Von der Überlogik göttlicher Wahrheit
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre | 768 x gelesenDie Wahrheit Gottes, welche im tiefsten und eigentlichen Grunde Christus ist, ist so einfach, dass ein Kind sie fassen kann. Alles Große, Echte, Göttliche ist schlicht. Nur wir Menschen suchen viele Künste, schaffen Verwicklungen und Widersprüche und verwirren jeden klaren Tatbestand so, dass niemand mehr daraus klug wird. Und das haben wir auch durchaus nötig, damit wir uns vor Gott je nach unsrer Naturanlage rechtfertigen oder verstecken können. Viele gehen sogar dazu über, Gott auf die Anklagebank zu setzen und Ihn zu verhöhnen und zu verdammen. Das sind erschütternde Tatsachen, deren Tragweite und Bedeutung uns deshalb nicht ganz bewusst werden, weil wir nicht sehen, wer und wie unser Gott ist und wer und wie der Feind ist.
Erst wenn wir mit Paulus bezeugen können, dass uns Satans Gedanken nicht unbekannt, d. h., dass sie uns sehr wohl bekannt sind, beginnen wir das gesamte Weltgeschehen als große Enthüllung und Rechtfertigung der Person und des Willens und Wirkens Gottes zu begreifen. Wir kommen aus einer quälenden, belastenden Zerrissenheit hinsichtlich der Gedanken und Absichten des Schöpfers zu einer grandiosen, wunderbar lösenden Gesamtschau, die uns durchaus nicht eine erschöpfende Erklärung aller Dinge, wohl aber ein glaubensmäßiges Erfassen der leuchtenden, beseligenden Hochziele schenkt, zu denen alle scheinbar noch so verworrenen Wege im Weltenall führen.
Was irgend wir von göttlichen Dingen verstehen, empfangen wir, von Gott her gesehen, durch Offenbarung, und von uns aus betrachtet, durch den Glauben, d. h. durch das gehorsame Eingehen auf das, was die Schrift sagt. Dabei wird unser Verstand zunächst durchaus nicht ausgeschaltet, wie manche meinen, sondern erleuchtet, so dass wir vom Denken zum Danken kommen. Diesen Weg zeigt uns Paulus in Römer 1 sehr klar.
Wer diese natürlichen Uroffenbarungen in der Schöpfung schmäht und sich höchster und letzter Erkenntnisse rühmt, wie man das in krankhafter Selbstbespiegelung manchmal findet, der gleicht einem Israeliten, der ins Allerheiligste der Stiftshütte oder des Tempels heimlich hineinklettern will, da er den Weg durch den Vorhof über den Opferaltar der Hingabe und das eherne, d. h. mit Selbstgericht verbundene Reinigungsbecken, und durch das Heiligtum des Dienstes mit Schaubrottisch, siebenarmigem Leuchter und Rauchaltar aus irgendwelchen Gründen der Trägheit oder des Hochmuts nicht gehen will. Wer aber nicht durch die gottverordnete Tür eingeht, sondern anderswo hinübersteigt (und das wird in der Endzeit der Antichrist im Vollmaß tun, da er Hohepriester und König zugleich sein will und wird: Hes. 21, 30-32!), der ist ein Dieb und ein Räuber (Joh. 10, 1).
Solch ein diebisches und räuberisches Hineinsteigen in göttliche Wahrheiten auf ungöttlichem Wege hat es je und je gegeben, und niemand von uns ist frei von der Gefahr, das auf irgendeinem Gebiet und in irgendeiner Form auch zu tun. Die geistliche Entartung, wie sie sich etwa im Pharisäismus vollzog, findet sich in tausend Spielarten in jeder Kirche, in jedem christlichen Kreis, wie groß oder klein, mächtig oder unbedeutend, reich oder arm, organisiert oder nichtorganisiert er auch sei.
Seit sich der Verstand und die Moral, die Kunst und die Wissenschaft göttlicher Wahrheiten bemächtigt haben, sucht man sich diese dienstbar zu machen. Das Volk braucht “Religion”, damit man es leichter regieren kann; die Massen müssen (was angeblich für die Aufgeklärten und “Gebildeten” nicht nötig ist!) durch die Schrecken der Hölle und die Lockungen des Himmels gegängelt werden. Hatte jener amerikanische Fabrikant nicht recht, dass er, sobald die Diebstähle in seiner Fabrik überhand nahmen und die einkalkulierten Verluste zu groß wurden, alle paar Jahre einen tüchtigen Evangelisten rief, der seinen Arbeitern während ihrer bezahlten Arbeitszeit aufrüttelnde Vorträge über Sünde und Schuld, Gericht und Verdammnis hielt, so dass viele, im Gewissen getroffen, ihr gestohlenes Gut zurückbrachten und wieder, wenigstens für eine Zeitlang, ehrliche Menschen wurden? Tut da Gott mit? Wir sind vielleicht geneigt, energisch “nein!” zu rufen. Und doch beweist sich die Größe Gottes darin, dass Er u. U. selbst da noch segnet, wo ein christliches Unternehmen in seiner letzten Zielsetzung von menschlicher Selbstsucht vergiftet ist. Dafür ließen sich viele biblische und kirchengeschichtliche Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart anführen.
Denn neben und außer der Sammlung der Gemeinde des Leibes des Christus gibt es noch vielerlei geistliche und geistige, seelische und moralische, nationale und kulturelle Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, die von dem Evangelium ausgehen. Manche überschätzen diese Wirkungen, andere wollen sie nicht sehen. Ob sich solche Nebenwirkungen des Evangeliums zutiefst nicht doch eher als Hindernisse zur Erreichung des Zentralzieles Gottes erweisen, sei dem Beurteilungsvermögen jedes Einzelnen überlassen. Man sollte hier nicht streiten. Mit einer Handbewegung und einem “Standpunkt” sind diese in seltsamer Verflochtenheit miteinander verbundenen Probleme nicht zu lösen. Je weniger man diese Zusammenhänge durchschaut, um so rascher schiebt man sie zur Seite, um nur das anzuerkennen, was man von seinem biblischen, kirchlichen oder intellektuellen Horizont aus als alleinige Hauptsache zu erkennen glaubt.
Eines ist sicher: unser menschliches Denkvermögen, das, was man so schlechthin Logik nennt, vermag göttliche Wahrheiten in ihrer Innenschau nicht zu sehen. Wir müssen deshalb von einer Überlogik sprechen, denn unlogisch sind die großen, leuchtenden Gotteswahrheiten durchaus nicht. Diese Überlogik des Glaubens, “die alles Denken übersteigt”, beruht zutiefst auf der Liebe des Christus, führt uns in die Länge, Breite, Tiefe und Höhe des vollen Heils und hat das Ziel, uns mit Gottes ganzer Fülle zu erfüllen (Eph. 3, 17-19).
Erst der Umstand, dass man göttliche Wahrheiten nicht in die Denkgesetze unsrer begrenzten und blinden Menschenlogik einspannen kann, lässt uns etwas von ihrem Wesen erkennen. Heilstatsachen sind nicht dazu da, dass sie nur gedanklich erfasst und verarbeitet werden. Sie sollen durch den Gehorsam des Glaubens erlebt und erprobt werden, sollen ihr sündenüberwindendes Dynamit an schwachen Menschen unter Beweis stellen, auf dass die Gnade gepriesen und Gott in Seinem Sohn verherrlicht werde. Und darauf geht der verlorene, heilsverlangende Sünder mit heiliger, zitternder Freude ein; der “religiöse” Mensch dagegen rümpft darüber die Nase, denn er will ja sich selber nicht preisgeben und loslassen, sondern höchstens seinen Charakter veredeln und verbessern, also den Wert seiner Persönlichkeit steigern. Darum hat es auch keinen Sinn, über göttliche Wahrheiten, sonderlich über Ziel- und Füllewahrheiten zu streiten. Gott offenbart sie den Unmündigen und verbirgt sie vor Weisen und Verständigen (Matth. 11, 25). Wer wollte es wagen, Ihn darob zu tadeln? —
Die Logik, d. h. die Lehre von den Formen richtigen Denkens, ist für die natürlichen Dinge und ihre Beziehungen untereinander von unerlässlicher Wichtigkeit. Aber sie vermag nicht der göttlichen Wahrheit gerecht zu werden. Unsere Bibel ist ein durch und durch überlogisches, nach der Meinung der Welt unlogisches Buch. Darum ist auch das Wort vom Kreuz eine Torheit; nicht uns, die wir glauben, sondern denen, die verloren gehen (1. Kor. 1, 18-21).
Während die menschliche Logik auf einem starren “Entweder-Oder” beruht, gründet die göttliche Wahrheit auf einem überlogischen “Sowohl als auch”. Wenn wir diese Tatsache nicht erfassen, sondern unsere armseligen menschlichen Denkgesetze in den Lebensreichtum des Wortes Gottes hineinzutragen versuchen, so verschütten wir uns köstliche Zusammenhänge des Heils und der Herrlichkeit und werden zu finsteren, rechthaberischen Fanatikern, die aus der Lebensbotschaft der Liebe Gottes ein scharfes Richtschwert schmieden, mit dem sie blindwütend um sich schlagen. Oder glauben wir vielleicht, die Ketzerrichter und Ankläger bei den Hexenprozessen hätten ihr grausames Tun nicht biblisch begründet? Da wissen wir aber wenig von den Methoden Satans, der sogar dem Herrn gegenüber mit Schriftworten operierte!
Wo man nicht ganz klar erfasst hat und festhält, dass Gott der Allwirkende ist, ohne dessen Willen sich kein Stäublein im Weltall bewegt und die vorgeschriebenen Bahnen läuft, — dass aber andrerseits, solange wir im Fleische sind, unsre Treue und Liebe zum Herrn den heiligen Motor unsres Handelns in der praktischen Gestaltung unsres Lebens, Leidens und Liebens bildet, — solange wir nicht an diesen beiden logisch unvereinbaren Seiten festhalten, stehen wir in der Gefahr, aus dem Gleichgewicht der Wahrheit zu fallen, aus dem Kraftfeld der Mitte geschleudert zu werden, oder, um mit Luther zu reden, gleich einem betrunkenen Bauern auf der einen oder andern Seite des Pferdes herunterzurutschen. —
Gehen wir in die Schrift hinein und suchen wir das an einer Reihe von Zusammenhängen glaubend zu ergreifen und anbetend festzuhalten! Denn eine gewisse Spannung des Glaubens wird, solange wir uns hienieden im Niedrigkeitszustand befinden, immer da sein, immer da sein müssen! Wer das nicht sehen oder gar beseitigen will, wird unweigerlich nach der einen oder andern Seite entgleisen. Und davor bewahre uns der Herr in Gnaden!
1. Vom Tod Christi
In seiner großen Pfingstrede sprach der Apostel Petrus davon, dass Jesus “nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes übergeben (oder ausgeliefert)” worden war. Israel hat Ihn, gemäß diesem Ratschluss und der Vorherkenntnis Gottes, ans Kreuz geheftet und umgebracht (Apg. 2, 22.23).
Hier steht die menschliche Vernunft fassungslos vor der größten Heilstatsache. Jede irdische Logik muss hier versagen. Umsonst zergrübelt sich hier der Verstand der Verständigen. Suchen wir ganz klar zu sehen, wie der Tatbestand ist: zunächst hat Gott Selbst etwas beraten (wörtlich: ausgedacht, überlegt, erwogen, ersonnen, geplant, beabsichtigt oder beschlossen). Das, was in bezug auf Seinen Sohn kommen sollte, stand völlig unter Seiner “prognoosis”, Seinem Vorherplanen oder Vorherwissen. Und damit das ausgeführt werde, was Er vorher geplant und somit auch vorher gewusst hat, lieferte Er Seinen Sohn an Israel aus. Dieses, Sein geliebtes, wunderbar gerettetes, geführtes und bewahrtes Volk, ließ seinen König, der ihm in Seiner Erniedrigung nur Wohltaten erwiesen hatte und den niemand auch nur einer einzigen Sünde zeihen konnte, durch die Nationen zu einem schimpflichen Verbrechertod verurteilen und “durch die Hand von Gesetzlosen” umbringen!
Wie sinnlos erscheint das alles! Wie widerlich mutet das einen “denkenden und empfindenden Menschen” an! Hätte der Sohn Gottes nicht bei einem der großen Feste Seines Volkes an den Altar gehen und der versammelten Menge verkünden können: “Alle Opfer, die ihr bisher brachtet, waren nur Vorbilder und Schattenrisse des großen, stellvertretenden Sühnopfers, das Ich jetzt aus Liebe zu euch durch die Dahingabe Meines Lebens darbringe. Vor Grundlegung der Welt hat Mich euer Gott, Mein Vater, dazu verordnet und bestimmt, und Ich habe mit Freuden eingewilligt. Priester, nimm dein Schlachtmesser und opfere Mich für die Sünde der Welt!” Warum hat der Herr nicht so gehandelt? Das wäre doch ein heroisches, imponierendes Schauspiel gewesen! Ergriffen und bewundernd hätte das Volk seinen Messias erkannt und wäre, überwältigt von dem selbstlosen Opfer Seiner Liebe, anbetend vor Gott niedergesunken.
Statt dessen diese Schwachheit und Schmach, diese Qual und Not und Finsternis! Was soll das alles? So fragt menschliche Zweckmäßigkeit, erwägt irdischer Eudämonismus, d. h. jene philosophische Denkrichtung, deren treibende Kraft und deren einziges Ziel die menschliche Glückseligkeit um jeden Preis ist.
Der Glaube aber weiß, dass wir nur durch Leiden vollendet werden können. Zu höchsten Gotteszielen gelangt man nur durch tiefste Erdenwehen. Oder sollte sich Paulus getäuscht haben, als er den göttlichen Grundsatz enthüllte: “Wenn wir mitleiden (nämlich mit Christus und um Christi willen), so werden wir auch mitverherrlicht werden”, d. h. Seiner ganzen Herrlichkeit teilhaftig werden dürfen (Römer 8, 17b; 2. Thess. 2, 14). Und weil die Erretteten nur durch Leiden vollkommen werden, so gefiel es Gott wohl, auch den Urheber unsrer Errettung, unsern Herrn und unser Haupt, durch Leiden vollkommen zu machen (Hebr. 2, 10). Wer diese Linie missachtet oder schmäht, der betrügt sich selbst!
Wer war schuld am Tod Christi? Auf wessen Konto kommt das Verbrechen von Golgatha? Es gibt eine ganze Reihe von Antworten, von denen jede für sich richtig ist und doch nicht der ganzen Wahrheit entspricht.
War nicht Israel schuld am Tod seines Messias? Hatten nicht die Nationen durch ihre falsche Rechtsprechung den Herrn umgebracht? War nicht Satan der eigentliche Verursacher? Hat nicht der Sohn Gottes Sich Selbst freiwillig als Sündenträger vor Grundlegung der Welt dem Vater zur Verfügung gestellt? Oder hat nicht letztlich die Vaterliebe Gottes das alles vorher gewusst und gewollt? Und — ist nicht deine und meine Sünde die eigentliche und — menschlich gesehen — tiefste Ursache für den Tod Christi?
O selige Überlogik des Glaubens! Wie übertönt dein beglückendes, lösendes Wissen, dein gottgewirktes Begreifen die qualvolle Finsternis unsrer armseligen Erkenntnis, die nur die Oberfläche und Außenseite der Dinge sieht und nichts weiß von dem, was Gottes Herz so heiß erfüllt, bis dass es vollendet sei in strahlender Glorie!
2. Von der Überlogik des Gebetes
Ein wirkliches Glaubensgebet ist etwas, was den natürlichen Erkenntnissen menschlicher Einsicht durchaus unverständlich ist. Wie kann z. B. Gott auf etwas antworten, ehe Er darum gebeten wird (Jes. 65, 24)? Und wenn dem wirklich so ist, warum soll man Ihn da noch anrufen, da doch die Antwort schon da ist? Rein gedanklich sind diese Dinge unlösbar. Nur die “Torheit des Glaubens” erfasst sie. Der eitle, stolze Verstand der Klugen lächelt und spottet darüber, aber man zerbricht daran, wenn man im tiefsten Grunde aufrichtig ist.
Betrachten wir aus der Fülle biblischer Gebete, die uns etwas von der Überlogik göttlicher Wahrheit offenbaren, Römer 9, 1-3, jene ergreifende Bitte des Nationenapostels, die uns einen Einblick in diesen lodernden Feuergeist heiliger Liebe gewährt. Paulus schreibt dort: “Ich sage die Wahrheit in Christo, ich lüge nicht, indem mein Gewissen mit mir Zeugnis gibt in dem Heiligen Geiste, dass ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen, denn ich selbst, ich habe gewünscht, durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleische.”
Suchen wir zunächst einmal rein zeitgeschichtlich zu verstehen, was das heißen soll. Man könnte den 3. Vers sinngemäß in genauer Anlehnung an damalige Gepflogenheiten wohl so übersetzen: “Ich hatte mich durch ein feierliches Gelübde zu einem für immer von Christus losgelösten Fluchopfer geweiht.”
Was soll das heißen? Was will wohl der Apostel damit sagen? Sachlich liegt hier bei Paulus das gleiche vor wie in Apg. 23, 12, wo wir von den ihn hassenden und verfolgenden Juden lesen, dass sie sich verfluchten und sagten, dass sie weder essen noch trinken werden, bis sie Paulus getötet hätten. An beiden Stellen kommt das Wort “anathema” vor, das eigentlich ein den Mächten der Totenwelt dargebrachtes Weihegeschenk zur Aufhebung eines Fluches oder Segens bedeutet. Hinter solchen Dingen stecken weit tiefere und wesenhaftere Kräfte und Wirklichkeiten, als wir der wahren Lichtswelt entfremdeten und der Finsterniswelt unbewusst verfallenen Menschen zu ahnen vermögen. Nur soviel sei festgehalten: im Heidentum und Judentum bestand der Brauch, sich selber den Gewalten der Totenreiche als Fluchopfer oder Weihegeschenk darzubringen, um ein gewisses Rettungs- oder Verderbensziel zu erreichen. Wir wollen hier nicht darauf eingehen, wie stark Göttliches, Menschliches und Dämonisches hier verflochten ist. Nur eine Frage möchten wir in heiliger Keuschheit, in zitternder Furcht und Freude stellen: hat das nicht Christus Seinem Vater und der Finsterniswelt gegenüber zur Rettung des ganzen Alls in heiliger Hingabe getan? Hüten wir uns, vorschnell über Dinge zu urteilen, die wir nicht begreifen, sondern bleiben wir in der Demut eines Hesekiel, der, über die Möglichkeit der Wiederbelebung der toten Israeliten in der Wüste befragt, im Gegensatz zu unseren liberalen Theologen bescheiden antwortete: “Herr, Jehova, Du weißt es!” (37, 3).
Wer hatte solch klare und leuchtende Erkenntnisse der Gedanken unsres Gottes wie Paulus? Wem waren des Vaters letzte Ziele so völlig erschlossen, dass er sich Haushalter der Geheimnisse Gottes nennen durfte (1. Kor. 4, 1)? Und doch schreibt er in dem triumphierenden Hohelied der Sohnschaft, in Römer 8, die demütigen Worte: “Wir wissen nicht, was wir bitten sollen.” Da sind wir doch tüchtigere Leute als jener als Sektierer geschmähte und verfolgte Zeltmacher! Wir wissen ganz genau bis in alle Einzelheiten, wie alles verläuft; wir sind völlig im Bilde, wie viele Äonen es gibt, woher das Böse kommt, was der Tod ist und was er nicht ist, und vieles andere mehr. In solche Verlegenheiten, nicht einmal zu wissen, was wir beten sollen, kommen wir nicht. Die drei Wörtlein “ich weiß nicht”, die wir so manchmal buchstäblich oder sinngemäß aus Engel- und Menschenmund in Gottes heiligem Worte lesen, ja, die der Sohn Gottes bezüglich des Zeitpunktes Seines Wiederkommens Selber gebraucht, — diese demütigenden drei Worte haben wir aus unserm christlichen Wortschatz gestrichen. Wie viele wissen nicht nur alles, sie wissen auch alles besser als alle andern! Was sind wir doch für ein eitles, hochmütiges Geschlecht, das aus der Liebeskraft des Evangeliums ein Dogmenbuch kirchlicher, freikirchlicher oder sonstiger Prägung gezimmert hat, statt unsre Unwissenheit einzugestehen und täglich aufs neue der Gnade Seligkeit zu trinken! —
Der Apostel Paulus war, als er Römer 9 schrieb, von großer Traurigkeit und unaufhörlichem Schmerz darüber erfüllt, dass seine Volksgenossen das Heil in Christo von sich gestoßen hatten. Er war willens geworden, sich selbst von Christus lösen, wegschleudern, in den Bannfluch tun zu lassen, damit Israel gerettet werde.
Hatte nicht die gleiche Gesinnung Mose zu dem gleichen Vorschlag gedrängt, als er bat: “Vergib ihnen doch ihre Sünde! Wenn aber nicht, so tilge mich aus Deinem Buch, das Du geschrieben hast!” (2. Mo. 32, 32; Züricher Übers.) Und was bewog Jonas, sich ins stürmische Meer werfen zu lassen, um dadurch dem sicheren Tode preisgegeben zu sein? Nicht Trotz oder Unglaube, sondern die Liebe zu seinem Volk, das unter der Bedrohung Ninives litt und durch den Untergang dieser gottfeindlichen Weltmacht gesichert gewesen wäre.
Auf der einen Seite sieht Paulus die Pläne Gottes in einer Tiefe und Weite, in einer Schönheit und Klarheit, dass man darüber immer wieder nur staunen und anbeten und frohlocken kann. Und dennoch hat er gewünscht, sich den Mächten der Totenwelt als Weihegabe zu opfern, damit Israel vor ihrem Zugriff verschont bliebe. Dieser Wunsch hat nicht immer und ununterbrochen fortdauernd bestanden. Das gilt es festzuhalten! Aber eine gewisse Zeit beherrschte er sein Denken und Fühlen mit brennender Gewalt.
Anders verhält es sich z. B. mit der Einstellung zu den äußeren, irdischen Segnungen seiner Zugehörigkeit zu Israel. Diese hat er nicht nur eine Zeitlang für Verlust geachtet (Phil. 3, 4-7!), sondern er bleibt in dieser Stellung auch bezüglich der Gegenwart! Darum fährt er im 8. Vers fort: “Ja wahrlich, ich sehe noch alles als Verlust an um der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu willen, meines Herrn” (Übers. von P. Dr. Rösch).
Anders ist es in Römer 9, 1-3. Der brennende Wunsch, von Christus weggeschleudert zu werden, um Israel das sofortige Heil zu sichern, wich der klaren Erkenntnis und dem Durchblick der Gefangenschaftsbriefe, dass alles genau so kommen musste und gar nicht anders kommen durfte! Und aus der großen Traurigkeit und dem unaufhörlichen Schmerz wird bleibende Freude und ungetrübte Anbetung (Kol. 1, 24; Kol. 2, 17; Eph. 3, 20.21).
Wirkliches Gebet ist etwas durchaus Überlogisches; es erscheint unsrer Vernunft als Torheit und Schwärmerei, als Widerspruch in sich selbst. Wenn Gebet nur Bettelei wäre, so könnte das der natürliche Mensch noch begreifen; die Heiden wollen ja auch ihre Gottheiten, die in Wahrheit Dämonen sind, durch Gaben und Opfer oder durch List umstimmen, und der Jude will sich Jehova durch religiöse Leistungen geneigt machen. Immer geht es dabei zutiefst um die Sicherung des Ichs.
Gottgemäßes Gebet ist aber das gerade Gegenteil davon: es ist ein Sich-fallen-lassen, ein Lösen-lassen von sich selber, es ist das, was der gottinnige Mystiker Gerhard Tersteegen in die schlichten und doch so schönen und tiefen Worte kleidet:
“Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.”
O dass wir doch nicht nur Bittende und Flehende wären, auch nicht nur Fürbittende für andere, ja, nicht einmal nur Dankende für erfahrene Gnaden und Segnungen – obwohl wir das alles gar nicht oft genug sein können! — sondern solche, die der Vater sucht, weil Er ihrer so wenige findet (Joh. 4, 23): Anbeter in heiligem Schmuck. Wem das Herz für dieses Hochziel der Liebe Gottes brennt, dem wird es gewiss auch geschenkt werden. Denn der die Seele dürsten machte, stillt auch ihren Durst einmal”! —
3. Stellung und Zustand der Glaubenden
Der Geist bildet den Körper. Jedes Gefäß wird durch seinen Inhalt bestimmt und mehr oder weniger gestaltet. Edlen Wein trinkt man nicht aus alten Blumenvasen und Sauermilch nicht aus geschliffenen Kristallgläsern. So verhält es sich auch in viel tieferer und köstlicherer Weise mit unserm Geistes-, Seelen- und Leibesleben. Sie bedingen und bestimmen einander. Darum erwartet auch die Welt mit Recht, dass ein Mensch, der von Gott spricht und Bibelworte im Munde führt, auch unanstößig und vorbildlich wandelt.
Nun ist es aber eine tiefe Tragik, eine demütigende Not, dass der hohen Stellung, in die wir nach Gottes Plan und Willen durch den Glauben versetzt sind, unser Zustand, d. h. unsre äußere Darstellung im täglichen, praktischen Leben durchaus nicht immer entspricht. Es gibt Fromme, die von Liebe sprechen und singen, beten und schreiben und dabei die größten Egoisten sind, die man sich denken kann. Oder man redet von der Reinheit Jesu und dem Geheiligtsein unsres Lebens und ist dabei innerlich von der Sünde durch und durch vergiftet. Wieder andere proklamieren die Armut Christi und suchen auf alle nur erdenkliche Art und Weise sich zu bereichern. Das ist erschütternd und beschämend zugleich. Was sollen wir dazu sagen?
Wir wollen versuchen, in diese Dinge Licht fallen zu lassen, indem wir drei Thesen und Antithesen, drei biblische Wahrheiten und ihr scheinbares Gegenteil aus der johanneischen und paulinischen Briefliteratur anführen. Diese Zusammenhänge werden dem Unglauben immer unlogisch und widerspruchsvoll erscheinen, während der Glaube sie frohlockend fassen darf, da er durch sie köstliche Lösungen und Entspannungen seelischer und geistig-geistlicher Art erfährt.
Lesen wir zunächst 1. Joh. 3, 9; 1, 8: “Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist … Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.” Bilden diese Worte, nebeneinandergestellt, nicht einen kaum zu lösenden Widerspruch? Gewiss, man kann mit allerhand dialektischen Kunstgriffen theologischer, philologischer und psychologischer Art diese beiden Zeugnisse unter einen Hut bringen. Und dennoch wird dem aufrichtigen und demütigen Bibelleser immer ein ungelöster Rest übrigbleiben, der verhindert, ja, der wohl nach Gottes weiser Absicht verhindern soll, dass das leuchtende beseligende Gut der Heilsgewissheit zur trägen, pharisäischen Heilssicherheit wird.
Es ist ja so einfach, aus dem uns bewegenden und erregenden Spannungsfeld der Mitte auf einen völlig gesicherten “Standpunkt” eines kirchlichen, freikirchlichen oder sonstigen Dogmas zu flüchten, um ganz unangefochten in spießbürgerlicher Ruhe und Behaglichkeit ein frommes Leben zu leben. Wie peinlich und ärgerniserregend ist es hingegen, geistlicherweise “von Fass zu Fass geschüttet” zu werden und “in Gefangenschaft zu ziehen” (Jer. 48, 11a). Da ist es doch ratsamer, nach väterlicher Weise den bleibenden Geschmack und unveränderten Geruch vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte zu bewahren (Jer. 48, 11b)!
Doch kehren wir zu unsern beiden Johannesstellen zurück: ohne Zweifel ist das “Sünde-tun” von Kap. 3, 8.9 etwas anderes als das “Sünde-haben” von Kap. 1, 8! Wir sind, solange wir im Leibe des dem Gesetz der Sünde und des Todes unterworfenen Fleisches leben, von der Gegenwart und Möglichkeit der Sünde ununterbrochen bedroht. Aber in Christo Jesu haben wir durch den Glauben die Fähigkeit, uns der Sünde für gestorben zu halten, so dass für den Glaubenden die Notwendigkeit der Sünde gebrochen ist. Ganz einfach gesagt, ist der Sachverhalt so: wir können jederzeit sündigen, aber wir müssen nicht mehr sündigen, denn Jesus ist Sieger! Wir haben Sünde, d. h. die Anlage zur Sünde ist und bleibt in uns, solange wir hienieden sind, aber wir brauchen die Sünde nicht mehr zu tun! Haben wir nicht oft nach der positiven oder negativen Seite diese Erfahrung gemacht? Wurden daraus nicht höchste Beseligungen des Geistes oder tiefste Demütigungen der Seele geboren?
Oder lesen wir 2. Kor. 6, 9.10: “Wir erweisen uns als Gottes Diener … als Verführer und Wahrhaftige, als Unbekannte und Wohlbekannte, als Sterbende und siehe, wir leben, als Gezüchtigte und nicht getötet, als Traurige, aber allezeit uns freuend, als Arme, aber viele reich machend, als nichts habend und alles besitzend!” In sieben Stücken und Gegenstücken zählt Paulus die Beweise für unsre Gottesdienerschaft auf. Wie beurteilt man uns, und wer sind wir wirklich? Was hielt man eigentlich von Paulus und wie schätzt man heute noch diejenigen ein, die innerlich wesenhaft mit ihm einer Gesinnung sind, die, wenn man so sagen darf, seines Geistes teilhaftig wurden? Was da nebeneinandergestellt und im gleichen Atemzug von dem Apostel und seinen ihm gleichgesinnten Mitarbeitern ausgesagt wird, ist derart unlogisch, ist so ungereimt, dass man den Kopf schütteln muss, wenn man diese Spannungen noch nicht selber durchlebt und durchlitten hat, noch nicht durch sie hindurchgestorben ist zur Ehre seines Gottes.
Wir sind Verführer oder Irrsterne (griech.: planoi) und doch Wahrhaftige, oder Wesenhafte; sind Unbekannte und dennoch wohlbekannt (unbekannt in der sichtbaren, jedoch wohlbekannt in der unsichtbaren Welt!); gelten als Sterbende (Absterbende oder solche, die hingerichtet werden, vgl. Römer 8, 36b!) und sind doch Lebende, d. h. Menschen, die Gottes ureignes Leben in sich tragen; werden geachtet als Gezüchtigte oder wie solche, die man als unartige Kinder behandelt, und doch kann niemand das in keinen erschaffenen Wesen, sondern nur in uns neugezeugte Gottesleben ertöten; wir sind Traurige (Betrübte oder Geärgerte, Beunruhigte oder Gekränkte) und dennoch Freudige (Glückliche oder Wohlbehaltene); scheinen arm (armselige Bettler!) zu sein und sind doch Plutokraten göttlicher Reichtümer, die viele reich machen; gelten als Besitzlose, die gar nichts ihr eigen nennen, und dabei besitzen oder leiten, gewinnen oder bezähmen, beherrschen oder vollenden wir das All! (Diese verschiedenen Bedeutungen hat das im Urtext stehende Wort “katechoo”.)
Hier kann der Glaube nur gebeugt und beglückt Jauchzen und anbeten und “Abba, lieber Vater!” stammeln, während der Unglaube verwundert und entrüstet den Kopf schüttelt ob solcher schwärmerischen, sich selbst widersprechenden Behauptungen. Ja, so ist es: so niedrig und armselig unser Zustand in unsern eignen Augen und im Urteil der uns umgebenden Welt sein mag, – unsrer Stellung nach sind wir längst vollendet in Christo, sind Söhne des lebendigen Gottes und Erben des Alls.
Noch ein anderes Pauluswort von unerhörter Spannweite sei in diesem Zusammenhang angeführt: 1. Kor. 4, 1. Dort lesen wir: “Dafür halte man uns (oder: so schätze man uns ein): für Unterruderer Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes.” Unterruderer waren Galeerensträflinge, die, an ihren Schiffsplatz angeschmiedet, ihren mühseligen, erschöpfenden Sklavendienst tun mussten. Sie leisteten wohl die entnervendsten und mörderischsten aller Zwangsarbeiten, die Verbrecher zu leisten gezwungen waren.
Und diese dem Tode geweihten Unterruderer waren zugleich Haushalter der Geheimnisse Gottes! Wie ist das möglich? Sollten die Vertreter Gottes und Christi nicht geehrt und geschmückt werden, mit Würde und Hoheit bekleidet sein? Sollen nicht schon Älteste einer kleinen Ortsgemeinde “doppelter Ehre würdig geachtet” werden (1. Tim. 5, 17)? Wieviel mehr einer, dem der große, gewaltige, wunderbare Gott Seine eignen Geheimnisse anvertraut und ihn darüber zum Verwalter setzt!
Hier sehen wir wieder etwas von der Torheit menschlichen Denkens. Lesen wir einmal aufmerksam 1. Kor. 12, 22-25 nach! Da erkennen wir voll Staunen und Verwunderung, was von dem eigentlichen Wert solcher Leute zu halten ist, die “mit reichlicherer Ehre” oder “überragender Rangstellung” ausgestattet sind! Das edle Antlitz und die freie Stirn, das klare Auge und das wohlgebildete Werkzeug unsrer Hände brauchen wir nicht schamhaft zu verhüllen. Sagt nicht Lessing in “Minna von Barnhelm” so treffend: “Wenn wir schön sind, sind wir ungeschmückt am schönsten”?
Den nackten Körper und die “nichtanständigen” oder “unehrenvollen” Glieder jedoch bedecken und bekleiden wir, “umgeben sie mit reichlicherer Ehre” (Vers 23).
Und warum das? Schier unglaublich ist die Begründung in Vers 25: “auf dass keine Spaltung in dem Leibe sei”. Wenn die an und für sich unehrenhaften Glieder nicht geehrt und geschmückt, gelobt und belohnt und bewundert werden, so laufen sie weg und trennen sich von den andern. Damit sie aber nicht beleidigt sind, wenn sie nicht auf ihre Kosten kommen, nicht weglaufen und so eine Spaltung anrichten, wird diesen “Mangelhaften reichlichere Ehre zuteil”. Kleinen Kindern gibt man eine Blechtrompete, und Wichtigtuer lässt man eine Rolle spielen, damit sie zufrieden sind. Wer aber innerlich reich ist in Christo, wer wirklich gesegnet und gesättigt ist durch den Liebesumgang und die Lebensgemeinschaft mit Gott, der braucht nicht Ehre und Anerkennung, Gunst und Gaben von Menschen. Nur wer an inneren Segnungen ärmer ist und dadurch Mangel leidet, dem wird äußere Ehre zuteil.
Das ist schon im Irdischen so! Menschen, die sich wie ein Pfau aufputzen, mit Schmuck behängen, immer elegant nach der neuesten Mode gekleidet sein müssen, haben wenig oder keine inneren Werte. Wer aber ein tiefes, inneres Geistesleben hat, dem ist das Irdische ziemlich Nebensache. Er prahlt nicht mit Nachlässigkeit in Kleidung und Benehmen, sondern geht schlicht in der inneren Glückseligkeit seiner Berufung seinen Weg. Er hat wirklich an Christus genug. Dass wir das doch einmal sehen und daraus lernen könnten! Oder wollen wir warten, bis wir vor der Preisrichterbühne des Christus beschämt werden?
O heilige Überlogik der Gnade! Arme und Verachtete, Narren und Toren in den Augen oder Welt sind die wirklichen Haushalter der Gottesgeheimnisse, die Träger tiefster und höchster Segnungen und Gnadenwunder im Weltenall! Denn das Törichte und Schwache, das Unedle und Verachtete, die Nichtse und Nullen hat Gott erwählt (1. Kor. 1, 27.28; 5. Mose 7, 6-8).
Und doch muss in diesem Zusammenhang mit heiligem Ernst und Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass man daraus keinen Freibrief für das Fleisch machen darf, wie das gar manchmal geschieht. Mit Recht sagt C. H. Spurgeon: “Die Tatsache, dass Gott die Törichten dieser Welt erwählt hat, bedeutet keineswegs, dass sich nun die Erwählten so töricht wie möglich benehmen sollten!” Eph. 1, 4 lehrt sehr klar, dass wir auserwählt sind “in Christo”, damit wir heilig und tadellos seien “vor Christo”. Unser vorweltlich bewirktes unantastbares Sein, also unsre Stellung, ist “in Christo”, aber die damit verbundene und sich daraus ergebende Zweckbestimmung besteht darin, dass unser Wandel oder unsre Darstellung dessen, was wir wirklich sind, “vor Christo” hier auf Erden sei. Nur die Überlogik des Glaubens fasst die köstliche innere Einheit dieser scheinbar so unvereinbaren Seiten unsres Heils.
4. Die Verbindung der Geschöpfe mit Gott
In Eph. 2 lesen wir, dass wir von Natur aus “tot in Sünden” und “ohne Gott in der Welt” sind, und der Herr sagt in Joh. 8 den frommen Juden, die vom Samen Abrahams waren und sich darauf beriefen, dass Gott ihr Vater sei, sie seien aus dem Vater, dem Teufel.
Das Wort Jesu in Matth. 7, 22.23 muss uns geradezu mit Bestürzung erfüllen. Es ist nicht damit getan, dass man überlegen lächelnd abwinkt und erklärt: “Das ist Reichslinie, das geht uns nichts an!” Wer nicht mehr den heiligen Ernst des ganzen Wortes Gottes auf sich wirken lassen will, der steht trotz, ja, vielleicht gerade wegen seiner vermeintlich höheren Erkenntnis in der Gefahr, in einen Verstockungsprozess zu geraten. Täuschen wir uns nicht! Wohl gilt es, Königreich und Gemeinde des Christusleibes klar zu unterscheiden; ohne Zweifel dürfen wir Verheißungen, die Israel gelten, nicht ohne weiteres auf uns beziehen; doch dabei wollen wir nicht vergessen, dass “alle Schrift, von Gott eingegeben, nütze ist zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt” (2. Tim. 3, 16.17).
Dass unter dem “Menschen Gottes” zunächst der aus Haupt und Gliedern bestehende Christus Gottes zu verstehen ist, darüber hinaus jedoch jeder Mensch, der mit Gott irgendwie in Lebensbeziehung steht, sei nur am Rande vermerkt. Und diesen Menschen Gottes dienen nicht nur die Gefangenschaftsbriefe des Paulus oder nur einige wenige Teile aus diesen, wie etliche vermuten, sondern vielmehr “alle Schrift”! Also dient zu unsrer Überführung (wörtlich: elengmos = Entlarvung) und Zurechtweisung (griech.: epanorthoosis = Wiederherstellung) auch die sicherlich in erster Linie auf Israels Königreich zielende Bergpredigt und ihre ernste Mahnung: “Viele werden an jenem Tage zu Mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch Deinen Namen geweissagt und durch Deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch Deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde Ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals erkannt, weichet von Mir, ihr Übeltäter!”
Man kann also, ganz allgemein gesagt, durch den Namen Jesu geweissagt, Dämonen ausgetrieben und viele Wunderwerke getan haben und dennoch einer sein, der nie in wirklicher Lebensverbindung mit dem Herrn stand. Es ist also durchaus möglich, dass man glaubt, eine Art besonders begnadeter Vorzugsstellung eingenommen zu haben und mit großer Vollmacht ausgerüstet gewesen zu sein, und man hat dabei dennoch ohne wirkliche Liebesgemeinschaft mit dem Herrn gelebt. Ob als Heide, Jude oder Christ, ob als Gesetzesmensch, Königreichsuntertan oder auf der Gemeindelinie, – davon wollen wir hier nicht reden.
Das ist aber nur eine Seite; wir haben es hier nur mit dem einen Brennpunkt oder Ellipse zu tun, in deren Mitte das gottgegebene Spannungsfeld unsres Glaubenslebens liegt. Deshalb müssen wir auch den zweiten Brennpunkt beachten. Das gilt natürlich nur für die Zeit unsres Lebens im Leib der Niedrigkeit auf unserm Werdewege. In der Vollendung gibt es keine Spannungen mehr, kein Sowohl-als-auch, keine Gefahr, das göttliche Gleichgewicht preiszugeben oder heilige Schwerpunkte zu verlagern. Doch solange wir noch hienieden sind, ist das alles durchaus noch der Fall. Man braucht nur ein wenig von dem zu wissen, was man Kirchengeschichte nennt, braucht nur einmal in die christlichen Kreise hineinzuschauen, um etwas zu sehen und zu spüren von den Kämpfen und Nöten, den Schwankungen und Entgleisungen auf der einen Seite und der angemaßten, oft geradezu frechen Sicherheit auf der andern Seite, um über diese Dinge zu erschrecken und sich tief darunter zu beugen, wie es alle Geistesmenschen aller Zeiten immer wieder auch getan haben und tun.
Der zweite Brennpunkt, den man niemals aus dem Blickfeld lassen darf, lautet etwa so: alles, was Gott je ins Dasein rief, steht unentrinnbar in Seinen heiligen Retterhänden. Mit allem und allen kommt Er zu Seinen schon längst vor den Äonen festgesetzten Heils- und Herrlichkeitszielen. Nichts und niemand im ganzen weiten Weltenall vermag Ihn daran zu hindern. Sagt doch die Schrift, und sie kann auch in diesem Punkt nicht umgestoßen oder aufgelöst werden, dass der Herr alles (und nicht nur einen kleineren oder größeren Teil!) tut, was Ihm wohlgefällt, und zwar in den Himmeln, auf der Erde, in den Meeren und in allen Tiefen. Erst wenn wir gründlich und lernwillig anhand des Wortes Gottes erforscht haben, was “alle Tiefen” sind, dann können wir uns, menschlich gesprochen, entscheiden, ob wir glauben wollen, was Gott sagt, oder ob wir Ihn durch Misstrauen und Unglauben zum Lügner machen wollen (Ps. 135, 6).
Aber woran hat denn Gott Wohlgefallen? Hat Er Wohlgefallen am Tode des Gottlosen oder nicht vielmehr daran, dass der Sünder sich bekehre und lebe? Nicht endlose Qual oder Auflösung ins Nichts, sondern Rettung und Leben ist Gottes Hochziel für die Sünder. Und was Gott will, das tut Er! Ja, Er und nur Er, und nicht der Sünder, der ja weder wollen noch vollbringen kann! Doch soll man über Gottes Vermögen oder angebliches Unvermögen nicht streiten, denn auch der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
Was sagt Paulus in Athen bezüglich des Verhältnisses der Menschheit zu Gott? “Er (d. i. Gott) hat aus einem Blut jede Nation der Menschen gemacht, um auf dem ganzen Erdboden zu wohnen, indem Er verordnete Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung bestimmt hat, dass sie Gott suchen, ob sie Ihn wohl tastend fühlen und finden möchten, obgleich Er nicht fern ist von einem jeden von uns. Denn in Ihm leben und weben und sind wir, wie auch etliche eurer Dichter gesagt haben: ‘Denn wir sind auch Sein Geschlecht.’ Da wir nun Gottes Geschlecht sind, so sollen wir nicht meinen, dass das Göttliche dem Golde oder Silber oder Stein, einem Gebilde der Kunst und der Erfindung des Menschen, gleich sei” (Apg. 17, 26-29).
Was sind das für gewaltige Worte, die so gar nicht in unsre herkömmlichen frommen Gedankengebäude passen! Da lesen wir zunächst, um nur einige wenige grundlegende Wahrheiten herauszugreifen, dass die Zeiten und Grenzen der Wohnungen der Nationen von Gott verordnet (zugeteilt, festgesetzt oder zugewiesen) sind. Damit ist jede Gewaltpolitik, die so unsagbar viel Weh und Jammer über die gequälten Völker brachte, als sinnlos und gottwidrig verurteilt. Und der Glaube braucht irdische Machthaber nicht mehr zu fürchten und vor ihnen zu zittern. Denn alle Zeiten des Glanzes und des Elendes des Einzelnen und der Nationen, die Erweiterungen und Verengerungen aller Landesgrenzen und selbst die damit verbundenen Massenvertreibungen und Völkerwanderungen sind zutiefst von Gott verordnet. Nicht als ob Er Wohlgefallen daran hätte! Keineswegs entspricht das Seinem heiligen “Lustwillen”! Er wird gewisslich dieser Dinge wegen richten und erstatten, strafen und lohnen zu Seiner Zeit und auf Seine Weise. Aber zutiefst hält Er alles und alle nach Seinem weisen Plan in heiligen, allmächtigen Händen. Das gilt es immer wieder im Glauben und in der Danksagung zu ergreifen.
Gott hat die Menschen auf die Erde gesetzt, damit sie Ihn suchen. Wer das nicht tut, der ist oder wird böse in Seinen Augen. Lesen wir nur etwa 2. Chron. 12, 14: “Rehabeam tat, was böse war, denn er richtete sein Herz nicht darauf, den Herrn zu suchen.” Oder vergleichen wir damit Römer 1, 18-32! Dabei ist es gar nicht schwer, Gott zu finden, da Er uns doch immer nahe ist (Apg. 17, 27b).
Und dann sagt Paulus etwas, was ihm manche übel angekreidet haben, da es gar nicht in ihr erlerntes Dogma passen will: er bezieht sich auf weltliche Dichter (es handelt sich um Zitate aus Werken von Aratus und Kleanthes) und bezeugt: “Wir sind auch Sein (d. i. Gottes) Geschlecht.”
Mit dem “wir” sind die noch nicht erretteten Griechen, die noch in Gottesferne und Blindheit, in Sünden und Lastern lebenden Nationen gemeint. Das mit Geschlecht übersetzte Wort “genos” heißt soviel wie Geburt oder Art, Abstammung oder Verwandtschaft. Wir wollen uns an einem alttestamentlichen Gottesnamen klarzumachen versuchen, was das bedeutet. Einer der sieben hebräischen Namen Gottes lautet El-elyon = der Allerhöchste. Elyon heißt soviel wie ein Oberster gleicher Gattung. Wenn z. B. bei dem Bäcker, der mit Joseph im Gefängnis war, der oberste der drei Körbe, die er auf dem Haupte trug, bezeichnet wird, so wird das gleiche Wort elyon gebraucht. Der oberste Korb war nicht anders als die beiden unteren, er war nur der oberste, der höchste, der ganz obenauf stand.
Genau so spricht Gott von Israel, das Er zur obersten oder höchsten aller Nationen machen will (5. Mose 26, 19). Es wird ein Volk sein wie die andern auch, aber nicht mehr wie seither das unterste, geschmähteste, verachtetste, sondern das oberste, das gefürchtetste und geehrteste.
Ebenso verhält es sich mit David. Er soll der höchste, der oberste, der elyon der Könige der Erde werden, da er ja ein Vorbild auf Christus darstellt (Ps. 89, 27).
So sehen wir beides: auf der einen Seite ist Gott immer “der ganz Andere”: Er ist Licht und Liebe, und wir sind Finsternis und Hass; Er ist voll Gnade und Erbarmen, und wir sind voll Bosheit und Selbstsucht; Er ist Geist, und wir sind Fleisch; Er ist das Leben, und wir sind Sterbende; Er ist allwissend und allgegenwärtig, und wir sind blind und dumm und gleichen eingekerkerten Sträflingen; fürwahr: Gott ist ganz anders als wir!
Und dennoch sind wir Seines Geschlechtes, Seiner Art, Seiner Abstammung! Wir sind Geschöpfe Seiner Hand und darum ein Gegenstand Seiner Sehnsucht, wie wir in Hiob 14, 15 lesen: “Du würdest Dich sehnen nach dem Werke Deiner Hände.” Wir sind in Ihm, und Er ist in uns. Denn ehe wir in Christo Jesu waren, waren wir in Ihm, wie geschrieben steht: “Aus Ihm (d. i. aus Gott) seid ihr in Christo Jesu” (1. Kor. 1, 30a).
Sobald wir eine dieser beiden Seiten unterschlagen oder überbetonen, geraten wir in eine gefährliche Schwerpunktsverlagerung und stehen in der Gefahr, Sektierer und Fanatiker zu werden. Daraus werden oft endlose Streitereien geboren, die dazu führen, dass man sich gegenseitig als Irrlehrer brandmarkt, so dass die Welt mit Recht auf uns deutet und sagt: “Seht einmal diese Frommen an! Sie predigen Liebe und bekämpfen sich; sie verkündigen, dass Gott alle versöhnt hat und sind unter sich unversöhnlich! Das beweist doch, dass all das, was sie wollen und treiben, Unsinn und Selbstbetrug ist!”
Gott schenke es uns, auch in diesem Stück im heiligen Gleichgewicht der Gesamtwahrheit zu bleiben, das göttliche “Sowohl-als-auch” zu beachten und die Schrift heilig und sorgfältig zu teilen, damit wir uns dereinst nicht als “unbewährte Arbeiter” schämen müssen (2. Tim. 2, 15)!
5. Der Heilsweg des Einzelnen
Was muss man tun, um errettet zu werden? Das ist die große Zentralfrage, die jeden Menschen einmal bewegt und erregt. Wohl dem, der darin ausharrt, bis ihm die Lösung wird! Die einfache Antwort lautet: “Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du errettet werden, du und dein Haus!” (Apg. 16, 31). Nun ist der Glaube ohne jeden Zweifel eine Tat Gottes ohne die geringste Mitwirkung des Geschöpfes. Nur diejenigen werden errettet, die “zum ewigen Leben verordnet”, “in einer bestimmten Reihenfolge einrangiert sind” oder “nun an die Reihe kommen” (Apg. 13, 48).
Lehrt nicht Eph. 2, 8-10 sehr klar und unzweideutig: “Durch die Gnade seid ihr gerettet mittelst des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, auf dass niemand sich rühme. Denn wir sind Sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, auf dass wir in ihnen wandeln sollen.” Wo bleibt da noch Raum für das Tun des Menschen? Wer könnte sich da “seiner Bekehrung” rühmen? Alles ist Gottes Wirken, ist einzig und allein Sein Tun. Selbst unser Glaube, d. h. unser Ja-sagen und Zugreifen, ist ein Gottesgeschenk! Ja, Er hat sogar die guten Werke, die wir ja gar nicht tun sollen, sondern in denen wir nur zu wandeln brauchen, zuvor bewirkt!
Lasst uns ein schlichtes, geradezu törichtes Bild gebrauchen, das selbst ein Kind begreifen kann, um uns diese wunderbare Wahrheit verständlich zu machen. Da muss einer verreisen und überlegt sich, dass er dazu wohl am besten die Eisenbahn benützt. Sagt er sich nun etwa: “Wenn ich mit der Eisenbahn fahren will, so bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mir zuerst eine zu bauen”? Keineswegs! Die Bahn ist schon längst gebaut, er braucht nur einzusteigen, dann trägt sie ihn als ein “lebendiger Weg” ans Ziel.
So ist es auch mit uns. Unser Heil ist längst bereitet, unsre Herrlichkeit und Vollendung sind längst garantiert; unser Auferstehungs-Lichtsleib ist längst bereitgelegt (2. Kor. 5, 1.2). Worum wollen wir uns denn noch sorgen? Sollen wir vor der Mühsal des Weges bangen? Christus ist der neue und lebendige Weg (Hebr. 10, 20), durch den wir Freudigkeit haben, Gott allezeit zu nahen. In der frohen Zuversicht des Glaubens dürfen wir wissen, dass wir in Christo, unserm Haupt, vollendet oder zur Fülle gebracht sind (Kol. 2, 10), dass wir in Ihm mitauferweckt und mitversetzt sind in die Himmelsregionen oder inmitten der Himmelswesen (Eph. 2, 6) und dass unser ureigentliches Leben unantastbar mit dem Christus in Gott verborgen ist (Kol. 3, 3).
Was wollen wir mehr? Gibt es eine zuverlässigere Sicherung in dieser Welt der Unsicherheit und der Furcht? Ganz gewiss nicht! Und dennoch besitzen wir das alles erst im Geist. Wir haben es wirklich und wesenhaft, – und dennoch vorerst nur im Glauben! Sonst wären ja alle Mahnungen und Ermunterungen der Briefe, auch der Füllebriefe, nichts anderes als überflüssige, leere Luftstreiche, frommes, moralisches Gerede, das gar nicht nötig wäre! Und das behaupten manche mehr oder weniger offen! Das bedeutet aber eine Einseitigkeit, die in ernste Gefahren führt. Wer das heilige “Wiederum stehet geschrieben!” nicht beachtet, der entgleist. Solange wir im Fleische leben und in den gegenwärtigen Kosmos der Versuchung, der Bosheit und der Mühsal hineinverwoben sind, steht alles auf dem göttlichen “Sowohl-als-auch”. Keine Seite hebt die andere auf; unsre Vernunft mit ihrer hochmütigen Menschenlogik kann hier nur Unheil anrichten.
Stellen wir, um das nochmals zu erhärten, zwei Zeugnisse bezüglich unsrer Errettung nebeneinander: Titus 3, 4.5a und 1. Tim. 4, 16. Das erste Schriftwort lautet: “Als die Güte und Menschenliebe unsres Rettergottes erschien, errettete Er uns, nicht auf dem Grundsatz von Werken, die in Gerechtigkeit wir getan hätten.” Wenn wir den vorhergehenden 3. Vers noch dazu lesen, so wird die Ausschließlichkeit der Rettungstat Gottes noch begreiflicher und eindringlicher. Wir waren einst unverständig, ungehorsam, gingen in der Irre, dienten mancherlei Lüsten und Vergnügungen und führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend. Wohlgemerkt: Paulus sagt nicht: “So waret ihr sondern: “So waren wir!” Er rechnet sich dazu. Wo ist da das edle Gottsuchertum, der reine Idealismus, der göttliche Goldgrund des natürlichen Menschen? Davon ist nichts, aber auch gar nichts da, wie denn auch der Apostel an andrer Stelle bezeugt: “In mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes.”
Unsre Lage ist von Natur aus trostlos, aussichtslos, völlig verzweifelt. Wir sind tot in Sünden, richten bewusst oder unbewusst unsre Lebensgestaltung nach dem Äon dieses Kosmos ein und unterstehen, ob wir es wissen und wollen oder nicht, der Wirksamkeit des Fürsten der Gewalt der Luft (Eph. 2, 1.2). Erst der grundstürzende Hereinbruch des “Gott aber” bringt die Wende, die Rettung, das Heil (Vers 4)!
Grund dafür ist Seine Barmherzigkeit; und nur “Seine viele Liebe” drängte und trieb Ihn, uns Tote lebendig zu machen, aus Gnaden zu erretten und uns inmitten der Himmelswesen oder -welten zu setzen (Vers 5 und 6). Was sollen wir dazu sagen? Da kann man nur staunen, schweigen und anbeten.
Was uns Paulus im Epheserbrief in manchen köstlichen Einzelheiten sagt, fasst er in seinem Schreiben an Titus in die Worte zusammen: “Er errettete uns nach (oder gemäß) Seiner Barmherzigkeit.” Irgendwelche Werke unsrerseits kommen dabei in keiner Weise in Betracht.
Nun folgern manche aus diesen herrlichen Heilstatsachen, dass der Mensch nur eine Schachfigur sei, sich nur willenlos hin- und herschieben lassen müsse, da er ja doch gar nichts beitragen könne zu seinem Heil, das er weder bewirkt habe noch in seiner längst zuvorbestimmten Vollendung verhindern könne.
Das alles ist in gewisser Beziehung richtig. Und dennoch redet die Schrift ganz anders als solch ein einseitiges Denken mit seinen allzumenschlichen Schlussfolgerungen!
Lesen wir statt vieler paulinischer Ermahnungen aus den Füllebriefen nur das obengenannte Timotheuswort in I, 4, 16. In diesem Zusammenhang, der ausdrücklich auf die Letztzeit zielt, in dem ferner Gott als der Retter aller Menschen ganz klar bezeugt wird (bedenken wir auch, dass der 13. Vers, symbolisch gesehen, von der Wiederkunft des Herrn redet!), ermahnt und ermuntert der Apostel seinen getreuesten Mitarbeiter, dem er sein ganzes Herz erschloss: “Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Dingen; denn wenn du dieses tust, so wirst du sowohl dich selbst erretten als auch die, welche dich hören.”
Wie können wir auf uns selbst achthaben? Wir vermögen uns doch nicht in dieser Welt der Bosheit und Finsternis, in der viele Menschen nichts anderes sind als ein Spielball der Dämonen, selber zu bewahren! Oder kann denn ein hilfloses Kind, das kaum laufen kann, im Großstadtverkehr auf sich selbst achtgeben? So sagen viele und haben recht.
Und dennoch zeigt uns Gottes Wort auch die Seite menschlicher Verantwortlichkeit, so sehr auch manche aus leicht durchschaubaren Gründen jede Verantwortung und Rechenschaft des Menschen ablehnen.
Doch nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Lehre, das Vermitteln und Darreichen göttlicher Heilstatsachen, soll Timotheus achthaben (prosechoo = ein Schiff sicher zu einem bestimmten Ziel führen)! Wer etwas weiß von den nicht endenwollenden Lehrstreitigkeiten selbst zwischen treuesten und selbstlosesten Gläubigen, wird begreifen, dass das eine schier unmöglich zu erfüllende Forderung ist.
Aber das für uns Unfassbarste ist dies: erst wenn wir uns selbst und die Lehre bewahren, vermögen wir uns persönlich und die uns Hörenden (oder: die uns Gehorchenden) zu erretten! Wer göttliche Wahrheiten vereinseitigt und überspitzt (und dazu neigen wir sehr stark mit unserm schablonenhaften, philosophisch erstarrten Denken, das von der satten, farbigen Bildersprache und dem lebensmäßigen Einfühlen des Orients so blutwenig hat und versteht), muss entschieden ablehnen, dass man sich und andre erretten kann (soozoo = retten, befreien, erlösen oder glücklich ans Ziel bringen).
Hier sehen wir wieder etwas von der Überlogik göttlicher Wahrheit. Wohl tut Gott alles, tut Er alles allein, das meiste ohne unser Wissen und Wollen, oft sogar gegen unsre Absicht (denken wir nur etwa an Paulus vor Damaskus!), — und dennoch vergewaltigt Er uns nicht, wertet und benützt Er uns als sittliche Persönlichkeiten, die Er Selber dadurch zu solchen macht, dass Er Seinen Geist und Seine Gesinnung in uns hineinlegt und uns nicht nur gleich leblosen Schachfiguren nach Seinem eignen Belieben hin- und herschiebt!
Darüber zu streiten ist zwecklos; der lebendige, in der Liebesgemeinschaft mit dem Vater wurzelnde Glaube versteht und ergreift, genießt und verwaltet diese Dinge, ohne sich in fruchtlose theologisch-philosophische Disputationen einzulassen. Gott schenke uns, in so enger Liebesbeziehung mit Ihm durch Christus zu stehen, dass wir in heiliger Einfalt das Wort der Schrift mit all seinen wunderbaren, lösenden und beseligenden Kräften fassen dürfen und uns nicht einer der Vorwürfe trifft, der so viele gelehrte und ungelehrte religiöse Idealisten bedroht: “Die das Gesetz handhabten, kannten Mich nicht” (Jer. 2, 8), und “Ihr erforschet die Schriften, denn ihr meinet in ihnen ewiges Leben zu haben … doch zu Mir wollt ihr nicht kommen!” (Joh. 5, 39.40). —
6. Diener Gottes und Christi
In Römer 15, 29-32 lesen wir: “Ich weiß, dass, wenn ich zu euch komme, ich in der Fülle des Segens Christi kommen werde. Ich bitte euch aber, Brüder, durch unsern Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir zu kämpfen in den Gebeten für mich zu Gott, auf dass ich von den Ungläubigen zu Judäa errettet werde und mein Dienst für Jerusalem den Heiligen angenehm sei, auf dass ich durch den Willen Gottes mit Freuden zu euch komme und mich mit euch erquicke.”
Nach unserm natürlichen Empfinden ist der Schreiber dieser Zeilen starken Gemütsbewegungen und Gefühlsschwankungen unterworfen. Zuerst brüstet er sich geradezu in scheinbar unerschütterlicher Gewissheit, dass er nicht nur im Segen, sondern “in der Fülle des Segens Christi” nach Rom kommen werde. Nimmt er den Mund nicht ein wenig zu voll? So könnte man fragen, wenn man es hier nicht mit Gottes Wort, sondern mit rein menschlichen Dokumenten zu tun hätte.
Paulus weiß auf das bestimmteste, dass er als Träger des Vollmaßes des Segens Christi nach der Hauptstadt des damalig gewaltigsten Weltreiches, dem Zentrum der menschlichen Kultur, kommen werde. Welch ein Selbstbewusstsein! Doch scheint er vor seiner eignen Kühnheit zu erschrecken, denn demütig bittend fährt er fort: “Ich rede euch zu (parakaleoo = zu Hilfe rufen, auffordern, antreiben), Brüder, … mit mir zu kämpfen in den Gebeten für mich.”
Zuerst diese große Vollgewissheit, und dann dieser Hilferuf, dass die schlichten Römergemeinden, meist ganz einfache, “ungebildete” Menschen, mit ihren Gebeten für ihn kämpfen möchten. Er glaubt also, diesen Kampf gar nicht allein bestehen zu können! Welch ein unharmonischer, widerspruchsvoller Charakter scheint sich da zu offenbaren! Wie bittet er nicht nur um Christi willen, sondern “durch die Liebe des Geistes”, dass man ihm helfe, dass er von den Ungehorsamen (wörtlich: Unlenksamen) errettet (genauer: bewahrt, verborgen, beschützt oder behütet!) werde und dass sein Dienst den Heiligen in Jerusalem angenehm (oder willkommen, günstig oder annehmbar) sei.
Paulus, der sich, wie wir oben sahen, Haushalter über Gottes Geheimnisse nennt, der sich rühmt, dass es ihm gegeben sei, das nicht mehr zu überbietende Vollmaß des Wortes Gottes zu verkündigen, der im gleichen Brief schreibt, dass er nicht nur Sieger in allen Anfechtungen und Versuchungen, sondern sogar ” Übersieger” sei (so wörtlich in 8, 37), — dieser Paulus fürchtet, dass er nicht mit (oder in) Freuden (Lust, Wonne oder Seligkeit) nach Rom kommen könne. Darum seine flehentliche, inständige Aufforderung um Fürbitte.
Er kommt durchaus nicht als hoher Kirchenfürst, um machtvolle Kundgebungen zu leiten und wichtige Anordnungen und Richtlinien herauszugeben, sondern um sich mit den nicht sehr zahlreichen Gliedern der wenigen verachteten, unbekannten Hausgemeinden zu erquicken (oder: zur ruhenden Entspannung zu kommen).
Wer nur eine dieser beiden, sich scheinbar so stark widersprechenden, ja, sich geradezu gegenseitig ausschließenden Seiten unsres Dienstes für Gott sieht und immer wieder neu erfasst in Stunden der Beklemmung oder des überschäumenden Kraftgefühls, der muss entweder dem Hochmut oder der Schwermut verfallen. Beide aber, der Hochmut sowohl als auch die Schwermut, sind vom Feind! Viele einst treue und gesegnete Zeugen des Evangeliums sind nach einer dieser beiden Seiten abgeglitten und in die Fallstricke der Finsternis geraten. Das ist eine erschütternd ernste Tatsache, über die erst Gott das letzte Wort reden wird. —
Schon zu den Zeiten des Apostels Paulus gab es Menschen, die aus Neid und Streit, bewegt von selbstsüchtigen, unlauteren Absichten, das Wort Gottes verkündigten (Phil. 1, 15-17). Wie scharf spricht die Schrift von “Hunden” und “bösen Arbeitern”, von “Feinden des Kreuzes Christi”, deren Gott der Bauch ist und die auf das Irdische sinnen (Phil. 3, 2.8.19)! Wie warnt Paulus vor solchen, die aus dem Wort Gottes “einen schwunghaften Hausierhandel” (Dächselübers.) oder “aus trügerischen Gewinnabsichten einen Kleinhändlerbetrieb” (oder eine Schankwirtstelle) machen (2. Kor. 2, 17a)! Was sind das für überaus ernste Dinge! Ob es die wohl auch heute noch gibt??
Der Mann, der sich selbst seinem Herrn als Ganzopfer dargebracht hatte, der von sich bezeugen konnte, dass er mehr gearbeitet habe als alle andern, der von der überragenden Füllebotschaft von der Herrlichkeit des Christus und Seiner Leibesgemeinde als von “seinem” Evangelium sprechen und schreiben durfte, wurde von den Philosophen Athens als “spermologos”, eigentlich Körneraufleser oder Saatkrähe, d. h. als Zungendrescher und Schwätzer (so die meisten englischen und französischen Übersetzungen) oder, wie Luther verdeutscht, als Lotterbube beschimpft. Der Redner Tertullus bezeichnet ihn als Pest oder Seuche und Revolutionär (Apg. 24, 5.6), und der Landpfleger Festus nennt ihn einen Rasenden, Wütenden oder Wahnsinnigen (Apg. 26, 24).
Aber nicht nur die Welt lehnte den gottgesandten Apostel der Fülle und Christusherrlichkeit ab und schmähte ihn, auch die damaligen Christengemeinden erkannten ihn nur zum Teil an (2. Kor. 1, 14)! Man bezichtigte ihn der Leichtfertigkeit, da er seine Reisedienste nach fleischlichen Gesichtspunkten einrichte (Vers 17), und warf ihm vor, er rede in eitlem Selbstruhm zuviel von sich (2. Kor. 3, 1; 5, 12). Viele beschuldigten ihn, er verkündige Dinge, die man gar nicht recht verstehen könne (2. Kor. 4, 3), ja, man sagte ihm sogar einen fleischlichen Wandel nach (2. Kor. 10, 2)! Dürfen wir uns da wundern, wenn es den wirklichen Knechten Christi Jesu genau so geht? Wenn wir jedoch die Deckung des guten Gewissens haben, dann mögen unsre gottlosen oder frommen Gegner sagen, was sie wollen; der Tag ist nahe, da alles ans Licht kommt und die geheimsten und verborgensten Beweggründe der Herzen offenbar werden. —
Wieviel Schmach musste Paulus, dieser gesegnetste und begnadetste Diener Christi, erdulden! Viele erkannten ihn gar nicht als Apostel an (1. Kor. 9, 2); sie wollten handgreifliche Beweise dafür haben, dass Christus wirklich durch ihn redete (2. Kor. 13, 3). Als er sich in Rom vor dem Gericht verantworten musste, stand ihm niemand bei; alle verließen ihn (Apg. 28, 14.15; 2. Tim. 4, 16). Gegen sein Lebensende hatten sich fast alle Christengemeinden Kleinasiens von ihm abgewendet (2. Tim. 1, 15), und als Onesiphorus nach Rom kam, musste er Paulus erst “fleißig suchen”, bis er ihn endlich fand (2. Tim. 1, 17).
Welch ein totaler Bankrott, welch ein völliger Fehlschlag! Solche erfolglose, armselige Diener sollte Gott haben? Ja, ja, und tausendmal ja! So und nicht anders ist das echte Bild der wirklichen Diener Christi!
Erst die Zusammenschau der Innenseite und Außenseite, der göttlichen Wesenhaftigkeit und der menschlichen Sicht, vermittelt uns ein wahres Gesamtbild. Allerdings ist dieses Bild immer überlogisch, entspricht nicht unserm harten, geist- und seelenlosen “Entweder-Oder”, sondern führt uns in das lebendurchflutete “Kraftfeld der Mitte”, in dem wir durch die Gnade Gottes bewahrt und gehalten werden. Dass dazu unser Glaubensgehorsam, ein williges Sich-demütigen-lassen und ein freudiges Hineingehen in alle Leidens- und Sterbenswege gehört, ist eine andre Sache, die nur im Gesamtzusammenhang begriffen werden kann.
Diener Gottes und Christi zu sein, ist das Herrlichste und Strahlendste, was es gibt. Es ist aber auch zugleich das Demütigendste und Unrentabelste im Urteil der Welt und unsres Fleisches. Wehe uns, wenn wir diese beiden Seiten einander anzugleichen versuchen, wenn wir aus dem Evangelium etwas Hoffähiges, Ehrenhaftes und Gewinnbringendes zu machen suchen! Dann bleibt die Form, aber das wirkliche Leben geht verloren, so dass wir unter den erschütternden Vorwurf des verherrlichten Christus geraten: “Du hast den Namen, dass du lebst, und du bist tot!” (Offb. 3, 1b).
Möchten wir nie zu denen gehören, die die echten, wahren Glieder Christi, die äußerlich in Armut und Drangsal leben, aber innerlich überreich sind, lästern und schmähen! Solche Verfolger halten sich in religiösem Hochmut für Auserwählte Gottes und sind dabei in Wirklichkeit eine “Synagoge Satans” (Offb. 2, 9). Wehe uns, wenn wir solche Worte leichtfertig als jüdisch und als uns nicht geltend abzutun versuchen! Denn Israels Sünden und Irrwege sind warnende Vorbilder für uns und zugleich ernste Abbilder von uns (1. Kor. 10, 1-12).
Der Herr schenke dir und mir ein von allen Nebenabsichten entleertes und allein für Ihn brennendes Herz, damit wir auch mit unserm Bruder und Lehrer Paulus in Wahrheit bezeugen dürften: “Ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn die Kinder sollen nicht für die Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern für die Kinder. Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde” (2. Kor. 12, 14b.15). Erst in Ausharren und Drangsal, in Not und Ängsten, in Mühen und Wachen und Fasten erweisen wir uns als wirkliche Diener Gottes (2. Kor. 6, 4.5). Solche wahren Diener Christi dürfen aber auch, wer weiß wie bald, die unser kühnstes Denken übersteigende Erfüllung des Heilandswortes erfahren (Joh. 12, 26): “Wenn Mir jemand dient, so wird der Vater ihn ehren” (griech.: timaoo = auszeichnen, belohnen, Würden und Ämter zuteilen).
7. Leitung durch den Heiligen Geist
Man spricht in christlichen Kreisen oft in geheimnisvoller Weise von Geistesleitung. Meistens versteht man darunter die Tatsache, dass manchmal Menschen für ihr Leben und Dienen bis ins Einzelne gehende, genaue Anweisungen erhalten, deren gehorsame Befolgung sie dann auch wunderbare Erfahrungen machen lässt. Ohne Zweifel gibt es das! In der Schrift, sonderlich im Alten Testament, finden wir eine Fülle solcher Aufträge und Führungen, Hilfen und Bestätigungen. Auch im Neuen Testament, besonders wenn es sich um Israel handelt, begegnet uns eine ganze Reihe solcher Tatsachen.
Und doch sind diese Dinge nur, wenn wir so sagen dürfen, Beigaben für Kindlein. Der Heilige Geist leitet wirkliche Geistesmenschen in der Regel nicht dadurch, dass Er ihnen wunderbare äußere Führungen und Erfahrungen schenkt, sondern dadurch, dass Er ihre Gesinnung umgestaltet, ihr Denken erleuchtet und gottgemäß erneuert und sie dann meist selber Entscheidungen treffen lässt. Für uns, die Gemeinde des Leibes des Christus, ist eben doch in allererster Linie die Lebensführung und Dienstgestaltung des Apostels Paulus maß- und richtungsgebend, wie er denn auch in göttlichem Auftrag die Auswahlgemeinde aus den Nationen immer wieder auffordert, seine Nachfolger oder Nachahmer zu sein.
Dass es daneben auf dem Boden des Alten Testamentes wirkliche Geistesmenschen gab, die die Herzensgesinnung Gottes und Christi darstellten und betätigten, und dass es innerhalb der Nationengemeinden der Gegenwart immer wieder ein Hereinbrechen zukünftiger Königreichssegnungen ausgesprochen israelitischer, d. h. äußerer, schauens- und machtmäßiger Art gab und gibt, wird nur der leugnen, der diese Dinge nicht sehen will und einem überspitzten, starren Dogmatismus verfallen ist.
Wenn es unserm Gott und Vater wohlgefällt, dann und wann in besonderen Lagen (wir denken etwa an ergreifende Erlebnisse gläubiger, zuverlässiger Soldaten oder Flüchtlinge!) auch ein Sonderliches zu tun, — wollen wir blinden Toren Ihn dann in die mutmaßlichen Schranken Seines eignen Heilsplans weisen? Aber das tun manche in einseitigem Übereifer!
Was ist nun Geistesleitung? Nichts anderes als das, was dieser Ausdruck seinem schlichten Wortlaut nach sagt: Leitung durch den Geist Gottes. Dass es auch eine dämonische Geistesleitung gibt, wozu Spiritismus, Besprechen, Zauberei, Wahrsagen auf grobe oder feine Art usw. gehören, davon wollen wir in unserm Zusammenhang nicht reden. Wir wollen vielmehr sehen, wie Gott diejenigen leitet, die Er auserwählt und zuvorbestimmt hat, die, von menschlicher Seite gesehen, von Herzen Ihm vertrauen und Ihm unter allen Umständen zu gehorchen gewillt sind.
Sagt nicht Römer 8, 14 sehr klar: “So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes”? Welches ist der geheimste, innerste Motor, der unser Denken, Reden und Tun in Bewegung setzt? Sind es die Gelüste, der Wille und die Gedanken unsres Fleisches (Eph. 2, 3) — hier finden wir die Reihenfolge Fleisch (Gelüste), Seele (Willen) und Geist (Gedanken) —, oder ist es der Geist Gottes und Christi? Nach diesem Zeugnis ist nur der ein Sohn Gottes, der unter der Leitung des Geistes steht.
Freilich kann man den Geist kränken, betrüben, Ihm ungehorsam sein. Davon berichten die Briefe in mancherlei Zusammenhängen. Man kann Ihn sogar belügen (Apg. 5, 3) und Ihm widerstreiten (Apg. 7, 31). Damit geht man noch nicht ohne weiteres der Gotteskindschaft verlustig. Denn ein ungehorsames und halsstarriges Kind ist dennoch Kind seiner Eltern.
Auch ein Kind, das dem Vater für eine Zeitlang aus Torheit und Trotz zu entfliehen sucht, wird nach Gottes Verheißung gleich dem verlorenen Sohn wieder einmal heimkehren und in die ergreifenden Worte ausbrechen, die schon vor Tausenden von Jahren der königliche Sünder David betete: “Wohin sollte ich gehen vor Deinem Geiste und wohin fliehen vor Deinem Angesicht? Führe ich auf zum Himmel, Du bist da; und bettete ich mir in dem Scheol, siehe, Du bist da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, auch daselbst würde Deine Hand mich leiten und Deine Rechte mich fassen. Und spräche ich: Nur Finsternis möge mich umhüllen und Nacht werde das Licht um mich her: auch Finsternis würde vor Dir nicht verfinstern und die Nacht würde leuchten wie der Tag; die Finsternis wäre wie das Licht. Denn Du besaßest meine Nieren und wobest mich in meiner Mutter Leibe” (Ps. 139, 7-13). Es ist eben unmöglich, Gott auf Dauer zu entfliehen. Der Allmächtige und Allwissende, der vor Schöpfung aller Wesen und Welten des endgültigen Ausgangs aller Seiner Wege gewiss war, ist das Licht, das alle Finsternis erleuchtet (Vers 11 und 12!), und selbst Flügel der Morgenröte, die ja in Satan, dem Sohn der Morgenröte, zur Finsternis wurde (Amos 4, 13), die uns ans “äußerste Meer”, d. h. in die tiefsten Abgründe des Totenreichs brächten, könnten uns dem rettenden Zugriff Seiner Rechten nicht entziehen (Vers 9 und 10). Mörder und Propheten, ein Kain wie ein Jona, haben versucht, Gott zu entfliehen, und keinem ist es auf die Dauer gelungen. Er wird sie alle finden!
Wir können Gott nicht entfliehen. Aber der Leitung Seines guten Geistes, Seinem liebend auf uns gerichteten Vaterblick (Ps. 32, 8) können wir Widerstand entgegensetzen und uns in den Taumel von Welt und Fleisch und Sünde hineinstürzen. Das können wir sehr wohl. Dann allerdings hört die sanfte Leitung durch Seinen Geist auf, und der Herr behandelt uns wie Rosse und Maultiere, die keinen Verstand haben und durch Zaum und Zügel gebändigt werden müssen (Ps. 32, 9). Das gibt allerdings manchmal eine “Rosskur” (vgl. Jes. 63, 9.10)! Möchten wir lieber das Gebet Davids beten lernen, wie es in Ps. 143, 10.11 aufgezeichnet ist: “Lehre mich tun Deinen Wohlgefallen! Denn Du bist mein Gott. Dein guter Geist leite mich in ebenem Lande! Und um Deines Namens willen, Herr, belebe mich; in Deiner Gerechtigkeit führe meine Seele aus der Bedrängnis!”
Wer unter der Leitung des Geistes Gottes steht, ist damit dem zornanrichtenden, sündenaufreizenden, zutiefst unfähigen Joch des Gesetzes entnommen, wie Gal. 8, 18 lehrt: “Wenn ihr durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz.” Wo Gottes Wort und Geist die Leitung unsres Lebens haben, brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten, sind wir von allen kreatürlichen Beklemmungen und der dauernden Angst des Sünders los und dürfen die Wahrheit von Hagg. 2, 5 erfahren: “Das Wort, welches Ich mit euch eingegangen bin, … und Mein Geist bestehen in eurer Mitte: fürchtet euch nicht!”
Der Geist Gottes leitet uns in die ganze Wahrheit, d. h. auch in das Zukünftige, das dem natürlichen Menschen verborgen ist, wovon die trügerischen Dämonen nur wenig wissen und womit sie die Menschheit oft zum Narren halten (Joh. 16, 13).
Er lenkt die Herzen bei heiligen Beschlussfassungen (Apg. 15, 28) und bewahrt uns bei unsern Reisen und Diensten vor solchen Wegen, die nicht nach Gottes Plan und Willen sind (Apg. 16, 7). Selbst die Tiefen, d. h. die Gerichtswege Gottes und ihren Sinn und Zweck (Ps. 32, 6; man beachte, dass dieses Schriftwort von Bergen und Tiefen Gottes, von Gerechtigkeit und Gericht handelt und mit der Rettung von Menschen und Vieh schließt!) erforscht der das gesamte All regierende Geist Gottes, der in uns wohnt (1. Kor. 2, 10-12). Sein Ziel ist nicht nur, uns von unsern Sünden zu überführen und uns das Heil zuzueignen, so grundlegend wichtig das ist, sondern uns in die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn hineinzuführen, damit wir an der Gnade Gottes und an der Liebe Jesu Christi teilhaben und darin leben und wesen dürfen.
Mehr als Leitung ist Innewohnung. So lauten die letzten drei Worte des hohepriesterlichen Gebetes, in dem der Herr für Seine Jünger bittet: “Ich in ihnen” (Joh. 17, 26). Was ist es doch etwas Großes um die Innewohnung Christi! Sie garantiert “die Lebendigmachung unsrer sterblichen Leiber um des in uns wohnenden Geistes willen” (Römer 8, 11). Welch eine gewaltige Wahrheit: Gottes heiliger, guter Geist leitet und führt uns in großen und kleinen Dingen, ja, Er wohnt sogar in uns, um an unserer Gesamtpersönlichkeit, also auch an unserem jetzt noch so hinfälligen, sündenvergifteten Fleischesleib all das herrlich und wunderbar zu vollenden, was Er in der engen Zelle unsres Herzens durch den Glauben begonnen hat.
Ohne Zweifel gibt es eine wirkliche Leitung durch den Heiligen Geist, so dass man in Wahrheit sagen darf, dass man diesen oder jenen Auftrag vom Herrn empfangen hat. Unzählige Begebenheiten, wo treue, betende Menschen durch eine innere Stimme zu Sterbenden oder Verzweifelten gerufen wurden, die im Begriff standen, sich das Leben zu nehmen, bestätigen das. Wer wüsste nicht in dieser Richtung wunderbare und eigenartige Dinge aus seinem eignen Leben und Dienst zu berichten?
Und doch bleibt daneben die klare Vernunft als Leiterin unsrer sittlichen oder auch rein äußeren Entscheidungen bestehen. Sie ist eben bei den Gläubigen nicht ausgeschaltet, wie manche meinen, sondern geheiligt durch Gottes Wort und Gebet. Wir können auf unsre Vernunft ebensowenig verzichten wie auf Essen, Trinken und Schlafen. Dass sie nicht die letzte Instanz und dazu noch von Natur böse ist, ersahen wir schon aus Eph. 2, 3. Das hier gebrauchte Wort, das Luther durch Vernunft, die Elberfelder Übersetzung durch Gedanken verdeutscht, “dianoia”, ist zusammengesetzt aus “dia” und “noos” oder “nous” und bedeutet die Fähigkeit, etwas klar durchdenken zu können, heißt auch etwa soviel wie Geisteskraft oder Genialität.
Wenn auch die menschliche Vernunft, der irdische Denksinn an sich, unfähig ist, Göttliches zu begreifen oder zu ergreifen (1. Kor. 1, 14), so können wir uns ihrer doch nicht als Führerin durchs Leben entschlagen. Mahnt doch Paulus in Tit. 2, 12, dass wir “soophronoos” = besonnen, vernünftig oder verständig in dem jetzigen Zeitlauf leben sollen! Darum finden wir auch in der Schrift immer wieder, dass nicht nur ausdrückliche Befehle Gottes und Anweisungen durch den Heiligen Geist, sondern auch rein menschliche Entschlüsse die Gläubigen leiten und führen. Der gleiche Gott, der den Fluch über Adam mit den Worten begründete: “Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast …” (1. Mose 3, 17), ermahnt Abraham, den Vater des Glaubens, hinsichtlich seines Weibes Sara, die ihm durchaus nicht immer göttlich riet: “Höre auf ihre Stimme!” (1. Mose 21, 12).
Oder erinnern wir uns an 2. Mose 18! Jethro, ein midianitischer Priester, der nicht zu Gottes auserwähltem Volk zählte, gab seinem Schwiegersohn Mose praktische, auf der Vernunft und menschlicher Erfahrung beruhende Ratschläge, die dieser auch bereitwillig annahm und die sich später als durchaus segensreich erwiesen. So dürfen, ja, müssen wir uns in manchen Dingen von der “Welt” beraten lassen und dürfen nicht meinen, dass wir alles besser wissen, weil Gottes Geist in uns wohnt, oder dass mindestens ein Engel vom Himmel kommen müsse, um uns zu belehren.
Dabei bleibt durchaus die Tatsache bestehen, dass der Herr uns “in allen Dingen” Verständnis geben wird (2. Tim. 2, 7) und dass die Gottseligkeit “zu allen Dingen” nütze ist und nicht nur die Verheißung des zukünftigen, sondern auch “des jetzigen Lebens” hat (1. Tim. 4, 8). Auch hier sehen wir das heilige Sowohl-als-auch; auch hier bewegt sich der Glaube im Spannungsfeld der Mitte.
Oder schlagen wir das 7. Kapitel des Buches Esra auf! Lesen wir nur die drei Verse 9, 10, 18: “Am ersten des ersten Monats hatte er (d. i. Esra) den Hinaufzug aus Babel festgesetzt; und am ersten des fünften Monats kam er nach Jerusalem, weil die gute Hand seines Gottes über ihm war. Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des Herrn zu erforschen und zu tun, und in Israel Satzung und Recht zu lehren … Was dich (d. i. Esra) und deine Brüder gut dünkt, mit dem übrigen Gold und Silber zu tun, das möget ihr nach dem Willen eures Gottes tun.”
Der 9. und 10. Vers sind sehr lehrreich: Esra hatte den Auszug oder Aufbruch aus Babel angeordnet oder festgesetzt. Er kam aber nicht wegen seiner Tüchtigkeit als Führer trotz der vielen Schwierigkeiten und Gefahren, die es sicherlich gegeben haben wird, glücklich nach Jerusalem, sondern weil die gute Hand Gottes über ihm war. Und weswegen “waltete die Gnadenhand Gottes gnädiglich über ihm”, wie eine feine Übersetzung sagt? Weil er sein Herz (oder seinen Sinn) in dreifacher Hinsicht auf Gottes Wort gerichtet hatte: er wollte das Gesetz des Herrn erstens erforschen, also gründlich kennenlernen. Dann wollte er es tun, also es auch praktisch ausüben und erfüllen. Und zum dritten wollte er es Israel lehren, also das weitergeben, was der Herr ihm ins Herz senken würde. Wer in selbstloser Gesinnung diese innerste Einstellung zu Gott und Seinem Wort hat, der darf ruhig anordnen oder festsetzen. Denn “wer nach einem Aufseherdienst trachtet, der begehrt ein schönes Werk” (1. Tim. 3, 1).
Dieses Empfinden, dass hier ein Mann handelte, der wirklich ein Werkzeug Gottes war, muss auch Artasasta, der Perserkönig, gehabt haben, sonst hätte er in seinem Geleitbrief an Esra nicht schreiben können: “Was dich … gut dünkt, … möget ihr nach dem Willen eures Gottes tun” (Vers 18). Welches Vertrauen und welche Hochachtung spricht aus diesen Worten eines irdischen Machthabers! Er nimmt ohne weiteres an, dass Esra nichts für sich sucht, ganz im Gegensatz zu den weltlichen Herrschern, von denen der Herr sagt: “Ihr wisset, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, über dieselben herrschen und ihre Großen Gewalt über sie üben” (Mark. 10, 42). Artasasta ist überzeugt, dass Esra alles mit seinen Brüdern durchspricht und dass das, was sie gut dünkt, auch wirklich der Wille Gottes ist.
Es gibt also auch eine Geistesleitung durch solche Menschen, die gar nicht selber in Lebensverbindung mit Gott stehen! Die Grenzlinie zwischen einem persönlichen sittlichen Entschluss und einer eindeutigen Anweisung Gottes ist manchmal schwer zu finden. Wenn Gott “das All energetisch bewegt nach dem Rate Seines Willens” (Eph. 1, 11) und den nach dem Vorsatz Berufenen alle Dinge zum Besten dienen müssen (Röm. 8, 28), — ist es da nötig, dass wir durch Engelmund oder vom Herrn Selbst besondere Botschaften und Aufträge bekommen? Ist es nicht vielmehr so, dass alle “wunderbaren” Erlebnisse wie Träume, Stimmen, Visionen usw., soweit sie nicht dämonische Nachäffungen sind, nur Hilfestellungen für schwache Kindlein bedeuten, während Herzensentschlüsse, die aus der Gesinnung Christi und der Geisteshaltung eines gotterfüllten Glaubenslebens geboren werden, dem Mann und Vater in Christo eignen?
So sehen wir auch hier, wie scheinbar widersprechend, in Wirklichkeit jedoch überlogisch einheitlich die göttliche Wahrheit ist. Möchten wir daraus lernen und uns vor jeder Erstarrung, die oft auf unsrer natürlichen Vernunftsverfinsterung und Herzenshärtigkeit beruht, bewahren lassen”! —
Göttliche Wahrheit steht himmelhoch über menschlicher Logik; göttliche Weisheit ist etwas wesenhaft anderes als menschliche Schlauheit, und nur wer etwas weiß von Gottes “prothesis” und “prognoosis”, d. h. von Seinem Vorherwissen und Zuvorplanen vor Grundlegung der Welt, nur wem für unsres Vaters Wege und Ziele durch den Heiligen Geist mittelst des Wortes der Schrift die Augen des Herzens geöffnet und erleuchtet wurden, der begreift etwas von der beseligenden und lösenden Überlogik des Glaubens.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1960; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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