Zurück zur Symbolsprache der Bibel
Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Wort Gottes (Bibel) | 1,406 x gelesenDer Sinn der Symbolsprache
Das Wort Symbol kommt von dem griechischen Verbum sym-ballein und hat die Bedeutung von zusammenfügen, zusammenschließen. In der Symbolsprache werden ein geistiger Inhalt und eine sinnhafte Anschauung miteinander verbunden, wobei die Entsprechung durch die Worte “wie” oder “gleich wie” hergestellt wird. Alles Gedachte gewinnt dadurch ganz von selbst an Plastik, Farbigkeit und Tiefe. Das Gegenteil zur Symbolsprache ist die abstrakte Rede, die auf bildhafte Veranschaulichung verzichtet. Dazu einige Beispiele!
Ein ethischer Imperativ lautet: Meide das Arge, laß dich von der Macht des Bösen nicht überwältigen! Die Symbolsprache umschreibt diese Maxime mit den Worten: “Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!” Das gnadenhafte Wunder, daß Gott für uns da sein will, kann wiedergegeben werden: Gott sagt Ja zu uns, er läßt uns gelten, wir dürfen kommen, wie wir sind. Die Symbolsprache der Bibel bezeugt die Liebeszuwendung Gottes in Bild und Gleichnis: “Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten.” — “Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.”
Die so schwer in Worte zu fassende Hoffnung auf eine Vollendung aller Dinge lautet in der theologischen Fachsprache: Wir dürfen mit Vertrauen in die Zukunft blicken. Die Johannesoffenbarung schildert die eschatologische Erwartung in leuchtenden Farben: “Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dein Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen” (1. Petr. 5, 8; Ps. 103, 13; Jes. 16, 13; Offb. 21, 2).
Weil Gott in einem Lichte wohnt, da niemand zukommen kann, darum wird die menschliche Sprache immer unzureichend bleiben, um das Wahrheitsgut der Ewigkeit adäquat auszudrücken. Das symbolische Wort aber, darin dem mythischen Erzählen von Gott verwandt und vergleichbar, erweckt Ahnungen von dem Unsagbaren, das alles Denken übersteigt. Was die Begriffe der reinen Vernunft nicht hergeben, das wird der Seele in sinnlich faßbarer Gestalt nahegebracht.
Aus dem Grund war Martin Luther ein erbitterter Gegner aller Bilderstürmerei. Er wollte im gottesdienstlichen Raum den Schmuck der Altäre, die Madonna mit dem Kind auf dem Arm, die an die Wände geschriebene Pictura der Heiligen Schrift durchaus erhalten wissen, mit der Begründung: “Wir armen Menschen müssen nun einmal in den fünf Sinnen leben und alles neben den Worten in Zeichen fassen, weil wir nichts ohne Bild denken und verstehen können. Es ist gerade der Teufel, der sich unausgesetzt darum bemüht, uns a verbo et signis abzuführen. Darum hat sich Gott uns in menschlicher Gestalt gegeben, der doch unbegreiflich gewest ist.” Ja, der Wittenberger Professor geht so weit, das er 1522 an Graf Ludwig zu Stolberg (WAB 2, S. 514, 29 f.) schreiben kann: “Wenn man die Bilder zerreißt, zerreißet man die Herzen auch mit.” Luthers Predigten, Briefe und Tischreden bezeugen zur Genüge, wie ernst es ihm damit war. Die gleiche Kraft der Anschauung begegnet uns bei Johann Georg Hamann mit der Begründung: “Sinne und Leidenschaften verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntnis und Glückseligkeit. Die Schrift kann mit uns Menschen nicht anders reden als in Gleichnissen, weil alle unsere Erkenntnis sinnlich, figürlich ist.”
Die Mannigfaltigkeit der biblischen Symbolsprache
Die Bibel ist von einem unermeßlichen, verschwenderischen Reichtum an symbolkräftigen Aussagen. Die Psalmsänger, die Propheten und Apostel bezeugen die ihnen aufgetragene Botschaft nicht in der Sprache intellektueller Abstraktion, sondern in Worten und Handlungen, die aus der Fülle des Lebens genommen sind. Auch von Jesus heißt es: “Ohne Gleichnis redete er nicht mit ihnen” (Math. 13, 34).
Ehe wir auf den Symbolcharakter der kosmischen Elemente eingehen, seien einige andere Bereiche vorangestellt, die voll durchscheinender Klarheit sind. Einen breiten Raum nimmt die Tiersymbolik ein. Während Drache und Schlange für das Prinzip des Bösen stehen, wird die Taube zu einem Zeichen des Friedens. Sie erscheint mit einem Ölzweig im Schnabel zum Erweis, das sich die Wasser der Sintflut verlaufen haben. Das Matthäusevangelium berichtet: als Jesus getauft war, siehe, da tat sich der Himmel über ihm auf und Johannes der Täufer sah den Geist wie eine Taube auf ihn herabfahren. Jesus rüstet seine Jünger aus: “Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.” Jesus wirbt um Jerusalem, “wie eine Henne versammelt ihre Küchlein”.
Als der gute Hirte kämpft er mit der Aufopferung des Lebens für seine Schafe, wenn der Wolf kommt. Er geht den Weg an das Kreuz willig und gehorsam “wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, das verstummt vor seinem Scherer” (1. Mose 8; Math. 3, 6; 10, 10; 23, 27; 1. Joh. 10, 12; Jes. 53, 7).
Der Löwe erscheint in der biblischen Symbolsprache unter dem doppelten Aspekt von reißendem Raubtier und königlichem Herrscher: “Hilf mir aus dem Rachen des Löwen”, betet der 22. Psalm. Einen der Ältesten, die vor dem Thron Gottes stehen, tröstet der Seher auf Patmos: “Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus Judas Stamm.” Den Müden und Ermatteten wird zugerufen: “Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.” Was für eine Tiernähe spricht aus all diesen Beispielen. Wie weit hat sich die Theologie der Gegenwart davon entfernt! (Ps. 22, 2; Offb. 5, 5; Jes. 40, 31).
Auch die menschliche Leibesgestalt wird in der Symbolsprache der Bibel vielfältig herangezogen, um Gottes Wesen und Werk zu veranschaulichen: “Ich danke Gott, daß ich wunderbar gemacht bin. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.” “Laß deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.” “Wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht?” Das Nachtgebet des frommen Juden lautete: “Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.” Das Magnifikat der Maria rühmt Gottes Herrschaftsmacht: “Er übt Gewalt mit seinem Arm.” Jesus verurteilt in der Bergpredigt das Schwören: “weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel.” Den Exulanten in Babylon läßt Gott durch seinen Propheten zurufen: “Ich will euch Hirten geben nach meinem Herzen,die euch weiden sollen in Einsicht und Weisheit.” In einem Hymnus des Kolosserbriefs wird Christus gerühmt als das Hauptdes Leibes. Von Gott heißt es: “Licht ist dein Kleid, das du anhast.” Von aller Kreatur gilt: “Du lässest ausgehen deinen Odem, so werden sie geschaffen. Du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden zu Staub” (Ps. 139, 16; 130, 2; 139, 7; 31, 6; Lk. 1, 51; Mt. 5, 33; Jer. 3, 15; Kol. 1, 18; Ps. 104, 2 und 29).
Die von der menschlichen Leibesgestalt gewonnenen Symbole werden vielfach als befremdlich empfunden. Es erscheint der Gottheit unwürdig und unangemessen, sie mit menschlich allzu menschlichen Prädikaten zu umschreiben. Der Philosoph Ludwig Feuerbach hat die These vertreten, an dem anthropomorphen Reden von Gott sei doch mit Händen zu greifen, daß es sich um an den Himmel geschriebene Projektionen handle, die es zu durchschauen gilt. Wie will man den Vorwurf des Illusionismus widerlegen? Es gilt sich klar zu machen: Gott ist nicht menschenförmig. Weil aber der Mensch Abbild der göttlichen Schöpfung ist, darum kann auch an seiner Gestalt Göttliches geahnt werden.
Von einer überwältigenden Fülle sind die Versinnbildlichungen der biblischen Symbolsprache, um das Geheimnis der Person Jesu zu enthüllen. Er heißt “der helle Morgenstern”, der an dem Nachthimmel der Welt erschienen ist, um den Anbruch eines neuen Tages zu verkündigen. Jesus spricht von sich selbst als Bräutigam. Joachim Jeremias hat darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Wort im alten Orient gleichbedeutend war mit dem Welterlöser, mit dem erwarteten Messias, was viele Theologen nicht zu wissen scheinen, die das Messiasbewußtsein Jesu in Zweifel ziehen. In der Sprache des Hebräerbriefs heißt Jesus “der Hohepriester”, der nicht nötig hat, zuerst für eigenes Versagen ein Sühneopfer darzubringen, ehe er stellvertretend für die Schuld des Volkes vor Gott hintritt.
Er ist das Alpha und das Omega in dem Weltenalphabet Gottes. Er hält die Schlüssel der Hölle und des Todes in seinen Händen. Er ist der Eckstein und der Schlußstein in dem Tempelbau Gottes, der seiner Vollendung entgegenwächst. Wer auf diesem Grund ruht, wird angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, mit dem Schild des Glaubens, mit dem Helm des Heils und mit dem Schwert des Geistes (Offb. 22, 16; Mt. 9, 15; Hebr. 7, 17; Offb. 1, 8 und 18; Eph. 6, 16 ff.) Die altkirchlichen Bekenntnisse von 325 und 451 (das Nicänum und das Chalcedonense) standen vor der Aufgabe, das Geheimnis der Person Jesu in den Sprachkleidern des Hellenismus auszudrücken und zu schützen. Worte wie Hypostasis und Usia erwiesen sich als dabei besonders geeignet. Sie können heute nur noch von philosophiegeschichtlich geschulten Leuten verstanden werden. Dagegen vermag die christologische Symbolsprache der Bibel überalle Zeiten hin Kopf und Herz anzurühren. Jesus Christus, der helle Morgenstern, der gute Hirte, das Lamm Gottes, das vermag jedes Kind zu verstehen.
Die Transparenz der kosmischen Elemente
Alle Elemente erscheinen in der Symbolsprache der Bibel in ambivalenter Gestalt. Sie sind Freund und Feind des Menschen. Sie können Heil und Unheil bedeuten. Das Feuer spendet Licht und Wärme, und es kann verbrennen und verzehren. Das Wasser reinigt und erfrischt, und es kann zu einer Gewalt des Todes und der Zerstörung werden. Der Wind kommt als sanftes, stilles Sausen und als Sturmgewalt, die alles einreißt. Die Erde schenkt bodenständige Festigkeit, und sie kann wanken und bersten.
Das Feuer
Das Feuer erscheint in der Bibel als machtvolles Zeichen der göttlichen Offenbarung. Gott begegnet dem Mose im brennenden Dornbusch. Er zieht seinem Volk auf der Wanderung durch die Wüste des Nachts als Feuersäule voran. Auf dem Berg Karmel haben sich Elias und die Baalspropheten versammelt. Der Prophet ruft das Volk als Zeugen auf: “Welcher Gott uns mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott. Da fiel das Feuer vom Himmel herab und leckte das Wasser im Graben.” Jeremia klagt vor Gott über die Last des zugemuteten Amtes: “Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein verzehrendes Feuer, das ich nicht ertragen konnte.” Jesus faßt den Sinn seiner Sendung in die Worte zusammen: “Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden, was wollte ich lieber, als es brennte schon.” Was Jesus auf dem Berg der Verklärung widerfuhr, wird mit den Worten geschildert: “Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und sein Kleid wurde weiß wie das Licht.” Am Tag der Pfingsten erscheinen den Jüngern Zungen, zerteilt wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeglichen unter ihnen und sie wurden voll des Heiligen Geistes.” An die Gemeinde in Laodizea ergeht die Warnung: “Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufst, was mit Feuer durchläutert ist« (2. Mose 13, 21; 1. Kön. 18, 19; Jer. 20, 91; Lk. 12, 49; Apg. 2, 3; Offb. 4, 18).
Zum Feuer gesellt sich der Lobpreis der Sonne. “Die den Herrn lieb haben, sollen sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht.” Wer in Gottes Haus Heimat gefunden hat, darf sich der Zuversicht trösten: “Gott der Herr ist Sonne und Schild, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.” Dankerfüllt dürfen sie sprechen: “Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn.” Im Blick auf die Ernte am Ende aller Tage verspricht Jesus: “Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.” Der Apostel Paulus schildert seine Bekehrung: “Als ich nach Damaskus reiste, sah ich mitten am Tage ein Licht vom Himmel, heller als der Sonne Glanz, das mich und die, die mit mir reisten, umleuchtete, so daß wir zur Erde niederfielen” (Ri. 5, 31; Ps. 84, 12 und 113, 3; Mt. 13, 43; Apg. 26, 13). Hugo Rahner, ein Bruder von Karl Rahner, hat darauf aufmerksam gemacht: es war nicht selbstverständlich, daß das Urchristentum die biblische Sonnensymbolik in seine Verkündigung übernahm. Man war ja auf allen Seiten von heidnischem Sonnenkult umgeben. Vor allem mußte Stellung genommen werden gegen die Mithras-Religion, die im Römischen Imperium besonders unter Legionären und Kaufleuten weit verbreitet war. Nach dem Urteil von Hugo Rahner war es eine vorbildliche Leistung der jungen Kirche, daß sie sich mit Eristik allein nicht zufrieden gab.
Sie brachte die Weisheit und den Mut auf, die Sonne in den christlichen Glauben heimzuholen. Wie das geschah, dafür mag der Mailänder Bischof Ambrosius als Beispiel dienen. Er schreibt: “Wenn du die Sonne siehst, dann denke an ihren Herrn! Wenn du sie bewunderst, singe ihrem Schöpfer! Wenn schon Sol so lieblich strahlt, wie gut muß erst Christus sein, die Sonne der Gerechtigkeit, der Aufgang aus der Höhe.” Der Tod Christi wurde als Sonnenuntergang interpretiert, seine Auferstehung als Sonnenaufgang. Die römisch-lateinische Kirche wählte den 25. Dezember als Festtag der Geburt Christi. Lange zuvor hatte sich die Ostkirche für den 6. Januar als Fest der Erscheinung Christi entschieden. Beide Kalenderdaten lagen in der Nähe der Wintersonnenwende. Das kosmische Schöpfungswunder und das Mysterium der Inkarnation waren hinfort einander zugeordnet. Es wurde dadurch verhütet, daß Natur und Gnade auseinandergerissen wurden. Erst das cartesianische und das idealistische Denken ließen den Bezug in Vergessenheit geraten. Wer als Theologe an dieser Stelle die Gefahr des Synkretismus heraufkommen sieht, möge bedenken, daß durch die Erwähnung des Pontius Pilatus im Apostolischen Glaubensbekenntnis der qualitative Unterschied zwischen dem zyklischen Naturablauf und dem heilsgeschichtlichen Ereignis von Golgatha durchaus gewahrt blieb.
Neben Feuer und Sonne erscheint das Licht als der Ursprung aller göttlichen Klarheit und Wahrheit. An die Schar der Vertriebenen, die an den Wassern zu Babylon trauerten, ergeht die Aufforderung: “Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.” Das Johannesevangelium, reich an hoheitsvollen Selbstzeugnissen Jesu, stellt an die erste Stelle: “Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Glaubet an das Licht, so lange ihr’s habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder werdet!” In gleicher Weise bezeugen die neutestamentlichen Briefe die Lichtmacht Gottes. “Denn Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorbrechen, der hat einen hellen Schein in eure Herzen gegeben. Ihr sollt verkündigen die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht” (Jes. 60, 1; Joh. 8, 12 und 12, 35; 1. Kor. 4, 6; 1. Petr. 2, 9).
Das Wasser
Nicht nur in der jonischen Naturphilosophie (bei Thales von Milet), auch im Alten Testament erscheint das Wasser als archaisches Geschenk. Alles Leben empfängt von diesem Ursprung her sein Bestehen. Wir, die wir das Glück haben, in einem Land zu wohnen, in dem Wasser jederzeit in Hülle und Fülle zu haben ist, wir, die wir gewohnt sind, mit dem kostbaren Naß verschwenderisch umzugehen (wer weiß, wie lange noch?), können nur von Ferne ahnen, was Wasser für Menschen in heißen Ländern für ein Segen ist. So wird der Regen im biblischen Zeugnis zum Sinnbild aller göttlichen Wohltaten.
Die Psalmen rühmen: “Bei dir ist die Quelle des Lebens. Alle meine Quellen sind in dir. Gottes Brunnen hat Wasser in Fülle.” “Der Gute Hirte weidet mich auf einer grünen Aue, er führt mich zum frischen Wasser.” Die Propheten verkünden das Heil Gottes: “Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das dürre Land. Ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von all eurer Unreinheit. Ich will meinen Geist auf meine Kinder gießen, daß sie wachsen sollen wie die Weiden an den Wasserbächen. Gleich wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein” (Ps. 36, 10; Ps. 23 und 61, 10; Jes. 44, 3; Hes. 44, 3; Jes. 55, 10).
Es fehlt aber auch nicht an der Klage: “Mein Volk tut eine zwiefache Sünde. Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch kein Wasser geben.” Der Prophet Hosea droht: “Gott wird über die, die Unrecht tun, seinen Zorn ausgießen, daß sie ihre Schuld erkennen und sein Antlitz wieder suchen. Dann wird er hervorbrechen wie die schöne Morgenröte und wird kommen wie ein Spätregen, der das Land feuchtet.”
Das denkwürdige Gespräch, das Jesus mit Nikodemus, einem Mitglied des Hohen Rates der Juden, führt, schließt mit den Worten: “Amen, Amen, ich sage dir, wenn einer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes nicht hineingelangen.” Die Frau am Brunnen von Samaria, die Jesus um einen Trunk Wasser gebeten hat, bekommt zur Antwort: “Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewig nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.”
Das Laubhüttenfest war die jüdische Erntedank-Feier, die alljährlich im Oktober acht Tage lang begangen wurde. Am letzten Tag der Festwoche füllte der Hohe Priester in der Quelle Siloa einen goldenen Krug mit Wasser, um ihn in feierlicher Prozession zum Tempel zu bringen und dort über den Altar zu gießen. Jesus nimmt den kultischen Vorgang zum Anlaß auszurufen: “Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.”
Seine stärkste Symbolkraft vermittelt das Wasser im Ereignis der Taufe. Man muß sich dazu klar machen: die Taufe war in ihrer ursprünglichen Gestalt Erwachsenentaufe. Die Kindertaufe mit einer flüchtigen Besprengung des Neugeborenen tritt erst später hinzu und vermag den ursprünglichen Sinn der Taufe nur noch unzulänglich auszudrücken. Der Täufling stieg in einen Fluß, in einen See. Das Wasser schlug über ihm zusammen. Dann tauchte der im Wassergrab Erstorbene zu neuem Leben empor. Paulus spielt auf diesen Vorgang an, wenn er an die Römer schreibt: “So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod und wie Christus durch die Herrlichkeit seines Vaters auferweckt worden ist, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln” (Jer. 2, 13; Hos. 5, 10 und 6, 3; Joh. 3, 5; 4, 13; 7, 37; Röm. 6, 4).
Der Wind
Der Wind ist das geheimnisvollste Element der Schöpfung. Er läßt sich nicht greifen: “Wer faßt den Wind in seine Hände?” (Spr. 30, 4). Im Unterschied zur Sonne, die nach ihrem Untergang allen Glanz für uns verliert, umhüllt uns bei Tag und Nacht die Luft. Wasser und Erde sind greifbare Elemente. Der Wind hat weder Gestalt noch Farbe. Der Prediger Salomonis resigniert: “Ich sah alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.” “Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie die Blume auf dem Feld. Wenn der Wind darüber weht, so ist er nicht mehr da.” Dem Propheten Hesekiel erscheint Israel wie ein Feld voller Totengebeine. Doch er bekommt den Auftrag: “Sprich zum Odem: komme herzu von den vier Winden und blase die Toten an, daß sie wieder lebendig werden.” Das Nachtgespräch, das Jesus mit Nikodemus führt, berührt nicht nur das Mysterium von Wasser und Geist. Es weist auch hin auf den Zusammenhang von dem Wehen des Windes und dem Wehen des Geistes. “Der Wind weht, wo er will, du hörst zwar sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Pneuma gezeugt ist.” Der Auferstandene erscheint im Kreis der Jünger und spricht zu ihnen: “Friede sei mit euch! Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und sprach zu ihnen: Nehmet hin den Heiligen Geist.” Am Tage der Pfingsten geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus. Der Apostel Paulus sucht in Athen die Aufmerksamkeit seiner Hörer zu gewinnen, indem er sie auf die Allgegenwart Gottes hinweist mit den Worten: “Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir” (Pred. 1, 14; Ps. 103, 15; Hes. 37, 5; Joh. 3, 7 und 20, 22; Apg. 2, 2 und 17, 27).
Die Erde
Auch die Erde als das vierte Element der Schöpfung steht unter Gottes vollem Ja. Die Psalmen frohlocken: “Die Erde ist des Herrn, und was darinnen ist. Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel, du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.” Nach dem Gericht der Sintflut bekennt sich Gott unter dem Zeichen des Regenbogens erneut zur Erde. “Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. So lange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.” Freilich, die Erdverbundenheit und die Erdgebundenheit erinnert den Menschen auch an seine Gebrechlichkeit, an seine Vergänglichkeit. Weil Adam mit Gott gebrochen hat, darum ergeht an ihn das Strafwort: “Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, von der du genommen bist. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.” So bleibt dem Menschen nur die Klage: “Ich bin ein Gast auf Erden.”
Als die Krone der Schöpfung wird dem Menschen von Gott die Herrschaft über die Erde anvertraut: “Du hast ihn zum Herrn über deine Erde gemacht, alles hast du unter seine Füße getan.” Doch stets sollte der Mensch dessen eingedenk bleiben, wie nah er mit allen Kräften der Erde verwandt und verbunden ist. Mit Christian Morgenstern sollte er sprechen: “Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier und beuge mich zu euch herunter, ihr helft mir alle drei zu mir.” Es ist unverantwortlich, wie der Mensch im technischen Zeitalter mit der Erde umgeht. Er hat den Boden vergiftet, er hat ihn bedenkenlos ausgebeutet. Wir sind an der Erde schuldig geworden. Die verwundete Erde aber schlägt auf den Menschen zurück und schaufelt ihm das Grab. Gleichwohl hält Gott an der Erde fest. Er segnet sie mit Gütern aller Art, er hat die Erde besucht, als er in Jesus Christus Mensch wurde und zuließ, das aus dem Holz der Erde das Kreuz für ihn aufgerichtet wurde. Die Bibel weiß um das Seufzen der Kreatur auf Erden. Sie richtet den Blick darum weit darüber hinaus auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde, da Gott sein wird alles in allem (Ps. 24, 1 und 104, 24; 1. Mose 8, 21 und 3, 19; Ps. 119, 19 und 8, 7; Röm. 8, 20; Offb. 21, 1).
Die Elemente im Lied der Kirche
Die biblische Symbolsprache der Elemente hat im Kirchenlied einen reichen Niederschlag gefunden (die Angabe der Lieder erfolgt nach dem Kirchengesangbuch für die Evang.-Luth. Kirche in Bayern). Die Worte Feuer, Sonne und Licht erscheinen an allen hohen Festen der Christenheit. Zu Weihnachten: “Das ew’ge Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein. Es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst. Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen!”
Zum Pfingstfest: “Güldner Himmelsregen, schütte deinen Segen auf das Kirchenfeld! Lasse Ströme fließen, die das Land begießen, wo dein Wort hinfällt. Schlage deine Flammen über uns zusammen, wahre Liebesglut, laß dein sanftes Wehen auch bei uns geschehen! Du süßer Himmelstau, laß dich in unsre Herzen kräftiglich und schenk uns deine Liebe! Du heilige Glut, süßer Trost, nun hilf uns fröhlich und getrost in deinem Dienst beständig bleiben! Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit. O, daß dein Feuer bald entbrennte, o möchtest doch in alle Lande gehn! Ich danke dir, du wahre Sonne, daß mir dein Glanz hat Licht gemacht. Ich danke dir, du Himmelswonne, daß du mich froh und frei gemacht” (15, 4; 32, 5; 28, 3; 107, 4 und 5; 103, 6; 98, 3; 218, 1; 216, 2; 254, 5).
Solarer Glanz liegt über vielen Morgen- und Abendliedern. “O Gott, du schöner Morgenstern, gib, was wir von deiner Lieb begehren, all dein Licht zünde in uns an! O klare Sonn’, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern. Am Abend: Der Sonne Licht uns jetzt gebricht, o unerschaffne Sonne, brich mit deinem Glanz hervor uns zur Freud und Wonne! Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht, des Tages Feind. Fahr hin, ein’ andre Sonne, mein Jesus, meines Geistes Wonne, gar hell in meinem Herzen scheint.”
Um den Segen des Wassers bitten Lieder zur Advents- und Pfingstzeit: “O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab vom Himmel fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus! Du süßer Himmelstau, laß dich in unsere Herzen kräftiglich und schenk uns deine Liebe!” Der Wind wird zum Zeichen, daß wir seiner in Zeit und Ewigkeit bedürfen: “Du Atem aus der ew’gen Stille, durchwehe sanft der Seele Grund! Laß deinen Odem wehen, bis auf der finstren Erden die Toten auferstehen.”
In dem Lied “Gott ist gegenwärtig” hat Gerhard Tersteegen die Vielzahl der Elemente in wunderbarer Weise zusammengebündelt: “Laß dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte! Luft, die alles füllet, drin wir alle schweben, aller Dinge Grund und Leben. Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk mich in dich hinunter.” Auch an Angelus Silesius mag erinnert werden: “Wenn du den Schöpfer hast, so läuft dir alles nach, Mensch, Engel, Sonn und Mond, Luft, Feur, Erd’ und Bach.” Es lohnt sich, im Gesangbuch den Lobpreis der kosmischen Elemente zu entdecken (336, 3; 361, 2; 5, 2 und 5; 103, 6; 128, 5 und 6).
Die Symbolsprache kann man lernen
Von Erich Fromm stammt der Ausspruch: “Ich halte die Sprache der Symbole für die einzige Sprache, die jeder Mensch lernen sollte.”
Die kosmischen Elemente bleiben in ihrer Pracht und Macht alle Zeit wirksam. Aber sie haben für das moderne Zeitempfinden ihren metaphysischen Glanz verloren. Sie sind nicht mehr Ausdruck göttlicher Schöpfungsherrlichkeit. Die Herzen werden nicht mehr angerührt, wenn ihre Namen in Predigt, Liturgie und Kirchenlied erklingen. An die Stelle getreten sind Veranschaulichungen aus der Welt der Technik. Glauben heißt: bei Christus tanken. Um den Namen Gottes zu vermeiden, spricht man von dem Chef im Himmel. Da ein Großstadtkind einen Hirten, der seine Schafe weidet, kaum mehr zu sehen bekommt, möge es lieber sprechen lernen: Der Herr ist mein Pilot, mein Busfahrer, mir wird nichts mangeln.
Wie läßt sich ein neuer Zugang zu der Symbolsprache der Bibel gewinnen? Die Erfahrung zeigt und bestätigt: auch über Jahrhunderte hinweg vermag der Sonnengesang des Franz von Assisi Menschen zu ergreifen: “Gelobt seist du, Herr, mit allen Wesen, die du geschaffen, der edlen Herrin vor allem, Schwester Sonne, die uns den Tag heraufführt und Licht mit ihren Strahlen spendet; gar prächtig in mächtigem Glanze: Dein Gleichnis ist sie, Erhabener. Gelobt, seist du, Herr, durch Bruder Wind und Luft und Wolke und Wetter, die sanft oder streng, nach deinem Willen die Wesen leiten, die durch dich sind. Gelobt seist du, Herr, durch Schwester Quelle, wie ist sie nütze in ihrer Demut, wie köstlich und keusch! Gelobt seist du, Herr, durch unsre Schwester, die Mutter Erde, die gütig und stark uns trägt und mancherlei Frucht uns bietet mit farbigen Blumen und Matten.”
Um die verlorene Symbolsprache wieder zu verlebendigen, empfiehlt es sich, nicht so sehr bei den Philosophen, dafür um so mehr bei großen Dichtern wie Goethe, Stifter, Hölderlin und Rilke in die Schule zu gehen. Viel zu lernen ist bei Bachofen und Kerényi, bei Mircea Eliade und bei Carl Gustav Jung. Die katholische Kirche besitzt in Hugo Rahner, Alfons Rosenberg und der Benediktinerin Photina Rech hervorragende Interpreten.
Innerhalb der evangelischen Theologie hat es länger gedauert, bis sich ebenfalls hilfreiche Fürsprecher gefunden haben. Die Zurückhaltung ist insofern überraschend, als “die Kirche des Wortes” von ihrer Geburtsstunde an mit den biblischen Texten ja unmittelbar vertraut war. Doch darf man nicht vergessen, das es seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts innerhalb des Protestantismus zu einer weitreichenden Umformung des Christentums durch den Geist der Neuzeit gekommen ist, der aller sinnhaften Sprache mißgünstig gesinnt war. Doch seit der Mitte unseres Jahrhunderts meldet sich auch in den Reihen der evangelischen Theologie ein vielstimmiger Chor.
Innerhalb der älteren Generation verdienen Paul Tillich und Wilhelm Stählin genannt zu werden. Nach der Schau von Tillich wohnt jedem Symbol, das Geistiges und Sinnliches zu einer Einheit verbindet, eine geheimnisvolle Macht inne. Das Symbol fasziniert durch seine Anschaulichkeit und weist doch weit darüber hinaus. Darum drückt sich religiöse Wahrheit von jeher am liebsten in der Symbolsprache aus. Sie kann durch philosophische oder theologische Begriffe niemals zureichend ersetzt werden. Wilhelm Stählin hat darauf aufmerksam gemacht: es gilt zu unterscheiden zwischen Symbolen, die keiner Auslegung bedürfen, weil sie von jedermann verstanden werden, und es gibt Symbole, die ohne hermeneutische Übersetzung stumm bleiben. Christus als das A und O setzt zur Kenntnis voraus, daß das griechische ABC mit einem Alpha beginnt und mit einem Omega schließt. Wer kein Griechisch kann, vermag nicht zu begreifen, wie der Fisch auf urchristlichen Darstellungen zum Symbol werden konnte. Das griechische Wort für Fisch heißt Ichthys. Diese sechs Buchstaben in ebenso viele Worte verwandelt, ergeben das verschlüsselte Bekenntnis: Jesus Christus, Gottes Sohn, Weltheiland. Ein jüdischer Leser, der mit dem israelitischen Opferkultus vertraut war, konnte sich unmittelbar angesprochen fühlen, wenn Jesus im Brief an die Hebräer als der wahre Hohe Priester verherrlicht wird. Nichtjüdische Leser dagegen mögen sich, damals wie heute, schwer tun, einen Zugang zu dieser Veranschaulichung zu finden.
In der darauffolgenden Generation haben sich drei evangelische Theologen um die Wiederbelebung der Symbolsprache besonders verdient gemacht. Hans Jürgen Baden hat unter dem Titel “Die Farbe Gottes” eine kosmische Theologie erscheinen lassen. Er beklagt: die landläufige Theologie kennt nur noch einen personalen Bezug zwischen Christus und der gläubigen Seele. Die Schöpfung mit ihrem überquellenden Reichtum an Farben und Gaben bleibt dabei ausgeschlossen. Der Mensch steht in einer nahezu tragischen Isolierung innerhalb des Kosmos. Wohl fluten alle Elemente beständig durch uns hindurch, aber die nahe Verwandtschaft wird nicht mehr empfunden. Es gilt, sich wieder einzuüben in dem Umgang mit der Natur, von der wir uns so weit entfernt haben. Wir brauchen neue Augen, neue Ohren, neue Sinne für die Wunder der Schöpfung. Es genügt nicht, die Natur nur in der Apotheke zu kaufen. Wer sich weit öffnet für den Glanz der Sonne, für das Geschenk des Regens, für ein tiefes Ein- und Ausatmen, der bekommt dadurch auch einen neuen Geschmack für die elementaren Worte der biblischen Sprache. Jörg Zink hat sein Buch “Erde, Feuer, Luft und Wasser” mit kostbaren Bildern geschmückt. Zur Begründung weist er darauf hin: “Wir Abendländer meinen seit etlichen Jahrhunderten, die Bilder hätten keine Wirkung, und so haben wir verlernt, mit ihnen umzugehen. Es ist Zeit, die Bilder zu gewinnen. Die Zeit ist vorbei, daß wir meinen konnten, der Glaube bedürfe der Reinigung von den mythischen Bildern und ohne sie sei der Glaube angemessener zu beschreiben” (S. 61). Es gilt, den großen Gesang der Schöpfung wieder zu vernehmen und mit unserem eigenen Lied in das kosmische Te Deum einzustimmen. Es wird sich uns dann auch die Sprache Jesu in neuem Glanz erschließen.
Eine vorzügliche Leistung ist das Buch des Heidelberger Systematikers Hermann Timm “Das Weltquadrat”. Der Verfasser geht davon aus, daß uns das Quaternitätsschema in vielerlei Spielarten begegnet. Wir können denken an die vier Himmelsgegenden Nord und Süd, Ost und West, an die vier Tageszeiten Morgen, Mittag, Abend und Nacht, an die vier Lebensalter Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Greisenalter. Vor allem aber erinnere man sich an die kosmischen Elemente der vorsokratischen Philosophie. “Mag sie von der neuzeitlichen Experimentalphysik verdrängt worden sein, es lohnt sich noch immer, darauf zurückzugreifen.” Immer aber ist darauf zu achten, daß die vier Elemente in friedvoller Harmonie zusammenwirken. Wehe, wenn sich eine Kraft verabsolutiert, wenn der Wind als Orkan die Behausungen des Menschen zerstört, wenn Wasserfluten den Boden wegschwemmen, auf dem der Mensch sein Dasein fristet. Es darf kein Element vor dem anderen bevorzugt werden. Auch tragen alle Elemente in sich die Fähigkeit zum Sinnbild Göttlicher Offenbarung zu werden. Das Buch schließt mit einem Nachwort: “Vom kosmischen Defizit und wie ihm abzuhelfen sei.” Dabei kommt alles zur Sprache, was uns heute zu schaffen macht: die Ölkrise, das Waldsterben, die Vergiftung von Wasser, Boden und Luft. Logos und Kosmos müssen zueinander finden, wenn der Schaden geheilt werden soll.
Lange Zeit vor all diesen Lehrmeistern hat Goethe gewußt, daß man die Symbolsprache erlernen sollte. Er schreibt:
Schätze der Natur ergründen,
Geist mit Element verbinden
Ist’s, was ewig jung erhält.
Es gilt den vielfältigen Reichtum aufzunehmen, den Gott in der Natur ausgebreitet hat. Als der zweite Schritt hat dann zu folgen, Element und Geist miteinander zu verbinden. Auch wenn sich die utopische Erwartung einer ewigen Jugend nicht erfüllt, es wird dadurch Schaden verhütet und heilsame Belebung gefördert.
Die überzeitliche Macht der biblischen Symbolsprache
Daß sich die Bibel über allen Wandel der Zeiten hinweg in allen Völkern wirksam erweist, hat seinen Grund gewiß zuerst und zuletzt in dem Ereignis der göttlichen Inspiration. Getrieben vom Heiligen Geist haben auserwählte Zeugen in Verheißung und Erfüllung die Botschaft ausgerufen: Gott gibt seine Schöpfung nicht auf, er ist in Gericht und Gnade unablässig am Werk, sie wieder heimzuholen.
Aber das Geheimnis der Bibel besteht zugleich auch auf dem Wunder ihrer Sprache. Die großen Taten Gottes werden nicht in begrifflicher Abstraktion mitgeteilt, sondern in einer Anschaulichkeit von unvorstellbarem Reichtum. Wir haben Beispiele gebracht aus der Tiersymbolik, aus der Leibesgestalt, aus den kosmischen Elementen. Es wäre ein leichtes, diese Schau um ein Vielfaches zu ergänzen. Auch Kreuz und Krone, Kelch und Kranz, Perle und Posaune, Öl und Lampe, Ring und Spiegel, Berg und Tal, Blume und Baum werden in den Dienst der biblischen Symbolsprache gestellt. Sie alle tragen in sich die Möglichkeit, ewig Gültiges zum Aufleuchten zu bringen.
Es gibt Erfahrungen und Beobachtungen des Lebens, die uralt sind und die sich darum der Seele tief eingeprägt haben. Die dafür gültigen Worte lösen in der Psyche ganz andere Schwingungen aus, sie haften ungleich tiefer als unsere technisierte Alltagssprache. Wenn ein Mensch mich durch die Kühle seines Wesens frösteln macht, so kann ich diesen Eindruck auf eine zweifache Weise umschreiben. Ich kann sagen: er wirkt auf mich wie ein Kühlschrank oder: er wirkt auf mich wie ein Eiszapfen. Beide Worte umschreiben den gleichen Tatbestand und doch ist die Wirkung nicht dieselbe. Das Wort Kühlschrank ist noch keine hundert Jahre alt, während das Wort Eiszapfen Jahrtausende alt ist und eine ungleich stärkere Wirkung hinterläßt.
Es mag ein einziges solches Beispiel genügen, um deutlich zu machen, wie verhängnisvoll es ist, wenn wir die Symbolsprache der Bibel gering achten und uns statt dessen einer entmythisierten Ausdrucksweise befleißigen. Die Absicht eines solchen Unternehmens war gewiß gut gemeint. Es sollte die biblische Botschaft dem modernen Menschen auf diese Weise nahegebracht werden. Doch das Ergebnis konnte nur eine erschreckende Verkümmerung und Entseelung der Sprache sein. Die Menschheit unserer Tage leidet an zahllosen neurotischen Erkrankungen. Gewiß sind mancherlei Gründe dafür zu nennen. Es gehört dazu aber auch die Not, daß uns die Symbolsprache verschüttet worden ist. Es ist an der Zeit, sie wieder zu entdecken und lieb zu gewinnen.
(Quelle leider unbekannt)


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