Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Christi Leiden im Bild der erhöhten Schlange

Autor: Jugel, Wolfgang  |  Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre  |  622 x gelesen

1. Ein denkwürdiges Nachtgespräch

Johannes 3 schildert uns jenes nächtliche Gespräch zwischen dem Rabbi Jesus aus Nazareth und dem Theologen und Ratsherrn Nikodemus (= Volksüberwinder, unschuldiges Blut).

»Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern, sein Name war Nikodemus, ein Oberster der Juden. Dieser kam zu Ihm während der Nacht und sprach zu Ihm: Rabbi, wir wissen, daß Du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn keiner kann diese Wunderzeichen tun, die Du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist!« (V. 1-2).

Wir haben sicher schon einmal anhand dieses Kapitels einen evangelistischen Vortrag über das große Thema der Neuzeugung und Wiedergeburt durch den Geist des lebendigen Gottes gehört; dabei wird dann oft ausgeführt, daß dieser Führer Israels sich aus Furcht vor seinen Mitbrüdern, den Pharisäern, nachts zu Jesus geschlichen habe. Ich glaube dies nicht. Vielmehr führe ich es darauf zurück, dass Jesus am Tage gar keine Zeit für theologische Gespräche hatte, weil Er von den Volksmassen, den Kranken, Verzweifelten und Hoffenden, umlagert war. Darum kam der Ratsherr Nikodemus mit der Frage nach der Wiedergeburt Israels im Herzen zu Jesus in der Nacht. Und dies ist eine große, endzeitliche, prophetische Frage, die man nicht einfach »zwischen Tür und Angel« behandeln kann. Die Behandlung solcher Fragen erfordert Zeit, und wir sollten nicht meinen, daß wir »im Schnellverfahren« Zugang zu den Geheimnissen des Wortes Gottes und sonderlich des prophetischen Wortes finden, wenn wir nicht Zeit und Fleiß einbringen! Für alles gilt es einen Preis zu zahlen (2. Petr. 1, 5).

Der Herr Jesus hat gesagt: Komm in der Nacht, Nikodemus, wenn ich Zeit für dich habe! Und in der Stille der Nacht haben sich diese beiden Männer zusammengesetzt und miteinander über die bewegende Frage nach der Wiedergeburt Israels am Ende dieser Weltzeit gesprochen. Ehe wir einige Verse weiterlesen, möchte ich darauf hinweisen, daß der Herr dreimal in diesem Gespräch die Schwurformel »Amen, Amen« (wahrlich, wahrlich) gebraucht, um Seinen Worten höchste Autorität zu verleihen, indem Er »bei sich selbst«, bei Seinem und des Vaters hochheiligem Wesen und »bei Seinem Namen« schwört (s. Hebr. 6, 13-19).

»Jesus antwortete und sprach zu ihm: Amen, amen, ich sage dir: Nur dann, wenn jemand von oben gezeugt (oder: von neuem geboren) wird, kann er die Königsherrschaft Gottes sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Male in den Leib seiner Mutter eingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Nur dann, wenn jemand aus WASSER und GEIST geboren wird, kann er in die Königsherrschaft Gottes eingehen. Was aus dem Fleische (der Feindschaft gegen Gott) geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist. Erstaune nicht, daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von oben gezeugt (von neuem geboren) werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er führt; also ist ein jeder, der aus dem Geiste geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu Ihm: Wie kann dieses geschehen? (Wie kann es sich verwirklichen, zu Realität und Geschichte werden?« (Joh. 3, 3-9).

Zum zweiten Male stellt Nikodemus die — für einen Gebildeten — typische Wie-Frage, die methodische Frage nach dem Weg zur Wiedergeburt. Er war übrigens nicht so unwissend, daß er das große prophetische Thema der Wiedergeburt überhaupt nichtgekannt hätte. Aus den Schriften des Alten Testamentes wußte er von der künftigen Volkswiedergeburt Israels. Ihm war Jes. 65 nicht unbekannt, wo von ZION geschrieben steht:

»Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren, ehe Schmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden. Wer hat solches gehört? Wer hat dergleichen gesehen? Kann ein LAND an einem einzigen Tage zur Welt gebracht werden? Kann eine NATION mit einem Male geboren werden? Denn Zion hat Wehen bekommen und zugleich ihre Kinder geboren. Sollte ich zum Durchbruch bringen und nicht gebären lassen? spricht JAHWEH, oder sollte ich, der gebären läßt, verschließen? spricht dein Gott!« (V. 7-9).

In diesem Gotteswort geht es um die Volkswiedergeburt Israels (auch Offb. 12, 1-6 ist in diesem Lichte zu deuten). Jesus selbst bekannte sich nach Matth. 19, 28 in aller Klarheit zu diesem großen prophetischen Gedanken von der endzeitlichen Wiedergeburt Ganz-Israels aus dem Geist. Er sagte: »Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf Seinem Herrlichkeitsthron sitzen wird, auf 12 Thronen sitzen und richten die 12 Stämme Israels! « Das Gericht der 12 Apostel des Lammes über die 12 Stämme Israels wird darum »die Wiedergeburt« genannt, weil es dazu führen soll und führen wird, daß Israel aus dem Geiste Gottes neu geboren wird. Die Gerichte Gottes haben immer einen heilspädagogischen Sinn und sind »motiviert« durch die heimsuchende göttliche Liebe und Barmherzigkeit. Allein das rechtfertigt ihre unerbittliche Härte (vgl. Hohel. 8, 6).

Was Nikodemus jedoch nicht wußte, war, daß diese Wiedergeburt schon vor der prophetischen Erfüllungszeit einzelnen Menschen — aus Israel und den Völkern — individuell zuteil werden kann, und das in der gegenwärtigen bösen Weitzeit, für die solches Gotteshandeln eigentlich noch gar nicht vorgesehen war. Sie widerfährt jenen Erstlingen aus allen Völkern, die zur Gemeinde des Leibes Christi gehören. Sie empfangen — in einer göttlichen Vorwegnahme — durch Geisteszeugung »äonisches Leben« — das Leben der kommenden Heilszeiten der Vollendung.

Das war völlig neu für Nikodemus. »Ihr müßt von oben geboren werden!« — »Du mußt von oben gezeugt werden!«

Nikodemus kam in der Nacht zu Jesus. Ich meine darin einen prophetischen Gedanken zu sehen; denn noch in der NACHT der gegenwärtigen Weitzeit wird Israel sich aufmachen und mit der Frage nach der Wiedergeburt zu dem »Bruder« und »Rabbi Jesus« kommen, wie sie Ihn heute schon teilweise nennen. Erst das Reich des Messias, das eingeleitet wird mit dem Aufstrahlen der »Sonne der Gerechtigkeit« (Mal. 4, 2), wird den 1000jährigen »7. Gottestag« anbrechen lassen. So repräsentiert der Heil suchende Nikodemus das orthodoxe Israel im »Saulus-Status«. Daß dies nur »unter Geburtswehen« geschehen kann, sagt uns Offb. 12, 2. Also wird sich der Name des NIKODEMUS in seiner zweifachen Bedeutung erfüllen: einmal als der »Volksüberwinder« (s. Offb. 2, 7.11.17.26.27 sowie 3, 5.12.20.21); zum anderen als »unschuldiges Blut«, denn sie werden den erkennen und endlich auch anerkennen, in den sie gestochen haben (Sach. 12, 10).

Nicht umsonst wird von Israel als dem »idealen Weibe« in Spr. 31 gesagt:

  • Sie steht auf, wenn es noch NACHT ist (V. 15/Eph. 5, 14; Hohel. 5, 5);
  • Auch des NACHTS geht ihr Licht nicht aus — die Lampe des prophetischen Wortes, auch wenn es noch am Öl des Geistes mangelt (V. 18/2. Petr. 1, 19);
  • Darum lacht sie (in Vorfreude) des kommenden TAGES (V. 25).

Zweimal hat der »Lehrer« und »Führer Israels« die Wie-Frage, die Frage nach Weg und Methode gestellt: Wie kann sich das Geheimnis der Wiedergeburt heilsgeschichtlich verwirklichen — daß einzelne Menschen, aber auch das ganze Volk Israel erneuert werden, daß sie »von oben gezeugt« und damit »von neuem geboren werden« durch den Geist des lebendigen Gottes?

Ich habe in meiner Jugend gemeint, Jesus habe dem Nikodemus mit seiner Frage nach dem »Wie« die Antwort verweigert, etwa in der Weise: Ihr klugen Theologen habt nichts anderes zu tun, als »Wie?« und »Warum?« zu fragen, statt euch der Wahrheit Gottes zustellen! Etwa wie Martin Luther, der einem Manne, der ihn danach gefragt hatte, was denn Gott vor Grundlegung der Welt getan habe, geantwortet hat: Er saß in einem Birkenwäldchen und hat Ruten geschnitten für solche, die dumme Fragen stellen!

Aber dem ist nicht so. Im Text selbst lesen wir Jesu Antwort auf die Frage des Nikodemus »Wie soll solches geschehen?«, die mit einem »gleichwie« beginnt. Aber lesen wir zuvor noch V. 11-13 aus Joh. 3: »Amen, amen (Wahrlich, wahrlich!): Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, aber unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sagen werde!«

Und das hat Er getan in der weiterführenden Botschaft durch Seine Apostel, sonderlich durch den Apostel Paulus als den »Vollender des Wortes Gottes«.

»Und niemand ist aufgestiegen in den Himmel als nur der, welcher aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist« (oder: der dort Seine bleibende Existenz hat).

Und nun erfolgt die eigentliche Antwort Jesu auf die Nikodemusfrage: »Wie soll solches zugehen?«

»Und gleichwie MOSES in der Wüste die SCHLANGE erhöhte, also muß der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an Ihn glaubt, ewiges Leben habe. Denn so sehr hat Gott den Kosmos geliebt, daß Er Seinen Sohn, Seinen Einziggezeugten, dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat Seinen Sohn nicht in die Weit gesandt, damit Er die Weit richte, sondern damit die Welt durch Ihn errettet werde« (V. 14-17).

Leben — durch Glauben! Dem entspricht der zahlensymbolische Tatbestand, daß in Joh. 3, 1-21 je acht Mal vom »geboren werden« und vom »glauben« gesprochen wird, jedenfalls im griechischen Grundtext.

Jesus gibt eine wunderbare Antwort auf die Frage »Wie soll solches geschehen?« — »So wie Moses in der Wüste die Schlange erhöht hat!« Es ist eine Antwort für den Theologen Israels, der sich in den Schriften des Alten Testaments auskannte. Mich hat einmal ein Bruder empört gefragt, warum ich denn so oft über das Alte Testament spräche. Ich konnte ihm nur antworten: Weil es die Bibel Jesu und Seiner Apostel war, und weil wir das Neue Testament nur recht im Lichte des Alten Testaments verstehen, was natürlich auch umgekehrt gilt.

»Alle Schrift ist gottgehaucht …«, eingegeben und inspiriert von Gottes Heiligem Geist; darum gibt es zwischen den Aussagen des A. T. und des N. T. keinerlei Unterschied im Grade der Inspiration, sondern lediglich im heilsgeschichtlichen Offenbarungsfortschritt. Wenn Hebr. 1, 1 bezeugt, daß »Gott vielfältig und auf vielerlei Weise in der Vergangenheit zu den Vätern geredet hat in den Propheten«, in dieser (beginnenden) Endzeit aber »in einem, der Sohn ist«, so führt Pfr. Rienecker mit Recht dazu aus: Dies ist »der vollendetste Ausdruck der Inspirationsvorstellung: Gott ist der alleinige Sprecher, der Prophet Sein Organ. Gott redet in den Propheten!« Freilich ist ein Fortschritt zum göttlichen Reden »in Seinem Sohn« — jedoch ist dies kein Fortschritt zu einer qualitativ höheren Inspiration des Wortes, sondern ein Heilsfortschritt im Sinne der tieferen Wesensoffenbarung Gottes.

Das Geschehen aus der Wüstenwanderung Israels, das Jesus hier anspricht und als vorbildlich darstellt, wollen wir nun genauer betrachten!

2. Die eherne Schlange

In 1. Kor. 10, 9-11 bezeugt der Apostel Paulus:

»Laßt uns auch den Christus nicht versuchen, gleichwie einige von ihnen (dem Volke Israel) Ihn versuchten und von den SCHLANGEN umgebracht wurden. Murret auch nicht, gleichwie einige von ihnen murrten und von dem VERDERBER umgebracht wurden. Alle diese Geschehnisse aber widerfuhren jenen als Vorbildern (typischerweise) und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf welche die Endergebnisse (Endziele) der Äonen gekommen sind.«

Das »Christus-Versuchen« und »Murren« bezeichnet das gleiche Geschehen; die tödliche »Schlangenplage« und der Tod durch den »Verderber«, der dieses Gericht auslöste, stimmen ebenfalls überein. Wir werden noch sehen, daß die SCHLANGE geradezu ein Bild für Satan als Verderber des Fleisches ist (vgl. dazu 1 . Kor. 5, 5).

Eines wollen wir noch herausstellen, ehe wir das alttestamentliche Schriftwort betrachten: Der JAHWEH des Wüstenzuges, der Israel als »der FELSEN« geleitete, war nach apostolischer Aussage der Christus Gottes (1. Kor. 10, 4). Wenn Er auch oftmals den Namen »Engel JAHWEHS« trägt (maleakh = Bote, Beauftragter), dann in dem Sinne, daß Er als der »Beauftragte« des Vaters wirkte. In IHM, der einen vorzüglicheren Namen vor den Engeln ererbt hatte, war der Name des Vaters. Er vollführte auf der Wirkungsebene der »Knechte JAHWEHS«, d. h. der Engel, Gottes Aufträge; denn ehe Er in der Gleichgestalt der Menschen kam, entäußerte Er sich in die Gestalt der »Knechte Gottes« (Phil. 2, 7; das Schriftwort aus 2. Mose 23, 20 haben wir zu deuten im Sinne von Hebr. 1, 4; 13, 8; Richt. 2, 1-2; 2. Mose 33, 14; Jes. 63, 9-16 und Mal. 3, 1-4 u.a.).

Auch das Zeugnis des Mose in dieser Sache ist klar und stimmt völlig mit der paulinischen Aussage überein, wenn er in seinem »Liede« im Blick auf Israels Wüstenwanderung sagt: »So leitete ihn JAHWEH allein, kein fremder EL (Gott) war mit Ihm« (5. Mose 32, 12).

Wenn Israel aber den Christus versuchte, dann auch zugleich den Heiligen Geist — aber nur dann (Hebr. 3, 8)!

Wir wollen nun 4. Mose 21, 4-9 betrachten, welches der Aussage Jesu gegenüber Nikodemus zugrunde liegt.

»Und die SEELE des Volkes wurde ungeduldig (mutlos, müde) auf dem Wege; und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt, damit wir in der Wüste sterben?« (V. 4-5).

Die Ursache für das Murren des Volkes ist ein Mutloswerden, ein Müdewerden und Resignieren in der Seele. Wie viele Gotteskinder erleiden gleiches in unserer Zeit, was ja auch den Dienst der Ermunterung, des Trostes und der Ermutigung um so wichtiger macht, je näher der Tag der Wiederkehr Christi kommt (Hebr. 10, 25). Das sagt uns Hebr. 12, 3 sehr deutlich, daß wir im Geiste ermüden können, einfach dadurch, daß wir in unseren Seelen ermatten, etwa durch die Weite des Weges, auch des Glaubensweges mit seinen Kämpfen, Nöten und Versuchungen. Das ist eine große Gefahr! Es gibt mehr Gotteskinder, als wir denken, die resignierend auf der Lebenswanderung liegenbleiben, nur, daß sie zumeist nicht darüber zu sprechen wagen. Die Gefahr liegt darin, daß wir aus solchem Müdewerden heraus gegen den Vater aufbegehren, daß die Bitternis des Leidens in uns zu einer »Wurzel der Bitterkeit« wird, die auch andere verunreinigt (man lese Hebr. 12, 1-11.16 im Zusammenhang). Wenn wir »schwach und matt und müde« werden, können wir zum »Nachtrab« des Volkes Gottes gehören, den der »Amalek« vernichtend schlägt (5. Mose 25, 17-19). Da gibt es nur eine Hilfe: Hinwegschauen auf JESUS, als den Urheber und Vollender des Glaubens, Ihn anschauen, der einen solch großen Widerspruch der Sünder gegen sich erduldet hat (Hebr. 12, 3).

Die Bitterkeit unserer Seele kann dazu führen, daß wir gegen Gott und gegen Seine Diener murren und aufbegehren, ja sogar gegen Sein wunderbares Wort. Dann verstrickt man all sein Denken und Gefühl in einem beständigen Fragen und Grübeln: Warum, warum …

»Und das Volk redete gegen Gott und gegen Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt, damit wir in der Wüste sterben? Denn da ist kein BROT und kein WASSER, und unserer Seele ekelt vor diesem verfluchten Brot« (wie es wörtlich heißt; V. 5).

Elende Speise — verfluchtes Brot: Das wagen jene Leute zu sagen, die da Augenzeugen der »Gotteswunder in der Wüste« waren und die der lebendige Gott 40 Jahre lang durch das Manna, das »Brot vom Himmel« ernährt hat! Erst nach ihrem Einzug in Kanaan hörte die wunderbare Speisung auf. Nach Joh. 6 ist das MANNA ein Bild für das »Brot Gottes, das vom Himmel kam«, für Jesus selbst, der das Wort Gottes ist, aber auch für Sein geschriebenes Wort, mit dem Er sich selbst identifiziert. Wie viele Bibelkritik, wie viele Zweifel an der göttlichen Eingebung der Heiligen Schriften stammen aus innerer Verbitterung und Glaubensresignation und gar nicht, wie oftmals behauptet, aus »objektiv­wissenschaftlichen Beweisen«!

Wie ist das denn bei uns? Lieben wir Gottes Wort noch? Lächeln wir über den orthodoxen Juden, der die Bibel küßt, ehe er sie liest, und sich zuvor die Hände wäscht? Ein Christ wollte einem Juden in der Eisenbahn ein Zeugnis von dem Messias Jesus geben, wobei ihm aber seine aufgeschlagene Bibel herunterfiel und auf den Boden klatschte. Da sagte der Jude: Sie können sich Ihre Worte sparen; wer so mit dem Worte Gottes umgeht, der braucht mir nichts darüber zu sagen! — Das ist natürlich eine äußere Form und Haltung, die aber Inneres verrät. Ist das nicht auch bei uns manchmal so, daß wir nur widerwillig Gottes Wort lesen oder hören? »Uns ekelt vor dieser elenden Speise!«? Dann fällt der theologische Liberalismus auf einen in dieser Hinsicht »fruchtbaren« Boden. Was uns die Theologie heutigentags allerdings oftmals vorsetzt, ist freilich das bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Wort, »elende Speise, verfluchtes Brot«!

Eines ist wahr: Wer wirklich JESUS liebt, der liebt auch GOTTES WORT; und wer in Wahrheit Gottes Wort liebt, der liebt auch Gott und Seinen geliebten Sohn! Denn nur in Seinem — durch den Heiligen Geist lebendiggemachten — Wort schauen wir auf Erden wie in einem Spiegel Jesu Bild (2. Kor. 3, 18; 1. Kor. 13, 12; Hebr. 4, 14-16)!

»Da sandte JAHWEH feurige Schlangen (Seraphim-Schlangen; Brandschlangen) unter das Volk, und sie bissen das Volk; und es starb viel Volks aus Israel. Da kam das Volk zu Mose, und sie sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir gegen JAHWEH und gegen dich geredet haben; flehe zu JAHWEH, daß er die Schlangen von uns wegnehme! Und Mose flehte für das Volk. Und JAHWEH sprach zu Mose: Mache dir eine Feurige (… Schlange/Seraph) und befestige sie an einem Pfahl (Signalstange, Mahnzeichen, hochragendes Panier, Stab); und es wird geschehen, jeder, der gebissen worden ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben! Und Mose machte eine Schlange aus Kupfer und befestigte sie an dem Pfahl; und es geschah, wenn die Schlange jemanden gebissen hatte, und er schaute auf zu der Kupferschlange, so blieb er am Leben« (V. 6-9).

Was für eine merkwürdige Handlung! Ist das nicht geradezu eine Verhöhnung des Volkes Israel und der in Todeskrämpfen sich Windenden, wenn von ihnen gefordert wird, daß sie ausgerechnet auf ein Mahnzeichen schauen sollen, um gerettet zu werden, das von ihrer Todesursache, der Schlange, gebildet wird?

Hätte es hier nicht eines besseren, edleren Mahnzeichens bedurft? Wäre es nicht erhebender gewesen, wenn Mose etwa auf einen Hügel die heilige goldene Bundeslade aufgestellt hätte, die man den »Thron JAHWEHs« nannte? Er hätte ja vielleicht auch eine Stange mit dem Schild des hochheiligen JAHWEH-Namens als Panier errichten können!? Dieser besteht aus vier Buchstaben, die im Hebräischen in ihrer hieroglyphischen Bedeutung einen tiefen heilsgeschichtlichen Sinn bergen:

Jod = die Schwurhand, der Eidschwur Gottes;
He = der Lebenshauch, das durch den Geist gewirkte Leben.

Das ist die erste Hälfte des hochheiligen Namens, die wir in der Kurzform JAH in den Psalmen finden; ja, Gott hat geschworen, daß Leben aus dem Geiste entstehen soll, wie es Jesus auch dem Nikodemus erläuterte. Er ist der Gott, der »das All ins Leben zeugen will«, wie es wörtlich in 1. Tim. 6, 13 heißt.

Aber »wie soll solches zugehen?« Darauf gibt uns die zweite Namenshälfte Auskunft:

Waw = der Pfahl (oder: das »Kreuz«, in unserer Sprachweise);
He = nochmals: der Lebenshauch des Geistes.

Fügen wir dies zusammen, so entsteht mit wenigen Zusätzen der Satz: Gott hat beschworen, daß aus dem Geiste Leben werden soll — am Pfahl wird dieses Leben aus dem Geiste bewirkt.

Aber ist es nicht göttlicher Zynismus, wenn Er die Todgeweihten die Kupferschlange am Pfahl als Rettungszeichen schauen läßt? Und wenn der Herr selbst nicht bezeugt hätte, daß Sein Erlösungsleiden von der am Pfahl erhöhten Schlange vorgeschattet sei, dann würden wir es kaum wagen, diesen alttestamentlichen Bericht auf Ihn zu deuten! Denn die SCHLANGE bedeutet in der Symbolik der Heiligen Schriften das URBÖSE, den Satan, die Sünde. Nicht umsonst spricht der Text aus 4. Mose 21 sechsmal von der Schlange (6 = die Zahl der Sünde und des gefallenen Menschen).

Später wurde aus dem Rettungszeichen der KUPFERSCHLANGE, das man aufbewahrt hatte, ein Götzenbild mit dem Namen »nechustan«, welches das abtrünnige Israel verehrte; der König Hiskia ließ darum in seiner großen Reformation die von Mose verfertigte Schlange zerstören (2. Kön. 18, 4). So kann auch die gesegnetste Tradition zum Götzendienst verfallen — inhaltslos, eitel und leer (1. Petr. 1, 18).

Warum die SCHLANGE? Ist nicht auch das Kreuz Jesu (der Baum, der Pfahl, an dem Er Sein Leben aushauchte) den JUDEN »ein Ärgernis« und den Weisheit suchenden GRIECHEN »eine Torheit«? Nur den Berufenen ist der gekreuzigte Messias Gotteskraft und Gottesweisheit (1 . Kor. 1, 21-25).

Dazu lesen wir noch Offb. 12, 7-10, damit wir sehen, daß die SCHLANGE nicht nur in der Paradiesgeschichte ein Bild des Urbösen und Satanischen ist:

»Und es entstand ein Kampf in dem Himmel. Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Auch der Drache kämpfte und seine Engel! Aber sie siegten nicht. Auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel (dem Lufthimmel) gefunden. Und es wurde geworfen der große Drache, die uralte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen. Und ich hörte eine laute Stimme sagen: Nun ist die Rettung und die Macht und das Königtum unseres Gottes und die Autorität Seines Messias gekommen, denn hinabgeworfen wurde der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte!«

Sechs Namen des Gottesfeindes werden in diesem Text genannt:

  1. Der große DRACHE
  2. Die uralte SCHLANGE
  3. Der Teufel
  4. Der Satan
  5. Der Verführer des ganzen Erdkreises
  6. Der Verkläger der Brüder

Der Liederdichter hat an den Bericht von der erhöhten Schlange gedacht, als er das Heilslied schrieb, in dem es heißt:

    »Wer Jesum am Kreuze im Glauben erblickt,
    wird heil zu derselbigen Stund’.
    Drum blick nur auf Ihn, den der Vater geschickt,
    der einst auch für dich ward verwundt.
    Sieh, sieh, Sünder, sieh!
    Wer Jesum am Kreuze im Glauben erblickt,
    wird heil zu derselbigen Stund’!«

Ja, »es wird geschehen, jeder, der gebissen worden ist und die Schlange anschaut, der wird am Leben bleiben!« und im Sinne von Joh. 3: »… er wird ewiges Leben empfangen!«

Darum sollen wir »hinwegschauen auf JESUS als den Urheber und Vollender des Glaubens« (Hebr. 12, 2)!

Die Schlange am Mahnzeichen des Pfahls ist also ein prophetisches Vorbild für den ans Kreuz erhöhten Christus, der für uns im Gericht Gottes stand. Er wurde angenagelt an den Baum, das Holz, den Pfahl, keineswegs ein Ehrenzeichen wie unsere christlichen Kreuze, sondern Zeichen der Hinrichtung und Schande.

Wie viele Millionen Menschen haben doch seit Golgatha »hingeschaut« auf dieses Mahnzeichen Gottes, das Panier des gekreuzigten Christus, wurden geheilt vom Schlangengift und Sündenschaden und empfingen das Leben des Geistes aus Gott in der Wiedergeburt!

Das Schlangenzeichen des Mose war aus Kupfererz gebildet. ERZ aber ist in der Bibelsprache ein Symbol des Gerichtes. Oftmals wird die Aussage über die Liebe »sie rechnet das Böse nicht zu« (1. Kor. 13, 5) auf das Handeln Gottes bezogen, da letztlich ja Er selbst »die Liebe« ist. Doch muß man dabei eines bedenken: Er ist auch der Richter und hat sogar Seinem Sohn das ganze Gericht in die Hände gelegt, und als der Richter muß Er das Böse anrechnen! Denn »wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht die Gerechtigkeit« (Jes. 26, 10). Und doch hat Er uns geliebt, als wir noch »kraftlos, Sünder und Gottesfeinde« waren (Röm. 5, 6-10)!

Wie ist dieser Widerspruch zu lösen? Gott kann nur darum darauf verzichten, das Böse zuzurechnen, und volle Vergebung zubilligen, weil Er selbst dem einziggezeugten und geliebten Sohn alles Böse im gesamten Universum angerechnet hat, als Er — im Bilde der Schlange am Pfahl — für uns litt. Die Aussage: »Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richte, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet werde«, steht in diesem klaren Zusammenhang; der folgende Satz erläutert sie: »Wer an IHN glaubt, der wird nicht gerichtet« (Joh. 3, 17-18). Ihm werden die Übertretungen, ihm wird das Böse nicht zugerechnet (2. Kor. 5, 19).

Dieser Zusammenhang sei im folgenden näher erläutert.

3. Christus — die Schlange am Pfahl?

»Die uralte SCHLANGE« — lasen wir als einen Namen des Satans. Wir müssen uns der Frage stellen, was es zu bedeuten habe, wenn der Christus sein Leiden in den Schriften des Alten Bundes ausgerechnet im Bilde der ehernen erhöhten SCHLANGE zuvorverkündigen ließ! Sind Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit, Licht und Finsternis, Christus und Beliar (= Satan) nicht gänzlich unvereinbar?

Für den erkenntnishungrigen AGUR waren vier Zusammenhänge ein unlösba­res Geheimnis — was nur prophetisch-symbolisch gelten kann:

  • der Weg des Adlers am Himmel;
  • der Weg eines Schiffes im Herzen des Meeres;
  • der Weg eines Mannes in der Jungfrau (so wörtlich); und —
  • der Weg einer SCHLANGE auf dem FELSEN,

wobei wir in der Schlange den Gottesfeind und in dem Felsen den Christus sehen dürfen und ihre gegenseitige Beziehung auf dem heilsgeschichtlichen Wege des göttlichen Erlösungsplans (s. Spr. 30, 1 und 18-19).

Ist es nicht merkwürdig — und wir möchten im ersten unbedachten Augenblick meinen, es sei eine Irreführung —, daß sowohl der Zahlwert des Wortes MESSIAS (maschiach) als auch der des Wortes SCHLANGE (nachasch) übereinstimmen, nämlich 358?

Wir wollen im Lichte des Wortes Gottes darüber nachdenken, was dies zu bedeuten habe, sowie Jesus dem Nikodemus sagte: Nur auf diesem einen Wege, und auf keinem anderen, gibt es neues Leben aus dem Geist in der Wiedergeburt — indem der Sohn Adams als der Weltvollender erhöht wird wie die SCHLANGE am Pfahl.

Was geschah, als Jesus auf Golgatha am Kreuz hing?

Nach Joh. 5, 22 hat der Vater in Christi Hände alles Gericht gegeben; darum ist Er der »Richter der Lebendigen und der Toten« (Apg. 10, 42). Aber der Richter des Weltenalls richtete sich selbst — damit wir nicht gerichtet würden.

Der Christus ist aber auch der Schöpfer des Universums. Denn alles ist ausnahmslos durch Ihn erschaffen worden (Joh. 1, 1-3). Er war bereits der Mittler der Schöpfung (Kol. 1, 16). Der Schöpfer des Alls, die Quelle allen Lebens, stirbt für Seine Geschöpfe. Nur darum konnte das Blut des Einen Loskaufpreis für alle sein — für alle Geschöpfe in den Himmeln und auf Erden und unter der Erde.

Wie richtete der Vater Seinen Sohn, der freiwillig die Verantwortung für die Schöpfung und für alle aus der Schöpfung erwachsenden Konsequenzen übernahm? Er richtete den Sohn, als wäre Er der für das Böse und für den Bösen allein Verantwortliche, als wäre Er die SCHLANGE. Er, der keine Sünde kannte und tat und in dem keine Sünde war, Er trug nicht nur alle Sünden, Sündenursachen und Sündenfolgen — einschließlich aller Gerichte, auch des Feuersees —; der einzigreine und einziggezeugte Sohn Gottes wurde auf Golgatha zur Sünde gemacht — wir könnten sagen: zur Schlange gemacht.

Dies bezeugt uns der Apostel Paulus in 2. Kor. 5, 20-21: »So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten euch an Christi Stelle: Laßt euch versöhnen mit Gott! Den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden — in IHM!«

Dürfen wir es einmal so deuten: Die erlöste Gemeinde der »vom Schlangenbiß Geheilten« bildet durch ihre bloße Existenz die Rechtfertigung für solch furchtbares Handeln Gottes an Seinem Sohn.

Galater 3, 13 ergänzt dies: »Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem Er ein Fluch für uns geworden ist!« — also nicht nur unseren Fluch und unsere Verdammungswürdigkeit getragen hat!

»Gott war in Christo — versöhnend — die Welt mit sich selbst« —, das bedeutet in Auflösung der griechischen Satzkonstruktion: »Gott versöhnte durch Christus die Welt mit sich selbst« (2. Kor. 5, 19). Dies bedeutet aber: Der Gottesplan der Erlösung fand das Ja des Vaters und des Sohnes in völliger Übereinstimmung des Wesens und Willens. Es ist nicht so, wie man oftmals hört, daß der Sohn Gottes am Kreuz gelitten habe, um den Zorn und die Gerichte Gottes zu »vereiteln« und sich im Widerstand gegen den Zorneswillen Gottes schützend vor die gefallenen Geschöpfe zu stellen! Die Erlösung entsprang dem Willen des Vaters vor Grundlegung der Weit, ehe Er — im klaren Wissen um künftige Sünde und Verderbnis — auch nur ein Wesen ins Dasein rief. Wir bekennen die Wesensidentität des Sohnes mit dem Vater (Joh. 10, 30), dies bedeutet aber auch die völlige Übereinstimmung im Willen beider. Das leuchtendste prophetische Vorbild für das Leiden Christi ist die Geschichte der Opferung Isaaks (1. Mose 22); auf dem Wege zur Opferstätte Morijah aber heißt es zweimal: »Und es gingen die beiden miteinander.« Der ganze göttliche Erlösungsplan von Ewigkeit zu Ewigkeit ist eine Gemeinschaftsplanung Gottes und Seines Sohnes. Bereits »am Morgen«, als Abraham »Holz zur Opferung spaltete«, hatte er seinen Eingeborenen in seinem Herzen dahingegeben und geopfert. So hat auch »der Vater aller Vaterschaften« am Morgen dieser Welt Seinen Sohn als »Lamm vorherersehen « (1 . Petr. 1, 19).

Aber: Der Vater kann keine Gemeinschaft mit Beliar, Sünde, Gesetzlosigkeit und Finsternis haben (2. Kor. 6). In Ihm ist keinerlei Finsternis (1. Joh. 1, 5). Darum ließ Er den zur Sünde gemachten und im Bilde der Schlange, im Gleichnis des Urbösen, leidenden Sohn allein.

Darum rief der im Gottesgericht stehende Sohn, indem Er Ps. 22 betete: »Mein Gott, mein Gott, wozu (warum) hast Du mich allein gelassen!« Wir dürfen es nicht glauben, wenn man diese Notfrage des Sohnes Gottes mit allerlei sprachlichen Tricks zu einem »Lobpreis« umfunktionieren will. Im Zusammenhang von Ps. 22 ist dieser Ruf aufs klarste ein Ruf des von Gott Abgeschnittenen — gerade nicht des Königs David, der dies niemals hätte erleben und durchstehen können, sondern des Sohnes Gottes:

»Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, bist fern von meiner Rettung, fern den Worten meines Stöhnens? Mein Gott, ich rufe des Tages, und Du antwortest nicht; und des Nachts, und mir wird keine Ruhe. Doch Du bist heilig, der Du wohnst unter den Lobgesängen Israels! Auf Dich vertrauten unsere Väter; sie vertrauten, und Du hast sie errettet. Zu Dir schrien sie und — wurden errettet; sie vertrauten auf Dich und — wurden nicht beschämt! Ich aber bin ein WURM und kein Mann, der Menschen Hohn und der vom Volke Verachtete!« (1-6).

Das heißt aber doch, daß es dem Messias im Leiden nicht wie den Glaubensvä­tern Israels erging, die prompte Erhörung ihres Flehens erfuhren! Er »ist ein Wurm«. Was ist ein »Wurm«, nicht zoologisch, sondern biblisch gesehen? Die SCHLANGE in ihrer absoluten Ohnmacht! Die unter dem Kreuz stehenden Spötter aber riefen: »Er vertraute auf Gott, der errette Ihn jetzt, falls Er Wohlgefallen an Ihm hat« (Matth. 27, 43)! Forderte das nicht geradezu das Zeugnis des Wohlgefallens des Vaters an Seinem geliebten Sohne heraus, das Er Ihm bei Seiner Solidaritätstaufe im Jordan gab, hernach bei Seiner Verklärung als Messias-König und noch einmal kurz vor Seinem Leiden (Joh. 12)? Wäre nicht gerade über dem leidenden Messias das Zeugnis des göttlichen Wohlgefallens notwendig und überaus beweiskräftig gewesen?

Aber gerade darin besteht das Leiden des Vaters im Leiden des Sohnes: Gewißlich drängten Ihn alle Regungen Seines Vaterherzens in dieser »Stunde der Gewalt der Finsternis« zur allerengsten Nähe mit Seinem einziggezeugten und geliebten Sohn, drängten Ihn gewiß auch zum Bezeugen Seines Wohlgefallens! Aber kein göttliches Wort erschallte über dem Kreuz — es herrschte scheinbar eisiges Schweigen.

Der Vater mußte Seinen Sohn in die letzte Gottesferne und Gotteseinsamkeit entlassen, damit Er »fern vom Angesicht des Herrn« die volle Wucht und Schärfe aller Gerichte ertrüge (vgl. mit 2. Thess. 1, 9). Sonst gäbe es für die Gerichteten wirklich keinen Ausweg aus den göttlichen Gerichten.

So litt der Christus nach der Weise Hiobs: »Denn ich erwartete Gutes, und es kam Böses; und ich harrte auf Licht, und es kam Finsternis« (Hiob 30, 26)! Oder wie es Ps. 30, 7 sagt: »JAHWEH, in Deiner Gunst hattest Du festgestellt meinen Berg; Du verbargst Dein Angesicht, ich ward bestürzt!«

Um die volle Tiefe des Leidens Christi abzuschwächen, hat man allerlei Verlegenheitslösungen vorgeschlagen, wie etwa: »Gott hat Christus verlassen, aber der Vater war bei Ihm!« Aber bekennen wir nicht mit dem glaubenden Israel: »JAHWEH, dein Gott, ist EINER«!? Oder man sagt: »Der Menschensohn war verlassen, der Gottessohn war es nicht!« Also werden die kirchengeschichtlichen Torheiten der Sektierer der Christenheit nur wiederholt; die solches lehren, spüren wohl gar nicht, weiches »Gespaltensein« sie in den Vater und in Seinen Sohn hineintragen, das letztlich von unserem verfinsterten Denke ausgeht!

Nein — der Sohn Gottes, der da litt im Bilde der SCHLANGE und der von Gott behandelt wurde, wie die uralte SCHLANGE hätte behandelt werden müssen, war drei Tage und drei Nächte abgeschnitten — von der Fülle der äonenlangen Zuwendung Gottes, der Ströme Seines Lichtes, Seines Geistes, Seines Lebens und Seiner Liebe, von jenem wunderbaren Wesensaustausch, den Joh. 1, 1 beschreibt.

Er litt »außerhalb des Lagers« des heiligen Volkes, »außerhalb des Tores« Jerusalems (Hebr. 13, 12-13). Doch litt Er auch außerhalb eines anderen »Lagers«, war abgeschnitten von dem Heerlager der Heiligen im unzugänglichen Lichte der Wohnung Gottes (Hebr. 12, 22-24). Drei Tage und drei Nächte lag Er unter der Vollmacht der Finsternis und des Todes; erst von Seiner Auferstehung an »herrschte der Tod nicht mehr über Ihn« (Röm. 6, 9). Vorher hatte der Tod also Herrschaft über Ihn ausgeübt! Viele Psalmen bezeugen dieses Leiden des Messias im Totenreich, wenn wir auch deutlich sagen müssen: Die ERLÖSUNG geschah am Kreuz! Das Wort Jesu »Es ist vollbracht!« meinte die Vollendung des göttlichen Heilsplanes, jedoch noch nicht Seine persönliche Befreiung und Vollendung.

Er war abgeschnitten, wie es die Propheten mehrfach bezeugen (so in Jona 2, 5; Ps. 31, 22; Jes. 53, 8; Dan. 9, 26; Klagel. 3, 54; Hes. 37, 11). »Ich bin abgeschnitten von Deinen Augen! Ich bin abgeschnitten von Deinem Ange­sicht!«

Das Leiden Isaaks war auch das Leiden Abrahams; das Leiden des Sohnes Gottes war auch das Leiden des Vaters. Das muß Gott tief bewegt und erschüttert haben, als Er den einziggeliebten und einziggezeugten Sohn dem Verderben und dem Gericht preisgab, das Er litt »fern vom Angesicht des Herrn«. Hierin gibt es keinen Dualismus: Gott versöhnte in Christo die Welt mit sich selbst, auch wenn Er ihn verlassen mußte um unserer Sünde willen.

4. Der Pfahl — das Holz — der Lebensbaum

Zunächst wollen wir noch drei Schriftworte lesen, die von dem »Kreuz«, dem PFAHL oder HOLZ sprechen, an dem der Christus »als die Schlange« hing. Zuerst 5. Mose 21, 22-23:

»Und wenn an einem Manne eine todeswürdige Sünde ist, und er wird getötet, und du hängst ihn an ein HOLZ, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem HOLZE bleiben, sondern du sollst ihn in jedem Falle an demselben Tage begraben, denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter; und du sollst dein Land nicht verunreinigen, das JAHWEH, dein Gott, dir zum Erbteil gibt.«

Nach diesem Gesetz wurde der Gesetzgeber Israels, der Christus, gekreuzigt. Das Kreuz war nicht ein Ehrenzeichen, wie es heute der Christenheit gilt, sondern das Schandzeichen des »Gehängten«. Das läßt uns auch besser verstehen, daß die Aussage, in dem Gekreuzigten sei das Heil für die ganze Welt zu finden, für Juden einen »Anstoß« (skandalon, Skandal) und für Griechen eine »Torheit« darstellt! Zwei Männer erfüllten die Weisung des Gesetzes, indem sie Jesus vom Kreuz abnahmen und in der Höhlengruft bestatteten: NIKODEMUS (= unschuldiges Blut) und Joseph von ARIMATHIA (letzteres: der Löwe stirbt).

Übrigens ist es einem »Zufall« zu verdanken, besser: einer göttlichen Lenkung der Weltgeschichte, daß Jesus die römische Todesstrafe der Kreuzigung erfuhr und nicht, nach jüdischer Weise, gesteinigt wurde; und dies darum, weil die römische Besatzungsmacht dem Hohen Synedrium der Juden für eine gewisse Zeit die Ausführung der verhängten Todesurteile entzogen hatte.

»Um 30 n. Chr. Entzog die Reichsregierung (Sejan) dem Großen Synedrium zu Jerusalem die Blutgerichtsbarkeit. Das Große Synedrium konnte Fahndungsedikte oder Haftbefehle erlassen und Verhaftungen vornehmen. Aber die Gerichtssitzungen zur Führung eines Kapitalprozesses mußten zuvor vom Prokurator genehmigt werden. Das Große Synedrium konnte nach wie vor in religionsgesetzlichen Dingen Todesurteile fällen, mußte aber den Verurteilten von nun an zur Bestätigung und Vollstreckung des Todesurteils dem Prokurator übergeben« — der dann die römische Kreuzigung verhängte. Christus aber wurde wahrscheinlich zum Passah des Jahres 31 gekreuzigt; denn »nach dem Sturze Sejans (18. Oktober 31) ließ Pilatus dem Großen Synedrium in praxi gelegentlich freiere Hand …«

Dies führte zur STEINIGUNG des Stephanus im Jahre 33 n. Chr.

»Und im Jahre 41 ging die Blutgerichtsbarkeit des römischen Prokurators auf den König Herodes Agrippa I. über«, und zwar bis 44 n. Chr. (aus: Ethelbert Stauffer: »Jerusalem und Rom«).

So steuert Gott die Herren dieser Weit und gestaltet auf diese Weise die Weltgeschichte zur Heilsgeschichte um!

Ohne diesen Verfahrenswechsel wäre Jesus, der Christus, nach dem Gesetz Israels gesteinigt worden. Nur die Römer vollzogen die Todesstrafe für Nichtrömer als Kreuzigung. Gewiß, auch wenn der Herr gesteinigt worden wäre, wäre aus Seinem Tode das Heil der Welt gekommen; denn unser Heil kommt nicht vom Kreuz, sondern vom GEKREUZIGTEN!

Dann aber wären viele Prophetenworte vom Leiden des Messias und manche symbolischen Vorbilder nicht erfüllt worden, wie etwa das Gotteszeichen von der »Schlange am Pfahl«, noch das, was vom Holze gesagt wird und von dem, der daran hängt; dann wären Prophetenworte nicht erfüllt worden wie »Sie haben meine Hände und Füße durchgraben!« (Ps. 22, 16), oder: »Sie werden hinschauen auf den, den sie zerstochen haben« (Sach. 12, 10; 13, 6 u.a.).

Wie wunderbar erfüllt der heilige Gott durch die Gestaltung der Welt- und Heilsgeschichte bis ins kleinste Detail Sein geistgehauchtes prophetisches Wort! Ja, kein Jota soll vergehen, bis daß es alles erfüllt werde! Aber weder der Cäsar in Rom, noch sein Statthalter in Syro-Phönizien, Pilatus, wußten etwas davon, daß sie in dieser Beziehung Marionetten Gottes waren, damit Sein Christus in Übereinstimmung mit den Schriften des Alten Bundes gekreuzigt wurde (Luk. 24, 25-27).

Dann laßt uns 1. Petr. 2, 21-25 lesen, wo auch vom HOLZ, vom PFAHL gesprochen wird, der zum Mahnzeichen Gottes wurde:

»Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch der Messias hat für euch gelitten und euch hiermit ein Vorbild hinterlassen, damit ihr Seinen Fußspuren nachfolget; Er tat keine Sünde, noch wurde Betrug in Seinem Munde gefunden; Er schalt nicht wieder, als Er gescholten ward; Er litt, aber drohte nicht, sondern übergab sich dem, der gerecht richtet; Er selbst hat unsere Sünden in Seinem Leibe auf das Holz hinaufgetragen, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch Seine Wundstriemen seid ihr heil geworden. Denn ihr ginget alle in die Irre wie Schafe, aber ihr seid heimgekehrt zu dem HIRTEN und AUFSEHER eurer Seelen!«

Was ist das für ein wunderbares Wort!

War nicht der Sohn Gottes als der mit Gottes Geist Erfüllte »das grüne HOLZ« (Luk. 23, 31), das zum Pfahl, und im Abgeschnittensein von Gott zum »dürren HOLZ« geworden ist? So können wir nun in dem Gekreuzigten beides sehen:

A) den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und an ihm die Schlange. Wo anders als am Kreuze Jesu könnte man das ABSOLUT GUTE und das ABSOLUT BÖSE besser erkennen — dort, wo der Schöpfer des Alls, der Messias Israels, zur Sünde gemacht wurde? Wo anders als in dem Gekreuzigten könnte man das absolut Gute, die allumfassende Liebe des Vaters, erkennen? Für alle Versuchten, Leidenden, Angefochtenen, Zerschlagenen und Heimgesuchten gibt es nur einen Brennpunkt der Liebe Gottes: Nirgendwo in der verwüsteten Schöpfung voller Todesschreie, noch in einer Weltgeschichte voller Haß, Krieg und Verwüstung, noch in irgendwelcher Erlebnisfrömmigkeit, sondern nur »in Christo Jesu, unserem Herrn«, als dem Gekreuzigten, ist Gottes Liebe geoffenbart worden (Röm. 8, 39). In Ihm liegt der absolute Gottesbeweis, daß keiner von uns jemals ein und für alle Male und endgültig verloren ist!.

B) Zugleich aber wurde der Gekreuzigte zum Baum des Lebens, von dem wir ewiges Leben empfangen. In Ihm sind beide Bäume des Paradieses eins geworden. Zu Christus als dem Lebensbaum lies Ps. 1 und Jer. 17, 7-8. Im Hebräischen ist BAUM und HOLZ das gleiche Wort,

Dazu wollen wir noch ein Wort aus Jes. 22, 20-25 lesen, das weit über seine vordergründige Bedeutung für die Nachfolge im Königshause Davids hinausweist — auf den Sohn Davids, den Messias:

»Und es wird geschehen an jenem Tage, da werde ich meinen Knecht ELJAKIM rufen, den Sohn HILKIJAS. Und ich werde ihn mit deinem Leibrock bekleiden und ihm deinen Amtsgürtel fest umbinden und werde deine Herrschaft in seine Hand legen. Und er wird den Bewohnern von Jerusalem und dem Hause Juda zum Vater sein. Und ich werde den Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter legen; und er wird öffnen, und niemand wird schließen, und er wird schließen, und niemand wird öffnen.«

Hier halten wir erst einmal im Lesen ein und fragen, ob diese herrliche Gottesverheißung wirklich nur in einem Menschen erfüllt sein kann, wenngleich er auch zum historischen Vorbild dienen mag; Jes. 9, 6 und Offb. 3, 7 beziehen jedenfalls dieses Gotteswort auf den »Knecht JAHWEHS«, den Messias Jesus aus dem Hause Davids. Das läßt uns in besonderer Weise auf die kommende Aussage achten. Sie gilt dem wahren ELJAKIM (= der, den Gott aufrichtet, befestigt — erinnert uns dies nicht an die am Pfahl erhöhte und befestigte Schlange?). Er ist der »Sohn HILKIJAS« (= des Erbteils JAHS). Diese Namensbedeutung bestätigt sich in den folgenden Versen:

»Und ich werde ihn als PFAHL einschlagen an einem festen Ort; und er wird seinem Vaterhause zum Throne der Herrlichkeit sein. Und man wird an ihn hängen die gesamte Herrlichkeit seines Vaterhauses … An jenem Tage, spricht JAHWEH der Heerscharen, wird der PFAHL weichen, der eingeschlagen war an einem festen Orte, und er wird abgehauen werden und fallen. Und die Last, die er trug wird ausgerottet werden, denn JAHWEH hat geredet.«

Welche »Last« aber trug der, den Gott »als Pfahl« aufrichtete und als »Schlange am Pfahl« befestigte? Nichts anderes als die Sünde der ganzen Welt! Der Pfahl aber wurde abgehauen: »Der Messias wird ausgerottet werden und nichts haben« (Dan. 9, 26) — bis zum Tage der Auferstehung aus den Toten. Die »Last« aber wurde ausgerottet, die Sünde durch Christi Selbstopfer »abgeschafft« (Hebr. 9, 26).

5. Der Gottesstab wird zur Schlange

Dürfen wir nicht eine enge Beziehung sehen, wenn wir vom »grünen HOLZ« Gottes sprachen, dem »BAUM des Lebens«, zu jenem »PFAHL«, an dem die Schlange »erhöht« wurde? Jenem geschichtlichen Vorbild ist es zu danken, daß Jesus von Seinem kommenden Kreuzesleiden als von Seiner »Erhöhung« gesprochen hat (Joh. 3, 14; 8, 28; 12, 32.34). Aber auch der »STAB Gottes« (1. Mose 4, 20) steht in diesem zeichenhaften Licht. Weist nicht auch er auf den Christus hin, wenn wir etwa in Ps. 23 beten: »Wenn ich auch gehe durch die Schlucht des Todesschattens, so bist Du doch bei mir, Dein STECKEN und Dein HIRTENSTAB, sie trösten mich!«

Diesen »Elohim-STAB« hatte außer Mose auch Aaron bekommen; es war der »Herrscherstab«, mit dem die Gesetzgeber Moses und Aaron Wasser aus dem Felsen schlugen (1. Mose 49, 10; 4. Mose 21, 17-18).

Mit diesem STABE hat Moses Wunder bewirkt, Zeichen Gottes für das Volk und den Pharao:

  • er schlug die WASSER des Nil, und sie wurden wie Blut (2. Mose 7, 19);
  • er streckte ihn aus über das Schilfmeer, und seine Wasser trockneten aus (2. Mose 14, 16);
  • er ließ daraus die DRACHENSCHLANGE entstehen (2. Mose 7, 9);
  • er schlug mit ihm den Felsen, und Wasser des LEBENS strömten heraus (2. Mose 17).

Diesen Sachverhalt dürfen wir auch dem hebräischen Wort »mattäh« (für den Stab des Mose) entnehmen; seine drei Buchstaben lauten:

Mem = die Wasser;
Thet = die zusammengerollte Schlange;
He = Leben, Lebenshauch.

Sein Zahlwert aber ist 54 oder 3 x 18 (18 ist die Zahl der Sünde). Auch darin spiegelt sich die Wandlung des STABES zur SCHLANGE. —

Lesen wir dazu 2. Mose 4, 1-4, wonach Gott durch das Handeln des Mose ein wunderbares prophetisches Muster gestaltete; Moses war ja nicht nur Schriftprophet, sondern auch Tatprophet, der durch bestimmte Handlungen göttliche Gedanken und Heilsplanungen darstellte.

»Und Moses antwortete und sprach: Sie werden mir nicht glauben und nicht auf meine Stimme hören, denn sie werden sagen: JAHWEH ist dir überhaupt nicht erschienen! Da sprach JAHWEH zu ihm: Was ist das da in deiner Hand? Und er sprach: Ein STAB. Und Er sprach: Wirf ihn auf die Erde! Da warf er ihn auf die Erde, und der STAB wurde zur SCHLANGE. Und Moses floh vor ihr. Und JAHWEH sprach zu Mose: Strecke deine Hand wieder aus und erfasse sie beim Schwanze. Und er streckte seine Hand aus und ergriff sie, und sie wurde wieder zum STABE in seiner Hand … damit sie glauben, dass JAHWEH dir erschienen ist, der Gott ihrer Väter …!«

Hier begegnet uns Moses als Darsteller Gottes. Er hält in seiner Hand den »Stab Elohims«, den »Gottesstab«; wir sahen in diesem Stabe Jesus als das »grüne Holz«. Und nun wirft Moses diesen STAB auf die ERDE (oder nach dem Hebräischen auch: auf das LAND).

Hat das Gott auch getan? Hat Er »Seinen STAB«, Sein »grünes Holz« auch auf diese Erde entsandt, Ihn ins Land der Väter »geworfen«? Ja, steht denn nicht in Hebr. 2, 14 geschrieben, daß der Sohn Gottes teilgenommen hat am Blut und Fleisch der Brüder? Paulus geht fast noch weiter, wenn er bezeugt, daß Gott Seinen eigenen Sohn »in Gleichheit des Fleisches der Sünde« gesandt habe (Röm. 8, 3-4). Nur auf diesem Wege der Erniedrigung war es möglich, daß der UNVERSUCHBARE in die Versuchbarkeit einging, der UNSTERBLICHE in die Sterblichkeit, der ALLMÄCHTIGE in die Ohnmacht am Kreuz — damit Er durch Seinen Tod den zunichte machen könne, der die Todesautorität bis zu seiner Entwaffnung besaß, den Teufel.

Wahrlich: Gott hat Seinen »Gesetzgeber- und Herrscherstab«, Seinen »grünen Stab« zur Erde geworfen, und hier wurde dieser GOTTESSTAB zur SCHLANGE.

Dies ist ein Teil vom Werden des Sohnes Gottes, wie es uns im N. T. bezeugt wird:

  • Er ist geworden aus dem Samen Davids (Röm. 1, 3);
  • Er ist geworden aus der Väterreihe Israels (Matth. 1, 1);
  • Er ist in Gleichheit der Menschen geworden (Phil. 2, 7);
  • Er nahm zu an Alter, Gnade und Weisheit bei Gott und den Menschen;
  • Er ist in allem den Brüdern gleich geworden, auch ihren Anfechtungen (Hebr. 2, 17);
  • Er ist vollendet worden im Gehorsam (Hebr. 5, 9);
  • Er ist ein barmherziger Hoherpriester geworden (Hebr. 2, 17);
  • Er ist gehorsam geworden bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz (Phil. 2, 8);
  • Er »wurde« tot (Offb. 1, 18);
  • Er ist um so vieles besser geworden als die Engel (Hebr. 1, 4);
  • Er ist zum Eckstein geworden (Matth. 21, 42).

Auch der Sohn Gottes hatte ein Werden, eine menschliche, geistliche und heilsgeschichtliche »Reifezeit«. Weil Er Sohn war, hat Er an dem, was Er litt, »den Gehorsam gelernt« (Hebr. 5, 8).

Dies müssen wir freilich recht verstehen! Es bedeutet keineswegs, daß Er zuvor ungehorsam war; vielmehr will es bezeugen, daß Er Seinen ewigen und vollkommenen Sohnesgehorsam erst auf Erden — in der Konfrontation mit Leiden, Anfechtungen und Versuchungen — zur Vollendung führen konnte. Er, der weinte und schrie im Garten Gethsemane, vermag nunmehr Mitleid zu haben mit den Schwachheiten Seiner nachgeborenen Brüder. So sollen auch wir, die wir vollkommen sind durch die Gabe des Geistes in Christo Jesu, vollendet werden im Gehorsam (Jak. 1, 4).

Das Werden des Sohnes Gottes ist ein überaus kostbarer Gottesgedanke, wenn wir es recht einordnen und bedenken.

Dazu gehört dann aber auch diese letzte Tiefe Seines Leidens: Er wurde zur Schlange, wurde von Gott zur Sünde gemacht!

Vor dieser Schlange (im Hebräischen: die Drachenschlange) »floh Mose«, schreckte er voller Entsetzen zurück. Wer würde hier nicht erinnert an Jes. 53, 3: »Er war verachtet und verlassen von den Männern, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet, und wir haben Ihn für nichts geachtet … wir hielten Ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt« (V. 4).

Aber indem Moses vor der SCHLANGE floh, wurde auch etwas deutlich von der »Abwendung« des Vaters von Seinem zur Sünde und zur »Schlange« gemachten Sohn und von Seinem »Abgeschnittensein« in letzter Verlassenheit.

Aber Mose ergriff die SCHLANGE wieder beim Schwanze und zog sie zu sich empor, und aus der SCHLANGE wurde wieder der GOTTESSTAB, das »grüne Holz« — dürfen wir in dieser vorbildlichen Handlung nicht schon einen prophetischen Schattenriß der Auferstehung und Erhöhung Jesu Christi sehen, da der Sohn wieder zum Vater zurückkehrte? Gerade im Blick auf die Erweckung Christi wird der »Gott des Friedens« auch der »Wiederbringer aus den Toten« genannt (Hebr. 13, 20)!

Einen letzten symbolisch-prophetischen Hinweis entnehmen wir 2.Mose 7, 8-10:

»Und JAHWEH redete zu Mose und zu Aaron und sprach: Wenn der Pharao zu euch reden und sagen wird: Tut ein Wunder für euch! so sollst du zu Aaron sagen: Nimm deinen STAB und wirf ihn hin vor den Pharao; er soll zur SCHLANGE werden! Und Mose und Aaron gingen zu dem Pharao hinein und taten also, wie JAHWEH geboten hatte; und Aaron warf seinen Stab hin vor dem Pharao und vor seinen Dienern, und er wurde zur Schlange.«

Bei diesem Ereignis handelte nicht Moses; vielmehr setzte sich AARON als der Hohepriester mit dem Pharao auseinander, der ja ein Typus für den Herrscher der Finsternis ist. Auch sein STAB wurde zur SCHLANGE, so daß wir den GOTTESSTAB als die »potentielle Schlange« sehen dürfen; hier wird das Leiden Christi als die Auseinandersetzung mit den Rechtsvollmachten der finsteren Mächte vorgeschattet. »Dies ist eure Stunde und die Rechtsvollmacht der Finsternis«, sagte der Herr vor Seinem Kreuzesleiden (Luk. 22, 53).

Bei der folgenden Aussage aber ahnen wir etwas von der schwarzen Magie und dem Okkultismus des alten Ägypten; jene alten Völker saßen wirklich »nahe an der Quelle«, nur an der falschen Quelle der Dämonie.

»Da berief der Pharao die Weisen »und die Zauberer« (Magier); »und auch sie, die Zeichenkundigen Ägyptens, taten gleichermaßen mit ihren Zauberkünsten. Und sie warfen hin, ein jeder seinen Stab, und die Stäbe wurden zu SCHLANGEN« (Drachenschlangen); »aber der STAB AARONS verschlang ihre Stäbe!« (V. 11-12).

Zu diesen Magiern oder Zauberern gehörten nach 2. Tim. 3, 8 auch JANNES und JAMBRES; JANNES = der Betrüger, Übervorteiler, Verführer; JAMBRES = stolz, eigensinnig, widerstrebend. Daß diese in ihrem okkulten Widerstand gegen Moses und Aaron auch die Verführer in der Endzeitgeneration vorbilden, sagt uns das Pauluswort auch: »… also widerstehen auch diese (die in V. 1-7 Genannten) der Wahrheit — Menschen, zerrüttet in der Gesinnung, unbewährt hinsichtlich des Glaubens«. Die Bewegung der »Gnosis«, die in ihrer Vermi­schung zwischen Glauben, Philosophie und Dämonie schon die Urchristenheit verderbte, wird auch der endzeitlichen Gemeinde widerstehen; ihr geistiger Urvater war der Mischprophet BILEAM. —

Wenn das Geschehen nun demokratisch verlaufen wäre, nach der Weise der dominierenden Mehrheit, dann wäre es bald mit dem ELOHIMSTAB, dem Schlangenstab des Aaron zu Ende gewesen. Aber »die Rechte des Herrn behält den Sieg« (oder: tut Mächtiges/Ps. 118,15), und das geschieht nicht nach den Regeln der demokratischen Abstimmung!

»Aber Aarons STAB verschlang ihre Stäbe.«

Das müssen wir uns einmal bildlich vorstellen, wie da die eine »Drachenschlange« (hebr. tanin, Ungeheuer) die anderen fraß, wie der zur Schlange gewordene Gottesstab die Riesenschlangen der Zauberer verschlang, hinunterwürgte, in sich aufnahm!

»Aber das Herz des Pharao verhärtete sich, und er hörte nicht auf sie, so wie JAHWEH geredet hatte« (V. 13).

Aber dann nahm der Hohepriester Aaron seine Schlange beim Schwanze, und sie wurde wieder zum Amtsstab in seiner Hand, der späterhin zu göttlicher Legitimation grünte, sproßte, erblühte und Mandeln reifen ließ (4. Mose 17, 8).

Wo aber waren jetzt die Schlangen der Magier Ägyptens, die ja alles erdenklich Böse, Gemeine, Sündhafte und Satanische verkörpern, das sich im Kosmos vorfindet? Wo war nun die geballte Macht der Finsternis?

Im Stabe Elohims, im grünen Holze Gottes!

Der Christus ist »zur Schlange geworden«. Wozu? Damit Er das Böse, die Ursache und die Folgen aller Sünde, »verschlinge«, in sich aufnehme! Es gibt dazu ein kostbares Wort des Apostels Johannes über die Sendung des Sohnes Gottes:

»Hierzu ist der Sohn Gottes erschienen, daß Er die Werke des Teufels (das sind aber seine »Arbeitsergebnisse«) zerstöre« (eigentlich heißt es in 1 . Joh. 3, 8: »… damit Er die Werke des Teufels auflöse«).

Das ist es, was im Vorbild Aarons Schlangenstab tat: Er verschlang die Zaubererschlangen, assimilierte sie und löste sie auf — wie eine Schlange die Beute durch ihre Magensäfte. Er machte sie zu nichts, als ob sie niemals vorhanden gewesen wären. Der ganze »Spuk« des Teufels ist vergessen, und das ist das Ziel der Heilsgeschichte!

Nur der Sohn Gottes, der »zur Abschaffung der Sünde durch Sein Opfer« kam (Hebr. 9, 26), konnte das Sündengift in sich aufnehmen und auflösen, ohne daß es Ihm schadete!

Er macht aus Tod — Leben, aus Fluch — Segen, aus Finsternis — Licht! Er läßt alle Gerichte in Heil ausmünden. Der Vater hatte Ihn preisgegeben und zur Schlange gemacht. Nun hat Er den großen Lebenssieg erfochten und das Heil der ganzen Welt bewirkt. Er hat den Tod verschlungen. Lesen wir das nicht in 1. Kor. 15, 53-56?

Paulus sagt dieses Wort im Hinblick auf die Auferstehung, Entrückung und Verwandlung der Gemeinde:

»Denn dieses Verwesliche muß Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muß Unsterblichkeit anziehen! Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod in den Sieg! Wo ist, o Tod, dein Stachel? Wo ist, o Tod, dein Sieg?« (vgl. Jes. 25, 8 und Hos. 13, 14).

Wie wunderbar ist dies in den Schriften des Alten Bundes vorgeschattet! —

Nikodemus hat Jesus die Frage gestellt: »Wie soll es geschehen«, daß Leben aus Gott uns zuteil wird in der Wiedergeburt? Wir hörten die Antwort unseres Herrn: »Also wie Moses in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an Ihn glaubt, ewiges Leben habe!«

Darum sang Luther in seinem Osterlied:

    »Es war ein wunderlicher Krieg,
    da Tod und Leben rungen;
    das Leben, es behielt den Sieg,
    es hat den Tod verschlungen.
    Die Schrift hat verkündiget das,
    wie ein Tod den andern fraß,
    ein Spott ist der Tod worden.
    Halleluja!«

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1/1994; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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