Zwei Heilskörperschaften — zwei Ziele
Autor: Herbst, Gerhard | Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte, Israel | 407 x gelesenWenn wir Gottes Heilsplan mit der Menschheit auf eine Kurzform bringen und ihn mit einem einzigen Satz ausdrücken wollen, dann finden wir diese Kurzform in Röm. 11, 32: “Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf daß Er alle begnadige.” In diesem einen Satz ist Gottes Absicht mit der Menschheit seit Grundlegung der Welt bis zum Abschluß der Äonen zum Ausdruck gebracht.
Drei grundlegende Dinge erfahren wir aus diesem Satz:
- Es ist Gott, der alle Menschen in den Unglauben eingeschlossen hat, und es ist Gott allein, der sie begnadigt
- Es ist kein einziger Mensch vom Unglauben und kein einziger Mensch von der Begnadigung ausgenommen
- Gottes Gerechtigkeit erfordert es, daß, wenn Er sie alle in den Unglauben einschließt, Er auch für die Begnadigung aller verantwortlich ist
Dieser Satz läßt aber noch die Frage offen, wann und wie dies geschehen soll. Hierauf gibt uns 1. Kor. 15, 21-24 eine Antwort, ebenfalls in einer Kurzfassung: “Denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn gleichwie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner eigenen Ordnung: der Erstling Christus, sodann die, welche des Christus sind bei Seiner Ankunft, dann das Ende, wenn Er das Reich dem Gott und Vater übergibt …”
Aus diesem Satz erfahren wir wiederum drei wesentliche Dinge:
- Gott rettet alle Menschen
- Gott rettet nicht alle Menschen auf einmal, sondern in bestimmten Ordnungen nacheinander
- Gott rettet zunächst eine Auswahl oder Erstlinge, die Masse folgt später
Von der Vertreibung Adams aus dem Garten Eden an läßt Gott 2000 Jahre lang die Menschheit ihre eigenen Wege gehen, die im Turmbau zu Babel ihren Höhepunkt erreichen. Mit dieser Zeit befassen sich die ersten elf Kapitel der Bibel.
Dann greift sich Gott einen Mann heraus, Abram, den Er auserwählt, um mit ihm und seinen Nachkommen Geschichte zu machen, während Gott die übrige Menschheit weiter ihre eigenen Wege gehen läßt. Ab Kapitel 12 beschäftigt sich die Schrift nur noch mit den Auserwählten.
1. Mos. 12, 1: “Und Jehovah sprach zu Abram: Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das Ich dir zeigen werde. Und Ich will dich zu einer großen Nation machen und dich segnen, und Ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Und Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde Ich verfluchen, und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter der Erde.”
Mit diesem Abram schließt Gott Seinen ersten Bund. Von diesem lesen wir 1. Mos. 15, 18: “An selbigem Tage machte Jehovah einen Bund mit Abram und sprach: Deinem Samen gebe Ich dieses Land vom Strome Ägyptens bis an den großen Strom, den Euphrat.” (Der “Strom Ägyptens” wird in den beiden Parallelstellen Jos. 15, 4 und Hes. 47, 19 auch “Bach Ägyptens” genannt. Dieser mündet bei El Arish, einer Stadt von höchster politischer Aktualität, in das Mittelmeer.)
Einzelheiten über den Bund Gottes mit Abram finden wir in 1. Mos. 17 Vers 4: “Siehe, mein Bund ist mit dir, und du wirst zum Vater einer Menge Nationen werden. Hinfort soll dein Name Abraham heißen” (= Vater einer Menge).
Vers 7: “Und Ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir, nach ihren Geschlechtern, zu einem äonischen Bunde. Und Ich werde dir und deinem Samen nach dir das Land deiner Fremdlingschaft geben, das ganze Land Kanaan, zu äonischem Besitztum, und Ich werde ihr Gott sein.”
Vers 10: “Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt: Alles Männliche bei euch werde beschnitten.”
Vers 19: “Sarah, dein Weib, wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Isaak geben, und Ich werde meinen Bund mit ihm errichten zu einem äonischen Bunde.”
Vers 20: “Und um Ismael habe Ich dich erhört: Siehe, Ich habe ihn gesegnet und werde ihn fruchtbar machen und ihn sehr, sehr mehren. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und Ich werde ihn zu einer großen Nation machen. Aber meinen Bunde werde Ich mit Isaak errichten.”
Die Araber stehen keinesfalls unter dem Fluch. Gott segnet sie sehr, macht sie sehr zahlreich, aber das Land Kanaan gibt Er Israel, und Seinen Bund schließt Er mit Israel.
2000 Jahre lang macht Gott Geschichte mit diesem Volk. Israel ist die erste Heilskörperschaft. (Das ist zwar kein biblischer Ausdruck, ist aber nicht besser zu bezeichnen.)
2000 Jahre lang wartet Israel auf seinen Messias, aber als Er erscheint, da verwerfen sie Ihn: “Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche! Sein Blut komme über uns und unsre Kinder!” (Matth. 27, 25).
Gott setzt sie darauf zur Seite. Der Prophet Jesaja hatte das bereits vorausgesagt. Jesaja 6, 10 lesen wir: “Mache das Herz dieses Volkes fett, mache seine Ohren schwer und verklebe seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sehe und mit seinen Ohren nicht höre und sein Herz nicht verstehe und es nicht umkehre und geheilt werde. Und ich sprach: Wie lange, Herr? Und Er sprach: Bis die Städte verwüstet sind, ohne Bewohner.” Jesus wiederholt diese Gerichtsankündigung in Matth. 23, 37.38: “Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind. Wie oft habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen.” Das ist im Jahre 70 Wirklichkeit geworden und hat sich bis heute nicht geändert. Nach 2000-jähriger Geschichte mit Israel setzt Gott dieses Volk beiseite und erwählt sich eine neue Heilskörperschaft, die ecclesia, die herausgerufene Gemeinde, den Körper des Christus.
Eph. 1, 22.23: “Gott hat Ihn (den Christus) als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, welche Sein Körper ist, die Vervollständigung dessen, der alles in allen erfüllt.”
Für die Nationen ist Christus der Richter, für Israel ist Er der König, für die Gemeinde ist Er das Haupt. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ein Mensch als Untertan vor dem Thron des Königs niederfällt, oder ob er, mit seinem Haupt organisch verbunden, als Herrscher auf dem Thron sitzt. Darum ist es töricht zu sagen: Israel und die Gemeinde ist dasselbe, da gibt es keine Unterschiede.
Allerdings gibt es eine bedeutsame Verknüpfung zwischen beiden Heilskörperschaften. Von ihr lesen wir in Röm. 11, 11: “Durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden.” Wäre Israel nicht gefallen, gäbe es für uns, die Nationen, in diesem Zeitalter noch keine Hoffnung.
So währt nun die Zeit der Gemeinde aus den Nationen ebenfalls schon fast 2000 Jahre. Sicherlich ist es kein Zufall, sondern von Gott weise geplant, daß die Zeit von Adam bis zur Auswahl Abrahams 2000 Jahre (= 2 Gottestage, Ps. 90, 4) währte, die Zeit Israels 2000 Jahre und die Zeit der Gemeinde ebenfalls nun schon fast 2000 Jahre. Das sind 6 Gottestage, denen der 7. Tag, entsprechend den 7 Schöpfungstagen, der Ruhetag, das Tausendjahrreich der Ruhe für Sein Volk, folgt.
Haben die Nationen in diesen 6000 Jahren ihr Ziel erreicht? — Nein!
Hat Israel in seinen 2000 Jahren sein Ziel erreicht? — Nein!
Hat die Gemeinde in den ablaufenden 2000 Jahren ihr Ziel erreicht? — Nein!
Das Erreichen des Ziels steht für alle noch aus. Aber werden alle auf einmal das Ziel erreichen, und haben denn alle dasselbe Ziel? Beide Fragen müssen mit nein beantwortet werden.
Aber nun erkennen wir einen wunderbaren göttlichen Grundsatz: Die Ersten werden die Letzten und die Letzten Erste sein. Das ist kein menschliches Sprichwort, sondern das sagt der Herr in Luk. 13, 30: “Es sind Letzte, welche Erste sein werden, und es sind Erste, welche Letzte sein werden.” Das widerspricht unserer menschlichen Logik. Wir sagen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Bei Gott ist es anders. Die Letzten werden die Ersten sein, die das Ziel erreichen. Warum Gott das so macht, wissen wir nicht. Er ist souverän. Diesen göttlichen Grundsatz der Umkehrung finden wir nicht nur hier. Ihm entspricht auch der pyramidenhafte Aufbau der gesamten Heiligen Schrift sowie der einzelnen Bücher. Der erste Gedanke im Römerbrief z. B. entspricht dem letzten, der zweite dem vorletzten usw., bis sich beide an der Spitze der Pyramide treffen. Den Höhepunkt des Römerbriefes bilden die Verse 38 und 39 des 8. Kapitels.
2000 Jahre sind die Nationen gelaufen, ehe Gott sich Israel als Heilsträger auserwählte. 2000 Jahre lief Israel, ehe Gott Sein Werk mit der Gemeinde begann. Ihre 2000 Jahre nähern sich der Vollendung.
Das nächste Ereignis, das wir zu erwarten haben, ist die Entrückung der Gemeinde. Sie wird die erste sein, die ihr Ziel erreicht: die Offenbarwerdung vor der Preisrichterbühne und die Darstellung vor dem Vater. Erst wenn das geschehen ist, wird Israel errettet werden. Das steht Röm. 11, 25: “Israel ist Verstockung zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, und also wird ganz Israel gerettet werden.” Wenn Gott Seinen Geist über Sein Volk Israel ausgegossen haben wird und sie an einem Tage ihre Wiedergeburt erlebt haben werden, dann werden sie als Missionare in alle Welt gehen und den Missionsbefehl Jesu aus Matth. 28, 19 ausführen: Gehet nun hin und machet alle Nationen zu Jüngern. Dann werden alle Völker gerettet werden. So werden Erste Letzte und Letzte Erste sein.
Wieso sprechen wir von zwei Heilskörperschaften, obwohl es doch nach göttlicher Ordnung drei Gruppen von Menschen gibt?
Nun: es gibt nur zwei Heilsträger, Segensträger: die Gemeinde und Israel. Sie sind von Gott dazu auserwählt, die frohe Botschaft den Nationen zu bringen. Die Nationen sind keine Segensträger, sondern Segensempfänger.
Welche Ziele hat sich Gott mit den beiden Heilskörperschaften “Israel” und “Körper des Christus” gesetzt? Haben sie beide das gleiche Ziel, wie manche behaupten, oder unterscheiden sich die Verheißungen und Ziele voneinander? Um es in einem Satz vorwegzunehmen: die Ziele der beiden Heilskörperschaften gehen himmelweit auseinander, im wahrsten Sinne des Wortes.
Sehen wir uns zunächst an, was Gott Seinem Volk Israel verheißen hat, was es bis heute noch nicht erlangt hat:
Das Ziel Israels
1) 5. Mos. 28, 2-13: “Alle diese Segnungen werden über dich kommen, wenn du der Stimme Jehovahs, deines Gottes, gehorchst. Gesegnet wirst du sein in der Stadt und auf dem Felde. Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes und die Frucht deines Landes und die Frucht deines Viehs. Gesegnet wird sein dein Korb und dein Backtrog. — Jehovah wird deine Feinde, die wider dich aufstehen, geschlagen vor dir hingeben. Auf einem Wege werden sie wider dich ausziehen, und auf sieben Wegen werden sie vor dir fliehen. Jehovah wird dir den Segen entbieten in deine Speicher und zu allem Geschäft deiner Hand. Jehovah wird dich als ein heiliges Volk für sich bestätigen, und alle Völker der Erde werden sehen, daß du nach dem Namen Jehovahs genannt bist. Und Jehovah wird dir Überfluß geben an der Frucht deines Leibes, deines Viehs und deines Landes. Und Er wird dich zum Haupte machen und nicht zum Schwanz, und du wirst nur immer höher kommen und nicht abwärts gehen, wenn du den Geboten Jehovahs, deines Gottes, gehorchst.” Dem Volke Israel wird Segen für das Feld, das Vieh, die Leibesfrucht, die Arbeit und Schutz vor den Feinden verheißen. Sie sollen das erste Volk der Erde werden.
2) Joel 2, 18-19: “Dann eifert Jehovah für Sein Land, und Er hat Mitleid mit Seinem Volke. Und Er spricht zu Seinem Volke: Siehe, Ich sende euch das Korn und den Most und das Öl, daß ihr davon satt werdet. Und Ich werde euch nicht mehr zum Hohne machen unter den Nationen.” Vers 28: “Und danach wird es geschehen, daß Ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch. Und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure Jünglinge werden Gesichte sehen.”
Kap. 3, 1: “Denn siehe, in jenen Tagen und zu jener Zeit, wenn Ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde, dann werde Ich alle Nationen versammeln und sie in das Tal Josaphat hinabführen. Und daselbst werde Ich mit ihnen rechten über mein Volk und mein Erbteil Israel, welches sie unter die Nationen zerstreut haben, und mein Land haben sie geteilt.” Auch hier wird wieder Segen für Korn, Most und Öl verheißen. Nach der Geistesausgießung werden die Söhne Israels weissagen, Greise Träume haben, Jünglinge Gesichte sehen.
3) Hes. 37, 21-28: “Siehe, Ich werde die Kinder Israel aus den Nationen herausholen, wohin sie gezogen sind, und Ich werde sie von ringsumher sammeln und sie in ihr Land bringen. Und Ich werde sie zu einer Nation machen im Lande, auf den Bergen Israels … Und mein Knecht David wird König über sie sein. Und sie werden wohnen in dem Lande, das ich meinem Knechte Jakob gegeben, worin eure Väter gewohnt haben. Und sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden darin wohnen für den Äon. Und Ich werde einen Bund des Friedens (den zweiten) mit ihnen machen, ein ewiger Bund wird es mit ihnen sein. Und Ich werde sie einsetzen und vermehren und werde mein Heiligtum in ihre Mitte setzen. Und die Nationen werden wissen, daß Ich Jehovah bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum in ihrer Mitte sein wird.”
David wird König über Israel sein, Gott wird mit Seinem Volk einen zweiten Bund, einen Bund des Friedens, schließen. Der Tempel wird in ihrer Mitte sein.
Bevor diese Segnungen über das Volk Israel kommen, wird der Herr ihre Ungerechtigkeit zwiefach vergelten. Jer. 16, 16-18: “Siehe, Ich will zu vielen Fischern senden, daß sie sie fischen, und danach will Ich zu vielen Jägern senden, daß sie sie jagen. Denn meine Augen sind auf alle ihre Wege gerichtet. Und zuvor will Ich zwiefach vergelten ihre Ungerechtigkeit und ihre Sünde.” An dieser Schriftaussage ist der große Unterschied zwischen den beiden Heilskörperschaften in ganz besonderer Weise zu erkennen: Gibt es irgendeine ähnliche Ankündigung für die Glieder am Leibe des Christus, daß Gott deren Ungerechtigkeit und Sünde zwiefach vergelten wird? Wir sind reingewaschen durch Sein Blut. Unsere Ungerechtigkeit hat Er auf Golgatha auf sich genommen, und den Schuldbrief hat Er zerrissen!
Nun wollen wir noch drei neutestamentliche Zielverheißungen Israels betrachten:
1) Luk. 22, 28: “Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen, und Ich verordne euch, gleichwie mein Vater mir verordnet hat, ein Reich, auf daß ihr esset und trinket an meinem Tische in meinem Reich und auf Thronen sitzet, richtend die zwölf Stämme Israels.”
Hier verordnet der Herr Seinen Jüngern ein Reich. Damit ist zweifellos das Königreich der Himmel gemeint, das der Herr besonders im Matthäus-Evangelium Seinen Jüngern an Hand zahlreicher Gleichnisse erläutert. Das Königreich der Himmel heißt nicht so, weil es sich im Himmel befindet, sondern weil es vom Himmel her durch den wiederkommenden Christus auf dieser Erde aufgerichtet wird. Es ist das sogenannte 1000jährige Reich, das Millennium. (Eine umfassende biblische Untersuchung dieses so wichtigen, in christlichen Kreisen allerdings weithin unbekannten Begriffs enthält das im Paulus-Verlag erschienene Buch von Heinz Schumacher “Das tausendjährige Königreich Christi auf Erden”.)
In diesem Reich sollen die 12 Jünger Jesu auf 12 Thronen sitzen und die 12 Stämme Israels richten. In diese Verheißung lässt sich nirgendwo die Gemeinde aus den Nationen einordnen. Und dennoch gibt es Versuche dieser Art.
2) Aus einer zweiten neutestamentlichen Zielverheißung für Israel sehen wir, daß Gott auch auf dem Boden Israels zunächst eine Auswahl rettet, die dann ausgesandt wird, dem ganzen Volke die frohe Botschaft zu verkünden. Offb. 7, 2-4: “Und der Engel, der das Siegel des lebendigen Gottes hatte, rief mit lauter Stimme den vier Engeln, welchen gegeben worden war, die Erde und das Meer zu beschädigen, und sagte: Beschädiget nicht die Erde, noch das Meer, noch die Bäume, bis wir die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen versiegelt haben. Und ich hörte die Zahl der Versiegelten: 144.000 Versiegelte, aus jedem Stamm der Söhne Israels 12.000.” 144.000 Erstlinge aus Israel werden versiegelt, damit sie durch die Gerichte der großen Drangsalszeit nicht zu Schaden kommen. Sie werden die sichtbare Wiederkunft Christi im Lande Israel erleben.
3) Noch eine dritte Zielverheißung für Israel finden wir im Neuen Testament, und zwar für diejenigen, die im Laufe der Jahrtausende vor der Wiederkunft Christi verstorben sind: die erste Auferstehung. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Auferstehung aus den Toten für die Gemeinde (1. Thess. 4, 13-17), die schon davor sein wird.
Offb. 20, 5-6: “Die übrigen der Toten wurden nicht lebendig, bis die 1000 Jahre vollendet waren. Dies ist die erste Auferstehung. Über diese hat der zweite Tod keine Gewalt, sondern sie werden Priester Gottes und des Christus sein und mit Ihm herrschen 1000 Jahre.”
Das war nur eine kleine Auswahl aus vielen Schriftzeugnissen.
Ich fasse die Aussagen über das Ziel Israels in Stichworten zusammen: Zwiefache Vergeltung von Ungerechtigkeit und Sünde, Sammlung des zerstreuten Israel aus allen Völkern durch Fischer und Jäger, Rettung einer Auswahl von 144.000, sichtbare Wiederkunft Christi auf dem Ölberg, Aufrichtung der 1000jährigen Königsherrschaft Christi in Jerusalem, Auferstehung der Toten aus Israel, Gericht über die Völker wegen der Behandlung Israels, Israel das erste Volk der Erde, 12 Apostel auf 12 Thronen richten die 12 Stämme Israels. Segen für Äcker, Vieh, Leibesfrucht, Schutz vor Feinden, Erhöhung des Lebensalters, Frieden und Sicherheit, Einschränkung der Sünde, Missionierung ganzer Völker, Weissagungen, Träume, Gesichte und der Tempel in Jerusalem: alles insgesamt wunderbare irdische Verheißungen für Israel!
Nun könnte vielleicht jemand denken: Ach, da möchte ich auch dabei sein! Dieser Wunsch mag verständlich sein. Aber hören wir zunächst, welches Ziel die Gemeinde, der Körper des Christus, nach der Schrift hat. Ich bekenne offen, daß ich trotz allem nicht tauschen möchte.
Das Ziel der Gemeinde
Die entscheidende Schriftstelle finden wir in Phil. 3, 14 und 20:
“Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu.” Vers 20: “Unser Bürgertum (unsere Staatsbürgerschaft) ist in den Himmeln.”
Vier Dinge sehen wir aus diesen Versen:
- Unser Lauf zum Ziel ist ein Wettlauf in der Kampfbahn
- Das Ziel ist der Kampfpreis
- Das Ziel hat es mit der Berufung zu tun
- Das Ziel ist droben
1) Der Kampf muß gesetzmäßig gekämpft werden. 2. Tim. 2, 5: “Wenn jemand auch kämpft, so wird er nicht gekrönt, er habe denn gesetzmäßig gekämpft.” Über die Wettkampfregeln lesen wir etwas in Phil. 1, 27-30: “Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus, stehet fest in einem Geiste, indem ihr mit einer Seele mitkämpfet mit dem Glauben des Evangeliums und in nichts euch erschrecken lasset von den Widersachern. Denn euch ist es in bezug auf Christum geschenkt worden, nicht allein an Ihn zu glauben, sondern auch für Ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, den ihr an mir gesehen habt.” Also: die Leiden für Ihn sind die wichtigste Wettkampfregel.
2) Der Kampfpreis ist nach Phil. 3, 11 die Herausauferstehung aus den Toten. Das ist nicht die erste Auferstehung für Israel, die wir oben betrachtet haben. Die Auferstehung der Toten in Christo, der Gemeinde, ist früher. Eph. 1, 12: “Damit wir seien zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit, die wir eine frühere Erwartung haben in Christo” (Konkordante Übersetzung). In Kol. 2, 18 fordert uns Paulus auf: “Laßt niemand euch um den Kampfpreis bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel (Engel-Verehrung), indem er sich mit dem wichtig tut, was er gesehen hat (d. h. das Gebiet von “Gesichten” betreffend), eitler Weise aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches und nicht festhaltend das Haupt.”
3) Die Berufung. Wer hat uns berufen? Wann und wozu sind wir berufen worden? Daß wir alle einmal ein Häuschen mit Garten, gefüllte Scheunen und viele Kinder haben sollen, ähnlich wie dies Israel von Gott verheißen worden ist? Nein! Die Berufung der Gemeinde kommt von oben und zielt nach oben.
Eph. 1, 3-4: “Jesus Christus hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo, wie Er uns auserwählt hat in Ihm vor dem Herabsturz der Welt, daß wir heilig und tadellos seien vor Ihm in Liebe, und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft.” 2. Tim. 1, 9: “Berufen nach der Gnade, die uns in Christo Jesu gegeben ist vor äonischen Zeiten.” Also: Wir sind auserwählt und berufen von Ihm, und zwar vor äonischen Zeiten. Und wozu sind wir berufen? Die Schrift nennt uns verschiedene Seiten unserer herrlichen Berufung:
- Gal. 5, 13: “Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, nicht, daß wir sie zu einem Anlaß für das Fleisch gebrauchen, sondern, um einander durch die Liebe zu dienen.”
- Eph. 4, 4: “Wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung.”
- Kol. 3, 15: “Zum Frieden des Christus seid ihr berufen in einem Leibe.”
- 1. Petr. 2, 12: “Denn zum Leiden seid ihr berufen worden, denn auch Christus hat für euch gelitten.”
- 1. Thess. 2,12: “Wandelt würdig des Gottes, der euch zu Seiner eigenen Herrlichkeit beruft.”
Wie sieht diese Herrlichkeit aus? Phil. 3, 20: “Der unsern Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit nach der wirksamen Kraft, mit der Er vermag, auch das All sich zu unterwerfen.” 2. Kor. 3, 18: “Wir werden alle verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.” 1. Kor. 15, 49: “Wir werden das Bild des Himmlischen tragen.” Unser Herrlichkeitsleib, den wir bei Erreichen des Ziels erhalten werden, wird wie Sein Herrlichkeitsleib nach der Auferstehung nicht mehr an Raum und Zeit gebunden sein.
- 1. Tim. 1, 12: “Ergreife das äonische Leben, zu welchem du berufen worden bist.”
Ich fasse zusammen: Die Glieder des Leibes Christi sind berufen zur Freiheit, zu einer Hoffnung, zum Frieden des Christus, zum Leiden, zum Besitz Seiner Herrlichkeit, zum äonischen Leben.
Ein Ziel unserer Berufung habe ich bisher noch nicht erwähnt: das Reich. Nach 1. Thess. 2, 12 hat Gott uns auch zu Seinem eigenen Reich berufen. Nun mag jemand einwenden: Es ist also doch kein Unterschied zwischen der Gemeinde und Israel, denn auch Israel ist das Reich verheißen. — Ja, Israel ist das Königreich der Himmel verheißen, das 1000jährige Friedensreich auf dieser Erde mit Jerusalem als Hauptstadt, in der Christus als König Israels herrscht. Aber nie wird der Ausdruck Königreich der Himmel im Zusammenhang mit den Verheißungen für die Gemeinde erwähnt. Für die Gemeinde ist Christus nicht König, sondern Haupt, organisch mit Seinen Gliedern verbunden, die Sein “pläroma”, Seine Vervollständigung sind.
Fünfmal spricht Paulus im Zusammenhang mit der Gemeinde von einem Reich:
- Kol. 1, 14: “Er hat uns versetzt in das Reich des Sohnes Seiner Liebe.”
- 1. Thess. 2, 12: “Gott, der euch zu Seinem eigenen Reich beruft und zu Seiner eigenen Herrlichkeit.”
- 2. Thess. 1, 5: “Daß ihr würdig geachtet werdet des Reiches Gottes, um dessetwillen ihr auch leidet.”
- 2. Tim. 4, 18: “Der Herr wird mich bewahren für Sein himmlisches Reich.”
- Eph. 5, 5: “Wir haben ein Erbteil in dem Reiche Christi und Gottes.”
Dieses himmlische Reich des Sohnes Seiner Liebe ist nicht mit dem irdischen, vergänglichen Königreich gleichzuetzen. In diesem himmlischen Reich erhalten wir ein Erbteil. Wie sieht dieses Erbteil im Lichte (Kol. 1, 12) aus? Wir können es nicht in allen Einzelheiten beschreiben, denn selbst Paulus, der bis in den dritten Himmel entrückt war, muß sagen (1. Kor. 2, 9): “Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben.” Wir haben nur einige Anhaltspunkte. 1. Kor. 6, 2-3: “Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?” (d. h. die Nationen, denn das Gericht über die 12 Stämme Israels ist ja den 12 Aposteln übergeben worden, Luk. 22, 28). “Wisset ihr nicht, daß wir Engel richten werden?” Die gefallenen Engel, die im Abgrund aufbewahrt werden, werden wir richten, zurechtbringen und in die Freiheit führen.
Alle Vollendungsaufgaben des Christus wird Er als das Haupt durch und mit Seinen Gliedern ausführen. Wir werden mit Ihm in die Totenräume gehen, den Milliarden von Toten die frohe Botschaft bringen, damit auch sie nach langen Gerichtsäonen ihre Kniee vor dem Christus beugen und nach Phil. 2, 10 freiwillig und aus tiefster Überzeugung bekennen: Herr ist Jesus Christus.
Für diese gewaltigen Aufgaben im Kosmos brauchen wir einen Herrlichkeitsleib, der nicht an Raum und Zeit gebunden ist. Natürlich werden wir in diesem Leib Christus, unser Haupt, auch begleiten, wenn Er sichtbar auf diese Erde kommen (1. Thess. 3, 13) und im Tausendjahrreich auf dieser Erde Seine Herrschaft ausüben wird. Das wird Er allerdings nicht ständig tun, da Er ja auch im Kosmos gewaltige Aufgaben zu erfüllen hat. Aber während Seiner Anwesenheit auf dieser Erde werden wir natürlich auch dieses irdische Königreich zu sehen bekommen, denn nach 1. Thess. 4, 17 werden wir ja allezeit bei dem Herrn sein. — Aber unser Bürgertum, unsere Heimat, unser Zuhause ist in den Himmeln.
Wem es nun immer noch schwer fällt zu glauben, daß Israel und die Gemeinde zwei himmelweit voneinander entfernte Ziele haben, dem möchte ich zum Schluß sagen: Es kommt einmal der Tag — aber erst auf der Neuen Erde, wenn der Christus mit Seinen Gliedern alle Zurechtbringungsaufgaben erfüllt haben wird — an dem es keine Unterschiede mehr zwischen Israel, Gemeinde und Nationen geben wird, sondern nur noch eine ausgesöhnte Menschheit. Nach Offb. 21, 3 wird dann Gott selbst bei den Menschen wohnen, Christus hat sich dem Vater untergeordnet und (1. Kor. 15, 28)
Gott wird sein alles in allem.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1980; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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