Vom Wesen des Antichristen
Autor: Kahn, George, Dr. | Kategorie(n): Das Böse | 610 x gelesen“Einst gingen die Bäume hin, einen König über sich zu salben; und sie sprachen zum Olivenbaum: Sei König über uns! Und der Olivenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Fettigkeit aufgeben, welche Götter und Menschen an mir preisen, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du, sei König über uns! Und der Feigenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Süßigkeit aufgeben und meine gute Frucht, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du, sei König über uns! Und der Weinstock sprach zu ihnen: Sollte ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen alle Bäume zum Dornstrauch: Komm du, sei König über uns! Und der Dornstrauch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr mich in Wahrheit zum König über euch salben wollt, so kommet, vertrauet euch meinem Schatten an; wenn aber nicht, so soll Feuer von dem Dornstrauch ausgehen und die Zedern des Libanon verzehren” (Richter 9, 8-15).
In diesem Abschnitt wird uns — ganz unabhängig von den Ereignissen, in die er hineingestellt ist — erstmals Wesentliches vom Antichristen geoffenbart. Und wenn bis dahin kaum besondere Beachtung darauf gerichtet worden ist, so deshalb, weil die Lehre, welche daraus zu ziehen ist, wie so vieles andere in der Heiligen Schrift, erst unseren endzeitlichen Generationen greifbar und verständlich wird, weil auch sie, um mit denn Apostel Petrus zu reden, zu den “gegenwärtigen Wahrheiten” (2. Petr. 1, 12) gehört.
Die Bäume — die Nationen
Zunächst ist unschwer zu erkennen, dass unter den Bäumen die Nationen zu verstehen sind, so dass die Königswahl der Bäume nichts anderes bedeutet als die Wahl eines obersten Fürsten über die Nationen. Oftmals wird in der Heiligen Schrift für einzelne Menschen sowohl wie für ganze Völker Baum oder Bäume als Gleichnis gebraucht. “Ich sehe Bäume wie Menschen”, sagt der Psalmist. Das erste Wunder Gottes in der Wüste war das Süß- und Schmackhaftmachen des bitteren Wassers “Mara” durch das Süßholz, welches Mose auf das Geheilt des Allmächtigen hineinwarf (2. Mose 15, 22-23). Damit ist in wunderbar vorschattender Weise der mitfolgende Felsen Jesus, als ins Fleisch gekommener Mensch, gekennzeichnet, und gleichzeitig das Fluchholz, an welchem Er in den Opfertod ging.
Ferner sei auch an die Oase Elim erinnert, woselbst es (2. Mose 15, 27) “12 Springquellen und 70 Palmbäume” gab — ein vollkommenes Bild auf das Verhältnis von Israel und den Nationen im Königreiche des Herrn Jesus Christus. Dabei wäre zu beachten, dass zwar die Wasserquellen zunächst sehr wohl ohne die Bäume, diese aber nicht ohne die Wasserquellen bestehen können. Ich bitte, dies nicht als jüdisch-judaistische Überheblichkeit aufzufassen. Der Schwerpunkt liegt nämlich auf dem “zunächst”. Gewiss: die Reihenfolge des Bestehens ist eindeutig: zuerst die Quellen, und erst dann, und durch diese und aus diesen gespeist, die Bäume. Aber gäbe es keine Bäume, müssten auch die Quellen sehr bald versiegen. Die klimatologische Geschichte gerade des Heiligen Landes hat uns hierüber den vollkommensten Anschauungsunterricht geliefert: Wo abgeholzt und Raubbau an den Kulturen getrieben wurde durch die Beduinen und Araber, hat auch Feuchtigkeit und Wasserbildung aufgehört. In unserer Zeit aber stellte sich infolge der zionistischen Bodenbesiedelung und Waldanpflanzung auch der Regen wieder ein, ja vielfach bereits der verheißene Früh- und Spätregen, so dass mancherorts bereits zweimal geerntet werden kann. Und so wird es in ausgeprägter Weise im Reiche des Messias sein: Das wiederhergestellte Israel wird seinen Missionsauftrag an die Nationen getreulich erfüllen, mit Freude Wasser sprudeln lassen, die Bäume, d. h. die Nationen nehmen dies freudig und willig an und erheben sich zu immer schönerem Wachstum, und dies regt wiederum die Quellen zu noch größerem und froherem Sprudeln an, und so ist eine heilige Wechselbeziehung in gesegnetem Austausch der Gaben vorhanden.
Und schließlich sei, wenn von den Bäumen die Rede ist, auf den Feigenbaum Juda hingewiesen und auf die überragende endzeitliche Bedeutung, wenn dieser Baum nur an einem Teil seiner Zweige wieder Blätter gewinnt (Matth. 24, 32). Und der Apostel Lukas, der sich ja insonderheit an die hellenistisch gebildete Welt wendet, nennt zusammen mit dem Feigenbaum die “andern Bäume” (Lukas 21, 24), und wir sehen ja in unseren Tagen, wie gleichzeitig mit der Wiederherstellung des Staates Israel die Kolonialvölker sich eines nach dem andern selbständig machen und wiederum sichtbare Bäume spezifischen Charakters werden. —
Es kann somit kein Zweifel bestehen, dass auch in unserer vorliegenden Geschichte von der Königswahl der Bäume die Nationen gemeint sind.
Die Ablehnung durch Israel
Dreimal wird Israel die Königskrone angeboten, dreimal schlägt sie Israel aus. Denn Feigenbaum, Weinstock und Ölbaum sind ja alle drei Symbole für Israel-Juda in planmäßiger Stufung: Der Feigenbaum kennzeichnet das Judentum dem Fleische nach, in seinen äußeren Lebensbezirken, also auch das heutige politische und zionistische Israel. Der Weinstock stellt das Israel dar, welches im Aufbruch zum wahren Messias Jesus ist und Sehnsucht hat nach der Zentralrebe Christus und deren Kraft. Der Ölbaum ist das wiederhergestellte Israel, das wie der echte Ölbaum in der Belehrung des Paulus wieder in sein ihm zubestimmtes Erdreich eingewurzelt werden kann. Es ist unschwer in der Stufung dieser drei Symbole die Stufungen in Stiftshütte und Heiligtum zu sehen: Vorhof, Heiligtum, Allerheiligstes. Und es ist bedeutsam für die Beurteilung unseres heilszeitlichen Standpunktes, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Bildung des Staates Israel bereits Vorhofswesen trägt. Wir können auch an die Stufung erinnern, die uns der Apostel Paulus kundgibt, wenn er (Röm. 12, 2) ermahnt, zu prüfen, was da sei in den Augen Gottes gut, wohlgefällig und vollkommen. Und wir sehen auch daraus, dass die äußere Sammlung Israels bereits wenigstens als “gut” gewertet wird. Wir sehen aber auch, dass alles, was auf Jesus hinzielt, vom Vater der Allmacht und Herrlichkeit mit Wohlgefallen betrachtet wird und erinnern uns des ersten Kommens des Herrn, bei welchem die Engel “und an den Menschen ein Wohlgefallen” verkündeten, und erinnern uns weiter, dass Salomo (Spr. 8, 30.31) dort, wo er Christus im Gewande der Weisheit erscheinen lässt, Ihn zum verantwortlichen Baumeister dieses unseres Planeten Erde hinstellt und damit erklärt, warum der Gesalbte eben in besonderer Weise an Seinen Geschöpfen Wohlgefallen hat. —
Also: dreimal, in allen drei Stufungssymbolen, steht Israel als Königskandidat vor uns, und alle dreimal lehnt es die angebotene Krone ab. Gemeinsam allen drei Ablehnungen ist die Gesinnung: Ich bin geschaffen nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen und um Segen zu verbreiten. Und differenziert ist die Begründung nur hinsichtlich der Art des Dienens und Segnens, entsprechend der Verschiedenheit der Symbole.
Der Feigenbaum spricht von der äußeren, sichtbaren Frucht, und wir dürfen erinnern an den Beitrag, den auch das weltliche Israel und das Judentum dem Fleische nach je und je für Wissenschaft, Kunst, Handel und Industrie, staatliche Gestaltung und sozialen Fortschritt geleistet hat, und können wohl hinzufügen, dass selbst dort, wo es verirrlich und in der Wirkung fluchbeladen war, es doch immer noch in einer Atmosphäre geistiger Werte blieb. Der Weinstock kann und will nicht auf die Darreichung seines köstlichen Saftes verzichten, und wiederum sehen wir auf der Stufe “Christus — Wohlgefallen” die Freude und das Frohsein im Herrn ausgebreitet. Der Ölbaum endlich kann schon gar nicht auf seinen Dienst Verzicht leisten, da er doch die Salbung des Geistes, aber auch Heilung und Reinigung vermittelt.
So sehen wir in dieser Ablehnung durch Israel in herrlichster Weise vorweggenommen in seiner Wiederherstellung das wahrhafte königliche Volk von Priestern, ausgestattet mit der Gesinnung Christi, im Geiste Seiner Fußwaschung.
Der Dornbusch = der Antichrist
Die Bäume (also die Nationen) suchen einen andern, um ihm die Königskrone anzubieten. Es ist kennzeichnend, dass es hier auf einmal heißt: alle Bäume, während bei der dreifachen Kandidatur Israels nur von “Bäumen” die Rede war. Es handelt sich also um einen universellen Antrag. Und er ergeht an jemanden, der, vom Boden des Gleichnisses her betrachtet, gar nicht zu den “Bäumen” gehört, sondern zu den Sträuchern als baumähnlichen, aber nicht baumgleichen Gebilden. Und psychologisch fein und kurz, nur mit einer leisen Andeutung wird erwähnt, wie der Dornbusch den überraschten spielt und sich einen kurzen Augenblick lang beinahe ziert, — dann aber geht er gleich aufs Ganze, wie wenn er Bedenken hätte, das Anerbieten könnte rückgängig gemacht werden, und stellt schon im selben Atemzug mit der Annahme seine Bedingung: Wehe, wer sich mir nicht anvertraut und meinem Schatten. —
Nun bietet der Dornbusch etwas an, das er seiner ganzen Wesenheit nach überhaupt nicht zu gewähren in der Lage ist: Schatten. Bleiben wir zunächst beim äußeren Bild: der Schatten ist für den orientalischen Menschen etwas besonders Köstliches. Aber wo wäre der Mensch, der diesen äußeren Schatten unter einem Dornbusch suchen würde? Der Dornbusch sticht dafür mit seinen Dornen, unter seinem Wurzelwerk hausen Vipern und giftige Schlangen und elendiges Gewürme. Doch die Sache wird noch verruchter, wenn wir im Einklang mit dem Beginn des Psalms 91 unter Schatten die Wohlgeborgenheit unter den Fittichen des göttlichen Erbarmens verstehen. Und so sehen wir nun schon daraus eine erstmalige eindeutig charakterisierende Schau auf den Antichristen.
Der Dornbusch droht mit dem Feuer, das von ihm ausgehen wird für alle, die sich ihm entziehen wollen. Diese Drohung ist weiterhin besonders kennzeichnend: es ist die Spekulation auf das religiöse Gemüt und die im Seelischen haften gebliebene religiöse Überlieferung: denn wenn man vom Dornbusch und Feuer hört, denkt man unwillkürlich an jene heilig-erhabene Situation der Berufung des großen Gottesknechtes Mose. Würde man weit herum, selbst bei denen am Rande des Glaubens, einen Assoziations-Test machen und das Stichwort “Dornbusch-Feuer” ausgeben — beinahe alle würden sich irgendwie dieser Mose-Szene erinnern. Der Antichrist-Dornbusch ist also in Sachen “religiöser Betrieb” wohl unterrichtet und gut zu Hause.
Schließlich wird er, der zum König erhobene Dornbusch, nicht einmal vor den Zedern des Libanon Halt machen. Die Zeder, der wahre königliche Stamm unter den Bäumen, bildete das Holzwerk für den Hochaltar des salomonischen Tempels — er wird das Holz- und Fachwerk liefern für den Altar, wie ihn Hesekiel in seinem Tempel beschreibt, und für den von jüdischen Architekten längst die Pläne vorliegen. Hier sehen wir in endgültiger Weise den Antichristen gekennzeichnet, der nicht einmal vor dem Heiligtum und seinem Altar innehalten wird. Und wir denken “an den Greuel der Verwüstung”, wie ihn der Prophet Daniel erwähnt und welchen der Herr Jesus in Seinen endzeitlichen Belehrungen an die Jünger (Matth. 24, 15) besonders ausdrücklich als Kennzeichen hinstellt.
Verfolgung und Verführung
Wir dürfen den Antichristen keineswegs in Moskau suchen, sondern müssen ihn inmitten der religiösen Betriebsamkeit ermitteln. Gewiss: der Bolschewismus, oder einzelne Figuren der Gegenwartsgeschichte, wie Hitler oder Stalin, tragen antichristliche Einzel- oder Teilzüge. Gleichzeitig aber liegt in diesen Teilschattenbildern eine ganz gefährliche und meisterlich raffinierte Tarnung des kommenden eigentlichen Antichristen durch die Künste Satans vor. Und doch gibt das Wort Gottes denen, die danach forschen, klare Weisung: Er wird der Herr über den Gottesdienst sein, er ist nicht zuerst im Getriebe der politischen Machtkämpfe zu suchen, sondern im Gerüstwerk der religiösen Kirchen und Gemeinschaften sowie Israels.
Der große Genfer Reformator Calvin war der erste, der darauf hinwies, dass der Antichrist aus dem kirchlichen Leben komme. Aus der Lage seiner Zeit ergab es sich, dass er ihn bei der damaligen Papstkirche vermutete. Wir dürfen keine Denomination und keine sichtbare Kirche einzeln herausnehmen und dürfen kein religiöses Gebilde als Träger oder Ausgangspunkt des Antichristen hinstellen. Wir wissen nur, dass alles an ökumenischer Bewegung und dergleichen (ich denke u.a. auch an die moralische Aufrüstung, Oxfordbewegung u.a.m.) für die wahren Kinder Gottes zu einem ernsten Prüfstein werden muss, weit mehr als der eindeutig sich kundtuende Bolschewismus. Denn wir sehen, neben der Vertiefung des Glaubens und der Erkenntnis in den kleinen verborgenen Gemeinschaften, eine große Verflachung bei den Gerüsten. Es wird ja auch, besonders für die kommende Jugend, schwer sein, hier die richtige Beurteilung zu finden. War es schon selbst für gläubige Deutsche schwer, sich den für viele ja nicht wegzuleugnenden Vorteilen und Verbesserungen des äußeren Lebens unter dem Nationalsozialismus zu entziehen, um wieviel schwieriger wird es sein, den scheinbaren Wohltaten äußeren Friedens, Wohlstandes, sozialen Ausgleiches nicht zu unterliegen, und besonders, wenn sie unter dem Vorzeichen religiöser Betriebsamkeit in Szene gesetzt werden. “Haben wir nicht alle einen Gott?” “Scheint die Sonne nicht für alle Menschen?” Ja, es ist heute schon gar nicht mehr schwer, über Gott mit andern Menschen ins Gespräch zu kommen. Selbst über Christus kann man mehr und öfters sprechen, als ich früher je geglaubt habe. Und nehmen wir “Christus” wörtlich, d. h. als Christos = der Gesalbte, der Messias, so kann ich mit jedem Juden rasch einig werden. Aber die Sache wird schwer und das Gespräch stockt oder kommt zum Abbruch, sobald die Rede auf Jesus kommt. Und doch: es ist in keinem andern Namen Heil. Oder: wer nicht glaubt und bezeugt, dass der Sohn Gottes ins Fleisch gekommen ist, kann nicht bestehen. Man prüfe einmal, wie recht oft in Predigt und Gebet zwar von Christus gesprochen wird, wie herzlich wenig aber von Jesus …
Die wahre Gemeinde Christi wie der Überrest Israels sind in dieser unserer Zeit, und sich weiterhin immer mehr verstärkend, zwei Gefahren ausgesetzt: der Verfolgung und der Verführung. Nun ist es beängstigend auffällig, wie viele Kinder Gottes wie gebannt nur die Verfolgung, sichtbar gemacht durch Bolschewismus, Antisemitismus usw. sehen, aber nichts von der schleichenden Gefahr der Verführung wahrnehmen. Wie ein Tierlein, das, von einer Schlange hypnotisiert, nicht den Panther bemerkt, der hinter ihm zum Sprunge ansetzt …
Hand in Hand damit geht die große Leidensscheu unserer Tage. Der Herr in Seinem Worte lehrt uns aber etwas anderes, nämlich gerade das Umgekehrte: nirgends ist verheißen, dass die physisch-sichtbare Verfolgung vor den Seinen Halt mache — im Gegenteil: wie “Schafe unter die Wölfe geworfen” gilt vor allem für die kommenden Tage. Aber dafür haben wir die Verheißung: “Die Pforten der Hölle sind euch verschlossen”. Der Antichrist kann euch nicht verführen. Doch es handelt sich nicht nur um uns. Wir haben einen brüderlichen Dienst an der Mit- und Umwelt, und vor allem an den schlafenden unter denen, die Christus lieb haben. Ihnen müssen wir die Zeichen der Zeit deuten, sie müssen wir belehren. Aber auch für uns selbst ist es wertvoll, das Wesen des Antichristen immer besser kennenzulernen. Die alte Geschichte aus dem Buche der Richter mag in ihrer knappen, aber so sinnreichen und eindeutigen Weise einen guten Beitrag dazu schenken. Wir müssen dankbar sein für jeden Hinweis und in unserer geistigen Waffenausrüstung verbleiben, was immer an Zeugnis und Sicht dargereicht wird.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1958; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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