Israels Weg zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit
Autor: Herbst, Gerhard | Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel | 705 x gelesen1. Der Begriff »Gesetz« hat im Raum der Gemeinde einen meist negativen Beigeschmack. »Mit dem Gesetz haben wir nichts zu tun. Das ist etwas für Israel. Wir sind aus Gnaden gerechtfertigt. Wir sind frei vom Gesetz.« Das ist nur zum Teil richtig. Wenn Paulus in Röm. 8 sagt: »Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes«, dann sehen wir daraus, dass für uns lediglich ein Austausch stattgefunden hat: das zum Tode führende Gesetz der Sünde und des Todes ist durch das Leben zeugende Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu ausgetauscht worden, aber auch dieses ist ein Gesetz. Warum müssen wir zwischen dem Israel gegebenen mosaischen Gesetz und dem in uns wirkenden Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu einen Unterschied machen? Weil das mosaische Gesetz dem Volke Israel für das Leben auf dieser Erde gegeben ist, während das Gesetz des Geistes des Lebens uns für unsere himmlische Berufung zubereiten soll. Wir müssen uns hüten, das eine gegen das andere auszuspielen. Beide Gesetze sind von Gott und dienen der Erreichung Seiner Heilsabsichten.
2. Nicht nur der Sohn Gottes ist vor Grundlegung der Welt vom Vater als Lamm Gottes, ohne Flecken und Fehl, erkannt worden (1. Petr. 1, 20), sondern auch uns, die Söhne, hat Er in Christo vor Grundlegung der Welt, vor dem Herabsturz der ersten Schöpfung, auserwählt, dass wir heilig und tadellos seien vor Ihm in Liebe, und uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft. In diesem wunderbaren Verheißungswort in Eph. 1, 3-5 lesen wir auch, dass Christus uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern (in der Himmelswelt, in der gesamten unsichtbaren Welt). Im Gegensatz dazu liegen Israels Segensverheißungen auf irdischem Gebiet, wie wir noch sehen werden (5. Mose 7, 13; 28, 3-13).
Ehe das erste auserwählte Glied am Körper des Christus über diese Erde ging, hatte Gott schon 2000 Jahre lang mit Seinem auserwählten Volk Israel Heilsgeschichte gemacht.
Zunächst holte Er sich einen Mann aus den Völkern, Abram, den Er nach Kanaan führte, wo Er einen Bund mit ihm schloss, ihm versprach, ihn zum Stammvater eines großen Volkes zu machen, dem Er das Land Kanaan zum Besitz geben wollte. 430 Jahre lang mussten die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs in der Knechtschaft Ägyptens leben, bis Gott sie, die inzwischen zu einem Millionenvolk herangewachsen waren, mit starker Hand aus Ägypten heraus- und in das dem Abraham verheißene Land hineinführte. Erst dann begann Gott Seinen Eid einzulösen, den Er dem Abraham geschworen hatte.
3. Warum hat Gott gerade dieses Volk erwählt? Das sagt Er selbst in 5. Mose 7, 6-8a, wo Er uns in das tiefste Innere Seines Herzens hineinblicken lässt: »Denn ein heiliges Volk bist du Jahwe, deinem Gott; dich hat Jahwe, dein Gott, erwählt, Ihm zum Eigentumsvolke zu sein aus allen Völkern, die auf dem Erdboden sind. Nicht weil euer mehr wären als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt, denn ihr seid das geringste unter allen Völkern, sondern wegen Jahwes Liebe zu euch, und weil Er den Eid hielt, den Er euren Vätern geschworen, hat Jahwe euch mit starker Hand herausgeführt.« Und in Kap. 9, 5: »Nicht um deiner Gerechtigkeit und der Geradheit deines Herzens willen kommst du hinein, um ihr Land in Besitz zu nehmen, sondern um der Gesetzlosigkeit dieser Nationen willen treibt Jahwe, dein Gott, sie vor dir aus.« Wir sehen, dass Gottes Auswahl Israels zu Seinem Eigentumsvolk und Sein Eid, den Er Abraham geschworen hat, untrennbar mit der Landverheißung verbunden sind. Israel sollte Sein Eigentumsvolk in Seinem Land sein, das Er Israel zum ewigen Besitz gegeben hat.
4. Zu welchem Zweck hat sich Gott dieses Volk zum Eigentum aus allen Völkern auserwählt? 1. Petr. 2, 9: »Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein zum Eigentum erkorenes Volk, damit ihr die Tugenden (die Ruhmestaten, die herrlichen Eigenschaften) dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis in Sein wunderbares Licht berufen hat.« Kein anderes Volk (auch nicht das deutsche oder amerikanische) hat einen solchen Auftrag von Gott selbst erhalten, die Tugenden und Ruhmestaten Gottes den Völkern zu verkünden, als nur das auserwählte Volk Israel. Dass wir zur Zeit davon in der Welt kaum etwas erkennen können, ändert nichts daran, dass Israel diesen Auftrag in der Vergangenheit einmal angefangen hatte zu erfüllen und dass es ihn nach Aufrichtung des 1000-jährigen Friedensreiches durch den Messias in vollmächtiger Weise an allen Völkern vollenden wird.
5. Wenn Jahwe, der auch der Christus ist, der Bräutigam ist und Israel Seine Braut, mit der Er einmal zur Hochzeit des Lammes eingehen wird, dann hat Jahwe Seiner Braut, dem auserwählten Volk Israel, ein kostbares Brautgeschenk gemacht — um in einem Bilde zu sprechen —, damit sie den von Ihm erhaltenen Auftrag ausführen kann. Dieses Geschenk besteht aus sieben kostbaren Edelsteinen. Es war dem Apostel Paulus vorbehalten, diese Edelsteine zu einer Kette zusammenzufügen. Röm. 9, 4: »… welche Israeliten sind, denen
- die Sohnschaft,
- die Herrlichkeit,
- die Bündnisse,
- die Gesetzgebung,
- der Dienst,
- die Verheißungen und
- die Väter sind.«
Es würde sich lohnen, über jeden dieser Edelsteine einen Vortrag zu halten. Wir wollen heute für unser Thema nur den 4. Edelstein herausgreifen: die Gesetzgebung.
Wenn ich am Anfang auf den negativen Beigeschmack hingewiesen habe, den heute das Gesetz vielfach hat, so sehen wir hier, dass die Gesetzgebung zu den sieben kostbaren Geschenken gehört, die Gott Seinem auserwählten Volk gemacht hat. Es sollte ein Segen für Sein Volk sein.
6. Von großer Bedeutung ist es, wann Jahwe Seinem Volk das Gesetz gab. 430 Jahre lang lebten sie in der Knechtschaft Ägyptens (2. Mose 12, 40) ohne Gesetz. Erst auf der Wüstenwanderung hin zum verheißenen Land, am Berg Sinai, erhält Mose von Gott den Auftrag, zu Ihm auf den Berg zu steigen, um dort die Gesetze und Gebote zu empfangen, die das Volk nach dem Einzug in das Land Kanaan beachten sollte. Das Gesetz vom Sinai ist unlösbar mit der Inbesitznahme des verheißenen Landes verbunden. Der Segen bei Beachtung des Gesetzes und der Fluch bei Nichtbeachtung der Gebote sollten sich auf das irdische Leben des Volkes im Lande auswirken, wie wir noch sehen werden. Das Gesetz sollte kein Fahrplan für das ewige Leben sein. Einzelheiten über den Ablauf der Gesetzgebung lesen wir in 2. Mose 24,12.15.16: »Jahwe sprach zu Mose: Steige zu Mir herauf auf den Berg und sei daselbst; und Ich werde dir die steinernen Tafeln geben und das Gesetz (die Lehre, Unterweisung) und das Gebot, das Ich geschrieben habe, um sie zu belehren … Und Mose stieg auf den Berg, und die Wolke bedeckte den Berg, und die Herrlichkeit Jahwes ruhte auf dem Berg Sinai, und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage, und am 7. Tage rief Er Mose aus der Mitte der Wolke. Und das Ansehen der Herrlichkeit Jahwes war wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges vor den Augen der Kinder Israel.« Es war eine furchterregende Atmosphäre. Wenn Jahwe hier sagt, dass Er selbst das Gesetz geschrieben habe, so erfahren wir aus anderen Stellen, dass dabei auch Engel mitgewirkt haben. 5. Mose 33, 2: »Jahwe ist vom Sinai hergekommen und ist gekommen von heiligen Myriaden. Aus Seiner Rechten ging Gesetzesfeuer hervor.« Myriaden ist nach Hebr. 12, 22 eine Bezeichnung für eine Festversammlung von Engeln. Auch die Zahl 10.000 ist darin enthalten oder eine nicht näher bestimmbare große Anzahl. Auch Paulus sagt in Gal. 3, 19, dass das Gesetz von Engeln angeordnet wurde. (Dagegen hat er sein Evangelium nicht von Menschen oder Engeln gelernt, sondern vom erhöhten Herrn durch Offenbarung empfangen.)
Wenn es um Israel geht, spielen Engel eine große Rolle. Der Erzengel Michael ist nach Dan. 10, 13 und 21 der Engelfürst Israels, der für sein Volk im Himmel streitet. Engel haben bei der Gesetzgebung nicht nur mitgewirkt, sondern sie überwachen auch die Einhaltung des Gesetzes. Diesen Engeln soll die Gemeinde Jesu Christi ein Schauspiel sein (1. Kor. 4, 9). An ihr lernen sie das Staunen, wenn sie sehen, wie die Glieder der Gemeinde Jesu, die aus Gnaden ohne Gesetzeswerke gerettet sind, aus Liebe zu ihrem Herrn und Haupt auch für Ihn leiden.
7. Bei Beachtung des Gesetzes hat Gott Seinem Volk Segen verheißen, bei Nichtbeachtung Fluch. Beides, Segen und Fluch, beziehen sich ausschließlich auf das irdische Leben des Volkes, liegen auf horizontaler Ebene, während die Gemeinde mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet ist; ihre Verheißungen zielen nach oben. Welche Segnungen Israel bei Befolgung des Gesetzes empfängt, lesen wir in 5. Mose 28, 1-3: »Wenn du der Stimme Jahwes, deines Gottes (oder »des Ewigen«, wie die jüdische Übersetzung sagt) fleißig gehorchst, dass du darauf achtest, alle Gebote zu tun, die Ich dir heute gebiete, so wird Jahwe dich zur höchsten über alle Nationen der Erde machen. Gesegnet wirst du sein in der Stadt und auf dem Feld. Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes, deines Landes, deines Viehs. Gesegnet wird sein dein Korb und Backtrog. Jahwe wird deine Feinde, die wider dich aufstehen, geschlagen vor dir dahingeben. Jahwe wird dir Segen entbieten in deine Speicher und zu allen Geschäften deiner Hand und Er wird dich segnen in dem Lande, welches Jahwe, dein Gott, dir gibt. Jahwe wird dich als ein heiliges Volk für sich bestätigen, wie Er dir geschworen hat, wenn du die Gebote Jahwes, deines Gottes, beobachtest und auf Seinen Wegen wandelst. Jahwe wird dir Seinen guten Schatz, den Himmel auftun, um den Regen deines Landes zu geben zu seiner Zeit, um alles Werk deiner Hand zu segnen. Und Jahwe wird dich zum Haupte machen und nicht zum Schwanze, wenn du den Geboten Jahwes, deines Gottes, gehorchst, die Ich dir heute zu beobachten und zu tun gebiete, und nicht abweichst von all den Worten, die Ich euch heute gebiete, weder zur Rechten noch zur Linken, um anderen Göttern nachzugehen, ihnen zu dienen.«
Wir sehen, dass der Ewige Sein Volk bei Befolgung der Satzungen und Gebote auf allen Gebieten des irdischen Lebens reich segnen wollte. Genauso umfasst auch die Androhung des Fluches bei Nichtbeachtung des Gesetzes alle Bereiche des völkischen Lebens. Vers 15: »Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme des Ewigen nicht gehorchst, dass du darauf achtest, zu tun alle Seine Gebote und Seine Satzungen, die Ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen.« Es folgt bis zum Ende des 28. Kapitels eine lange Aufzählung aller Flüche, die über das Volk kommen werden. Sie enden schließlich in der Androhung der Zerstreuung unter alle Völker und des Holocaust. Dass Gott diese schrecklichen Dinge nicht nur angedroht, sondern auch ausgeführt hat, des sind wir alle Zeuge. Kap. 28, 64-67: »Und Jahwe wird dich unter alle Völker zerstreuen, von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende, und du wirst daselbst anderen Göttern dienen, die du nicht gekannt hast. Und unter jenen Nationen wirst du nicht rasten, und deine Fußsohle wird keine Ruhestätte finden. Und der Ewige wird dir daselbst ein zitterndes Herz geben, Erlöschen der Augen und Verschmachten der Seele, und dein Leben wird schwebend vor dir hangen und du wirst dich fürchten Tag und Nacht und deinem Leben nicht trauen. Am Morgen wirst du sagen: Wäre es doch Abend! und am Abend wirst du sagen: Wäre es doch Morgen! wegen der Angst deines Herzens, die du empfinden wirst und wegen des Anblicks der Schrecknisse, die dir vor Augen stehen« (Menge). Es waren keine leeren Drohungen des Ewigen, sondern das jüdische Volk hat diese Flüche bis zur bitteren Neige durchleiden müssen.
8. Das Gesetz hat Gott Seinem Volk nicht nur gegeben, damit es ihm zum Segen sei, sondern es sollte Sein Volk auch wie ein Schutzzaun umgeben. Das verheißene Land, in das Gott das Volk Israel führte, war von Gesetzlosen bewohnt. In 5. Mose 9, 5 sagt Gott: »Nicht um deiner Gerechtigkeit und der Geradheit deines Herzens willen kommst du hinein, um ihr Land in Besitz zu nehmen, sondern um der Gesetzlosigkeit dieser Nationen willen treibt Jahwe, dein Gott, sie vor dir aus.« Mit Gesetzlosen sollte das Volk nicht in einem Lande zusammenwohnen. Warum, das lesen wir in 2. Mose 25, 20-31: »Siehe, Ich sende einen Engel vor dir her, um dich auf dem Wege zu bewahren. Er wird dich bringen zu den Amoritern und Hethitern und den Peresitern und den Kanaanitern, den Hewitern und den Jebusitern, und Ich werde sie vertilgen. Du sollst dich vor ihren Göttern nicht niederbeugen und ihnen nicht dienen. Ich werde deine Grenze setzen vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister (Mittelmeer) und von der Wüste bis an den Strom Euphrat; denn Ich werde die Bewohner des Landes in deine Hand geben, dass du sie vor dir vertreibst. Du sollst mit ihnen und ihren Göttern keinen Bund machen. Sie sollen nicht in deinem Lande wohnen, damit sie dich nicht wider Mich sündigen machen. Denn du würdest ihren Göttern dienen, denn es würde dir zum Fallstrick sein.«
Gott wollte, dass das verheißene Land ausschließlich dem auserwählten Volk als Wohnsitz diente. Eine Vermischung und Verbrüderung mit den Ureinwohnern wäre ihnen zum Fallstrick geworden. Eine interessante Aussage finden wir hierzu noch in Habakuk 1, 4: »Darum wird das Gesetz kraftlos, und das Recht kommt nimmermehr hervor, denn der Gesetzlose umzingelt den Gerechten, darum kommt das Recht verdeckt hervor.« Wenn wir die Geschichte Israels im Lande rückschauend betrachten, stellen wir fest, dass das Volk das göttliche Verbot der Vermischung immer wieder missachtet hat, dass Mitläufer immer wieder das Volk verführten. Bei Befolgung der göttlichen Gebote hätte sich das Volk viel Kummer ersparen können.
Bei der Behandlung unseres Themas »Israels Weg zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit« müssen wir beachten, dass das Wort »gesetzlos« und »Gesetzlosigkeit« eine doppelte Bedeutung hat. Gott hatte nur Seinem auserwählten Volk Israel als einzigem Volk der Erde das Gesetz als besonderes Geschenk, als einen Segen, als einen Schutzzaun gegeben. Alle anderen Völker hatten ein solches Gesetz nicht. In diesem Sinne waren sie also gesetzlos. Das allein sagt noch nichts über ihren Wandel aus. Von solchen »gesetzlosen« Völkern war Israel im Land Kanaan rings umgeben. Einzelne von ihnen lebten auch unter ihnen im verheißenen Land. Gott warnt Sein Volk davor, sich mit diesen Fremdlingen zu verbünden, sich von ihnen verführen zu lassen, anderen Göttern zu dienen. Eine noch größere Gefahr drohte Israel aber von denen, die zwar zum Volk gehörten, dem Gott Sein Gesetz geschenkt hatte, die sich aber vom Gesetz losgesagt hatten, es missachteten und taten, »was böse war in den Augen Jahwes.« Auch das waren Gesetzlose, die das Herz des Volkes verführten. Die Bücher der Könige sind voll von solchen Berichten.
9. Jom Kippur. Welche Möglichkeiten hatten in dem Zeitalter des Gesetzes, also zwischen dem Einzug Israels in das Land Kanaan und seiner Zerstreuung unter alle Völker, die Angehörigen des jüdischen Volkes, die sich gegen das Gesetz versündigt hatten, um mit Gott wieder versöhnt zu werden? Das Blut des Lammes Gottes war noch nicht auf Golgatha vergossen. Als Vorschattung auf dieses von Gott schon vor Grundlegung der Welt geplante Opfer Seines Sohnes hatte Er Seinem Volk im Gesetz das Tieropfer als Mittel der Sühnung verordnet. Der Begriff Versöhnung hat im Lauf der Heilsgeschichte eine gewisse Entwicklung erfahren. Die Grundbedeutung ist das Bedecken der Sünde und Schuld vor dem Angesicht Gottes. Das hebräische Wort für versöhnen = kippär bedeutet bedecken (der Sünde und Schuld, dass sie nicht gestraft wird. Das Wort kippär kennen wir von kippa, der Kopfbedeckung des Mannes). Dem ganzen mosaischen Opferkult liegt der Begriff der Deckung oder Sühnung zugrunde. Der Mensch muss mit Gott versöhnt und seine Sünden müssen gesühnt werden, bevor er es wagen darf, Gott zu nahen. Eine klare Sinndeutung der Sühne beim Opfer finden wir in den mosaischen Opfergesetzen. 3. Mose 17, 11: »Denn die Seele des Fleisches ist im Blute, und Ich habe es euch auf den Altar gegeben, dass eure Seelen damit versöhnt werden, denn das Blut ist es, welches Sühnung tut (kippär) durch die Seele.« In dem Opferblut wird also die Tierseele dargebracht als Sühne (Deckung) für die Menschenseele. Nicht Blut schlechthin als Materie dient zur Deckung des Sünders vor Gott, sondern die Seele im Blute, und zwar die Seele eines von Gott als rein bezeichneten Tieres. Die Schuld wird zugedeckt vor den Augen Gottes. Bedeckung der Schuld ist aber noch nicht ihre Beseitigung, sondern vielmehr ein Erinnern an Sünden. Daher konnte auch die Versöhnung im mosaischen Kultus noch keine vollgültige sein. Diese hat erst Jesus durch Seinen Opfertod vollbracht.
Die Schwachheitssünden, alles, was aus Versehen geschehen, wurde das ganze Jahr hindurch von Fall zu Fall durch die vorgeschriebenen Schuld- und Sündopfer gesühnt, d. h. bedeckt. Für Sünden »mit erhobener Hand«, d. h. mit voller Absicht und in Opposition gegen Gott, also Verbrechen am heiligen Gesetz Gottes, gab es im Alten Bund überhaupt keine Versöhnung, sondern unnachsichtige Strafe (4. Mose 15, 30.31).
Für das Volk als Ganzes hatte Gott den großen Versöhnungstag, Jom Kippur, den Tag der Bedeckung, eingerichtet. An diesem Tag wurde das ganze Volk, das Priestertum und selbst das Heiligtum versöhnt. Bei dieser Versöhnung ging es nicht um einzelne Sünden, sondern um die Gesamtverschuldung des Volkes vor Gott, die durch das menschliche Gericht nicht erfasst werden konnte. Die Versöhnung bezog sich ausnahmslos auf alle Sünden, die das Volk während des Jahres seit dem letzten Versöhnungstag begangen hatte. Für diese ging der Hohepriester einmal im Jahr in das Allerheiligste, deckte mit dem Blut eines reinen Tieres die Bundeslade, das Heiligtum, den Altar, die Priester und das Volk. Danach legte er auf den Kopf eines lebendigen Sündenbocks alle Ungerechtigkeiten der Kinder Israel und schickte diesen Bock fort in die Wüste. Alles dieses schattete die Erlösungstat des Lammes Gottes auf Golgatha ab. Die Versöhnung durch Christi Blut geschah nicht einmal im Jahr, sondern ein für allemal (Hebr. 7, 27), sie galt nicht nur Israel, sondern war universal, und sie diente nicht der Bedeckung der Sünden, sondern der Abschaffung der Sünde (Hebr. 9, 26).
10. Mit dem Gesetz vom Sinai hatte Gott alle Dinge des irdischen Lebens, sowohl des Einzelnen als auch des ganzen Volkes geregelt. Der verheißene Segen bei Befolgen des Gesetzes wie auch der angekündigte Fluch bei Nichtbefolgen der Gebote betrafen das irdische Leben. Auch die Tieropfer hatten keinen Einfluss auf das ewige Leben. Warum also das Gesetz?, könnte man fragen. Darauf gibt der Apostel Paulus eine ganz klare Antwort in Röm. 3, 19.20: »Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt, die unter Gesetz sind. Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor Ihm gerechtfertigt werden, denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.« Und in 1. Tim. 1, 9 sagt er, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose. Kein Mensch war und ist in der Lage, das ganze Gesetz zu erfüllen. Nur einer konnte es: der Sohn Gottes, der allein ohne Sünde war. Er sagt von sich selbst in Matth. 5, 17: »Meint nicht, dass Ich gekommen bin, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen.« Die Aussage des Apostels Paulus in Röm. 10, 14 wird oft missverstanden, wo er sagt: »Christus ist des Gesetzes Ende.« Im Griechischen steht dort das Wort »telos«, Ziel. Durch Christus hat das Gesetz sein Ziel, zu dem Gott es gesetzt hatte, erreicht. Durch Ihn hat es seine Erfüllung gefunden. Seit Golgatha werden Sünden nicht mehr durch das Blut von Tieren bedeckt, sondern allein durch das am Kreuz vergossene Blut des Lammes Gottes gesühnt. Das ist auch u. a. eine Erklärung dafür, weshalb der Tempel zerstört und der Priester- und Opferdienst aufhören mussten. Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt. Jesus deutet das bereits in Luk. 16. 16 an: »Das Gesetz und die Propheten waren bis auf Johannes; von da an wird das Evangelium vom Königreich Gottes verkündigt.« Mit der Ablehnung des Messias Jesus durch das Volk Israel (»Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«) ging nach Gottes Heilsplan das 2000-jährige Zeitalter des Gesetzes zu Ende, und Christus begann mit den vor Grundlegung der Welt auserwählten Gliedern Seines Leibes ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Gnade.
»Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn«, sagt Paulus in Gal. 4, 4. Die Zeit war erfüllt (das Pläroma des Chronos erreicht) nicht, als Israel die geistlichen Voraussetzungen für das Kommen des Messias erfüllt hatte, sondern als durch Zeitablauf der von Gott lange im Voraus festgesetzte Zeitpunkt erreicht war. Es war ein Zeitpunkt, an dem Israel in tiefe Gesetzlosigkeit verfallen war. Seit dem Auftreten des letzten alttestamentlichen Propheten Maleachi hatte Gott 400 Jahre lang nicht mehr mit Seinem Volk geredet. Maleachi (= Mein Bote) beschließt das Alte Testament als ernstes Vermächtnis mit dem Ruf des Herrn (Kap. 4, 4): »Gedenkt des Gesetzes Moses, Meines Knechtes, welches Ich ihm auf Horeb an ganz Israel geboten habe — Satzungen und Rechte.« Israel hat sich um dieses Vermächtnis nicht gekümmert.
11. Der Weg Israels in die Gesetzlosigkeit, der schon Jahrhunderte vor dem ersten Kommen Jesu begann, erreichte einen ersten Höhepunkt, als Israel seinen Messias in die Hand von Gesetzlosen überlieferte. Das Volk erfüllte zwar damit — ohne es zu wissen — das, was der Prophet Jesaja bereits in Kap. 53, 9.12 geweissagt hatte: »Und Er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden.« Und: »Man hat Sein Grab bei Gesetzlosen bestimmt.« Und es erfüllte mit dieser Tat auch den Heilsratschluss Gottes, wie Petrus es in seiner großen Pfingstrede in Apg. 2, 23 dem Volk vorhält: »Diesen, übergeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorherbestimmung Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geheftet und umgebracht.« Einerseits — von Gott her gesehen — erfüllten sie mit dieser Tat den Ratschluss Gottes, andererseits traf sie dafür der Fluch, den Gott ihnen bereits am Sinai angedroht hatte (5. Mose 28, 64), sie unter alle Völker zu zerstreuen. Jesus selbst hatte in Seiner Ölbergrede die Zerstörung des Tempels angekündigt. Matth. 23, 37-39: »Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind. Wie oft habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn Ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Baruch habah! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!« Das, was die Juden ihrem Messias angetan haben, Ihn den Gesetzlosen auszuliefern, erleben sie nun ihrerseits als Volk: Der Tempel und die Stadt Jerusalem werden von Gesetzlosen zerstört und sie werden unter die Gesetzlosen zerstreut und ihnen ausgeliefert.
Auf dem 1900 Jahre langen Weg des jüdischen Volkes unter den Gesetzlosen ist das mosaische Gesetz mehr und mehr verkümmert. Es wurde von den Rabbinern um viele menschliche Vorschriften erweitert, besonders in den Äußerlichkeiten, und diejenigen, die es überhaupt noch beachten, sind oft sehr erfindungsreich, Tricks zu ersinnen, wie bestimmte Gebote umgangen werden können, z. B. das Arbeitsverbot am Shabbat oder das Verbot, im 7. Jahr das Land zu bearbeiten. Auch heute, 50 Jahre nach der Rückkehr der Juden ins verheißene Land, hat sich dies nicht grundlegend geändert. Die Masse des jüdischen Volkes will sein wie andere Völker, und so sind auch Unmoral, Kriminalität, Drogensucht mindestens genauso verbreitet wie bei den andern Völkern. Auch bei denen, die das Gesetz beobachten, ist es vielfach reine Formsache, nicht anders als bei den Formchristen der Endzeit, die »eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen« (2. Tim. 3, 5).
Der Weg des jüdischen Volkes in der Gesetzlosigkeit wird einen zweiten Höhepunkt erreichen, wenn Israel auf den Gesetzlosen hereinfallen wird. Das hatte Jesus ihnen schon bei Seinem 1. Kommen verheißen (Joh. 5, 43): »Ich bin in dem Namen Meines Vaters gekommen und ihr nehmet Mich nicht auf; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen.« Paulus sagt in 2. Thess. 2, dass, bevor der Gesetzlose, der Mensch der Sünde, geoffenbart wird, der Abfall kommen und das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam werden wird. Jesus weissagte in Seiner Ölbergrede (Matth. 24, 12), dass die Gesetzlosigkeit überhand nehmen und deshalb die Liebe »der Vielen« erkalten wird. Mit diesen »Vielen« wird der Antichrist nach Dan. 9, 27 einen festen Bund für eine Jahrwoche, also 7 Jahre, schließen, den er nach 3 ½ Jahren brechen wird, nachdem er sich selbst erhöht hat über alles, was Gott heißt, sich in den Tempel Gottes gesetzt und sich selbst dargestellt hat, dass er Gott sei (2. Thess. 2, 4). Da ist dann Israel auf dem absoluten Tiefpunkt seiner Geschichte.
Gibt es einen Ausweg daraus? Menschlich gesehen nicht. Wenn der Messias Christus erst dann wiederkommen könnte, wenn Israel sich aus eigener Kraft zum Herrn bekehrt und Ihm den Weg zur Errichtung des Reiches gebahnt hat, dann könnte Christus wohl nie wiederkommen. Aber der Vater hat die Wiederkunft Seines Sohnes nicht an die Erfüllung menschlicher Voraussetzungen geknüpft, sondern dafür einen ganz bestimmten Zeitpunkt festgesetzt. Jesus sagt in Matth. 13, 32: »Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, weder die Engel noch der Sohn, sondern nur der Vater.« So wie das erste Kommen Jesu ins Fleisch geschah, »als die Zeit erfüllt war« (Gal. 4, 4) (= als das Pläroma des Chronos erreicht war), so wird auch die Wiederkunft Christi stattfinden, wenn die Zeit erfüllt sein wird, wenn der vom Vater gesetzte Zeitpunkt erreicht ist. Da sich das abgefallene Israel nicht aus eigener Kraft aus der Gottlosigkeit befreien kann, greift Gott ein. Bei der Rettung ganz Israels ist Er der allein und souverän Handelnde. Paulus zitiert in Röm. 11, 26: »Es wird aus Zion der Erretter kommen. Er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden.« (Jakob ist die Bezeichnung für das noch im Unglauben befindliche Israel.)
12. Wie sieht das souveräne Handeln Gottes zur Errettung Israels aus? Nachdem Er nach Sach. 12, 10 über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgegossen und damit ihre Herzen vorbereitet hat und nachdem sie den geschaut haben, den sie durchbohrt haben, beginnt Gott in Seiner Souveränität mit der Errettung ganz Israels. Davon lesen wir in den Kapiteln 36 und 37 des Propheten Hesekiel. In Kap. 36, 23-28 spricht Gott 10-mal: Ich werde!
- Ich werde Meinen großen Namen heiligen, der entweiht ist unter den Nationen.
- Ich werde mich vor den Augen der Nationen an euch heiligen.
- Ich werde euch aus den Nationen holen und euch sammeln aus allen Ländern und euch in euer Land bringen.
- Ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein.
- Ich werde euch von allen euren Unreinigkeiten und Götzen reinigen.
- Ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben.
- Ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleische wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
- Ich werde Meinen Geist in euer Inneres geben.
- Ich werde machen, dass ihr in Meinen Satzungen wandelt und Meine Rechte bewahrt und tut. (Hier bekommt das mosaische Gesetz für Israel eine neue Bedeutung. In 5. Mose 11, 32 lesen wir, dass Gott am Ende der Gesetzgebung vom Horeb das Volk ermahnt: »So achtet darauf, alle die Satzungen und Rechte zu tun, die Ich euch heute vorlege.«)
- Ich werde euer Gott sein.
In Kapitel 37, 26.27 kommen noch zwei Dinge dazu:
- Ich werde einen Bund des Friedens mit ihnen machen.
- Ich werde Mein Heiligtum in ihre Mitte setzen.
Mit diesem 12fachen souveränen Handeln Gottes, für das Israel keine Vorbedingungen zu erfüllen hat, ist die Rettung ganz Israels gemäß Röm. 11, 26 vollzogen. In dem dann neu zu errichtenden Tempel werden nach Hesekiel 40-48 wieder Priesterdienst und Opfer stattfinden. »Das Gesetz wird von Zion ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem« (Jes. 2, 3).
Das errettete und mit dem Heiligen Geist erfüllte Israel wird in der Lage sein, die Satzungen und Rechte des Herrn auch tatsächlich zu tun. Das verheißt Gott in Hes. 37, 24: »Und sie werden allesamt einen Hirten haben, und sie werden in Meinen Rechten wandeln und Meine Satzungen bewahren und tun.« Sie werden sie nicht nur selbst tun, sondern alle Völker lehren, sie zu halten, so wie es Jesus ihnen bei Seinem Abschied geboten hatte (Matth. 28, 19.20): »Geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr sie taufet auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu bewahren, was Ich euch geboten habe.«
Israels Weg zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit endet nicht in der Gesetzlosigkeit (auch in ihrer doppelten Bedeutung), sondern in der vollen Erfüllung des Gesetzes, wozu Gott dann Sein Volk durch Seinen Geist befähigt haben wird.
Das Gesetz, die Satzungen und Rechte des Herrn und die Gebote Jesu, wie sie uns vor allem in der Bergpredigt überliefert sind, werden der Inhalt des Evangeliums sein, mit dem Israel im 1000-jährigen Reich alle Nationen zu Jüngern machen wird. In Offb. 14, 6.7 wird das äonische Evangelium, das dann verkündigt wird, auf die Kurzformel gebracht: »Fürchtet Gott und gebt Ihm die Ehre!« Dem alleinigen Gott, unserm Heiland, durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und in alle Äonen! Amen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 6/2001; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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