Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Wesenseinheit Gottes

Autor: Jugel, Wolfgang  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre  |  684 x gelesen

In 5. Mose. 6, 4-5 finden wir »das größte und erste Gebot«, das auch unser Herr Jesus bestätigte (Matth. 22, 37-38; Mark. 12, 29-30). Es gründet auf dem Fundament des Glaubensbekenntnisses Israels, dem »sch’ma Jisrael«:

»Höre, Israel! JAHWEH, unser Gott, JAHWEH ist Einer!« (im Hebräischen: sch’ma Jisrael, JAHWEH elohenu, JAHWEH ächad).

Ausdrücklich haben sich Jesus und Seine Apostel zu diesem Grundsatz aller biblischen Offenbarung bekannt (vgl. Matth. 19, 17; Mark. 10, 18; Luk. 18, 19; Matth. 23, 8-10; 1. Kor. 8, 4; Gal. 3, 20; 1. Tim. 2, 5; Jak. 2, 19; 4, 12).

Im hebräischen Text werden das Anfangs- und das Schlusswort dieses Bekenntnisses jeweils mit einem besonders groß geschriebenen Buchstaben beendet: »Höre« (sch’ma) mit einem »ajin« (= das Auge) und »Einer« (ächad) mit einem »daleth« (= die Türe).

Der Gelehrte Bullinger wies darauf hin, dass diese Buchstaben, wenn man sie vereinigt, entweder das Wort »ed« (Zeuge, Zeugnis), oder das Wort »ad« (ewig, Schmuck) ergeben, was zu der Aussage führt: das Bekenntnis Israels zu JAHWEH als dem einzig-einen Gott ist Israels Zeugnis und ewiger Schmuck.

Dem entspricht es, wenn jeder gläubige Jude eine Kapsel mit den Versen des Glaubensbekenntnisses und der großen Grundgebote (5. Mose 6, 4-9 und 11, 18-21) an seine Haustüre nagelte, manchmal sogar an die Zimmertüren, die seinen Glauben auch nach außen bekunden sollte. Auch die Stadttore wurden mit ihr geschmückt; man nennt sie »mesusa«. Freilich wussten dann auch die »christlichen« Horden des antisemitischen Mittelalters sofort, wo sich ein jüdisches Haus befand, das sie plündern konnten.

Die kleine Schriftrolle im Inneren der hohlen Mesusa (wie auch in den Kapseln an Arm und Stirne der Gebetsriemen) enthält auf der Innenseite die schon erwähnten Texte, auf der Rückseite aber den Namen Schaddai (Allmächtiger), dessen Buchstaben durch eine aufklappbare Öffnung in der Mesusa-Kapsel zu erkennen sind — dem »Auge« an der »Türe« (s. o.). Die Buchstaben dieses Gottesnamens (schin, daleth und jod) deuteten die Schriftgelehrten als »schomär daltot jisrael« — »Wächter der Tore Israels«.

Zum ewigen Zeugnis und Glaubensbekenntnis Israels, Jesu und Seiner Apostel schrieb Leo Hirsch (in »Jüdische Glaubenswelt«): »Das sch’ma ist ein Höhepunktswort, und es kommt als Äußerstes auch in den äußersten Situationen von jüdischen Lippen. Wer dem Tode sich gegenübersieht, spricht, flüstert, ruft, bekennt noch dieses: ›Höre Jisrael …‹ Es ist ein Höhepunkt auch im Sterbegebet, der Notruf in Gefahr, der letzte Stoßseufzer und Aushauch der Verröchelnden. Man erzählt von der Schlacht bei Tannenberg im Anfang des 1. Weltkrieges, wie ein deutsch-jüdischer Infanterist im Nahkampf einen Russen mit dem Bajonett trifft. Da schreit der sterbende Russe, der ebenfalls Jude war: ›Sch’ma Jisrael …‹ — und der Deutsche verlor den Verstand«. —

»Höre Israel, JAHWEH, unser Gott, JAHWEH ist Einer!«

Es wäre zu flach und oberflächlich gefasst, wenn wir in diesem Bekenntnis nur eine mathematische Aussage fänden: Es gibt nur 1 (einen) Gott! Dem widersprechen viele Zeugnisse der Heiligen Schrift, die von der Herrschaft vieler »Götter« (elohim) über die Weltvölker sprechen, etwa Dan. 10. Wie könnten wir sonst die folgenden Schriftzeugnisse verstehen?

  • »In Wahrheit, euer Gott, Er ist der Gott der Götter« (Dan. 2, 47);
  • »Wer ist Dir gleich unter den Göttern, o Herr?« (2. Mose 15, 11);
  • »… inmitten der Götter richtet ER« (Ps. 82, 1);
  • »… denn ein großer Gott (EL) ist JAHWEH, und ein großer König über alle Götter« (elohim — Ps. 95, 3);
  • »Denn groß ist JAHWEH und sehr zu loben, furchtbar ist Er über alle Götter« (Ps. 96, 4).

So ist auch »der Sohn Adams«, der Menschensohn, nur »ein wenig unter die Götter« (elohim) erniedrigt, welches die Septuaginta und mit ihr der Schreiber des Hebräerbriefes als »unter die Engel« deutet.

So dürfen wir mit Paulus unter den »Göttern« — die allerdings weder Schöpfer der Welt noch JAHWEH irgendwie gleich sind — Fürstentümer, Gewalten, Herrschaften, Weltbeherrscher, Kräfte, Thronmächte und Fürsten dieser Weltzeit sehen.

Bedeutend in diesem Zusammenhang ist auch 1. Kor. 8, 4-6, wo Paulus feststellt:

  1. Das Götzenbild ist nichts in dem Kosmos;
  2. Es gibt solche, die »Götter« (elohim) genannt werden;
  3. »Viele Götter und Herren« üben im Kosmos Herrschaft aus, de­ren »Medium« das Götzenbild darstellt;
  4. »Für uns« aber, die wir glauben und des Geistes Gottes teilhaftig sind, »ist nur ein Gott und Vater« — aus dem das All hervorgegangen ist — und »ein Herr, Jesus Christus« — durch den das All existiert, und auch wir durch Ihn!

»JAHWEH, unser Gott, JAHWEH ist EINER

Wichtig ist die Übersetzung des Wortes »ächad« (einer). Es kann auch so wiedergegeben werden: »… JAHWEH ist einzig« (damit auch: einzigartig).

Bullinger weist darauf hin, dass es sich bei dem hebräischen Wort »um eine zusammengesetzte Einheit im Sinne der Einheitlichkeit« handelt; damit ist die Fülle der Namen und Wesenseigenschaften Gottes angesprochen, auch in Seiner Offenbarung als Vater, Sohn und Heiliger Geist — also die Wesenseinheit Gottes, damit auch Seine Einmaligkeit und Wesensvollkommenheit.

Es gibt keinen »Gott des Gerichts«, einen »gerechten Gott« und »Gott des Zorns«, einen »Gott der Liebe und der Barmherzigkeit«, der von dem »heiligen Gott« zu unterscheiden wäre, wie es uns unsere Dogmatiken in Einzelkapiteln darlegen, aber auch Verkündiger in überzogenen Einzelaussagen über Gott!

Der richtende Gott ist immer zugleich auch der liebende und barmherzige Gott, der mit Seinen Gerichten heilspädagogische Ziele Seiner heimsuchenden Liebe verbindet! Andererseits ist der gnädige Gott immer zugleich auch der gerechte Richter, der in Christus alle Sünde gerichtet und selbst das Gericht ertragen hat und uns darum von aller Schuld freisprechen kann; Er führt uns aber über die Buße und das Selbstgericht zur Begnadigung. Wer von dieser Wesensvollkommenheit und Wesenseinheit Gottes überführt und durchdrungen ist, wird niemals einen doppelten Ausgang der Heilsgeschichte annehmen können — einerseits ewiges, unendliches Gericht, andererseits ewiges, unendliches Heil nur für die Auserwählten! Darum brauchen wir, um das Zeugnis von der Einheitlichkeit und Einzigartigkeit Gottes begreifen zu können, in der Liebe zu Ihm auch die Liebe »aus ganzem Verständnis und gründlichem Durchdenken« (vgl. Mark. 12, 29-30.33; Matth. 22, 37).

Gerade durch Seine Wesenstreue und Wesensvollkommenheit ist »der Vater unseres Herrn Jesu Christi«, der »Gott der Götter«, von anderen, erschaffenen »Göttern« abgesondert.

Davon spricht aufs deutlichste auch 5. Mose 32, 11-12 und klärt damit auch die oft gestellte Frage, wer denn Israel durch die Wüste ins Land der Verheißung geführt habe: »Wie der Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, sie aufnimmt und sie trägt auf seinen Schwingen — so führte ihn« (d. h. Jeschurun = Israel) »JAHWEH allein« (als ein — von allen Göttern — Abgesonderter, wie es eigentlich heißt), »kein fremder Gott war mit Ihm!«

Also auch kein Engelfürst oder gar Finsternisengel, was Paulus uns in 1. Kor. 10, 4 bestätigt; dort führt er eindeutig aus, dass Christus als der »Felsen Israels« Sein Volk durch die Wüste geleitet habe. Er war »der Engel« (d. h. der »Beauftragte«) »Seines Angesichts«, d. h. des Angesichts Gottes, weshalb Mose auch »das Bild Gottes« schauen konnte (Jes. 63, 9-10 und Mose 12, 8 im Vergleich mit Kol. 1, 15). Der Christus Gottes war der »Beauftragte« Gottes, Sein »maleakh« oder »Engel«, erniedrigt in Gestalt der Knechte JAHWEHs (Phil. 2, 7).

JAHWEH allein führte Israel durch die Wüste in das verheißene Land! — Darum kann in 5. Mose 32, 39-40 die Wesenseinheit Gottes im Sohn so beschrieben werden: »Sehet nun, dass ich, ja ich (unveränderlich) derselbe bin, und kein Gott (elohim) bei mir! Ich töte, und ich mache lebendig; ich zerschlage, und ich heile; und niemand ist, der aus meiner Hand errettet! Denn ich erhebe zum Himmel meine Hand (zum Schwur) und spreche: Der Lebendige bin ich ewig!«

Der Apostel Jakobus führt auch die Gesetzgebung auf die Wesenseinheit und Einzigartigkeit Gottes im Sinne des Glaubensbekenntnisses zurück: »Du glaubst, dass Gott einer ist, und tust wohl daran; auch die Dämonen glauben und zittern« (2, 19); und: »Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag« (4, 12)! —

Als Jesus einmal von einem jüdischen Schriftgelehrten mit der Anrede »Guter Lehrer« bedacht wurde, gab Er diesem eine eigenartige Antwort: »Warum nennst du mich gut? Keiner ist gut, als nur einer — Gott!« (Luk. 18, 18-19; in Matth. 19, 17 lautet die Antwort Jesu: »Einer ist der Gute«).

Wollte unser Herr das Prädikat »gut« für sich und Seine Person abwehren und nur auf den Vatergott beschränkt wissen? Dem widerspräche, dass in Ihm keine Sünde war (1. Joh. 3, 5), dass Er keine Sünde tat (1. Petr. 2, 22) und keine Sünde erkannte (2. Kor. 5, 21), aber auch, dass Er sich selbst als den »guten Hirten« bezeichnete. Dazu führte Rienecker in der »Wuppertaler Studienbibel« aus: »Wenn Jesus den Gruß ›guter Lehrer‹ abwies, so sagt Er damit nicht: ›Ich bin nicht gut‹ … Jesu Antwort ist christologisch zu verstehen. Wer Jesus gut nennt, muss Sein Einssein mit Gott und Jesu Gottheit erkennen. Jesu Gegenfrage ist darum nicht zu betonen: ›Was heißest du mich gut?‹ sondern: ›Was heißest du mich gut?‹, d. h. aus welchem Grunde heißest du mich gut?!«

Darum dürfen wir singen und bekennen:

    »EINER nur ist ewig wert, dass Ihm Ehre widerfährt,
    EINER nur, dass alle Welt betend vor Ihm niederfällt:
    Jesus, der vom Himmel kam!«

Die anderen Verse geben dann dem die Ehre, »der am Kreuze starb, der vom Tod erstand, der gen Himmel fuhr« und »der vom Himmel kommt« (»Lobgesänge der Gemeinde«; 266).

Allerdings ist die Einheit des Sohnes mit dem Vater eine Einheit in der Unterordnung des Sohnes unter den Vater, wie auch des Heiligen Geistes unter den Sohn; sie ist keine Einheit in der Identität, sondern eine innere Einheit des Wesens. Wenn wir in Joh. 10, 30 lesen »Ich und der Vater sind eins«, so meint dies die völlige Übereinstimmung in der göttlichen Wesensvollkommenheit und Wesenstreue, eine Übereinstimmung in Geist, Licht, Leben und Liebe. Die geforderte Einheit der Gemeinde Christi ist von dieser inneren Übereinstimmung abgeleitet: »Heiliger Vater! Bewahre sie in Deinem Namen, den Du mir gegeben hast, damit sie eins seien, gleichwie wir es sind« (Joh. 17, 11).

So dürfen wir die »Dreieinigkeit« nicht als eine »Trinität« dreier Götter darstellen; vielmehr meint die Bibel, die ja diesen Begriff selbst nicht kennt, das einheitliche personale Handeln des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das Glaubensbekenntnis Israels lässt allenfalls drei Manifestationen des einen Gottes zu. Kein Gott ist außer Ihm, dem Vater, kein Gott neben Ihm, wohl aber der Geliebte, der Christus, in Ihm (Joh. 14, 7-11). Dem Sohne Gottes eignen alle göttlichen Eigenschaften und Qualitäten; in Gedanken, Plan, Wille, Weg, Wesen und Handeln gehen Vater und Sohn miteinander den Weg der Heilsgeschichte (vgl. 1. Mose 22, 6. 8). —

Die Einheit und Unveränderlichkeit des Wesens Gottes ist ein außerordentlich wichtiges Grundthema der Heiligen Schrift. In Gottes Eidschwüren »bei sich selbst« und »bei Seinem heiligen Namen« hat Er sich verpflichtet, Seine Verheißungen einzuhalten. »Es geziemte Ihm« (das heißt, es war Ihm angemessen), »… den Urheber ihrer Errettung durch Leiden zu vollenden« (Hebr. 2, 10). Damit bindet Er sich an Sein eigenes Gotteswesen und »begrenzt« damit auch Seine Allmacht: Er kann nicht lügen (Hebr. 6, 18), Er kann sich selbst nicht verleugnen (2. Tim. 2, 13); Er bleibt treu — auch bei der Untreue Seiner Geschöpfe (s. o.), und Seine Gnadengaben und Berufungen sind unwiderrufbar (Röm. 11, 29). Alles, was Er denkt, will und tut, muss letztlich mit Seinem Charakter der Liebe, des Lichtes, des Lebens und des Geistes übereinstimmen. Auch bei Gott gibt es keine Gemeinschaft und Anteilhabe zwischen Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gottestempel und Götzentempel — auch nicht zwischen Christus und dem Beliar (Satan; 2. Kor. 6, 14-15).

Diese Wesenstreue Gottes, Seine heilige Selbstbegrenzung und Wesenseinheit beschreibt vorzüglich Jak. 1, 16-18: »Irret euch nicht, meine geliebten Brüder! Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter! Bei Ihm ist keine (Wesens-) Veränderung noch eines Lichteswechsels Schatten! Nach Seinem eigenen Willen hat Er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht Seiner Geschöpfe seien.«

Der griechische Ausdruck für »eines Lichteswechsels Schatten« (tropäs aposkiasma) bezeichnet eigentlich »die durch den Wandel eines Gestirns hervorgerufene Verfinsterung« (NT interlinear), also eine Sonnenfinsternis, wie wir sie 1999 erfuhren. Hier aber geht es um die Möglichkeit einer »Gottesverfinsterung«; diese widerfährt niemandem; nur einer hat sie erfahren, als Er von Gott verlassen ward, weshalb als äußeres Zeichen auch die Sonne sich verfinsterte (Matth. 27, 45). —

»Höre, Israel, JAHWEH, unser Gott, JAHWEH ist einzig!«

Nun gibt es eine vollkommene Wesensoffenbarung Gottes und Einheit im Sinne der völligen Übereinstimmung nur im Sohn. Die Liebe Gottes offenbart sich nur in Christo Jesu (Röm. 8, 39 b). Er ist dem Vater, wie wir es schon aus Seinem eigenen Worte hörten, wesensgleich. Jede Offenbarung Gottes, die nicht durch den Mittler Christus geschieht, sondern über andere Ver-mittler, die eine unermessliche Kluft überbrücken helfen, ist eine »Herabstufung«.

Hierzu lesen wir das schwer verständliche Pauluszeuggis aus Gal. 3, 19-20: »Warum nun das Gesetz? Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt (bis der Same käme, dem die Verheißung gemacht war) — angeordnet durch Engel, durch die Hand eines Mittlers« (nämlich Moses). »Aber der Mittler ist nicht eines Einzigen Mittler« (d. h. er vertritt nicht einen Einzigen), »aber (der) Gott ist EINER

Die Offenbarung des Gesetzes findet also durch Mittler »zwischen zwei Parteien« statt:

  1. durch die Engel, die im Auftrag JAHWEHs das Gesetz am Berge Sinai anordneten und verfügten – begleitet von mächtigen kosmischen Erschütterungen; sie waren »Mittler in der Anordnung« (Legislative).
  2. durch Moses als den Empfänger der göttlichen Gesetzesoffenbarung; er war Mittler in der Weitergabe an das Volk Israel (Exekutive).

Hierbei fand ein Offenbarungsweg Gottes statt, der von der 1 zur 2, von der Einheit in die Vielfalt führte. In diesem Sinne waren auch die Apostel mit ihrem Christuszeugnis Mittler im Sinne der Weitergabe der Offenbarung.

Alle diese Mittler und Boten (»Engel« sind nach dem Hebräischen »Beauftragte«) waren durchaus gute, treue und zuverlässige Boten, durch die sich Spr. 25, 13 erfüllte: »Wie Kühlung durch Schnee an einem Erntetage ist ein treuer Bote denen, die ihn senden, er erquickt die Seele seines Herrn!«

So sind die Lichtesengel Täter des Willens Gottes, gehorsam der Stimme Seines Wortes, ja, Seines Wohlgefallens (Ps. 103, 20-21), und Mose war »treu in seinem ganzen Hause« (Hebr. 3, 2).

Die »Herabstufung« der Offenbarung auf dem Wege der »Erniedrigung« bringt jedoch keine qualitative Minderung in der Inspiration der Offenbarung mit sich! Jesus bekräftigte dies nachdrücklich, als Er sagte, dass kein Jota noch eine Buchstabenverzierung der Thora vergehen werde — solange Himmel und Erde bestehen — bis dass alles seine heilsgeschichtliche Erfüllung erfahren habe (Matth. 5, 17-18)! Dies gilt erweitert für das ganze Wort Gottes!

Aber: Auch das geschriebene Wort Gottes hebt die Notwendigkeit einer vollkommenen Wesensoffenbarung des einen Gottes — im Schauen von Angesicht zu Angesicht — nicht auf: »Denn wir sehen jetzt wie durch einen Bronzespiegel umrisshaft (oder: im Rätsel), einst aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich auch ganz erkannt worden bin« (1. Kor. 13, 12)!

»Da ich vieles zu schreiben habe, wollte ich es nicht mit Papier und Tinte tun, sondern ich hoffe, zu euch zu kommen und von Mund zu Mund mit euch zu reden, damit unsere Freude zur Fülle käme« (2. Joh. 12: im Wort des Apostels Johannes erscheint Christuswort).

Und die Königin von Saba sprach zu Salomo, wie wir einst zu dem König und Friedefürsten Jesus sprechen werden: »Das Wort ist Wahrheit gewesen (!), das ich in meinem Lande über deine Sachen und deine Weisheit gehört habe; ich aber habe das Wort nicht geglaubt, bis ich gekommen bin und meine Augen es gesehen haben. Und siehe, nicht die Hälfte ist mir berichtet worden; du übertriffst an Weisheit und Gut das Gerücht, das ich gehört habe« (1. Kön. 10, 6-7).

Darin liegt nun der Sinn für das gewichtige »aber« in Gal. 3, 20: »Aber der Mittler ist nicht eines Einzigen Mittler.« Er ist — man verzeihe den Vergleich — ein getreuer »Briefträger« zwischen zwei Parteien, nämlich zwischen Gott und Mensch, der hin- und hereilt, um Nachrichten der Offenbarung zu überbringen.

»Aber: Gott ist EINER« — ist einzig und einzigartig, einheitlich und geschlossen, was Sein Wesen anbetrifft. —

Wenn ein Mittler als Vermittler eingesetzt wird, so wird der Weg von der 1 zur 2, von der Einheit zur Vielfalt begangen. Kosmisch gesehen erscheint dieser Dualismus in Licht und Finsternis, Gott und Schöpfung, Lichteswesen und Finsterniswesen, Engel und Menschen, Himmel und Erde, Gotteswelt und Kosmos, Mann und Frau, Israel und den Nationen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ob sich nicht auch darin das scheinbar triviale Wort aus Pred. 10, 9 erfüllt, wo es heißt: »Wer Holz spaltet, kann sich dadurch gefährden« (vgl. 1. Mose 22, 3)?

Dieser ungeheure Brückenschlag zwischen Gotteswelt und Menschenwelt — in dem sich Gott gleichsam selbst aufs Spiel setzte und »gefährdete« — geschah in dem Mittler Jesus Christus, trug sich aus in Seiner eigenen Person, nach Seiner Selbsterniedrigung. ER kann nicht verglichen werden mit anderen Mittelsmächten, seien sie nun Engel, Moses oder Propheten und Apostel! Er ist nicht »Briefträger« zwischen Gott und der Menschheit. Von diesem »Mittler eines neuen Bundes« sagt Paulus in 1. Tim. 2, 3-5:

»Denn dieses« (nämlich das Gebet für alle Menschen) »ist gut und angenehm vor unserem Rettergott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn einer ist Gott, einer auch Mittler Gottes und der Menschen: der Mensch Christus Jesus.«

Dieses Pauluszeugnis von der Wesenseinheit Gottes steht in einem engen Zusammenhang mit Seinem erklärten Rettungswillen! Gerade weil in Ihm Gerechtigkeit und Gnade, Liebe und Gerichtszorn, unbestechliche Heiligkeit und Rettungswille vereint sind, sind auch alle Gerichte von vornherein mit letzten Liebes- und Rettungszielen verbunden. Das begründende »denn« ist zu beachten!

Nun sagt aber der Grundtext nicht, dass der Christus »Mittler« zwischen »Gott und Menschen« sei, denn dann wäre Er auch nur ein Bote, ein Nachrichtenübermittler wie die Engel und wie Moses, wie die Propheten und Apostel, der zwischen Gott und Menschen hin- und hereilte. Und doch ist Er »Mittler« — aber in welchem he­rausragenden Sinne?

Er bildet die wirkliche, wesenhafte Mitte zwischen der unzugänglichen Gotteswelt und dem sichtbaren Kosmos, zwischen dem unsichtbaren Gott und der sichtbaren Menschenwelt, zwischen Geist und Fleisch — weil Er zugleich beides ist: wahrer Gott und wahrer Mensch. So singen wir:

    »Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
    A und O, Anfang und Ende steht da.
    Gottheit und Menschheit vereinen sich beide:
    Schöpfer, wie kommst Du uns Menschen so nah!
    Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden:
    Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden!«

Wie ein Knoten die ganze Spannung des zusammengeknüpften Seils auszuhalten hat, so hatte Christus die volle Spannung zwischen Seiner Wesensgleichheit mit Gott und der Gleichheit mit dem Fleisch und Blut der Menschen auszuhalten und in sich auszutragen. Dennoch blieb in Ihm die Wesenseinheit Gottes voll erhalten, es gab keine Minderung und »Herabstufung« der Offenbarung! — Auch von Ihm konnte in voller Weise gelten:

JAHWEH, unser Gott, JAHWEH ist einzig!

Heinrich Langenberg schrieb über 1. Tim. 2, 3-5: »Auch hier wird die Einheit nicht als Einzigkeit einer Vielheit gegenüber betont, weil es außer Christus kein Heil gibt (Apg. 4, 12), sondern als Einigkeit, Einheitlichkeit. So verschieden die einzelnen Berufungen auch sein mögen, das Heil selber ist einig. ›Einer ist Mittler‹. Das ist der Heilsweg. Der Begriff Mittler schließt Versöhnung, Erlösung, Vollendung in eins zusammen. Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14, 6). Er ist nicht Mittler ›zwischen‹ Gott und den Menschen, steht nicht als Dritter zwischen beiden Teilen. Das wäre nur eine Verbindung, aber keine Einheit.

Er eint Gott und die Menschen in sich, indem Er zugleich Gott und Mensch ist. ›Der Mensch Christus Jesus‹, das ist das Geheimnis der Mittlerschaft und somit des universellen Heils« (Aus: Die beiden Timotheusbriefe). —

Dies aber hat Israel noch nicht erkannt. Wie sehr noch die Decke über ihren Herzen liegt, kann uns ein Ausspruch von Schalom ben Chorin, dem bekannten Reformrabbiner, zeigen: »Für den jüdischen Glauben kann Jesus nicht der Sohn Gottes und nicht die 2. Person der Trinität sein, weil wir diese Würde keinem Menschen zuerkennen können … Warum wir auf die Christusfrage verneinend antworten müssen: Nicht der Messias, denn die Welt ist unerlöst. Nicht der Sohn Gottes, denn wir wissen nicht um einen solchen. Nicht der gottmenschliche Mittler, denn wir bedürfen dessen nicht. Nicht der Erfüller des Gesetzes, denn wir müssen es selbst erfüllen. Nicht der einzige Gerechte des stellvertretenden Sühneleidens, denn ihrer sind viele. Der Glaube Jesu einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns …«

Darin war ihm der weise Agur weit überlegen, auch wenn er noch nicht »die Erkenntnis des Allerheiligsten« besaß, als er die Frage stellte: »Wer ist hinaufgestiegen gen Himmel und herniedergefahren … Was ist Sein Name, und was der Name Seines Sohnes — weißt du es?« (Spr. 30, 1-4).

Doch es kommt bald die Zeit, wo ein von vielen Auslegern unverstandenes Gotteswort aus Sach. 14, 9 in Erfüllung gehen wird; es ist die 22. von insgesamt 24 Stellen, in denen der Prophet von der Endzeit als »in jenen Tagen« oder »an jenem Tage« spricht. Dann wird Israel Ihn schauen, den es zerstochen hat und der sich ihm in Herrlichkeit offenbaren wird, damit dereinst ganz Israel gerettet werde:

    »Und JAHWEH wird König sein über die ganze Erde;
    an jenem Tage wird JAHWEH einer sein,
    und Sein Name einer

Dann wird Israel in dem Christus JAHWEH, den »Einzigeinen und Ewigen« erkennen, Gott den Vater im Sohn!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 2/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)

Bisher gibt es einen Kommentar zu “Die Wesenseinheit Gottes”

  1. 1 Nathanael (Montag, 01. November 2010; 15:05): 

    Guten Tag

    Wie kann Jahwe EINER sein und doch Vater, Sohn und heiliger Geist?

    Liebe Grüsse
    Nathanael

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