Vom Ausharren Hiobs und vom Endziel Gottes
Autor: Jugel, Wolfgang | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Glaubensleben & Wandel, Lehre, Verwandlung & Erstattung | 1,217 x gelesen“Nehmet, Brüder, zum Vorbild (Modell oder Verhaltensmuster) des Leidens und der Geduld die Propheten, die im Namen des HERRN (JHWH’s) geredet haben. Siehe, wir preisen die glückselig, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren HIOBS habt ihr gehört und das Ende des HERRN habt ihr gesehen, (nämlich) daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist!” (Jak. 5, 10-11).
Vorliegender Text will uns ein heiliges Verhaltensmuster für das geduldige Ertragen von Unglücksschlägen, Verhängnissen, Leiden, Anfechtungen und Trübsalen geben. Es ist verständlich, wenn er aus der Galerie der Leidensgestalten im Alten Bunde gerade HIOB auswählt. Galt doch sein Leiden dem Volke Gottes schon immer als eine Antwort auf die Frage, warum denn die Auserwählung so eng verflochten mit der Trübsal ist. Ja, Hiob wird auf seinem Leidensweg zum Modell des Leidensknechtes schlechthin, zum Vorbild des entmachteten und gekreuzigten Messias!
Wie sehr sich immer wieder die Edlen Israels mit Hiob identifizierten, der im tiefsten Unglück sprach: “JHWH hat gegeben, JHWH hat genommen, der Name JAWH’s sei gesegnet!”, mag folgende jüdische Überlieferung zeigen:
“Ein Jude entfloh der spanischen Inquisition und trieb nun mit Frau und Kind in einem kleinen Boot über das stürmische Meer einer steinigen Insel zu. Ein Blitz erschlug seine Frau. Ein Sturm schleuderte sein Kind ins Meer. Allein, elend wie ein Stein, nackt und barfuß, vom Sturm gepeitscht und von Donner und Blitz geängstigt, mit verwirrtem Haar und die dürren Hände zu Gott erhoben, wurde der Jude auf die wüste Felseninsel verschlagen. Dort sagte er zu Gott: Gott Israels — ich bin hierher geflohen, um Dir ungestört dienen zu können, um Deine Gebote zu erfüllen und Deinen Namen zu heiligen; Du aber hast alles getan, damit ich nicht an Dich glaube. Aber ich sage Dir, mein Gott und Gott meiner Väter, daß es Dir nicht gelingen wird, mich von meinem Wege Dir nach abzubringen! Du kannst mich schlagen, mir das Beste und Teuerste nehmen, das ich auf der Welt habe. Du kannst mich zu Tode peinigen — ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben — Dir selbst zum Trotz! Und das sind meine letzten Worte an Dich, mein zorniger Gott: Es wird Dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich an Dir verzweifle! Ich aber sterbe, genau wie ich gelebt habe — im festen Glauben an Dich. Gelobt seist Du in alle Ewigkeit. Sch’mah Jisrael …!”
Gewiß sagt dieses erschütternde Bekenntnis nicht alles aus, was uns die Offenbarung des Wortes zu sagen hat; ebenso war das Wesen Gottes dem leidenden und gequälten Hiob noch nicht erschlossen, der, auf der Suche nach dem Sinn seines Leidens, in dem zornigen Gott fast schon seinen Feind zu sehen glaubte. Freilich ließ er von Gott nicht ab, auch wenn ihn seine eigene Frau dazu aufforderte: ‘”Hältst du immer noch fest an deiner Vollkommenheit? Sage dich los von Gott und stirb! Doch er sprach zu ihr: Du redest wie eine Wahnsinnige! Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?” So schrieb er Gott nichts Ungereimtes zu (Hiob 1, 21-22; 2, 9-10).
Gottes Wort zählt Hiob mit Daniel und Noah zu den edelsten Repräsentanten des Alten Bundes. Selbst wenn diese drei im gerichtsreifen Israel lebten und Fürbitte leisteten, könnten sie doch “nur ihre eigene Seele durch ihre Gerechtigkeit erretten” (Hes. 14, 14; 28, 1-3). Aber warum wird Hiob in der Glaubensgalerie von Hebr. 11 nicht genannt? Zwar beruft der unbekannte Schreiber dieses Briefes sich immer wieder auf den Zeitmangel und die gebotene Kürze seines Briefes (11, 32; 13, 22; 5, 11-12); doch müssen wir Hiob sicher unter die Gruppe der “anderen aber”, der ohnmächtig Leidenden rechnen, deren Los und Weg anders verlief als bei den Helden des Glaubens.
Diese “bezwangen durch den Glauben Königreiche — bewirkten Gerechtigkeit — erlangten die Erfüllung von Verheißungen — verstopften der Löwen Rachen — löschten des Feuers Kraft aus — entflohen der Schärfe des Schwertes — gewannen aus der Schwachheit Kraft — wurden im Kampfe stark — vertrieben die Heere der Fremden — Frauen erfuhren die Auferstehung ihrer Toten.”
Die Leidensmenschen aber “wurden gefoltert — wurden verhöhnt — wurden gegeißelt — wurden gefesselt — wurden ins Gefängnis geworfen — wurden gesteinigt — wurden zersägt — wurden versucht — starben den Schwerttod — gingen umher in Schaf- und Ziegenfellen — hatten Mangel, Drangsal und Ungemach — irrten umher in Wüsten, Gebirgen und Höhlen.”
In einer grundsätzlichen geistlichen Kursbestimmung lehnten sie die irdische Befreiung ab, um eine “bessere Auferstehung” als die Masse der Gerechten Israels zu erlangen (V. 35). Als Erstlinge aus den Toten wurden sie dem Erstling Christus bei Seiner Auferstehung hinzugetan, um als “Wolke der Zeugen” mit Ihm in die Herrlichkeit einzugehen (Matth. 27, 51-53; Hebr. 12, 1.23).
Jak. 5, 10-11 scheint nun außer der “Geduld der Propheten” und dem “Ausharren Hiobs” vom “Ende des Herrn”, also vom Ende Jesu am Kreuz zu sprechen; doch legen Grundtext und Zusammenhang etwas anderes nahe, zumal “Herr” ohne Artikel im NT eine Wiedergabe des alten Gottesnamens JHWH ist. Das Grundtextwort “telos” meint auch weniger das “Ende” als das “Endziel” und die Vollendungsabsicht JHWH’s mit Hiob; es geht um den geheimen Sinn seiner Leiden und Versuchungen. Das Endziel Gottes aber im Werden und Leiden Hiobs bestand in der Offenbarung Seines göttlichen Wesens: “Das Endziel JHWH’s (mit Hiob) habt ihr gesehen: (nämlich) daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist!” Er ist eben kein Feind Hiobs und der Menschen, auch nicht nur der allgewaltige Schöpfer und autoritäre Verwalter und Buchhalter menschlicher Schicksale!
Das Endziel Gottes wird im “Ende Hiobs” als sein Lebensziel offenbar, nach dem er oft so verzweifelt fragte!
“O daß doch meine Bitte einträfe und Gott mein Verlangen gewährte, daß es Gott gefiele, mich zu zermalmen, daß Er Seine Hand ausstreckte und mich vernichtete! So würde es noch mein Trost sein, und ich würde frohlocken in schonungsloser Pein, daß ich die Worte des Heiligen nicht verleugnet habe. Was ist meine Kraft, daß ich ausharren, und was mein ENDE, daß ich mich gedulden sollte? Ist Kraft der Steine meine Kraft, oder ist mein Fleisch von Erz?”
Ähnlich fragen bis heute viele Leidende und Gequälte, Angefochtene und Betrübte, und sehen als Ziel und Ende ihres Lebens oft nur noch die große Katastrophe! Freilich, die Christusverheißung des Neuen Bundes spricht anders zu uns: “Ich bin mächtig genug, dich zu bewahren vor jedem Fall und dich unsträflich darzustellen vor dem Angesicht meiner Herrlichkeit mit Jubel!” (nach Jud. 24).
Doch geht solcher Wesensoffenbarung Gottes immer eine harte Prüfungsstrecke göttlicher Erziehung, ja Züchtigung voraus. Vor dem “Ende Hiobs” (der Offenbarung des Endzieles Gottes mit Hiob) liegt die furchtbare Teststrecke seiner Leiden, von deren unsichtbarem Hintergrund (Kapitel 1; 2) er nichts wußte und wahrscheinlich auch nie etwas erfahren hat.
Die gleiche Grundregel zeigt sich auch in der Gottesoffenbarung, die Elias am Horeb erlebte: Vor der göttlichen Offenbarung im “Ton des verschwebenden Schweigens” ergeht der felsenzerschmetternde Sturm, das bergezerreißende Erdbeben und das allesverzehrende Feuer — doch offenbart sich Gott in ihnen nicht, wenngleich sie auch als vorlaufende Gerichte Wegbereiter Seiner heimsuchenden Liebe sind. Sie bereiten die Enthüllung der Wesensherrlichkeit Gottes vor. So erfuhr der verzweifelte Gottesknecht Elias die Lösung des “heiligen Rätsels”, den Heilsweg Gottes mit Israel: Durch Leiden zur Herrlichkeit, durch Gericht zum Heil! Auch in unserem Leben wird erst dann die “kostbare Narde” mit ihrem Duft das ganze Haus erfüllen, wenn das Gefäß zum Zwecke der messianischen Salbung zerbrochen wurde (Joh. 12). In der Schwachheit offenbart sich Gottes Kraft.
Paulus mußte die Macht eines Satansengels erfahren, der ihn mit Fäusten schlug, damit er sich wegen der überschwenglichen Offenbarungen nicht überhebe. Dreimal flehte er den Herrn um Befreiung an. Doch dieser sprach zu ihm: “Meine Gnade reicht für dich aus; meine Kraft kommt in der Schwachheit zum Ziel!” Schließlich konnte auch er sagen: “Darum will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir zelte. Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christum; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark” (2. Kor. 12, 7-10). —
Wenn wir das “Ende Hiobs” — als das Ziel Gottes in der Offenbarung Seiner Barmherzigkeit — schauen wollen, dann müssen wir besonders Kapitel 42 des Buches Hiob beachten. Dies soll in einigen Punkten geschehen.
1. Hiob redete recht von Gott — die Freunde Hiobs redeten nicht geziemend von IHM
“Und es geschah, nachdem JHWH diese Worte zu Hiob geredet hatte, da sprach JHWH zu ELIPHAS, dem Temaniter: Entflammt ist mein Zorn gegen dich und gegen deine beiden Freunde; denn nicht geziemend habt ihr von mir geredet, wie es mein Knecht Hiob tat. Und jetzt nehmt euch 7 Farren und 7 Widder und geht zu meinem Knechte Hiob und opfert ein Brandopfer zu euren Gunsten. Und Hiob, mein Knecht, möge für euch beten, denn ihn werde ich berücksichtigen (annehmen), damit ich nicht an euch handle eurer Torheit gemäß; denn nicht geziemend (gebührend, richtig) habt ihr von mir geredet, wie es mein Knecht Hiob tat” (42, 7-8).
Gott tadelt Hiobs Freunde ernst. Diese hatten ihn anfangs nur trösten wollen, “weinten mit dem Weinenden” und saßen sieben Tage und Nächte lang schweigend bei ihm. Dies war ein größerer Erweis der teilnehmenden Freundschaft als hernach, da sie ihn und sein Geschick in ihre festgefahrenen theologischen Gedankengänge einzuordnen suchten.
Die Namen der Hiobfreunde sind vieldeutig:
- ELIPHAS = Gott des Geldes, des Reichtums; der TEMANITER. Teman = Wüste, Entsetzen, Wunder.
- BILDAD = Liebe Baals, Streitsohn; der hartnäckig seinen Platz verteidigt; der SCHUCHITER. Schuach = gekrümmt, Tiefe, Grube.
- ZOPHAR = Rauher, Verwegener, Zottiger; Klaue, Kralle, Schwätzer; der NAAMATHITER = schön, lieblich.
Merkwürdigerweise fällt der später auftauchende ELIHU nicht unter den harten Tadel Gottes.
Gottes Urteil über Eliphas, Bildad und Zophar ist eindeutig: Sie haben nicht geziemend, richtig, Gottes würdig von IHM geredet, d. h. nicht übereinstimmend mit Gott und Seinem Wesen (man vgl. hierzu Hebr. 2, 10, wo das Handeln Gottes als “Ihm geziemend”, d. h. als eine mit Seinem göttlichen Wesen übereinstimmende Selbstverpflichtung gedeutet wird).
Hiob hingegen hat nach dem Urteil Gottes recht und geziemend von Ihm geredet. Er ist und bleibt “Gottes Knecht”. Widerspricht dies nicht einem oberflächlichen ersten Eindruck beim Lesen dieses Buches? Gibt es nicht tiefe und schöne Freundesworte, die etwas von urzeitlicher Gottesweisheit ahnen lassen? (Eliphas: Kapitel 4, 17-19; 5, 17-18; Bildad: Kapitel 25, 1-6; Zophar: Kapitel 11, 7-9; Elihu: Kapitel 33, 23-26; 34, 12-15). Ein Eliphasspruch (Kapitel 5, 11) wird sogar in Luk. 1, 52 erwähnt, ein anderer gar (Kapitel 5, 12-13) in 1. Kor. 3, 19 als Gotteswort zitiert!
Man darf also keineswegs aus dem Urteil Gottes über die Reden der Freunde folgern, daß man nichts von ihren Aussprüchen als Weisheitswort betrachten und anwenden dürfe!
Und zum anderen: Welche verzweifelten, verbitterten, kühnen und trotzigen Worte hat der “recht von Gott redende Gottesknecht Hiob” doch gefunden, um sein Leiden zu beklagen — er, der mehr und mehr Gott als seinen Feind ansah. Lesen wir als Beispiel Kapitel 7, 17-20:
“Was ist der Mensch, daß Du ihn hochhältst, und daß Du Dein Herz auf ihn richtest und alle Morgen ihn heimsuchst, alle Augenblicke ihn prüfst? Wie lange noch willst Du nicht von mir wegblicken, nicht von mir ablassen, bis ich meinen Speichel verschlucke? Habe ich gesündigt? Was tat ich Dir an, Du Beobachter der Menschen? Warum hast Du mich Dir zum Angriffspunkt gesetzt, so daß ich mir selbst zur Last geworden bin?”
Die Theologie der Freunde Hiobs geht von dem Grundsatz aus, daß Gott in allen Dingen gerecht handele. Daraus ziehen sie aber den Schluß, alles Leiden könne nur Strafe und Vergeltung für begangene Sünden sein; wo also Leiden sei, da müsse (wenn auch verborgen) Schuld vorliegen. Man könne daher den moralischen Wert und die sittliche Beschaffenheit eines Menschen aus seinem Schicksal ablesen. So zeuge das schreckliche Leiden Hiobs davon, daß er nicht der “vollkommene, rechtschaffene, gottesfürchtige und das Böse meidende” Mann sei, für den sie ihn bislang gehalten haben (Kapitel 1, 1). Ein schwerer Bann geheimer Sünden und verborgener Ungerechtigkeiten habe nach dem Gesetz von “Saat und Ernte” die Zertrümmerung seines Lebens heraufbeschworen.
Dagegen wehrt sich Hiob mit leidenschaftlicher Erbitterung. Weil er sich aber sein Leiden nicht anders erklären kann als eine Äußerung des Zornes Gottes, meint er in der Verwirrung seiner Gedanken, Gott handele überhaupt nicht nach dem Grundsatz des Rechtes, sondern nur nach der unbegrenzten, willkürlich verfahrenden Allmacht. Hiob redet recht von Gott, weil er sich den Realitäten stellt und “aus der Wahrheit” um Gott und Seine Wahrheit eifert, — wenn auch in Unverstand. Leiden als Gehorsamsprüfung, als Erziehungsleiden und als Vorspann kommender Gottesoffenbarung ist sowohl seinem als auch der Freunde Blick verborgen. Doch führt die Frage “Womit habe ich das verdient?” Hiob in die große Gefahr, an Gott irre zu werden und im Glauben Schiffbruch zu erleiden.
Nur scheinbar überragen die Freunde Hiobs mit ihren Weisheitsreden und salbungsvollen Sprüchen den klagenden Gottesfreund: ELIPHAS, der die Summe menschlicher Erfahrung zum Fundament seiner Ausführungen macht; BILDAD, der sich auf die menschliche Überlieferung beruft, und ZOPHAR, der einer Theologie des Verdienstes huldigt.
Ihr Anliegen ist es, Gottes Gerechtigkeit nachzuweisen und “Seine Ehre zu verteidigen”, selbst um den Preis der Wahrheit. Doch ist dieser Nachweis weder zu ihrer, noch zu unserer Zeit möglich. Bis zur endzeitlichen Enthüllung Seiner Macht und Herrlichkeit, Seiner Gerechtigkeit und Wahrheit, ist Gott “ein verborgener Gott”. Der Vater offenbart sich im Wort und im Heiligen Geist, im Inneren eines stillen Geistes; doch ist — angesichts entsetzlicher Leiden, Greuel, Qualen und Sinnlosigkeiten im Einzelleben und in der gesamten Schöpfung — Seine Gerechtigkeit nicht nachweisbar. Dies ist und bleibt ein nutzloser Versuch, der immer wieder im “nicht geziemenden Reden von Gott” enden muß. Gottes Gerechtigkeit, Wahrheit und Herrlichkeit, Seine Allmacht und Allweisheit und der Sinn der Schöpfung wird erst am Tage Seines Hervortretens aus der Verborgenheit erwiesen werden. Allerdings ist “Sein Hervortreten so sicher wie die Morgendämmerung; und Er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt” (Hos. 6, 3). Bis zu diesem Offenbarungstag wird immer nur der Heilige Geist die Herzen “überführen von der Gerechtigkeit” (Joh. 16, 8); bis dorthin können wir nur glauben, als solche, die von der Liebe und Treue des Vaters innerlich überwunden wurden, die in Christo Jesu erschienen ist, die aber nur in IHM erfahrbar und nachweisbar ist, nirgendwo sonst!
Ist die Theologie der Hiobsfreunde ausgestorben? Joh. 9, 1-3 berichtet:
“Und als Jesus vorüberging, sah Er einen Menschen, blind von Geburt an. Seine Schüler aber fragten Ihn: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde?”
Eine andere Möglichkeit der Deutung sehen die Jünger Jesu nicht! Das harte Schicksal des Blinden kann für sie nur göttliche Strafe für geheime Sünde sein. Jesus aber antwortete: “Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern (er ist blind), auf daß (nun durch mein Handeln) die Werke Gottes an ihm enthüllt werden!”
Im übrigen ist zu fragen, was denn die größere Tat des Geistes sei: die im Glauben gesuchte und erlangte Heilung vom Leiden oder das glaubende Ausharren in ihm? Bis heute wird vielfach die “Glaubensheilung” als Erweis eines größeren Glaubens angesehen. Wir sollten aber grundsätzlich festhalten, daß Hebr. 11 von zwei gleichwertigen Wegen spricht: dem Weg des siegenden Glaubens und der triumphierenden Gemeinde (V. 32-35a) und dem Weg des “ohnmächtigen” Glaubens und der Gemeinde im Zeichen, des Kreuzes (V. 35-38). Beide Wege aber führen zum gleichen Ziel (V. 39-40: “Und diese alle …” — die einen wie die “anderen”). Die Krone der Herrlichkeit, die “bessere Auferstehung” aber gebührt den Leidenden (V. 35b).
Jakobus kann niederschreiben, was einem Hiob erst nach der Offenbarung der göttlichen Barmherzigkeit am Ende seines Weges eröffnet wurde:
“Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet, weil ihr wisset, daß die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in keiner Beziehung einen Mangel habt” (Jak. 1, 2-4).
2. Die Gottesoffenbarung führt Hiob zur inneren Befreiung
Das Schauen Gottes in Seinem Sohn und Mittler Jesus Christus führte schon immer zur Lösung innerer Konflikte um Gott und Seine Heilswege. Die prophetische Wesensschau des Heiligen bot die Lösung des heiligen Rätsels der Auserwählung im Zeichen des Kreuzes.
Erschüttert von der unerträglichen Last des Volkes Israel und seiner Sünde schreit MOSES auf: “Laß mich doch Deine Herrlichkeit sehen!” Und die “ganze Güte Gottes” geht an ihm vorüber, der in der Felsenkluft am Horeb steht, und JHWH ruft im Vorübergehen Seinen vollen Wesensnamen aus, der 13fach die nie endende Gottesliebe preist (2. Mos. 33, 17-19; 34, 1-10; 1. Kor. 13, 13).
ELIAS wollte wegen des scheinbaren Scheiterns seiner prophetischen Mission an Israel unter dem Ginsterbusch sterben, schier erdrückt vom Rätsel des heilsgeschichtlichen Weges Israels. Nach 40 Tagen und Nächten der Wanderschaft erlebt er in derselben Höhle am Horeb die Wesensoffenbarung JHWH’s im “Ton eines verschwebenden Schweigens”, dem Signal der allumfassenden Gottesgnade. Zuvor durfte er erfahren, daß der Herr nicht im Sturm, im Erdbeben und im Feuer wohnt, die lediglich Vorboten Seiner Liebe und wegbereitende Gerichte sind. Prophetische Vorausschau eröffnete seinem Geistesauge schon die Lösung, die später Paulus in Röm. 9-11 so unübertrefflich niederschrieb. “Ganz-Israel wird nach schweren Verstockungsgerichten durch die Gnade des wiederkommenden Messias gerettet werden!” Immer geht es um das Geheimnis der Auserwählung, des Leidensknechtes und der Gerichte Gottes.
Auch SAULUS wurde durch die Christusschau in Herrlichkeit vor den Toren von Damaskus (= Blutkelch) überwunden. An ihm — als dem größten Sünder — stellte Gott den ganzen Reichtum Seiner Langmut und Gnade modellhaft dar für alle, die da einmal glauben sollten (1. Tim. 1, 15-16).
JESAJA schaut im Tempel JHWH der Heerscharen und hält sich als “ein Mann unreiner Lippen” für verloren; doch der Seraph reinigt seine Lippen zum Sprachgefäß Gottes mit der Kohle vom Altar. So führt das Schauen Gottes in Christus immer zur Beugung, zum Bekennen der Schuld, aber auch zur inneren Freilösung, zum Heilwerden an Seinem Bilde!
Was die Begegnung zwischen der Königin von Saba und Salomo kennzeichnete, gilt für alle Geistesschau bis zum letzten Schauen derer, die “reinen Herzens sind”:
“Das Wort ist Wahrheit gewesen, das ich in meinem Lande über dein Eigentum und über deine Weisheit gehört habe; und ich habe den Worten nicht geglaubt, bis ich gekommen bin und meine Augen es gesehen haben. Und siehe, nicht die Hälfte ist mir berichtet worden! Du übertriffst an Weisheit und Gut das Gerücht, das ich gehört habe” (1. Kön. 10, 6-7).
Es ist das Schauen der Herrlichkeit des Herrn, das uns von Wesensklarheit zu Wesensklarheit in Sein Bild verwandelt, damit wir es in der Freiheit des Geistes weiterstrahlen können (2. Kor. 3, 18-19). Doch führt unser Weg, wie bei der Königin von Saba, vom Hören zum Schauen. “Der Glaube kommt aus dem Gehörten” (Röm. 10, 17), daraus aber erwächst eine geistgewirkte, das Wesen ergreifende und gestaltende Christusschau.
Dies durfte auch Hiob am Ende seines Leidensweges erleben, nachdem der Herr ihm erschienen war und mit ihm geredet hatte (Hiob 38, 1-7). Zwar hatte Hiob “geziemend von Gott geredet”, zugleich aber in Unwissenheit “den Ratschluß Gottes mit Worten ohne Erkenntnis verdunkelt”.
Doch unterliegt auch die Begegnung mit dem lebendigen Gott einem inneren Werden:
“Und JHWH antwortete Hiob und sprach: Will der Tadler mit dem Allmächtigen streiten? Der da Gott zurechtweist, antworte darauf! Und Hiob antwortete JHWH und sprach: Siehe, ich bin zu gering, was soll ich Dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet, und ich will nicht mehr antworten, und zweimal, doch ich will es nicht mehr tun” (Kapitel 39, 32-35).
Noch hat Hiob Gottes Wort nur gehört, — das Zeugnis Seiner Schöpferkraft und Allmacht, vor dem er verstummen muß. Aber es ist ein resignierendes Verstummen, das Schweigen des Ohnmächtigen vor dem Allherrn, des Tones vor dem Töpfer. Das bringt noch keine innere Lösung! Die Machtposition Gottes kann zwar äußerlich, aber nicht innerlich überwinden. Die Güte Gottes führt zur Buße (Röm. 2, 4)! Darum bleibt der Gottesknecht Hiob in der Verneinung und Versteinerung des Herzens verhaftet, auch wenn er sich vor der Größe Gottes beugt. “Das ich will nicht mehr!” scheint die letzte Regung seiner tief verwundeten Seele zu sein.
Ähnliches hatten einmal die Jünger Jesu erlebt. Da hat der Herr die 5000 am See Genezareth gespeist (Joh. 6, 1-13; Mk. 6, 30-44). Die Wirkung auf die Volksmassen und auf die Jünger ist gewaltig. Wie berauscht waren sie: Dieser ist der Brotmessias! Die Stunde der Enthüllung Seiner Macht und Seines Reiches ist gekommen! “Als nun die Leute das Wunderzeichen gesehen hatten, das Jesus vollbrachte, sprachen sie: Dieser ist wirklich DER PROPHET (in der Gleichheit Moses), der in die Welt kommen soll! Als nun Jesus erkannte, daß sie kommen und sich Seiner bemächtigen wollten, um Ihn zum KÖNIG zu salben, floh Er wieder auf den Berg, Er selbst allein” (Joh. 6, 14-15). Die Jünger aber reißt Er heraus aus der mächtigen Volkserregung und Messiasbegeisterung und “zwingt” sie, ins Schiff zu steigen und durch Sturm und Wellen an das jenseitige Ufer des Sees vorauszufahren. Sie aber sind nicht nur betroffen von Sturm und Wellen, sondern innerlich verbittert, daß Jesus die “Gottesstunde” nicht wahrgenommen hat, und ihre Herzen sind “versteinert”. Sie waren “bei den Broten” nicht zur “Einsicht” gekommen, — zum Verständnis des wahren Messiasweges (Mk. 6, 52)! Erst das Wandeln Jesu auf dem sturmbewegten See, Sein Ruf “Ich bin ER” (der Ewige, JHWH) und die Bändigung des Sturmes führen sie zur erneuten Huldigung. Sie, werfen sich vor Ihm nieder und sprechen: “Du bist in Wahrheit Gottes Sohn!” (Matth. 14, 33). Erst wenn wir das innere Werden der Jünger beachten, löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen Herzensversteinerung (bei Markus) und schließlicher Anbetung (bei Matthäus).
Auch unser Weg führt oftmals durch solche Leidenserschütterung und Herzensverbitterung, durch ein drohendes Zerbrechen an Gott, durch die Zerstörung frommer Illusionen und durch tiefe innere Resignation. Die ermattete Seele und der ermüdete Geist sind “in sich selbst gekrümmt”. Nur das Schauen des lebendigen Gottes, die Christusschau des Geistes aufgrund einer neuen lebendigen Begegnung kann uns aus solchen Fesseln lösen!
“Und Hiob antwortete JHWH. Er sprach: Ich weiß, daß Du alles vermagst, und keine Planung Dir vereitelt werden kann! (’Wer ist es, der den Ratschluß verschleiert ohne Erkenntnis?’). So habe ich denn beurteilt, ohne wirklich zu verstehen, Dinge, zu wunderbar für mich, ohne zu erkennen (’Höre doch, und ich will reden, ich will dich fragen, und du, belehre mich!’). Mit dem Hörensagen des Ohres hatte ich von Dir gehört, nun aber hat mein Auge Dich gesehen! Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche” (Kapitel 42, 1‑6).
Hiob schaut, den allerbarmenden Gott. Daß der Herr “voller Mitleid und Barmherzigkeit ist”, führt ihn zur Buße (Jak. 5, 11). Dies vermochte die bloße Enthüllung göttlicher Macht nicht. Er beugt sich in den Staub. Die 1000 Fragen seines Herzens verstummen in einem Augenblick der Gottesschau. “An jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen”, sagte der Herr Seinen Jüngern (Joh. 16, 22-23).
Pastor Wilhelm Busch schrieb in einem seiner Andachtsbücher zu Jes. 6, 5:
“Da erlebt Jesaja das Größte, was einem Menschen widerfahren kann: ‘Ich sah den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron!’ Engelfürsten umgeben als herrlicher Hofstaat diesen ewigen und erhabenen Thron … Überwältigend erfüllt die Herrlichkeit des Herrn alle Räume. Und Jesaja? Wir könnten uns vorstellen, daß er selig und wie berauscht wäre, weil er sehen darf, was kein Auge gesehen, und hören darf, was kein Ohr gehört hat, daß er in süßer Bewußtlosigkeit unterginge in diesem Meer der Herrlichkeit.
Aber nichts dergleichen! Das erste Wort, das er erschrocken stammeln kann, ist: ‘Wehe mir! Ich bin unreiner Lippen!’ Und wer aufmerksam die Bibel liest, der wird bald darauf stoßen: Das ist das entscheidende Erlebnis aller Menschen in der Bibel, daß sie im Lichte Gottes sich selber entdecken als elende und verlorene Sünder. Denn das Evangelium macht nicht berauschte und schwärmerische Leute, sondern es ernüchtert und deckt das Herz auf. Nur also ernüchterte Leute werden die freie Gnade Gottes in Jesus für Sünder im Glauben fassen.”
Was wird es sein, wenn auch wir für ewig der Schwachheit, Krankheit, Not, Betrübnis und Angst, dem Leiden und dem Tod entrissen werden — in die königliche Freiheit, Würde und Herrlichkeit des neuen christusgleichen Leibes! Wenn wir nicht mehr des Vergangenen gedenken werden und die Segensfrucht der irdischen Prüfungen ernten! Wenn wir den Sohn Gottes am Tage Seiner Enthüllung schauen werden, und allein dieses Schauen uns Ihm gleichgestalten wird, (1. Joh. 3, 2-3)! Dann werden wir — nachdem wir vieles, vieles von Ihm hörten — Ihn sehen, wie Er wirklich ist! Wir werden den König schauen in Seiner Schönheit (Jes. 33, 17). Alle unsere Fragen werden beim Schauen Jesu verstummen. Auf der Ebene von Wesensgleichen werden wir Ihn, ohne Wort und Belehrung, erkennen. Dann werden auch wir, wie jetzt schon die Ältesten im Himmel, unsere Kronen nehmen, sie vor dem Lamme Gottes niederwerfen und rufen: “Du allein bist würdig, o unser Herr und unser Gott, zu nehmen die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht; denn Du hast das All erschaffen, und weil Du es wolltest, wurde es erschaffen” (Offb. 4, 10-11)!
3. Hiobs Fürbitte rettet seine Freunde vor dem Zorne Gottes
“Da gingen ELIPHAS, der Temaniter, und BILDAD, der Schuchiter, und ZOPHAR, der Naamathiter, und handelten so, wie es ihnen JHWH befohlen hatte; und JHWH nahm HIOB an. Und JHWH wendete die Gefangenschaft HIOBS (wandelte Gefangenschaft zu Freiheit), als er für seine Freunde betete” (Hiob 42, 9-10).
Der Text nennt Hiobs Leiden seine “Gefangenschaft”. Er ist unentrinnbar eingekesselt von Gott selbst, ist Gottes Gefangener auch da, wo er den Schlägen finsterer Mächte preisgegeben ist. Dies erinnert uns an den Apostel Paulus, der als “Gefangener Christi Jesu” die Kerker der römischen Justiz und die Faustschläge Satans — den “Pfahl im Fleische” — ertrug (Eph. 3, 1; 4, 1; 6, 20; 2. Kor. 12, 7; 2. Tim. 1, 8). Noch mehr aber erinnert uns die Leidensgefangenschaft Hiobs an die große Erniedrigung des Sohnes Gottes, den der Vater um unseretwillen in die Vollmacht der Finsternismächte “preisgegeben” hatte (Joh. 3, 16). Aus dieser völligen Ohnmacht Christi erwuchs Seine Vollmacht, jegliche Bindung aufzulösen und jede “Gefangenschaft gefangenzuführen” (Eph. 4, 8-10).
Verstehen auch wir unsere Einschränkungen, Kraftminderungen, Ängste und Einengungen, unsere Leidenswege und Lebenstiefen als “Gottes Gefangenschaft”? Ihre Frucht war für Hiob eine neue Schau des Wesens Gottes und das Erlebnis der Wiedererstattung, für Paulus unerhörte neue Offenbarungen. “Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Gleichgültig nun, ob wir leben oder sterben: wir gehören dem Herrn!” (Röm. 14, 8).
In dem Augenblick, da Hiob für seine Freunde Fürbitte leistete, die ihn so falsch beurteilt und ihm so bitter unrecht getan hatten, “wendete JHWH seine Gefangenschaft”. Das bedeutet nicht nur, daß Er sie “beendete”, sondern vielmehr, daß Er sie zur Befreiung wandelte, so wie Er Nacht in Licht, Fluch in Segen und Tod in Leben wandelt. Doch wäre ihm diese innere Hinwendung zu seinen Freunden im Gebet wohl nicht möglich gewesen, wenn ihn der Herr nicht zuvor “angenommen” hätte! Während aber Hiob noch betet, “gehen” und “handeln” die Freunde nach Gottes Geheiß; das aber führt zu gemeinsamen Beugung und Versöhnung, sicher auch zu einer “theologischen Erneuerung” und Wesensumkehr der Freunde.
Es ist eine Wirkung des Gottesgeistes, daß sich Hiob nun den anderen im Gebet zuwendet; allein dies löste in ihm eine Befreiung aus. Er, der bisher egozentrisch “um sich selbst herum Karussell fuhr”, seine Lebensruinen beschaute und seine Wunden befühlte, darf nun das Vergangene vergessen und sich einer leuchtenden Zukunft zuwenden. Paulus hat dies einmal so ausgedrückt: “Eines aber tue ich: Ich vergesse das Vergangene und strecke mich aus zu dem, was vor mir liegt; ich renne zielwärts, dem Kampfpreis der Gottesberufung droben entgegen — in Christo Jesu”. So löste er sich vom Ballast seiner finsteren Vergangenheit (Phil. 3, 14).
Die “Wende der Gefangenschaft” Hiobs geschah also nicht nur äußerlich — in der doppelten Wiedererstattung alles Verlorenen —, sondern vielmehr auch in einer inneren Befreiung.
So köstliche Hiobworte wie Kapitel 28, 20-22; 29; 19, 25-27 werden jetzt erst, vom neuen geistlichen Ansatz und vom Schauen Gottes her, echt und wesenhaft. Aus all der Züchtigung und dem Leid erwächst die Friedensfrucht der Gerechtigkeit (Hebr. 12, 11).
4. Gott segnet das Ende mehr als den Anfang
“Und JHWH mehrte alles, was Hiob besessen hatte, um das Doppelte” (V. 10). Und JHWH segnete das Ende Hiobs mehr als seinen Anfang” (V. 12).
Das “Ende Hiobs” deckt sich durch diese Geschehnisse mit dem “Endziel des Herrn” (Jak. 5, 11), — sie entsprechen sich wie Gefäß und Füllung. Das “Ende Hiobs” ist durch die Wesensoffenbarung Gottes gekennzeichnet, die in Jak. 5 mit dem Ausdruck “Endziel des Herrn” umschrieben wird: nämlich, daß “der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist”. Gott erscheint in Seinem “letzten Handeln” dem leidenden Hiob als der “Wiederbringer aus den Toten” (Hebr. 13, 20), als der große Wiedererstatter alles Geraubten. Was typisch einem Hiob widerfuhr, gilt grundsätzlich für die Unheils- und Heilsgeschichte der ganzen Schöpfung, im Hinblick auf Ursprung, Durchführung und Ende des göttlichen Planes: “Gott segnet das Ende mehr als den Anfang!”
Der Saat in Verwesung, Unehre und Schwachheit folgt die Freudenernte in Unverweslichkeit, Herrlichkeit und Kraft; dem seelischen Leib (der von der Psyche gesteuert und beherrscht wird) folgt der Geistesleib; “der erste Mensch ADAM wurde zu einer lebendigen Seele — der letzte ADAM (Christus) wurde zum lebendigmachenden Geist.” Immer geht das Natürliche, Seelische, Kreatürliche dem Geistigen voraus, so zum Beispiel die Geburt der Wiedergeburt, die Schöpfung der Neuschöpfung. Der ersten Menschheit vom Staube, die im Bilde Adams steht, folgt die neue Menschheit der Himmlischen, die nach Jesu Bild geformt sind.
Allein der Hebräerbrief nennt 24 “bessere Dinge” (3 x 8 = die Ganzheit der Neuschöpfung). Er stellt gegenüber:
- Der Majestät der Engel — Die größere Majestät Christi (1, 4);
- Dem Gesetzeswort der Engel — Die bessere Errettung Jesu (2, 3);
- Moses, dem Diener des Hauses Israel — Christus als den treueren Hausherrn (3, 5‑6);
- Josua, der Israel zur Ruhe führt — die bessere Sabbatruhe durch Jesus (K. 4);
- Der Priesterschaft Aarons — einen besseren Hohenpriester (Kapitel 5; 7, 16);
- Dem Verlorensein im Gericht — ein besseres Endgeschick (6, 9);
- Der Erwartung Israels unter Gesetz — eine bessere Hoffnung (7, 19);
- Dem alten Bund — eines neuen Bundes Bürge und Mittler (7, 22; 9, 15; 8, 6);
- Dem Gesetzeswort — eine bessere, eidliche Verheißung (7, 28; 8, 6);
- Dem Gesetzesdienst — einen vortrefflicheren Dienst (8, 6);
- Dem Stiftszelt — die größere, vollkommenere Hütte im Himmel (9, 11);
- Einer zeitlichen Errettung — eine ewige Erlösung (9, 12);
- Dem Blut der Opfertiere — das besser reinigende und redende Blut Christi (9, 14; 12, 24);
- Dem ersten Kommen Christi — die zweite, “bessere” Christuserscheinung (9, 28);
- Den Gesetzesopfern — bessere Schlachtopfer (9, 23; 10, 10-14);
- Dem alten, toten Weg des Rituals — einen neuen und lebendigen Weg (10, 20);
- Dem irdischen Besitz — die kommende, bessere und bleibende Habe (10, 34);
- Dem irdischen Vaterland — ein himmlisches und besseres (11, 16);
- Den Schätzen Ägyptens — den größeren Reichtum der Christusschmach (11, 26);
- Der Auferstehung Ganz-Israels — eine bessere Auferstehung (11, 35);
- Dem Ziel der Heiligen des Alten Bundes — die bessere Vollendung der Christusglieder (11, 40);
- Dem Gesetzesberg Sinai — den himmlischen Zion (12, 22-24);
- Der Erschütterung des Sinai — eine größere Verwandlung (12, 26-28);
- Den wankenden Weltreichen — ein unerschütterliches Gottesreich (12, 28).
Wahrlich: “Gott nimmt das Erste weg, auf daß Er ein Zweites aufrichte!” (Hebr. 10, 9). — “Gott segnet das Ende … mehr als den Anfang!” — “Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die erste” (Haggai 2, 8).
Mehr als den Anfang segnet Gott das Ende
und führt zum Ziel, was Er im Sohn ersann,
und Seine ewigtreuen Vaterhände
vollenden jedes Werk, das Er begann.
War schon des Weg’s Beginn voll Licht der Gnade,
im Herrn geheiligt, froh und stark und rein,
wie wird das Ende aller Gottespfade
erst voller Wonnen der Anbetung sein!
Gott ist der Wiedererstatter alles Geraubten! Es ist, prophetisch besehen, des Sohnes Wort, was wir in Ps. 69, 4 lesen: “Was ich nicht geraubt habe, muß ich alsdann wiedererstatten!” Da ist alles einbezogen, was der Gottesfeind jemals zerstörte, verwüstete, vereitelte, raubend an sich riß. Ist doch Jesus gekommen, damit Er “die Werke (die Arbeitsergebnisse) des Teufels auflöse” (1. Joh. 3, 8).
Den Jüngern Jesu gilt ihres Meisters Wort:
“Wahrlich, ich sage euch: Da ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Acker um meinet- und um des Evangeliums willen verlassen hat, der nicht hundertfältig empfange, jetzt in dieser Zeit (!) Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Acker (verbunden mit Verfolgungen), und im kommenden Äon ewiges Leben!” (Mk. 10, 29-30).
In Joel 2, 25 wird dem Lande Israel verheißen, daß Gott ihm die Jahre der Not und des Leides, der Mißernten und des Verderbens erstatten werde, und daß es daran erkennen könne, daß Gott nun in ihrer Mitte sei. “Und mein Volk soll nimmermehr beschämt werden!”
Während nun die Jünger Jesu eine hundertfältige Wiedererstattung erwarten dürfen, gilt dem Israel der Endzeit und seinen Toten in der “wasserlosen Grube” — gleich einem Hiob — eine doppelte Erstattung allen Verlustes, auch ein doppelter Trost (Jes. 61, 7; Sach. 9, 12; Jes. 40, 1).
Dann wird sich Gottes Wort erfüllen: “Israels Wege habe ich gesehen und werde es heilen; und ich werde es leiten, und Tröstungen werde ich ihm und seinen Trauernden erstatten” (Jes. 57, 18).
Wir sehen also: Während Hiob symbolisch auf Christus, den Leidensknecht Gottes, hinweist, stellt er, prophetisch gesehen, auch was die doppelte Wiedererstattung anbetrifft, das Leidensvolk Israel dar. —
Wie stellt sich nun für Hiob die Erstattung im einzelnen dar?
- Statt der 7000 Stück Kleinvieh erhält er deren 14000;
- statt der 3000 Kamele, die er verlor, gibt ihm der Herr 6000;
- die verlorenen 500 Joch Rinder werden ihm durch 1000 ersetzt; und
- die 500 Eselinnen durch 1000.
“Und es wurden ihm 7 Söhne und 3 Töchter geboren. Und er rief den Namen der ersten JEMIMA (= Täubchen), und den Namen der zweiten KEZIA (= Zimtblüte), und den Namen der dritten KEREN-HA-PUCH (= Schminkbüchschen). So schöne Frauen wie Hiobs Töchter wurden im ganzen Lande nicht gefunden. Und ihr Vater gab ihnen ein Erbteil inmitten ihrer Brüder” (Kapitel 42, 13-15).
Jedem aufmerksamen Bibelleser fällt auf, daß Gott scheinbar den Grundsatz der doppelten Wiedererstattung nicht ganz durchgehalten hat, denn sonst hätte Er doch dem Hiob 14 Söhne und 6 Töchter schenken müssen; aber bei genauerem Bedenken löst sich dieser scheinbare Widerspruch. Die 7 Söhne und 3 Töchter, die im Unglück starben, sind nicht — wie die Tiere und Sachwerte — verloren! Auch im Tode leben und zählen sie — für Gott und für Hiob! Hat nicht unser Herr die Tatsache, daß Gott sich in Seinem Worte als “der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs” bezeichnet, so gewertet, daß Er darin einen Beweis für das Fortleben nach dem Tode und die künftige Auferstehung sah? “Denn Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen; denn für Ihn sind alle lebendig” (Luk. 20, 37-40); “Sein ist der Überrest des Geistes” (Mal. 2, 15)!
So liegt hinsichtlich der Kinder Hiobs nicht etwa ein Abweichen von der Norm der doppelten Erstattung vor, sondern vielmehr ein Beweis für die schon damals vorhandene Glaubenshoffnung auf “Leben aus den Toten” (s. Sach. 9, 12!).
Was Hiob vorahnend bekannte, hat Gott hierin seinem Glauben bestätigt: “Und ich weiß, daß mein Erlöser (Goel) lebt, und als der Letzte (= der das Schlußurteil spricht) wird Er sich über meinem Staube erheben. Und dann werde ich — mag jetzt auch meine Haut so ganz zerfetzt, und ich meines Fleisches ledig sein — Gott schauen, den ich schauen werde mir zum Heil; meine Augen werden IHN sehen und nicht als einen Feind (als einen Fremden, Andersartigen)” (Hiob 19, 25-27 nach einer jüdischen Übertragung).
Buber verdeutscht: “Und noch nachdem meine Haut, dies da, zerfetzt ist, noch von meinem Fleische aus werde ich Gott schauen!”
Hat Hiob auch in seinem Lebensalter eine Erstattung erfahren? Wir dürfen es annehmen. Wenn er nach seinem Leiden 140 (2 x 70) Lebensjahre lebte, wie es der biblische Text bezeugt, so hätte er demnach mit 70 Jahren das große Unglück seines Lebens erfahren; somit hätte er ein Alter von 210 Jahren (3 x 70 Jahren) erreicht. Dieses hohe Lebensalter würde darauf hinweisen, daß Hiob wohl unmittelbar nach der großen Flut gelebt hat.
“Und Hiob lebte nach diesen Ereignissen 140 Jahre; und er sah seine Kinder und Kindeskinder — 4 Generationen. Und Hiob starb, alt und an Tagen gesättigt” (Kapitel 42, 16).
Hier fügt nun die Septuaginta (die griech. Übersetzung des AT), doch auch eine arabische und syrische Textfassung, hinzu: “Und es ist geschrieben, daß er auferstehen wird mit denen, die JHWH auferwecken wird.” Gewiß hat er die “bessere Auferstehung” der leidenden Glaubenshelden erfahren, von der Hebr. 11, 35 spricht. —
Nun ist es merkwürdig, daß uns die Namen der schönen und kosmetikbewußten Hiobstöchter aufbewahrt sind, die Namen der Söhne jedoch ungenannt bleiben! Gerne wüßten wir, wie der leidende Gottesknecht sein bitteres Geschick in den Namen seiner Söhne “aufschrieb”, wie es so oft die Väter Israels taten
Nun nennt uns die Heilige Schrift einen Mann, der ebenfalls 14 Söhne und 3 Töchter besaß; die Namen seiner Söhne aber werden genannt. Es ist dies einer der weissagenden Sangesmeister Israels, die ihren Dienst unter David und Salomo verrichteten: HEMAN (= der Treue, Zuverlässige, Vertrauenswürdige), der Esrachiter (= aus dem befreienden Licht), — neben Asaph, Ethan und Jeduthun. Man nimmt an, daß er es war, der das Buch Hiob aus alten Quellen (Tontafeln?) zusammenstellte, es redigierte. Ps. 88 stammt aus seiner dichterischen Werkstatt (siehe auch 1. Kön. 4, 29-33).
Sei dem, wie es sei: Eigenartigerweise ergeben die Namen seiner 14 Söhne einen wunderbaren “Namenspsalm”, gleichsam einen Abriß der Leidens- und Wiederherstellungsgeschichte Hiobs! Auch in ihren Namen wird etwas deutlich vorn Segen des Leides, aber auch der göttlichen Erneuerung und Wiedererstattung.
Die Söhne des “Treuen”, “Gläubigen” und “Vertrauenswürdigen” (Heman; s. Hiob 1, 1), der aus dem “befreienden, sich ausdehnenden Lichtglanz” (Serach) stammt, sind (nach 1. Chron. 25, 4-5):
- BUKKIJAH = zerstört durch JAH, entvölkert, ausgeleert (Kapitel 1, 13-19);
- MAATANEJAHU = Gabe JAH’s! “Der Name JHWH’s sei gelobt” (Kapitel 1, 20-22);
- USSIEL = Gewaltig ist Gott! (Kapitel 42, 2);
- SCHEBUEL = Gottes Gefangener; oder: Gott, kehre wieder! (Kapitel 42, 10);
- JERIMOTH = Er wird erhöht, erhoben (Kapitel 42,12);
- HANANI = huldvoll, gnadenreich;
- HANANJAH = JAH hat mich begnadet (Kapitel 42, 9b);
- ELIATHA = Gott ist gekommen! oder: DU bist mein Gott! (Kapitel 38);
- GIDDALTI = Ich pries Gott (K. 2, 10); ich wurde vergrößert, nahm zu (Kapitel 42,10-15);
- ROMAMTI-ESER = Ich rühmte die Hilfe;
- JOSCHBEKASCHA = in der Not sitzend; Er wird Hartes wenden (Kapitel 2, 7-9);
- MALLOTHI = Ich habe mich gebeugt (Kapitel 42, 1-6);
- HOTHIR = Überrest, Übermaß, übriggelassen, gerettet;
- MACHASIOTH = meine Vision ist ein Wunderzeichen; oder: Schauungen, Offenbarungen (Kapitel 19, 25-26; 42, 5).
Fügen wir nun die Namensbedeutungen zusammen, so ergibt sich ein zweiter “Psalm Hemans”, — der “Namenspsalm seiner Söhne”, die geistliche Biographie Hiobs abschattend (Hiob = der Gehaßte, Verfolgte, Angefeindete, Angehauchte):
Zerstört durch JHWH, entvölkert und ausgeleert
(ruft er): “Gabe des Herrn!” — “Stark ist Gott!”
Gottes Gefangener (ruft):
“Gott kehre wieder!”
Er wird erhöht, erhoben.
“Huldvoll hat JAH mich begnadet!
EL (Gott) ist gekommen! DU bist mein Gott!”
(So) pries ich Gott, ward vergrößert, nahm zu.
Ich rühmte die Hilfe!
In der Not sitzend
habe ich mich gebeugt.
Gerettet ward ich,
meine Vision ist ein Wunderzeichen.
(Oder: O Übermaß der Offenbarungen!). —
Abschließend ein feiner Einzelzug des letzten Kapitels, der noch einmal das Hiobleiden kennzeichnet und in das Licht des leidenden Messias stellt. In Kapitel 42, 21 heißt es:
“Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle seine früheren Bekannten; und sie aßen mit ihm in seinem Hause. Sie bezeugten ihm ihr Beileid (Buber: Sie nickten ihm zu) und trösteten ihn über all das Unglück, das JHWH über ihn hatte hereinbrechen lassen; und sie gaben ihm ein jeder eine Kesita und jedermann einen goldenen Ring.”
Was hier als Goldgewicht erwähnt wird (die “Kesita”), übersetzt Buber mit “einen Lämmerwert”. Wie kommt er zu dieser Verdeutschung? Nun, die Septuaginta berichtet hier in ihren verschiedenen Lesarten von einem “Stück ungestempelten Goldes mit einem eingeprägten Lamm”, oder, in einer anderen Version, daß ihm die Freunde ein Lamm und eine Münze aus ungestempeltem Golde gaben.
Das Gold des Glaubens mit dem eingeprägten Lamm!
Hiob trug die Prägung des leidenden Gotteslammes und konnte darum, in aller Schwachheit, eines Seiner leuchtenden Vorbilder werden. —
Auch unser “Glaube” muß “viel köstlicher als alles Gold” die “Feuerprobe der Bewährung” erfahren (1. Petr. 1, 17). Gott schenke es uns, daß wir uns durch das “Feuer der Verfolgung nicht befremden lassen”, sondern es als “Anteilnahme an den Leiden des Messias” erkennen (1. Petr. 4, 12-13)!
So dürfen auch wir dankbar bekennen, daß das “Endziel” Gottes mit Hiob auch das Endziel unseres Lebens ist: “… daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist”!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1978; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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