Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Ist der Tod die Grenze aller Gnadenfrist?

Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr.  |  Kategorie(n): Allversöhnung  |  636 x gelesen

Wir fragen: Gibt es Möglichkeiten einer Wiedergutmachung, einer sittlichen Höherentwicklung nach dem Sterben, oder muß der Tod als die Grenze aller Gnadenfrist verstanden werden? Es gibt viele Worte Jesu, die mit großem Ernst von der Tatsache eines doppelten Ausgangs, von der Möglichkeit eines ewigen Verlorengehens reden. In der Sprache der Gleichnisse ausgedrückt: Es gibt wertlose Spreu, die verbrannt wird, und wertvolles Korn, das in die ewigen Scheuern gesammelt wird. Es gibt Menschen, die wie Schafe und Böcke zur Rechten und Linken der Thronherrschaft Gottes getrennt gestellt werden. Darum sollte keiner in dieser Weltzeit die Entscheidung für Gott versäumen oder verschieben. Dieses Leben ist die große Bewährungsprobe. Wie wir hier auf Erden für oder gegen Gott Stellung genommen haben, bleibt von ewiger Tragweite.

Auf der anderen Seite wollen wir nicht verschweigen, wie groß die Schwierigkeiten werden, wenn jenseits von Grab und Tod keinerlei Möglichkeit einer Wiedergutmachung und Wandlung gelten soll. Was soll aus all den Millionen von Menschen werden, die vor Christi Geburt gelebt haben oder denen nach Christi Geburt keine Möglichkeit der Begegnung mit dem Weltheiland zuteil wurde? Da ist die heidnische Völkerwelt, die Gott jahrtausendelang ihre eigenen Wege hat gehen lassen, ehe das große Liebesangebot Gottes in Krippe und Kreuz der Menschheit aufleuchtete. Wir selbst brauchten nur in Tibet oder im Ural geboren zu sein, der Name Jesu würde uns auch heute dort kaum erreichen. Oder wie beschwert ist manche deutsche Mutter. Ihr Sohn wurde in eine antichristliche Weltanschauung, in eine germanische Nationalreligion hineingedrängt und dafür gewonnen. Zuletzt schickte man ihn als blutjungen Menschen auf die Schlachtfelder, den russischen und amerikanischen Panzern entgegen. Er ist dabei gefallen, ohne Zielfindung in einem klar gegründeten christlichen Glauben. Auf all solche Anfechtungen antwortet evangelische Verkündigung und Seelsorge mit dem Hinweis, daß Christus nach Seinem Kreuzessieg niedergefahren sei zu den Toten, um auch dort Seine Lebensherr­schaft kundzumachen, um auch dort Sein rettendes Erbarmen allen denen geschenkweise anzubieten, die sich danach ausstrecken. Gott ist ein Gott über Lebende und Tote. Darum soll sich niemand um seine Liebsten grämen, die, vor der Zeit hinweggerafft wurden, ehe sie Gott in persön­licher Gewißheit und Aneignung des Heils begegnen konnten. Für all solche Schicksale hat das Leben nach dem Tod Raum zur Heimkehr und Vollendung in Gott.*

Aber wie steht es mit denen, um die der ewige Gott in dieser Weltzeit ein Leben lang mit Einladung und Liebesangebot gerungen hat und die sich gleichwohl Seinem Bitten und Rufen, Ihm das Herz zu eigen zu schenken, beharrlich widersetzt haben? Wir empfinden wohl alle, daß es sich dabei um eine schwerere Not und Belastung handelt als im Blick auf die vor- und außerchristliche Menschheit. Denn hier tritt das Wort Jesu in Kraft: Welchem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und welchem viel anbefohlen ist, von dem wird man viel fordern (Luk. 12, 48). Gibt es auch für solche Lebensschicksale noch eine Tür, die sich öffnet?

Es hat große Gestalten in der Geschichte der christlichen Kirche gegeben, die diese Frage mit Überzeugung bejaht haben. Ein Origenes und Schleiermacher, Zinzendorf und Oetinger, Michael Hahn, die beiden Blumhardts und unser verstorbener Stuttgarter Prälat Karl Hartenstein, sie alle haben darauf hingewiesen, daß sich in der urchristlichen Botschaft doch auch herrliche Worte finden, die den allumfassenden Retterwillen Gottes uneingeschränkt bezeugen: Denn Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf daß Er Sich aller erbarme. Wie nun durch eines Menschen Sünde die Verdammnis über alle gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. Es ist das Wohlgefallen Gottes, daß durch Ihn alles versöhnt werde zu Ihm Selbst, es sei auf Erden oder im Himmel, damit, daß Er Frieden machte durch das Blut an Seinem Kreuz, durch Sich Selbst (Röm. 11, 32; 5, 18; Kol. 1, 19).

Man muß zur Ehre der Allversöhnungstheologen sagen: Sie haben bei ihrer universalen Heilsschau den Gerichtsgedanken keineswegs ausgeschaltet, sondern kräftig miteingebaut. Immer wieder wird hier betont: Wer jetzt dem göttlichen Ruf zur Umkehr und Heimkehr in Gott ausweicht, sei es aus Stolz oder Leichtsinn, wird es bitter bereuen, er wird es unter tausend Schmerzen bezahlen müssen, weil durch Aufschieben und Nachholenwollen in der Welt noch nie etwas besser geworden ist. Aber es wird gleichwohl daran festgehalten: Gott ist nicht der große Kaputtmacher, sondern der Alles-zurecht-Bringende.

Wir müssen uns damit abfinden, daß im Blick auf diese brennende und so entscheidungsschwere Frage zwei Linien durch das Neue Testament hindurchlaufen wie Parallelen, von denen die Mathematiker erklären, daß sie sich im Unendlichen schneiden. Als uns das als Kindern im Schulunterricht so gesagt wurde, haben wir uns nicht viel darunter vorstellen können. So haben wir auch als Erwachsene Mühe, die Spannung von der doppelten Wahrheit im Blick auf den Ausgang der Menschheit festzuhalten. Das Beste ist wohl, wenn wir uns zu dieser Antinomie, zu dieser Widersprüchlichkeit in folgender Weise einstellen: Solange wir an uns selbst denken, wollen wir doch nichts hinausschieben, sondern uns unter den ganzen Ernst der Christusworte stellen: “Wirket, solange es Tag ist; es kommt die Nach, da niemand wirken kann.” “Sei willfährig deinem Widersacher, solange du mit ihm noch unterwegs bist.” “Laß die Sonne nicht untergehen über deinem Zorn.” Es könnte sonst auch einmal zu spät sein (vgl. Joh. 9, 4; Matth. 5, 25; Eph. 4, 26). Wenn wir aber an all die vielen Menschen um uns her denken, die oft so vernachlässigt worden sind im Blick auf Erziehung und Betreuung, die ohne rechte Liebe, ohne Führung und Geleit aufgewachsen sind, die es so viel schwerer und härter wie wir im Leben gehabt haben, dann wollen wir uns für sie an die göttliche Zusage halten: Gott ist größer als unser Herz. Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis Seiner Wahrheit kommen (1. Joh. 3, 20; 1. Tim. 2, 4). Und was Gott will, das kann Er auch hinausführen.

Zuletzt aber wollen wir es uns doch recht gesagt sein lassen: Der Zugang zu all diesen großen Wahrheiten und Wirklichkeiten eines Lebens nach dem Tod, eines ewigen Lebens in der Gemeinschaft mit Gott wird sich uns niemals öffnen, solange wir nur in zuschauerhafter Weise darüber diskutieren. Wir müssen uns schon persönlich mit der Lebensmacht Christi verbinden und zusammenschließen. Dann dürfen wir erfahren, daß wir dadurch von einer Realität ergriffen und geprägt werden, die größer und stärker ist als all diese irdische vergängliche Welt. Christus ruft uns alle auf, die Trauer, die Schwermut, die Zweifel fahren zu lassen und Seinem Lichte zu folgen, das auch noch in die Finsternis von Grab und Tod zu dringen vermag. Wir dürfen an das Leben glauben, weil das Leben erschienen ist.


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* Anmerkung der Herausgeber: Diese sich hauptsächlich auf 1. Petr. 3, 19.20 und 4, 6 stützenden Gedankengänge werden in dem Buche “Nach dem Sterben” von D. Paul le Sour in feiner Weise erhärtet. Wir bringen aus diesem Werk zwei kurze Zitate:

Seite 76:
“Ein Einwand: Ja, Jesus hat den Toten gepredigt, aber nicht das Heil, sondern Gericht. Also — eben stirbt der Herr in unfaßbarer Liebe zu den Sündern für uns alle am Kreuz, und dann eilt Er in den Hades, um den toten Sündern zu verkündigen, daß sie ewig verloren seien! … Auch der Text selbst verbietet diese Deutung. Das Wort in Vers 19, das wir ‘predigen’ übersetzen, bedeutet ursprünglich: als Herold die Gottesherrschaft proklamieren. Sie zu verkündigen, war ja schon hienieden der Auftrag Jesu. ‘Auch anderen Städten muß Ich die Frohbotschaft von Gottes Herrschaft sagen; denn dazu bin Ich gesandt’ (Luk. 4, 43). Ist der Inhalt dieser Botschaft die Verdammnis? Gewiß, Gericht wird darin auch ausgesagt, aber zur Rettung! Wem das noch nicht genügt, der achte auf 1. Petr. 4, 6, wo das Wort, das wir übersetzt haben: ‘(Dazu ist auch Toten) die Heilsbotschaft verkündigt’, im Grundtext ‘evangelisiert’ heißt. Das ist deutlich genug.”

Seite 81:
“Röm. 10, 14 sagt Paulus: ‘Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen, der predigt?’ — Kann die unübersehbar große Schar der Toten, die nie vom Heil gehört haben, deshalb verdammt sein? — Oder gilt die Hadespredigt nur denen, die vor Christus gelebt haben? Zunächst gewiß, obwohl es auch damals schon Tote gegeben haben mag, die Ihn gesehen und gehört hatten. Aber ist diese Grenze wirklich denkbar? Sollen z. B. die Inder, die vor Christus gelebt haben, solche herrliche Gelegenheit empfangen haben, aber ihre Landsleute, die später leben, doch ebensowenig von Jesus wissen, deshalb verloren sein? Lebt nicht eigentlich jeder Mensch vor Christus, denn das Evangelium noch nie ans Gewissen getreten ist? Wir haben keinen Grund, eine Wiederholung der Hadespredigt des Herrn anzunehmen, aber vielleicht Anlaß zu der Hoffnung, daß die Seinen Ihm auch auf diesem Wege nachfolgen dürfen. Wo Er ist, sollen Seine Diener auch sein (Joh. 12, 26).”

(Quelle: “Stuttgarter Evangelisches Sonntagsblatt”, Nr. 48/1957 & “Gnade und Herrlichkeit”; 5/1958; Paulus-Verlag; Heilbronn

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