Die Aufenthaltsräume der Toten
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Gerichte Gottes, Heilsgeschichte, Lehre, Tod & Auferstehung | 930 x gelesenDie Frage, wo unsre Toten sind und ob sie Bewußtsein haben oder nicht, ist nie verstummt. Fantasie und Berichte aus zweifelhaften Quellen haben die mannigfachsten sich stark widersprechenden Antworten gegeben. Wenn auch die Schrift einen gewissen Schleier über diese Dinge gelegt hat, so gibt sie doch andrerseits so viele klare Einblicke und unzweideutige Antworten, daß man daran nicht achselzuckend vorbeigehen darf, wenn man wirklich von jedem Worte leben will, das von dem Munde Gottes ausgeht (Matth. 4, 4).
Wir wollen uns auf keine philosophischen oder dogmatischen Erörterungen dieses vielumstrittenen Themas einlassen, sondern lediglich schlicht und einfach bezeugen, was die Schrift darüber sagt. Man möge Gottes Wort zu seinem Herzen und Geiste sprechen lassen und das fassen, was man zu fassen vermag. Was einem jedoch noch unklar und widerspruchsvoll erscheint, das lasse man getrost liegen und streite nicht um Dinge, in die man keinen gottgeschenkten Einblick hat. Wie oft stehen der Stimmaufwand und die unnachgiebige Starrheit, mit der man eine Lehrmeinung als der Wahrheit letzten Schluß vorträgt, im umgekehrten Verhältnis zu der Treue, dem Ernst und dem Fleiß, die man aufwendete, um aus der Schrift selbst einen Durchblick zu bekommen. Weitaus die meisten machen sich das “edle” Werk der Beröenser (Apg. 17, 10.11) sehr einfach: sie verschreiben sich irgend einem Dogma, das sie ungeprüft übernehmen, und sprechen alles eifrig nach, was ihnen vorgetragen wird.
So wollen wir es nicht machen. Wir wollen prüfen, forschen, vergleichen und jedem “Es stehet geschrieben” das ebenso wichtige “Wiederum stehet geschrieben” entgegenzusetzen wagen. Nicht aus Lust am Widerspruch, sondern aus Liebe zur Wahrheit. Und dann wollen wir nur das vertreten und bezeugen, was uns von Gott durch sein Wort wirklich aufgeschlossen und lebendig gemacht wurde. Dazu soll auch dieses schlichte Zeugnis einen kleinen Anreiz der Liebe geben.
Wenn wir unsre Arbeit überschrieben: Aufenthaltsräume der Toten und nicht: die Aufenthaltsräume der Toten, so hat das seinen guten Grund. Wir wollen damit andeuten, daß es vielleicht noch mehr vorläufige Wohnplätze Verstorbener geben mag, wir aber aus der Schrift nur diejenigen zu ersehen vermögen, die genannt sind.
Je gründlicher und betender man eine Wahrheit im Worte Gottes erforscht, umso bescheidener wird man und umso schmerzlicher ist man sich der engen Grenzen unsres eignen Erkennens und Verstehens bewußt. Wir sehen in Gottes Wort elf Aufenthaltsräume der Toten. Es sind
- der Hades (hebr. Scheol),
- der Tartarus,
- der Abyssos,
- die Grube,
- das Gefängnis,
- der Kerker,
- der Tod,
- die unteren Teile der Erde,
- das Meer,
- die Gehenna,
- der Feuersee.
Wir werden erkennen, daß diese Räume nur vorläufige Aufenthaltsorte Toter, nur vorübergehende Wohnplätze abgeschiedener Menschen oder auf das Gericht wartender Geister sind. Das geht aus der Gesamtschau der Schrift hervor, wenn wir sie vom Ziel der Vollendung her zu sehen gelernt haben. Wer, um nur ein einziges Wort herauszugreifen, zu fassen vermag, dass selbst “die Widerstrebenden bei Gott, dem Herrn, wohnen werden” (Züricher Bibel) oder, wie die Textbibel von Kautzsch sagt: “Auch Widerspenstige müssen bei Gott wohnen” (Ps. 68, 19) der wird das ohne weiteres begreifen (vergl. Elberfelder Übers. Ps. 68, 18.)
Doch wenden wir uns den Zeugnissen zu, die Gott in seinem Wort über die oben genannten elf Totenbehältnisse zu unsrer Belehrung und Ermahnung durch den Heiligen Geist niederschreiben ließ!
Der Hades oder Scheol
Das Wort Hades ist griechischen Ursprungs und kommt elfmal im Neuen Testament vor. Die weltliche Literatur verstand darunter die unsichtbare, d. h. mit unsern menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbare Unterwelt Der Ausdruck Hades ist derart belastet mit heidnischen Vorstellungen, menschlich-religiösen Dogmen und Lehren von Dämonen und bösen Geistern, daß man besser nach der Urbedeutung des hebräischen Wortes Scheol fragen sollte.
Scheol begegnet uns 65 mal im Alten Testament und wird in Zitaten im Neuen Testament mit Hades übersetzt. Ein bekanntes, überaus lehrreiches Beispiel dafür ist Ps. 16, 8-10 in Verbindung mit Apg. 2, 25-27. Wenn wir diese Stellen aufmerksam nachlesen, so ersehen wir daraus zum ersten, daß David in seinem Loblied von Christus redete. Das erkennen wir aus den Worten: “David sagt über (oder: in Bezug auf) ihn (gemeint ist nach dem Zusammenhang der Herr Jesus).” Das zu begreifen und in diesem Licht das Alte Testament zu lesen, ist für den Bibelchristen von größtem Wert.
Zum andern geht aus dem klaren Wortlaut beider Zeugnisse hervor, daß erstens die Seele des Herrn in den Scheol oder Hades gegangen ist und zweitens der Leib, da er sich in der Erde befand, der Gefahr der Verwesung ausgesetzt war. Den Geist hatte Jesus in seines Vaters Hände gelegt; er war daher unantastbar.
Doch der Herr wußte zweierlei: einmal sollte seine Seele nicht im Hades bleiben, und zum andern sollte sein Fleisch nicht verwesen. Wir wollen hier nicht auf die Folgerungen eingehen, die sich für den Glauben aus diesem Tatbestand ergeben. Wir möchten nur, ohne zu drehen und zu deuteln, das Wort heiliger Schrift so nehmen, wie es dasteht.
Ohne Zweifel kann man je nach dem Zusammenhang unter Scheol nicht nur das Totenreich, sondern auch das Grab verstehen. Aber es wäre völlig verkehrt, zu sagen, daß mit Scheol nur das Grab gemeint sei und alles, was auf etwas anderes hinzudeuten scheine, nur ein Bild sei. Das ist eine sehr billige Methode, alles, was man nicht versteht oder nicht wahrhaben will, als Sprachfigur hinzustellen. Meint denn Gott nur manchmal das, was er sagt? Wer will entscheiden, was Bild und Gleichnis ist und was wörtlich und buchstäblich genommen werden darf? Da kann jeder etwas anderes verbildlichen, so daß zuletzt nichts mehr übrig bleibt von den göttlichen Realitäten himmlischer und höllischer Art.
Wir wollen darum sämtliche Stellen aufzählen, in denen von dem Hades und dem Scheol die Rede ist.
Vom Hades lesen wir in Matth 11, 23; 16, 18; Luk 10, 15; 16, 23; Apg. 2, 27.31; 1. Kor. 15, 55; Offbg. 1, 18; 6, 8; 20, 13.14.
Vom Scheol wird berichtet in 1 Mo 37, 35; 42, 38; 44, 29.31; 4. Mo. 16, 30.33; 5. Mo. 32, 22; 1. Sam 2, 6; Sam 22, 6; 1 Kön. 2, 6.9; Hiob 7, 9; 11, 8; 14, 13; 17, 13.16; 21, 13; 24, 19; 26, 6; Ps. 6, 5; 9, 17; 16, 10; 18, 5; 30, 3; 31, 17; 49, 14.15; 55, 13; 86, 13; 88, 3; 89, 48; 116, 3; 139, 8; 141, 7; Spr. 1, 12; 5, 5; 7, 27; 9, 18; 15, 11.24; 23, 14; 27, 20; 30, 16; Pred. 9, 10; Hohelied 8, 6; Jes. 5, 14; 14, 9.11.15; 28, 15.18; 38, 10; 38, 18; 57, 9; Hes. 31, 15.16.17; 32, 21.27; Hosea 13, 14; Amos 9, 2; Jona 2, 3; Hab. 2, 5.
Wem die biblische Zahlensymbolik wichtig ist, der achte darauf, daß Hades elfmal vorkommt (11 ist die Zahl des Unvollendeten, Unzulänglichen) und Scheol 65 mal in der Schrift zu finden ist, 65 ist das Produkt von 5 mal 13. Fünf ist die Zahl der menschlichen Bedürftigkeit und der göttlichen Gnade, 13 dagegen die der Empörung, der Revolution. Die Totenräume sind nicht das Letzte, nicht das Vollkommene, und die Gnade überwindet jede Rebellion gegen Gott. “Auch die Empörer sollen wohnen bei Gott.” Mehr möchten wir in diesem Zusammenhang über die köstliche Tiefenschau, die uns durch die Zahlensymbolik der Schrift in das Wesen der Dinge gewährt wird, nicht sagen.
Im folgenden wollen wir auf einige biblische Tatsachen hinweisen, die sich aus diesen 76 Zeugnissen zwanglos und unwiderleglich ergeben. Der Scheol ist ein Ort, in dem man Leid trägt. Ein Leichnam ohne jedes Bewußtsein kann aber nicht Leid tragen. Wenn Jakob in 1. Mo. 37, 35b sagt: “Leidtragend werde ich zu meinem Sohn hinabfahren in den Scheol”, so soll das durchaus nicht heißen, daß er mit ihm ins gleiche Grab gelegt werden wird. Das war ja gar nicht möglich. da ja Josef nach seines Vaters Meinung von einem wilden Tier zerrissen worden war. Also kann Scheol hier unmöglich Grab oder Gruft bedeuten. Wir werden das noch deutlicher erkennen, wenn wir von dem vierten Totenbehältnis, der Grube, sprechen.
In 2. Sam. 22, 6 lesen wir von Maschen (Netzen oder Banden) des Scheols. Liegen vielleicht dort die Toten wie Tiere, die sich in einem Netz verfangen haben? Vgl. Ps. 18, 5! Hier steht, als Bild gebraucht, da David ja noch auf Erden war, im Hebräischen das gleiche Wort.
Der Scheol hat Pforten (Jes. 38, 10; Matth. 16, 18) und Siegel (Hiob 17, 16). Wer das nicht glauben kann und solche Zeugnisse zu orientalischen Bildern verflüchtigt und entleert, mit dem werden wir nicht streiten. Gottes Wort bleibt dennoch Gottes Wort!
Der Scheol ist kein Ort des Gottespreises, da es dort, wenigstens vor dem Hinabstieg Christi in das Totenreich, weder Tun und Überlegung noch Erkenntnis und Weisheit gab (Pred. 9, 10).
Hier sei eine grundlegende Zwischenbemerkung bezüglich der Zeugnisse der Schrift über die Totenreiche gemacht. Wer etwas über gegenwärtige Zustände und Vorgänge im Totenreich bezeugen will und sich dabei auf alttestamentliche Stellen stützt, handelt genau so töricht wie einer, der das Hoffnungsgut der Gemeinde des Leibes Christi aus dem sinaitischen Gesetz darzulegen versucht. Das geht einfach nicht. Denn mit dem Hinabstieg des Sohnes Gottes in die Totenreiche haben sich dort gewaltige Veränderungen vollzogen. Worin sie alle im Einzelnen bestehen, können wir kaum erschöpfend sagen. Aber etliche sind uns doch genannt, die von weittragender Bedeutung sind. Doch soll davon in andern Zusammenhängen noch die Rede sein. Darum wollen wir jetzt nur darauf hinweisen.
Ob es wohl im Scheol, wenn wir so sagen dürfen, verschiedene Räume und Stockwerke gibt? Nach Spr. 7, 27 sind dort “Kammern des Todes”. Jedenfalls sprechen 5. Mo. 32, 22 und Ps. 86, 13 vom “untersten Scheol”, wenn vom Gerichtsfeuer Gottes die Rede ist. Bei der Betrachtung des Tartarus werden wir auf diese Stelle nochmals zurückkommen. Gott hat einen Schleier über manche Dinge gelegt, und wir können nicht mehr, dürfen aber auch nicht weniger sagen, als was die Schrift bezeugt.
Nicht natürliche Umstände und Zufälle, auch nicht der Feind und sein stärkster Untergebener, der Tod, sondern Gott selbst führt in den Scheol hinein und zur gegebenen Zeit und Stunde und auf die ihm wohlgefällige Art wieder heraus (1. Sam. 2, 6). Dabei ist es natürlich ein großer Unterschied, ob man “im Frieden” oder “mit Blut” in den Scheol hinabfährt (1. Kön. 2, 6.9).
Kein Mensch vermag aus eigner Kraft aus dem Scheol wieder heraufzusteigen (Hiob 7, 9). Wie die Himmel ein Bild der Höhe sind, so ist der Scheol ein Bild der Tiefe (Hiob 11,8), in der man versteckt und verborgen gehalten werden kann (14.13). Doch für den allgegenwärtigen, alles durchschauenden Gott ist der Scheol nackt und hüllenlos (26, 6, Ps. 139, 8).
Der Scheol ist ein Ort des Schweigens (Ps. 51, 17). Die Toten werden wie Schafe vom Tode geweidet und ihre Gestalt (wörtlich: ihr Trotz oder ihre Schönheit, d. h. das, worauf sie stolz sind und sich berufen) wird dort mit Gewalt vernichtet (Ps. 49, 14. 15). Darum spricht die Schrift auch von den Bedrängnissen oder Drangsalen des Scheols (Ps. 116, 13). Der Scheol, der wie ein Rachen alles verschlingt (Jes. 5, 14), wäre sichtbar, wenn man die Erde aufschnitte und spaltete (Ps. 141, 7). Es gibt dort wohl verschiedene Tiefen (vgl. Spr. 9, 18: “Tiefen des Scheols”), die unersättlich sind (Spr. 27, 20).
Eine der aufschlußreichsten Stellen über Zustände und Vorgänge im Scheol ist Jes. 14. Wer dieses Kapitel nicht als göttliche Wirklichkeit fassen kann, möge es als Bild bezeichnen. Aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ein Bild wuchtiger und gewaltiger ist als die Tatsache selbst, für die es steht. Das wäre genau so, als käme eine Grundrißzeichnung eines Bauwerkes teurer zu stehen und würde aus besserem Material verfertigt als das Gebäude selbst. Die Sache ist immer das Realere Wirklichere, und das Bild oder der Vergleich ist immer eine Abschwächung.
Beachten wir die Verse 9 -17 und suchen wir etliche wichtige Wahrheiten daraus zu erkennen: “Der Scheol drunten ist in Bewegung um deinetwillen, deiner Ankunft entgegen. Er schreckt deinetwegen die Schatten auf, alle Mächtigen der Erde, er läßt von ihren Thron aufstehen alle Könige der Nationen. Sie alle heben an und sagen zu dir:” Auch du bist kraftlos geworden wie wir, bist uns gleich geworden.” In den Scheol hinabgestürzt ist deine Pracht, das Rauschen deiner Harfen. Maden sind unter dir gebettet, Würmer sind deine Decke. Wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte, zur Erde gefällt, Überwältiger der Nationen! Und du sprachst in deinem Herzen: “Zum Himmel will ich hinaufsteigen, hoch über die Sterne Gottes meinen Thron erheben, mich niedersetzen auf den Versammlungsberg im äußersten Norden. Ich will hinauffahren auf Wolkenhöhen, mich gleich machen dem Höchsten!”
Wie in einem Haus Bewegung herrscht, wenn ein Gast von Bedeutung erwartet wird, sei es nun der reiche Onkel aus Amerika oder die Kriminalpolizei, so ist es auch im Totenreich, da man irgendwie erfährt, dass der König von Babel eintreffen wird. Die Schatten, die Hingestreckten oder Schlaffen, werden aufgestört. Die ehemaligen Machthaber der Erde, die auch im Totenreich noch irgendwie Throne innehaben, erheben sich und bereiten dem Ankömmling einen eigenartigen Empfang. Sie kennzeichnen ihr Dasein als Kraftlosigkeit. Statt von Pracht und rauschender Musik sind sie von Maden und Würmern umgeben. Der König von Babel wird in die tiefste Grube des Totenreichs gestürzt. Es gibt dort also verschieden tiefe Gruben. Man kann sich dort anschauen und seine Betrachtungen und Überlegungen anstellen (Vers 16). Wie sehr muß nach dem 17. Vers Gott solche irdischen Machthaber strafen, die bewohnte Gegenden zu Wüsten machen, bevölkerte Städte zerstören und Kriegsgefangene nicht in die Heimat entlassen!
Ohne Zweifel kann man dieses Schriftzeugnis einfach auf das Grab beziehen. Aber vergessen wir doch nicht, daß wir es mit einem prophetischen und symbolischen Gotteswort und nicht mit einem oberflächlichen Menschenwort zu tun haben. Daß uns im tiefsten und letzten Sinn hier ein Einblick in die Geschichte Satans gegeben wird, wollen wir in unserm Zusammenhang nicht naher erörtern.
Nach Jes. 28, 15.18 kann man mit dem Scheol Verträge abschließen. Das kann man aber nicht mit einem unwahrnehmbaren Nichts. Was dieses Vertragschließen im Einzelnen bedeutet, wissen wir nicht. Wir werden es aber später erfahren. Und bis dahin wollen wir in Demut und Bescheidenheit warten.
Die Ankunft des Königs von Ägypten im Scheol schildert Hes. 31, 15 ff. Wenn wir im 17. Vers lesen: “Sie fuhren mit ihm (die Nationen mit dem König von Ägypten) in den Scheol hinab zu den vom Schwerte Erschlagenen, die als seine Helfer in seinem Schatten saßen unter den Nationen”, so kann das Hinabfahren in den Scheol unmöglich die Auflösung ins Nichts bedeuten.
Liebe und Rettung sind die Betätigung Gottes an seiner Schöpfung. Im Sohn hat er uns seine Liebe geoffenbart und seine Rettung gesandt. Das Gegenteil von Liebe und Rettung sind Gewalt und Verderben. Sie sind Kennzeichen des Scheols, der dem Tode, dem grausamen Engelfürsten und stärksten Untergebenen Satans, untersteht. Darum sagt auch der Herr hinsichtlich Israels: “Von der Gewalt des Scheols werde ich sie erlösen, vom Tode sie befreien. Wo sind, o Tod, deine Seuchen, wo ist, o Scheol, dein Verderben?” (Hosea 13, 14).
So gewiß es einen Himmel und einen Berg Karmel einen Meeresgrund und ein Ziehen in Gefangenschaft gibt so gewiß gibt es auch einen wirklichen Scheol als Ort und Raum. Darum lesen wir in Amos 9, 2-4a: “Wenn sie in den Scheol einbrechen, wird von dort meine Hand sie holen. Und wenn sie in den Himmel hinaufsteigen, werde ich von dort sie niederbringen. Und wenn sie sich auf dem Gipfel des Karmel verbergen, werde ich von dort sie hervorsuchen und holen. Und wenn sie sich von meinen Augen hinweg im Grunde des Meeres verstecken werde ich von dort die Schlange entbieten, und sie wird sie beißen. Und wenn sie vor ihren Feinden her in Gefangenschaft ziehen werde ich von dort das Schwert entbieten, und es wird sie umbringen (Amos 9, 2-4a). Sollte in diesem Zusammenhang alles buchstäblich genommen werden müssen und einzig und allein der Scheol ein Bild für etwas sein, was es überhaupt nicht gibt?
Daß unter Umständen auch der Bauch eines Fisches Scheol und Grube genannt wird, ersehen wir aus dem Gebet des Jona in 2, 2-7. Damit ist zum mindesten bewiesen, dass der Scheol nicht nur das Grab in der Erde sein muß, sondern dass sich ein vom natürlichen Leben und von Gott abgeschnittener Mensch auch gewissermaßen im Tode, d. h. in der Beziehungslosigkeit zur Umwelt befindet.
Schauen wir uns noch einige Zeugnisse an, die den Hades betreffen. Wenn die Pforten des Hades die Gemeinde des Herrn nicht zu überwältigen vermögen, also im Kampf mit ihr stehen, so müssen ihnen gewaltige Kräfte eignen (Matth. 16, 18). Natürlich kann Hades das Grab bedeuten und oft nur ein Bild sein. Aber es muß nicht immer so sein. Wer ein menschlich-starres Entweder-Oder in die Schrift hineinträgt, muß sich jeder geistgewirkten Tiefenschau verschließen. Wer jedoch die Vieldeutigkeit jedes Gotteswortes erkannt hat, der weiß etwas von dem göttlichen Sowohl-als-auch. So bedeutet, um nur auf ein bekanntes Beispiel hinzuweisen, Same sowohl Saatkorn und verkündigtes Gotteswort als auch Israel (”der gute Same sind die Söhne des Reiches!) und den Herrn selbst. Wer wollte angesichts solch klarer Schriftbeweise wagen, festzulegen, welche dieser vier Deutungen richtig und welche falsch sind? Gibt es keine wirklichen Saatkörner, weil letztlich der Herr selbst “der Same” ist? Oder darf man den Begriff “Samen” nicht in seiner letzten und tiefsten Schau auf Christus beziehen, weil das verkündigte Wort mit Samenkörnern verglichen wird? Was sind wir doch oft für blinde, dumme Besserwisser, die vom Wesen des Wortes Gottes so blutwenig verstehen!
Lernen wir doch begreifen, daß jede Schrift der heiligen Buchrollen zunächst ganz wörtlich genommen werden darf, aber auch eine geistig-geistliche Bedeutung hat und darüber hinaus in prophetisch-symbolische Weiten und Tiefen der Gottesgedanken und Vollendungspläne führt.
Das gilt sicherlich auch für den Tod und die Totenräume. Hier scharf abzugrenzen, was nur wörtlich und nur bildlich genommen werden darf, steht uns nicht zu. Das zu zeigen, ist Sache des Heiligen Geistes, der jedem Einzelnen wachstümlich Licht und Klarheit zuteilt, entsprechend der Heilskörperschaft, zu der er gehört, und der Reifestufe, auf der er steht. Es ist daher völlig sinnlos, über diese Dinge zu streiten.
Wer in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus nur ein Bild zu sehen vermag, der möge das tun. Wir glauben aber, daß das eine wirkliche Begebenheit ist, denn der Herr, dem alle Dinge auf Erden, im Himmel und unter der Erde bekannt sind, hat es nicht nötig, etwas zu erfinden, was gar keinen sachlichen Hintergrund hat, d. h. was es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der Hades hat ebenso wie das Samenkorn und viele andere Dinge, die die Schrift im verschiedensten Sinne nennt, buchstäbliche, darüber hinaus jedoch auch persönliche, prophetische und symbolische Bedeutung.
Schlüssel zu einem nicht wahrnehmbaren und gar nicht existierenden Raum (Offbg. 1, 18) kann man sich schwer vorstellen. Dass Gott Toten zu besonderen Zwecken die Erlaubnis gibt, ihren Wohnraum zu verlassen, ersehen wir u. a. aus Offbg. 6, 8, wo wir lesen: “Siehe, ein fahles Pferd, und der der darauf saß, sein Name war Tod. Und der Hades folgte ihm. Und ihm wurde Gewalt gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und Tod und durch die wilden Tiere der Erde.” Wer wollte es wagen, etwas Erschöpfendes über diese Welt der Finsternis auszusagen? Wir können nur in heiliger Ehrfurcht die Zeugnisse der Schrift betend durchforschen und uns das schenken lassen, was Gott uns zugedacht hat.
Der Tartarus
Vom Tartarus sagt die Schrift nur wenig. Das Dingwort selbst kommt überhaupt nicht vor, sondern nur das Zeitwort tartaróo (2. Petr. 2, 4), das soviel bedeutet wie: in den Tartarus hinabstürzen oder im Tartarus verschließen. Unter dem Tartarus verstand man ein dunkles Verlies oder auch eine Reihe dunkler Verliese.
Beachten wir den wichtigen und überaus ernsten Zusammenhang, in dem dieses Wort steht: “Wenn Gott Engel, welche gesündigt hatten, nicht verschonte, sondern Sie in den tiefsten Tartarus hinabstürzend, Ketten der Finsternis überlieferte, um aufbewahrt zu werden für das Gericht; und die alte Welt nicht verschonte, sondern nur Noah, den Prediger der Gerechtigkeit selbacht (als achten) erhielt, als er die Flut über die Welt der Gottlosen brachte; und die Städte Sodom und Gomorra einäscherte und zur Zerstörung verurteilte, indem er sie denen, welche gottlos leben würden, als Beispiel hinstellte …” (Vers 4-6).
Von drei Gerichtsakten Gottes ist hier die Rede: Engel, welche gesündigt hatten, wurden nicht verschont, sondern “in den tiefsten Tartarus hinabgestürzt”, Ketten der Finsternis überliefert (es gibt also nicht nur stoffliche Eisenketten, sondern auch geistig-geistliche Finsternisketten, die aus Unwissenheit und Beziehungslosigkeit zum Licht bestehen!), damit sie für das Gericht aufbewahrt, bewacht oder in Haft gehalten werden. Die alte Welt wurde durch die Sintflut, die als Strafe für die Gottlosigkeit ihrer Bewohner vom Herrn geschickt wurde, nicht verschont, und zum dritten wurden Sodom und Gomorra durch Feuer vom Himmel verbrannt und den Sündern als Beispiel göttlicher Strafgerichte hingestellt.
Auch der Judasbrief nennt drei Kreise von Geschöpfen, die Gottes Strafgericht erfuhren, die den in die damaligen Gemeinden eingeschlichenen ausschweifenden Menschen als warnendes Beispiel vor Augen gestellt werden: die aus Ägypten erretteten, aber auf dem Wege ungehorsamen Juden (Vers 5); Engel, die ihre Oberherrschaft, ihr Fürstentum oder ihre Machthaberstellung nicht bewahrten, sondern ihre Leiblichkeit verließen; Sodom und Gomorra, die sich, genau wie die Engel (!) der Unzucht ergaben und andersartigem Fleische, nämlich dem der Menschen, nachgingen (Vers 6.7). Letztere, nämlich Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, sind ein gottgegebenes Beispiel dessen, was er unter “ewigen Feuers Strafe” verstanden wissen will.
Aus einem genauen Vergleich dieser beiden Zeugnisse können wir viel lernen. In unserm Zusammenhang sei nur gesagt, dass sich der Tartarus nicht in, sondern unter der Finsternis befindet. Wer meint, so genau und eingehend brauche man nicht auf den Buchstaben der Schrift zu achten, der lese Gal. 5, 16 und ähnliche Gottesworte. Es gibt ja nicht nur eine Finsternis und eine Tiefe (so wie es nicht nur eine Ewigkeit oder einen Äon gibt), sondern mehrere Finsternisse und Tiefen (Ps. 88, 6).
So ist wohl der Tartarus ein schauerliches Verlies, in dem gefallene Engel für Ewigkeiten (”mit ewigen Ketten”) in der Dunkelheit der Gottesferne “unter der Finsternis” zum Gericht aufbewahrt werden. Da aber wir einmal diese Gerichte ausüben sollen (1. Kor. 6, 3), so haben wir ein heiliges, zitterndes Interesse an diesen Dingen, die zu unsern Zukunftsaufgaben gehören. Wer jedoch nichts davon wissen möchte und es für Demut hält, das, was Gott in seinem Wort klar gesagt hat, unbeachtet liegen zu lassen, der möge es tun. Nur sollten wir auf keinen Fall darüber Wortstreit führen.
Wenn also die weltliche Schau unter dem Tartarus einen finstern Abgrund, tief unter dem Hades, das Gefängnis der Titanen (ein göttliches, d. h. Engelsgeschlecht, das sich in leidenschaftlicher Auflehnung empörte und über seine Machtbefugnisse und göttlichen Grenzen hinausging) versteht, so hat sie nicht unrecht. Wir wollen aber treu und keusch im klaren Wort heiliger Schrift bleiben und nicht mehr, aber auch nicht weniger bezeugen, als was geschrieben steht.
Der Abyssos
Die griechischen Schriftsteller verstanden unter dem Abyssos einen bodenlosen, unermeßlichen Abgrund. Was aber lehrt Gottes Wort darüber? Das Neue Testament gebraucht diesen Ausdruck nur neunmal, nämlich in Lukas 8, 31; Röm. 10, 7; Offbg. 9, 12.11; 11, 7; 17, 8; 21, 1.3.
Der Kranke von Lukas 8, 27 ff. war von vielen Dämonen besessen. Diese trieben ihn an, sich nackt zu zeigen (er war also, modern ausgedrückt, ein Exhibitionist). Zudem blieb er nicht zuhause, sondern trieb sich in den Grabstätten umher. Es gibt viele geisteskranke Menschen, die weder zuhause bleiben, noch ihre Pflichten erfüllen wollen und können, sondern sich Tag für Tag am Bahnhof umhertreiben. Andre zieht es in Wirtshäuser oder verrufene Viertel. Solche Besessene verfügen oft über erstaunliche Kräfte. Das war auch bei dem Kranken von Lukas 8 der Fall: “Er war gebunden worden, verwahrt mit Ketten und Fußfesseln, und er zerbrach die Bande und wurde von dem Dämon in die Wüsteneien getrieben” (Vers 29b). Als der Herr in heiliger Vollmacht den Dämon anredete, bat dieser bzw. baten sie, nicht in den Abgrund (den Abyssos) geschickt zu werden. Lieber wollten sie in eine Herde Schweine fahren. Das gewährte ihnen der Herr. Dann aber geschah das Erstaunliche, daß die Dämonen die Schweine in den Selbstmord trieben.
Was lernen wir aus dieser Begebenheit? Zunächst das, daß es eine Besessenheit durch einzelne oder viele Dämonen gibt. Zum andern, dass die Finsternismächte wissen, daß der Sohn Gottes Vollmacht bat, sie in den Abgrund zu schicken. Lesen wir nicht auch in Hiob 15, 25b: “Er (d. i. der Gesetzlose, letztlich Satan) weiß, daß neben ihm ein Tag der Finsternis bereitet ist?” Da diese gefallenen Wesen und Mächte der Bosheit nichts von dem vollgültigen Erlösungswerk Christi wissen wollen noch können, glauben sie auch nicht an eine Rückkehr aus der Finsternis (Vers 22a). Daher ihre Angst! Dürfen wir aus dieser Begebenheit nicht auch ersehen, dass geschlechtliche Verirrungen, ja, vielleicht auch Arbeitsscheu und triebhaftes Sichhingezogenfühlen zu einsamen oder stark bevölkerten Orten eine dämonische Wurzel haben können? Jedenfalls wissen die heiligen Schriften (und glaubwürdige Berichte) mancherlei darüber zu sagen. Vielleicht verstehen wir auch in diesem Licht, weshalb Gottes Wort so eindringlich mahnt, mit unsern eignen Händen zu arbeiten (ist nicht Müßiggang aller Laster Anfang?), uns zeitweise zum Gebet in die Stille zurückzuziehen und dann wieder Gemeinschaft mit den Heiligen zu pflegen. Doch soll uns das hier nicht weiter beschäftigen. Für unsern Zusammenhang wollen wir nur festhalten, dass Dämonen wissen, dass der Herr Gebieter über dem Abgrund ist und hinunterschicken kann, wen er will.
Auch die Tatsache, daß die Säue sich ins Meer stürzen, ist von Bedeutung. Ahnen diese Mächte vielleicht etwas davon, dass Erlösung nur durch Sterben, nur durch den Tod kommt? Wir werden weiter unten sehen, daß sie von der Weisheit Gottes, also von Christus, nur “gerüchtweise” etwas wissen.
Es ist ausdrücklich bezeugt, dass es dem Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben (das Wort einmal ist im Urtext von Hebr. 9, 27 betont), während dem Fürsten von Tyrus als Abbild Satans gesagt ist, daß er “der Tode”, also mehr als einmal sterben muß (Hes. 28, 8).
Daß Christus während seines Todes auch im Abyssos war, ersehen wir aus Röm. 10, 7, wo wir lesen: “Wer wird in den Abyssos hinabsteigen? Das ist, um Christus aus den Toten heraufzuführen.” Der Herr hat wohl sämtliche Totenräume besucht, da er ja Toten gute Botschaft verkündigte, Menschen aus den Kammern der Unterwelt heraufführte und nicht nur einen, sondern die Schlüssel des Todes und des Totenreiches empfing (Offbg. 1, 18).
In Offbg. 9, 1.2 ist von einer Zisterne oder einem Schlund des Abgrundes die Rede, aus dem Rauch (ein Bild des Zornes Gottes und der Qual der Sünder) aufsteigt. Nach dem 11. Vers heißt der Bote und König des Abyssos auf hebräisch Abaddon und auf griechisch Apollyon = Verderber. Ob sich vielleicht die beiden Ortsbezeichnungen Abyssos und Abaddon decken? Aus dem Abyssos wird in der Endzeit das Tier aufsteigen. dem Gott für eine kurze Zeitspanne Gelingen schenkt (Offbg. 11, 7; 17, 8). Im Abyssos wird Satan während des tausendjährigen Friedensreiches Jesu Christi verschlossen werden (Offbg. 20, 1.5).
Wir sagten oben, dass Abaddon vielleicht nur ein andrer Name für Abyssos ist (Offbg. 9, 11). Völlig eindeutig sind die Aussagen über die Totenräume nicht, und nichts wäre verkehrter, als ein lückenloses Schema und System darüber aufzustellen und dafür zu eifern. Weil aber Gottes Wort darüber spricht, dürfen und müssen wir auch davon zeugen. Dabei sind wir uns durchaus bewußt, daß unser Erkennen immer noch Stückwerk ist und das Vollkommene, soweit es die praktische Einheit der Gesamtgemeinde in Glaube und Erkenntnis betrifft, noch nicht gekommen ist. — In Ps. 88, 10-12 lesen wir: “Wirst du an Toten Wunder tun? Werden die Schatten aufstehen und dich preisen? Wird deine Güte erzählt werden im Grabe, im Abgrund deine Treue? Werden in der Finsternis bekannt werden deine Wunder und deine Gerechtigkeit in dem Lande der Vergessenheit?”
Diese Zweifelsfragen Hamans, des Esrachiters, waren vor der Auferstehung Jesu Christi aus den Toten durchaus berechtigt. Inzwischen hat sich aber ein gewaltiger Wandel vollzogen. Zum andern aber wissen wir sehr wohl, dass der Herr an Toten Wunder zu tun vermag. Denken wir nur an den Anbruch, als er während seines Erdenlebens drei Gestorbene auferweckte. Da einmal die ganze Schöpfung Gott preisen wird, werden auch die jetzt als abgeschiedene Schatten, als hingestreckte Schlaffe in die Verderbensräume des Abgrundes Eingeschlossenen den Herrn loben. Und da die Güte und Treue Gottes einmal überall und von allen erkannt und gerühmt werden wird, wird die rettende Botschaft auch in jene finstern Totenbehältnisse hineingetragen werden. Auch in der Finsternis werden die Wunder der Liebe Gottes leuchten, und seine Gerechtigkeit wird nach Jes. 51, 5-8 in Ewigkeit sein und sein Heil durch alle Geschlechter, wie auch Ps. 94, 15 geschrieben steht: “Zur Gerechtigkeit wird zurückkehren das Gericht.”
Das dürfen wir auch aus unsrer Psalmstelle (88, 10-12) schließen. Gründliche Kenner des Hebräischen versichern uns, dass die drei Fragesätze des 10. und 11. Verses genauso richtig als Behauptungssätze aufgefaßt werden dürfen. Dann hieße der heilige Text so: “Du wirst an den Toten Wunder tun. Die Schatten werden aufstehen und dich preisen. Deine Güte wird erzählt werden im Grabe, im Abgrund deine Treue!” Bezeugt nicht der 148. Psalm ganz Ähnliches?
Vor und für Gott ist der jedem geschöpflichen Auge verhüllte Abgrund (hebr. Abaddon) aufgedeckt und hüllenlos. Denn der Schöpfer, Erlöser und Vollender der Welten durchschaut alles. Die Beherrscher und Bewohner dieser Totenräume hingegen hören, wie wir schon andeuteten, vorerst nur “Gerüchte” über die Weisheit Gottes (Hiob 28, 22). Darum sprechen auch die Tiefe und das Meer: “Sie (d. i. die Weisheit) ist nicht in mir (oder bei mir)” (Vers 14). Diese Weisheit, deren Wert kein Mensch kennt (Vers 15) und die weder durch Gold noch Edelgestein gekauft werden kann (Vers 15-19), ist vor den Augen der Geschöpfe verhüllt (Vers 21). Diese Weisheit aber ist letztlich und zutiefst Christus selbst, denn Gott hat ihn dazu gemacht (1. Kor. 1, 50).
Weil nun nicht nur den Finsternisgewalten, sondern auch den Lichtsmächten der Himmel, selbst denen um Gottes Thron, das ureigentliche Wesen Christi verborgen ist (sie beten ja mit verhülltem Angesicht), so besteht der Gegenwartsdienst der Gemeinde des Leibes Christi darin, diese verborgene, nur gerüchtweise erkannte Weisheit Gottes darzustellen und zu vermitteln. Das bezeugt das uns allen bekannte köstliche Wort Eph. 5, 10. Wie stark das Rettungsverlangen der Wesen in den Tiefen ist, möge uns Hab. 5, 10 andeuten, wo wir lesen: “Die Tiefe ließ ihre Stimme erschallen, zur Höhe erhob sie ihre Hände.”
Weil, wie wir sahen, der Antichrist aus dem Abyssos, dem Abgrund, oder dem Abaddon, dem Verderben, aufsteigen wird, heißt auch dieser “Mensch der Sünde”, der “Sohn des Verderbens” (2. Thess. 2, 5), wie auch Satan in 1. Kor. 10, 10 “der Verderber” genannt wird. Dass diese Gerichts- und Verderbensmächte niemals auf eigne Faust die Schöpfung Gottes antasten dürfen, sondern von ihm beauftragt, ja, “geweiht”, d. h. in heiligen Zeremonien eingesetzt sind, ersehen wir aus vielen Schriftzeugnissen. Man lese nur etwa Jes. 54, 16 und Jer. 22, 7: “Siehe, ich habe den Schmied geschaffen, der das Kohlenfeuer anbläst und die Waffe hervorbringt, seinem Handwerk gemäß, und ich habe den Verderber geschaffen, um zu zerstören … Ich werde Verderber wider dich weihen (planen oder bereitstellen), einen jeden mit seinen Waffen.”
Die Grube
Unter der Grube wird in der Schrift oft eine ausgehobene Erdvertiefung, eine leere Zisterne oder ein Grab verstanden. Das letztere ist sehr häufig. Darüber hinaus hat dieser Ausdruck jedoch tiefere Bedeutung und bezieht sich no auf wesentlich andre Räume So wird z B der Fischbauch in dem Jonas war, Grube genannt (2, 7). Der aufmerksame Bibelleser wird aber finden, daß, wie alles Irdisch-Vergängliche, Hinweis und Vorbild auf über- und unterirdische Dinge, Zustände und Verhaltrisse ist, auch Grube mehr bedeutet als nur ein Loch in der Erde.
Wenn Hiob bezeugt, dass sich seine Seele der Grube und sein Leben den Würgern nähert (33, 22), wer dächte da nicht an Matth. 10, 28, wo wir das bedeutungsvolle Wort aus Jesu Mund lesen: “Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen. Fürchtet aber den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle.” Menschen können unsern Leib töten, aber nicht unsre Seele. Wenn, wie manche meinen, die Seele kein Eigenleben führen könnte, dann wäre sie ja mit dem Vergießen des Blutes, mit dem Tode des Körpers, auch tot, d. h. in keiner Form mehr vorhanden. Und das behaupten auch viele, und zwar nicht nur Materialisten und Spötter, sondern auch wirklich gläubige, ernste Brüder.
Da aber der Herr klar und unzweideutig sagt, daß Menschen den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, so braucht man darüber kein Wort mehr zu verlieren. Nach unserm Hiobswort fürchtet der göttliche Dulder aus Uz, dass sein Leben von den Würgern hinweggenommen werde. Vergleiche jedoch 1, 12 und 2, 6! Dabei wäre aber seine Seele nicht in die Hände jener Mörder, Satans und seiner Helfershelfer, gefallen, sondern in die Grube gekommen. Soll das aber etwa bedeuten, sein Leib wäre vom Teufel ergriffen worden und seine Seele ins Grab gelegt worden? Eher hätte doch das Gegenteil der Fall sein können! Wir wollen uns doch in heiliger Keuschheit und Treue gegen Gottes Wort hüten, etwas zu vertreten, was nicht mit dem Schriftganzen und dem “Wiederum stehet geschrieben” übereinstimmt.
Die Erlösung vom Hinabfahren in die Grube wird dadurch ermöglicht, dass der Gottgesandte eine Sühnung oder ein Lösegeld gefunden oder erhalten hat (35, 24). Wer den wunderbaren inneren Prozeß durchläuft, der von Vers 26 ab geschildert ist, darf bezeugen, dass seine erlöste Seele nicht in die Grube hinabzufahren braucht, sondern sein Leben sich des Lichtes erfreut oder sich dem Lichte entfaltet (Vers 28; vgl. Vers 30). Das sind gar köstliche Dinge, über die viel zu sagen wäre.
Während das Licht des Lebendigen leuchtet, reinigt und beseligt, führt die Grube ins Verderben, in Kot und Schlamm, in dem wir alle rettungslos versänken, wenn Gott nicht unsre Füße auf den Felsen, den Christus, stellte (Ps. 40, 2; 1, Kor, 10, 4b; 1. Kor. 5, 11).
Wenn Heman betet: “Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen. Auf mir liegt schwer dein Grimm, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt. Deine Zorngluten sind über mich hingegangen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet” (Ps. 88, 6.7.16), so ist das mehr als nur eine dichterische Umschreibung innerer Vorgänge. Denn was der Gläubige während seines Leibeslebens in freiwilligem Selbstgericht erlebt, das müssen die Widerstrebenden an äußeren Gerichten und Verdammnissen einmal später in jenen Welten der Finsternis und des Schreckens durchleiden. Jede Verheißung Gottes, sei es eine Gerichtsandrohung oder eine Segenszusage, hat ja mehrere Erfüllungen. Sie erweist sich zuerst an unserm Gewissen und in der engen Zelle unsres Herzen, erfüllt sich klein- und großprophetisch an Israel und den Nationen (vgl. 1. Kor. 10, 1-11) und wird zuletzt im ganzen weltweiten All wesenhafte Wirklichkeit. Wer diese Linien der geschichtlichen, persönlichen, prophetischen und symbolischen Erfüllung aller Gottesworte sieht, hat damit einen der köstlichsten Schlüssel zum Verständnis der Schrift gefunden.
Es gibt wohl tiefe, tiefere und tiefste Gruben, also unterirdische Stockwerke, wenn wir so sagen dürfen. Da die Schrift von Finsternissen redet, gibt es vielleicht auch verschiedene Arten und Grade von Finsternis, Gottes Grimm und Zorngluten. Gerichtswege und Schrecknisse sind Dinge, die wir jetzt dann und wann innerlich durchleben und durchleiden, aber sie werden dereinst auch die Widerstrebenden und Feinde Gottes ergreifen.
Denken wir etwa an Ps. 75. Asaph litt unter der Erfahrungstatsache, daß es den Gottlosen so gut geht und die Gerechten so sehr leiden müssen. Das zu begreifen, war “eine mühevolle Arbeit” (Vers 16). Als er jedoch “in die Heiligtümer ging” (nach Menge: eindrang in die Geheimnisse Gottes!), sah er das Ende der Gesetzlosen. Dieses Teilziel der Gottesfeinde schildert er mit den anschaulichen Worten: “Fürwahr, auf schlüpfrige Örter setztest du sie, stürztest sie hin in Trümmern. Wie sind sie so plötzlich verwüstet, haben ein Ende genommen, sind umgekommen durch Schrecknisse! Wie einen Traum nach dem Erwachen wirst du, Herr, beim Aufwachen ihr Bild verachten” (Vers 19-20). Möge man die schlüpfrigen Örter und die Trümmer, die Verwüstung und das Ende, das Umkommen und die Schrecknisse sowie das Aufwachen in jenen Totenräumen als bloßes Bild ohne realen Hintergrund ansehen, — die Wirklichkeit wird noch viel grauenvoller sein als das “Bild”. Täuschen wir uns nicht: Gott meint genau das, was er sagt. und kümmert sich nicht um unsre eigenwilligen Ein- und Auslegungen.
In Jes. 24, 22 lesen wir: “Sie (die Heerscharen der Höhe in der Höhe und die Könige der Erde auf der Erde) werden in die Grube eingesperrt, wie man Gefangene einsperrt, und in den Kerker eingeschlossen. Und nach vielen Tagen werden sie “in Gnaden heimgesucht” werden (so wörtlich)”.
Von himmlischen Wesen einerseits und Machthabern der Erde andrerseits ist hier die Rede. Sie werden nach dem 21. Vers zuerst “mit Strafen heimgesucht” und dann “in Gnaden heimgesucht”. Zwischen diesen beiden Heimsuchungen befinden sie sich in der Grube und im Kerker. Der Beginn fällt in die Drangsal der Endzeit. Das besagen die im A.T. oft gebrauchten Worte “an jenem Tag” im 21. Vers. Je schlichter und wörtlicher wir solche Zeugnisse nehmen, umso klarer schließen sie sich uns auf. Gott meint wirklich das, was er sagt, und seine Frohbotschaften sind an die Armen und Einfältigen gerichtet (Lukas 7, 22b).
Vielleicht dürfen wir auf etliche Zusammenhänge hinweisen, die uns zeigen, dass Gruben nicht immer Gräber sind, sondern auch Wohnräume in Totenreichen bedeuten.
Lesen wir zunächst 1. Mo. 25, 8-10: “Abraham verschied und starb in gutem Alter, alt und der Tage satt, und wurde versammelt zu seinen Völkern. Und seine Söhne Isaak und lsmael begruben ihn in der Höhle Machpela, auf dem Felde Ephrons, … — das vor Mamre liegt, dem Felde, welches Abraham von den Kindern Heth gekauft hatte; dort wurden Abraham und sein Weib Sara begraben.” Abraham wurde “zu seinen Völkern” versammelt. Sollte damit nur gesagt sein, dass er in die Grabeshöhle von Machpela gelegt wurde, so müßte sein ganzes Volk vorher und nachher dort beigesetzt worden sein. Das war aber nicht der Fall. Es ist wohl so, wie Jes. 14, 18 bezeugt, daß die Könige der Nationen “ein jeder in seinem Hause” im Totenreich versammelt liegen.
So wurde auch Ismael nach seinem Tod “zu seinen Völkern versammelt” (1. Mo. 25, 17). Sollte das wirklich nur bedeuten, dass er in ein Grab gelegt wurde, in dem schon andre Volksgenossen lagen? Das war ja bei den fortwährenden Wanderungen praktisch unmöglich!
Einblick in diese Fragen gewährt uns auch 1. Mose 49, 29-35, wo wir lesen: “Und er (Israel) gebot ihnen und sprach zu ihnen: Bin ich versammelt zu meinem Volke, so begrabet mich zu meinen Vätern in der Höhle … Und als Jakob geendet hatte, seinen Söhnen Befehle zu geben, zog er seine Füße aufs Bett herauf und verschied und wurde versammelt zu seinen Völkern.”
Hier können wir allerlei lernen, wenn wir diese Worte sorgfältig lesen und buchstäblich glauben. Jakob sagt nicht: Wenn ich gestorben bin, so begrabet mich, damit ich zu meinen Vätern versammelt werde! Vielmehr ordnet er an, dass er dann in der Höhle zu Machpela begraben werden soll, wenn er bereits zu seinen Vätern versammelt ist. Demnach können Versammeltwerden zu den Vätern und Begrabenwerden unmöglich das Gleiche bedeuten.
Das Versammeltwerden zu den Vätern geschieht unmittelbar nach dem Tode, das Begrabenwerden jedoch erst später. Wem allerdings die Schrift nicht wirklich Gottes Wort, sondern eine zufällige Sammlung zeitgebundener Dokumente voller Eigentümlichkeiten und Irrtümer ist, dem können wir nicht dienen noch helfen.
Wir sehen also, daß Gruben nicht nur Erdlöcher und Gräber sind, sondern auch Totenräume in jenen unsern natürlichen Sinnen unzugänglichen Finsterniswelten. So, wie wir jetzt aus den Gruben der Sünde und der Schwermut, der Schuld und der Ängste den Namen des Herrn anrufen und dadurch Errettung erfahren können, so wird sich das Zeugnis Jeremias aus Klagelieder 3, 55-57 auch prophetisch erfüllen: “Herr, ich habe deinen Namen angerufen aus der tiefsten Grube. Du hast meine Stimme gehört, verbirg dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien. Du hast dich genaht an dem Tage, da ich dich anrief. Du sprachst: Fürchte dich nicht!”
Um des Blutes des Bundes willen werden auch die Gefangenen der Grube, in welcher kein Wasser ist, erlöst und befreit werden (Sach. 9, 11). Welche Qualen in jener wasserlosen Finsternishitze zu erdulden sind, ersehen wir am besten, wenn wir an die Bitte des einst auf Erden reichen Mannes denken, der in der neuen Umgehung mit einem Schlage für das Heil seiner Brüder flehen lernte. Sagte er doch die erschütternden Worte:
“Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle, denn ich leide Pein in dieser Flamme!” (Lukas 16, 24.) Wir wollen diese Szene, ohne sie zu verflüchtigen, zu versinnbildlichen oder gar darüber zu spotten, so nehmen, wie sie dasteht. Heilige Furcht vor der Sünde und brennende Liebe zu den Verlorenen werden uns dann erfüllen. Wohl uns, daß wir Ps. 103, 2-4 glaubend fassen und üben dürfen, wo wir lesen: “Preise den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht alle seine Wohltaten! Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten, der dein Leben erlöst von der Grube, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit!”
Das Gefängnis
Wenn die Schrift von Gefängnissen redet, so meint sie damit oft Gebäude oder Schuldtürme, in die Übeltäter oder solche, die ihre Schulden nicht zahlen konnten oder wollten, geworfen wurden. Daß sie aber im tieferen, prophetisch-symbolischen Sinn auch Totenräume meint, geht unzweideutig aus dem Vergleich von Ps. 68, 18 mit Eph. 4, 8-10 hervor.
Diese beiden wichtigen Stellen lauten: “Du bist aufgefahren in die Höhe, du hast das Gefängnis gefangen geführt, du hast Gaben empfangen im Menschen und selbst für Widerspenstige, damit Gott der Herr eine Wohnung habe … Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben. Das aber: er ist hinaufgestiegen, was ist es anders, als daß er auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, auf daß er das All in die Vollendung führe.” Der Herr hat in seiner Himmelfahrt das Gefängnis oder die Gefangenschaft gefangen geführt. Das geschah dadurch, dass er zuerst hinabfuhr in die unteren Teile der Erde, Unsre Psalmstelle weist darauf hin, daß das auch für Widerspenstige oder Ungehorsame galt.
Man darf wohl annehmen, daß im Gefängnis sowohl Abteilungen für Geistermächte als auch für abgeschiedene Menschen sind. Dafür wollen wir zwei Schriftbelege nennen. Gründliche Kenner des Urtextes machen darauf aufmerksam, daß da, wo das Wort Geister alleinstehend vorkommt, niemals Menschen, sondern immer Engel gemeint sind. Wenn wir daher in 1. Petr. 5, 19 lesen, daß der Herr den Geistern im Gefängnis heroldete (gebot, öffentlich bekannt machte oder als Sieger ausrief), so sind wohl zunächst nicht die ungehorsamen Menschen zur Zeit der Sintflut gemeint, sondern die himmlischen Gottessöhne, die herabstiegen, fremdem Fleisch nachgingen und sich von den Töchtern der Menschen nahmen, welche sie wollten.
Hebr. 12, 25 spricht von den “Geistern der vollendeten Gerechten”. Das besagt eindeutig, dass es sich hier um die Geister von Menschen handelt. Hebr. 1, 14 jedoch meint nach dem Textzusammenhang Engel, wenn es von liturgischen Geistern redet, die zur Diakonie ausgesandt sind. So wird auch der Engel in Apg. 8, 26 im damit zusammenhängenden 29. Vers “der Geist” genannt. Desgleichen sind die sieben Geister von Offbg. 1, 4 ohne jeden Zweifel Engelwesen und keine Menschen. Vergleiche 3, 1 und 4, 5!
Es gibt Brüder, die nicht glauben können, daß der Herr wirklich persönlich im Totengefängnis war. Sie deuten 1. Petr. 3, 19.20 so, daß der Herr durch seinen Geist in und durch Noah geredet habe, sodaß die Toten der Sintflut dadurch die Botschaft vernommen hätten. Das ist ohne Zweifel auch richtig. Aber darüber hinaus war es dennoch der Herr selbst, der ins Gefängnis ging und Menschen und Engeln gute Botschaft brachte. Mit Recht betont unser Bruder Karl Geyer, daß der, der hinabgestiegen ist, derselbe ist, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel (Eph. 4, 10a). Also nicht ein anderer, auch nicht der Herr in einem andern, nein, er selbst stieg hinab und hinauf. Wenn man nicht glauben will, dass er hinabgestiegen ist, so kann man ebenso gut auch bezweifeln, ob er auch wirklich hinaufgestiegen ist. Und das tun ja auch viele und halten die Himmelfahrt Christi für ein Märchen. Sobald man durch Unglauben oder Kritik an dem klaren Wort Gottes zu rütteln beginnt, droht alles zusammenzubrechen.
Wenn wir nun eine Reihe von Schriftzeugnissen über Gefängnis und Gefangenschaft betrachten wollen, so möchten wir, um uns nicht dauernd wiederholen zu müssen, auf einige Grundwahrheiten biblischer Erkenntnis und göttlicher Schau hinweisen. Zunächst sei bezeugt, daß kein Mensch das Recht hat, ein Gotteswort einzuengen. Niemand darf sagen, dieses oder jenes Schriftzeugnis bedeute nur das und das und nichts darüber hinaus. Das ist ein Widerstreben gegen den Geist, der uns in alle Wahrheit einzuführen bemüht ist.
Wenn wir in Ps. 12, 6 lesen, daß die Worte des Herrn siebenmal gereinigt oder geläutert sind, so können wir, von hier ausgehend, an ungezählten Beispielen zeigen, daß jedes Wort eine vielfache Bedeutung hat, anfangend von der sachlich-geschichtlichen über die persönlich-erbauliche, von der israelitisch-völkisch-prophetischen bis in die den ganzen Christus und das gesamte Weltall umfassende symbolische. Doch soll im Rahmen unsrer kurzen Arbeit hiervon nicht näher die Rede sein.
Einige wenige Hinweise mögen uns aber zeigen, daß dem wirklich so ist. Was versteht die Schrift unter Licht? Ist es das natürliche Licht der Sonne (oder nicht auch das Astrallicht, das schon vor der Sonne, vor dem vierten Schöpfungstag da war)? Oder ist es innere Einsicht und Vernunft? Oder ist es nicht Israel, das Gott zum “Licht der Nationen” gesetzt hat? Oder ist nicht letztlich der Herr selbst “das Licht der Welt”? Genau so könnten wir nach der Wahrheit, dem Feuer, dem Leben, dem Brot, der Weisheit, der Speise, der Freude, dem Stein, dem Richter usw. fragen. Eine Überfülle von Zusammenhängen für die Viel- und Tiefdeutigkeit jedes Gotteswortes geht uns auf, wenn wir anfangen, nachzudenken und im Schriftganzen zu prüfen.
Fragen wir uns nur einmal, wer oder was “das Wort Gottes” ist: Ist es nur die Bibel als Buch oder ist es nicht auch der Herr als “fleischgewordenes Wort”? Und wer etwas davon begriffen hat, daß der logos Gottes, also das Wort, in sein Vollmaß oder seine Fülle gebracht werden muß, daß wir, der Leib Christi, auch seine Fülle oder Vervollständigung genannt werden, der beginnt zu verstehen, daß der aus Haupt und Gliedern zu bildende Christus, das “zum Vollmaß geführte Wort Gottes” ist (Kol. 1, 25).
Dieses “Wort”, und zwar sowohl das geschriebene als auch das fleischgewordene und das zur Fülle gebrachte, wird nun Spiegel und Hammer, Feuer und Regen, Same und Licht, Schwert und Brot genannt, um nur einige wenige Benennungen herauszugreifen.
Wer dürfte angesichts dieser Tatsachen anzuordnen wagen, daß man “das gefüllte Wort Gottes” (Böhmerle) nur geschichtlich oder nur persönlich oder nur prophetisch nehmen dürfe? Dadurch, daß das oft geschehen ist und immer wieder geschieht, kommen Spaltungen und gegenseitiges Beschimpfen und Verketzern. Davor bewahre Gott die Seinen in Gnade! Man kann und darf über göttliche Wahrheiten nicht streiten, sonderlich nicht über die Vollendungsziele des Heiles und die prophetisch-symbolische Schau des Wortes der Wahrheit.
Wenn, um nochmals auf das Beispiel vom Samenkorn zurückzukommen, ein Kind unter einem Samen nur Saatgut verstehen kann, das der Sämann in seinem Schurz trägt oder aus der Sämaschine rieselt, dann werden wir es doch nicht schelten oder schmähen. Es ist eben ein Kind und kann nicht mehr fassen. Aber es geht auch nicht an, daß ein Kind bezüglich geistlicher Dinge letzte Entscheidungen treffen will.
Gibt es nicht Gläubige aller Schattierungen, die man, biblisch gesehen, als in den Grundelementen (griech.: stoicheia = Anfangsgründen) steckengebliebene Kindlein in Christo ansprechen muß? Schreibt das nicht auch Paulus bezüglich der doch gewiß in vieler Hinsicht begnadeten Korinthergemeinde (1. Kor. 3, 1-4)? Sollte es heute in diesem Stück wirklich besser stehen als in der Urgemeinde? Sind nicht vielmehr die großen Kirchensysteme und christlichen Organisationen aller Prägung geistlich ärmer, als es die trotz ihrer Schwächen und Unvollkommenheiten lebendigen und brünstigen Hauskreise der ersten Zeit waren? Nichts liegt uns ferner, als irgend jemand anzugreifen oder für oder gegen eine “Lehre” zu eifern, — aber wir möchten den Mut haben, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind.
Wenn die Schrift von der Gefangenschaft oder dem Gefängnis Israels redet, so meint sie gewiß zunächst seine Zerstreuung unter die Nationen. Aber sie meint nicht nur die Zerstreuung sondern zielt auf weit mehr.
Wir sahen bereits, daß Israels Erlebnisse in Gericht und Gnade Vorbilder für uns, die Nationen, sind (1. Kor. 10, 6.10). Was Israel dem Fleische nach erfuhr, erleben wir jetzt nach Seele und Geist. Und darüber hinaus sind wir als Glieder des Christus Erstlinge des Alls und ein Anbruch dessen, was Gott für die ganze Schöpfung vorgesehen hat. Darum wartet auch die gesamte Kreatur voll gespannter Erwartung auf unsre Enthüllung (Röm. 8, 19). Wer das nicht fassen kann, lasse es getrost liegen, bis der HErr es ihm schenkt. Wirkliche Brüder, deren Leben in Wahrheit Christus ist, sollten nicht streiten, sondern einander lieben und jeder den andern höher achten als sich selbst.
Gefängnis oder Gefangenschaft hat also zunächst geschichtliche Bedeutung, hat es nur mit dem historischen Ablauf der Ereignisse zu tun. Darüber hinaus schildert dieser Ausdruck Zustände der Seele, des Gemütes und des Geistes. Ferner hat diese Bezeichnung prophetische Bedeutung für Israel und die Nationen, zielt aber auch auf die Totenwelten und Finsternisräume, in die Menschen und Engel für kürzere oder längere Zeit unter den verschiedensten Begleiterscheinungen eingeschlossen werden. Wenn wir das beim Lesen der heiligen Schriften bestätigt gefunden haben, so werden wir auch ohne Mühe aus den folgenden knappen Hinweisen ersehen, daß oftmals von den unterirdischen Gefängnissen die Rede ist, wo das auf den ersten Blick gar nicht der Fall zu sein scheint.
“Wir erwähnten bereits Sach. 9, 11.12: “Um des Blutes deines Bundes willen entlasse ich auch deine Gefangenen aus der Grube, in welcher kein Wasser ist. Kehret zur Festung zurück, ihr Gefangenen der Hoffnung! Schon heute verkündige ich, daß ich dir das Doppelte erstatten werde.” Diese Friedensbotschaft bezieht sich zunächst auf Israel. Die Gefangenen in der Grube ohne Wasser, im Totenreich, sollen um des Blutes des Bundes willen entlassen werden, und diesen Gefangenen auf Hoffnung (und ist nach Röm. 8, 20.21 nicht die gesamte Schöpfung solch ein Unterworfener und Gefangener auf Hoffnung, der einmal die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes erreichen soll?) wird das Doppelte an Gutem erstattet werden für das, was sie an Bitternis und Leid erduldeten.
Diese frohe Kunde soll aber bis an die Enden der Erde getragen werden, wie wir aus dem vorhergehenden, dem 10. Vers, ersehen. Auch der folgende 13. Vers setzt Israel in Beziehung zu Jawan und Jonien, also zu Griechenland, wohin viele Juden als Sklaven verschleppt worden waren (Joel 3, 6). Dieses Wort zielt aber auch ohne Zweifel auf Antiochus Epiphanes, der darum ein prophetisches Vorbild auf den Antichristen, den fleischgewordenen Satan, ist. Welch ein reiches und gefülltes Wort ist doch das heilige Buch unseres Gottes!
Auch Jes. 14 erwähnten wir bereits. Ohne Zweifel sind nach dem 17. Vers zunächst Kriegsgefangene und Verschleppte gemeint, die als Sklaven und Sklavinnen ein menschenunwürdiges Dasein führen. Das war so und ist so, solange es Tyrannen auf der Erde gibt. Erst wenn wir verstehen, dass die schrecklichste und längste Gefangenschaft, die in den Totenräumen ist, wo der Tod, dieser furchtbarste und stärkste Mitarbeiter und Untertan Satans, sie als falscher, unechter Hirte weidet, bis ihre Gestalt (ihr Trotz oder ihre Schönheit) verzehrt ist (Ps. 49, 14), begreifen wir die ungeheure Auswirkung der Tatsache, daß unser Herr und Haupt die Schlüssel des Todes und des Totenreiches empfangen hat, sodaß seitdem in jenen Welten der Finsternis rechtlich und praktisch total veränderte Verhältnisse vorliegen. Was dem einen als Spekulation und Torheit erscheint, läßt das Herz des andern in heiliger Glaubensfreude und Liebeshingabe erzittern. Und so wird es immer sein, bis der Herr kommt.
In Jes. 49, 8.9a lesen wir den gewaltigen Gottesauftrag: “So spricht der Herr: Zur Zeit der Annehmung habe ich dich erhört, und am Tage des Heils habe ich dir geholfen. Und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bunde des Volkes, um das Land aufzurichten, um die verwüsteten Erbteile auszuteilen, um den Gefangenen zu sagen: Gehet hinaus! und zu denen, die in der Finsternis sind: Kommet ans Licht!” Der Vergleich mit der Parallele in 42, 6, auf die wir bei der Betrachtung des Kerkers zu sprechen kommen, zeigt, daß sich der Dienst Israels auf die Nationen bezieht. Wird doch Israel als Zentrum der Völker und sein Land als Nabel der Welt bezeichnet (Hes. 38, 12b wörtlich).
Die Gefangenen sollen nicht endlos in ihren Gefängnissen bleiben, wie das manche meinen und wünschen, ob es sich nun um irdische oder unterirdische Gefängnisse handelt. Einmal erreicht sie der Ruf: “Gebet hinaus!” Wann das sein wird und wie sich das im Einzelleben vollzieht. wissen wir nicht. Aber daß es geschieht, dafür bürgen uns das Wort und der Eidschwur unseres Gottes, den wir durch Unglauben und Mißtrauen nicht zum Lügner und Meineidigen machen wollen.
Die in der Finsternis sitzen, sei es auf Erden oder unter der Erde, werden dereinst die Frohbotschaft vernehmen: “Kommet ans Licht!” Denn Christus ist das wesenhafte Licht, das einmal, und wenn es erst nach Ewigkeiten ist, jeden in die Welt kommenden Menschen erleuchtet (Joh. 1, 9) und wunderbar sein Wort bewahrheiten wird, daß die Nacht dereinst völlig verschwindet (Offbg. 22, 5).
Gab doch der Auferstandene die umfassende Verheißungszusage:
“Siehe, ich mache alles neu … schreibe, denn diese Worte sind gewiß und wahrhaftig!” Das Wort kainos (neu), das der Herr hier gebraucht, bedeutet etwa: unerhört, bis jetzt noch nicht dagewesen, unerwartet, die bestehenden Ordnungen umstürzend. Man kann diese Verheißung aus dem Munde des verklärten Gottessohnes sinngemäß umschreibend etwa so übersetzen: “Ich wirke aus allem ein unerhörtes, die bestehenden Ordnungen stürzendes Kunstwerk.”
Diese Wahrheiten jedoch vermögen wir nur in dem Umfang zu fassen, wie sie uns von Gott erschlossen und anvertraut sind. Soll man einen Menschen schelten, der kurzsichtig ist und darum nur wenige Meter weit klar sieht, oder dürfte sich einer brüsten, weil er schärfere Augen hat als andere? Wir sind doch Brüder, wenn auch in verschiedener Beziehung oft ungleiche Brüder. Aber wir haben den gleichen Vater und sollten einander so lieben, wie der Vater uns liebt. Warum tun wir es nur nicht? —
Die Befreiung aller Gefangenen hat ein köstliches Vorbild im Gesetz vom Jobel- oder Heimholerjahr, das wir in 3. Mose 23, 10 finden. Dort heißt es: “Ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Lande Freiheit ausrufen für alle seine Bewohner. Ein Jobeljahr (Heimholerjahr) soll es euch sein, und ihr werdet ein jeder wieder zu seinem Eigentum kommen und ein jeder zurückkehren zu seinem Geschlecht.” Da aber Israel ein Typvolk und Anschauungsgegenstand für andere Völker, Wesen und Welten ist, wird Gott nicht nur für sein irdisches Volk der Wahl, sondern zuletzt für seine ganze Schöpfung ein solches Heimholerjahr bereiten. Dann wird es keine Gefangenschaft noch Sklaverei mehr geben, werden keine Knechtung, Kummer noch Tränen mehr sein, sondern Gott wird seine Lust und sein Wohlgefallen an allen seinen Geschöpfen haben, und wird selber alles in allen sein.
Daß sich diese Befreiung der Gefangenen und Entlassung aus ihren Gefängnissen nicht gewissermaßen automatisch vollzieht, sondern mit gewaltigen Gerichten, Strafen und Verdammnissen verbunden ist, darüber lesen wir ernste und erschütternde Zeugnisse, die um des Gleichgewichts der Wahrheit willen niemals unterschlagen werden dürfen. Sagt der Herr nicht, um nur ein Beispiel herauszugreifen, in Matth. 5, 26 zu solchen, die ihrem Bruder zürnen und sich nicht versöhnen wollen (und solche gibt es nicht nur in Israel, denen dies Wort zunächst gilt, sondern überall, vielleicht auch in deiner und meiner Umgebung), daß sie ins Gefängnis geworfen werden und nicht eher herauskommen, bis sie auch den letzten Pfennig ihrer Schuld bezahlt haben? Das aber vermögen sie erst dann. wenn sie gebeugt und zerbrochen in dessen Händen ruhen, der ein für alle und alles ausreichendes, vollgültiges Lösegeld in der Dahingabe seines eigenen Lebens gezahlt hat.
Wir meinen oft, ein von Gott Verstoßener und ins Gefängnis Eingeschlossener bleibe für immer verstoßen. Da kennen wir aber Gottes Gedanken und Herz, seine Allmacht, Weisheit und Liebe nur wenig. Lesen wir nicht in 2. Sam. 14, 14, dass der Herr darauf sinnt, daß der Verstoßene nicht von ihm weg verstoßen bleibe? Und steht in Ps. 69, 33 nicht geschrieben, daß Gott seine Gefangenen (sie sind also im tiefsten Grunde nicht der Sünde oder des Todes oder des Teufels, sondern seine, d. i. Gottes Gefangene!) nicht verachtet? Verschiedene Mal habe ich in Gefängnissen Sträflinge besucht und mit ihnen geredet und gebetet. Und Gott sollte nicht unendlich liebevoller und erbarmender sein als wir hochmütigen, selbstgerechten Menschen? Wenn schon unser Herz brennt und wir Gefangene befreien möchten aus den geistlich-geistig-seelischen Fesseln der Sünde und des Unglaubens und wir sie völlig zu lösen versuchen —, sollte da der allweise und allmächtige Gott, dem alle seine Werke schon vor Grundlegung der Welt bis zum völligen Ende und Ausgang aller seiner Wege bewußt waren, das nicht können? Ohne Zweifel wird sich dereinst im Vollumfang das schlichte und doch so umfassende Wort aus Ps. 68, 9 herrlich erfüllen: “Gott … führt Gefangene hinaus ins Glück.”
“Gott hat niedergeblickt von der Höhe seines Heiligtums, der Herr hat herabgeschaut vom Himmel auf die Erde, um zu hören das Seufzen des Gefangenen, um zu lösen die Kinder des Todes; damit man den Namen des Herrn verkündige in Zion sind in Jerusalem sein Lob, wenn die Völker sich versammeln werden allzumal, und die Königreiche, um dem Herrn zu dienen” (Ps. 102, 19-22). Warum blickt Gott aus seinem Heiligtum auf die Gefangenen und auf die Kinder des Todes, d. h. auf die dem Tode Verfallenen und sich im Tod Befindlichen? Um Sie zu quälen und sich an ihren Schmerzen zu weiden? So sind und das tun die Götter der Heiden, die Dämonen und Geister der Bosheit. Denn “wie einer ist, so ist sein Gott”, sagt schon ein weltliches Wort. Nein, unser Gott ist anders! Heiligkeit ist die Grundfeste seines Thrones, und alle seine Wege sind Gericht. Es ist furchtbar, als unerlöster Sünder in seine Hände zu fallen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber sein urinnerstes Sein und Wesen ist nichts anderes als Licht und Liebe, als uferlose Gnade und abgrundtiefes Erbarmen.
Darum sieht er von seinem heiligen Thron hernieder, um das Seufzen seiner Gefangenen zu hören und die Kinder des Todes zu lösen. Sein Name ist ja Goel — Löser. Und dieser, sein Name soll verkündigt werden, damit die Völker und Königreiche ihm dienen. Ob wohl seine Weisheit und Macht ausreichen werden, solch ein hohes und umfassendes Ziel auch wirklich zu erreichen? Oder wird sich vielleicht nicht doch das Widerstreben der Menschen und die Bosheit der Finsternismächte als stärker erweisen als die Kraft seiner Liebe? Wie wenig kennen wir doch unsern großen, wunderbaren Rettergott!
In Jes. 49, 24.23a.26b lesen wir: “Sollte wohl einem Helden die Beute entrissen werden? Oder sollten rechtmäßig Gefangene entrinnen? Ja, so spricht der Herr, auch die Gefangenen des Helden werden ihm entrissen werden, und die Beute des Gewaltigen wird entrinnen. Und alles Fleisch wird erkennen, dass ich, der Herr, dein Heiland bin, und ich, der Mächtige Jakobs, dein Löser.” Wer ist im letzten und tiefsten Grunde der Held und Gewaltige, der eine rechtmäßige Beute hat, und wer sind die rechtmäßig Gefangenen, die nicht entrinnen sollen? Die Antwort möge uns der Herr selbst gehen der in Matth. 12, 25b-29 bezeugt: “Jedes Reich, das wider sich selbst entzweit ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das wider sich selbst entzweit ist, wird nicht bestehen. Und wenn der Satan den Satan austreibt, so ist er wider sich selbst entzweit. Wie kann dann sein Reich bestehen? Und wenn ich durch Beelzebub die Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch hingekommen. Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Denn alsdann wird er sein Haus berauben!” Seinen Feinden und Anklägern entrollt Jesus hier ein gewaltiges Bild des Reiches der Finsternis. Diesem Reich Satans, in das alle Menschen von Natur aus irgendwie verhaftet sind, steht das Reich Gottes gegenüber, das in der Person des Sohnes Gottes gekommen ist und seine Wirklichkeit durch die Austreibung und Überwindung der Finsternismächte beweist. Satan ist “der Starke”, und diese sichtbare Schöpfung ist “sein Haus”. Christus jedoch ist der Stärkere, der in das Haus des Starken eindringt, ihn bindet und sein Haus beraubt (wörtlich: diarpazo = durch und durch beraubt, völlig ausplündert, sodaß dem besiegten und gebundenen Gegner gar nichts mehr bleibt). Man kann dieses Selbstzeugnis Jesu glauben oder verwerfen. Würde der Herr seinem Feind nur einen kleinen Teil seiner verlorenen Schöpfung abzunehmen vermögen, sodaß das meiste seinem Widersacher verbliebe, wäre er dann nicht zum Lügner geworden? Gott bewahre uns davor, die Allmacht seiner Liebe in Christo durch Unglauben zu schmähen!
Es gibt ein Befreitwerden nach Geist, Seele und Leib aus jedem Gefängnis der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Der Zweck und die Folge solcher Befreiungen werden immer Lob und Preis auf der einen Seite und aus tiefer, brünstiger Dankbarkeit geborener Dienst auf der andern Seite sein. Darum schließt auch das davidische Gebet des 142. Psalms mit den Worten: “Führe aus dem Gefängnis heraus meine Seele, damit ich deinen Namen preise! Die Gerechten werden mich umringen, wenn du mir wohlgetan hast.”
Der Kerker
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Darum sind dem Glauben die sichtbaren Dinge dieser Welt nur ein trübes Bild, ein schwacher Hinweis auf die wesenhaften, unsern jetzigen Augen unsichtbaren Wirklichkeiten der Lichts- und Finsterniswelten über und unter der Erde (Hebr. 11,1). So, wie hier auf der Erde ein Unterschied zwischen leichter Haft und schwerem Kerker ist, so ist es wohl auch dort. Zwar sehen wir nicht völlig klar, aber wo die Schrift redet, da dürfen wir glauben und bezeugen.
So wollen wir versuchen, zu erkennen, was Gottes Wort über den Kerker sagt. Lesen wir zunächst aus Jes. 42 die Verse 6, 7 und 22: “Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ergriff dich bei der Hand. Ich werde dich behüten und setzen zum Bunde des Volkes und zum Licht der Nationen: um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen. … Es ist ein beraubtes und ausgeplündertes Volk, sie sind in Löchern gefesselt und allesamt in Kerkern versteckt; sie sind zur Beute geworden, und kein Erretter ist da, zur Plünderung, und niemand spricht: Gib wieder heraus!” Wie wir aus dem ersten Vers dieses Kapitels ersehen, ist hier die Rede von dem Knecht Gottes, dem Auserwählten, an dem seine Seele Wohlgefallen hat und auf den er seinen Geist legte. Wer ist das?
Zunächst, prophetisch gesehen, Israel. Doch tiefer geschaut ist es Gottes Sohn. Wir sehen, daß wir mit dem menschlichen, starren Entweder-Oder nie in den Vollsinn der Schrift hineinkommen. Gottes Wort ist kein totes Paragraphenbuch, sondern ein Lebensorganismus, der überall, auch da, wo wir es gar nicht vermuten, von Christus zeugt. Des Herrn Wort steht nach dem 119. Psalm “fest in den Himmeln” (Vers 89), ist wohlgeläutert (Vers 140), öffnet uns die Augen, sodaß wir selbst in trocknen Gesetzesvorschriften Wunder sehen (Vers 18), ist süßer als Honig (Vers 103), ist eine große Beute dem, der es zu verstehen beginnt (Vers 162), ist ein Licht in dieser dunkeln Welt (Vers 105) und macht diejenigen glückselig, die es bewahren (Vers 2).
Nun spricht Gott in Jes. 42, 7 von drei Aufgaben, die er seinem auserwählten Sohne, bzw. seinem auserwählten Volke gegeben hat:
- blinde Augen aufzutun;
- Gefangene aus dem Kerker herauszuführen;
- aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen.
Diese Eingekerkerten sind zunächst die Glieder seines Volkes der Wahl. Das ersehen wir aus dem ergreifenden Zusammenhang von 42, 22 - 43, 7. Man lese diese Verse nach. Israel war “ein beraubtes und ausgeplündertes Volk” geworden, “in Löchern gefesselt und in Kerkern versteckt”. Nicht nur, daß es sich aus seinen Kerkern aus eigner Kraft nicht zu befreien vermochte: es hatte auch keinen Fürsprecher, denn “Niemand sprach: Gib wieder heraus!”
Wenn wir in der Schrift von “nichts” oder “niemand”, von “niemals” oder “keiner” oder “unmöglich” lesen, so ist Gott selbst immer ausgenommen. Daß wir das doch einmal fassen könnten! Für diese überaus beseligende Wahrheit haben wir auch in unserm Zusammenhang einen Beweis: 43, 6a. Dort lasen wir ja eben (wenn wir’s wirklich gelesen haben) die göttliche Zusage: “Ich werde zum Norden sagen: Gib heraus!” Zuerst betont der Herr bezüglich des eingekerkerten Israel: “Niemand spricht: “Gib wieder heraus!”, und dann verheißt er: “Ich werde zum Norden sagen: Gib heraus!” Wer solche Dinge nicht beachtet noch darüber nachsinnt, wird nie das Wort Gottes in seiner beseligenden Tiefe kennen lernen, sondern für sein Glaubensleben immer nur einige fettgedruckte Bibelstellen festhalten und für vermeintliche “Erkenntnisse” eifern, die biblisch unhaltbar sind.
Der Norden ist in der Frühgeschichte Israels der Assyrer, der nördlich von Jerusalem wohnte; in der Endgeschichte ist es Gog, der Fürst von Rosch, Mesech und Tubal (Rußland, Moskau und Tobolsk) “im äußersten Norden” (Hes. 38). Diesem wird Gott zur rechten Zeit und Stunde und auf die rechte Art und. Weise gebieten, sein eingekerkertes Volk herauszugeben. Wer weiß, wie nahe wir vor der Erfüllung dieser Verheißungen stehen!
Darüber hinaus bezieht sich diese Zusage Gottes auch auf jene Wesen, die nicht auf, sondern unter der Erde eingekerkert sind. Denn nach Jes. 24, 21.22 werden ja nicht nur “die Könige der Erde auf der Erde”, sondern auch “die Heerschar der Höhe in der Höhe” mit Strafen heimgesucht” und nicht nur in die Grube als Gefangene, also ins Gefängnis, sondern auch “in den Kerker eingeschlossen”. Diese “Heerschar der Höhe in der Höhe” sind aber keine Menschen, sondern Engelwelten und Geistermächte. Diese kann kein irdischer Tyrann in Arbeitslager oder Bergwerke einsperren oder in sonstige Verliese und Kerker einschließen. Es muß sich also um Kerker in Finsternistiefen unter der Erde handeln.
“Nach vielen Tagen” werden sie “in Gnaden heimgesucht” (so nach dem Urtext). Wie lange es bis dahin sein wird und wie das geschieht, wissen wir nicht. Aber daß Gott dieses sein Heilsziel erreicht, weiß der schriftgebundene Glaube sehr wohl. Es gilt, sich einerseits zu bescheiden und andrerseits das mit Freuden zu fassen und zu bezeugen, was klar und deutlich geschrieben steht.
Zu den acht Christusaufgaben, die uns in Jes. 61, 1-3 aufgezählt sind, gehört auch “Freiheit auszurufen den Gefangenen” und “Öffnung des Kerkers den Gebundenen”. Wenn die Schrift unter acht verschiedenen Berufen des Gesalbten Gottes diese beiden nebeneinander stellt, so dürfen wir, auch wenn wir keine Einzelheiten wissen, wohl sagen. dass es außer Gefangenen in Gefängnissen auch noch Gebundene oder Gefesselte in Kerkern gibt.
Das griechische Wort phylakä wird durch Gefängnis oder Kerker übersetzt. Eindeutige und genaue Unterscheidungen können wir nach dem neutestamentlichen Urtext wohl kaum feststellen. Wir können und dürfen nicht mehr sagen als das, was Gottes Wort bezeugt. Und wenn es Gott wohlgefallen hat, einen gewissen Schleier über diese Dinge zu legen, so wollen wir uns bescheiden und allen menschlichen Vermutungen und außerbiblischen Quellen gegenüber sehr mißtrauisch sein.
Vielleicht gehört noch Ps. 107, 10-16 in unsern Zusammenhang: “Die Bewohner der Finsternis und des Todesschattens, gefesselt in Elend und Eisen: weil sie widerspenstig gewesen waren gegen die Worte Gottes und verachtet hatten den Rat des Höchsten, so beugte er ihr Herz durch Mühsal. Sie strauchelten, und kein Helfer war da. Da schrieen sie zu dem Herrn in ihrer Bedrängnis, und aus ihren Drangsalen rettete er sie. Er führte sie heraus aus der Finsternis und dem Todesschatten und zerriß ihre Fesseln. Mögen sie den Herrn preisen wegen seiner Güte und wegen seiner Wundertaten an den Menschenkindern! Denn er hat zerbrochen die ehernen Türen und die eisernen Riegel zerschlagen.” Hier ist von Lebewesen die Rede, die in Finsternis und Todesschatten wohnen und in Elend und Eisen gefesselt sind. Eisen ist in der Schrift ein Bild der Sünde, Kupfer oder Erz dagegen ein Symbol des Gerichtes. Ihre Kerker waren durch eherne Türen und eiserne Riegel doppelt gesichert.
Was waren das wohl für Wesen? Waren es Menschen oder Engel? Für Satan gibt es ja einen eigenen Kerker. Lies Offbg. 20, 7 — phylakä = Kerker (Knoch). Der Ausdruck “Rat des Höchsten” gibt uns vielleicht einen Fingerzeig. Der Ratkreis Gottes besteht aus Engeln. Das ersehen wir aus himmlischen Ratsversammlungen, wie sie im Buch Hiob, in 1. Kön. 22, in Ps. 89 und anderswo geschildert sind. Außerdem ist die Anrede “Höchster” typisch für Dämonen (vgl. Jes. 14, 14; Mark. 5, 7; Luk. 8, 28; Apg. 16, 17). Wohl wird Gott in mancherlei Zusammenhängen “Höchster” (hebr. El Elyon) genannt, aber die Anrede “Höchster” ist kennzeichnend für solche, die in der Tiefe sind, für gefallene Geistwesen. Sie wurden durch Mühsal gebeugt, in Elend und Eisen gefesselt und in der Finsternis und im Todesschatten aufbewahrt. In ihrer Drangsal schrieen, d. h., da das ja alles in seiner tiefsten Schau Prophetie ist, werden sie zum Herrn schreien, der sie aus ihrer Finsternis und Einengung herausführen, ihre ehernen Türen und eisernen Riegel zerschlagen und ihre Fesseln zerreißen wird.
Da die Widerspenstigkeit als ihre eigentliche Sünde genannt wird, ist es möglich, daß es die Widerspenstigen von Ps. 68, 18 sind, die, wie wir sahen, in 1. Petr. 3, 19 “Geister” = Engel genannt werden. Wohl wird auch Israel widerspenstig genannt; wenn wir aber überlegen, dass die Sünde der Wahrsagerei, also die Beziehung zu Dämonen, als “Widerspenstigkeit” bezeichnet wird (1. Sam. 15, 23), so gibt das doch sehr zu denken. Wenn wir erkennen, wie wenig wir wissen, dann haben wir viel gelernt. Auf jeden Fall gibt es nicht nur in unsrer kleinen sichtbaren Welt, sondern erst recht in jenen ungeheuren Totenreichen Gefängnisse und Kerker für Menschen und Engel.
Der Tod
Tod ist nicht Aufhören der Existenz, sondern Trennung von Gott. Wenn der Vater bezüglich seines heimkehrenden Sohnes sagt: “Dieser war tot und ist lebendig geworden”, so bedeutet das nicht, daß er aufgehört habe zu existieren, sondern daß er vom Vater getrennt war. Die Schrift kennt einen geistlichen, einen körperlichen und einen ewigen (äonischen) Tod.
Der Tod ist aber weit mehr als das. Er ist zutiefst eine schreckliche Persönlichkeit, ein grausamer, grauenerregender Engelfürst, der stärkste Untergebene Satans. Das geht aus einer Reihe von Stellen hervor; wir brauchen nur etwa an Hebr. 2, 14; Off. 20, 14 und 1. Kor. 15, 54.55 zu denken. Darum mußte der Herr in Gethsemane mit ihm ringen. Der Tod prüfte alle Kammern des Leibes Jesu. Hätte er eine einzige Sünde gefunden, so wäre der Sohn Gottes ihm verfallen gewesen. Denn “die Seele, welche sündigt, die muß sterben”. Aber der Tod fand nichts am Herrn. Jesus war ohne Sünde. Darin liegt das Heil der Schöpfung.
Unter Tod versteht die Schrift aber auch einen Aufenthaltsraum oder eine Reihe von Aufenthaltsräumen in der Finsternis. Und diese Seite interessiert uns bei unsrer Betrachtung am meisten. Greifen wir aus den vielen Zeugnissen über den Tod als Wohnraum unerlöster Wesen nur einige heraus.
Nach Offbg. 20, 13 gaben drei verschiedene Totenräume die in ihnen befindlichen Toten heraus, damit diese gemäß ihrer Werke gerichtet würden. Es sind: das Meer, der Tod und der Hades. Die beiden letzteren, der Tod und der Hades, werden einmal in den zweiten Tod, den Feuersee, geworfen werden. Darauf kommen wir weiter unten zu sprechen. Seit der Auferstehung unsres Herrn befinden sich die Schlüssel des Todes und des Hades in seiner Gewalt (Offbg. 1, 18). Darum kann Paulus in geringer Abänderung eines Hoseawortes in 1. Kor. 15, 55 triumphierend ausrufen: “Wo ist, o Tod, dein Stachel? Wo ist, o Tod, dein Sieg?”
Der Tod ist für uns, sowohl als Persönlichkeit als auch als Aufenthaltsraum, keine Gefahr oder Bedrohung mehr. In Christo sind wir des völligen Gottessieges von Golgatha teilhaftig, und wenn wir sterben, so werden wir nicht durch den Tod, sondern vom Herrn selbst abgeholt.
Es gibt Verheißungen, den Tod weder sehen noch schmecken zu müssen (Matth. 16, 28; Joh. 8, 52). Sein Anblick muß schrecklich sein Wir lesen hinsichtlich Simeons von Jerusalem “Es war ihm von dem Heiligen Geist ein göttlicher Ausspruch geworden, daß er den Tod nicht sehen sollte ehe er den Christus, den Herrn, gesehen habe (Lukas 2, 26). David war von Fallstricken des Todes ereilt worden, wie wir in seinem Gebet 2. Sam 22, 5.6 lesen: “Mich umfingen die Wogen des Todes, Strome Belials erschreckten mich; die Bande (eigentlich: Maschen) des Totenreiches umringten mich, es ereilten mich die Fallstricke des Todes.” Erschütternd ist das Zeugnis von Hiob 18, 13.14: “Der Erstgeborene des Todes wird fressen die Glieder seines Leibes, seine Glieder wird er fressen. Seine Zuversicht wird hinweggerissen werden aus seinem Zelte, und es wird ihn forttreiben zu dem König der Schrecken.” Während der Erstgeborene des Todes die Glieder seines Leibes frißt, nährt und pflegt der Erstgeborene Gottes, Christus, die Glieder seines Leibes (Eph. 5, 29). Welch ein Unterschied!
Genau wie der Abgrund weiß auch der Tod nichts Zuverlässiges über Christus, die Weisheit Gottes, die auch den Vögeln des Himmels (vgl. dazu Lukas 8, 5.12) verhüllt ist (Spr. 28, 21.22), Ebenso wie der Hades hat auch der Tod Pforten (Hiob 58, 17), Tore (Ps. 8, 13) und, gelobt sei Gott!, Ausgänge. Diese stehen bei dem Herrn, der uns, die wir glauben, ein Gott der Rettungen ist (Ps. 68, 20).
Selbst David mußte als Vorbild auf Christus zeitweise in den “Staub des Todes” gelegt werden (Ps, 22, 15). Wo die Sonne der Gnade und Güte Gottes nicht hinleuchtet, ist “Schatten des Todes”. Davon lesen wir öfter in den heiligen Büchern. Denken wir nur an Ps. 23, 4 und 44, 19!
Die Wege zum Scheol führen zu den Kammern des Todes (Spr. 7, 27). Wohl uns, dass kein Wesen im weiten Weltenall die Vollmacht hat, uns, soweit wir wirklich in Christo geborgen sind in diese finsteren Schreckens räume einzusperren! Man kann Bündnisse mit dem Tod und Verträge mit dem Totenreich abschließen, indem man die Lüge als Zuflucht und die Falschheit als Geborgenheit wählt (Jes. 28, 15). Wie viele tun das und begeben sich dadurch unter einen Bann und geraten auf den Weg zu den Behausungen der Finsternis und Angst. Da gibt es nur den einzigen Weg, um aus allen inneren Dunkelheiten und Finsternisbindungen herauszukommen und davon frei zu werden: die Schuld und Sünde seines Lebens offenbar zu machen und bloßzustellen. Denn “alles, was offenbar gemacht (oder enthüllt) wird, das ist Licht!” (Eph. 5, 13).
Dann kann man wieder singen und frohlocken (Hiob 33, 23-28; Ps. 40, 2.5; Jes. 12); aber “der Tod lobsingt dir nicht” (Jes. 38, 18). Seine finsteren Kammern und Kerker sind Räume des Schreckens und Verliese des Grauens. Dennoch wird der Tod nicht satt und rafft an sich alle Nationen und sammelt zu sich alle Völker (Hab. 2, 5).
Und dabei ist es so einfach, aus dem Tode in das Leben hinüberzugehen. Lesen wir die mit einem doppelten Eidschwur erhärtete Zusage Jesu, die schon Ungezählten zum Durchbruch in die Gewißheit und Freude des Heils verhalf: Joh. 5, 24. Dieses grundlegende Lebenswort sollten wir in- und auswendig kennen und täglich durchbuchstabieren, damit wir der grausamen Herrschaft des Todes (Röm. 5, 14) enthoben bleiben und ihm keine Frucht mehr zu bringen brauchen (Röm. 7, 5). Denn solange wir noch “dem Leibe des Todes”, dem “Sterbeverband” oder der “Todeskörperschaft” verfallen und verhaftet sind, sind wir elende Menschen (Röm, 7, 24).
Der “Stachel des Todes”, die Sünde, und deren Kraft, das Gesetz, sind für uns in Christo zerbrochen und abgetan (1. Kön. 15, 55.56). Denn unser Retter Jesus Christus hat den Tod zunichte gemacht oder völlig ausgeschaltet und Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht (2. Tim. 1, 10). Darum brauchen wir den Tod weder als schreckenerregende Person, noch als schaurigen Finsternisraum mit qualvollen Kammern zu fürchten.
Wenn auch in der kommenden Endzeit der Tod, reitend auf fahlem Pferd und begleitet vom Hades, noch einmal Vollmacht bekommt, den vierten Teil der Erdbewohner durch Schwert und Hunger, Krankheit und wilde Tiere zu vernichten, so wissen wir doch, daß für uns, die Glieder des Leibes Christi, der Tod ein besiegter Feind ist und wir, wenn wir einst mit unserm verklärten Haupt vereint sein werden, seine Finsternisräume betreten werden, um in ungeahnter Vollmacht unsre zukünftigen Dienste an all denen auszuüben, die jetzt noch in Furcht und Finsternis, ferne von Gottes Liebe, nach Heil und Rettung schmachten.
Dann aber wird als letzter Feind auch der Tod abgetan oder ausgeschaltet werden: seine Finsternisräume werden vom Licht der Erlösung durchdrungen und verschlungen werden und er selbst wird sein grausiges Amt nicht mehr auszuüben brauchen (1. Kor. 15, 26). In unfaßbarem Vollumfang wird sich dann die herrliche Verheißung von Offbg. 21, 4 erfüllen: “Der Tod wird nicht mehr sein.”
Die unteren Teile der Erde
Nach Eph. 4, 9 ist der Herr hinabgestiegen in die unteren Teile der Erde. Um jeden Zweifel zu beheben, ob er auch wirklich persönlich in jenen Totenräumen war, ergänzt der inspirierte Lehrer und Apostel der Nationen: “Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, auf daß er das All in die Fülle führe” (Vers 10). Damit dürfte die Frage, ob der Herr persönlich in den Totenräumen war, für den Glauben zweifelsfrei gelöst sein.
Einen Einblick, wer alles in den untersten Örtern der Erde ist, gibt uns Hes. 32. Schauen wir uns einige Verse an: “Menschensohn wehklage über die Menge Ägyptens und stürze sie hinab, sie und die Töchter herrlicher Nationen, in die untersten Örter der Erde zu denen, welche in die Grube hinabgefahren sind … Schleppet Ägypten herbei und seine ganze Menge. Aus der Mitte des Scheols reden von ihm die Mächtigen … Dort ist Assur … Dort ist Elam, … sie tragen ihre Schmach bei denen, welche in die Grube hinabgefahren sind … Dort ist Mesech-Tubal und seine ganze Menge … Dort ist Edom … Dort sind die Fürsten des Nordens insgesamt … Der Pharao wird sie sehen und sich trösten” (Verse 18-31). Eine ganze Reihe von gottfeindlichen Nationen, die Israel bedrückten, sind in jenen Totenkammern. Sie sind nicht etwa bewußtlos sondern sehen einander, reden und tragen ihre Schmach.
Auch der übermütigen Stadt Tyrus droht Gott: “Wenn ich dich zu einer verwüsteten Stadt mache, den Städten gleich, die nicht mehr bewohnt werden; wenn ich die Flut über dich heraufführe und die großen Wasser dich bedecken: so werde ich dich hinabstürzen zu denen, welche in die Grube hinabgefahren sind, zu dem Volke der Urzeit, und werde dich wohnen lassen in den untersten Örtern der Erde, in den Trümmern von der Vorzeit her, mit denen, welche in die Grube hinabgefahren sind” (Hes. 26, 19-20a). Wir wissen nicht genau zu sagen, wer das “Volk der Urzeit” und was die “Trümmer der Vorzeit” sind. Vielleicht spielt die Schrift hier wie an andern Stellen auf eine geheimnisvolle voradamitische Menschheit an, wie sie z. B. der bekannte Paläontologe Prof. Freiherr von Hüne und andre begnadete Brüder im Wort Gottes und aus der Gesteinshülle der Erde sehen. Dem mag wohl so sein; eindeutig und fest wagen wir es nicht zu bezeugen.
Auch in Hes. 30 lesen wir von den untersten Örtern der Erde. Wer war wohl jener Pharao von Ägypten, der hier mit einer Zeder verglichen wird, in deren Zweigen alle Vögel des Himmels nisteten, unter deren Ästen alle Tiere des Feldes gebaren und in deren Schatten alle großen Nationen wohnten (Vers 6)? “Kein Baum im Garten Gottes kam ihm an Schönheit gleich” (Vers 8b). Entspricht das nicht dem Bericht über den König von Tyrus, der auch “vollkommen an Schönheit” war und der in Eden, dem Garten Gottes, weilte (Hes. 28, 12.13)?
Von diesem König von Ägypten, dem Nachbild und Muster Satans, wird gesagt, dass sich sein Herz wegen seiner Höhe erhob (31, 11). Das ist aber genau das gleiche, was wir in 1. Tim. 3, 6 von Satan lesen! Bei seinem Sturz fielen seine Schößlinge in alle Täler und Seine Äste wurden in alle Gründe der Erde geworfen; alle Völker der Erde zogen aus seinem Schatten hinweg, auf ihn ließen sich alle Vögel des Himmels nieder, und über seine Äste kamen alle Tiere des Feldes (Vers 12, 15). Sein Fall wirkte sich bis in die untersten Örter der Erde aus (Vers 15-18).
Entweder sind das alles maßlose orientalische Übertreibungen und eine bombastische, schwer deutbare Bildersprache, — oder es ist Gottes heiliges Wort, dessen Tiefe und Reichtum wir nicht mehr, bzw. noch nicht verstehen. Jedenfalls gibt es nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch in den Überhimmeln und in den unteren und untersten Örtern der Erde mehr Dinge, als unsre von der Blässe sehr menschlicher Gedanken angekränkelte Schulweisheit sich träumen läßt. Nehmen wir Gottes Wort wirklich als Gottes Wort, und was wir nicht fassen und begreifen können, das lassen wir schön liegen, bis es eines Tages dem Herrn, der der Geist ist, wohlgefällt, es uns zu enthüllen. Wir wollen aber an dem, was Gott sagt, weder zweifeln noch darüber spotten.
Decken sich vielleicht diese unteren, bzw. untersten Örter der Erde mit dem untersten Scheol, in den das Zornfeuer Gottes hineinbrennt (5. Mose 52, 22)? Wir wissen es nicht, werden es aber dereinst erfahren.
David-Christus weiß, daß seine Verfolger, die ihn zu verderben trachten, in die untersten Örter der Erde hineingehen werden. Wir sprachen deshalb von “David-Christus”, weil all das, was der königliche Sänger scheinbar nur von sich gesagt hat, in Wirklichkeit auf Christus hin redete. Lesen wir darüber Apg. 2, 22-56 und vergleichen wir damit Apg. 13, 35, oder schlagen wir Hebr. 2, 12.15 auf! Dort werden davidische Psalmworte angeführt, die aber als Worte Christi gedeutet sind. Genau das gleiche finden wir in Hebr. 10, 5.
Erst in diesem Licht verstehen wir den tiefen, wunderbaren Sinn von 2. Sam. 23, 1.2: “Dies sind die letzten Worte Davids: Es spricht David, der Sohn Isais, und es spricht der hochgestellte Mann, der Gesalbte des Gottes Jakobs und der Liebliche in Gesängen (oder Psalmen) Israels: Der Geist des Herrn hat durch mich geredet und sein Wort (in der LXX steht hier logos!) war auf meiner Zunge.” Der Geist des Herrn sprach durch Davids Lieder oder Psalmen, und der logos (welcher im eigentlichen Grunde niemand anders als Christus ist!) war auf seiner Zunge. Es erging ihm genau wie Paulus, der, inspiriert vom Heiligen Geiste, von sich bezeugen konnte: “Ich werde nicht wagen, etwas von dem zu reden, was Christus nicht durch mich gewirkt hat” (Röm. 13, 18). Beide waren Sprachgefäße Christi. Darum dürfen, ja, müssen wir von David-Christus sprechen, wenn wir die Gedichte und Lobgesänge der Heiligen Bücher zitieren.
Wir möchten nach einen eigenartigen Vorgang erwähnen, der sich “in den untersten Örtern der Erde” vollzieht. In Ps. 159, 16 lesen wir: “Meinen Keim (Knäuel, Embryo, ungeformte Masse) sahen deine Augen, in dein Buch waren eingeschrieben und gebildet die Tage, als noch keiner in die Wirklichkeit getreten war.” (Vgl. Jer. 1, 5!) Ist es vielleicht so, dass der Körper des Menschen im Leibe der Mutter gebildet wird, die Seele, das Ich, im Verborgenen in den untersten Örtern der Erde gewirkt wird, während der Geist von Gott kommt? Weder die Medizin noch die Psychologie können uns diese letzten Geheimnisse deuten. Wenn wir Gottes Wort besser verstünden, wüßten wir sie.
Jedenfalls vollzieht sich bei der Auflösung des natürlichen Menschen der umgekehrte Vorgang: der Leib wird wieder zur Erde, von deren Stoffen er genommen ist, die Seele geht ins Totenreich, in die untersten Örter der Erde, sind der Geist geht zu Gott, der ihn gab. Wir wollen keine künstlichen Lehrgebäude aufstellen, sondern ganz nüchtern am klaren Wortlaut der Schrift bleiben. Wie recht hat der Prediger, wenn er sagt: “Gleichwie du nicht weißt, welches der Weg des Windes ist, wie die Gebeine im Leibe der Schwangeren sich bilden, ebenso weißt du das Werk Gottes nicht, der alles wirkt.”
Das Meer
Nach Offbg. 20, 11 entfliehen Erde und Himmel, und keine Stätte wird für sie gefunden. Das bedeutet, daß sie einfach nicht mehr da sind. Wenn es daher zwei Verse später heißt, daß das Meer, der Tod und der Hades die Toten, die in ihnen sind, herausgeben, so ist es doch offenbar, daß es sich hier bei dem Meer nicht um die Ozeane der Erdoberfläche handeln kann. Denn nicht nur die ganze Erde, sondern sogar die Himmel sind ja weg.
Darum dürfen wir wohl unter dem Meer einen gewaltigen Totenbehälter, einen Aufenthaltsraum Abgeschiedener verstehen. Ältere Schriftausleger glauben, daß es sich um ein Gefängnis handelt, in dem Selbstmörder sind. Wir kennen jedoch kein Gotteswort, das uns das eindeutig erhärten könnte, und sich hier auf Visionen und Offenbarungen, Träume und Vermutungen zu berufen, halten wir für völlig abwegig. Wir müssen bekennen, daß wir nicht wissen, wer sich in diesen Totenräumen, Meer genannt, befindet. Doch wollen wir eine Reihe von Schriftzusammenhängen betrachten, die uns vielleicht doch einiges Licht geben.
Wenn wir die Gebetsanrede von Apg. 4, 24 beachten, so ist es durchaus möglich, daß die Apostel an die Überwelt, also an die Himmel, die mittlere Welt, nämlich die Erde, und an die Unterwelt, die Wohnungen der Toten, dachten. Denn zu der Erde gehören doch auch die Wasser- und Lufthülle. Es kann so sein, aber es muß nicht so sein (vgl. Apg. 14, 15).
Wenn Gott in Ps. 68, 22 sagt, daß er zurückbringt oder wiederbringt aus den Tiefen des Meeres, ob er da wohl nur an die in den Seen und Meeren Ertrunkenen oder darin Versenkten denkt und nicht in erster Linie an das Meer als Aufenthaltsraum der Toten? Im 139. Psalm betet David das eigenartige Wort: “Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich hinauf in den Himmel: du bist da; und bettete ich mich in dem Scheol: siehe, du bist da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, auch daselbst würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich fassen. Und spräche ich: Nur Finsternis möge mich umhüllen, und Nacht werde das Licht um mich her: auch Finsternis würde vor dir nicht verfinstern und die Nacht würde leuchten wie der Tag, und die Finsternis wäre wie das Licht” (Vers 7-12). Der königliche Sänger empfindet unsre Ausweglosigkeit vor Gott. Die Allgegenwart Gottes kommt ihm zu einem geradezu überwältigenden Bewußtsein. Da er ja nicht aus seinem Eigenen redet und betet, sondern der Geist Gottes ihn treibt und das Wort Gottes auf seiner Zunge ist, spricht er gottgeschenkte Offenbarungen aus. Darum ist auch der Psalter bei seiner überaus starken subjektiven Färbung immer Gottes Wort, ist gottgehaucht und gotthauchend.
Zuerst spricht David in den oben genannten Gebetsworten vom Himmel (Vers 8a). Er ist ja Gottes Wohnung. Deshalb ist der Herr auch dort. Dann redet er von dem Sichbetten im Scheol (Vers 8b). Auch dort ist Gott gegenwärtig. Im folgenden 9. Vers erwähnt er “Flügel der Morgenröte”, mit deren Hilfe er sich “am äußersten Ende des Meeres” niederlassen wolle.
Wenn wir zu verstehen suchen, was diese Flügel der Morgenröte bedeuten, so genügt es nicht, daß wir diese Benennung für einen wohlklingenden poetischen Ausdruck halten. Wir müssen feststellen, was Gottes Wort unter der Morgenröte und dem Sohn und Fürsten der Morgenröte oder dem Morgenstern verstanden wissen will.
Jes. 14, 12 spricht im Bilde des Königs von Babel von Satan als dem “Sohn der Morgenröte”, der vom Himmel gefallen ist. Das gleiche wird uns in Amos 4, 13 bestätigt, wo geschrieben steht, daß Gott die “Morgenröte zur Finsternis macht”. Auch hier erkennen wir klar die Tatsache, daß Satan früher ein Sohn der Morgenröte war, aber stürzte und dadurch verfinstert wurde.
In diesem Lichte gewinnen auch Ps. 57, 8 und 108, 2 einen viel tieferen gewaltigeren Inhalt. Es handelt sich hier um das, was wir in 2. Petr. 1, 19 lesen. Dieses Wort lautet nach der Übersetzung von Dekan Pfleiderer: “Wir haben das prophetische Wort befestigter, auf welches zu achten ihr wohl tut als auf ein Licht, welches an einem dunkeln Ort leuchtet, bis der Tag anbreche und der Morgenstern (griechisch: phosphoros = Lichtsträger) seiner Bestimmung wieder zurückgegeben ist.” So wird also der verfinsterte Sohn der Morgenröte zuletzt, wenn wirklich alles licht und neu geworden ist, auch wieder licht sein.
Bei der Erschaffung der Urerde jubelten die Morgensterne die Engelfürsten, miteinander (Hiob 38, 7). Das hat sich längst geändert Heute sind sie gegeneinander. Man denke nur etwa an den Kampf Satans mit dem Erzengel Michael um den Leib des Muse oder an die Vorgänge in den Lufthimmeln, wie sie uns in Daniel 10 geschildert werden.
Nun begreifen wir, was es bedeuten soll wenn David die Möglichkeit erwägt, “Flügel der Morgenröte” zu nehmen und ans äußerste Meer zu fliehen. Damit meint er ein bewußtes Sich-hinein-stürzen in teuflische Bosheit, die in die größtmögliche Entfernung von Gott, ja die weitest entlegenen Totenräume führen. Vielleicht ist dieses bewußte Sichstürzen ins “Meer ein Grund dafür, daß manche glauben, eben dieses Meer sei ein Aufenthaltsraum für Selbstmörder. Das kann so sein, aber das ist noch lange kein klarer biblischer Beweis für etwas, was man behaupten und lehren dürfe.
Dass Satan der falsche Lichtsträger, der unechte phosphoros ist, der nur geschaffenes oder geliehenes Licht hat, Christus dagegen der wahre, wesenhafte Morgenstern ist, “Licht vom unerschaffnen Lichte”, sei nur am Rande vermerkt. “Ich bin der glänzende Morgenstern”, bezeugt er in Offbg. 22, 16. Wir wollen aus dem Zeugnis von den Flügeln der Morgenröte, die ans “äußerste Meer” tragen, nur erkennen, daß das Meer ein Totenraum ist und nicht nur einen irdischen See oder Ozean bedeutet.
Daß das Meer auch oft als Bild für die Nationenfülle gebraucht wird, sei nur der Vollständigkeit wegen angeführt. Für diese Wahrheit können wir viele Belege in der Schrift finden. Erinnern wir uns nur etwa an Jes. 60, 5: “Des Meeres Fülle wird sich zu dir wenden, der Reichtum der Nationen zu dir kommen” oder Offbg. 17, 15: “Die Wasser, die du sahest, wo die Hure sitzt, sind Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen.”
Der Fürst von Tyrus brüstete sich damit, ein Gott zu sein und auf einem Gottesthron “im Herzen der Meere” zu sitzen. Dieser Ausdruck “Herz der Meere” ist sicherlich mehr als nur eine Sprachfigur, eine orientalische Übertreibung, wie uns der Liberalismus weis machen will. Was er genau bedeutet, wissen wir nicht; aber wir haben den Mut, unsre Unwissenheit zu bekennen und warten darauf, bis Gott uns sein unerschöpfliches, gefülltes Wort wesenhafter und tiefer enthüllen kann.
In Ps. 135, 6 lesen wir von vier Bezirken, in denen Gott alles (und nicht nur einen kleineren oder größeren Teil) ausführt, was er will oder was ihm wohlgefällt. Diese vier Räume sind der Himmel, die Erde, die Meere und alle Tiefen. Wir glauben nicht, daß in dieser gewaltigen Schau mit den Meeren nur die Ozeane auf dem Antlitz der Erde gemeint sind. Es sind wohl jene Aufenthaltsorte Toter, von denen die Schrift verhüllt redet.
Wir lasen in Offbg. 20, 13 von dem Meer, dem Tod und dem Hades, die die in ihnen befindlichen Toten herausgaben. Der Tod und der Hades wurden (bzw. werden) in den Feuersee geworfen, wie wir weiter unten sehen werden. Was aber geschah (bzw. geschieht) mit dem Meer? Es verschwindet, wird aufgelöst! Das Totenreich, der Hades und der Abgrund haben ein Oberhaupt, dem sie unterstehen. Aber die Toten im Meer unterstehen Gott selbst. Vgl. dazu: “Meine (d. i. Gottes) Leichen werden wieder erstehen” (Jes. 26, 19). Wir lesen nicht, daß die Toten im Meer, ähnlich, wie es von den Abgeschiedenen in andern Finsternisörtern berichtet wird, ein Haupt über sich haben.
Wenn aus einem Friedhof alle Toten hinweggebracht und in einen andern Gottesacker umgebettet sind, dann ist der erste ehemalige Ort der Toten kein Friedhof mehr, sondern wird vielleicht ein Park oder ein Baugelände oder ein Spielplatz, er wird eben einer andern Bestimmung übergeben.
Genau so ist es mit dem Meer. Darum lesen wir in Offbg. 21, 1: “Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; und die Erde war vergangen, und das Meer ist nicht mehr.” Der Glaube frohlockt über der Tatsache, daß auch das Meer dereinst seine Toten herausgeben und ebenso wenig mehr sein wird wie Tod und Trauer, Geschrei und Schmerz, da unser Herr ja alles neu macht (Offbg. 21, 4.5).
Die Gehenna
Gehenna bedeutet soviel wie Tal Hinnom. Dort wurden in schändlichem Götzendienst dem Moloch Kinder geopfert und verbrannt. So lesen wir z. B. in 2. Kön. 23, 10: “Er verunreinigte die Greuelstätte, welche im Tale der Söhne Hinnoms lag, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer gehen ließe.” In diesem Tal waren nämlich Gruben oder Abgründe (tophet), in denen Unrat und Abfallstoffe verbrannt wurden.
Darum lesen wir in Jes. 30, 53: “Vorlängst ist eure Greuelstätte (Tapheteh, von Tophet abgeleitet) zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief und weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch des Herrn ihn in Brand.” Vergleichen wir damit noch zwei Jeremiasworte: 7, 31-33: “Sie haben die Höhen des Tophet gebaut, welches im Tale des Sohnes Hinnoms ist, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nicht geboten habe und mir nicht in den Sinn gekommen ist. Darum siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da man nicht mehr Tophet noch Tal des Sohnes Hinnoms, sondern Würgetal sagen wird; man wird im Tophet begraben aus Mangel an Raum. Und die Leichname dieses Volkes werden dem Gevögel des Himmels und den Tieren der Erde zur Speise sein, und niemand wird sie wegscheuchen.” 19, 11-13:” So spricht der Herr der Heerscharen: Dieses Volk und diese Stadt werde ich derart zerschmettern, wie man ein Töpfergefäß zerschmettert, das nicht wiederhergestellt werden kann. Und man wird im Tophet begraben aus Mangel an Raum. So werde ich diesem Orte tun, spricht der Herr, und seinen Bewohnern, um diese Stadt dem Tophet gleichzumachen. Und die Häuser von Jerusalem und die Häuser der Könige von Juda sollen unrein werden wie der Ort Tophet: alle die Häuser, auf deren Dächern sie dem Heere des Himmels geräuchert und andern Göttern Trankopfer gespendet haben.” Das sind die wichtigsten Stellen des Alten Testamentes, die von der Gehenna, bzw. vom Tophet reden.
Im Neuen Testament kommt Gehenna zwölfmal vor und wird meist mit Hölle übersetzt. Es gibt Menschen, die meinen, daß es gar keine wirkliche Hölle in der unsichtbaren Welt gäbe, da Gehenna ursprünglich nur den Verbrennungsplatz bedeutete, der vor den Toren Jerusalems lag. Jetzt sind dort weder Zerstörungsflammen noch Verwesungswürmer am Werk. Aber im tausendjährigen Reich wird den Gottlosen und Abgefallenen wieder eine solche Greuelstätte bei Jerusalem bereitet sein. Das lesen wir in den letzten beiden Versen des Propheten Jesaja, wo geschrieben steht: “Es wird geschehen: von Neumond zu Neumond und von Sabbat zu Sabbat wird alles Fleisch kommen, um vor mir anzubeten, spricht der Herr. Und sie werden hinausgehen und sich die Leichname der Menschen ansehen, die von mir abgefallen sind; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden ein Abscheu sein allem Fleische.”
Wer nun glaubt, damit wäre bewiesen, dass es keine Feuerhölle, keinen Ort der Qual in der für unsre jetzigen Augen unsichtbaren Welt gäbe, der weiß noch wenig von den Abbildern und Vorbildern der Schrift und ihrer Bedeutung. Wir wollen die 12 Stellen des Neuen Testamentes, die von der Hölle reden, nachschlagen, damit wir sehen, wie es sich mit der Hölle wirklich verhält.
“Wer (zu seinem Bruder) sagt: Du Narr! wird der Hölle des Feuers verfallen sein” (Matth. 5, 22).
“Wenn dein rechtes Auge dich ärgert, so reiße es aus und wirf es von dir. Es ist dir nütze, dass eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dich ärgert, so hau sie ab und wirf sie von dir. Denn es ist dir nütze, dass eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde” (Matth. 5, 29.30; vgl. 18, 9).
“Wenn deine Hand dich ärgert, so hau sie ab. Es ist dir besser, als Krüppel ins Leben einzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle hinabzufahren in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht erlischt. Und wenn dein Fuß dich ärgert, so hau ihn ab. Es ist dir besser, lahm in das Leben einzugehen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden, in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. Und wenn dein Auge dich ärgert, so wirf es weg. Es ist dir besser, einäugig in das Reich Gottes einzugeben, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt” (Mark. 9, 43-48).
Wir haben bis jetzt sieben Stellen betrachtet, in denen von der Hölle die Rede ist. Wagen wir es nicht, sie abzuschwächen oder ungültig zu machen! Sie bestehen in ihrem vollen Ernst. Der Weg, wie wir der Hölle zu entfliehen vermögen, ist im folgenden 49. Vers von Markus 9 angedeutet. Dort beißt es: “Jeder wird mit Feuer gesalzen werden.”
Man sage nicht: Das alles geht uns ja gar nichts an! Es gilt nur für Israel. — Gewiß, zunächst gilt das nur für Israel. Aber es gibt neben den besonderen Anordnungen, Strafandrohungen und Gnadenverheißungen für Israel auch solche, die für alle Heilskörperschaften gelten. Wir erinnern nur an die Herrenworte in Mark. 15, 35-57: “Wachet nun, denn ihr wisset nicht, wann der Herr des Hauses kommt … damit er nicht, plötzlich kommend, euch schlafend finde. Was ich euch sage, sage ich allen: Wachet!”
Diese Aufforderung zur Wachsamkeit hat Jesus als Messias seines Volkes nicht nur seinen jüdischen Jüngern gegeben, sondern als verklärtes Haupt seiner Gemeinde durch seinen Sonderbeauftragten an die Nationen, den Apostel Paulus, auch uns zurufen lassen. Darum wies er schon während seines Erdenlebens darauf hin, daß die Ermahnung zur Wachsamkeit allen gelte.
Genau so ist es mit Mark. 9, 49. Es gibt keine Rettung ohne das Feuer des Gerichts. Die Schrift kennt jedoch zwei grundverschiedene Arten von Gerichten: das Selbstgericht, in das man freiwillig hineingeht, um Gnade zu erlangen, und die Reinigungs- und Verdammungsgerichte, in die man zwangsmäßig hineingeführt wird.
Am Selbstgericht kann man, menschlich gesprochen, sich vorbeidrücken. Aber dem Strafgericht vermag kein Geschöpf zu entrinnen. Jeder muß mit Feuer gesalzen werden! Es ist ein Gnadengeschenk Gottes, daß wir den kurzen Gnadenweg des Selbstgerichtes gehen und das freiwillig vorwegnehmen dürfen, dem ja doch niemand entfliehen kann. Der Gläubige erlebt seine Hölle in der Sündenerkenntnis und im Sündenbekenntnis vor Gott schon jetzt auf Erden. Der Ungläubige hingegen lehnt das ab und wird dafür zwangsläufig ins Gericht geführt. Was er alles dort erlebt und erleidet und wie lange sein Aufenthalt in jenen Räumen dauert, wissen wir nicht. Darum schweigen wir darüber. Nur daß das nicht endlos und ziellos sein wird, das wissen wir und müssen es da, wo Gott es gebietet, keusch und treu bezeugen. —
Betrachten wir nun die restlichen fünf Stellen des Neuen Testamentes, die von der Hölle reden. In Luk. 12, 5 steht geschrieben: “Fürchtet den, der nach dem Töten Gewalt hat, in die Hölle zu werfen. Ja, sage ich euch, diesen fürchtet!” Unser Vers weist darauf hin, daß der Feind nach dem Eintritt des Todes Vollmacht bat, in die Hölle zu werfen. Zweimal betont er, daß Satan aus diesem Grunde zu fürchten ist, während wir nach dem vorhergehenden Vers den leiblichen Tod, der einem Mörder verglichen wird, der nur den Körper töten kann, nicht fürchten sollen.
Wenn es keine reale, wirkliche Hölle mit all ihren Schrecken gäbe, so wäre dieses Wort aus dem Monde des Herrn völlig sinnlos, oder, wenn die Hölle nur bildlich für irgend etwas anderes zu verstehen ist, maßlose Übertreibung. Hüten wir uns darum, Gottes Wort abzuschwächen oder zu verflüchtigen!
Matth. 10, 28 ist eine Parallele zu Luk. 12, 5. In Matth. 23, 15 ruft der Herr eines der acht “Wehe!” gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer aus, wenn er sagt: “Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, Heuchler! Ihr durchziehet das Meer und das Trockene um einen Proselyten (aus einer Religion in eine andere Übertretenden) zu machen, und wenn er es geworden ist, macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, zwiefältig mehr als ihr.”
Das ist ein gar ernstes Wort. Gibt es solche Dinge auch heute noch? Ganz gewiß! Jeder Fanatismus, auf welchem Gebiet es auch sei, führt in die Verkrampfung, in die Maßlosigkeit, in den Haß. Am schlimmsten wirkt sich das in der religiösen Sphäre aus. Die blutigsten und grausamsten Kämpfe der Menschheit waren die Bruderkriege, wenn sie religiöses Gepräge trugen.
Während Satan in die Verkrampfung, in die Maßlosigkeit und in den Haß führt, bringt Christus Lösungen, stellt uns in die heiligen Gottesnormen und füllt uns mit wirklicher Liebe. Welch ein Gegensatz! “Wer seinen Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode”, schreibt Johannes in 3, 14b seines ersten Briefes. Proselytenmacher und Organisationsfanatiker sind nach diesem Wort im Tode, auch wenn sie dauernd Bibelworte und den Namen des Herrn im Munde führen. Selbst die Hingabe des Lebens ist wertlos, wenn keine wahre Liebe vorhanden ist (1. Kor. 13, 3). Gott bewahre uns davor, solche Leute zu werden und uns und andre zu betrügen!
In Matth. 23, 33 nennt der Herr die Schriftgelehrten und Pharisäer Schlangen und Otternbrut, die dem Gericht der Hölle nicht zu entfliehen vermögen.
Jak. 3 spricht von der großen Gefahr der Zungensünden und weist darauf hin, daß dieses kleine Glied von der Hölle entzündet wird. Was wird das einmal sein am Tage des Gerichts, wenn die Menschen von jedem unnützem Wort, das sie geredet haben, Rechenschaft geben müssen! (Matth. 12, 36).
Wie ernst wird da die Verantwortung sein für jeden Fluch und falschen Schwur, für jede Zauberformel, die uns mit dem Feuer der Hölle entzündete! Wer die Hölle leugnet, macht Christus zum Lügner, das Wort Gottes zum Gespött und irrt um den Preis seines äonischen Heils.
Der Feuersee
Noch einen letzten Totenraum, den Feuersee, wollen wir betrachten. Von ihm lesen wir in Offbg. 19: “Es wurde ergriffen das Tier und der falsche Prophet. der mit ihm war, der die Zeichen vor ihm tat, durch welches er die verführte, welche das Malzeichen des Tieres annahmen und die sein Bild anbeteten — lebendig wurden die zwei in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt” (Vers 20).
Das Tier oder der Antichrist ist der teuflische Nachäffer des Sohnes Gottes, ist der, der in seinem eignen Namen kommt und den die Juden annehmen (Joh. 5, 43). Der falsche Prophet tut das hinsichtlich des Antichristen, was der Heilige Geist im Blick auf Jesus tut: er verherrlicht ihn. So haben wir in Satan, im Tier und im falschen Propheten eine Nachäffung Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Das Gericht über diese Feinde Gottes wird schrecklich sein.
Denn in Offbg. 20, 10.14.15 lesen wir: “Der Teufel, der sie verführte, wurde in den Feuer- und Schwefelsee geworfen, wo sowohl das Tier ist als auch der falsche Prophet, und sie werden Tag und Nacht gepeinigt werden von Äon zu Äon … Und der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.” Von den drei Totenräumen, die uns in Offbg. 20, 13 genannt werden, dem Meer, dem Tod und dem Hades, werden die beiden letzten in den zweiten Tod, den Feuersee, geworfen. Auch diejenigen, deren Name nicht im Buch des Lebens steht, müssen das Los Satans teilen.
Aus dem Umstand, daß vor dem großen, weißen Thron noch ein Buch des Lebens geöffnet wird, dürfen wir wohl schließen, daß fortlaufend die Namen solcher eingetragen werden, die in Christo Herrlichkeit, Ehre und Unverweslichkeit finden und darum ewiges Leben erhalten (Röm. 2, 7). Da andrerseits die Werke der Menschen sehr verschieden sind, wird auch ihre Strafe hinsichtlich der Art und Dauer recht unterschiedlich ausfallen (Offbg. 20, 12b).
Die Schrift nennt uns ein großes irdisches Vorbild des unterirdischen Feuersees: den Regen von Feuer und Schwefel, von dem wir in 1. Mo. 19, 24 ff. lesen. Es ist die Zerstörung Sodoms und Gomorras samt den umliegenden Städten und der schreckliche Tod ihrer gottlosen Bewohner. In Juda 7 wird uns diese Gerichtskatastrophe “ein Vorbild von des ewigen Feuers Strafe” genannt.
Nach weit verbreiteter, landläufiger Meinung kann etwas, was “des ewigen Feuers Strafe” verfallen ist, nie wieder hergestellt werden, da sehr viele glauben, ewig oder äonisch wäre endlos. Was aber sagt die Schrift? Wenn es eine Wiederherstellung Sodoms und Gomorras und der um liegenden Städte gibt, dann wäre damit unwiderleglich bewiesen, dass “des ewigen Feuers Strafe” einmal aufhört!
Nun bezeugt aber Gott in Hes. 16, 53-55: “Ich werde die Gefangenschaft wenden, die Gefangenschaft Sodoms und ihrer Töchter und die Gefangenschaft Samarias und ihrer Töchter und die Gefangenschaft deiner Gefangenen in ihrer Mitte: auf daß du deine Schmach tragest und dich schämest alles dessen, was du getan hast, indem du sie tröstest. Und deine Schwestern, Sodom und ihre Töchter, werden zurückkehren zu ihrem früheren Stande, und Samaria und ihre Töchter werden zurückkehren zu ihrem früheren Stande, und auch du und deine Töchter, ihr werdet zurückkehren zu euerem früheren Stande.”
Israel soll Sodom und Gomorra trösten, obwohl es mehr als doppelt soviel gesündigt hat, Das beschwört Gott in den Versen 48-51. Da aber der Schlechtere dem Besseren Heilsdienste tun darf, muß er sich schämen und hat nicht die geringste Ursache, religiösen Hochmut zu hegen und stolz zu sein. Was hat unser großer wunderbarer Gott doch für seltsame Methoden und Wege, um seine verirrte Schöpfung zurechtzubringen!
Ist das nicht auch heute in der Gemeinde der Gläubigen oft so, daß nicht der Bessere und Wertvollere, der Begnadetere und Edlere, sondern “der Mangelhaftere reichlichere Ehre bekommt” (1. Kor, 12, 24b) und die unehrbareren Glieder des Leibes mit reichlicherer Ehre umgeben werden (Vers 23a)? Wie urteilen wir blinden und törichten Menschen doch oft nach dem äußeren Schein, da wir von Gottes Gedanken und Wegen so wenig wissen! Doch kehren wir zur Betrachtung des Feuersees zurück! Schon David ahnte etwas von den Schrecken des Feuersees, wenn er in Ps. 11, 6 schreibt: “Gott wird Schlingen (oder Blitze) regnen lassen auf die Gesetzlosen; Feuer und Schwefel und Glutwind wird das Teil ihres Bechers sein”.
Denen, die in der Endzeit das Tier und sein Bild anbeten, droht ein Engel in Gottes Auftrag, daß sie mit Feuer und Schwefel gequält werden und der Rauch ihrer Qual von Äon zu Äon, also einige Zeitalter lang, aufsteigt (Offbg. 14, 11).
Das deckt sich mit den überaus ernsten Worten von Offbg. 21, 8: “Den Feigen und Ungläubigen und mit Greueln Befleckten und Mördern und Hurern und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern — ihr Teil ist in dem See, welcher mit Feuer und Schwefel brennt, welches ist der zweite Tod.”
Die Schrift unterscheidet sehr klar zwischen einem Sündigen aus Schwachheit und einem Sündigen mit Willen (Hebr. 10, 26). So schreibt Johannes in seinem ersten Brief: “Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so wird er bitten, und er wird ihm das Leben geben, denen, die nicht zum Tode sündigen. Es gibt Sünde zum Tode, nicht für diese sage ich, daß er bitten solle. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde, und es gibt Sünde, die nicht zum Tode ist” (5, 16.17).
Für bewußte Sünde gibt es keine Gnade, sondern Gericht. Wie lange die Gerichte Gottes währen, ist eine zweite Frage, die hier nicht näher erörtert werden soll. Es genügt uns zu wissen, wie buchstäblich wahr und ernst die Worte von Hebr. 10, 28-51 sind, die uns besagen: “Jemand, der das Gesetz Mose verworfen hat, stirbt ohne Barmherzigkeit auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen. Wie viel ärgerer Strafe wird der wert geachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt worden ist, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? Denn wir kennen den der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr! Und wiederum: Der Herr wird sein Volk richten. Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.”
Schon Asaph, der heilige Psalmsänger, stellt die wichtige Frage: “Bis wann, o Herr, willst du immerdar zürnen, soll wie Feuer brennen dein Eifer?” (79, 5), und auch Ethan, der Esrachiter, klagt in 89, 46.47: “Bis wann, o Herr, willst du dich immerfort verbergen, soll wie Feuer brennen dein Grimm? Gedenke, was meine Lebensdauer ist, zu welcher Nichtigkeit du alle Menschenkinder erschaffen hast!” Wie gut können wir Menschen der Gegenwart ihn verstehen und mit ihm fühlen!
Wenn im 148. Psalm nicht nur die Höhen und Engel und Heerscharen, Sonne und Mond und leuchtende Sterne, die Himmel der Himmel sowie die Erde und die Wasserungeheuer aufgefordert werden, den Herrn zu loben, sondern auch Hagel und Schnee, Nebel und Sturmwind das Feuer und alle Tiefen (Vers 8 und 7), so ersieht daraus der Glaube, daß zuletzt alles, aber auch wirklich alles, einschließlich der Räume der Toten samt ihren Finsternis- und Feuerqualen, zum Lobe Gottes dient.
Das ersehen wir auch aus Zeph. 1, 18 und 5, 8.9, wo geschrieben steht: “Durch das Feuer seines (d. i. Gottes) Eifers wird das ganze Land verzehrt werden. Denn ein Ende, ja, ein plötzliches Ende wird er machen mit allen Bewohnern des Landes … Mein Rechtsspruch ist, die Nationen zu versammeln, die Königreiche zusammenzubringen, um meinen Grimm über sie auszugießen, die ganze Glut meines Zornes. Denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden. Denn alsdann werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen des Herrn anrufen und ihm einmütig dienen.”
Zunächst wird der Feuereifer Gottes das ganze heilige Land verzehren. Das bezeugt der Prophet. Dann ergreift Gott selbst das Wort und erklärt, daß das Feuer seines Eifers die ganze Erde verzehre. Nach menschlichen Begriffen ist dann die Erde in nichts aufgelöst, ist nicht mehr vorhanden.
Wenn wir aber die Schrift fragen, so finden wir ein anderes Ergebnis. Vers 9 von Zeph. 3 beginnt mit einem begründenden “denn” und belehrt uns, daß dann, wenn die ganze Glut des Zornes Gottes ausgegossen ist (was ist dann noch übrig vom Zorn Gottes?) und die gesamte Erde verzehrt sein wird, die Lippen der Völker in reine Lippen umgewandelt werden. Hat das nicht auch Jesaja erfahren, daß durch eine glühende Kohle seine unreinen Lippen gereinigt wurden (Kapitel 6)?
Und zu welchem Zweck wird Gott nach der Zerstörung der Erde die Lippen der Völker reinigen? Die zweite Hälfte des 9. Verses sagt es uns: “damit sie alle den Namen des Herrn anrufen und ihm einmütig dienen”. Wer aber den Namen des Herrn anruft. der wird, der soll gerettet werden (Röm. 10, 15). Die Errettung aller Völker findet also dann statt, wenn die ganze Erde verzehrt ist. Wie kann man da behaupten, es gäbe nur eine Errettung auf Erden und während der Lebenszeit? Hier und an vielen andern Stellen der Schrift steht das Gegenteil. Die Nationen, die jetzt so zerrissen und verfeindet sind, in dauernder Angst und Unruhe leben und der Sünde und dem Teufel dienen, werden dereinst einmütig Gott dienen. Welch eine unbeschreibliche Segenszeit wird das sein!
Und damit diese Segenszeit nicht nur für Israel und die Erde und ihre Völker, sondern für das gesamte All heraufgeführt wird, dazu sperrt Gott seine geliebten Geschöpfe, zu deren Erlösung er den eignen Sohn opferte, in Finsternisse und Feuergluten. Nichts anderes als Liebe drängt ihn zu solch starken Maßnahmen. Verstehen wir jetzt Hohelied 8, 6b, wo geschrieben steht: “Die Liebe ist gewaltsam wie der Tod, hart wie das Totenreich ihr Eifer, ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme des Herrn!” — Noch ist die Gemeinde hinsichtlich der Dinge, die wir miteinander betrachtet haben, keineswegs “zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes” gelangt (Eph. 4, 13), sondern streitet leider noch vielfach über die Frage, ob Gott sein Vollendungsziel erreichen wird oder nicht. Eins aber ist sicher: es kommt die Zeit, da der aus Haupt und Gliedern bestehende Christus Freiheit ausrufen wird den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen und trösten wird alle Trauernden und in wunderbaren Erstattungen darreichen wird Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer und ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes (Jes. 61, 2.3).
Dann werden die finsteren Totenräume entleert sein und der Gnade erlösendes Licht wird nach Äonen der Nacht und Pein alle Wesen und Welten zurechtbringen und beseligen zur Ehre Gottes des Vaters. Noch ist es nicht so weit; die Erde hat noch die vor ihr liegende Drangsal mit ihren Schrecken und Ängsten zu durchleben, während die wahrhaft Gläubigen als Leib des Christus zu unserm Herrn emporgehauptet werden. Aber seine Endziele wird Gott aufgrund des unantastbaren, vollgültigen Opfers von Golgatha unbedingt erreichen. Denn
“dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht, sein wird die ganze Welt!”
(Quelle: Paulus-Verlag; Heilbronn)


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