aus dem passiven Mitleiden oder Mit-fühlen Gottes resultierende, aktiv werdende Handeln Gottes, Sein rettendes Eingreifen.

Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Amen!

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