Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Das Leben im Geist als Freiheit von Gesetz und Gesetzlichkeit

Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr.  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  2,638 x gelesen

1. Das Leben im Geist

Das Leben im Geist, darunter versteht die Sprache der christlichen Verkündigung nicht ein allgemeines, meist noch dazu reichlich unklares, verschwommenes Bekenntnis zur Weltvernunft, zum Reich der Ideen, im Gegensatz zu der Welt der sichtbar-sinnlichen Erscheinungen. Nein, wenn wir vom Leben im Geist im Bereich der christlichen Kirche und Gemeinde reden, dann meinen wir damit das Leben im Heiligen Geist. Wir denken dabei an das Leben, das der Geist Gottes in uns wirkt, indem Er uns durch die Verkündigung des Evangeliums mit Jesus Christus bekannt macht und uns in die Lebensgemeinschaft mit der Person des Erlösers hineinzieht.

Wenn wir an das gewaltige Kapitel von Römer 8 denken, dann wird uns daran deutlich, wie reich und mannigfaltig sich dieses Leben im Heiligen Geist auswirkt.

Das Leben im Geist ist, um nur einiges davon zu nennen, Freiheit und Freudigkeit zum Gebet. In kindlicher Zuversicht, ohne knechtische Furcht, dürfen wir zu Gott rufen, getrieben vom Geist: Abba, lieber Vater! In den Stunden aber, wo unser Gebetsleben darniederliegt und wir in unserer Schwachheit nicht wissen, was und wie wir beten sollen, will sich der Geist Gottes selbst ans Werk machen, indem Er in uns mit unaussprechlichem Seufzen betet und uns dadurch bei Gott vertritt.

Im Geist leben heißt nach dem Zeugnis von Römer 8: teilhaben im Harren und Hoffen an jener gewaltigen Sehnsuchtsbewegung, die durch die ganze Menschheit und Schöpfung hindurchgeht, heißt: sich voll Verlangen ausstrecken nach dem großen Tag der Welterlösung, da alles nichtige, vergängliche Wesen von uns abfällt und Gott alles Leben mit Seinem Lichtglanz verklären und erfüllen wird.

Zum Leben im Geist gehört nach der Verkündigung des Paulus auch die Bereitschaft zum Leiden, gehört die Willigkeit, den Druck einer gottentfremdeten Welt auszuhalten, weil der Jünger es nicht besser haben soll als sein Meister, der durch Kreuz und Leid zur Herrlichkeit erhoben wurde.

Wer im Geist lebt, darf die Gewißheit im Herzen tragen: Von Ewigkeit her bin ich mit einer alles Denken und Begreifen übersteigenden Liebe gesucht und gerufen worden. Dieser Gottesliebe, die alles vollenden und an das Ziel bringen wird, darf ich grenzenlos vertrauen, auch in allen äußeren Führungen meines Lebens, ja selbst noch in der Nacht der Angst, der Verfolgung und des Todes.

Freudigkeit zum Gebet, Bereitschaft zum Leiden, zuversichtliches Vertrauen zu den Wegen Gottes im Weltgeschehen, Kraft der Hoffnung, das alles sind wesentliche und herrliche Äußerungen eines “Lebens im Geist”, so wie die Heilige Schrift diese drei Worte versteht.

Aber warum gelangen wir in unserer persönlichen christlichen Existenz und im Organismus von Kirche und Gemeinde nur so schwer zu einem solchen Leben im Geist? Warum ist unser Beten oft so kraftlos, unsere Bereitschaft zum Leiden so gering? Warum brennt die christliche Reichserwartung nicht wie ein heiliges Feuer in unseren Herzen? Warum tun sich die Schleusen des Heiligen Geistes nicht ganz anders für uns auf, daß es einen fruchtbaren Maienregen gibt, durch den wir beschenkt werden mit neuen Kräften des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung?

Unser Thema weist uns darauf hin: es sind in der Christenheit aller Konfessionen, aller Länder immer wieder zwei starke Hindernisse am Werk, die es zu einer solchen Erfüllung nicht kommen lassen. Das ist das gesetzlose und das gesetzliche Wesen. Diese beiden Mächte tragen völlig verschiedenartige Gesichter. Und doch haben sie das eine miteinander gemeinsam, daß durch ihr Vorhandensein, im einen wie im anderen Fall, der Geist Gottes betrübt und Seine Wirksamkeit in uns beeinträchtigt oder gar verunmöglicht wird.

Wir wollen uns zuerst klarmachen, warum dem so ist. Dann aber wollen wir uns zeigen lassen, wie der Geist Gottes über diese beiden Hindernisfelder der Gesetzlosigkeit und der Gesetzlichkeit Herr wird, wie Er auch unser Leben davon freimachen kann.

2. Gesetzlosigkeit in der Welt

Der gesetzlose Mensch ist der Mensch, der keinerlei göttliche Ordnung, keinerlei sittliche Bindung in seinem Leben gelten lassen will. Er spricht: Warum soll ich einen Herrn über mir anerkennen, dem ich Gehorsam und Rechenschaft schuldig bin! Ich möchte mein Leben selbstmächtig in eigener Gestaltung in die Hand nehmen. Ich will es genau so steuern, wie es mir gefällt, wie es meinen Wünschen und Neigungen, meinen ehrgeizigen, triebhaften Zielsetzungen entspricht.

Es gibt kein Gebot Gottes, das der gesetzlose Mensch nicht übertritt. Die Heiligung des Feiertags, die Pietät gegen die Eltern, die Rücksicht auf des Nächsten Ehre, Gut und Leben, die Zucht gegenüber der Frau, das alles gibt der gesetzlose Mensch jederzeit preis, wenn es ihn in einer anderen Richtung gelüstet, wenn ihm die von den göttlichen Ordnungen gesetzten Schranken aus irgendeinem Grunde unbequem werden.

Wir haben in den hinter uns liegenden Jahren des Zweiten Weltkrieges schaurige Ausbrüche von Gesetzlosigkeit erlebt, deren Ausmaß sich selbst im Zusammenhang mit der zwangsläufigen Furchtbarkeit jedes Krieges in keiner Weise rechtfertigen läßt. Wir können dabei denken an all das Entsetzliche, was eine Stadt wie Warschau von seiten der SS eines Heinrich Himmler erlebt und erlitten hat, oder was der Bevölkerung mancher deutschen Stadt, besonders den Frauen dort, von seiten der einmarschierenden, siegestrunkenen Divisionen wiederfahren ist.

Wir alle haben daran neu erkennen müssen, wie tief die Neigung zum gesetzlosen Treiben und Toben im Grund des menschlichen Wesens angelegt ist, seit jener Urauflehnung gegen Gott, die in Adam geschehen ist. All das, was wir in der Neuzeit als ausreichende Sicherung gegen das gesetzlose Wesen im Menschen erachtet hatten, also Kultur, Humanität, abendländische Geistesbildung, Fortschritt und Zivilisation, das alles hat sich als viel zu schwach und ohnmächtig erwiesen, um den Durchbruch des Zügellosen, des Frechen und Gemeinen zurückzuhalten. Wer von uns aber hätte den Mut zu sagen: Nun hat es sich ja wieder einmal ausgetobt, nun werden wir wieder auf lange Zeit hin Ruhe haben vor den Vulkanausbrüchen des Chaotisch-Wilden in der Menschheit. Jeder Blick in die Zeitung belehrt uns, daß dem nicht so ist. Wer von uns in einer seelsorgerlichen Arbeit steht, der weiß erst recht, wie die Versuchung zum gesetzlosen Leben gegenwärtig allenthalben umgeht, und das keineswegs nur in den Ländern, die von der Kriegsfurie verdorben und verwüstet worden sind.

Das achte Kapitel im Römerbrief sagt von dem gesetzlosen Menschen, der in der Sprache des Paulus auch der fleischliche, der sarkische Mensch genannt wird: Eine solche Haltung ist Feindschaft wider Gott, sie führt nicht zum Leben, sondern zum Tod, und der Mensch vermag Gott in einer solchen Gesinnung nicht zu gefallen. Was für eine erschütternde Aufzählung von Verneinungen, die damit über das Leben der Gesetzlosen ausgesprochen werden! Wundert es uns da noch, daß es bei einem Menschen, der unter einem solchen Urteil steht, zu keinem Leben im Geist kommen kann?

Gottes Wille ist ein heiliger Strom voll ungeheurer, unermeßlicher, vorwärtsdringender Kraft. Wenn wir uns diesem mächtigen göttlichen Willensstrom im Ungehorsam, in der Selbstbehauptung des eigenherrlichen Willens versagen, ja trotzig entgegenstellen, dann kann es gar nicht anders sein, als daß wir an diesem fortgesetzten Widerstand scheitern und zerbrechen müssen. Auch die größte Vitalkraft erschöpft sich im Widerstreit gegen Gott, der allein unerschöpflich ist, der immer das letzte Wort behält gegenüber unserer Empörung.

Darum muß es dem gesetzlosen Menschen mit herzandringendem Ernst gesagt werden: Du kannst nicht zum Frieden gelangen, du kannst nicht zur Freude in Gott kommen, du kannst keinen zeitlichen und ewigen Sinn im Blick auf das Dasein in der Welt erkennen und gewinnen, solange du fortfährst, mit deinem ganzen Leben Gott in Flucht und Auflehnung zu widerstehen.

Es müssen unter Umständen ganz konkrete Dinge von dem Menschen, der zur Gesetzlosigkeit neigt, abgetan werden, ein unordentliches, wildes Liebesverhältnis, das neben der Ehe hergelebt wird, eine haßerfüllte Unversöhnlichkeit gegenüber einem Mitarbeiter im Beruf, eine schon lang währende Unehrlichkeit im Umgang mit anvertrauten Geldern, und ähnliches mehr, damit durch Beseitigung des alten, verkehrten Wesens Raum geschaffen werden kann für den Zustrom des göttlichen Geistes. Gott läßt sich von uns an dieser Stelle keine Ausnahmen, keine Sonderregelungen abnötigen. Entweder trennen wir uns von dem falschen Weg, den wir eingeschlagen haben, indem wir aus der Tiefe rufen: “Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben, hilf mir gegen meine eigene Ohnmacht!” Oder unsere Unordnung trennt uns von dem Leben im Geist.

3. Gesetzlosigkeit in der Gemeinde

Der gesetzlose Mensch ist vor allem außerhalb der Gemeinde Jesu zu finden. Er bleibt ihr absichtlich fern, weil er fürchtet, innerhalb der Gemeinde, in der Nachfolge Christi könnte ihm ein Opfer, ein Verzicht abverlangt werden, wozu er auf Grund der Eigensteuerung des Lebens in keiner Weise willig ist.

Und doch, wollen wir uns nicht darüber täuschen, wollen wir den Ernst der Lage nicht verharmlosen! Das gesetzlose Wesen bedroht nicht nur die Heiden und “Weltkinder”, es bedroht auch das Leben der Gemeinde und in ihr die Existenz eines jeden einzelnen Christen. Es gibt keine böse Versuchung, die nicht auch den getauften, den bekehrten, den wiedergeborenen Menschen anfallen und zu Fall bringen könnte. Ja, wir müssen heute mit steigender Sorge feststellen: Je mehr das gesetzlose Wesen in der Welt überhandnimmt, im Tempo und im Ausmaß unheimlich gesteigert durch die Verwilderung und Verluderung von zwei großen Weltkriegen und den entsprechenden Nachkriegszeiten, um so mehr greift das unordentliche, an den göttlichen Geboten vorübergehende Begehren auch nach den Herzen derer, die zur christlichen Bekennergemeinde gezählt werden.

Die Neigung zur Ehescheidung macht heute selbst vor den Pfarrhäusern nicht mehr Halt. Das Bedürfnis nach den Narkotika hat über viele Theologen eine Gewalt gewonnen, daß einen dieses Ausmaß von süchtiger Abhängigkeit nur mit größter Sorge erfüllen kann im Blick auf die leib-seelische Gesundheit und Dienstfähigkeit der davon Betroffenen. Die Verweltlichung unter uns Christen geht sichtlich unaufhaltsam weiter. Was für ganz andere sittliche Ordnungen und heilige Übungen haben noch in der Generation unserer Großeltern geherrscht im Blick auf Hausandacht, Tischgebet, Kirchgang, Sonntagsheiligung, Kindererziehung, Pflege der Kranken und bei der Bereitung zum Sterben. Wie hat sich das alles, langsam aber stetig, verändert, verdünnt und aufgelöst!

Auch wenn wir bereit sind, jeder Zeit ihren eigenen Lebensstil, ihre eigenen Lebensformen weitherzig zuzuerkennen, wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß heute auf ungezählten Wegen und Schleichwegen der Einbruch eines gesetzlosen Säkularismus in die christlichen Häuser und Gemeinden in vollem Gange ist. Wundern wir uns da noch darüber, wenn die Vollmacht des Gebets, der Seelsorge, der Wortverkündigung zurückgeht, wenn es an Kraft und Segen aus dem Heiligtum allenthalben mangelt? Es herrschen und gelten auf diesem Gebiet ja nicht nur grobe, sondern auch feinste Zusammenhänge. Es gilt hier nicht nur der Satz: “Die Gottlosen haben keinen Frieden”. Schon jeder feine, verborgene Ungehorsam wirkt sich in unserem Leben schwächend und störend aus und beeinträchtigt das so sehr ersehnte Leben im Geist.

4. Gesetzlichkeit in der Welt

Es kann sein, daß wir durch Gottes Güte und Machtwirkung haben frei werden dürfen von der Lust am gewissenlosen, zügellosen Handeln. Trotzdem kann das Erstaunliche, das Schmerzliche geschehen, daß wir gleichwohl nicht zu einem Leben im Geist gelangen. Um das zu begreifen, müssen wir eine weitere Erkenntnis hinzunehmen. Der Zustrom von Gottes Geist und Christi Geist wird in unserem Leben nicht nur unterbunden durch die offene Auflehnung gegen Gottes Gebot in Widerspruch und Ungehorsam. Der Geist Gottes kann ebenso wie durch das gesetzlose Wesen auch durch unser gesetzliches Verhalten betrübt und in Seiner Wirksamkeit an uns gelähmt werden.

Der gesetzliche Mensch hat zwei Spielarten, die wir im Nacheinander betrachten wollen. Der Gesetzesmensch findet sich außerhalb und innerhalb des Christentums. Trotz mancher gemeinsamer Züge bestehen doch sehr bedeutsam Unterschiede zwischen diesen beiden Erscheinungsweisen.

Der Mensch des Gesetzes nimmt es ernst mit dem Gebot Gottes. Sei es, daß er um ein geoffenbartes Gesetz Gottes weiß, wie das in Israel der Fall ist, sei es, daß er sich selbst ein Gesetz gibt, das aus Natur und Gewissen, aus sogenannten Schöpfungsordnungen abgelesen wird, in jedem Fall wird hier die Religion, im Judentum, im Konfuzianismus, im Islam, in der Kantischen Pflichtenethik, aufgebaut auf der gehorsamen Erfüllung des Gesetzes. Die Erlangung des göttlichen Heils wird gebunden an den gewissenhaften Vollzug einer großen, langen Reihe von Vorschriften, die vor allem die Gebiete der Hygiene, des Kultus und des sozialethischen Verhaltens betreffen.

Gemessen an dem amoralischen Menschen, der wie ein Zigeuner durch die Welt zieht, ohne sich um Recht und Sittlichkeit zu kümmern, erscheint der moralische Mensch turmhoch überlegen. Und doch ist es nur eine scheinbare Überlegenheit.

Der Mensch des Gesetzes müht sich wohl um eine ideale Erfüllung der sittlichen Normen und Forderungen, unter die er sich gestellt weiß. Er will dafür aber auch vor Gott und Welt entsprechend gerühmt und belohnt sein. Der moralische Mensch ist stolz auf seine sittliche Vorzüglichkeit. Er braucht keine göttliche Erbarmung und Vergebung. Er bildet sich ein, er könne sich selbst den Eingang zum Himmelreich erzwingen auf Grund des vorbildlichen Kleides, das er trägt, auf Grund der zahlreichen Wertqualitäten, die er aufzuweisen hat. Jeder christliche Missionar, der einmal in China gewirkt hat, weiß, wie schwer es ist, an einen Konfuzianer mit der biblischen Botschaft von der Sünderliebe Gottes heranzukommen. Der gewissenhafte Erfüller des Gesetzes hat ein solches Gnadenangebot Gottes ja nicht nötig. Er lehnt es ab, ohne zu ahnen, wie dürftig und brüchig es in Wahrheit um das Kleid seiner selbsterworbenen Gerechtigkeit vor der alles verzehrenden Lichtheiligkeit Gottes bestellt ist.

Der Mensch des Gesetzes ist nicht nur entsetzlich eingebildet und stolz auf seine vermeintliche ethische Vortrefflichkeit. Er ist zugleich völlig unfähig zu verzeihen, zu vergeben, wo ein anderer von Schwachheit und Niederlage überfallen worden ist. Man hat sich selbst auf der Leiter der Gebote hart geplagt und emporgearbeitet. Nun wird aber auch jeder mitleidlos verurteilt, der beim Steigen auf dieser Leiter gestürzt ist.

Theodor Fontane schildert uns in dem Roman “Effi Briest” die Gestalt eines solchen korrekten, tadellosen Staatsbeamten aus der höheren Juristen-Laufbahn. Dieser Mann kann und will nicht vergeben, wie er nach langen Jahren durch einen Zufall von einem ehewidrigen Verhalten seiner Frau erfährt. Er verstößt sie auf der Stelle. Die noch junge Frau, die ihren Fehltritt so hart büßen muß, welkt dahin unter dem Übermaß dieser leidvollen Zerstörung ihres Lebens. Auf dem letzten Krankenlager sagt Effi Briest zu ihrer Mutter im Blick auf ihren Gemahl: “Ich sterbe mit Gott und den Menschen versöhnt, auch mit ihm. Er war so edel, wie nur ein tugendhafter Mensch sein kann, der ohne rechte Liebe ist.”

Vergessen wir doch nicht: Um solcher Gesetzesmenschen willen mußte Jesus ans Kreuz, weil sie es nicht ertragen konnten, daß ein neues Gottes- und Bruderverhältnis in dem neu angebrochenen Gottesreich gelten sollte, nicht mehr gegründet auf der Basis der Verrechnung, der Vergeltung, der Lohnforderung und der Menschenrühmung, sondern auf der Grundlage der göttlichen Vergebung, die allen gilt und die alle nötig haben. Daß Jesus den Zöllner, der über sein Fallen und Sündigen ehrlich betrübt ist, höher stellt, höher einschätzt im Urteil Gottes als den verdienten Pharisäer, der vor allem Volk als ein anerkanntes Vorbild in guten Sitten und Werken gilt, das war so erregend, so von Grund aus alles umstürzend, daß nur eines übrigblieb, wenn nicht die ganze Religion des Gesetzes zerbrechen sollte: den Mund dieses gefährlichen Propheten mit Gewalt zum Schweigen zu bringen.

Muß es noch besonders aufgezeigt werden, daß dieser Mensch des Gesetzes fern ist und ewig fern bleiben wird von dem Leben im Geist? Denn wo der Mensch sich selbst in seiner Frömmigkeit, in seinem Gutes-Tun und Gut-Sein über alles schätzt und liebt, wo soll da noch Raum bleiben in einem vom eigenen Ich so völlig ausgefüllten Haus für die Einwohnung des Geistes Gottes? Wenn nach den Worten der Bergpredigt die Armen im Geist, wenn die Hungrigen, die Dürstenden und Elenden die große Verheißung haben, daß sie sollen satt werden aus der Fülle der ewigen Güter, dann sind die alle zwangsläufig davon ausgeschlossen, die sich reich dünken, die in ihrem selbsterworbenen religiösen Besitz zufrieden und sicher ruhen.

“Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.” Dieses in zahllosen Gesprächsäußerungen verständnislos, ja falsch und verkehrt zitierte Wort aus dem zweiten Korintherbrief (3, 6) will ja nicht besagen, daß das pedantische Buchstabenklauben verderblich sei im Gegensatz zu einem frischen, schwunghaften und spontanen Handeln, so wie sich schulmeisterlicher und künstlerischer Mensch voneinander unterscheiden. Dieses Wort dringt in eine ganz andere Tiefe. Es weist uns darauf hin: Das gesetzhafte Wesen der Selbstanstrengung und der Selbsterlösung führt niemals zu dem ersehnten Ziel der Gottesgemeinschaft. Ein solches Verhalten endet vielmehr für jeden ehrlichen Kämpfer in der Niederlage, in der Minusbilanz, in der Verzweiflung. Niemals tun sich uns auf diesem Wege die Tore des Himmels auf, daß wir voll Geistes werden.

5. Gesetzlichkeit in der Gemeinde

Weil das Leben Jesu ein heißer Kampf mit Menschen und gegen Menschen des gesetzhaften Sichverhaltens war, weil Jesus sich an dem bösartigen Widerstand von gesetzestreuen Fanatikern verbluten mußte, darum weiß man in der christlichen Kirche Gott sei Dank um den wesenhaften Unterschied von Gesetz und Evangelium. Mag dieser fundamentale Gegensatz auch immer wieder verdunkelt worden sein, alle lebendigen Christen haben stets bekannt: Das Leben aus Gott, das Leben im Geist kann ich mir nicht verdienen, ich kann es mir nur schenken lassen, indem ich auf Christus und Sein Werk, das auch mir zugut geschehen ist, von ganzem Herzen vertraue.

Und doch, es ist eigenartig. Man kann als Glied einer christlichen Gemeinde oder Gemeinschaft in Klarheit wissen, daß mich der Weg des Gesetzes nicht erlöst, daß allein in Christi Kreuz und Auferstehung Geist und Leben aus Gott zu haben ist. Trotzdem kann es geschehen, daß ein Mensch in einem gesetzlichen Wesen befangen bleibt und nie recht daraus heraus zu kommen vermag. Frei geworden vom Gesetz im Sinn von Verdienst und Leistungsanspruch, ist man deswegen noch längst nicht immer frei vom gesetzlichen Sichverhalten. Wie sieht dieses gesetzliche Wesen innerhalb des christlichen Lebens, innerhalb der christlichen Gemeinde aus?

Es werden in einem solchen Fall die großen, rettenden Wahrheiten von Sünde und Gnade, von Gericht und Vergebung, von Weltversöhnung und Weltvollendung in persönlich gläubiger Überzeugung wohl kräftig vertreten. Aber daneben laufen gleichzeitig gewisse Erstarrungen, Verkümmerungen und Verkrampfungen einher, die mit einem solchen hartnäckigen Eifer festgehalten werden, als hinge das wahre Christsein in Glauben und Leben zuletzt eben doch wieder von diesen Fixierungen und ihrer gewissenhaften Erfüllung ab.

Wir wollen uns diese gefährlichen Entstellungen an einigen Beispielen klarmachen. Gewisse Formen davon sterben anscheinend niemals aus, sie treten in jeder Generation in nur geringer Abwandlung neu auf.

Es gibt eine gesetzliche Auffassung vom Wesen der Sprache im Rahmen der christlichen Verkündigung. Demnach steht nur der Bruder recht zum Herrn, der eine ganz bestimmte Sprache spricht, etwa die Sprache Kanaans. Sie allein erweckt und verdient Vertrauen. Oder die jungen Theologiestudenten bezweifeln die Ernsthaftigkeit eines theologischen Lehrers, wenn er nicht mindestens in jedem zweiten Satz das Wort “existentiell” gebraucht. Kommt statt dessen einer, dem es gegeben ist, das volle Evangelium einmal ganz anders zu sagen, sei es mit der Ausdruckskraft eines Dichters, in der Sprache des Seelsorgers oder mit der frischen Unbekümmertheit eines Laien, dann muß er damit rechnen, daß er abgelehnt wird, weil er nicht die Sprache spricht, die als die allein zünftige und geisteswürdige gilt. Erst recht gibt es gesetzliches Verhalten im Blick auf die Schriftauslegung. Da will man nur eine ganz bestimmte Deutung, eben seine persönliche Lieblingsauffassung, von dem Tier aus dem Abgrund (vgl. Offb. 13) gelten lassen. Jeder, der sich dieser alleinseligmachenden Schau nicht anschließt, ist verstockt und verblendet und hat nicht die redete Geistesfülle.

Ein Zeichen von gesetzlichem Wesen ist es auch, wenn man meint, es müsse von allen Menschen die gleiche Erlebnisform gefordert werden, nach der man selbst einmal zum Glauben gekommen ist. Wird einer von Gott einen anderen Weg geführt — und Gott hat “viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod”, wie es im Lied der Kirche heißt —, dann ist der gesetzliche Mensch schnell bei der Hand, die Echtheit einer solchen Glaubensführung anzuzweifeln, weil sie mit der eigenen selbsterlebten Form nicht genau übereinstimmt.

Besonders beliebt ist der gesetzliche Richtgeist unter Christen im Blick auf alle Fragen des Lebensstils. Kleidung und Haartracht, Kunstgenuß und Erholung, die Maße von Essen und Trinken, eignen sich besonders gut dazu, um seine gesetzlichen Leidenschaften auszutoben.

Strenggenommen gibt es kein Gebiet christlicher Lebensäußerung, das nicht unter den Druck der Gesetzlichkeit gestellt werden könnte. Auch Liturgie und Theologie müssen sich unter dieses Joch dann beugen. Nur auf Grund einer ganz bestimmten Kultusform, bilderreich oder symbolarm, soll der Geist Gottes Sein Werk an uns Menschen tun können. Nur bei einem theologischen Lehrer könne man in den Geist der Wahrheit recht eingeführt werden. Womöglich nimmt der Lutheraner nichts von Adolf Schlatter an, weil Schlatter von St. Gallen kommt und der reformierten Theologie und Kirche sich verbunden wußte. Oder der Calvinist verschmäht die reichen geistlichen Schätze von Hermann Bezzel, weil es sich bei ihm ja um einen Confessionalisten streng lutherischer Prägung handelt. Was für gesetzliche Erstarrungen und Verkümmerungen auf der ganzen Linie! Und doch, was für eine Rolle spielen solche gesetzlichen Verhärtungen immer noch in Kirche und Gemeinschaft bis auf den heutigen Tag!

Auch durch ein solches Verhalten muß der Geist Gottes in Seiner Wirkungsmacht beeinträchtigt werden. Wohl möchte der gesetzliche Mensch, der in der Welt des christlichen Glaubens seine Heimat hat, in jeder Weise daran festhalten, daß wir allein von der Gnade Gottes leben, daß wir von uns aus zu unserem Heil nichts ergänzend hinzutun können. Aber indem der gesetzliche Mensch so außerordentlichen Wert legt auf ganz bestimmte Meinungen oder Verhaltensweisen als Kennzeichen des Wahrhaft-Christlichen, bewirkt er, ohne daß er es will, daß aus Christus wieder ein Mose wird und aus dem Evangelium ein neues Gesetz. Es wird immer mehr verboten und immer weniger erlaubt. Man schleppt sich herum mit einem schweren druckenden Sack voller Vorschriften, während doch Jesus uns zu sich eingeladen hat mit den Worten der Ermunterung: “Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht” (Matth. 11, 30).

Der gesetzliche Mensch überanstrengt sich und seine Umgebung. An seinen Kindern pflegt sich das oft zu rächen. Wo er herrscht, da herrscht die Freudlosigkeit, da regiert das ängstliche und befangene Wesen. Das alles aber trägt nicht dazu bei, daß ein Mensch zu der Freiheit der Kinder Gottes im Heiligen Geist erwachen kann. Wenn bei der Schriftauslegung die gesetzlichen Verengungen die Oberhand bekommen, gibt es nichts wie Zank und Streit in der Gemeinde, weil keiner dem andern weichen will. Solche gegenseitige Verurteilung und Entzweiung ist ein weiterer Grund dafür, warum uns der Geist Gottes flieht und fernbleibt. Stellt sich der Pfingstgeist doch am liebsten da ein, wo Jünger Christi einmütig beieinander sind.

Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit sind der Erscheinungsweise nach himmelweit voneinander getrennt. Vor allem ist der Mensch des Gesetzes und der Gesetzlichkeit auf Grund seiner moralischen Strenge allezeit geneigt, sich über den bindungslosen Menschen des Ungehorsams unendlich hoch erhaben zu dünken. Und doch ist in Wahrheit kein Grund zu einem solchen Überlegenheitsgefühl vorhanden. Denn nicht nur die Gesetzlosigkeit, auch die Gesetzlichkeit hält das Kommen des Geistes auf.

Martin Luther macht in seiner Römerbrief-Vorlesung aus dem Jahre 1515/16 einmal den Unterschied zwischen Gottlosen linker Hand und rechter Hand, zwischen impii sinistrales und impii dextrales. Unter den “Gottlosen linker Hand” versteht er die groben Sünder, die in Ehebruch und Unzucht, in Meineid, Haß, Mord und Streit einen argen Weg gehen. Die Verwerflichkeit eines solchen Tuns ist klar vor aller Augen. Sie wird auch von denen, die sich selbst auf dieser Bahn bewegen, gewissensmäßig empfunden, wenn auch meist die Kraft fehlt, sich daraus zu befreien. Daneben aber gibt es auch “Gottlose rechter Hand”. Darunter versteht der Reformator die feine Selbstgefälligkeit, den geistlichen Hochmut und die Erstarrung im gesetzlichen Wesen.

Wir müssen daher immer nach beiden Seiten hin wachsam sein, gegenüber den Versuchungen von links und von rechts, weil “der Teufel immer wieder aus einem anderen Loch bläst”, wie Luther meint. Kann er uns durch die groben Versuchungen des gesetzlosen Verlangens nicht mehr überwältigen, dann probiert er es auf eine ganz andere Weise, durch die sublime, sehr viel schwerer zu durchschauende Versuchung von gesetzlicher Erstarrung und Selbstgefälligkeit. In jedem Fall aber hat der böse Feind damit gewonnenes Spiel. Diesem Widersacher des Herzens ist es gleichgültig, auf welche Weise er uns gefangen nimmt und gefangen hält. Wenn er nur sein Ziel erreicht, daß Gottes Geist uns nicht mit Freiheit, Freude und Leben reich erfüllen kann.

6. Die Hilfe für den gesetzlosen Menschen

Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit sind ungeheure Mächte. Wer ihnen einmal verfallen ist, der löst sich nicht so leicht davon. Man kann sowohl an dem triebhaften Ungehorsam der Seele wie an dem stolzen Starrsinn des frommen Herzens die ganze Ohnmacht unserer verlorenen und verirrten Existenz erleben. Kein Mensch vermag sich aus eigener Kraft von diesen beiden Gebundenheiten zu befreien, die so verschiedenartige Gesichter tragen und die zuletzt doch einer gemeinsamen Wurzel der Gottferne und der Geistesarmut entstammen. Gott allein kann es schaffen und bewirken, daß uns die Augen aufgehen über die Verkehrtheit des gesetzlosen und des gesetzlichen Wesens. Wie das geschieht, darüber wollen wir zuletzt noch nachdenken, und zwar fragen wir in der Reihenfolge: Wie gewinnt sich Gott den gesetzlosen Menschen zum Eigentum und wie hilft Er dem gesetzlichen Menschen heraus aus seiner Befangenheit? Gott erreicht dieses Ziel in beiden Fällen durch Jesus Christus, dessen Wort und Werk so unermeßlich reich ist, daß es nach allen Seiten hin unserer menschlichen Sündennot heilend zu begegnen vermag.

Wer den gesetzlosen Menschen kennt, bei sich selbst und bei anderen, der weiß: Der Mensch ist in seinem Ungehorsam, in seinem Begierdeverlangen in keiner Weise geneigt, seinen Weg als Irrtum oder gar als Schuld vor Gott anzusehen. Im Gegenteil, wir finden unser Wollen und Wagen abseits der göttlichen Bahn im höchsten Grad interessant, beglückend und lebenssteigernd. Mit der bloßen Strafpredigt, mit dem Drohen und Warnen, der gesetzlose Weg werde noch einmal ein Ende mit Schrecken nehmen, hat man noch niemals einen ungebundenen Menschen zum Innehalten und zur Umkehr gebracht.

Aber es gibt eine göttliche Möglichkeit, wie auch das Herz des gesetzlosen Menschen bewegt werden kann. Das ist die Vergegenwärtigung des Bildes Christi im Geist des Evangeliums. In Jesus Christus tritt uns ein vollmenschliches Bruderleben entgegen, das in einzigartiger Weise in der Bahn des göttlichen Gehorsams geblieben ist. Jesus Christus durfte von sich sagen: “Meine Speise ist, daß ich den Willen tue des, der mich gesandt hat, und vollende Sein Werk”. Er kann an die Jünger, die Ihn täglich aus der Nähe sehen und erleben, die Frage richten: “Wer unter euch kann mich einer Sünde zeihen?” Ja selbst in der letzten, großen Bewährungsprobe der Passion geht Er Seinen Weg wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, still, geduldig, ohne Widerstreben und Empörung, ganz im Gehorsam an den Willen Seines himmlischen Vaters hingegeben.

An diesem Christusbild geht uns Menschen, die wir allezeit zur Unordnung geneigt sind, überhaupt erst auf, wie häßlich der gesetzlose Weg ist und wie herrlich ein Leben sein kann, das Gott gegenüber in Hingabe, Liebe und Vertrauen, in Gespräch und Gehorsam gelebt wird. Christus beschämt uns durch Seine fleckenlose Heiligkeit. Er sagt uns mit schonungslosem Ernst, daß Gott Seiner nicht spotten läßt, wenn wir Seine Gebote mit Füßen treten. Christus ist zugleich aber auch voller Geduld und priesterlicher Barmherzigkeit mit uns. Er reicht uns die Hand. Er verstößt uns nicht um unserer gehorsamswidrig gelebten Vergangenheit willen. Er schenkt uns ein neues Herz, Er zieht uns hinein in Seine Lebensgemeinschaft, Er schafft selbst die Voraussetzungen zur Ermöglichung eines neuen Lebens im Gehorsam.

Als der Sieger, der in Seinem Kreuzesleiden über alle widergöttlichen Mächte triumphiert hat, will Er auch in unserem Leben herrschen und überwinden. Immer ist Er beides zugleich: Lamm, das der Welt Sünde trägt, Versöhner, auf dem die Strafe liegt um unseres Ungehorsams willen, aber auch Brot des Lebens, Licht der Welt, Dämonenbezwinger und auferstandener Herr, der sich uns in Seinem Wort und Abendmahl als Quelle aller Lebenserneuerung zu eigen gibt. Im Heiligen Geist überbrückt der Herr, der der Geist ist, den zeitlichen Abstand, der uns von dem geschichtlichen Heilandsleben trennt. In der Kraft des Heiligen Geistes wird die Verheißung des Herrenwortes täglich neu an uns wahr: “Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

Wer sich von dieser belebenden Christusherrschaft ergreifen läßt, der sieht die Gebote Gottes mit anderen Augen. Die Gebote Gottes starren uns jetzt nicht mehr an wie Gefängnismauern oder wie Stacheldrähte, die unsere selbstherrliche Freiheit schmerzlich beschränken. Die Gebote Gottes erscheinen uns nicht mehr nur wie drohende Forderungen und Anklagen, die unser Gewissen in schreckliche Unruhe versetzen. Wir erkennen in den göttlichen Geboten Gottes hilfreiche Hand, mit der Er uns führen möchte, daß wir vor dem Argen bewahrt bleiben. Wir verstehen dann endlich: Gott will uns durch Seine Gebote nicht quälen, Er will uns das Leben dadurch nicht schmälern oder vergällen, Er will im Gegenteil gerade verhüten, daß unser Leben frühzeitig zerbricht.

Der gesetzlose Mensch, der wunder meint, was er gewinnt, wenn er sich im Ungehorsam von der göttlichen Bahn abwendet, ahnt nicht, wie er gerade damit den Tod für das Leben eintauscht, wie er die Knechtschaft anstelle der Freiheit wählt. Ach, wenn es uns doch gegeben werden möchte, in einer Zeit, die wie besessen ist von dem Rausch des gesetzlosen Wesens, mit neuen Zungen zu verkündigen: “Der Herr ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit, Freiheit von der Unordnung und Willkür, Freiheit von dem triebhaften Müssen unter der Zwangsgewalt erregender Bilder, Freiheit zu einem reichen, frohen und fruchtbaren Wirken in der Liebes- und Willensverbundenheit mit Gott!”

Gewiß, auch der neue Gehorsam ist in dieser Welt, in der Gott noch immer um Seine Machtherrschaft kämpfen muß, niemals ein vollkommener Gehorsam. Wir bleiben auch als Menschen, die aus dem Ungehorsam in das Lebensgesetz Christi heimgefunden und hinübergewechselt haben, allezeit Menschen, die der Vergebung Gottes bedürftig sind. Aber wir dürfen doch durch eine veränderte, verwandelte Haltung, die sich vom Geist der Welt deutlich unterscheidet, ein Zeichen dafür aufrichten, daß inmitten dieser Welt des Abfalls und des Ungehorsams der Siegeseinbruch Gottes in Jesus Christus geschehen ist und unaufhaltsam weitergeht.

7. Die Hilfe für den gesetzlichen Menschen

Es bedeutet sehr viel, wenn aus einem gesetzlosen Menschen ein Mensch wird, der Lust hat zu den Geboten Gottes, so daß er sprechen kann: “Gott, Deinen Willen tue ich gern”. Aber es gibt ein Geschehen, das noch größer ist als die Bekehrung eines Menschen, der die Abwendung vom Ungehorsam und die Hinwendung zu Gottes Gebot und Ordnung vollzieht. Das ist die Überwindung des gesetzlichen Wesens im Herzen der Frommen.

Der Irrweg des gesetzlosen Wesens ist leichter zu erkennen als die Entartungen, die sich an das doktrinäre und moralische Gebaren anheften. Der moralische Mensch ist so überzeugt von seiner sittlichen Tüchtigkeit, von seinem ethischen Fortschritt, er ist sich so sicher in seiner erstarrten Lieblingsmeinung auf dem Gebiet des christlichen Lehrens und Lebens, daß er überhaupt nicht auf den Gedanken kommt, er könnte in dieser seiner Verfassung eine unerfreuliche Erscheinung sein. Nirgends hat der Geist Gottes darum so viel Mühe und Arbeit, mit Seiner Macht zum Durchbruch und zum Sieg zu kommen, wie bei dem gesetzlichen Menschen.

Aber selbst einem so schwer zu fassenden Gegner gegenüber erweist sich Christus als der Stärkere. Christus spricht durch Wort und Geist zu dem Menschen, der seine Zuversicht auf die Erfüllung des Gesetzes setzt: So rein und vollkommen bist du nicht in deinem Gesetzeseifer, daß du auf Grund deiner sittlichen Leistungen vor Gott wirklich bestehen könntest. Darum laß dich kleiden in das Kleid der Gerechtigkeit, das ich dir geschenkweise darreiche und in dem du immer das Wohlgefallen Gottes hast. Willst du mich denn abermals kreuzigen, indem du mein Gnadenangebot verachtest und deiner eigenen Vollkommenheit mehr vertraust?

Zu dem Menschen aber, der allein von der Gnade leben will und der doch gleichwohl wieder ganz bestimmte gesetzliche Verhaltensweisen an die erste Stelle rückt, spricht Christus: Verwechsle mich doch nicht mit Mose, und meine Gemeinde nicht mit der Synagoge! In meiner Reichsgenossenschaft gilt nicht der Sack voller Vorschriften, sondern allein die lebendige persönliche Verbundenheit, in der ein jedes Glied an meinem Leib mit mir, dem Haupt, zusammengewachsen ist.

Hier steht und fällt ein jeder seinem eigenen Herrn. Darum sollen wir Ehrfurcht voreinander haben, wie Christus der Herr uns unterschiedlich in Ausrüstung und Beauftragung führt. Er kann den einen fest und streng anbinden, weil er es braucht. Und Er kann einen anderen, der vielleicht gesetzlich verengt war, in eine ganz neue Freiheit stellen.

In der Beziehung müssen wir alle noch viel lernen. Es wird unter den Gliedern am Leibe Christi immer “Starke und Schwache” geben, wie das schon in der Urgemeinde zu Rom der Fall war. Die Starken, sagt Paulus als Seelsorger seiner Gemeinden, sollen die Schwachen nicht verachten, sondern Verständnis haben im Blick auf das zarte Gewissen ihrer Brüder. Aber auch die sogenannten Schwachen, die der Welt gegenüber einen besonders strengen Abstand halten, werden von dem Apostel ermahnt, sich über die andern nicht in Richtgeist und liebloser Verurteilung zu erheben. Auf keinen Fall darf das Christsein so beschrieben werden, daß Gedrücktheit, Ängstlichkeit, Befangenheit und freudloses Wesen zu hervorstechenden Eigenschaften der christlichen Gemeinde werden. Wo das der Fall ist, da hat immer das gesetzliche Wesen über das Leben im Geist die Oberhand gewonnen. Und wieder möchte man bitten: Ach, daß uns doch eine Evangeliumsverkündigung geschenkt werden möchte, die selbst das erstarrte Wesen des gesetzlichen Menschen aufbricht, dadurch, daß der lebendige Christus bezeugt wird als der einzig wahre Grund unseres Friedens und als der Befreier von allen Menschensatzungen.

Man muß sowohl den gesetzlosen wie den gesetzlich verhafteten Menschen locken durch den Freudenklang des Evangeliums, das uns frei machen möchte von allem falschen Müssen, das uns frei machen möchte zu einem neuen Können und Dürfen. Der schwäbische Vater Johann Christoph Blumhardt hat davon etwas verstanden, wenn er einmal sagt: “Das ganze Evangelium, genannt Freudenbotschaft, will nichts als Freude dem Menschen anbieten. Deswegen hat man sich in Acht zu nehmen, nicht einen Schreck daraus zu machen, oder gar Jesum, den Freudebringer, als einen Sinaidonnerer hinzustellen. Wie der Herr Jesus selbst mit Seiner Rede es auf Freude abzielt, so sollen’s auch wir nicht vergessen, daß unserer Rede Ziel Erweckung einer Freude sein soll.”

(Quelle: “Leben aus Glauben und Gnade”; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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