Die Reue Gottes
Autor: Knoch, Adolph Ernst | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes | 737 x gelesenWenn wir uns mit diesem Thema beschäftigen und für unsere Studien die landläufigen Übersetzungen zu Rate ziehen, geraten wir gar bald in einen Zwiespalt. 1. Samuel 15:29 lesen wir: «Und auch lügt nicht das Vertrauen Israels, und Er bereut nicht; denn nicht ein Mensch ist Er, um zu bereuen» (Elberfeld). An anderen Stellen des Alten Testaments erfahren wir dagegen, dass Er dies oder jenes bereut habe. Bereits in demselben Kapitel des ersten Buches Samuel können wir lesen (V. 11): «Es reut Mich, dass Ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich hinter Mir abgewandt und hat Meine Worte nicht erfüllt.»
Oberflächlich betrachtet, haben wir hier einen Widerspruch vor uns. Doch kann sich Gottes Wort wirklich widersprechen? Sollte Er eine Zusage rückgängig machen, weil die Umstände stärker waren als Er oder Vorgänge eintraten, die Er nicht vorhersehen konnte? Jeder von uns weiß, wie töricht ein solcher Gedanke ist, der nur unvollkommener menschlicher Denkweise entspringen kann. Die Worte in 1. Samuel 15:29 wurden von Samuel zu Saul gesprochen, als dieser versuchte, Gottes Urteilsspruch über seine Sünde durch Bitten rückgängig zu machen. Dieser Ausspruch Samuels bezieht sich also auf die Gerechtigkeit Gottes, der ein einmal gefälltes Urteil nicht zu bereuen braucht, weil Er Sich vielleicht geirrt habe oder ein Urteil doch zu hart ausgefallen ist. Dem Saul sollte hier vor Augen geführt werden, dass Gott streng ist und Sich nicht durch schöne Worte von Seinem Beschluss abbringen lässt. Also nur für die Person des Saul waren diese Worte bestimmt.
Es ist irreführend, wenn hier das Wörtchen «etwas» eingefügt wird, wie es leider in der Lutherübersetzung der Fall ist, wo der Nachsatz lautet: «… dass Ihn etwas gereuen könnte.» Das Wort «etwas» ist ein Zusatz. Die hebräische Form des Verbums bedeutet keine zeitlose Tatsache. Die Aussage gilt also nur für den speziellen vorliegenden Fall. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, gibt hier das hebräische Wort nchm mit metanoeo, umsinnen, wieder.
Für das gleiche hebräische Wort hat sie an zahlreichen anderen Stellen aber auch das Wort metamelomai (bereuen), was wörtlich bedeutet: nach-kümmern. Daraus können wir entnehmen, dass der Gedanke einer veränderten Absicht ebenso herausgestellt werden soll wie der des Kummers, der Sorge. Der zweite Gedanke passt vor allem in den Fällen, wo die Sünde des Menschen Anlass zur «Reue» Gottes ist. Gott leidet unter der Sünde und ihren notwendigen Folgen, wenn Er sie auch für Seine Absicht gebraucht und in Rechnung stellt.
Wir dürfen vor allem eins nicht aus den Augen lassen: wenn Gott ein Wort wie «Reue» auf Sich bezieht, dann passt er Sich damit der menschlichen Vorstellung an. Wie sollte Er, der über alles erhabene Herrscher, Sich sonst Seinen Geschöpfen überhaupt verständlich machen, würde Er nicht nach ihrer Weise mit ihnen reden. Anders ist unter den jetzigen Bedingungen eine Verständigung gar nicht möglich. Wir ändern unseren Sinn und unsere Handlungsweise aus den jeweiligen Gegebenheiten heraus, die wir meist weder vorher noch danach in der Hand haben. So entsteht bei uns bei dem Wort «Reue» stets die Gedankenverbindung zu Schmerz und Enttäuschung, die wir empfinden, wenn wir die Folgen unserer Handlungsweise sehen, die wir nicht bedacht haben oder die von uns nicht kontrollierbar waren.
In diesem Sinn ist das Wort «Reue» jedoch bei Gott undenkbar, da Er alles wirkt nach dem Ratschluss Seines Willens und Sich des Ausgangs genauestens bewusst ist. Weil Er Sich den Menschen aber verständlich machen muss, hat Er Seine Aussagen in der unserem Begriffsvermögen entsprechenden Weise abgefasst. Da alle Gerichtswege letztlich Seine unerforschlichen Liebeswege sind, sind diese von Ihm zuvor wohl abgewogen und im Ausmaß genau bedacht. Wenn uns Sein Wort sagt, dass Er Seine Handlungsweise ändert wie z. B. im Fall Ninives, deren Untergang zunächst verkündet wurde, hernach aber wegen der Buße der in ihr lebenden Menschen nicht erfolgte, so ist dies unserer Gedankenwelt angepasst. Er wusste im voraus, was Er tun und wie sich Ninive verhalten würde. Doch befand Er es für gut, dies nicht zuvor zu offenbaren. Er hatte Seinen Zorn kundgetan, hatte die beabsichtigte Wirkung erreicht, und konnte so Seine Liebe und Gnade erweisen. Seine Haltung drückt Er menschlich verständlich mit den Worten aus: «Und Gott sah ihre Werke, dass sie von ihrem bösen Wege umgekehrt waren; und Gott ließ Sich des Übels gereuen, wovon Er geredet hatte, dass Er es ihnen tun wolle, und tat es nicht» (Jona 3:10). Das bedeutet jedoch niemals, dass Er etwas bedauert oder dass Er Gerichte sendet, die Ihm danach leid täten.
Wir dürfen nicht die menschlichen Gefühle und Gedanken auf die Wege Gottes übertragen. Wir dürfen vielmehr wissen; dass wir absolutes Vertrauen haben können in Seine Beständigkeit, Seine Weisheit und Seine Voraussicht. Seine Wege sind zwar unergründlich für uns, aber am Ziel steht immer Seine Liebe, Seine Glückseligkeit und Seine Herrlichkeit, an der Er uns in Christus teilhaben lassen will.
Vielfach wird die «Reue» Gottes in dem Sinn verstanden, als habe der Schöpfer bei der Erschaffung des Menschen zwar mit der Möglichkeit des Falls gerechnet, aber doch keineswegs all die furchtbaren Folgen desselben gewollt bzw. vorhergesehen. Darüber hinaus wird gefolgert, der Mensch habe Seine Pläne durchkreuzt und deshalb könne man auch nicht Gott die Verantwortung für den Zustand der Schöpfung anlasten. Wäre es nach Seinem Willen gegangen, so sähe es anders in der Welt aus; und dann zitiert man 1. Mose 6:6 (Elberfeld): «Und es reute Jehova, dass Er den Menschen gemacht hatte auf der Erde, und es schmerzte Ihn in Sein Herz hinein.»
Wäre dies eine Reue im menschlichen Sinn, so wäre es mit allem Vertrauen und aller Sicherheit vorbei. Wer würde dafür bürgen, dass alle unsere Verheißungen und unsere Erwartung tatsächlich auch einträfen? Und wie wäre es mit der Unverbrüchlichkeit Seines Wortes bestellt? Wer könnte uns schon zusichern, dass es Gott Sich nicht anders überlegen würde?
Doch solche Überlegungen sind eitel! Gott empfand Schmerz und Kummer beim Anblick der verderbten Menschheit, weil Sein Herz mitlitt. Aber darum eben sandte Er den Retter, Christus, welcher der Fels ist, der nicht wankt noch weicht. In Ihm führt Er Seinen gewaltigen Rettungsplan bis zum Abschluss der Äonen durch. Er braucht dazu niemand zu fragen, und es reut Ihn auch niemals. Christus ist der Sohn Seiner Liebe, und der Sohn tut nichts ohne den Vater. Christus führt des Vaters Sehnen, dass jeder gerettet wird und zur Erkenntnis der Wahrheit kommt, zur Erfüllung. Er war gehorsam bis zum Tod am Kreuz, darum hat Gott Ihn auch überaus hoch erhöht und Ihn mit dem Namen begnadet, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge, der Überhimmlischen, Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge huldige: Herr ist Jesus Christus, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters (Phil. 2:9-11).
Wie sollte Gott über dieses Ziel, das Er Sich Selbst gesetzt hat, je «Reue» empfinden? Seine Pläne und Wege sind vollkommen in Christus, dem strahlenden Sieger über alle Mächte. In Ihm darf unser Glaube auf festem Grund ruhen, unbeweglich und unerschütterlich!
(Quelle: »Unausforschlicher Reichtum«; 2/1980; Konkordanter Verlag, Pforzheim)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 