Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen den »Zeiten der Nationen« und der »Vollzahl der Nationen«

Autor: Herbst, Gerhard  |  Kategorie(n): Endzeit, Gemeinde, Heilsgeschichte, Israel, Völkerschaften  |  750 x gelesen

»Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden« (Luk. 21, 24).

»Ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, dass Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, und also wird ganz Israel gerettet werden« (Röm. 11, 25).

In diesen beiden Schriftzeugnissen ist von den »Nationen« die Rede, und in beiden Stellen ist durch das Wörtchen »bis« ein Zeitpunkt markiert, an dem ein entscheidender Wandel in der Heilsgeschichte eintritt. Zum Verständnis wollen wir zunächst klären, was die Schrift unter dem Begriff »Nationen« versteht und in welchem Verhältnis das jüdische Volk zu den »Nationen« steht.

Bevor das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten den Boden des verheißenen Landes betrat, redete Gott zu Seinem Volk und sagte (5. Mose 7, 6-8): »Ein heiliges Volk bist du dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt, Ihm zum Eigentumsvolk zu sein aus allen Völkern. Nicht, weil euer mehr wären als alle Völker, hat der Herr sich euch zugeneigt und euch erwählt, denn ihr seid das geringste unter allen Völkern, sondern wegen des Herrn Liebe zu euch, und weil Er den Eid hielt, den Er den Vätern geschworen.« Dieses Eigentumsvolk hat Gott aus allen Völkern der Erde ausgesondert (1. Kön. 8, 53). »Ihr sollt mir heilig sein, denn Ich bin heilig, Ich, Jahweh, und Ich habe euch von den Völkern abgesondert, um mein zu sein« (3. Mose 20, 26). Dieses Volk sollte nach 4. Mose 23, 9b »abgesondert wohnen und nicht unter die Nationen gerechnet werden«. So umfasst der biblische Begriff »Nationen« sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament alle Völker der Erde mit Ausnahme des Volkes Israel.

Das Eigentumsvolk sollte den Namen Gottes unter den Nationen heiligen. Stattdessen haben sie Seinen Namen entweiht. Gott machte Seinem Volk drei schwerwiegende Vorwürfe, weshalb Er es unter das angedrohte Gericht bringen musste:

  1. Sie haben Seinen großen Namen entweiht unter den Nationen (Hes. 36, 22).
  2. Sie wollten sein wie die Nationen (Hes. 20, 32).
  3. Sie haben nicht auf Gottes Wort gehört (Jer. 29, 18).

Der Ungehorsam des Volkes erreichte seinen Höhepunkt, als es seinen Messias den Nationen überlieferte (Matth. 20, 19) und Ihn ans Kreuz schlug. »Sie schrieen übermäßig: Er werde gekreuzigt! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« (Matth. 27, 23.25). Die Antwort Gottes ließ nicht lange auf sich warten. Im Jahre 70 n. Chr. zerstörten die Römer unter Titus Jerusalem und den Tempel und die Juden wurden unter alle Nationen zerstreut. Diese Gerichte hatte Jesus schon Seinen Jüngern gegenüber angekündigt (Luk. 21, 24): »Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden.« Jesus markiert in dieser Ankündigung den Beginn und das Ende der »Zertretung Jerusalems« und nennt die Zeit zwischen diesen Ereignissen die »Zeiten der Nationen«. Das Ende der »Zertretung Jerusalems« ist nach Jesu Worten zeitgleich auch das Ende der »Zeiten der Nationen«. Als Israel in dem ihm aufgezwungenen Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 den Ostteil Jerusalems eroberte und die Stadt vereinte, meinten viele gläubige Christen, nun sei die Zertretung Jerusalems beendet. Ein Rückblick auf die letzten 15 Jahre zeigt uns, dass die Zertretung Jerusalems durch die Nationen noch keineswegs beendet ist, ja, dass der eigentliche Kampf um Jerusalem noch gar nicht voll entbrannt ist. Die Zertretung Jerusalems wird erst beendet sein, wenn der wiedergekommene Messias durch den Hauch Seines Mundes den Antichristen verzehren und Seine Füße auf den Ölberg setzen wird. Wenn Er dann in Jerusalem den Thron Davids besteigen und die Herrschaft über die Völker der Erde übernehmen wird, werden auch die »Zeiten der Nationen« beendet sein, denn nun beginnt der Tag des Herrn.

Das Gericht Gottes über Sein Volk hatte nicht nur materielle Folgen (Zerstörung Jerusalems und des Tempels, Zerstreuung), sondern auch geistliche, indem Gott Sein Heilsgeschehen mit Seinem Volk für eine Zeit ruhen ließ, die Masse des Volkes verstockte und eine Decke über ihre Augen legte (2. Kor. 3, 14).

Ebenso wie Gott schon vor Grundlegung der Welt Seinen Sohn als Opferlamm für die Sünden der Welt erkor (1. Petr. 1, 20), so hat Er gleichzeitig Seinem Sohn einen Leib bereitet, die herausgerufene Gemeinde aus allen Nationen, mit der Er während der Beiseitesetzung Israels auf dieser Erde Seine Heilsabsichten durchführen wollte. »Er hat uns auserwählt in Ihm vor Grundlegung der Welt … und uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst« (Eph. 1, 4). Die Sammlung der auserwählten Glieder des Leibes Christi aus den Nationen begann, als sich Paulus und Barnabas in der Verkündigung von den Juden weg und zu den Nationen hin wandten. Die Apostel äußerten freimütig (Apg. 13, 46): »Zu euch musste notwendig das Wort Gottes zuerst gesprochen werden. Weil ihr es aber von euch stoßt …, so wenden wir uns zu den Nationen« (vgl. Apg. 28, 23-28). Nur Gott konnte das Wunder vollbringen, dass durch den Fall Israels, der zur Beiseitesetzung und Verstockung des Volkes geführt hat, gleichzeitig »den Nationen das Heil geworden ist« (Röm. 11, 11). Beides hat Gott schon vor Grundlegung der Welt in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt und zeitlich durch Festlegung von Anfang und Ende begrenzt: Der Beginn der Verstockung Israels ist gleichzeitig der Beginn der Sammlung der auserwählten Glieder des Leibes Christi, der Gemeinde Jesu Christi aus den Nationen. Für diese hat Gott den Apostel Paulus als »Herold, Apostel und Lehrer der Nationen« bestellt (1. Tim. 2, 7). Das Ende der Verstockung Israels ist nach Röm. 11, 25 erreicht, wenn die »Vollzahl der Nationen« eingegangen ist. Dieses Ereignis hat eine zweifache Auswirkung: Für die Gemeinde Jesu Christi ist die Erreichung ihrer Vollzahl das Signal, dass der Zeitpunkt der Entrückung dem Herrn entgegen in die Luft nahe ist (1. Thess. 4, 13-17). Durch das Zusammentreffen mit den Gliedern Seines Leibes erhält Christus als das Haupt Seine Vervollständigung (griech. plärooma) (Eph. 1, 23). Mit den Gliedern Seines Leibes vereint, die von da an allezeit bei Ihm sein werden (1. Thess. 4, 17b), kann Christus nunmehr Seine großen Vollendungsaufgaben durchführen, die das Ziel haben, einmal alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus (Eph. 1, 10).

Für Israel ist mit Erreichen der Gemeindevollzahl der Weg frei für die Errettung ganz Israels. Tatsächlich erfüllt sich diese Verheißung für das ganze Volk erst bei der sichtbaren Wiederkunft des Messias auf dem Ölberg, wenn sie den schauen, den sie durchbohrt haben, und bitterlich weinen und Buße tun werden (Sach. 12, 10).

Die Entrückung der Gemeinde und die sichtbare Wiederkunft Christi auf dem Ölberg liegen zwar zeitlich eng beieinander, jedoch müssen zwischen diesen Ereignissen nach der Schrift zwei wichtige Dinge geschehen:

  1. Die Gemeinde muss nach ihrer Entrückung in den Lufthimmel — bevor sie mit dem Christus sichtbar auf die Erde kommt (1. Thess. 2, 13) — vor dem Richterstuhl des Christus erscheinen, wo ihre Werke geprüft und durch Christus Lob und Lohn verteilt werden (2. Kor. 5, 10; 1. Kor. 3, 10-15). —
  2. Für Israel steht vor seiner Errettung noch die vollständige Erfüllung der Verheißung über die 70 Jahrwochen nach Dan. 9, 24 aus, von denen bisher erst 69 vergangen sind: »Siebzig Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt, um die Übertretung zum Abschluss zu bringen, den Sünden ein Ende zu machen, die Ungerechtigkeit zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen

Während der 70. Jahrwoche wird der Antichrist nach Vers 27 mit Israel einen Siebenjahrespakt schließen, den er nach dreieinhalb Jahren brechen wird. Mit der sichtbaren Wiederkunft Christi endet

  1. die 70. Jahrwoche,
  2. die Verstockung Israels,
  3. die Herrschaft des Antichristen,
  4. die Zertretung Jerusalems, und es enden
  5. die »Zeiten der Nationen«.

Ein neuer Tag bricht an: der Tag des Herrn.

Der Gemeinde kommt Christus als Haupt bis in den Lufthimmel entgegen. Für Israel kommt Er als Erlöser aus Zion. Beide rufen in sehnsüchtiger Erwartung: »Herr Jesus Christus und Messias Israels: Komme bald!«

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 3/2003; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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