Die Todessalbung des Messias
Autor: Jugel, Wolfgang | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Heilsgeschichte | 480 x gelesenIn Pred. 9, 7-8 steht ein feines Gotteswort, das sich aber scheinbar mit der Regelung des irdischen Lebens erschöpft:
“Geh, iß dein Brot mit Freude und trinke deinen Wein mit frohem Herzen; denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun! Deine Kleider seien weiß zu aller Zeit, und das Öl mangle nicht deinem Haupte!”
Aber geht es Gott wirklich nur um Essen und Trinken, um seelische Hygiene, ein ordentliches Äußeres und kosmetische Pflege? “Ist Gott etwa um die Ochsen besorgt”?, fragte Paulus in einem ähnlichen Zusammenhang nach dem tieferen Sinn eines Gottesspruches (1. Kor. 9, 9). Nun, auch vorliegendes Wort hatte eine prophetische Erfüllung in den Tagen des Sohnes Gottes, als dieser “unter der Sonne” bei Seinem Weibe Israel weilte (V. 9):
- Gott hatte Wohlgefallen an Seinem Tun, ja, an Ihm selbst!
- Er aß das Brot des Wortes Gottes mit Freuden (Joh. 4, 34; Matth. 4, 4).
- Er “trank” den Wein der Freude Gottes.
- Die weiße Farbe der Kleider stellt die Gerechtigkeit und Reinheit Seines Leibes dar, in welchem keine Sünde war (vgl. Offb. 19, 8).
- Das Salbungsöl des Geistes aber kündet von der Fülle des Heiligen Geistes, die dem Messias, dem “Gesalbten”, zuteil wurde.
Demnach können wir also in Pred. 9, 7-8 einen göttlichen Segens- und Salbungszuspruch für den geliebten Sohn erkennen, den auch wir als nachgeborene Söhne vernehmen dürfen. Was die Gottesmenschen des Alten Bundes — oft im irdisch-äußeren Lebensbereich — glückbringend erfuhren, ward Jesus, dem Messias, in geistlicher Weise zuteil. David konnte aus seiner Lebenserfahrung berichten: “Du bereitest vor mir einen Tisch (Brot und Wein!) angesichts meiner Feinde; Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher ist überfließend gefüllt” (Ps. 23, 5); doch wurde dieser Psalm völlige Wirklichkeit im Erdenleben unseres Herrn und Meisters! Daß der “gedeckte Tisch”, das “gesalbte Haupt” und der “überfließende Freudenbecher” gerade bei Seiner Wanderung durchs “Tal des Todesschattens” Jesu Teil wurden, soll vorliegender Artikel zeigen.
“Iß Dein Brot mit Freude …!”
“Gott hat Wohlgefallen an Deinem Tun …!”
“Das Öl mangle Deinem Haupte nicht!”
Wann hat sich dies wohl im Erdenleben Jesu erfüllt — gleichsam als eine Bestätigung der vor Grundlegung der Welt vom Vater gestifteten Messianität?
Gewiß denken wir da an die Taufe Jesu im Jordan, wo der Herr sich mit den Sündern solidarisch erklärte und sich in ihre Reihen stellte. Dabei erhielt Er ja vom Vater die Fülle des Gottesgeistes als messianische Amtsausrüstung; die Himmel öffneten sich, der Geist schwebte auf Ihn wie eine Taube herab, und die Gottesstimme erschallte vom Himmel: “Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Wohlgefallen gefunden” (oder: in Dir ist mein Freudenwille begründet). Alte Textzeugen fügen das älteste Gotteswort hinzu, das uns die Bibel — in Ps. 2 — berichtet: “… mein Sohn bist Du, heute habe Ich Dich gezeugt” (Matth. 3, 13-17; Joh. 1, 29-34; Luk. 3, 21-22).
Demnach erschallte das göttliche Urwort von der Zeugung des Sohnes nicht nur vor Erschaffung aller Welten, sondern bei der erneuten Stiftung der Messianität des Sohnes am Jordan und zum dritten Male anläßlich Seiner Auferstehung (Apg. 13, 33).
Im apokryphen Hebräerevangelium, das nicht ins Neue Testament aufgenommen worden ist, heißt es: “Es geschah aber, als der Herr aus dem Wasser heraufgestiegen war, da stieg die ganze Quelle des Heiligen Geistes auf Ihn herab, ruhte auf Ihm und sprach zu Ihm: Mein Sohn, in allen Propheten erwartete Ich Dich, daß Du kämest, und Ich in Dir ruhte. Denn Du bist meine Ruhe, Du bist mein erstgeborener Sohn, der Du in Ewigkeit herrschest.”
Wir sehen an diesem Zitat, welche Bedeutung die ersten Gemeinden, im Einklang mit den Evangelien, der Taufe Jesu im Jordan beimaßen. —
Die Salbung mit dem heiligen Salböl, die im Alten Bunde Königen, Priestern und Propheten zuteil wurde, bildet den Anschauungshintergrund zu dem Titel “Messias” — griechisch: “Christus”, zu deutsch: “Der Gesalbte”. Dieser Würdetitel, den das Neue Testament als Amtsnamen Jesu gebraucht, schildert also die Ausrüstung mit der Fülle Heiligen Geistes. So ist CHRISTUS kein Eigenname, sondern der ins Griechische übersetzte hebräische Würdename MESSIAS, sonderlich mit dem Artikel (der Christus, der Messias).
Dieser Titel gehörte zum urchristlichen Bekenntnis, wie er auch — nach Phil. 2, 11 — zum allumfassenden letzten Bekenntnis aller Welten und Wesen gehören wird! Besonders deutlich wird das in einem Schlußwort des Johannesevangeliums (das nach dem Theologen Bornhäuser die Missionsschrift des greisen Apostels an die Synagoge war):
“Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor Seinen Schülern vollbracht, die nicht in diesem Buche geschrieben sind. Diese aber sind niedergeschrieben worden, damit ihr darauf vertraut, daß JESUS der MESSIAS ist, der SOHN GOTTES, und damit ihr durch dieses Vertrauen Leben habet in Seinem Namen” (Joh. 20, 30-31).
Jesus, der Messias: König, Priester und Prophet! —
Es gibt einen weiteren Schriftzusammenhang in den Evangelien, der Jesus in einem ganz eigenartigen Geschehen als den Gottesmessias darstellt; es ist dies die Salbung Jesu durch Maria in Bethanien (= Haus der Feigen), während Seines Ganges nach Jerusalem, wo Er hernach Sein “Todespassah” erleiden sollte.
Die Texte in Joh. 12, Mark. 14 und Matth. 26 bieten gewisse Verschiedenheiten, die sich aber leicht vereinen lassen, so daß sich folgender gemeinsamer Text ergibt:
“Jesus nun kam — sechs Tage vor dem Passah — nach BETHANIEN, wo LAZARUS war, den Er aus den Toten auferweckt hatte. Dort (im Hause SIMONS des Aussätzigen) bereiteten sie Ihm eine Mahlzeit, und MARTHA besorgte die Bedienung (übernahm die Hausfrauenpflichten). LAZARUS aber war einer von denen, die mit Jesus zu Tische saßen. Während Er nun bei Tische saß, nahm MARIA eine Alabasterflasche, gefüllt mit einem Pfund echten, teuren Narden-Würzöls (= 300 g im Wert von 300 Tageslöhnen). Sie zerbrach die Alabasterflasche und goß Ihm das Öl über das Haupt. Dann salbte sie (auch) Seine Füße (Seinen Leib) und trocknete die Füße mit ihren Haaren ab. Das ganze Haus aber wurde erfüllt mit dem Dufte des Würzöls.”
Die Textfrage, ob denn nun Maria das Haupt, den Leib oder die Füße Jesu gesalbt habe, erklärt sich aus dem uns ungewohnten Brauch einer Salbung; diesen finden wir treffend in Ps. 133 geschildert, wonach das köstliche Salböl vom Haupte Aarons auf seinen Bart, ja, bis zu den Säumen seiner Gewänder herabfließt (V. 2).
So fließt die göttliche Geistessalbung vom Haupte unseres Hohenpriesters Jesu herab bis zu den “Säumen Seines Gewandes” und Leibes, ja, bis zu Seinen Füßen. Die Gemeinde aber ist Christi Leib! Und “das Haupt wird nicht sagen zu den Füßen: Ich bedarf euer nicht” (1. Kor. 12, 22-23)! Auch die geringsten Glieder und “Randbezirke” Seines Leibes, also der Gemeinde, nehmen an Seiner Geistesfülle, an Seiner Messianität teil. Darum kann diese Gemeinde der Glaubenden auch geradezu “der CHRISTUS” (der Messias, der Gesalbte) genannt werden (1. Kor. 1, 13). Vermöge der ihr verliehenen Geistessalbung nimmt sie teil am Beurteilungsvermögen Christi und bedarf darum keiner anderen Lehrmächte. “Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles” (1. Joh. 2, 20.27).
Aber auch das gilt: Bis zu den “Säumen Seines Gewandes”, bis zu den fernsten Randbezirken Seiner Christusherrschaft, wird sich einmal Gottes Geistesfülle ausbreiten. Eph. 4, 10 zeigt als Ziel der Christusmission, daß Er “das All erfüllen” oder “Seine Fülle auf das All ausdehnen” soll.
Maria hat also die Alabasterflasche zerbrochen, das Würzöl auf das Haupt Jesu ausgegossen, worauf es über Seine Haare bis zu den Füßen herabtropfte, die sie dann mit ihren Haaren trocknete. Diese Flasche mit dem Nardenöl war wohl das Kostbarste, was sie besaß und — vielleicht für ihre Hochzeit — aufbewahrte. Aber nichts ist ihr kostbar genug, um damit in einem echten Opfer die Messianität Jesu angesichts Seines geweissagten Todes darzustellen. “Welche Verschwendung!” rufen die Jünger, geführt von Judas, aus. Der Duft und Wohlgeruch des Öles aber erfüllt das ganze Haus mit allen seinen Räumen.
Das Gefäß ist ein Bild unseres Leibes und Lebens. In Röm. 12, 1 werden wir durch den Apostel dazu ermutigt, “durch die Barmherzigkeiten Gottes” unsere Leiber “darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer”; dies aber ist allein ein wortgemäßer Gottesdienst”, der zur Erneuerung des Denkens zu führen vermag (V. 2).
Solches Selbstopfer aber kann dazu führen, daß wir mit dem verhöhnten König David sprechen müssen: “Meiner ist im Herzen vergessen wie eines Gestorbenen; ich bin geworden wie ein zertrümmertes Gefäß” (Ps. 31, 11-12).
Ebensowenig wie aber die Absicht der Maria darin bestand, ein kostbares Gefäß zu zerschlagen, besteht der Sinn unserer Leiden und Drangsale in der bloßen “Zertrümmerung”. Wie oft könnte man bei oberflächlicher Betrachtung der “Reichsgottesgeschichte” im Blick auf die Opferung, die Entäußerungen, Qualen, Leiden und Verfolgungen der Gemeinde, ihrer Glieder und ihrer hervorragenden Mitarbeiter, mit dem Verräter Judas meinen: Welche Verschwendung! Wie sinnlos opfert Gott die Seinen dahin!
Worin aber besteht denn nun der Sinn des Leidens der Glieder und Mitarbeiter Christi? Daß durch sie an allen Orten der Wohlgeruch Christi verbreitet werde (2. Kor. 2, 14-16; Eph. 5, 2). Der Schatz der Herrlichkeit Gottes (”im Angesicht Jesu Christi”) und die Klarheit der Heilsbotschaft ist in irdenen, tönernen, anfechtbaren und zerbrechlichen Gefäßen niedergelegt, damit es sich erweise, daß die überströmende Kraft von Gott stamme und nicht aus uns” (2. Kor. 4, 7).
Wenn bei der Salbung mit dem Nardenöl (einem Bild des Geistes) die Messianität Jesu bekundet werden sollte, so mußte zuerst die Alabasterflasche zerbrochen werden; erst hernach wurde “das ganze Haus erfüllt mit dem wohlriechenden Duft des kostbaren Würzöls”. So wird auch die “Behausung Gottes im Geiste”, die Christusgemeinde, erst dann mit dem “lieblichen Wohlgeruch” Christi und des Heiligen Geistes erfüllt, wenn die Gefäße solchen Dienstes zuvor zertrümmert wurden. Darum geht es bei allen wahren Dienern Christi, die ja an der Messianität und Salbung des wahren Passahlammes Jesus teilnehmen, durch viel Zerbruch und Anfechtung hindurch. Erst im Leiden, in der Angst und Not und im Erlöschen der eigenen Kraft und Größe vergeht der stinkende Geruch unseres Hochmutes, um dem “duftenden Wohlgeruch Christi” zu weichen. 2. Kor. 2, 14-16 bezeugt hierzu:
“Gott aber sei Dank, der uns allezeit im Triumphzug umherführt in dem CHRISTUS und den Geruch Seiner Erkenntnis an jedem Ort durch uns offenbarmacht. Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, doch auch unter denen, die verlorengehen; den einen ein Geruch aus dem Tode zum Tode, den anderen aber ein Geruch aus dem Leben zum Leben!”
Aus der Schwachheit wird Kraft geboren, dem Zerbruch des Gefäßes entströmt der Duft, und “das Leben Jesu wird in unserem sterblichen Fleische enthüllt” (2. Kor. 4, 10).
Nicht zuletzt darum konnte Paulus der “Vollender des Wortes Gottes” werden, weil er in seinem Fleische Rückstände an Drangsalen Christi ergänzte, die der Herr selbst Seiner Gemeinde zugewiesen hat (Kol. 1, 24).
Warum haben so viele Gottesmänner und gesegnete Frauen in der Gemeinde eine solche Wirkung ausgeübt, eine solche Segensspur hinterlassen? Machte nicht das ihren Einfluß aus, daß ein Charakterzug der Persönlichkeit Jesu, ja, des Wesens Gottes in ihrem Leben besondere Gestalt gewonnen hatte? Das ließ sie “Profil gewinnen”, so daß sie noch in ihrem Fleische einen besonderen Gedanken des Heiligen Geistes verkörpern konnten. Das brachte ihnen manche Feindschaft, aber auch die Liebe und Treue vieler Gotteskinder ein, oft auch berechtigte Verehrung. Aber was viele nicht wußten, und was oft ein Geheimnis ihres gesegneten Lebens blieb: der “Duft” ihrer Persönlichkeit, die Ausstrahlung eines geistlichen Charakters, die fleischgewordene Christusidee wurde in viel Zerbruch und Anfechtung in ihnen ausgeprägt! —
Am Johannesevangelium wird besonders deutlich, daß die Salbung Jesu durch Maria in einem großen Zusammenhang steht, der geradezu prophetische Züge trägt: Es ist dies der “Einzugsweg” Jesu, der sich aus Seinen Bewegungen und Stationen vor Seinem Tode in Jerusalem bildete. Im Scheinwerferlicht alttestamentlicher Prophetenzeugnisse (wie z. B. Sach. 9) werden in den Monaten, Wochen und Tagen, die dem Kreuz Jesu vorangehen, “endzeitliche Kulissen” aufgestellt; diese aber scheinen das Volk Israel und die Jünger Jesu zu berechtigen, immer gewisser damit zu rechnen, daß der Messias in Kürze Seine Macht offenbaren und Sein Reich errichten wird. Als dann aber Jesus diese Kulissen in einer völlig unpassenden “Rolle” betrat — nicht als der erwartete Machtmessias, sondern als das blutende Gotteslamm — brach die Hoffnung der Passahpilger Jerusalems und aller Frommen Israels wie ein Kartenhaus zusammen.
Stichwortartig seien einmal einige Hauptereignisse jener Leidenszeit zusammengestellt; in ihrem Aussagefeld steht dann auch die in Joh. 12 berichtete Salbung Jesu durch Maria, die so besehen auch eine ganz andere Beleuchtung gewinnt.
- Die Verklärung Jesu vor Seinem letzten Weg nach Jerusalem (Matth. 17; Luk. 9) bildet ein Modell der messianischen Reichsherrlichkeit; das endzeitliche Laubhüttenfest des Messiasreiches, zu dem alle Völker geladen sind, scheint anzubrechen (2. Petr. 1, 16-19; Sach. 14, 16-19).
- Die Auferweckung des Lazarus in BETHANIEN(= Haus der Feigen) und Jesu anschließende Übernachtung in BETHPHAGE (= Haus der unreifen Feigen) lösen Anschläge der Priesterschaft auf Jesu und des Lazarus Leben aus (Joh. 11, 1-46.47-54; 12, 9-11). In jene Zeit fällt auch die Verfluchung des unfruchtbaren Feigenbaumes und — im Rahmen Seiner Endzeitrede — der prophetische Hinweis auf das Wiedersaftigwerden dieses Feigenbaumes (= Israel) am Ende der Tage.
- Jesu Einzug in Jerusalem. In Übereinstimmung mit Sach. 9, 9-12 reitet Er auf einem Esel durch das “Goldene Tor” (oder: Tor der Barmherzigkeit) vom Ölberg kommend in Seine Stadt ein. Die 12 Jünger, die 70 des weiteren Jüngerkreises, die durch das Lazaruswunder erregten frommen Juden, die Passahpilger aus aller Welt und abschließend die Kinder im Tempel huldigen Ihm als dem Messias (Matth. 21, 1-11; Joh. 12, 12-19; Sach. 9, 8-7; 9, 9-12; 12, 10-14; Hes. 11, 22-23). Viele erinnern sich an die Sacharjaweissagung (K. 9) und erwarten nun die endzeitliche Auferstehung der Toten Israels, die zu Beginn des Reiches erfolgen soll. Ist nicht die Auferweckung des Lazarus deren “Auftakt”? Um die Auferstehung der Gerechten beim Kommen des Messias unmittelbar zu erleben, ließen sich ja fromme Juden immer wieder am Osthang des Tempelberges vor dem “Goldenen Tor” beerdigen, — im Gedenken an Sach. 9.
- Sechs Tage vor dem Passahfest erfolgt in Bethanien durch die Lazarusschwester Maria die Todessalbung des Messias Jesus (Joh. 12, 2-11; 11, 55).
- Es folgt die Tempelreinigung und der Lobpreis der Kinder (Luk. 21, 37-39). Hierzu Mal. 3, 1: “Plötzlich wird zu Seinem Tempel kommen der HERR, den ihr suchet, und der ENGEL DES BUNDES, den ihr begehret!” In der Schau der Priester und Schriftgelehrten hat nur der Messiaskönig das Recht — als Nachfolger, der großen Reformatoren Hiskia und Josia — den Tempel zu reinigen; darum fordern sie den Nachweis Seiner “Vollmacht” (oder: Rechtsbefugnis). Auch das Gleichnis über die bösen Weingärtner spricht der Herr in diesen Tagen.
- Die Delegation der Griechen — der auf den Messias harrenden Völker — erscheint in Jerusalem und “möchte Jesus gerne sehen”. “Das Ersehnte der Heiden (der Messias!) wird kommen” (Hagg. 2, 7). Auch sie erwarten, getragen von der Woge der allgemeinen Begeisterung, den Reichsanbruch. Doch der Sohn Gottes empfindet ihre unausgesprochene Aufforderung zur Herrlichkeitsoffenbarung als eine Versuchung. Er empfängt sie nicht und läßt ihnen als Antwort das Gleichnis vom sterbenden und (dann erst) fruchtbringenden Weizenkorn übermitteln. Dann verbirgt Er sich (Joh. 12, 20-50).
In diesem bedeutsamen Zusammenhang steht die Salbung Jesu durch Maria, “sechs Tage vor dem Passah”. Nach jüdischer Zählung ist dieser Tag der 10. Nisan, da das eigentliche Passahfest am 15. des Monats Nisan gefeiert wird; an diesem Tage wird das Passahlamm gegessen.
Was aber geschah nach der Anordnung Gottes am 10. Nisan, dem Tage der Salbung Jesu in Bethanien? An diesem Tage mußte der israelitische Hausvater das Passahlamm aussondern und bereitstellen (oder: in Verwahrung halten) bis zum 14. Nisan, dem Rüsttage zum Passahfest, an dem die Schlachtung der Lämmer im Tempel stattfand.
Am Rüsttage zum Passah, dem 14. Nisan, aber wurde “unser Passahlamm, der Messias, geschlachtet” (1. Kor. 5, 7; Joh. 19, 13b). In der Salbung Jesu durch Maria jedoch, die sie am 10. Nisan “im Hinblick auf Seinen Tod” vollzog, erfüllte sich die Aussonderung des wahren Passahlammes, des Messias Jesus. Es verwirklichte sich 2. Mos. 12, 3-6 in seinem vollen prophetischen Gehalt, wo es u. a. heißt: “Ihr sollt es (das Lamm, den Widder) in Verwahrung halten bis auf den 14. Tag dieses Monats!”
Maria handelte also nicht aus einem sentimentalen Gefühl heraus, als sie ihr kostbarstes Besitztum “verschwendete”, sondern im Geiste der Weissagung aufgrund der Kenntnis der Propheten Israels. Ihre Handlung war ein demonstratives Bekenntnis zu Jesus als dem todgeweihten Messias.
Gott der Vater hatte ja, vor aller Welt und Zeit, den Sohn als das wahre Passahlamm vorherersehen, ausgesondert und zur Verfügung gestellt (1. Petr. 1, 19; Joh. 3, 16). Diesen Akt der Aussonderung vollzieht Maria in der Zeit nach. Sie bekennt sich zum Passahlamm Gottes an dem Tage, da die Hausväter Israels die Passahlämmer auszusondern pflegten, um sie auf den Tag der Schlachtung zu verwahren. Welche Glaubenstat im Geiste der Weissagung! “Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung” (Offb. 19, 10b).
Hierin wird erneut die heilige Brücke zwischen der wahren EVA und ihrem Samen, dem Schlangenzertreter, geschlagen. Hätte die Salbung des MESSIAS zum König Israels nicht durch den weissagenden Hohenpriester geschehen müssen, wie es etwa bei der Salbung Davids durch Samuel geschah? Was die Verblendung Israels verhindert, vollzieht diese Frau, deren Weise es schon immer war, “das gute Teil zu erwählen” und dem Worte Gottes zu lauschen.
Der Herr hatte ja Sein Leiden klar angekündigt, was zum Einsturz der Messiashoffnung bei Seinen Jüngern führte:
- THOMAS möchte resignierend “mitsterben”;
- Die “DONNERSÖHNE” Johannes und Jakobus wollen gar “Seinen Kelch trinken”;
- PETRUS fährt den geliebten Meister mit den Worten an: “Das widerfahre Dir nur ja nicht!” Er möchte Ihn dadurch von Seinem Leidensweg abhalten.
- ALLEN JÜNGERN muß der Herr die Frage stellen: “Wollt ihr etwa auch weggehen?”
- Die JUDEN deuten Seine Todesworte als Selbstmordabsicht oder als Ankündigung einer Reise in die Diaspora (Joh. 7, 35);
- Seine leiblichen BRÜDER fordern die Messiasproklamation in der Öffentlichkeit;
- JUDAS ISKARIOTH aber ist “des Treibens müde” und möchte Jesus zum “Offenbarungseid” zwingen, indem er Ihn in die Hände Seiner Feinde ausliefert.
Maria aber erahnt liebend die prophetische Zusammenschau (Synthese) zwischen Leiden und Herrlichkeit, zwischen leidendem Gottesknecht und Machtmessias, zwischen “Lamm” und “Löwe”. Angesichts des drohenden Todes Jesu, der nun offensichtlich nicht mehr zu umgehen ist, bekennt sie mit ihrer Salbung: “Und Du bist doch der Messias, der Gesalbte Gottes!”
Was die Propheten des Alten Bundes nicht auf einen Nenner bringen konnten, was auch die Apostel erst nach Pfingsten erkenntnismäßig vereinen konnten — jenen Widerspruch nämlich zwischen Leiden und Herrlichkeit des Christus —, diese Frau schaut es im Bekenntnis der Liebe, ohne es bis ins letzte theoretisch lösen zu können.
“Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen zubereitet, die Ihn lieben” (1. Kor. 2, 9)!
Von hier aus wird erst die großartige Rechtfertigung verständlich, die der Herr der Maria verlieh!
“Als die Jünger das sahen, wurden sie unwillig und murrten in sich hinein: Wozu diese Verschwendung? Judas aber, Simons Sohn, der Iskariote, einer von Seinen Jüngern, der schon geplant hatte, Ihn auszuliefern, sagte offen heraus: Warum wurde dieses Würzöl nicht für mehr als 300 Denare verkauft und den Armen gegeben? Auch die Jünger fuhren Maria an … Jesus aber sprach: Warum betrübt ihr diese Frau? Sie hat doch eine ideale Handlung (kalon ergon) an mir vollzogen! Laßt sie gewähren! Denn sie sollte es aufbewahrt haben im Hinblick auf den Tag meiner Einbalsamierung (oder im anderen Evangelium: denn dadurch, daß sie das Würzöl auf meinen Leib goß, hat sie ihn im voraus zur Bestattung gesalbt). Wahrlich, ich sage euch: Wo immer in der Welt diese Frohe Botschaft ausgerufen werden wird, wird auch zu ihrem Gedenken erzählt werden, was sie getan hat” (in gegenseitiger Ergänzung der Texte aus Joh. 12, Mark. 14 und Matth. 26 unter Berücksichtigung des Grundtextes).
“Sie sollte es aufbewahrt haben …” Wer gab Maria dazu Befehl und Antrieb? Wer drängte sie zur Aufbewahrung des Salböls und zur Handlung der Salbung Jesu? Es war derselbe Geist der Weissagung, der schon in den Propheten zuvor auf Christus und Seine Leiden hindeutete. —
Ja, angesichts Seines kommenden Weges durch das Tal der Todesschatten konnte Jesus mit dem großen Hirtenkönig David bekennen: “Du salbest mein Haupt mit Öl — mein Becher fließt über!” — überströmend auch als Kelch des Zornes und Grimmes Gottes, vor dem Er in Gethsemane zurückscheute.
So spricht die Weisheit Gottes von dem Heiligen und Frommen Israels, dem Mächtigen und Auserwählten: “Ich habe DAVID gefunden, meinen KNECHT, mit dem heiligen Öle habe Ich ihn gesalbt … Er wird mir zurufen: Mein Vater bist Du, mein Gott, und der Fels meiner Rettung! So will auch Ich ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten der Könige der Erde” (Ps. 89, 19-27).
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1978; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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