Wann begann die Gemeinde Jesu Christi?
Autor: Knoch, Adolph Ernst | Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte | 638 x gelesenAm Kreuz war eines der Worte unseres Herrn die Bitte: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Ist dieses Gebet erhört worden? — Ja, wie jedes seiner Gebete! Die Apostelgeschichte ist die Antwort auf dieses Gebet. Gott hat ihnen um ihrer Unwissenheit willen vorläufig Vergebung gewährt. Petrus bot sie ihnen nach Pfingsten in beredten, herzlichen Worten an (Apg. 3, 17-25 u. ä.). Wie verfuhr man aber mit ihm, Stephanus und Johannes? Stephanus flehte bei seiner Steinigung: “Herr, behalte ihnen diese Sünde nicht!” Noch einmal erhört Gott dieses Gebet. Anstatt mit ihnen nach dem Gesetz zu verfahren, hat er Geduld mit ihnen, und er sucht sie von ihren bösen Wegen umzukehren. Hier haben wir einen der Schlüssel für das Verständnis dieses Buches: Die Apostelgeschichte ist die Antwort Gottes auf das Gebet des Herrn um Vergebung für seine Mörder.
Einen zweiten Schlüssel finden wir im ersten Kapitel, wo uns auch von einer Unwissenheit berichtet wird. In den vierzig Tagen nach seiner Auferstehung hat unser Herr seine Jünger eingehend über das Königreich Gottes unterrichtet (1, 3). Sie wissen also, dass dieses Königreich Israel gegeben wird. Nur eines wissen sie nicht: Wann das geschehen wird. Danach fragen sie den Herrn vor seiner Auffahrt (1, 6). Über dieses “wann” lässt er sie jedoch in Unwissenheit. Während des ganzen Buches werden wir darüber im unklaren gelassen. Für seine richtige Auslegung dürfen wir also niemals dieses Zögern Gottes mit seiner Beantwortung der Jüngerfrage aus dem Auge lassen. Erst am Ende erhalten wir die Antwort: Gott wendet sich (vorläufig) von Israel ab und den Völkern zu.
Diese beiden Schlüssel machen uns das Verständnis der Apg. verhältnismäßig leicht. Im ersten Kapitel aber sind auch vom Herrn die Wirkungskreise gezogen, in denen sich die Wirksamkeit seiner Apostel vollziehen soll: Jerusalem, Judäa und Samaria; die äußersten Enden des Landes (Vers 8). In dieser Ordnung haben sie dann auch ihre Arbeit getan; in gleicher Ordnung aber schlug ihr Zeugnis nacheinander fehl.
In Jerusalem also sollen sie mit ihrem Zeugnis vom Königreich beginnen, zuvor aber daselbst ihre Ausrüstung mit der “Kraft aus der Höhe” (Luk. 24, 49) für ihre Zeugenschaft erwarten. Nach 3. Mose 23, 9-15 mußte der Priester an dem Tage, der der Auferstehungstag geworden ist, die “Erstlingsgarbe” vor dem Herrn “weben” (hin- und herschwenken), gleichsam als das Zeichen der Auferstehung. Fünfzig Tage später fand das Fest statt, das nach und nach von “fünfzig” seinen Namen “Pentekoste”, Pfingsten, erhalten hat. Was geschah nun an Pfingsten? Nach fast allgemeiner Annahme hätten die Jünger damals den Geist Gottes empfangen und wären damit zu der Gemeinde Gottes dieses Zeitalters, zu dem Leib Jesu Christi getauft worden. Nach Joh. 20, 22 aber hatten sie den Heiligen Geist schon fünfzig Tage vorher vom Herrn empfangen. Ein zweiter Empfang war aber demnach nicht nötig. Sie wurden jetzt vielmehr mit den “Kräften des zukünftigen Äons” (Luk. 24, 49; Hebr. 6, 5), des Königreichs Jesu Christi, des Milleniums, ausgestattet. Welche Wirkung hatte der Kraftempfang bei ihnen?
Sofort beginnen die Jünger mit ihrem Evangelium vom Königreich vor der zusammenströmenden Menge, die aber nur aus Juden, Angehörigen Israels, wenngleich in aller Welt wohnend, bestand (2, 8-11). Die Heiden waren hier ausgeschlossen. Das gleiche gilt von dem gesamten Dienst in Jerusalem.
Die “Griechen” von Apg. 6, 1 (nach dem Urtext: “Hellenisten”) waren außerhalb Israels geborene Volljuden, die die griechische Sprache und Sitten angenommen hatten. Weder Petrus noch die anderen Jünger dachten daran, anderen als ihren Volksgenossen das Evangelium zu verkündigen. Auch Stephanus verhandelte nur mit reinblütigen Juden (”Libertiner” waren aus der römischen Kriegsgefangenschaft entlassene, “befreite” Juden). Als er, um ihren Einwand, warum das Volk Jesus, wenn er wirklich der Christus (Messias) gewesen wäre, getötet habe, zu entkräften, aus ihrer Volksgeschichte darlegte, dass sein Volk stets die gottgesandten Helfer verworfen hätte, steinigten sie ihn. Das war Israels Antwort auf die Gnade Gottes, die den Messiasmördern Vergebung anbot. Als sie Stephanus töteten, wussten sie, was sie taten; es geschah nicht mehr im Unwissen. Noch einmal aber ertönt der Schrei nach Erbarmen für das verblendete Volk.
Ein weiterer Mann aber war da, der nicht wusste, was er tat: Saulus von Tarsus, der am Mord mitbeteiligt war (Apg. 7, 58). Er darf schreiben: “Mir ist Erbarmen wiederfahren, weil ich es unwissend, im Unglauben tat” (1. Tim. 1, 13). Die Nennung dieses jungen Mannes ist Gottes Antwort auf den Mord des Gotteszeugen — die leise Andeutung einer neuen Bewegung, die ständig fortschreiten sollte, bis Israel zur Seite gestellt würde, der erste Hinweis auf die gegenwärtige Heilsverwaltung. So traurig auch ein solcher Anfang ist, aber Tatsache ist doch, dass die gegenwärtige Haushaltung Gottes sich gründet auf das, wovon Stephanus’ Tod zeugt: Auf den Abfall Israels. Eindringlich berichtet die Apostelgeschichte, dass die Jerusalem so gnädig angebotene Vergebung (mit der Ausnahme vieler Einzelner) beim Volk keine Buße bewirkte. Der Mord an Stephanus beweist seinen Abfall.
Gott indes geht in Gnaden weiter. Die Botschaft dauert fort, doch jetzt im zweiten Kreis, in Judäa und Samaria. Nach jenem Mord werden die Gläubigen durch eine Verfolgung zerstreut, die ihnen auf ihrer Flucht aus der Stadt folgt. Unter denen, die drohend und mordend gegen die Jünger des Herrn schnauben, tut sich Saulus besonders hervor, der Blutzeuge des Stephanus.
Das Volk Israel sollte ein Segen für alle Völker sein. Sie aber betrachteten alle Gottessegnungen als Alleinbesitz. Segensvermittler für andere wollten sie nicht werden. Das könnten sie auch nicht sein, wenn sie verworfen wären. Zwischen den Zeilen ist die jeweilige Antwort Gottes auf eine weitere Steigerung ihres Abfalls. Bei Stephanus’ Steinigung lenkte er unsere Blicke auf Saulus. Bei der Verfolgung der Gemeinden beruft er Saulus, den schlimmsten Verfolger, mit dessen Christushaß sich niemand vergleichen konnte. Gott lockt ihn außer Landes, wo er, der bitterste Feind Gottes, vor den Toren von Damaskus den Herrn Jesus zum erstenmal sehen soll. Wenn Davids Tat groß war, als er den König Saul entkommen ließ, wie wunderbar groß ist da Gottes Gnade, die seinen ärgsten Feind nicht nur schont, sondern ihn zu seinem feurigsten Anbeter und Boten macht!
Doch noch eine andere Andeutung: Vorher hatte Gott dem Gesetz gemäß ernstes Gericht gehalten über Verfehlungen in der Gemeinde — in Jerusalem. Bei Saulus, der solches Gericht ungleich mehr verdient hatte, sehen wir dem entgegen eine Enthüllung herrlicher Gnade. Und zwar wo? Außer Landes, unter Heiden, wohin die Apostel nicht gegangen wären! Damit offenbarte Gott seines Herzens Gedanken. Das ist seine Antwort auf die Verfolgung, die allzu deutlich verriet, wie Judäa und Samaria sein Angebot der Vergebung aufnahm.
Nach diesem Fehlschlag dringt das Zeugnis bis an die Grenzen des Landes. Vertriebene und Verfolgte kommen nach Phönizien, Zypern und Antiochien — Grenzländer des Landes; aber die reden nur zu den Juden (Apg. 11, 19). Gläubige aus Zypern und Kyrene jedoch gehen in Antiochien zu den “Griechen” (Vers 20). Wenn das nicht wieder griechisch redende Juden waren, wie eine alte zuverlässige Handschrift sagt, waren es fraglos Judengenossen, Proselyten —– Heiden, die Juden geworden waren wie der Kämmerer und Kornelius —, Fälle, die damals viel Verwirrung angerichtet haben — und auch heute noch. Wir wollen sie stehen lassen, wo sie sind. Beide waren Proselyten (Apg. 8, 27; 10, 2.22.33): da sind Söhne Hams und Japhets erreicht worden; aber Menschen, die dem Judentum, also Sem, zugetan waren. Darum fallen sie unter den Dienst der Beschneidung. Doch die Berechtigung dazu musste selbst von Petrus erst erkämpft werden, wie Kap. 10 zeigt. Ohne diesen Vorgang hätten wohl die Gläubigen von Apg. 11, 20 nicht wagen dürfen, ihren Dienst hier auszuführen. Doch alle diese Fälle sind nicht dem späteren Dienst des Saulus gleichzustellen. Dieser Dienst an Proselyten bis an die Grenzen des Landes dauert fort bis zu dem Wendepunkt, da Herodes den Apostel Jakobus tötet. Das war wieder eine Antwort (12, 2) auf Gottes Angebot der Vergebung in der Ausbreitung dieser Botschaft bis an die Grenzen des Landes. Wieder lautet sie wie bei Stephanus’ Steinigung: “Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche” (Luk. 19, 14). Sie verwarfen den Geist Gottes und besiegelten damit ihre eigene Verwerfung. Immer wieder wird die Ankündigung der Vergebung verworfen und die Wiederherstellung des Königreichs abgelehnt.
Gott aber beantwortet diese Ablehnung mit der Aussonderung Saulus zu einem besonderen Dienst (Apg. 13, 2). Es fehlen uns die Worte, diese Tatsache stark genug zu betonen. Er war aus den anderen ausersehen zu einem Dienst, zu dem keiner der Zwölfe Anteil hat und auch nicht dazu ausgerüstet wurde. Paulus aber blieb nicht in Antiochien, das schon an der äußersten Grenze des Landes lag, sondern er verließ das Land, um ein anderes Antiochien, in Pisidien, aufzusuchen, das gänzlich außerhalb Israels lag.
Im Äon der tausend Jahre, wenn Israel die Gnade Gottes nicht mehr abweist, sondern die Wahrheit annimmt und glaubt, wird Gott treu Erprobte aus ihnen gebrauchen, die Botschaft des Königreichs auf Erden auszubreiten. Jetzt sendet er auch einen Botschafter aus, aber keinen, der sich als treu erwiesen, sondern als der ärgste Feind Gottes gezeigt hatte, und zwar sendet er ihn uns nicht aufgrund der Treue Israels, der Annahme seines Evangeliums, sondern auf dessen Verwerfung hin.
In jenem zukünftigen Zeitalter wird Gott Boten aussenden, als Könige und Priester unter den Völkern zu walten. Paulus geht auch hinaus, jedoch nicht als König, sondern priesterlich das Evangelium zu verwalten und das Opfer der Völker Gott darzubringen (Röm. 15, 16). Er geht nach Antiochien in Pisidien und predigt dort den Juden, wobei er den Gedanken der Rechtfertigung berührt in Verbindung mit dem Gesetz (Apg. 13, 39). Als sie widersprachen, wandte er sich an die Heiden. Hier haben wir den ersten Bericht einer Verkündigung vor wirklichen Heiden, nicht vor Proselyten. Von der berührten Rechtfertigung aus war es möglich, seinen Wirkungskreis zu erweitern, gemäß der Zusage Gottes an Abraham, den er zuerst über die Rechtfertigung belehrt hatte; denn Abraham sollte ein Segen sein für alle Völker, nicht nur für das Volk Israel.
Anschließend kam es zum Apostelkonzil. Den Beschnittenen in Jerusalem kam die seltsame Kunde zu Ohren und sofort suchten sie die aus den Heiden gewonnenen Gläubigen unter die Knechtschaft des Gesetzes zu bringen, was aber misslang. Hätte man damals auf Petrus geachtet, so wären die Heiden völlig frei geblieben. Doch dem Jakobus war, anstelle des gottbestimmten Petrus, die Leitung der Jerusalemer Gemeinde übergeben worden, und er beschließt (Apg. 15, 19.20), die Heiden in Abhängigkeit von Jerusalem zu bringen und ihnen Vorschriften aufzubürden. Wie beantwortet Gott dieses Vorgehen? Er sendet den Apostel Paulus in ein völlig neues Wirkungsgebiet.
Bisher war er in Asien tätig, die Namen aus diesem Reisedienst vor seinem Schriftendienst begegnen uns aber in seinen Briefen nicht. So kommt er auch nach Lystra. Nach der Heilung des Lahmen sollen er und Barnabas hochgefeiert werden, weil man sie für Verkörperungen von Göttern hält. Kaum sind die Bewohner beschwichtigt, erscheinen Juden und bewegen sie, Paulus zu töten, der gesteinigt, aus der Stadt geschleift und als tot liegen gelassen wird (Apg. 14, 19). Das ist die Antwort, welche die Juden außerhalb des Landes Israel auf Gottes Ankündigung des Königreichs geben. In Jerusalem wird zuerst der Herr selbst ermordet, dann Stephanus; in Judäa tötet man den Apostel Jakobus, außerhalb des Landes Paulus — zumindest hatte man die ernste Absicht dies zu tun. Hier fällt die Entscheidung in der Apostelgeschichte. Wenn wir die Ereignisse recht zu deuten wissen, so schickt Gott sich jetzt an, sein Volk aufzugeben und eine neue Richtung einzuschlagen.
Man hatte in Lystra in Paulus und Barnabas Himmelsbewohner vermutet. Sehr weit gefehlt war das nicht. Paulus ließ man draußen vor der Stadt als tot liegen. Von diesem Ereignis an hielt er sich für gestorben und auferstanden. Er stand jetzt auf Auferstehungsboden. Hier war es, wo ihm die Wahrheit offenbart wurde, die er in seinen späteren Briefen niedergeschrieben hat. Es ist Gottes Art, seinen Knechten zuvor einen Einblick in seines Herzens Gedanken zu gewähren, bevor er sie in die Tiefe führt, um sie zu stärken für ihre auf sie wartenden Prüfungen, bis seine Gedanken zur Ausführung reif sind. So war es ein Trost für Joseph, sich im Gefängnis an die ihm gewordenen Gesichte zu erinnern, deren Erfüllung ihm gewiß war. Paulus schaute jenes Gesicht, von dem er 2. Kor. 12, 1-10 erzählt. Man wendet hier vielleicht ein: “Wenn Paulus damals all das verstanden hätte, was er später in seinen Briefen geschrieben hat, warum hat er es nicht sofort gelehrt?” Vergessen wir nicht, dass er Aussprüche hörte, die er nicht aussprechen durfte. Noch war Gott mit Israel nicht ganz fertig. Wenngleich Paulus die wunderbare Gnade, die er den Heiden offenbaren soll, verstanden haben wird, so lag es doch nicht im Plan Gottes, sie sofort offenbar zu machen. Lystra war Paulus Patmos, wo er in das Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Dinge sah und hörte. Als er danach gleichsam als aus den Toten erstand, hatte er eine Erfahrung hinter sich: Er betrachtete sich als einen Mann, der jenseits des Todes ein Auferstehungsleben führte.
Nach Ausrichtung der vom Apostelkonzil für die Heiden erlassenen Vorschriften, wird er in einen ganz anderen Arbeitskreis gesandt. Das Gesicht in Troas weist ihn nach Mazedonien, und so kommt er nach Philippi, Thessalonich und Korinth; und hier sammelt er eine große Gemeinde. Danach entwickelt er eine umfassende Tätigkeit in Ephesus. Und nun stoßen wir auf eine merkwürdige Bemerkung in der Apostelgeschichte, die wohl nur von wenigen gebührend beachtet wird: “Nachdem aber solches vollbracht war” (Apg. 19, 21) — “nahm sich Paulus im Geiste vor, durch Mazedonien und Achaja zu ziehen und gen Jerusalem zu gehen, indem er sprach: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen.” Was schloß die Bemerkung “nachdem aber solches vollbracht war” in sich? Wieder war ein Wendepunkt eingetreten. Vor dieser Zeit hatte Paulus priesterlich unter den Heiden gewaltet und alles mit dem Evangelium Christi erfüllt, wie er nach Rom schreibt (Röm. 15, 16-29). Dieser Dienst ist jetzt vollbracht. Nicht länger soll das Evangelium des Messias seine Aufgabe sein. Ein Wandel soll vor sich gehen. Gerade um diese Zeit schrieb er die Briefe an die Römer und Korinther, in denen er die Lehre der Versöhnung erschließt. Nicht länger soll er als Priester unter den Heiden umhergehen, weil sie Gott so nahe gekommen sind, dass sie keines Vermittlers mehr bedürfen. Israel hat seinen Platz als Priestervolk eingebüßt. Gott braucht auch den Apostel Paulus nicht mehr als Vermittler zwischen Ihm und Seinen Heiligen.
Als der Apostel in Jerusalem ankommt, sagt Jakobus zu ihm: “Bruder, du siehst, wie viele Zehntausende Juden gläubig geworden sind, und alle sind sie Eiferer für das Gesetz. Sie sind aber über dich unterrichtet worden, du lehrest alle Juden, die unter den Heiden sind, den Abfall von Moses und sagst, sie sollen ihre Kinder nicht beschneiden und nicht nach den Gebräuchen wandeln” (Apg. 21, 20.21). Auf seinen Rat hin unterzieht er sich einiger Gebräuche, die aber nicht zur Vollendung kamen, weil Gott das Volk so erregte, dass Paulus Versuch der Judaisierung misslang. Sind diese Juden die Ungläubigen aus dem Volk, welche zuvor die Jünger verfolgten? Nein. Es sind Gläubige, die in Jerusalem anwesend waren, und von denen man heute meint, sie seien der Kern der Gemeinde Jesu Christi gewesen. Diese erregten den Aufruhr gegen den Apostel! So handelte die “Pfingstgemeinde”!
Dass Pfingstgläubige bei dem Angriff aus Paulus Leben im Spiel waren, geht aus ihrem Verhalten hervor. Als Paulus zu ihnen spricht, erhebt sich kein Widerspruch, als er den Nazarener erwähnt und ihn Herrn nennt. Das hätten Ungläubige kaum hingenommen. Erst als er seine Mission an die Heiden erwähnt (Apg. 22, 11), entlädt sich ihre Wut!
Es gab schon eine Anzahl von Leuten in den Tagen des Herrn, die eine Gemeinde bildeten (Matth. 18, 17; 1. Kor. 15, 6). Diese waren der Anfang der Pfingstgemeinde, so dass an Pfingsten keine Gemeinde begann. Es war die selbe Gemeinde, die schon während des Erdendienstes des Herrn bestand und welcher ein solch großer Zuwachs beschert wurde. Diese Gemeinde aber fiel ab von der Wahrheit und wollte nicht dulden, dass die Gnade Gottes zu den Heiden käme, so dass, als der Apostel Paulus in ihrer Mitte war, sie es für das beste hielt, ihn zu töten.
Das erinnert uns an das Gleichnis des Herrn von den beiden Schuldnern (Matth. 18, 23-35). Die Gläubigen in Jerusalem waren der Knecht, dem zehntausend Pfunde erlassen waren. Sie waren schuldiger als die Heiden, denn sie hatten den Herrn gekreuzigt, wenn auch aus Unwissenheit. Dem Knecht, der seinem Herrn so viel schuldete, war alles vergeben. Und wie behandelte er seinen Mitknecht, der ihm so viel weniger schuldete? Die Pfingstgläubigen vergaßen, was ihnen der Herr in Verbindung mit dem “Vater-Unser” gesagt hatte: “Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird auch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben” (Matth. 6, 15). Sie glaubten an das Gebet des Herrn, aber es wirkte gegen sie. Anstatt den Heiden Vergebung zukommen zu lassen, wollten sie den Mann töten, der sie ihnen verkündigen sollte. So wurde denn auch wie im Gleichnis ihre Vergebung zurückgenommen. Wenn wir Hebr. 6, 4-8 nachdenkend lesen, finden wir da den Ausgang der Pfingstgemeinde.
Nach der Verstoßung Paulus durch die Gläubigen in Jerusalem tut Gott etwas Seltsames. Paulus wird mit einer Kette gebunden und ist nun ein Gefangener. Nach seinem Verhör in Judäa kommt er nach Rom – und hier vollzieht sich der endgültige Abfall Israels. Beachten wir, dass Paulus in Ephesus, dem religiösen Mittelpunkt der Völker die Versöhnung kund macht, die alle Schranken zwischen Gott und Menschen beseitigt; und später, als er in Rom war, dem politischen Mittelpunkt der Welt, die Verordnung der Apostel in Jerusalem aufhebt und das letzte Anzeichen der Vorrechte Israels für verfallen erklärt (Apg. 28, 23-28). Religiös und politisch ist Israel fortan abgetan — für jetzt. Paulus schreibt und erklärt von Rom aus die Wahrheiten, die er solange zuvor vor den Toren Lystras empfangen hatte, als er für tot dalag. Nun gibt er mehr als die Versöhnung, die Wiederversöhnung. Juden und Griechen sind beide in der einen neuen Menschheit eingeschlossen.
Aus dem Gesagten dürfen wir gewisse bestimmte Folgerungen ziehen. Die gegenwärtige Haushaltung Gottes wurde schrittweise eingeführt, in Offenbarungsstufen — je nach der fortschreitenden Beiseitestellung Israels. Dessen Ruhm verbleicht mit dem Wachstum des Dienstes des Apostel Paulus. Die erste Andeutung des Verfahrens Gottes mit den Heiden finden wir bei Stephanus’ Steinigung; eine deutlichere bei Saulus’ Berufung und eine weitere, als er von den anderen ausgesondert wird und außerhalb Israels den Heiden die Rechtfertigung predigt. Im pisidischen Antiochien wir durch den Dienst des Paulus eine Schar von Gläubigen gewonnen. Hier hat die Gemeinde begonnen. Doch damit war noch nicht die gegenwärtige Haushaltung eingeführt. Beides ist zu unterscheiden. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass die dortige Gemeinde schon im Besitz der Wahrheit war, die später offenbart wurde. In Philippi, Thessalonich und Korinth sammelte Paulus Gemeinden, die der Gemeinde des Leibes Christi angehörten. Die Gemeinde, die da ist Sein Leib, wird zwar in der Apostelgeschichte sichtbar, doch wird in diesem Buch von ihr als solcher nicht gesprochen, weil ihrer nur als im Zusammenhang mit dem Königreich gedacht wird. Die Apostelgeschichte berichtet nur, was mit diesem in Übereinstimmung steht. Die jetzige Haushaltung begann aber erst nach dem Schluß dieses Berichtes, als Paulus ein Gefangener Roms ist. Alles, was im früheren Dienst des Paulus geschehen ist, ist in der heutigen Haushaltung umgebildet und verändert. Jede verkündigte Wahrheit gewann an Glanz durch die Tatsache, dass Israel politisch abgetan und seine Herrschaft über die Gläubigen aufgehoben wurde. Nun aber werden wir in den Himmel eingeführt und alle unsere Segnungen sind himmlischer Art. Daher geraten sie nie in Zwiespalt mit den Segnungen Israels. Nun haben wir den “Leib”, doch ist ein Unterschied zwischen diesem und dem vorher vorhandenen. In dem vorherigen gab es, wie aus den Briefen an die Römer und Korinther zu ersehen ist, verschiedene Rangstufen, und eine Unterordnung bei den Gliedern, wie der Füße dem Haupt gegenüber. Nun aber gibt es einen Mitleib und alle Glieder stehen im gleichen Rang.
Der folgende Umriß fasst die “Taten” des abgefallenen Israels und die dadurch bedingten göttlichen “Gegentaten” kurz zusammen, wie sie uns von der Apostelgeschichte, die im Urtext “Taten der Apostel” heißt, berichtet wird:
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Die Taten des abtrünnigen Israels |
Die Gegentaten zugunsten der Heiden |
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Jerusalem. Mord an Stephanus. Judäa und Samaria. Verfolgung. Äußerste Teile des Landes. Jakobus. Proselyten: Kämmerer, von Ham; Kornelius, von Japhet. Lystra … Steinigung des Paulus. Apostel und Älteste erlassen Verordnungen für die Gläubigen aus den Heiden. |
Saulus bei der Steinigung in Jerusalem. Saulus berufen auf dem Weg nach Damaskus. Saulus ausgesondert. Antiochien in Pisidien. Paulus predigt den Heiden Rechtfertigung. Paulus empfängt Offenbarungen (2. Kor. 12). Paulus auf neues Arbeitsfeld gesandt: Philippi, Thessalonich, Korinth |
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Nachdem solches vollbracht war (19, 21) |
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Jerusalemische Gläubige suchen Paulus zu töten. Der Brief an die Hebräer. Israel zur Seite gestellt. |
(Lies Röm. 15, 19-22) Versöhnung. Paulus im religiösen Mittelpunkt der Welt, Ephesus. Paulus kommt in die politische Welthauptstadt, Rom. Gefangenschaftsbriefe des Paulus. Die jüdischen Verordnungen aufgehoben. Wiederversöhnung. |
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Um uns die schrittweise Einführung des Neuen besser zu veranschaulichen, sei an ein Beispiel aus der neueren Geschichte hingewiesen. Wann begannen die Vereinigten Staaten von Amerika? Die einen mögen mit deren Geschichte zurückgehen bis zur Zeit, als Diffenters aus England nach Holland kamen. Andere wiederum erblicken ihren Anfang erst in der Ankunft der “Pilgerväter” in Plymouth Rock, wo sie Freiheit hatten, ihre Gottesdienste gemäß ihrem Gewissen abzuhalten, aber noch waren sie dem König von England untertan. Dementsprechend war es bei der ersten Gemeinde. Ihre Gottesanbetung war zwar nicht von Israel abhängig, sie war aber den von Jerusalem erlassenen Vorschriften untertan. — Als aber später die Kolonien das Joch der Untertanenschaft abwarfen, begannen in Wirklichkeit die Vereinigten Staaten. Die gegenwärtige Heilshaushaltung fing erst nach dem Schluß der Apostelgeschichte an. Lange zuvor aber wurde deren Wahrheit verkündigt und die Menschheit darauf vorbereitet. In den Zeitraum von Stephanus’ Tod bis zur Gefangenschaft des Paulus fällt diese besondere Zwischenzeit.
Die Apostelgeschichte ist in erster Linie die Antwort auf die Bitte unseres Herrn: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Sodann berichtet sie ihre Antwort auf das Angebot der Vergebung, ihren wachsenden Abfall und ihre allmähliche Verwerfung. Sie unterrichtet aber auch über Gottes Beantwortung ihres Abfalls, der, anstatt eine Vereitelung seines Vorsatzes, die Völker zu segnen, zu sein, die Grundlage wird für eine unsagbar höhere Gnade für sie, welche ihnen ohne Israels Abfall niemals hätte zuteil werden können. Von dieser Gnade schreibt die Apostelgeschichte nicht in klaren Worten, doch finden sich in ihr alle ihre Anzeichen, und diese mehren sich mit dem zunehmenden Abfall Israels. Beherzigen wir es beim Lesen der Apostelgeschichte, dass Gott in seinem Verfahren mit Israel Raum schafft für die herrliche Entfaltung der Gnade, derer wir uns erfreuen und über die uns die Briefe des Apostels Paulus deutlich unterrichten, von denen einige während der Zwischenzeit geschrieben worden sind. Vollkommenen Ausdruck jedoch fand diese Wahrheit erst nach Abschluß der Taten der Apostelgeschichte, als Paulus Gefangener in Rom war. Wenn wir zum vollen Erfassen und zur vollen Würdigung der alles Denken übersteigenden Höhe und Herrlichkeit der Gnade Gottes, die uns in den Gefangenschaftsbriefen des Paulus offenbart wird, gelangen wollen, müssen wir zuvor die Apostelgeschichte schließen.
(Quelle: 1923; Unbekannt; Schriften Johannes Ullmann)


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