Adam und Eva in prophetisch-symbolischer Sicht
Autor: Jugel, Wolfgang | Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes | 381 x gelesen(Nach einem Vortrag)
Einleitend zu diesem wichtigen heilsgeschichtlichen Thema möchte ich einmal einen Abschnitt aus Epheser 5 (Vers 22 und folgende) zur Betrachtung stellen, der mir mehr die paulinische Lehre über die “Männerfrage” als über die vielbesprochene “Frauenfrage” zu bringen scheint. Er soll uns zeigen, daß auch Paulus die Beziehung der Geschlechter zueinander, sonderlich in der Ehe, nicht nur in praktisch-ermahnender Weise betrachtet, sondern sie auch als Spiegelbild großer heilsgeschichtlicher Beziehungen deutet.
“Ihr Frauen, seid untertan euren eigenen Männern, gleichsam als dem HERRN. Denn der Mann ist das Haupt der Frau (in derselben Weise), wie auch der Christus das Haupt der Gemeinde ist!”
Schon hierin wird uns ein wichtiger Grundsatz gegeben. Der Mann sollte also nicht in der Weise Haupt der Frau sein, daß er sich als Despot, Tyrann und Papst aufspielt, sondern vielmehr in der Weise, wie Christus das Haupt Seiner von Ihm vielgeliebten Gemeinde ist. Bei diesem “so … wie” geht es also weniger um den Umfang der Vollmacht über die Frau als um die Qualität, die Art und Weise der Beziehung zu ihr. Ich bin sehr froh, daß diese uns Männern recht unbequemen Sätze in einem paulinischen “Füllebrief” stehen, sonst hätten wir vielleicht gar zu schnell die Möglichkeit, sie auf ein Abstellgleis zu schieben!
“ER, der Christus, ist des Leibes Retter (Heiland, oder Arzt)!” — Als Heiland, Retter, Arzt und Heilbringer begegnet Er Seinem Leibe, der Gemeinde, und in dieser Weise sollten auch die Männer ihren Frauen begegnen, dann werden auch die Frauen in der Regel freiwillig ihren Männern untertan sein. Diese “Medaille” hat nun einmal zwei Seiten; leider wird immer nur die eine von beiden betont — überbetont! Warum sonst würde Paulus die verantwortliche Haltung den Männern zuerst gebieten, wenn nicht darum, weil die rechte Haltung der Frau daraus erwächst?
“Aber in derselben Weise, wie sich die Gemeinde dem Christus unterordnet, also sollten sich auch die Frauen ihren Männern in jeder Beziehung unterordnen” (Vers 24). — Doch sollte sich dies nicht in sklavischer Furcht oder Angst vollziehen, etwa weil die Frau die Brutalität und ständige Nörgelei des frommen Mannes zu fürchten hat, oder gar, nach dem Rat eines frommen Bruders, seine Prügel, sondern so, wie sich die Gemeinde aus Liebe, in freudiger und freiwilliger Weise dem Christus unterstellt.
“Ihr Männer, liebet eure Frauen (grundsätzlich) in derselben Weise, wie auch der Christus die Gemeinde liebt” (V. 25). — Das soll nun nicht bedeuten, daß die Männer vermögend wären, ihren Frauen Liebe in derselben Qualität zuzuwenden, wie dies der Herr Seiner Gemeinde tut — das gibt es nicht! Unsere menschliche Liebe ist nun einmal auch der Sünde unterworfen und steht im Zeichen des Stückwerks, selbst wenn glaubende Menschen eine Ehe führen. Aber dieses “Wie” weist darauf hin, daß die Liebe der Männer zu ihren Frauen grundsätzlich der Liebe des Christus zu Seiner Gemeinde entsprechen soll. Wie aber liebt Er sie denn? Die Verse 25-27 geben darauf Antwort:
- “Er hat sich selbst als Opfer für sie hingegeben.” — Ihr Männer, liebet eure Frauen in dieser Weise!
- “Er hat sie geheiligt.” — Ihr Männer, liebet eure Frauen in dieser Weise!
- “Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Worte!” — Ihr Männer, liebet eure Frauen in dieser Weise!
- “Er möchte gerne die Gemeinde sich selbst in Herrlichkeit darstellen — ohne Flecken, Runzeln oder dergleichen etwas, sondern heilig und tadellos!”— Ihr Männer, liebet eure Frauen also!
So sollte es das Bestreben eines jeden glaubenden Mannes sein, seine Frau in Ehre und Herrlichkeit sich selbst darzustellen, und sie nicht in den Schmutz zu ziehen oder sie “moralisch fertigzumachen”, denn die Frau ist ja nach dem Zeugnis des Junggesellen Paulus “die Herrlichkeit des Mannes” (1. Kor. 11, 7), so daß “weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau etwas ist”.
Der Herr möchte die Gemeinde Sich selbst und dem Vater in Herrlichkeit darstellen. Manche Männer machen es jedoch so, daß sie so lange an der Frau herummäkeln, bis sie etwas Minderwertiges, etwas Ehrenrühriges, irgendwelche “Flecken und Runzeln” finden. Der Herr dagegen sucht nicht unsere Schande und Blamage, Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen, und bekennt sich nachdrücklich zu unserem Namen; Er möchte uns in Seine Herrlichkeit erheben und krönen und uns vor dem Thron Seines Gottes und Vaters ohne Flecken und Runzeln und dergleichen etwas darstellen. In dieser Weise ist der Christus das Haupt Seiner Gemeinde, und nach dieser Weise sollte auch der Mann das Haupt seiner Frau sein. Das hört sich bei Paulus anders an, als wir es manchmal sonst hören!
“Es ist Pflicht und Schuldigkeit der Männer, in dieser Weise ihre Frauen zu lieben, als ob es ihre eigenen Leiber wären” (V. 28). — Denn auch der Christus liebt Seine Gemeinde, Seinen Leib wie Sich selbst. Seine Selbstliebe ist nicht größer als Seine Liebe zu der Gemeinde, wie ja auch der Vater die nachgeborenen Söhne in der gleichen Weise liebt wie Seinen Erstgeborenen (Joh. 17, 23)! Er sucht nicht das Seinige (Phil. 2, 4). In derselben Weise sind auch die Männer schuldig, ihre Frauen wie ihre eigenen Leiber zu lieben.
“Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt …!” — Das wäre ja die Haltung eines Neurotikers oder Selbstmörders. Haß gegen sich selbst und Selbstzerstörung sind ja das Ende alles natürlichen Lebens. Leider sind die Ehen vieler Glaubender von dieser Haltung bestimmt, so daß manche Ehen von Ungläubigen besser und harmonischer verlaufen als die der Frommen, denn Zivilcourage und Selbstdisziplin sind nun einmal nicht die schlechtesten Eigenschaften! Natürlich gibt es auch viele, viele unglückliche Ehen bei denen, “die da draußen sind”; aber lediglich dadurch, daß zwei Menschen fromm sind, ist eine Ehe noch lange nicht gut und so, wie sie der Herr haben will! Auch in dieser Lebensbeziehung gilt Phil. 4, 8, wo Paulus allgemeinmenschliche Qualitäten auch den Glaubenden empfiehlt: “Übrigens, Brüder, alles was wahr, alles was irgend würdig, alles was gerecht, alles was rein, alles was lieblich ist, alles was wohllautet, wenn es irgend eine Tugend und wenn es irgend etwas Lobenswertes gibt, dies alles erwäget!”
“Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie auch der Christus die Gemeinde. Denn wir sind Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleische und von Seinen Gebeinen (Knochen). Aus diesem Grunde …” — d. h. damit das Verhältnis des Christus zu Seinem Leibe in dieser Welt vor schauenden Mächten und Engeln dargestellt wird, aus diesem Grunde hat der Schöpfer es so geordnet, daß “… ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verläßt und seinem Weibe anhängt und die zwei ein Fleisch werden” (Vers 31).
“Und die zwei werden ein Geist und eine Seele sein”, sagen die christlichen “Platoniker”, die ihre besondere Frömmigkeit darin kundtun wollen, daß sie für den Christen die eheliche Gemeinschaft verneinen. Es ist natürlich ein anderes, wenn Eheleute sich eine solche Vereinbarung nach beiderseitiger Übereinstimmung um besonderer Anliegen der Gemeinde willen für eine gewisse Zeit auferlegen. Paulus rät dazu, eine solche Zeit nicht allzu lange auszudehnen. In den endzeitlichen Tagen werden ja dämonische Geister betrügerische Lehren verbreiten, werden gebieten, sich von bestimmten Speisen zu enthalten, und verbieten zu heiraten. Ob wohl jene asketischen Gesetzesmächte die von Gott gewollte Darstellung der Gemeinsamkeit in der Ehe verhindern wollen, die natürlich so nur von glaubenden Menschen vollzogen werden kann, die um die Bedeutung dieses Geheimnisses wissen?
“… und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis (das Mysterium der Gemeinschaft in der Ehe) ist groß, — ich aber deute es hinsichtlich des Christus und Seines Verhältnisses zur Gemeinde.” — Was ist das doch für ein großes, sauberes und unbelastetes Wort von der ehelichen Gemeinschaft! Wie anders sehen leider wir Frommen es oft! Die Ehe ist also nach diesem Pauluswort ein vielfältiges, vieldeutiges Geheimnis, eine Darstellung mit prophetisch-symbolischem Charakter für die zuschauenden Mächte. Eine dieser möglichen Deutungen stellt der Apostel in Eph. 5 heraus und sagt darum: “Ich aber deute es (einmal) hinsichtlich des Christus und Seiner Gemeinde” — es gibt also offensichtlich noch andere Deutungen dieses Geheimnisses der körperlichen Einheit in der Ehe; die Liebesbeziehung des Christus wird also in der Ehe offenbar noch zu anderen Gruppen und Körperschaften widergespiegelt.
“Doch auch ihr, ein jeder von euch liebe seine Frau so, wie er sich selbst liebt; die Frau aber, daß sie Ehrfurcht vor dem Manne habe!” Auch das ist “Fülle-Botschaft” des Epheserbriefes. —
Ich möchte nun einmal dieses Geheimnis nicht wie Paulus auf Christus und Seine Gemeinde deuten, sondern prophetisch-heilsgeschichtlich auf Christus und Israel. Wesentliche Anregungen zu diesen Gedanken habe ich unserem Bruder Arthur Muhl zu verdanken.
Israel durchläuft ja das Liebesverhältnis zu Jehova in verschiedenen heilsgeschichtlichen Phasen, die man umreißen könnte mit den Stichworten Jungfrau — Weib Jehovas — Hure — und dann wieder Weib Jehovas.
In der “Hochzeit des Lammes” werden diese beiden Heilskörperschaften, Israel und die Gemeinde, vereinigt werden; dann wird es wiederum heißen, daß die zwei ein Fleisch werden, d. h. ein Heilsorganismus, in dem wiederum “weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau etwas ist”, wo beide, Mann und Frau, im selben Wert und Rang stehen werden, wenn auch mit verschiedenen, arteigenen Aufgaben. Dann wird Eph. 2 endzeitlich erfüllt sein, wo uns berichtet wird, daß der Messias durch Sein am Kreuz vergossenes Blut aus Juden und Heiden einen neuen Menschen, eine Heilskörperschaft gebildet hat. Das ist die Vorausdarstellung endzeitlicher Vollzüge in der Gemeinde der gegenwärtigen Heilszeit. Im großen umfassenden Sinne wird es sich wiederholen und erfüllen, wenn das Lamm nach Seiner Wiederkunft — mit Seinem Leibe als “der Bräutigam” vereinigt — sich mit dem Weibe, dem wiederhergestellten Israel, vereinigen wird in einer neuen Heilsordnung, zu einer gemeinsamen Aufgabe in einem gemeinsamen Haushalt — die gewiß, entsprechend der Herkunft in der Auserwählung, in verschiedener Weise durchgeführt werden wird. Wie Mann und Frau schon heute gleichwertig sind, wenn auch andersartig, so werden einmal Israel und die Gemeinde ihrer Art und Zubereitung gemäß mit verschiedenen Aufgaben in dem einen Haushalt des Messiasreiches betraut werden, die sie aber durchaus gemeinsam planen und in Koordination durchführen werden. Der König und Messias Israels ist zugleich Herr und Haupt Seines Leibes, der mit Ihm auch Seine messianischen Aufgaben durchführen wird. Daß es darüber hinaus auch Aufgaben gibt, die Mann und Frau gemeinsam ausführen, brauchen wir nur am Rande zu erwähnen. Nur in bestimmten Funktionen, Aufgaben, Bestimmungen, in Charakter und Wesensweise unterscheiden sie sich. So gewiß das wiederhergestellte Israel im Königreiche des Messias etwas andere Aufgaben haben wird als der Christusleib, so wenig können wir zwischen diesen Aufgaben scharf scheiden und etwa sagen, die Gemeinde Seines Leibes habe nur himmlische und das errettete Israel nur irdische Aufgaben. Das kann ja gar nicht stimmen, denn wir werden ja auch nicht nur Engel richten, sondern auch “die Welt” und “die Menschen” (1. Kor. 6, 2 u.a.). Hüten wir uns vor Pauschalurteilen und formelhaften Vereinfachungen, so sehr sie unserem verfinsterten Denken auch liegen! Eine der ersten Aufgaben der vollendeten Gemeinde wird ja darin bestehen, “Israel zur Eifersucht zu reizen” (Röm. 11, 14) und das Weib Jehovas wiederherzustellen. Dieser diakonische Auftrag des Christus sollte eigentlich schon jetzt die Verhaltensweisen der Gemeinde Israel gegenüber bestimmen, denn das “Aufreizen zur Eifersucht” kann ja nur darin bestehen, daß wir den Messias schon anerkennen, auf den Israel noch wartet. An jenem Tage wird sich das Prophetenwort erfüllen, worin es heißt:
“Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich, will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Gericht, und in Güte und in Barmherzigkeit, und ich will dich mir verloben in Treue; und du wirst Jehova erkennen!” (Hosea 2, 19-20). —
Das Verhältnis des Christus zu Seinem Weibe Israel wird nun merkwürdigerweise in einer der größten Fluchgeschichten dargestellt, an der Beziehung zwischen Adam und Eva, sonderlich in den Aussagen über ihren Fall. Schon daran können wir erkennen, wie Gott in der Lage ist, aus jedem Fluch einen Segen zu machen, ja, in der Erfüllung der Zeiten, in Seinem Messias den Fluch heilsgeschichtlich umzuwandeln zu weltweitem Segen!
Wir lesen ja in den Schriften Alten und Neuen Testamentes, daß die Versuchung zum Bösen an Adam durch Eva herangetragen wurde. “Eva fiel”, Adam jedoch erst indirekt und durch ihre Vermittlung. Eva wurde so das Medium für die satanische Versuchung.
Wenn wir nun den ersten Adam einmal als Spiegelbild des letzten Adam Christus sehen und Eva als Modell Israels, dann wird uns schon ein erster Gedanke deutlich. Denn sowohl im Alten Bund wie auch in Seinen Erdentagen hat dieses Weib Israel den Jehova versucht (1. Kor. 10). Das Weib Israel hat auch den letzten Adam, seinen Messias, in Versuchung geführt und das satanisch Böse an Ihn herangetragen.
Es gibt grundsätzlich im Alten Bund wohl keine wesentlichere Vorschattung des leidenden Messias als Hiob. (Das gilt natürlich nicht für alle seine Worte! Doch ist das ja bei aller biblischen Symbolik so, daß die Gleichsetzung nicht bis in das letzte Wörtlein durchzuführen sein muß, ehe man von einer symbolischen Hindeutung auf den Messias reden dürfte!) Der Mann, den Gott als Seinen Knecht bezeichnete, von dem Er sagte, daß er unsträflich gewandelt habe, gottesfürchtig und das Böse meidend (Hiob 1, 8), dieser Mann ist wirklich ein Typus auf den leidenden Messias, der ja ebenfalls ohne Ursache und eigene Schuld von Gott in die Versuchung und in allertiefste Leiden hineingestellt wird. Und als Satan den Hiob nach schrecklichen Katastrophen selbst angreifen darf nach der Methode “Haut um Haut, ja alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben; aber strecke einmal Deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an, ob er sich dann nicht offen von Dir lossagen wird” (Hiob 2, 4-5), — da spricht Jehova zum Satan: “Siehe, er ist in deiner Hand, allein verschone sein Leben! ” (Vers 6).
Warum hat Jehova-Christus das dem Satan erlaubt? Nicht nur, damit der Glaube des Hiob auf die Probe gestellt würde und er seinen Herrn auch im tiefsten Leid unter Tränen verherrliche und Ihm nichts Ungereimtes zuschriebe, sondern auch darum, daß im Leidensweg des Hiob der Leidensweg des Messias vorgebildet würde. Darum wird er in die Hände, in die Vollmacht und Rechtsbefugnis Satans ausgeliefert. Nun wollen wir Hiob 2, 7-10 lesen:
“Und der Satan ging von dem Angesicht Jehovas hinweg, und er schlug Hiob mit bösen Geschwüren, von seiner Fußsohle bis zu seinem Scheitel. Und er nahm einen Scherben, um sich damit zu kratzen; und er saß mitten in der Asche. Da sprach sein Weib zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Sag dich los von Gott und stirb! Und er sprach zu ihr: Du redest, wie eine der Närrinnen redet! Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht annehmen? Bei diesem allen sündigte Hiob nicht (mit seinen Lippen).”
Das Weib Hiobs versinnbildlicht hier Israel, das in seiner Führerschaft den Gekreuzigten, den letzten Adam, mit Hohn und Spott überschüttet: “Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Sage dich los von Gott und stirb!” Das heißt im Blick auf den Mann am Kreuz: Stirb mit einem Ketzerbekenntnis, bekenne dich zu deiner Ketzerschuld der Gotteslästerung! Nach der Meinung der Juden kam nämlich ein zum Tode Verurteilter dennoch in das Paradies Gottes, wenn er in letzter Stunde noch ein Bekenntnis seiner Sünde vor beglaubigten Zeugen ablegte. Darum stand z. B. Saulus als vom Hohen Rat benannter “Ohrenzeuge” bei dem gesteinigten und sterbenden Stephanus; darum stehen die Priester, Hohenpriester und Ältesten Israels (bis zur Stunde des feierlichen Passahrituals der Lämmerschlachtung im Tempel) am Kreuz auf dem Hügel Golgatha und warten auf das Ketzerbekenntnis des gekreuzigten Nazareners, denn “dieser hat Gott gelästert”. Und wenn einer von Gott so bestraft wird, daß er sogar ausruft, daß dieser Gott ihn verlassen habe, dann müsse er doch gesündigt haben! (Die gleiche Haltung kam ja in der “seelsorgerlichen Theologie” der Freunde Hiobs zum Ausdruck, die in ihrer Grundeinstellung die Führer Israels abschatten.) “Sage dich los von Gott und stirb!”
Ich möchte einmal die Aussagen verlesen, die dem Herrn in allerletzter Verlassenheit, in der Stunde des Abgeschnittenseins vom Vater und in der allergrößten Finsternis entgegenhallen:
- “Er rette Sich selbst, wenn Er der auserwählte Gottesmessias ist!”
- “Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist” (die alte satanische Formel der Versuchung!), “dann steige herab vom Kreuz!”
- “Andere hat Er gerettet, Sich selbst zu retten vermag Er nicht! Er ist Israels König? Dann steige Er jetzt augenblicklich vom Kreuze herab, dann wollen wir an Ihn glauben!”
- “Er vertraute auf Gott. Der rette Ihn jetzt, falls Er Wohlgefallen an Ihm hat (und Ihn begehrt). Denn Er sagte ja: Gottes Sohn BIN ICH!”
- “Der Messias, der König Israels, steige jetzt vom Kreuze herab, damit wir sehen und — glauben!” (So die Hohenpriester und Schriftgelehrten in Luk. 23, 35; Matth. 27, 40-43; Mark, 15, 32.)
- “Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist, dann steige herab vom Kreuz!” (Die Vorübergehenden nach Matth. 27, 40.)
- “Wenn Du wirklich König der Juden bist, dann rette Dich selbst!” (Die Soldaten der römischen Kohorte: Luk. 23, 36.)
- “Bist Du nicht der Messias? Rette Dich und uns!” (Einer der mitgekreuzigten Revolutionäre: Luk. 23, 39.)
Hier liegt wirklich eine echte Versuchung des Sohnes vor, deren Spitze in allen diesen Spottrufen die Aufforderung zum sofortigen Handeln, zur Dokumentation des Messiastums, zum Eigengebrauch der Sohnesvollmacht ist!
Das Weib Israel spricht zum letzten Adam, zum wahren Hiob: “Hältst Du noch fest an Deiner Vollkommenheit? Sage dich los von Gott und stirb!”
Durch die Eva, durch Israel als das Weib des letzten Adam, kommt die Versuchung zum Bösen, die Versuchung zur Machtergreifung vor der Zeit an diesen heran, aber Er sündigt nicht und schreibt Gott selbst dann nichts Ungereimtes zu, als Er Ihm zurufen muß: “Mein Gott, mein Gott, weshalb hast Du mich verlassen?” – Wir wissen es, ohne es je völlig zu ermessen: Er wurde für uns zur Sünde und zum Fluche gemacht (2. Kor. 5, 21 und Gal. 3, 13)! —
Ein Zweites. Wir lesen dazu in 1. Tim. 2, 12-15 eine rätselhafte Stelle: “Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern (gebiete ihr) still zu sein; denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen (d. h. nicht in unmittelbarer Weise), das Weib aber wurde betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber gerettet werden durch Kindgebären, wenn sie bleiben in Glauben und Liebe und Geheiligtsein, verbunden mit Sittsamkeit”.
Das ist eine der merkwürdigsten Stellen im ganzen Neuen Testament. Ich möchte hier nun zeigen, wie es sich wohl damit verhält. Doch müssen wir zuvor noch 1. Mos. 3 aufschlagen, wo im Fluch über Adam und Eva der Schlüssel zur Lösung zu finden ist:
“Und Jehova sprach zu dem Weibe: Was hast du da getan?! Und das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, und ich aß. Und Jehova Gott sprach zu der Schlange (als zu dem Medium des Satan): Weil du dies getan hast, sollst du verflucht sein vor allem Vieh und vor allem Getier des Feldes! Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens!”
Im Anschluß daran hören die ersten Menschen das sogenannte “Vor-Evangelium” — eine prophetische Vorverheißung über die Auseinandersetzung zwischen Satan und Israel, Satan und Christus, zwischen dem “Samen Evas”, dem Messias, und dem “Samen der Schlange”, dem Gegenmessias, ja sogar über den Verlauf und Abschluß dieser Auseinandersetzung:
“Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir (Schlange) und deinem Weibe (Eva/Israel), zwischen deinem Samen (dem Antichristen) und ihrem Samen (dem Messias); er (der Same Evas) wird dir (Schlange) den Kopf zermalmen …” (d. h. das Zentrum deiner gesamten Tätigkeit und Lebensfähigkeit, so daß du nicht mehr existieren kannst. Doch wirst du dich bei diesem Zweikampf in letztem Lebenshauch noch einmal aufraffen) “… und du, du wirst Ihm die Ferse zermalmen!”
Erledigt wird aber nicht der Same Evas, sondern der Same der Schlange, denn der Messias wird einmal am Kreuz der Schlange, dem uralten Drachen, dem Satan, den Kopf zertreten, ihm die Lebensexistenz abschneiden, das Zentrum aller gottfeindlichen Mächte im Weltenall vernichten und so den totalen und endgültigen Sieg über den Satan erringen. Diesen Sieg aber muß Er mit Seinem eigenen Blut, mit Seinem Leben am Fluchholz bezahlen. Wir denken hier an das Siegeswort aus Kol. 2, 14 und 15:
- Er hat ausgetilgt die gegen uns vorliegende Schuldschrift,
- Er hat sie aus der Mitte (der Prozeßakten) weggenommen,
- Er hat sie an das Kreuz genagelt.
- Er hat die Fürstentümer und Autoritäten entwaffnet,
- Er hat sie an den Pranger der öffentlichen Schande gestellt,
- Er hat durch das Kreuz über sie einen Triumphzug abgehalten!
In 1. Mose 3, 15 wird uns der Same, das Kind Evas, zum ersten Male vorgestellt. Unsere Ureltern wurden mit dieser Verheißung aus der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen; sie wurden nicht nur dem Fluch überantwortet, sondern gleichzeitig wurde ihnen dieses prophetische Vor-Evangelium mitgegeben, damit sie nicht als Gerichtete in Hoffnungslosigkeit versänken, sondern mitten in diesem Gottesgericht ihre Hoffnung auf einen Retter und Messias aufrechterhielten. Darum hofften schon Adam und Eva, wie alle großen Heiligen Israels, auf den Messias! In diesem Lichte gewinnt auch der Fluch Jehovas über das Weib eine neue Bedeutsamkeit:
“Ich werde sehr groß machen die Mühsal deiner Schwangerschaft. Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären. Nach deinem Manne wird deine Sehnsucht (dein Verlangen) sein, er aber wird wie ein König über dich herrschen!”
Könnte die Unheils- und Heilsgeschichte des Weibes, Israels, besser zusammengefaßt werden als mit diesem letzten Satz von der Hoffnung auf den Messias und Seiner königlichen Herrschaft? Doch wollen wir nicht allzusehr vorauseilen! — Der Fluch enthält zwei Richtungen:
- Eine den Leib betreffende: Du wirst Kinder bekommen mit Schmerzen! (Offensichtlich war dies nicht von Urbeginn so geplant.)
- Die Seele betreffend: Nach deinem Manne (dem einen und ersten!) wird deine Sehnsucht, dein Verlangen sein.
Das ist nun geradezu eine psychologische Gesetzmäßigkeit: Es gibt für die Sehnsucht eines Mädchens nur “ihren Mann”, auch wenn sie ihn noch nicht kennt, noch nicht verheiratet ist und auf Gottes Lösung in dieser Frage wartet. — Ihr Verlangen aber wird sich auf diesen “ihren” Mann richten, der ihr von Gott bestimmt und zugeordnet ist, d. h. wenn eine Heirat im Sinne Gottes liegt. Es ist ja merkwürdig, daß der erste Mann, den ein Mädchen bis zur letzten Gemeinschaft kennenlernt, sie so bindet, daß ihr Verlangen selbst bei häufigem Wechsel in der Partnerwahl auf diesen ersten Mann gerichtet bleibt. Ein normal empfindendes Mädchen wird diese Bindung auch nicht wieder los. Auch das dürfen wir für einen Beweis für die einmalige Bindung in einer Ehe halten. Die Eva hat nur einen Mann, “ihren Mann”; nach diesem ihrem Manne wird ihr Verlangen sein, er aber wird wie ein Haupt, “wie ein König” (ja, im Idealfall, wie wir in Eph. 5 sahen, wie “der König”) über sie herrschen. —
Nun hat dieses Fluchwort aber noch eine prophetische Bedeutung, die mit dem Urevangelium zusammenhängt.
Der Same Evas ist der Christus, der Messias. “Er sagt nicht die Samen als von vielen, sondern als von einem (’und deinem Samen’), welcher der Messias ist”, sagt Paulus, wenn er in einer anderen Beziehung, aber in gleicher Weise vom “Samen Abrahams” spricht (Gal. 3, 16)! So dürfen wir auch hier annehmen, daß die Schrift als von einem Samen spricht. Darum heißt Eva (hebr. Chawa) auch “Mutter der Lebendigen”, “Mutter des Lebens” oder “Mutter des Lebendigen” – nämlich des Messias! “In IHM war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen” (Joh. 1, 4).
Als Eva dem Adam von Gott zugeführt wird, sagt dieser (nach der Übersetzung Bubers): “Endlich diese! — Fleisch von meinem Fleisch, Gebein von meinem Gebein!” Und nachdem er sie in weissagendem Geiste erkannt hat, benennt er sie im selben Geist der Prophetie mit dem Namen “Eva”; er schaut sie als Stammutter des Lebendigen, des Christus, den sie einmal mit Schmerzen gebären sollte – freilich in der Verkürzung der prophetischen Perspektive, in Form einer “Naherwartung”. Auch Adam schaute den “Unsichtbaren, als sähe er Ihn” (Hebr. 11, 27)! Auf IHN hat auch Eva gewartet, und ihr Verlangen war nach diesem ihrem Manne, dem Messias, der als “König über sie (und Israel) herrschen sollte”.
Eva hat diese Dinge so ernst genommen, daß sie tatsächlich auf das Kommen des Messias während ihres Lebens wartete, jedesmal wenn sie ein Kind bekam. Darauf deutet der Text in 1. Mose 4, 1 hin:
“Und Adam erkannte Eva, sein Weib, und sie ward schwanger und gebar Kain (= erworben, Gewinn); und sie sprach: Ich habe einen Mann (oder: den Mann) erworben — den Jehova!” (wie es mit derselben Berechtigung heißen kann statt des “mit Jehova” in unseren geläufigen Übersetzungen — man konnte eben bislang in der vorgeschlagenen Verdeutschung keinen Sinn finden).
Ausgerechnet bei der Geburt des ersten Mörders, der als Abbild des “Mörders von Urbeginn” (Joh. 8, 44) unter dämonischer Beeinflussung den Mord in die Welt einführte, ausgerechnet bei seiner Geburt flammt in der “Mutter des Lebendigen” die messianische Hoffnung gewaltig auf, so daß sie ausruft: Ich habe den Mann erworben, den Jehova, den Messias, dessen Mutter ich sein soll, der der Schlange den Kopf zermalmen wird und den Sieg über die satanischen Verführungsmächte herbeiführt!
Das ist nun die getäuschte Naherwartung der Eva. Man spricht ja immer von einer Naherwartung der Apostel auf die baldige Wiederkunft ihres Herrn noch zu ihren Lebzeiten, die ja so früh nicht eintraf. Auch Eva hatte gleichsam eine Naherwartung der “Wiederkunft” des Jehova-Christus, mit dem sie im Paradies selige Gemeinschaft hatten, nach der Verheißung: “Er wird über dich herrschen wie ein König!” Diese Erwartung aber wurde bitter enttäuscht und zerbrochen. Eva mußte in den Tod gehen, ohne den Messias geboren zu haben. Das muß für sie erschütternd gewesen sein! Aber ich glaube doch, daß sie zuvor im Geiste Ihn, den Unsichtbaren, und die Leidensschmach dieses Messias schaute, wie Mose und viele Heilige Israels (Hebr. 11, 26).
Aber dann kommt schließlich die Zeit der Erfüllung und mit ihr eine Jungfrau unter dem Zeichen der Eva, die zur Mutter des Lebendigen wird und mit Schmerzen Ihn, den Messias, Ihn, die Sehnsucht der Frauen Israels (Dan. 11, 37) gebiert. Diese hebräische Frau heißt Myrriam (Maria) und das heißt “Bitternis” oder “Leiden”. “Denn mit Schmerzen sollst du Kinder gebären, und ich werde sehr mehren die Mühsal deiner Schwangerschaft”. Dieses Wort findet hier seine heilsgeschichtliche Erfüllung. Von vornherein war sie dem Leiden unterstellt. Wenn Joseph, ihr Verlobter, sie preisgegeben und nach der Thora gehandelt hätte, wäre sie gesteinigt worden. Noch später geistert in manchen Köpfen die Idee des “Ehebruches” und der “Hurerei” der Maria herum: schon bei der Auseinandersetzung der Führerschaft Israels mit Jesus, bis hinein in ihre späteren Schriften; sie nennen Ihn darum “Josua (= Jesus) ben myrriam” (Sohn der Maria und nicht Josephs!). Die Tatsache der Zeugung aus dem Heiligen Geist war ihnen wie den heutigen Theologen ohnehin unfaßbar. — So heißt es denn auch in Luk. 2, 29-35:
“Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird (aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen); damit die Überlegungen vieler Herzen offenbar würden.”
Mit Schmerzen hat Maria diesen Sohn in die Welt gebracht. Dazu noch zwei Schriftworte. In Jes. 9, 6-7 könnte der Jubel aller Frauen Israels liegen; diese prophetische Aussage handelt von der Geburt des Kindes, das, zum Manne geworden, als König über das Weib Israel herrscht:
“Denn ein Kind (oder: das Kind) ist uns geboren, ein Sohn (oder: der Sohn) uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf Seiner Schulter; und man nennt Seinen Namen: Wunderbarer Berater, starker Gott, Vater der Heilszeiten, Fürst des Friedens. Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben auf dem Throne Davids und über Sein Königreich …”
Das andere diesbezügliche Wort finden wir in Johannes 16, 21. Wir sollten es auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Prophetenverheißung sehen und so besser verstehen:
“Das Weib (= die Maria), wenn sie gebiert, hat Traurigkeit, weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, gedenkt sie nicht mehr an die Drangsal, um der Freude willen, daß der Mensch in den Kosmos hineingeboren ist!”
Welche Stunde? Die heilsgeschichtliche Stunde der Geburt des Menschensohnes, des letzten Adam und Messias, den die Frauen Israels sehnlich erwarteten und der als “Same Evas” der Schlange den Kopf zertreten sollte. So ist auch dieses Wort prophetisch-heilsgeschichtlich zu verstehen, was nicht ausschließt, daß es auch noch eine biologisch-natürliche und, im engeren Sinne der Abschiedsrede Jesu, eine trostvoll-erbauliche Seite hat.
Und jetzt verstehen wir vielleicht auch 1. Tim. 2, 15 besser: “… das Weib wird aber errettet werden durch Kindgeburt …”, wie es eigentlich heißen muß. Das heißt: Kollektiv wird die Eva und mithin jede Frau die Errettung erfahren durch die Ausgeburt des Kindes, das als Messias diese Rettung in die Welt bringt; es soll bedeuten, daß die Frau, die stellvertretend für alle Frauen und für alle Welt den Sohn Gottes zur Welt bringt, die heilsgeschichtlich geplante Gottesstunde der Errettung herbeiführen hilft. “Als aber der göttliche Zeitpunkt (kairos) erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn!” Keinesfalls bedeutet es, daß die Frau schlechthin durch Kindergebären (wie es falsch übersetzt wird) die Seligkeit erlangt, so daß eine Frau mit 15 Kindern seliger wäre als die mit dreien, und die Frau ohne Kind außerhalb der Errettung verbliebe. —
Nun wollen wir den Fluch über den ersten Adam nach 1. Mose 3, 17-19 betrachten. Auch da werden wir erkennen, wie Gott den Fluch in Segen verwandelt und aus der Finsternis Licht scheinen läßt. In Christo trägt Er selbst den Fluch, den Er dem Menschen verordnete.
“Und zu Adam sprach Er: Weil du, auf die Stimme deines Weibes gehört und gegessen hast von dem Baume, von dem ich dir geboten und gesprochen habe: Du sollst nicht von ihm essen, so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen:
- Mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens!
- Dornen und Disteln wird der Erdboden dir sprossen lassen!
- Du aber wirst das Kraut des Feldes essen.
- Im Schweiße deines Angesichtes wirst du dein Brot essen,
- bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen.
- Denn Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren!”
Wir wollen uns dieses Fluchwort einprägen und, während ich es zu deuten versuche, immer wieder in unserer Erinnerung anklingen lassen. Mancher wird das nicht annehmen, was ich jetzt bezeugen will. Mir jedenfalls war es eine herrliche Offenbarung, als ich sah, wie bei dem Gottesfluch über den ersten Adam das Heilswerk des letzten Adam aufleuchtet!
Da hören wir zunächst einmal den Fluch über den Erdboden, den Acker — über diese Welt. Er bringt es zuwege, daß der Acker dieser Welt für den Christus, der sie betritt und ihr als Erniedrigter Gottes Offenbarung bringen will, nur Dornen und Disteln trägt. Er kann von dieser fluchbeladenen Welt nichts erwarten, was den göttlichen Gedanken entspricht. Nur Verbrennungswürdiges, Fruchtloses, Fluchvolles bringt Sein Acker hervor; “der Acker aber ist die Welt” (Matth. 13, 38)!
Schon im Alten Bund mußte Er das erleben, als Er in einer ersten Form der Erniedrigung als der “Fels” und der “Heilige Israels” in der Mitte dieses Volkes handelte. Wir kennen ja alle die Begebenheit, wo Mose in der Steppe die erste Erscheinung des Jehova-Christus erlebt, wie Er als verzehrendes Feuer in der allesverbrennenden Gotteswolke herniederfährt und im Dornbusche auflodert (2. Mose 3), um ein Zweifaches zu dokumentieren: zum einen, daß Israel der Dornbusch ist — von Natur ein fluchwürdiges Erzeugnis des Ackers dieser Welt und keineswegs das heiligste und gotteswürdigste der Völker — und zum anderen, daß Jehova in Seiner ganzen Gottesenergie in diesem Volke wohnen will, ohne es zu verzehren. Darin besteht das Wunder, das Mose auf die Knie zwingt, daß der Dornbusch nicht im Feuer verlodert, sondern inmitten der sengenden Flamme Blüten trägt! Israel ist der Dornbusch – “kann man von Dornen Feigen lesen?” Was waren die Dornen? Sünde, Mühsal, Murren, Revolten sonder Zahl, Ablehnung des messianischen Königtums. “Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen Ihn nicht auf!” gilt schon für jene Heilszeit. “Ihr widerstrebet — wie eure Väter — allezeit dem Heiligen Geist”, muß Stephanus dem Synedrium zurufen. Und doch trägt der Busch auch Blüten als Verheißung kommender Frucht, und doch wohnt der Heilige Israels in der Mitte dieses Volkes, ohne daß es an Seiner Heiligkeit verbrennt.
Daß Israel auch heute noch (wenn auch in anderer Form) unter dem Zeichen des Dornbusches steht, möchte ich einmal an einem seiner neuen Lieder klarmachen, die ja zumeist einen Anklang an die alttestamentliche Offenbarung haben. Auch in diesem Lied wird davon geredet, daß der Heilige in Israel erscheint, doch werden wir schnell gewahren, daß dieses Volk der Wahl, das seit 1948 wieder im Lande Gottes versammelt ist, zwar wieder eine Fahne unter den Fahnen dieser Welt hat, wieder eine Nation unter anderen Nationen ist, aber keineswegs schon in dem Geist der Gnade und des Flehens handelt. Br. Kahn sagte im Hüttenheim der Langensteinbacherhöhe: “Heute übertreiben unsere lieben Geschwister in bezug auf Israel nach der anderen Seite!” Zwar freuen wir uns dessen, daß der Feigenbaum wieder Saft gewonnen hat, ja, Blätter und Knospen treibt, aber er zeigt weder Blüten noch Frucht, und wir gedenken mit beschwertem Herzen, daß dieses Israel der “Drangsal Jakobs” entgegengeht (Jer. 30, 7). Nun das Lied vom Dornbusch, das während des Sinai-Feldzuges gedichtet wurde:
Am Berge Sinai
Es ist keine Legende, noch ein Traum der Vergangenheit:
Hier am Berge Sinai flammt der Busch noch immer!
Er lodert mit Gesängen auf den Lippen marschierender Männer,
Und die Stadttore befinden sich in der Hand der Simsoniter (eine israelische Panzereinheit).
O heilige Flamme — in den Augen der Jugend!
O heilige Flamme — im Röhren der Panzermotoren!
Es wird erzählt werden, meine Brüder,
Wie an diesem Tage die Nation wieder auferstand am Sinai!
Freunde, es ist kein Traum, noch eine verschwommene Vision:
Von damals bis heute wurde der Dornbusch nicht verzehrt;
Die Flamme Gottes brennt in Gesängen von der Kraft der Zionssöhne
Und der Streitwagen Israels!
“Der Erdboden wird dir Dornen und Disteln tragen!”, dies gilt noch heute. Als der Heilige Israels wird unser Herr in verzehrendem Feuer Wiedererscheinen auf dem Ölberg.
Bei der späteren Erniedrigung Christi in “Gleichgestalt des Fleisches der Sünde”, als Er vor Pilatus verhöhnt wurde, spielen die Dornen noch eine tiefere Rolle. Dort wird Er ja (von Kennern der messianischen Prophetie) in zweifacher Weise verhöhnt: Einmal als der Prophet in der Gleichheit Moses, indem man Ihm ein Tuch über den Kopf breitet, Ihn anspuckt, schlägt und ruft: “Weissage uns, o Messias, wer ist es, der dich schlug?” (Matth. 26, 68). Zum anderen als der Messias-König Israels, indem man Ihm einen zerfetzten Purpurmantel aus den Kasernenbeständen umhängt, Ihm einen Knüppel als Szepter in die Hand drückt und Ihm einen Dornenkranz in den Kopf treibt, bis das Blut herunterrinnt (Matth. 27, 29). In diesem Zustand wird Er von Pilatus vor das versammelte Volk geführt, und dieser ruft aus: “Siehe, der Mensch (der Adam)!” (Joh. 19, 5). Alle sind sie hier Propheten wider Willen!
Wahrlich, Dornen und Disteln sind der Ertrag des Erdbodens und der Menschheitsgeschichte für den wahren Adam! Was wird es einmal sein, wenn Er dem Israel zum zweiten Male ohne Beziehung zur Sündentilgung erscheinen wird, mit vielen Diademen auf dem Haupte, mit einem in Blut getauchten Gewande und mit eiserner Rute der Weltherrschaft! Sein Name aber ist: Das Wort Gottes, der König der Könige, der Herr aller Herren (Offb. 19, 11-15).
Und Er hat wahrhaftig Sein Brot im Schweiße Seines Angesichtes gegessen! Bei Seinem Kommen in die Welt sagte Er (nach Hebr. 10, 6-7): “Schlachtopfer und Speisopfer hast Du nicht gewollt, einen Leib aber hast Du mir zubereitet; an Brandopfern und Sündopfern hast Du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Buchrolle steht von mir geschrieben), ich komme, um Deinen Willen, o Gott, zu tun!”
Was ist das Brot des Menschensohnes, das Er im Schweiße Seines Angesichtes essen muß? Wir könnten nach der vorliegenden Stelle sagen: das Tun des Willens Gottes. Das wird uns klar bestätigt in Joh. 4, 34. Da denken die Jünger, Er habe etwas gegessen, doch Er sagt zu ihnen: “Meine Speise (mein Brot) ist es, daß ich den Willen dessen tue, der mich ausgesandt hat, und Sein Werk vollbringe!”
Das ist Sein Brot — die Erfüllung des Gotteswillens in Seinem Leidensgang, und Er hat es gegessen im Schweiße Seines Angesichtes in der Stunde der Rechtsbefugnis der Finsternis (Luk. 22, 53; Matth. 27, 46), als die heilige Gemeinschaft mit dem Gott der Liebe, des Lichtes und des Geistes durchschnitten wurde — angekündigt dort im Garten der Ölbäume und dann später verwirklicht am Kreuze und in den drei Tagen, da der Tod wie ein Tyrann über Ihn herrschte. Da wurde der Heilige von der Gemeinschaft mit dem Vater abgeschnitten und der Vollmacht der Finsternis übergeben — bis zum Tage Seiner Auferstehung. In Luk. 22, 39-46 lesen wir dazu folgendes:
“Und Er ging hinaus und begab sich der Gewohnheit nach an den Ölberg; es folgten Ihm aber auch die Jünger. Als Er aber an den Ort gekommen war, sprach Er zu ihnen: Betet, daß ihr nicht in Versuchung kommet. Und Er zog sich ungefähr einen Steinwurf weit von ihnen zurück und kniete nieder, betete und sprach: Vater, wenn Du diesen Kelch von mir wegnehmen kannst, dann tue es – doch nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe! Es erschien Ihm aber ein Engel vom Himmel, der Ihn stärkte. Und als Er in ringendem Todeskampfe war, betete Er heftiger als zuvor. Es wurde aber Sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde (= den Ackerboden!) herabfielen.”
“Im Schweiße Deines Angesichtes wirst du dein Brot essen!” — “Dies ist meine Speise, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat!” — Und schließlich kehrte Er zurück zum Staube. In Ps. 22, 15 heißt es von dem leidenden Gottesknecht: “… in den Staub des Todes legst Du mich!” Drei Tage lang lag Er, abgeschnitten von den Augen des Lebendigen, unter der Herrschaft des Todes. Allerdings hat Gott Seinen Heiligen nicht der Verwesung übergeben, sondern Ihn am dritten Tage durch Seine Herrlichkeit auferweckt (Ps. 16, 10; Matth. 28; Mark. 16; Luk. 24; Joh. 20; Apg. 2; Röm. 1, 4).
So hat Er den Fluch, den Er als der Jehova-Christus über den ersten Adam verhängte, selbst getragen und heilsgeschichtlich gelöscht.
Beschlossen sei mit einem Wort des Lobpreises aus Hebr. 2, 10-15:
“Denn Er, um deswillen das All besteht und durch dessen Vermittlung das All Bestand hat, Er war es Sich selbst schuldig, wenn Er viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden zum Ziele zu bringen! Denn sowohl der, welcher heiligt (Christus), als auch die, welche geheiligt werden (die Söhne), stammen alle von einem (Gott); darum schämt Er sich nicht, sie Brüder zu nennen.” — Und Vers 14:
“Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch Er in gleicher Weise an Fleisch und Blut teilgenommen, damit Er durch den Tod den zunichte machte, der die Rechtsbefugnis des Todes hat, das ist den Teufel.”
“Zum Staube sollst Du zurückkehren!” — “Dieses Geheimnis ist groß!” — das Geheimnis von Adam und Eva und von der Ehe. “Ich aber deute es hinsichtlich des Messias und Seiner Gemeinde”, hinsichtlich des Christus und Israel, hinsichtlich des Christus und der Welt.
“Er ist die Sühnung, für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die des ganzen Kosmos” (1. Joh. 2, 2)!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 6/1970; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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