Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Heilung der Seele

Autor: Jugel, Wolfgang  |  Kategorie(n): Lehre  |  388 x gelesen

— Diagnose und Therapie —

1. Der seelische Mensch

In »Idea« erschien vor etlicher Zeit eine Notiz mit der Überschrift: »Falsche Predigt macht krank«. Dort wurde ausgeführt: »Christen sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Diese Ansicht vertrat der Präsident der schweizerischen “Stiftung für ganzheitliche Medizin”, Dr. Kurt Blatter, auf einem Informationstag der Organisation. Die seit Jahren bestehende evangelikale Stiftung plant die Errichtung eines von Christen geleiteten Krankenhauses für psychosomatische und psychische Leiden. Wie Blatter mitteilte, sind 95 % der mehr als 800 bisher von der SGM betreuten Patienten bekennende Christen. Ursache für ihr Leiden sei vielfach eine falsche Predigt nach dem Muster: Wenn du Christ wirst, sind alle deine Probleme gelöst!« — Ich möchte dem hinzufügen: Dann beginnt der Kampf des Glaubens erst, ein Kampf zwischen Geist und Fleisch, den wir vor unserer Glaubensentscheidung nicht hatten. — Weiter heißt es in dem genannten Artikel: »So steigt die Zahl psychischer Erkrankungen von Christen nach Großevangelisationen spürbar an.« — Ich darf ergänzen: Eine Ursache dafür ist sicher auch die, daß dort oftmals Gesetz verkündigt wird und weniger die Liebe Gottes, die in Christo Jesu erschienen ist. Gott wird in einer theologischen Karikatur als die Quelle der Angst dargestellt. — Blatter führt weiter aus: »Es kommt hinzu, daß Christen durch innere Kämpfe zwischen dem geistlichen Anspruch und ihrem natürlichen Leben größeren Spannungen ausgesetzt sind als Nichtchristen. Eine weitere Ursache seelischer Erkrankungen sind okkulte Bindungen …«

Seele und Geist, Seele und Seelsorge — was sagt die Bibel über die Diagnose und die erforderliche Therapie? Hat der Glaubende überhaupt noch etwas mit der Seele zu tun, weil er doch »geistlich« ist? Spr. 19, 1-2 kann uns in diese Thematik einführen:

»Besser ein Armer, der in seiner Vollkommenheit wandelt, als wer verkehrter Lippen und dabei ein Narr ist. Auch Unkenntnis der Seele ist nicht gut, und wer mit den Füßen hastig ist, tritt fehl!«

Es können sich also in unserem Leben Fehltritte, falsche Entscheidungen und Sünden ereignen, einfach dadurch, daß wir unsere Seele, ihre »Konstruktion« und seelischen Abläufe nicht kennen. Ein Wissen um die Seele wird also auch dem gläubigen Christen vom Worte Gottes empfohlen; eine wortgebundene »Psychologie« ist sicher von großem Wert!

In unseren »Erkenntniskreisen« sind wir ja nicht allzu gut auf die Seele und »das Seelische« zu sprechen; diese Ablehnung geschieht jedoch nur dort zu Recht, wo die Seele dominiert.

Vier Zeugnisse des Neuen Testaments beleuchten das Seelische auch eher negativ:

1. Kor. 2, 14-16 spricht von dem natürlichen Menschen als vom seelischen Menschen, der Gott blind gegenübersteht: »Der seelische Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muß. Der Geistesmensch aber beurteilt alles, er selbst aber wird von niemandem recht beurteilt. Denn wer hat das Denken des Herrn erkannt, der Ihn unterweise? Wir aber haben Christi Denksinn!«

Wir werden uns noch zu fragen haben, was dies bedeute, wenn die Schrift vom »seelischen Menschen« spricht; ist dies lediglich ein Mensch, der zum enthusiastischen Gefühlsüberschwang neigt und mit seinen Gefühlen hausieren geht?

Die zweite Aussage finden wir in Jak. 3, 13-17: »Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige aus dem guten Wandel seine Werke in Sanftmut der Weisheit. Wenn ihr aber bitteren Neid und Streitsucht in euren Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit. Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, eine seelische, eine dämonische!«

Es gibt also außer der Weisheit Gottes eine seelische Weisheit, die sich auf das Irdische beschränkt und zur Einfallspforte dämonischer Weisheit werden kann! Wir sehen hierin schon die Gefahr der Übermächtigkeit der Seele. Sie kann zu einem Empfangsorgan für dämonische Einflüsse werden. Dann fährt Jakobus fort: »Denn wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat! Die Weisheit aber von oben ist aufs erste rein, sodann friedensbereit, gelinde, lenkbar, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch und ohne Heuchelei!«

In diesem klaren Wort werden uns die Merkmale für die Weisheit Gottes und die Kennzeichen der seelischen und dämonischen Weisheit genannt.

Die dritte Aussage finden wir in 1. Kor. 15, 42-44, wo uns im Vergleich des jetzigen und des künftigen Leibes wieder das Wort seelisch begegnet: »Also ist auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät in Verwesung, es wird auferweckt in Unverweslichkeit. Es wird gesät in Unehre, es wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft; es wird gesät ein seelischer Leib« — das heißt aber doch, ein von der Seele beherrschter Leib —, »es wird auferweckt ein geistiger Leib« — nämlich ein vom Geist geleiteter und beherrschter Leib, der in künftigen Weltzeiten ein vollkommenes Offenbarungsorgan des Heiligen Geistes sein kann. »Wenn es einen seelischen Leib gibt, so gibt es auch einen geistigen. So steht auch geschrieben: Der erste Mensch ADAM wurde eine lebendige Seele, der letzte Adam (Christus) zu einem lebendigmachenden Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Seelische, danach erst das Geistige!« Und in Jud. 19 werden Menschen, die dem Evangelium feindlich gegenüberstehen, als »Seelische, die den Geist nicht haben« bezeichnet.

Was bedeuten nun diese Aussagen vom »seelischen Menschen«? Wollen sie unsere Seele herabwürdigen? Will Gott etwa im Geschenk des neuen Lebens bei der Wiedergeburt die Seele ausschalten, so daß wir nur noch als intelligente Verstandesroboter ohne Seele und Gefühl durchs Leben gehen? Das kann nicht sein! Denken wir doch nur an die Seele Jesu, der da weinte, der erregt wurde und seufzte, der von heiligem Zorn bewegt wurde und in Furcht und Zittern in Gethsemane niedersank! Auch Er hatte »in den Tagen Seines Fleisches« eine empfindsame Seele wie wir, die in Seinen Versuchungen und Anfechtungen litt! Was aber bedeutet die negative Bewertung des »Seelischen« im Worte Gottes?

2. Die Emanzipation der Seele

Ursprünglich war der ADAM als der Königspriester Gottes über diese Erde nach dem Bauplan des Ewigen anders konzipiert, als er es heute ist. JAHWEH hauchte der Materie seines Leibes den Lebensodem des Geistes ein, und auf diese Weise wurde der Adam »eine lebendige Seele«. Doch war er vor dem Fall vom Geiste beherrscht, der ja das Empfängnis- und Offenbarungsorgan des Heiligen Geistes ist. Er war »im Bilde Gottes« erschaffen, d. h. nach dem Bauplan, den der Vater in Christus als Seinem Ebenbild niedergelegt hatte; darum sollte die dominierende Stellung in seiner Persönlichkeit der Geist einnehmen, die untergeordnete Stellung aber sollte der Seele als einem »Resonanzboden« des Geistes zukommen. So heißt es in Spr. 20, 27: »Der Lebensodem des Menschen ist eine Leuchte JAHWEHs — durchforschend alle Kammern des Leibes!«

Dann aber wurde der Mensch in seinem Abfall von Gott »dahingegeben« ins Gericht. Röm. 1, wo der Apostel Paulus von einer dreifachen »Dahingabe«, einer Preisgabe und Auslieferung des Menschen ins Gericht spricht, schildert uns die Verfallsgeschichte der Menschheit. Es ist eine Gerichtshingabe nach Geist, Seele und Leib, ein Verfall aller Daseinsformen des Menschseins.

Röm. 1, 28 spricht von der Dahingabe nach dem Geiste: »Und gleichwie sie es nicht für gut fanden, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Denksinn — zu tun, was sich nicht geziemt!«

Den Verfall der Seele bezeugt V. 24: »Darum hat Gott sie auch dahingegeben in die Gelüste ihres Herzens, in Unreinigkeit ihre Leiber untereinander zu schänden; sie haben ja die Wahrheit Gottes in die Lüge verwandelt und dem Geschöpf mehr Verehrung und Gottesdienst dargebracht als dem Schöpfer.«

Die daraus folgende Dahingabe dem Leibe nach finden wir in V. 26 gekennzeichnet: »Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften; sowohl ihre Frauen haben den natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen verwandelt, als auch gleicherweise die Männer!«

Infolge dieser Dahingabe des Menschen ins Gericht wurde sein Geist zum »glimmenden Docht«, seine Seele jedoch emanzipierte sich, indem sie die Herrschaft in unserer Persönlichkeit übernahm. Wir leben ja heute in einer Zeit der unbegrenzten Emanzipation der Frau. Wenn Sie heute — auch in den meisten Gemeinden — von der biblisch geforderten »Unterordnung« der gläubigen Frau in der Ehe sprechen, machen Sie sich nur lächerlich! Man wird Ihnen entgegnen, dies sei eine längst überwundene, zeitlich gebundene Vorstellung der Apostel, die für unsere Zeit nicht mehr gelte, ebensowenig wie die Sklaverei. Aber lesen Sie doch einmal Eph. 5, wo die Unterordnung der Frau unter den Mann als das Haupt spiegelbildlich so dargestellt wird, daß der Mann als der »Übergeordnete« seine Frau lieben solle, wie Christus die Gemeinde liebt. Ich glaube, daß in einer christlichen Ehe, wo es wenigstens ansatzweise so bestellt ist, sich die Frau auch gerne unterordnet. Im übrigen gilt diese Anweisung nur für Glaubende, nicht für die Welt.

Weil nun der Adam nach dem Fall nicht mehr Träger des Heiligen Geistes war, wurde sein Geist zu einem »glimmenden Docht«, zu einem letzten »Funken« an Gottesbewußtsein. Doch bezeugte der Prophet, daß der Messias bei Seinem Kommen diesen nicht auslöschen, sondern ihn wieder zu einer hellen, lebendigen Flamme anfachen werde (Jes. 42, 3). So schrieb Paulus seinem Mitarbeiter Timotheus: »Fache an die Gnadengabe des Heiligen Geistes, die in dir ist …« (2. Tim. 1, 6). Nun nahm die Seele im Leben des gefallenen ADAM und aller seiner Nachkommen die herrschende Stellung ein — eine Position, welche sie nicht erfüllen konnte, ohne selbst dabei bleibenden Schaden zu nehmen. Sie emanzipierte sich zu scheinbarer Freiheit. Ebenso ist es ja, wenn eine gläubige Frau sich über den Mann erhebt und über ihn herrscht; sie wird dabei über kurz oder lang geistlichen, wenn nicht sogar psychischen Schaden erleiden! Auch die Emanzipation der ungläubigen Frauen wird eines Tages auf sie selbst zurückschlagen; die ersten schädlichen Folgen sind ja bereits zu verzeichnen, wie es uns Mediziner und Psychologen sagen, die noch unvoreingenommen diese Entwicklung betrachten.

Eigenartigerweise besteht auch in der Bibel eine Parallelität zwischen der Frau und der Seele: so wird die Seele in den Psalmen unsere »Ehre« genannt (Ps. 7, 5), wie auch die Frau »die Ehre (oder: Herrlichkeit) des Mannes« (1. Kor. 11, 7).

Worin bestand nun der bleibende Schaden, den die Seele nahm, indem sie sich in die übergeordnete Stelle unserer Persönlichkeit emporschwang, die der Geist innehaben sollte? Die eingangs zitierten Schriftstellen vom »seelischen Menschen« sagten uns, daß die Gotteserkenntnis ihm eine Dummheit ist, daß seine »seelische Weisheit« zu einer Schleuse für dämonische Weisheit werden kann, und daß »Seelische, die den Geist nicht haben« zu Feinden Christi und Seines Evangeliums werden.

Freilich umschließt die Seele nicht nur das Gefühl, sondern auch den Willen und den verfinsterten, unerleuchteten Verstand, wie es uns auch die Psychologie sagt. Und in diesem Punkt — was das Beherrschtsein von der Seele anbetrifft — gibt es keinen allzu großen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier; denn das Tier (jedenfalls das Säugetier) hat nicht nur den gleichen körperlichen Bauplan wie der Mensch, sondern es besitzt auch eine Seele, wie es uns Gottes Wort bezeugt. Dies läßt uns auch das merkwürdige Wort in Pred. 3, 16-21 recht verstehen:

»Und ferner habe ich unter der Sonne gesehen: An der Stätte des Rechts, da war die Gesetzlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit, da war die Gesetzlosigkeit. Ich sprach in meinem Herzen: Gott wird den Gerechten und den Gesetzlosen richten; denn Er hat ja eine Zeit gesetzt für jedes Vornehmen und jedes Werk. Ich sprach in meinem Herzen: Wegen der Menschen geschieht dies, damit Gott sie prüfe, und damit sie sehen, daß sie an und für sich« (eigentlich: auf sich gestellt, d. h. getrennt von Gott) »Tiere sind. Denn was das Geschick der Söhne Adams und das Geschick der Tiere anbetrifft, so haben sie einerlei Geschick; wie diese sterben, so sterben jene, und einen Lebensodem haben sie alle; und in diesem Stück ist kein Vorzug des Menschen vor dem Tiere, denn alles ist Eitelkeit. Alles geht an einen Ort; alles ist aus dem Staube geworden, und alles kehrt zum Staube zurück. Wer weiß von dem Geisthauch der Söhne Adams, ob er aufwärts fährt, und von dem Geisthauch der Tiere, ob er niederwärts zur Erde hinabfährt?«

Nach 1. Mose 7, 22 starben in der Sintflut alle, »in deren Nase der Lebensodem (neschama) des Geisthauchs (ruach) der Lebenden war«, was die kreatürliche Geistseele meint.

Das Predigerwort ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Die Bibel hat noch anderes dazu zu sagen; denken wir nur an das Wort Jesu, der Seine Jünger als »viel vorzüglicher als die Vögel« bezeichnet (Matth. 6, 26; Luk. 12, 24); hat doch der Mensch im Unterschied zum Tier die Gabe des Ichbewußtseins und einer freiheitlichen Willensentscheidung (vgl. Jes. 57, 15-16). Was jedoch die dominierende Stellung der Seele anbetrifft, ist der gefallene Mensch dem Tiere gleich. In der Loslösung von Gott ist er »auf sich gestellt« — tot in Sünden und Übertretungen, Atheist in dem Kosmos (Eph. 2, 1.12). Übrigens sieht das Judentum die »näphäsch« (Seele) als niederste Stufe des Menschseins; diese könne sich läutern und emporschwingen zum »ruach« (dem natürlichen Geisthauch) und schließlich als letzte Stufe die »neschamah« erreichen — den Gottesodem in seiner reinsten, leuchtenden Gestalt. —

3. Was geschieht in der Wiedergeburt?

Wiedergeburt ist die Zeugung neuen Lebens von oben durch den Geist Gottes. In Röm. 8, 16 sagt Paulus: »Der Geist bezeugt uns, daß wir Söhne Gottes sind, gemeinsam mit unserem Geiste«, — in Kooperation mit unserem Geiste, nicht mit unserer Seele. Das Empfängnisorgan für das göttliche Leben ist also unser Geist, dessen »glimmender Docht« durch die Gabe des Gottesgeistes wieder angefacht wird.

Nun sind wir erst recht dem Tier weit überlegen, weil göttlicher Geist unserem Geist innewohnt und ihn erneuert. »Das Alte ist vergangen, siehe: Neues ist geworden« (2. Kor. 5, 17)! Doch sind die Seele und unser Leib der Sünde und des Todes noch nicht erneuert, weshalb wir uns auch nach dem künftigen Leibe der Herrlichkeit mit Seufzen sehnen (Röm. 8, 23). Wir warten darauf, daß auch unser Leib einbezogen wird in das christusgleiche Leben, und daß er dann ein vollkommenes Organ für den Heiligen Geist und Seine Absichten ist, der jetzt noch im »Tempel« unseres sündigen Leibes mit Seufzen Seine Aufgaben wahrnehmen muß; denn wir können Ihn betrüben, dämpfen und auslöschen, wovor uns Gott bewahren möge!

Der Heilige Geist wirkt über unseren erneuerten und erleuchteten Geist. Was aber geschieht mit unserer Seele? Sie ordnet sich dem Geiste wieder unter und nimmt damit die Stellung ein, die nach dem Plane Gottes ihr verordnet war. Diese Unterordnung empfindet die Seele als eine Wohltat und Befreiung; nun muß nicht mehr sie entscheiden, regieren und dominieren, sondern kann dies dem durch Gottes Geist erneuerten Geiste überlassen. Ähnlich empfindet es eine gläubige Frau als Wohltat und nicht als Versklavung, wenn der Mann als ihr Haupt — in Kooperation mit ihr — die Entscheidungen weitgehend übernimmt.

Unterordnung hat es mit der »Ordnung der Freiheit« zu tun (so der Titel eines Buches von Theodor Bovet). »Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens« (1. Kor. 14, 33). Das Eingehen in die Ordnungen Gottes führt niemals in eine Versklavung, Unterwerfung und Unterjochung, sondern ist eine Wohltat, die uns zur Glückseligkeit Seines Friedens führen will! Es ist auch der Wunsch unseres Gottes und Vaters, was einmal Johannes einem Mitbruder schrieb: »Geliebter, ich wünsche, daß es dir in allem wohlgehe, und daß du gesund seiest, gleichwie es deiner Seele wohlgehe« (3. Joh. 2)!

Diese neue Stellung des Geistes und der Seele zueinander führt aber meist durch eine innere Krisis hindurch, die vom Worte Gottes ausgelöst wird. Nicht immer gibt die Seele sofort und bereitwillig ihre bisher dominierende Stellung ab, die sie in Gefühl, Willensbildung und Verstand innehatte. Die gottgewollte Einordnung führt durch Kampf hindurch; sie kann sich bei einem ungesunden Glaubenswachstum und mangelnder seelsorgerlicher Betreuung über Jahre hinziehen, bis der Geist dann wirklich die Stellung innehat, die ihm gebührt. Dies nennt Hebr. 4, 12-13 die vom Worte Gottes bewirkte »Scheidung von Seele und Geist«. Geist und Seele, Seelisches und Geistliches sollen sich nicht vermischen. Im Gesetz JAHWEHs gibt es viele Anweisungen zu solcher Entmischung und Scheidung; so durfte man nicht Fleisch zusammen mit Milch oder Milchprodukten kochen, oder Leinen zusammen mit Wolle zu einem Kleidungsstück verarbeiten, keine Mischehen zwischen Juden und Heiden schließen. Gott schied ja auch Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Land und Meer voneinander, weil Er Feind aller Mischung ist (vgl. 2. Kor. 6, 13-17). Lesen wir nun Hebr. 4, 12-13:

»Denn das Wort Gottes ist lebendig und energievoll; es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert« (nach dem Textzusammenhang ist wohl an ein Operationsmesser gedacht). »Es dringt hindurch bis zur Scheidung von Seele und Geist«, wie es bei einer Operation geschieht bei der Trennung »der Gelenke als auch des Markes. Es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens«, d. h. ein Richter und Kritiker auch jeder unbewußten Vorentscheidungen in den Tiefen unserer Seele, der Triebfedern unseres Fühlens, Wollens und Denkens. »Kein Geschöpf ist vor ihm (dem Worte Gottes) unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben« (dem wir Rechenschaft ablegen müssen).

Hier wird Gottes Wort in einer zweifachen Weise geschaut: Einmal als das geschriebene und verkündigte Wort, aber zutiefst als das personale Wort Gottes, der Logos, und das ist Jesus Christus selbst! Darum schildert Ihn auch die Wiederkunftsvision des Johannes so, daß aus Seinem Munde ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervorgeht (Offb. 1, 16). Das Wort Gottes, das wir lesen, betend überdenken und hören, fährt hinein in unseren Naturbestand und »schneidet entzwei«, was nicht zusammengehört, nämlich die verhängnisvolle Vermischung zwischen Seele und Geist, zwischen Seelischem und Geistlichem, die auch in der Frömmigkeit große Gefahren auslöst und Verwüstungen anrichtet. Diese Auswirkung des Wortes Gottes ist zuallererst einmal notwendig.

4. Die Dreieinheit unserer Person

Die Scheidung zwischen Seele und Geist sehen wir sehr schön auch durch die Scheidevorhänge des Heiligtums in der Wüste vorgebildet, das ja in seiner dreifachen Gliederung auch die Dreieinheit unserer Person darstellt. Diese bezeichnet Pred. 4, 9-12 als eine »dreifach geflochtene Schnur, die nicht so schnell zerreißt«. Der enge Zusammenhalt von Geist, Seele und Leib wird in Pred. 12, 1-7 »die silberne Schnur« genannt, die im Sterbeprozeß als letzte »zerreißt«, ehe »der Geist zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat«.

DER VORHOF ist ein Bild unseres Leibes. In ihm standen der Brandopferaltar (misbeach) und das Waschbecken für die Priester. So sollen wir nach Röm. 12, 1-2 unsere Leiber darbringen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer in einem »wortgemäßen Gottesdienst«. Wie die Priester ihren beschmutzten Leib, so dürfen wir täglich unsere Herzen reinigen »im Wasserbad des Wortes«, nachdem wir einmal die grundlegende Reinigung durch das Blut Jesu erfahren haben (Eph. 5, 26).

Wenn wir nun durch den ersten Scheidevorhang hindurchgehen, betreten wir DAS HEILIGTUM. Dieses birgt die Schau- und Demonstrationsgeräte für die schauende, schmeckende, empfindsame und riechende Seele mit ihren Sinnen. Da befindet sich der goldene Leuchter, der die siebenfache Fülle des Geistes und des Wortes Gottes darstellt; dieser konnte mit seinen Lichtern geschaut werden. Da steht der goldene Schaubrottisch mit den 12 »Broten des Vorsatzes«, welche die Priester schmecken und essen konnten; sodann stand im Heiligtum der goldene Räucheraltar mit dem glimmenden Weihrauch, dessen Duftwolke zu Gott emporstieg — ein Bild für die Gebete der Heiligen; diesen Duft konnte man riechen. So werden alle Sinne der Seele im Heiligtum erfüllt und befriedigt, so daß sie ausrufen kann: »Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist« (Ps. 34, 8)!

Dann kam ein zweiter Scheidevorhang. Durch ihn betrat der Hohepriester das dunkle ALLERHEILIGSTE, das nur vom Glanz der Gottesgegenwart in der »Schekhina« erleuchtet werden konnte. Dieses ist nun ein Bild für unseren Geist. Im Allerheiligsten stand die goldene Bundeslade mit den Tafeln der Weisung, des göttlichen Wortes, bedeckt von einem schweren goldenen Abschlußdeckel. Weil aber der Herr dort aus der Gotteswolke mit Moses sprach, nannte man das Allerheiligste den »Sprachort« oder die »Wortzelle« (debir nach Baader), den Deckel der Bundeslade aber den »Thron JAHWEHs«. Die Wolke der Gottesgegenwart erfüllte mit ihrem außerirdischen Lichte das Allerheiligste, so wie der Heilige Geist durch Gottes Wort unseren Geist erleuchtet. Im Allerheiligsten unseres Geistes ereignet sich in der Zusammenarbeit Seines Geistes mit unserem Geist das Wunder des neuen Lebens. Eine Skizze möge dies verdeutlichen.

Bei aller Trennung zwischen Vorhof, Heiligtum und Allerheiligstem durch die Scheidevorhänge besteht doch eine innige Verbindung und Wechselbeziehung, sonderlich zwischen Heiligtum und Allerheiligstem. Diese bildeten ja das eigentliche »Stiftszelt«. So soll auch die Seele einbezogen werden in den Heiligtumsbereich und vom Allerheiligsten der Gottesgegenwart aus, also von unserem erleuchteten Geiste aus, Reinigung, Belehrung, Klärung, Licht des Wortes, Führung und Heilung empfangen. Eine solche Wechselwirkung wird uns in Hebr. 6, 18.19 geschildert; nachdem zunächst durch das richtende Wort geschieden worden ist zwischen der Seele »im Heiligtum« und dem Geist »im Allerheiligsten«, darf nun die Seele, gleichsam unter der Führung des Geistes, mit in das Allerheiligste hineingehen: »… damit wir durch zwei unveränderliche Dinge« — die beschworenen Gottesverheißungen nämlich und die Unwandelbarkeit Seines Ratschlusses — »wobei es unmöglich war, daß Gott lügen sollte, einen starken Trost hätten, die wir Zuflucht genommen haben zum Ergreifen der vor uns liegenden Hoffnung; diese haben wir als einen sicheren und festen Anker der Seele, der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht, wohin Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen ist, weicher Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks!«

Die Hoffnung erwächst uns aufgrund des Wortes Gottes, Seiner göttlichen Verheißungen und Seines unveränderlichen Wesens; sie wird dem GEISTE im Allerheiligsten der Gemeinschaft mit dem Vater dargereicht; doch auch unsere schwankende, unsichere, sturmbewegte SEELE wird durch die Hoffnung mit ins Allerheiligste des Geistes hineingenommen und dort sicher »verankert«, damit ihr kein »Schiffbruch im Glauben« droht (1. Tim. 1, 19). Dies beseitigt die Unsicherheit unserer Seele und macht auch unser Herz stark und fest (Hebr. 13, 9), nicht durch subjektive fromme Gefühlserfahrungen, sondern durch die Unwandelbarkeit des Heilsratschlusses Gottes und Seiner in Christo Jesu geschaffenen objektiven Heilstatsachen. Diese Gnade macht unser Herz fest!

Nur so können wir verankert werden, damit wir nicht mehr hin- und hergetrieben werden von Stürmen und Meereswogen wie ein führerloses Schiff (Jak. 1, 6).

Der Seefahrerbericht in Ps. 107, 23-31 könnte auch ein Abbild unserer seelischen Vorgänge sein; dort heißt es in V. 26: »Sie fahren hinauf zum Himmel, sinken hinab in die Tiefen; es zerschmilzt in der Not ihre Seele! Sie taumeln und schwanken wie ein Betrunkener, und zunichte wird alle ihre Weisheit …!«

Kennen wir dies nicht auch von den wechselnden Gefühlserregungen und Willensbewegungen unserer Seele — ein Schwanken zwischen Tagen, da wir »himmelhoch jauchzen«, und solchen, da wir »zu Tode betrübt« sind —, hochmütig und schwermütig, nur seiten fest und mutig! Wer auf dieser schwankenden Grundlage seine Frömmigkeit aufbaut, wie es heute allgemein üblich ist, wird bald erleben, daß er »auf Sand gebaut hat«! Fromme Gefühle und subjektive Heilserfahrungen sind bestenfalls eine angenehme Zugabe Gottes zu einem in Christo gegründeten Glauben! Es kann Zeiten im Leben eines Gotteskindes geben, wo in seiner Seele alles dunkel wird. Und wenn die Katastrophen der Endzeit zunehmen, können wir nur durchhalten, ohne an Gott irre zu werden, wenn wir auf einem Fundament stehen, das nicht in uns liegt! Hinweise auf vergangene schöne Glaubenserlebnisse halfen auch dem zweifelnden Psalmisten nicht, als seine Seele »wie Sand zerrieben ward« (Ps. 77, 1-9), sondern allein die Besinnung auf die Heilstaten Gottes (V. 11-20).

Wir werden auch geistlicherweise funktionsunfähig, wenn wir uns auf die Gefühle und Erfahrungen unserer Seele gründen. Als der Prophet Samuel um den verworfenen König Saul trauerte, weil er ihn liebte wie einen teuren Sohn, mußte Gott ihm sagen: »Wie lange noch willst du um Saul trauern?« Geh nach Bethlehem und salbe den neuen Gotteskönig! (1. Sam. 16, 1ff.). Wie sehr seine prophetische Gabe verschüttet war, zeigt die Tatsache, daß er unter den Söhnen Isais einen König suchte, der dem verworfenen Saul glich. Doch immer wieder erschallte Gottes »Nein!«, bis endlich David, der »Kleine«, der Schaf- und Ziegenhirte, von Gott bestimmt und von Samuel gesalbt wurde. Aufgrund seiner prophetischen Gabe hätte er diese Wahl sofort erkennen müssen. »Blicke nicht auf sein Aussehen und auf die Höhe seines Wuchses, denn ich habe ihn verworfen, denn nicht, was der Mensch sieht, ist wichtig, denn der Mensch sieht auf das Äußere, aber JAHWEH sieht in das Herz« (V. 7)! Im Blick auf die Gefährdung durch die dominante und schwankende Seele sagt 1. Petr. 1, 13: »Umgürtet die Lenden eures Gemüts (eurer Gesinnung)! Seid nüchtern und hofft völlig auf die Gnade, die euch mitgebracht wird bei der Enthüllung Jesu Christi!« Wenn ein Sportler, Krieger oder Wanderer des Altertums nicht straucheln oder fallen wollte, mußte er sein langes Gewand gürten. Solches »Gürten« der Seele erfolgt durch die heilige Disziplin des regierenden Geistes, der ja nicht nur ein Geist der Kraft und der Liebe, sondern ein Geist der Besonnenheit und Selbstdisziplin ist (1. Tim. 1, 7)!

Auch im Hinblick auf unsere sturmbewegte Seele gilt das Gedicht von Adolf Heller:

Es gibt im Meer der Völkerwelt
nur einen Bergungsort.
Wenn alles wankt und weicht und fällt,
bleibt Christus und Sein Wort.
Laut heult der Sturm, hoch schwillt das Meer,
die Brandung braust heran.
Da gibt es keine andre Wehr,
auf die man trauen kann.
Wer nicht in Christo Jesu ruht,
dem Fels der Ewigkeit,
dem hilft nicht Kraft, noch Macht, noch Mut,
der ist dem Tod geweiht!
Wohl dem, der ganz auf ihn gestellt,
den sichren ewg’en Hort.
Es gibt im Meer der Völkerwelt
nur einen Bergungsort!

5. Die Wechselwirkungen zwischen Geist und Seele

Nun wollen wir keineswegs die Seele herabwürdigen, in dem Sinne, als habe sie überhaupt nichts mit dem Heil zu tun und sei vom Glaubenden zu vernachlässigen. Sie ist ja das Zentrum nicht nur der Gefühle, sondern auch des Willens und des Verstandes. Ein einfaches Bild soll uns die Wechselbeziehung zwischen dem erneuerten Geist und der sich unterordnenden Seele verdeutlichen: Wenn unser Geist durch das Wort als »Samen der Wiedergeburt« das göttliche Leben empfangen hat, ist er wie eine angeschlagene Stimmgabel. Der »Ton« Gottes, Seine Stimme, kommt klar zu Gehör. Wenn man nun die Stimmgabel auf einen Resonanzboden stellt, so lässt dieser ihren Ton voller, reiner und lauter erklingen. Nach diesem Prinzip sind auch alle Instrumente gebaut, die ja einen Klangkörper besitzen, der ihren Ton verstärkt. So ist unsere Seele der Resonanzboden des Geistes. Sie darf die Schwingungen des Geistes aufnehmen und sie — mitschwingend — verstärken. Es entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Seele und Geist, aber auch zwischen Geist und Seele. Alles, was wir in unserem Geiste durch den Heiligen Geist erleben und erfassen — etwa die Heiligung und Reinigung durch Gottes Wort, die Gemeinschaft mit anderen Glaubensmenschen, ja, mit dem Vater und dem Sohn — strömt auch in unsere Seele ein, bewegt und erfreut sie und verankert sie im Allerheiligsten des Geistes. Von einer solchen positiven Ausstrahlung spricht Phil. 1, 27:

»Wandelt nur würdig der Frohen Botschaft des Christus, damit, sei es, daß ich komme und euch sehe, oder abwesend bin und von euch höre, ihr feststeht in einem Geiste, indem ihr mit einer Seele mitkämpft mit dem Glauben der Frohen Botschaft …« Beides gilt gleichermaßen: Feststehen sollen wir in einem Geiste, aber unsere Seele soll miteinbezogen werden in die Festigkeit, Klarheit und Disziplin des geistlichen Kampfes, der um die Ausgestaltung des Evangeliums Christi geführt wird. Dann kann es geschehen, daß sie sich »nicht erschrecken läßt von den Widersachern« (V. 28). Dann wird »die Ermunterung in Christo«, der »Trost der Liebe« und »die Gemeinschaft des Geistes« wohltuend begleitet sein von »innerlichen Gefühlen und Erbarmungen« der geheiligten Seele, welches zum Gleichklang der »erfüllten Freude« führt (Phil. 2, 1-2). Dann ist der Gotteskämpfer »froher Seele« und mit anderen Glaubenden »gleicher Seele« (gleichgesinnt), wie es uns Phil. 2, 19 und 20 im Grundtext bezeugen (eupsychoo und isopsychos).

Doch gibt es auch eine negative Wechselwirkung. In Hebr. 12, 3 lesen wir, daß eine »Ermattung der Seele« zur geistlichen »Ermüdung« führen kann. Das haben wir alle sicher schon einmal erlebt! Ein Nachlassen der seelischen Spannkraft, Ermüdung, Resignation und Depressionen der Seele, können das Geistes- und Glaubensleben nachhaltig beeinflussen. Nur ein »Hinwegschauen auf den, der einen solch großen Widerspruch der Sünder gegen sich erduldet hat«, auf Jesus, kann in solchen Situationen helfen und aufrichten (V. 1-3)! Ist Er doch nicht nur der »Urheber des Glaubens«, sondern auch dessen »Vollender«.

Da denken wir wieder an den Eingangsbericht über die vielen psychisch Kranken in der Gemeinde Jesu. Ihr Kranksein ist nicht zuletzt darin begründet, daß statt der Frohen Christusbotschaft so viel Gesetz in den Gemeinden verkündigt wird, das den Menschen und sein Werk in den Mittelpunkt stellt!

Von solcher Gefahr der Ermüdung berichtet uns auch 5. Mose 25, 17-19: »Gedenke dessen, was der Amalek dir getan hat auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt, wie er dir auf dem Wege entgegentrat und deinen Nachtrab schlug, alle Schwachen hinter dir her, als du matt und müde warst … Vergiß es nicht!«

So dürfen wir »uns selbst zusprechen« (wie es Eph. 5, 19 im Grundtext anbietet), etwa in jenem heiligen Selbstgespräch, das dreimal in den Psalmen 42 und 43 erschallt: »Was beugst du dich nieder, meine Seele, und stöhnst in mir? Harre auf Gott! Denn ich werde Ihn noch preisen für die Rettungen meines Angesichts!« (42, 5.11 und 43, 5).

6. Die Zukunft der Seele: Kein Auslöschen im Tode

Unsere Seele wird hineingenommen in das Leben des Geistes, auch was die endzeitliche Vollendung anbetrifft! Dann wird sich voll Ps. 66, 9 erfüllen, wo es heißt, daß Gott »… unsere Seele ins Leben versetzt!«

Ich möchte dazu ein Wort des Apostels Paulus nennen — ein Wort der Ermunterung, auch für unsere Seele:

»Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und vollständig werde euer Geist und die Seele und der Leib in untadeliger Weise bewahrt bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus« (auch: durch die Wiederkunft … oder, nach dem klassischen Griechisch: bis zur Wiederkunft …). Dies ist nicht ein Wort der Drohung, das nur unsere Versäumnisse, Fehler, Schwachheiten und Unterlassungen brandmarken will. Bei allem Ernst, den Paulus im Blick auf die gebotene Heiligung unseres ganzen Lebens im Auge hat, fügt er das frohmachende Verheißungswort hinzu: »Treu ist Er, der euch ruft, Er wird es auch tun« (1. Thess. 5, 23). Wir dürfen es als persönlichen Zuspruch des Herrn Jesus hören, was Jud. 24 in der dritten Person aussagt: Ich bin mächtig genug, dich vor jedem Fall zu bewahren und dich unsträflich vor dem Angesicht meiner Herrlichkeit darzustellen mit Jubel!

An dem Pauluswort können wir auch erkennen, daß es kein Auslöschen der Seele im Tode gibt, wie es manche Brüder meinen, die nur für unseren Geist eine Zukunft jenseits der »Todesgrenze« sehen. Sie gehen aus von der alttestamentlichen Aussage »Die Seele ist im Blut« und folgern daraus, daß, wenn das Blut ausströmt und sich zersetzt, auch die Seele nicht mehr existent sei. Jedoch sind Blut und Seele ebensowenig identisch wie Geist und Gehirn. Das Gehirn ist nur der »Computer« des Geistes, das Blut nur das Medium der Seele. Und wenn andere Stellen sagen »Die Seele, welche sündigt, soll sterben«, so ist doch nach dem klaren Textzusammenhang die Person des Sünders gemeint, der gesteinigt werden sollte, so wie wir etwa von den »3000 Seelen« einer Pfarrgemeinde sprechen. Nein, auch die Seele soll »bewahrt« werden bis zur Christuswiederkunft und vollendet werden an Seinem großen Tage; darum soll sie auch jetzt schon — vom Geiste ausgehend — mit einbezogen werden in die Heiligung, in den Lichtsbereich Jesu.

Im übrigen sagt unser Herr in Matth. 10, 28 ganz klar: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen!« Wenn wir einmal sterben, wird unser Geist mitsamt der Seele, also unsere »Geistseele«, beim Herrn sein und »nicht nackt erfunden werden«, sondern in einem Lichtsgewand der Auferstehung entgegenharren (2. Kor. 5, 1-10).

7. Seele und Seelsorge

Nun noch einige Gedanken zur »Seelsorge« — dem Dienst der Ermunterung, Warnung und Ermahnung, des Trostes und der Ermutigung —, den die Hirten der Gemeinde Christi innehaben. Spr. 29, 10 sagt hierzu: »Blutmenschen hassen den Unsträflichen, aber die Aufrichtigen bekümmern sich um seine Seele« (sie suchen seine Seele — um sie ins Leben zu führen). Diese Vermittlung und Mehrung neuen Lebens sollte das Ziel jedes Seelsorgers sein, wie es Spr. 11, 30 sagt: »Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens, und der Weise gewinnt Seelen!«

Seelsorger sollten sich nun nicht darum bemühen, wie dies leider so oft geschieht, in der schuldbelasteten Vergangenheit eines Menschen herumzuwühlen, damit alles, was sein Leben jemals an Negativem barg, vor ihnen offenbar würde — auch Sünden, die längst vor Gottes Angesicht bekannt, bereinigt und vergeben sind! Es gibt auch Brüder, die da meinen, sie müssten im Leben der von ihnen Betreuten sogar die Schuld »ihrer okkult belasteten Vorfahren« erheben, um sie dann »freizusprechen«, nachdem sie an ihrer Stelle Buße getan haben. Dies ist selbst ein okkultes Unterfangen! Die Heilige Schrift kennt nur das Schuldbekenntnis und die Vergebung für Sünden der eigenen Person!

Auch die Ausübung von Druck und Zwang hat in der Seelsorge keinen Platz! Bei allem Bemühen, einem Menschen vor dem Angesicht des lebendigen Gottes zurechtzuhelfen, haben wir auch sein »Nein« zu respektieren. Verschlossene Türen dürfen nicht eingeschlagen werden! Auch unser Herr tut dies nicht, wenn Er »vor der Türe steht und anklopft«, damit wir Ihm öffnen (Offb. 3, 20).

Es gibt auch depressive Menschen, die unter dem Zwang stehen, immer wieder neu aus ihrer Vergangenheit Dinge hervorzuholen, die längst geordnet und vergeben sind; dies ist ein Vergeuden von Zeit und Kraft, eine negative Erfüllung der Seele und des Geistes. Sie gehen dann oft von einem »vollmächtigen« Bruder zum anderen, um immer wieder die gleichen Geschichten loszuwerden! Da können wir von Paulus lernen, der nach Phil. 3, 14 seine Vergangenheit vergaß und sich dann mit ganzer Kraft ausstreckte nach dem Kleinod der himmlischen Berufung, das vor ihm lag! Und welche notvolle Vergangenheit hatte er zu vergessen, er, der ein Mörder, Gewalttäter und Lästerer war und die Erinnerung an die von ihm gepeinigten Menschen als einen »Satansengel« und »Pfahl im Fleisch« mit sich herumtrug. Aber das Sich-Ausstrecken nach der Lebensfülle in Christo Jesu heilte ihn!

8. Die Therapie und Heilung der Seele

Was sagt nun das Neue Testament über die Therapie, die Heilung oder die Rettung der Seele? (Das griech. Wort sooteria kann sowohl Rettung als auch Heilung bedeuten.) Wir sahen schon, daß das neue Leben durch die Gabe des Heiligen Geistes zunächst in unserem Geiste beginnt, daß aber die Seele mit in den Lichtsbereich Jesu einbezogen werden soll. Eine Parallele möge dies klarstellen: Paulus sagt einmal: Wenn bei einem Ehepaar nur ein Partner Christ ist und der andere nicht im Glauben steht, dann werden doch der nichtgläubige Partner und die Kinder, die aus dieser Ehe stammen, »geheiligt«, d. h. in den Lichtsbereich Jesu Christi mit hineingenommen (1. Kor. 7, 14). So soll es auch unserer Seele geschehen. In Spr. 25,25 heißt es: »Frisches Wasser auf eine lechzende Seele, so ist eine gute Nachricht aus fernem Lande!« Dies bedeutet, neutestamentlich gelesen: »Frisches Wasser (des Geistes und des Wortes) auf eine lechzende, dürstende, verlangende Seele, so ist die Frohe Botschaft, von Jesus uns gebracht aus dem fernen Lande des unzugänglichen Lichtes Gottes!« Die Seele, die nach Ps. 119, 25 von Natur aus »am Staube klebt«, wird gelöst, belebt, erfrischt durch das »Wasserbad im Wort«, durch die »Gute Nachricht« Gottes.

Es sind vor allem die Apostel Petrus und Jakobus, die von der Therapie der Seele sprechen. Ihre Worte bestätigen uns, daß die Unterordnung der Seele unter den Geist für sie eine Wohltat bedeutet.

In 1. Petr. 2, 11 heißt es: »Fleischliche Begierden streiten wider die Seele …«. Das ist wahr! Ein Fleischesmensch, der seinen Begierden lebt, wird erfahren, daß seine Seele durch die Auswirkung der befriedigten Lüste immer gröber, plumper und primitiver wird. Andererseits läutert der Einfluß des Geistes die Seele, so daß sie »feinstofflicher«, empfindsamer und empfänglicher wird — auch für die Anregungen des Wortes und des Heiligen Geistes. Ein Beispiel dafür nennt uns 2. Petr. 2, 8, wo von Lot ausgesagt wird, daß er durch das, was er täglich in Sodom sah und hörte, seine gerechte Seele quälte. Für seine Seele, seine »Ehre«, wie es die Psalmen sagen, war dies ein Martyrium. Aber warum hatte er unbedingt in Sodom wohnen wollen! Dennoch blieb er »ein Gerechter« — allerdings in der Mischung zwischen Licht und Finsternis!

Wie aber geschieht die »Läuterung der Seele«? Nicht zuletzt durch ein »Umgürten der Lenden unseres Gemüts«, d. h. durch die Neuordnung und Disziplinierung der Seele im Geiste der Kraft, der Liebe und der Zucht (2. Tim. 1, 7). 1. Petr. 1, 22 ergänzt dies so: »Seelen werden gereinigt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit!« Durch jeden Akt des Gehorsams gegenüber der Wahrheit Christi und Seines Wortes wird nicht nur unser Geist, sondern auch die Seele gereinigter und lichter!

In 1. Petr. 1, 8.9 heißt es von der »sooteria« der Seele, also von ihrer Rettung, Heilung, Therapie und Genesung: »Ihn (Jesus) liebet ihr, obgleich ihr Ihn nicht gesehen habt. An Ihn glaubt ihr, obgleich ihr ihn auch jetzt nicht sehet. Ihr frohlockt mit unaussprechbarer und verherrlichter Freude, indem ihr das Ziel eures Glaubens — nämlich die Errettung (Heilung) der Seelen davontragt!« Es gehört also auch zum Vollendungsziel (griech.: telos) des Glaubens, daß die Seele geheilt und errettet wird in der Therapie durch den Heiligen Geist. Dazu bedient sich dieser der »Medizin« des Wortes Gottes, was uns Jak. 1, 18-21 bezeugt:

»Nach Seinem eigenen Willen hat Gott uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht Seiner Geschöpfe seien. Darum, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, aber langsam zum Reden und langsam zum Zorn. Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht die Gerechtigkeit Gottes. Darum leget ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit und empfanget mit Sanftmut das eingepflanzte Wort, das eure Seelen zu erretten (oder: zu heilen) vermag!«

Das Empfängnisorgan für das Wort ist der erneuerte Geist; wenn wir nun mit Sanftmut den Samen der Wiedergeburt, welcher ist das Wort Gottes, empfangen, wird dieser auch in unsere Seelen »eingepflanzt« und kann auch dort »keimen, wachsen und Frucht bringen«. Das geschieht über unser Unterbewußtsein, auch wenn wir gar nicht daran denken, etwa in der Nacht oder bei einer mechanischen Arbeit. Diesen göttlichen Zeugungsvorgang zum neuen Leben setzt Jakobus in einen deutlichen Kontrast zur Zeugung, Empfängnis und Geburt der Sünde, wie er es in Kapitel 1, 14.15 beschreibt.

So schenke uns der Herr, daß wir immer mehr die heilende Kraft Seines Wortes auch in unserer Seele erfahren! Sind wir doch solche, »die heimgekehrt sind zu Jesus, dem Hirten und Aufseher unserer Seelen« (1. Petr. 2, 25)!

Dann verwirklicht es sich, daß der HERR die Seele Seiner Knechte erlöst (Ps. 34, 22), und daß die segnende Seele reichlich gesättigt wird (Spr. 11, 25)!

»Seele, was ermüdest du dich in den Dingen dieser Erden,
die doch bald verzehren sich und zu Staub und Asche werden?
Suche Jesum und Sein Licht, alles andre hilft dir nicht!
Sammle den zerstreuten Sinn, laß ihn sich zu Gott aufschwingen,
richt’ ihn stets zum Himmel hin, laß ihn in die Gnad’ eindringen.
Suche Jesum und Sein Licht, alles andre hilft dir nicht!«

(Jakob Gabriel Wolf)

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 5/1997; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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