Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Die Berufung des Propheten Jeremia

Autor: Kahn, George, Dr.  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Lehre  |  827 x gelesen

“Und das Wort des Herrn erging an mich und sprach: Ehe denn Ich dich im Mutterleib bildete, kannte Ich dich, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorgingst, habe Ich dich geheiligt und dich den Völkern zum Propheten gegeben! Da sprach ich: Ach Herr Jehova, ich kann nicht reden, denn ich bin noch zu jung! Aber der Herr sprach zu mir: Sage nicht, ich bin zu jung! Sondern du sollst zu allen hingehen, zu denen Ich dich sende, und alles reden, was Ich dich heiße. Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir. Und Ich will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr reckte Seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: siehe, fortan lege Ich Meine Worte in deinen Mund. Und setze dich von diesem Tage an über Völker und Königreiche, um auszureißen, zu zerbrechen, zu zerstören und zu verderben, aber auch um neu zu bauen und neu zu pflanzen! Und es geschah des Herrn Wort zu mir und sprach: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der Herr sprach zu mir: Du hast richtig gesehen, und Ich will wachen über dieses Mein Wort, daß Ich’s tue! Und zum andernmal geschah des Herrn Wort und sprach zu mir: Was siehest du? Und ich sprach: Ich sehe einen heiß-siedenden Topf, von Mitternacht her. Und der Herr sprach zu mir: Von Mitternacht her wird das Unglück ausbrechen über alle Lande!” (Jer. 1, 4-14)

Wir wollen dieses herrliche Kapitel der Berufung des jungen Jeremia zum Prophetenamt miteinander betrachten in der dreifachen Wurzel, die jeder biblische Bericht uns darreichen will: nämlich zunächst als das Geschehnis als solches, sodann, es untersuchend auf seinen prophetischen Gehalt, auf die heutige Situation Israels und der Welt, und schließlich zur Belehrung, Aufmunterung und Tröstung der Gemeinde Christi und des einzelnen Gliedes Seiner Gemeinde.

Jeremia war sehr jung, 19 Jahre nur, als er zum Propheten berufen wurde. Er stammte aus priesterlichem, wohlhabendem Geschlecht. Aus der kleinen judäischen Stadt Anathot. Wir werden mehrfach von diesem Anathot hören. Denn nicht nur die Eigennamen der Menschen, sondern auch die Ortsbezeichnungen, wenn wir sie aus dem Hebräischen übersetzen, schließen schon ein Heilsprogramm Gottes in sich. Anathot heißt: “Antworten oder Erhörungen (Gottes)” oder: “Wo Gott Antwort gibt”. Nun, erst 19-jährig, ist er berufen worden. Seine Jugend gleicht in manchem der des Timotheus. Sein Vater war früh verstorben. Er war ganz der Erziehung seiner frommen Mutter und Großmutter überlassen. Nun wird er berufen und er lehnt nicht grundsätzlich ab, wie ein Jona überhaupt zunächst hat dem Auftrag entfliehen wollen. Sondern seine Ablehnung hat, menschlich gesehen, zunächst einen sehr, sehr triftigen Grund. Er sagt, ich bin viel zu jung zu dieser Berufung. Und der Herr antwortet ihm: du sollst nicht sagen, ich bin zu jung, sondern … — Laßt uns einmal hier verweilen: Ich gebe zu bedenken, und man muß das der Gemeinde Christi immer wieder sagen, weil sie nämlich nie oder zu wenig daran denkt: bei all den vielfachen und massiven Angriffen der Pharisäer und Schriftgelehrten gegenüber dem Herrn Jesus Christus ist Ihm nie Seine Jugend vorgehalten worden. Das muß doch zu denken geben. Was heute vielleicht im Vordergrund der Angriffe stehen würde, ist bei aller vielgestaltigen Befeindung und Befehdung nie vorgekommen. Es wäre auch gegen die ganze biblische und jüdische Denkweise. Die Ehrfurcht vor dem Alter und das Vorrecht der Entscheidung des lebenserfahrenen Alters bezieht sich nur auf das äußere Leben und meinetwegen auf die politische Gestaltung und diese Dinge, nie aber auf den geistigen Bezirk. Der junge Mann, der aus der rabbinischen Hochschule kommt und sich bewährt hat, und wenn er erst 22, 23 Jahre alt ist, ist hochgeachtet und geschätzt im Geistigen. Und wenn in einer geistigen Auseinandersetzung zwischen einem älteren und einem jüngeren Bruder der ältere als letzten Trumpf und als letzte Waffe nur noch sein höheres Alter auszuspielen hätte, wäre es nicht gut um seine Sache bestellt. Also noch einmal, merken wir es uns und lernen wir daraus: Nie ist dem Herrn Jesus Christus, bei der vielfältigen Befehdung, die Jugend vorgeworfen worden. Wir wissen, auch bei Timotheus heißt es: niemand verachte deine Jugend. Und man kann ja auch die Jugend gar nicht verachten, sie ist ein köstliches Gut. Und es handelt sich nicht um die Jugend, die sich austobt oder die im Sportwettbewerb natürlich zuvorderst steht, sondern “niemand verachte deine Jugend” kann nur Bezug haben auf den geistig-geistlichen Bezirk. Niemand verachte in der geistigen Auseinandersetzung die Jugend eines Bruders, der sich ausgewiesen hat über eine reife Erkenntnis. Denn die Lebensjahre haben damit nichts zu tun. Es kann einer mit 60 und 70 Jahren Säugling in der Erkenntnis der Lehre Gottes sein und einer mit jungen Jahren schon tief hineingewachsen und hineingewurzelt sein in letzte Offenbarungsgeheimnisse unseres wunderbaren Gottes und Heilandes.

Der Herr also nimmt ihm sein menschlich wohlbegreifliches Bedenken: Sage nicht, du bist zu jung, sondern du sollst dort hingehen, wohin Ich dich sende, und das sagen, wozu Ich dich bestelle. Und zwar mit dem Blickfeld, nicht nur Prophet für Israel, sondern mit dieser Stunde der Berufung eingesetzt zu sein auch zum Propheten über die Nationen, hinausweisend in die Jahrhunderte, und mithin auch zum Propheten über die kommende Gemeinde Christi. Und Er sagt: Denn du bist auserkoren worden, bevor du gezeugt warst und im Mutterleib. Wir sehen daraus, daß die Herauswahl vor der Grundlegung der Dinge nicht nur ein Vorrecht der Leibgemeinde ist, sondern auch auf die Glieder der Ekklesia aus Israel Bezug hat, d. h. auf die auserwählten Werkzeuge des Volkes der Wahl. Und wir denken da auch an Paulus, wenn er sagt: ausgesondert schon von Mutterleib her. Eine eigenartige Aussonderung, würden wir zunächst denken. Weil doch dieser Saul von Tarsus ganz andere, christusfeindliche Wege gegangen ist. Sein Vater war ein reicher und strenggläubiger Jude. Er war Heereslieferant für Getreide und Futtermittel der römischen Besatzungstruppen und hat darum das römische Bürgerrecht bekommen, das sich dann automatisch auf seine Söhne vererbt hat. Und Saulus ist frühzeitig nach Jerusalem gekommen. Er war Lieblingsstudent von Professor Gamaliel, der berühmten Leuchte der Theologie. Und das weitere wissen wir, wie aus Saulus Paulus wurde. Und nun sehen wir die vorbereitende Aussonderung. Wie ist ihm doch das römische Bürgerrecht zum Nutzen geworden, und wie ist das Evangelium nur kraft dieses römischen Bürgerrechts bis in das Zentrum der damaligen weltlichen Herrschaft vorgedrungen! Wie ist ihm zu Nutzen geworden das rabbinische Wissen und die Allgemeinbildung, das Wissen um die geistigen und philosophischen Strömungen von Griechenland und Rom, so daß er befähigt war, sich mit allem und jedem auseinanderzusetzen. Und so sehen wir, daß die Berufung von Gott nicht darin dokumentiert ist, daß einer von Anfang an aufwachse in dem behüteten Pferch einer frommen Gemeinschaft, sondern daß er manchmal mit Vorbedacht und in großer göttlicher Weisheit und Vorausplanung mitten in die Welt hineingestellt wird, ja, manchmal sogar in dem Herrn feindlich erscheinende Strömungen, um von dort her befähigt zu sein, dann in der Stunde der Berufung das zu vollstrecken, wozu er bestimmt ist.

Und nun sagt Paulus, und das gilt auch für Jeremia: Von diesem Moment an besprach ich mich nicht mehr mit Fleisch und Blut. Da hat er nicht mehr Rat gesucht bei Mitmenschen, da hat er sich nicht mehr beraten lassen, auch nicht von den größten Brüdern und den bedeutendsten Leuchten der Wissenschaft. Wenn Gott so zu einem spricht, hört jegliche Beratung mit Fleisch und Blut auf. Wir denken da an den jungen Juden (Mark. 9), der in die Nachfolge Christi berufen wird, und der sagt: Herr, ich möchte zunächst noch Abschied nehmen, bevor ich Dir nachfolge, bei den Meinen zu Hause, und dem dann der Herr das zunächst hart klingende Wort sagt: Wer da die Hand hält am Pflug und blickt zurück, der ist nicht geschickt, nicht tauglich zum Reiche Gottes. Wir haben doch im Alten Testament eine ähnliche Situation, wo es ganz anders verlief. Als Elia dem Elisa den Prophetenmantel überwarf und ihn damit zum Nachfolger bestimmte, hat Elisa auch gesagt: Ja, Herr, aber zuerst möchte ich Abschied machen zu Hause. Und Elia hat gesagt: Du tust gut daran, tue also mein Sohn. Warum war, es dort bei Elia — Elisa richtig und hier beim jungen Juden falsch und wäre auch bei Jeremia und bei Paulus falsch gewesen? Wie so oft im Worte Gottes, liegt im scheinbaren Widerspruch auch schon der Schlüssel der Erklärung. Nämlich dort, bei Elia – Elisa, da hat es sich gehandelt um die Weiterführung einer beglaubigten Ordnung und Haushaltung Gottes. Jetzt bei Jesus, dann bei Paulus und hier auch bei Jeremia, wie wir noch sehen werden, da tritt ein ganz Neues auf den Plan. Warum? Wer die Hand an dem Pflug hält und blickt zurück, der ist nicht geschickt. Nicht, daß der Herr befürchtet hätte, der junge Mann könnte von seinem Vorhaben abgebracht werden. Warum soll ein junger Mann, wenn er in die Mission geht, nicht zuerst Abschied nehmen dürfen? Warum soll eine Tochter, die in die Diakonie geht, nicht zuerst Abschied nehmen? Nicht, daß er von seinem Vorhaben ab­gebracht würde, war das Bedenken, sondern es war geistiger Art, daß er noch einmal könnte mit dem Abschiednehmen zu Hause allzusehr gleichsam vollgepumpt werden mit der Anschauungswelt von Gestern und Vorgestern und darum nicht tauglich sein für die neuen Gesichtspunkte.

In einer solchen Zeit stehen wir auch, wo man in den eingefahrenen Geleisen der Evangeliumsverkündigung oft nicht mehr weiterkommt: Wie wollen wir die Sprache finden, zu einem Manne der Wissenschaft und der Technik oder zu einem Gewerkschaftler zu reden, wenn wir den Herrn verherrlichen sollen einem solchen Menschen gegenüber? Und nun sagt der Herr: Von nun an lege Ich dir Meine Worte auf deine Lippen. Bei Jesaja ist es ja noch viel ausgeprägter, wo ja der Engel, der Cherub, vom Hochaltar mit der Zange feurige Kohlen auf die Lippen des Jesaja legt. Das ist ein schlagendes Wort gegen alle liberale Theologie, die da meint, die Propheten seien ja auch verirrlich gewesen. Nein, da sind sie nicht mehr sie selbst, sie sind das heilige Gefäß der Offenbarungsbotschaft Gottes. Man ist zwar nicht Prophet in Permanenz. Man ist nicht Prophet immerwährend von morgens 6 Uhr bis nachts und alle Tage. Es heißt ja in der Schrift: Elia war ein Mensch wie wir. Und als Mensch auch Irrtümern, und Mißverständnissen und Widersprüchen ausgesetzt und unterworfen. Aber im Augenblick, wo es sich darum handelte, Gottes Willen kundzugeben im prophetischen Auftrag, waren die Propheten nicht mehr sie selbst, sondern das heilige Werkzeug des Willens Gottes.

Und weiter: über alle Nationen eingesetzt, um Gericht zu predigen, aber auch Wiederherstellung. Zu zerstören, zu zerreißen, zu zertrümmern, aber auch eingesetzt, neu aufzubauen und neu zu pflanzen, das ist das ganze Programm. Und nun wird dieses Doppelprogramm, Gericht auf der einen Seite, Wiederbringung auf der anderen Seite, durch zwei wunderbare Bilder ihm gleich am Anfang seiner Berufung dargereicht zur Bekräftigung und Ermunterung seines neuen gottverliehenen Amtes. Zunächst: Was siehest du? Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der Herr sagt: du hast richtig gesehen. Und Ich trage Sorge, nicht, daß es geschieht, daß es eintrifft, sondern: Ich trage Sorge, daß Ich’s tue. Gott bindet Sich gleichsam doppelt, mit einer doppelten Versicherung, mit einer Rückversicherung, mit einer doppelten Verpflichtung. Er sagt die Verheißung und bekennt Sich noch einmal dazu, daß Er’s tue, nicht nur, daß es geschehe. Wir wollen das noch näher ausführen und lesen, dazu Jer. 31, 28: Gleichwie Ich über sie gewacht habe, um auszureißen, zu zerreißen, abzubrechen, zu verderben und zu plagen, mit derselben Treue will Ich über sie wachen, neu zu bauen und zu pflanzen, spricht der Herr. — Als mir das richtig aufging, wie habe ich da z. B. auch der ganzen Verfolgung der Juden in der nationalsozialistischen Zeit ganz anders gegenüberstehen können im Geiste. Gott bekennt hier nämlich, daß Er nicht nur die Gerichte zuläßt, sondern auch wacht über ihrer Vollstreckung, um darzulegen, daß Er dereinst mit derselben Treue und Wachsamkeit auch wachen werde über der Wiederherstellung. Du hast richtig gesehen, und Ich trage Sorge, daß Ich’s tue. Als ich das richtig verstand, da habe ich erst unseren großen Führer Mose recht begriffen. Bei ihm war doch gleichsam der letzte Trumpf in seinen Auseinandersetzungen mit dem Herrn immer, daß er sagte: Ach, Du hast recht, es ist ein widerspenstiges Volk. Aber Herr, Du kannst sie doch nicht im Stiche lassen. Deine eigene Ehre steht ja auf dem Spiel.

Das zweite Bild: Ein siedendheißer Kochtopf, von Mitternacht her, von Norden her. Und der Herr sprach: Das Unheil kommt von dort her über alle Lande. Wir sind doch in unserer Generation mitten drin in der Verwirklichung oder zumindest im Anbruch der Verwirklichung beider Bilder, beider Verheißungen. Der erwachende Zweig, der Feigenbaum Israel, und die Gefahr von Norden. Aber merken wir etwas? Die Reihenfolge! Es ist doch eigenartig: Kurz zuvor, heißt es: du bist eingesetzt, auszureißen, zu zerstören und dann neu zu pflanzen. In der anderen Stelle heißt es: mit derselben Treue, mit der Ich gleichsam auch über dem Strafvollzug gewacht habe, nicht nur ihn zugelassen, werde Ich dann auch wachen über der Wiederherstellung. Und nun hier eine umgekehrte Reihenfolge. Zuerst das Schöne, zuerst die Wiederbringung, zuerst die Gnade, und erst nachher das Gericht. Er sieht zuerst das Bild des Angenehmen. Ach, welche Weisheit und Liebe Gottes! Nur so konnten ja die Propheten ihre schwere Last tragen, daß ihnen kundgetan war die Zielsetzung, wo sich das Erbarmen Gottes rühmt über das Gericht, und dann erst das Gericht.

Im Römerbrief finden wir eine herrliche Steigerung der Evangelien. Da ist die Rede vom Evangelium Gottes, vom Evangelium des Sohnes, vom Evangelium der Liebe, vom Evangelium der Brüderlichkeit, vom Evangelium der Gerechtigkeit, vom Evangelium des Gerichts und schließlich vom Evangelium der Herrlichkeit. Da haben wir den ganzen Plan Gottes vor uns. Von Gott geht’s aus, dargestellt im Sohn, der der Inbegriff der Liebe ist, und von daher kommt das Band der Brüderlichkeit. Dann tritt ins Blickfeld, was Gerechtigkeit Gottes heißt. Und erst also zugerüstet können wir die Gerichtswege Gottes verstehen, und von da aus ist erst das Blickfeld offen auf die letzte Zielsetzung, die Herrlichkeit.

Was meinen wir, warum die Spitzenapostel auf den Berg der Verklärung geführt worden sind? Damit sie in der schweren Stunde, wo sie sowieso auseinanderstoben, in Erinnerung an jenes Bild des verklärten Herrn mit den großen Figuren des Alten Bundes, Moses und Elia, gestärkt würden. Eine Vorwegnahme kommender Herrlichkeit, um die Stunde Satans, die Stunde des Gerichts überhaupt noch mit einem Rest von Glauben ertragen und durchhalten zu können. Und so auch hier. Zuerst wird ihm der erwachende Zweig gezeigt und dann erst das Gericht, dessen Träger die große Macht im Norden ist.

Aber erst von daher nun, von dieser ergreifenden Stunde der Berufung her, können wir die Großtat Jeremias verstehen, als er nämlich im belagerten Jerusalem den Acker von Anathot, seiner Heimat, kauft. Laßt uns das doch ganz lebensnah und im einzelnen erkennen! Jerusalem wird belagert, die Belagerungstruppen Nebukadnezars haben sich genähert und den ersten Belagerungsring geschlossen. Jeremia ist der einzige, der eine Ahnung hat vom Ausmaß der bevorstehenden Katastrophe. 70 Jahre Verbannung, Tempel dahin, Königreich dahin. Und weil er das ja verkündet, wird er inmitten des belagerten Jerusalem politischer Gefangener im Königshof. Denn die offizielle Version — wir könnten sagen, der offizielle Radiosprecher — stellt natürlich die Situation so dar, wie es dem König und der Regierung und den von der Regierung gedingten falschen Propheten paßt. Und nun haben die heranrückenden Truppen bereits neben anderen Gegenden des Landes auch seine Vaterstadt Anathot besetzt. Und viele aus der Umgebung, soweit sie nicht irgendwie zugrunde gegangen waren, sind mit dem Rest ihrer Habe nach Jerusalem geflüchtet. Jerusalem hat schon manchen Sturm ausgehalten, und, wie gesagt, die offizielle “Radiopropaganda” hatte gesagt: kommt nach Jerusalem, hier seid ihr gesichert. Und da kommt nun auch ein Neffe Jeremias. Und der Neffe will ihm, als dem letzten Erben, da er selber innerlich die Sache aufgegeben hat, dieses Stück Land, diesen Erbbesitz zu Anathot, abtreten. Was macht Jeremia? Jeremia kauft diesen Acker! Man denke sich, er, der Einzige, der weiß um die Katastrophe und ihr Ausmaß, kauft inmitten des belagerten Jerusalem, selbst politischer Gefangener darin, um der Wahrheit willen, die er verkündet, aus seiner Vaterstadt, die bereits feindbesetzt ist, das Land. Und läßt es kanzleien durch seinen Freund und Notar, Dr. Baruch. Und wir lesen im 32. Kapitel, von Vers 13, denn das ist die Quintessenz: Und er befahl Baruch vor ihre Augen und sprach: So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Nimm diese Briefe, den versiegelten Kaufbrief, samt dieser offenen Abschrift und lege sie in ein irdenes Gefäß, daß sie lange darin bleiben. Denn also spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Wieder wird man Häuser, Äcker und Weinberge haben und kaufen in diesem Lande.

In diesen Kreislauf ist das ganze Leben und die ganze Wirksamkeit Jeremias hineingestellt. Ohne die Stunde und die Visionen in der Stunde der Berufung wäre er zu dieser Tat nicht fähig gewesen.

Nun aber, abgesehen von dem, was wir schon erwähnen konnten: auf der einen Seite der erwachende Zweig, auf der anderen Seite das Gericht, dargestellt im heißsiedenden Topf aus dem Norden, — ist nicht das Beispiel des Jeremia heute wieder lebendig geworden in Israel und im jüdischen Volk, ohne daß sie es vielleicht wissen? Sind sie nicht auch wie in einer belagerten Festung? Und die Stadt, wo Gott Antwort gibt, ist noch feindbesetzt. Und doch, im Glauben, es wird wieder gehandelt und gebaut und aufgebaut werden in diesem Land, mit unerhörter Treue und Zuversicht und Glauben an die Verheißung, umgeben von Feinden, belagert gewissermaßen, da bauen und pflanzen sie und gründen neue Kolonien und Straßen und Wasserwege und Ölleitungen, ganz gleichgültig, wieviel davon vielleicht in nächster Zeit, vielleicht in weiterer Zeit, eines Tages in den Flammen aufgehen wird. Das Beispiel des Jeremia ist wach im heutigen Israel.

Aber nun nehmen wir die Gemeinde Christi. Es heißt ja von Jeremia: Von heute ab habe Ich dich zum Propheten bestellt, nicht nur über Israel, sondern über die Nationen. — Auch Ihr, liebe Brüder und Schwestern, seid in einer belagerten Festung und seid inmitten der Festung beinahe auch politische Schutzhäftlinge, weil ihr Dinge kundtut, die die Welt nicht wahrhaben will in ihrem Leichtsinn, in ihrer Schönfärberei, in ihrer weltlich­offiziellen Version. Und Anathof, die Stadt, wo Antwort gegeben wird, der Ort der Verheißung ist der Realität nach auch noch feindbesetzt. Und dennoch gilt nun auch für euch und uns das Mut- und Trostbeispiel des Jeremia, diesen Erbacker zu nehmen, das Erbe anzutreten, auch wenn es noch vom Feind besetzt ist. Denn Gott gibt Antwort! Und so sehen wir, daß aus dem ganzen Berufungskapitel eine unerhörte Festigung des Glaubens, ein großer Trost zu uns spricht.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1958; Paulus-Verlag; Heilbronn)

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
5 Besucher online