Griechisches und biblisches Seelenverständnis
Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Lehre | 1,671 x gelesenGriechischer Dualismus
Auf die Frage: Wer oder was ist der Mensch? hat die orphisch-platonische Philosophie die Antwort gegeben: Der Mensch besteht aus einer edlen und aus einer unedlen Hälfte. Der edle Teil ist die Seele, der unedle Teil ist der Leib des Menschen. Die Seele ist himmlischen Ursprungs. Sie stammt aus dem Bereich der Ideen und hat dort praeexistent im Anschauen der ewigen Schönheit gelebt. Sie ist ein Lichtfunke aus der göttlichen Welt und darum ihrem Wesen nach unvergänglich, unsterblich, fleckenlos rein. Auf Erden findet sich der göttliche Gast eingezwängt in die Behausung des Leibes. Er leidet an dieser Einkerkerung und kann die Erinnerung an den verlorenen Ursprung nie ganz vergessen. Wie der Vogel im Käfig, so verlangt die Seele nach der Befreiung aus dem Gefängnis, aus dem Grab des Leibes. Keinen Leib mehr haben, nur noch Seele sein dürfen, gilt als Sehnsuchtsziel der Erlösung. Alle Nöte des Lebens, alles Geplagtwerden von Leidenschaften und Begierden, alles Irren und Schuldigwerden hängt damit zusammen, das die Seele in die unwürdige Behausung der stofflich-irdischen materiellen Welt eingeschlossen ist.
Platon hat darüber nachgedacht: Warum müssen die reinen, vollkommenen Seelenwesen in die unvollkommene sinnliche Welt einkehren? Er hat darauf eine zweifache Antwort gegeben: Er sah in dem Verlust der Heimat der Seele ein allgemeines Weltgesetz, dem jedermann unterworfen ist. Daneben steht die andere Deutung: der Absturz aus der Welt der Ideen ist keine Notwendigkeit, er beruht auf einer geistigen Fehlwahl, die zur “Strafversetzung” auf Erden führt.
Auf den ersten Blick mag der Dualismus der griechischen Philosophie überraschen. Gelten doch die Griechen nach allgemeiner Hochschätzung als das Volk der schönen Leiblichkeit, als das Volk der Olympischen Spiele, das einen Praxiteles hervorgebracht hat, dessen plastische Meisterwerke heute noch jedes empfängliche Gemüt entzücken. Hatten Winkelmann, Herder und Goethe die edle Einfalt und stille Größe, den lichtklaren heiteren apollinischen Zug in der griechischen Religion gerühmt, so wurde das Bild durch Nietzsche in seinem Erstlingswerk “Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik” korrigiert und ergänzt durch den Hinweis auf den dionysischen Lebensrausch, der in Tanz und Taumel die vitalen Kräfte feiert.
Wie ist es zu verstehen, daß die beschwingte Daseinsfreude in das äußerste Gegenteil umschlagen konnte? Man hat darauf hingewiesen, daß schon über den herrlichen Gestalten der griechischen Bildhauerkunst ein leiser Schatten der Trauer liegt, als wollten sie sagen: Auch das Schöne muß sterben. Der griechische Mensch ist, darin dem indischen Menschen verwandt, mit den Realitäten Krankheit, Altwerden, Vergänglichkeit, Häßlichkeit und Verwesung nicht fertig geworden. Er ist im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung an dem Ideal der starken und schönen Lieblichkeit zerbrochen. In der Enttäuschung darüber, daß der Leib nicht gehalten hat, was er zu versprechen schien, wird in der Folgezeit verneint, was einmal angebetet wurde.
Wie sich ein solcher Bewußtseinswandel im Einzelschicksal wiederholen kann, dafür ist der griechische Dichter Nikos Kazantzakis (1887-1957) ein eindrucksvoller Beweis. In seiner Autobiographie “Rechenschaft vor EI Greco” schildert er in glühenden Farben, wie er als junger Mensch trunken war von dem Erlebnisglück der kretischen Erde und wie ihn diese Lebensfülle doch nicht sattmachen konnte. Er vermochte auf die Dauer “das Feuerwerk des Lebens nicht mehr zu ertragen, das einen Augenblick lang mit Tausenden von Farben und Lichtern die Luft erfüllt und gleich darauf erlischt”.
Das Auseinanderreigen von Seele und Leib, von Stoff und Geist, das in Platons “Phaidon” anhebt, findet sich im Neuplatonismus auf das äußerste gesteigert. Porphyrios beginnt die Biographie seines Lehrers Plotin (gestorben 270 n. Chr.) mit dem Satz: “Er glich einem Manne, der sich schämt, im Leib zu sein.” Der Leib ist nicht nur “ein Erdenrest, zu tragen peinlich”, er gilt als schmutzig, niedrig und gemein und ist darum verabscheuungswürdig. Um so heller erstrahlt auf dem düsteren Hintergrund einer weltmüden Stimmung die unvergängliche Herrlichkeit der Seele. Ängstlich beargwöhnt wird hinfort vor allem der gesamte Bereich des Sexuellen. Die Polarität der Geschlechter scheint vom göttlichen Leben am weitesten entfernt zu sein.
Einheit von Leib und Seele
Ein völlig anderes Bild vom Wesen des Menschen begegnet uns in der biblischen Anthropologie. Leib und Seele sind nicht gegensätzliche Größen, die miteinander in unversöhnlichem Streit liegen. Es sind vielmehr gute Kameraden, die Freud und Leid geschwisterlich miteinander teilen. Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott, Leib und Seele verschmachten in Krankheit und Todesnot, wenn Gott nicht zum ewigen Halt wird. Es gilt den zu fürchten, der Leib und Seele verderben kann (Ps. 84, 3; 73, 26; Math. 10, 28).
Leib und Seele werden im Alten und Neuen Testament so völlig als untrennbare Einheit gesehen, daß das eine Wort das andere vertreten kann. Röm. 12, 1 wird gewöhnlich übersetzt: “Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber zum Opfer bringt.” Ungleich besser ist die Übertragung von Ulrich Wilckens: “Bringt euer leibliches Leben Gott zu einem wohlgefälligen Opfer dar.” Mit soma ist der ganze Mensch gemeint, der sich als gerechtfertigter Sünder Gott ausliefern und darbringen soll.
Erst recht bedeutet das Wort Seele im hebräischen Sprachgebrauch nicht eine höhere Fähigkeit, die dem Leib weit überlegen ist. Mit Seele (nephesch) ist der ganze Mensch als leibhaftige Person gemeint. Er ist nicht zusammengesetzt aus verschiedenwertigen Substanzen. Er geht als lebendige Einheit aus der Schöpfermacht Gottes hervor und ist in dieser ganzheitlichen Gestalt berufen zum dialogischen Austausch mit dem ewigen Du Gottes in Liebe und Vertrauen. Zutreffend übersetzt darum Calvin im lateinischen Psalmenkommentar das Wort anima mit vita ipsa.
Wenn wir uns von dem platonischen Dualismus freimachen, als wäre allein die Seele der gottverwandte himmlische Vogel, dann bekommen altvertraute Bibelworte einen völlig neuen Klang. Denn immer, wenn uns das Wort Seele begegnet, haben wir dabei an den ganzen Menschen als lebendige Person zu denken, und das in Zeit und Ewigkeit. Lesen wir also künftig: “Mein Leben dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.” “Du hast mein Leben vom Tode errettet.” “Laß mich leben, daß ich dich lobe!” “Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meinem Leben große Kraft.” “Ich freue mich im Herrn und mein Leben ist fröhlich in meinem Gott.” (Ps. 42, 3; 119, 175; 138, 3; Jes. 61, 10).
Auch die Worte Jesu dürfen nicht platonisch, sie müssen hebräisch interpretiert werden: “Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an sich selbst?” “Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Leben zu verderben, sondern zu erhalten.” “Wer da sucht, sein Leben zu erhalten, der wird es verlieren.” Zu dem reichen Kornbauern spricht Gott: “Du Narr, noch diese Nacht wird man dein Leben von dir fordern.”
Es ist den Alttestamentlern Hans Joachim Kraus, Claus Westermann und Hans Walter Wolff zu danken, das sie durch tiefgrabende Studien ganz wesentlich dazu beigetragen haben, den qualitativen Unterschied zwischen dem griechischen und biblischen Verständnis von Seele herauszuarbeiten.
Wer sich die biblische Schau zu eigen macht, wird im Blick auf die griechische Psychologie einen doppelten Fehler feststellen: es wird der Leib unterbewertet, und es wird die Seele überbewertet. Man vermag nicht zu sehen, das auch der Leib Gottes gute Gabe ist, für den es zu danken gilt und der in Ehren zu halten ist, weil er der vitale Ermöglichungsgrund unserer seelischen und geistigen Kräfte ist. Gewiß, auch das biblische Zeugnis weiß um die Begierden und um den Jammer des Leibes, aber die Ursache liegt nicht in der stofflichen Substanz des Leibes, sondern in der “Seele”, im Personkern des Menschen, der sich von Gott abgewendet hat und den Leib in die Gottentfremdung mit hineinreißt. In diesem Zusammenhang ist an die Worte Jesu zu erinnern: “Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen unrein machen. Aber ohne Waschung der Hände essen macht den Menschen nicht unrein” (Math. 15, 19).
Aber hat nicht Paulus den platonischen Dualismus doch wieder in die urchristliche Verkündigung eingeschleust, wenn er Gal. 5, 17 schreibt: “Denn das Fleisch streitet wider den Geist und der Geist wider das Fleisch, dieselben sind widereinander.” Wer mit der paulinischen Terminologie nicht vertraut ist, könnte vermuten, es werde der griechische Gegensatz von Stoff und Geist, von minderwertigem Leib und hochwertiger Geistseele erneut zu Ehren gebracht. Aber die Gegenüberstellung von Fleisch und Geist hat bei dem Apostel einen völlig anderen Sinn als im Bereich des Hellenismus. Fleisch bedeutet bei Paulus der von Gott getrennte, im Aufstand gegen Gott sich verhärtende und darum der Vergänglichkeit anheimfallende Mensch. Fleisch ist der Versuch des Menschen, ohne Gott, ja gegen Gott zu leben. Sünden des Fleisches sind darum vor allem Eigenruhm, Selbstbehauptung, Hochmut, Unversöhnlichkeit. Gewiß ist auch sexuelle Unordnung und Verwilderung dazuzuzählen, aber sie ist keineswegs die erste und schwerste Verfehlung, zu der sie im christlichen Bewußtsein gemacht worden ist. Wenn Paulus dem Fleisch den Geist entgegenstellt, dann denkt er dabei nicht an höhere Fähigkeiten des Menschen wie Verstand, Vernunft, philosophische Erkenntnis. Das Wort Geist meint den Geist Gottes, den Geist Christi, der richtend, Versöhnung stiftend und neues Leben schaffend in der Gemeinde am Werk ist.
Dualismus in der Geschichte der Christenheit
Wenn aber der platonische Dualismus im Alten und Neuen Testament kein Heimatrecht besitzt, wie ist es dann zu erklären, das dieses andersartige Denken gleichwohl in das Judentum und Christentum Eingang finden konnte? Seit dem Siegeszug Alexanders des Großen wurde der vordere Orient samt Palästina und Ägypten von griechischem Gedankengut und Lebensstil überschwemmt. Die griechische Sprache wurde zur Weltsprache. Das hebräische Alte Testament wird ins Griechische übersetzt. Auch Paulus schreibt seine Briefe griechisch.
Von dem Buch Jesus Sirach, das den alttestamentlichen Apokryphen zugezählt ist, war der ursprünglich hebräische Text lange Zeit verschollen. Es gab nur eine griechische Übersetzung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden große Stücke des Originals aufgefunden. In der Einleitung schreibt der Verfasser: “Etwas ursprünglich hebräisch Gesagtes hat eben nicht mehr genau den gleichen Sinn, wenn es in fremde Sprache übertragen wird. Vieles lautet dann in der Übersetzung erheblich anders.” Das Johannes-Evangelium beginnt mit den Worten: “Im Anfang war der Logos.” Logos kann beides bedeuten: das Wort und die Weltvernunft. Wer den Satz mit einem biblisch geschulten Ohr hört, verspürt alsbald den Zusammenhang mit dem Anfang der Schöpfungsgeschichte: “Und Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht.” Im Zeitalter des Hellenismus konnte der Satz sehr wohl auch interpretiert werden: Im Anfang war die Weltvernunft, die sich im Geist des Menschen rein und ungetrübt widerspiegelt. Das gleiche Schicksal mußte dem Wort Seele widerfahren. Wer vom Alten Testament her kam, dem stand das ganzheitliche Bild des Menschen vor Augen, wie er als Gesamtperson von Gott geschaffen ist. Einem im Geist von Hellas geschulten Leser lag es näher, bei dem Wort an den platonischen Hintergrund zu denken, der die Seele als gottförmig versteht und den Leib als gottfern gering achtet.
Es war eine Schicksalsstunde von unübersehbarer Tragweite, als das frühe Christentum den palästinensischen Heimatboden verließ und in die Welt der hellenistischen Kultur eintrat. Wollte es in dieser Luft atmen und wirken, wollte es in diesem neuen Raum seine Sendung erfüllen, so mußte es sich mit dem Hellenismus irgendwie einlassen. Es konnte sich mit den Menschen, die in dieser Welt lebten, nur verständigen, wenn es sich nicht nur ihrer Sprache, sondern auch ihrer Denkform bediente. Es mußte seine Verkündigung mit den Denkmitteln der griechischen Philosophie darstellen.
Es hat an Widerstand gegen den synkretistischen Verschmelzungsprozeß in der Frühzeit der Kirchengeschichte nicht gefehlt. Paulus, der sich seiner Herkunft als Hebräer immer bewußt blieb, ja sich dessen rühmte (Phil. 3, 5), hat auf dem Areopag in Athen nicht die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele vorgetragen. Er hat den auferstandenen Kyrios und die Auferstehung der Toten verkündigt und ist deswegen verspottet und abgelehnt worden (Apg. 17, 22 ff.). Die johanneischen Briefe sind Kampfschriften gegen den Geist der Gnosis. Die Kirchenväter, Irenäus an der Spitze, warfen sich dem Doketismus entgegen, als hätte Jesus einen Scheinleib getragen, weil es des göttlichen Logos nicht würdig war, in einem irdischen Leib zu wohnen. Von Tertullian, einem leidenschaftlichen Christen am Ausgang des zweiten Jahrhunderts, stammt der Ausspruch: “Was hat Athen mit Jerusalem zu schaffen?”
Platon und Plotin haben sich trotz aller Widerstände behauptet und durchgesetzt, auf alexandrinischem Boden durch Clemens und Origenes, im Abendland durch Augustin, dessen Lebenswerk eine grandiose Synthese von griechischer und biblischer Seelenlehre darstellt. Auf die Frühscholastik hat Platon, auf die Hochscholastik Aristoteles nachhaltig eingewirkt. Die glutvolle mittelalterliche Mystik war gewiß christozentrisch geprägt, aber ihre Vorstellungen vom Leib und von der Seele tragen deutlich die Merkmale hellenistischer Beeinflussung. Man mißtraut dem Leib, man tut ihm weh durch hartes Fasten und Geißelschläge. Zölibat und bleibende Jungfräulichkeit werden weit über den ehelichen Stand gestellt. Weltflucht wird höher bewertet als Weltverantwortung. Von der Seele aber lehrt man gut platonisch, sie sei zwar unter dem Einfluß der sinnlichen Erscheinungswelt bestaubt und beschwert, auf dem Grund der Seele aber glimme ein göttlicher Funke, den es nur zu entdecken gilt, damit er zur lodernden Flamme werden kann. Daß der Mensch von Natur bis in den Seelengrund hinein durch Selbstliebe verdorben ist, will man nicht wahrhaben. Erstmals bei Martin Luther kommt es auf Grund seines Zurückgreifens auf die Bibel als die alleinige Quelle der Wahrheit wieder zu einem Durchbruch des hebräischen Realismus. Der Reformator mißtraut dem Dionysius Areopagita. Er findet, Aristoteles gehöre so wenig zur christlichen Kirche wie die Sau zur Synagoge. Der biblische Schöpfungsglaube wird erneut zu Ehren gebracht. Urchristliche Worte erhalten ihren ursprünglichen Glanz. Man kann Gott auch an seinem Leibe preisen. “Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird” (1. Tim. 4, 4). Der verheißungsvolle Auftakt sollte nicht allzulange währen. Bereits Melanchthon bekennt sich wieder zu Aristoteles. Auch der lutherische und reformierte Pietismus konnte sich von der dualistischen Einstellung längst nicht immer freihalten. Ein grandioser Sieg sollte dem griechischen Geist im 19. Jahrhundert gelingen durch die Philosophie des deutschen Idealismus. Durch Kant, Schiller, Fichte und Hegel triumphiert Athen und Weimar abermals über Jerusalem.
Gewiß, es waren großartige Gestalten von überragender geistiger Kraft und von hoher sittlicher Verantwortung gegenüber sich selbst. Sie haben den Vorgang des Denkens genau so verherrlicht, wie im Platonismus die Seele vergöttlicht wird. Aber dieser Geistmonismus war außerstande, den erdhaften Realitäten liebevoll gerecht zu werden. Für Fichte war die Natur lediglich das Material, an dem der Mensch seine geistige Überlegenheit einüben und verwirklichen sollte. Mit Recht sprach Schelling, der bei Böhme, Oetinger und Hamann in die Schule gegangen war, von einem “völligen Totschlag der Natur”. Die eingebildete Überlegenheit des Geistes gegenüber der Materie mußte schließlich zur Mißhandlung und Zerstörung der Natur führen, wie es heute vor aller Augen ist. Und ebenso vergaß der Geistmonismus, daß die überlegene Herrschaft des Geistes wenigstens einigermaßen menschenwürdige Lebensbedingungen zur Voraussetzung hat. Wo es an ausreichender Nahrung, an Wohnung und Kleidung fehlt, wirkt das idealistische Pathos unglaubwürdig. Es mußte sich von Bert Brecht sagen lassen: “Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.” Die idealistische Philosophie und die in ihrem Schlepptau sich befindende Theologie war nicht imstande, die sozialen Aufgaben, die das Industriezeitalter mit sich brachte, aufgeschlossen wahrzunehmen. Man empörte sich nur über die Minderwertigkeit der materialistischen und marxistischen Weltanschauung, aber man hörte nicht den Notschrei der unterdrückten und gequälten Kreatur.
Wenn man die Hellenisierung des Christentums in der Gesamtwirkung überblickt, dann möchte man verzagt fragen, ob es der christlichen Kirche in Lehre und Leben jemals gelingen wird, dieser Verfremdung Einhalt zu gebieten. Nietzsche scheint mit seiner Feststellung Recht zu behalten, Christentum sei “Platonismus für das Volk”.
Eine ungeheure Erziehungsarbeit ist zu leisten, und man darf sich den Vollzug nicht zu leicht vorstellen. Denn unsere Gemeinden sind im allgemeinen nicht geneigt, an dieser Stelle umzudenken. Wer der Fehlentwicklung Einhalt gebieten will, bedarf vor allem einer intensiven Schulung durch das Alte Testament. Denn “die Verkümmerung der hebräischen Wurzeln” (H.-J. Kraus) ist einer der Hauptgründe dafür, daß der griechische Geist die biblische Botschaft entstellen konnte.
Die Psychotherapie hat es in ihrer Praxis häufig mit Verkrampfungen im sexuellen Bereich zu tun. Dabei stellt sich fast immer heraus, daß ein tief eingewurzelter hellenistischer Dualismus in christlicher Ausführung die seelische Fehlhaltung verursacht hat. Man sollte darum meinen, die moderne Seelenheilkunde müßte dankbar dafür sein, wenn das platonische Erbe in Kirche und Theologie abgebaut wird und der hebräische Realismus neu zu Ehren kommt. Um so unbegreiflicher muß es erscheinen, wenn die Psychotherapeutin Hanna Wolff, die den Doktor der Theologie besitzt, in den Bahnen von Marcion, Schleiermacher und Harnack neuerdings die Klage erhebt, “das Christentum sei bisher nie wirklich aus dem Schatten des Judentums herausgetreten” und im Zusammenhang damit die Forderung aufstellt, “es sollte für Christen absolut unmöglich sein, das Alte Testament weiterhin als Heilige Schrift und Grund des Glaubens anzuerkennen”. Statt den jüdisch-christlichen Dialog, der nach 1945 in so erfreulicher Weise in Gang gekommen ist, zu bedauern, hätte die Verfasserin besser daran getan, die Harmonisierungstendenzen von Neuem Testament und Hellenismus anzuprangern.*
Stirbt auch die Seele?
Eine besondere Klärung verlangt die Frage: Was bedeutet die Unterscheidung von griechischem und biblischem Seelenverständnis im Blick auf die Erfahrung des Todes? Für den Platoniker ist der Tod kein aufwühlendes Ereignis. Die vielgerühmte gelassene Art, wie Sokrates stirbt, mag als Beispiel dafür stehen. Die Seele hat ihre göttliche Wesensart auf Erden ja behalten. Sie ist nur gedemütigt und gehemmt worden durch die leibliche Belastung. Aber nun darf sie die Fessel abwerfen und wie ein Schmetterling, der der Raupe entschlüpft, in sonnige Höhen emporsteigen. Die Unsterblichkeit der Seele gehört zu der nie angetasteten Grundüberzeugung der griechischen Religionsphilosophie.
Die biblische Ganzheitsschau empfindet den Tod völlig anders. Er reißt auseinander, was Gott als Einheit zusammengefügt hat. Keinen Leib mehr haben bedeutet nicht Lebenserhöhung, sondern Lebensverkümmerung. Der Apostel Paulus erschauert vor dem Gedanken, im Tod des Leibes beraubt zu werden. Was ihn angesichts dieser Entkleidung allein zu trösten vermag, ist die Gewißheit, daß mit der Auferstehung Jesu eine neue Schöpfung begonnen hat, in der wir überkleidet werden mit dem Auferstehungsleib (2. Kor. 5, 1). Wenn der Platonismus mit seiner Auffassung Recht hätte, daß der Leib der große Hemmschuh für den Aufschwung der Seele zu Gott ist, dann müßte seine Verelendung als beginnende Wohltat empfunden werden. In Wahrheit verhält es sich aber nicht so, wie jede Erfahrung an Kranken- und Sterbebetten zeigt.
Auch der christliche Glaube bekennt sich zum Fortleben über Tod und Grab hinaus. Aber diese Gewißheit gründet sich nicht auf den unerschöpflichen, unversehrten Reichtum der Seele. Unsere Hoffnung beruht auf der Zuversicht, daß Gott den Menschen als sein geschöpfliches Ebenbild im Tode nicht fallen läßt. Die Unsterblichkeit der Seele ist allein von der Treue Gottes her zu begründen und nicht aus dem Reichtum des humanum. An keiner einzigen Stelle in der Bibel ist von der Unsterblichkeit der Seele die Rede. Gott ist es, der allein Unsterblichkeit hat (1. Tim 6, 16). Wir täten darum gut daran, auf den mißverständlichen Ausdruck ganz zu verzichten. Wenn schlichte Gemeindeglieder, die von den Hintergründen der Auseinandersetzung nichts wissen, ihren Ewigkeitsglauben gleichwohl auf diese Weise zum Ausdruck bringen, dann wollen wir nicht lieblos über sie herfallen. Aber es wäre viel erreicht, wenn wir alle zu der Erkenntnis gelangen würden: Unsterblichkeit ist nicht eine Eigenschaft, die wir in uns tragen und postulieren können.
Theologen wie Karl Barth, Carl Stange und zeitweise auch Paul Althaus, die der Hybris der griechischen Unsterblichkeitszuversicht entgegentreten wollten, bekannten sich darum, in merkwürdiger Übereinstimmung mit den “Ernsten Bibelforschern”, zu der Lehre vom Seelentod, vom Ganz-Tod, den der sündige Mensch als verdientes Gericht zu erleiden hat. Allein diese Anschauung ist nicht schriftgemäß. Die Genannten mußten sich von Wilhelm Stählin mit Recht sagen lassen: “Die Rede vom Ganztod ist ein erschreckendes Beispiel für die Gefahr, der die Theologie immer wieder erlegen ist, in der Abwehr eines Irrtums in einen entgegengesetzten Irrtum zu verfallen, also anstelle einer Irrlehre eine neue Irrlehre zu setzen.” Da die christliche Hoffnung recht eigentlich auf den Jüngsten Tag hin ausgerichtet ist, auf die Vollendung des Reiches Gottes in Herrlichkeit, da Gott sein wird alles in allem, ist die biblische Eschatologie zurückhaltend mit Aussagen über das Geschick des einzelnen nach dem Tod.
Fest steht die Zukunft der Person, erhalten bleibt die Identität von geschichtlichem und zukünftigem Leben. Es heißt schlicht: “Es begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß” (Lk. 16, 22). Paulus schreibt an die Gemeinde in Philippi: “Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein” (1, 23). Der Geisterseher Swedenborg, Schelling in dem religionsphilosophischen Traktat “Clara”, der Philosoph Max Scheler sind dafür eingetreten, daß auch die nachtodliche Existenz des Menschen keine leiblose Wirklichkeit ist, daß auch der Verstorbene eine plastische Gestalt trägt, wenn auch völlig anderer Art als die materieller Stofflichkeit. Übersinnliche Erfahrungen im Bereich der Parapsychologie haben diese Schau bestätigt. Man könnte von einem schattenhaften Dasein sprechen, schattenhaft im Vergleich zu dem irdischen Leben und dem Leben in der Auferstehung. Doch seien solche theosophischen Erwägungen nur am Rande erwähnt. Entscheidend bleibt die Frage, ob ein Mensch im Frieden oder im Unfrieden mit Gott gestorben ist.
Der dreifaltige Mensch
Da die Bibel kein Lehrbuch der Psychologie ist, braucht es uns nicht zu verwundern und schon gar nicht zu beunruhigen, daß die verwendete Terminologie nicht einheitlich ist. In den synoptischen Evangelien begegnen wir durchgängig dem dichotomischen Zusammenklang von Leib und Seele, der aber keinesfalls dualistisch interpretiert werden darf. Dagegen finden sich in den Briefen Aussagen, die die Trichotomie bevorzugen. Die beiden wichtigsten Stellen sind 1. Thess. 5, 23 und Hebr. 4, 12. “Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz samt Seele und Leib müssen bewahrt werden unversehrt, unsträflich auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.” Zu beachten ist: Leser aus dem hellenistischen Bereich werden darauf hingewiesen, das auch der Leib in die Christusgemeinschaft mit hineingenommen werden kann und soll.
Seele und Geist werden im Neuen Testament vielfach austauschbar als Wechselbegriffe gebraucht. So beginnt der Lobgesang der Maria mit den Worten: “Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes” (Lk. 1, 46).
In der erwähnten Stelle aus dem Hebräerbrief dagegen treten Seele und Geist zueinander in ein Gegensatzverhältnis: “Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn ein zweischneidig Schwert und dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.”
Die medizinische Psychologie der Gegenwart hat die paulinische Trichotomie in vollem Umfang übernommen. Sie spricht von der Leib-Seele-Geist-Einheit. Sie unterscheidet den Menschen wohl als leibliches Leben, als seelisches und als geistiges Leben. Doch mit dem Wörtlein “als” soll zum Ausdruck gebracht werden: es ist jedesmal ein und derselbe Mensch, nur das er immer wieder von einer anderen Seite seines Wesens her anvisiert wird.
Wenn wir uns der dreifaltigen Betrachtung des Menschen anschließen, dann werden wir dem Leib die bioshaften Kräfte zuweisen, dem Geist die intelligible und voluntaristische Ausrüstung. Der Seele aber werden wir alles zurechnen, was mit Gemüt, Empfindung, Stimmung, Ergriffenheit und dem Bereich des unbewußten Lebens zusammenhängt. Es gibt Menschen, die auffallend gescheit, aber bedauerlich gemütsarm sind. Spurgeon hat solche Leute für den Dienst der christlichen Verkündigung für ungeeignet erachtet mit der Begründung: “Mit Eiszapfen kann man kein Feuer anzünden.” Es gibt aber auch Reichgottesarbeiter, die sich seelisch ungezügelt und maßlos verausgaben. Sie meinen, sie müßten eine Hörergemeinde durch die Intensität der seelischen Ausstrahlung für das Evangelium gewinnen. Solchen Seelenkünstlern ist das Wort aus Hebräer 4 zur Warnung gesagt. Das Wort Gottes hat den Auftrag, seelischen Enthusiasmus und geistgewirkte Klarheit auseinanderzuhalten. Je mehr in unserer Zeit religiöse Fiebererscheinungen überhand nehmen, um so mehr dürfte die Mahnung, Seele und Geist zu unterscheiden, bedeutsam werden.
*Hanna Wolff, Neuer Wein — alte Schläuche, Stuttgart 1981, S. 189. Die Verfasserin vermag nicht einzusehen, daß die Preisgabe des Alten Testaments immer zu einem Verlust an Lebensfülle führt.
(Quelle: “Als Christ dienen”; Quell-Verlag, Stuttgart)


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Adolf Köberle beschreibt hier in der Tat eine Not, die auch heute in unsere Gemeinden hineinreicht und die - mangels minimalphilosophischer Bildung - auch nicht erkannt wird. Hier liegt ein wichtiges Arbeitsfeld für Pfarrer und Religionslehrer, die hebräische Sicht des Menschen wieder zugänglich zu machen.