Aufbruch überweltlicher Mächte gegen das kommende Reich Gottes
Autor: Henninger, Martin | Kategorie(n): Gemeinde, Irrlehre, Religionen, Schwarmgeist, Versuchung & Verführung | 855 x gelesen(Wortdienst anläßlich der “Prophetischen Woche”, Langensteinbacherhöhe, 11/1979; gekürzte Fassung nach einer Tonbandaufnahme, vom Verfasser durchgesehen)
Unser Thema behandelt umfassende Dinge, und ich bin mir bewußt, nur einige Schwerpunkte setzen zu können.
Wenn wir uns hier zu einer “Prophetischen Woche” zusammengefunden haben, dann sehe ich die Gefahr, daß wir zwar ein Ohr für diese prophetischen Dinge haben, aber vergessen, daß wir ein gehorsames, demütiges und treues Leben in der Jesusnachfolge führen sollten. Daß wir das prophetische Wort und die Heiligung in ein rechtes Verhältnis zueinander bringen, ist mir ein besonderes Anliegen. Wenn wir das prophetische Wort immer vor dem Hintergrund des gesamtbiblischen Zeugnisses sehen, dann wird es uns demütigen, uns gehorsam machen, wir werden in der Hingabe und Treue Jesus gegenüber Fortschritte machen und Ihn sehnsüchtiger erwarten.
Als ich im Gespräch am Tisch das Thema dieses Abends erwähnte, wurde das Wort “Aufbruch” in Frage gestellt. Aufbruch? Sind denn diese Mächte nicht schon lange aufgebrochen? Befinden sie sich nicht in einem mächtigen Vormarsch? — Dieser Gedanke ist natürlich berechtigt. Wurde die Gemeinde Jesu nicht schon von Anfang an vor Verführung gewarnt? Haben wir nicht schon in den Briefen des Neuen Testamentes die Warnung “Glaubet nicht jedem Geist”? Schreibt nicht Johannes in seinem 1. Brief, daß der Widerchrist im Aufbruch sei und schon viele Widerchristen gekommen seien (1. Joh. 2, 18)? Schreibt nicht Paulus, daß wir nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit den Beherrschern dieser Welt, die im Unsichtbaren ihr Dasein haben und von da aus sehr wohl in das Sichtbare der Menschen hereinwirken (Eph. 6)? Wurde nicht die Gemeinde Jesu von Anfang an vor den “Weltelementen” gewarnt (Kol. 2, 8 und Gal. 4, 3), von denen gesagt wird, daß sie die “Macher” der Philosophien, Ideologien und Religionen dieser Welt sind, mit denen wir uns von Generation zu Generation auseinanderzusetzen haben?
Das alles ist also nichts Neues. Und doch: Auf den Schluß zu, bevor der Blitz kommt (Matth. 24, 27), der im Osten aufleuchtet und sein Licht nach dem Westen schleudert, bevor dieser große Herr kommt, der wahre Messias Jesus Christus, wird’s vorher wohl noch am raffiniertesten zugehen, was die Verführung der Gemeinde Jesu betrifft. Und das heißt für uns, daß wir gerade in unserer Zeit hellwach werden müssen, wo die Mächte der Finsternis im Aufbruch sind und ihre letzten Tricks anwenden.
Ich möchte jetzt zunächst einmal über das kommende Reich Gottes sprechen — das ist ja das Positive und Wichtige, nach dem wir Ausschau halten und auf das es ankommt. Das Reich Gottes ist ein Thema, das sich durch die ganze Bibel hindurchzieht, ich kann deshalb jetzt nur versuchen, gleichsam im Telegrammstil ein paar Positionen deutlich zu machen.
Wenn ich es auf einen kurzen Nenner bringen darf, so möchte ich sagen: Das Reich Gottes ist die Beherrschung des gesamten Universums einschließlich dieser Erde durch Gott, und zwar unter Ausschluß der satanischen Mächte. Daß Gott auch heute der Beherrscher des gesamten Universums, der Beherrscher dieser Erde und unseres Lebens ist, steht außer Zweifel, aber dabei hat Gott die finsteren Mächte mit einkalkuliert. Die mischen mit und treiben ihr Werk; und insofern ist eben das Reich Gottes in seiner Vollendung noch nicht da, solange die Mächte der Finsternis mitwirken dürfen.
Die Gemeinde Jesu nun, die seit Pfingsten durch die Gnade Gottes aus den Nationen herausgewählt wird, ist wie ein Samenkorn, das sich in dieser Zeit bildet und im Reich Gottes einmal zu einem beherrschenden Baum heranwächst. Gehen wir im Lichte der biblischen Symbolik einmal dem Begriff “Bäume” nach, so finden wir, daß wir es mit gewaltigen Lebensfaktoren zu tun haben, die im Reiche Gottes eine beherrschende Stellung einnehmen. Da ist z. B. der “Baum des Lebens” im Paradies, der auch wieder im künftigen Neuen Jerusalem im Blickfeld ist, und in Hesekiel 47, 12 ist von Bäumen die Rede, die Heilspender der Völker sind. Da haben wir also etwas Lebendiges, Lebensschaffendes vor uns.
Wo ein Mensch in unserer Zeit Buße tut, seine Gesinnung ändert und nicht mit dem Strom der Masse schwimmt, wo ein Mensch durch den Heiligen Geist zu einer neuen Kreatur wiedergeboren wird und das Wesen Christi anfängt, ihn zu gestalten, da haben solche Keimkräfte des Reiches Gottes in einem Menschen zu wirken begonnen. Insofern ist das Reich Gottes heute “inwendig in uns” bzw. “mitten unter uns”, aber eben nur anbruchhaft, gleich dem Samenkorn, aus dem einmal der Baum werden soll. — Entscheidend für uns heute abend ist, daß das Reich Gottes mit seinen Lebenskräften keimhaft in uns vorhanden ist. Wenn das bei den einzelnen unter uns der Fall ist, dann möchte ich uns glücklich preisen. Dann haben wir Zukunft, auch wenn der Aufbruch der Finsternismächte noch so raffiniert ist; dann haben wir Chancen, diese Dinge zu durchschauen und durchzustehen und das Ziel zu erreichen.
Das Reich Gottes, beginnt also heute in der Gemeinde Jesu aus den Völkern, wie auch in dem heiligen Rest Israels, und wird eines Tages in seiner herrlichen Macht voll offenbar, wenn die Reiche dieser Welt endgültig am Ende sein werden..
Ich möchte bei diesem Bild des Samens und des Baumes gern noch stehenbleiben, um die Sache besser zeigen zu können, um die es mir geht. Der Same ist im Verhältnis zum Baum ja immer klein. Denken wir etwa an einen Apfelkern — wie klein ist er im Vergleich mit dem Apfelbaum! Das ist auch typisch für die Gemeinde Jesu in dieser Welt heute, bevor das Reich Gottes in seiner eigentlichen Macht, nach Absetzung der Finsternismächte, voll in Erscheinung tritt. So spricht Jesus in Lukas 12, 32 von der Gemeinde als der “kleinen Herde” und preist sie glücklich, weil ihr einmal das Reich gegeben wird.
Das Reich Gottes wird also durch die “kleine Herde” angebahnt, das ist die Gemeinde Jesu und das so schwache, zerschundene Israel, die beide zusammen zu guter Letzt das Reich Gottes in wunderbarer Einheit demonstrieren werden — nicht allein auf dieser Erde, sondern bis hinein in das gesamte Universum. Wenn es nun einem Feind gelänge, diesen Samen zu zertreten, zu vergiften oder keimunfähig zu machen, so würde er damit letzten Endes — das Reich Gottes verhindern! Und ich meine, hier sind wir an dem entscheidenden Punkt, wo wir anfangen müssen, wach zu werden!
Wenn es also den im Aufbruch begriffenen Mächten der Finsternis gelingen würde, die Gemeinde Jesu zu zerstören, dann hätten sie für alle Zukunft gewonnen. Daß ihnen dies nicht gelingt — dazu möge auch die Verkündigung an diesem Abend einen Beitrag leisten.
Ich bin der Überzeugung, daß wir uns heilsgeschichtlich gesehen, in der Zeit befinden, wo der Sommer nahe ist und somit (nach Matth. 24, 32.27) der Blitz, d. h. der wiederkommende Herr Jesus. Zweitausend Jahre lang wurde nun der Same, die Gemeinde Jesu, in aller Schwachheit in die Erde geworfen, in den Tod gegeben, in die Verachtung, die Demütigung; jetzt geht sie ihrer Auferstehung entgegen. Der Same wird keimen und zum großen Baume werden. Auch Israel wird seine Wiedereinsetzung als Heilsträger erfahren. Wann das geschieht, weiß ich nicht, ich habe aber den Eindruck, daß wir dicht vor diesen Ereignissen stehen.
Vorher aber scheint Satan noch einmal alle List, Macht und Wut zu konzentrieren, um die Auserwählten womöglich zur Strecke zu bringen; nicht nur die Gemeinde Jesu, sondern auch Israel. Er wird eine “Endlösung der Judenfrage” durchzuführen suchen, wie sie Hitler nicht geschafft hat. Satan weiß, daß seine Zeit dem Ende zugeht und daß Gott in Kürze die Trennung von Licht und Finsternis herbeiführen wird, welche jetzt noch so vermischt sind. Es ist ja auch oft in unserem eigenen Leben beides noch vermischt; wir haben zuzeiten den Eindruck, daß die Finsternis noch kräftig mitregiert und noch nicht alles Licht geworden ist. Satan weiß, daß er (nach Offb. 12) mit seinem ganzen Heer aus der Himmelswelt herausgeworfen und ausgerechnet auf diesen Planeten Erde geworfen wird, auf dem das Kreuz stand, das Kreuz Jesu Christi. Das scheint mir ein ganz entscheidender Gesichtspunkt zu sein: Ist er doch mit seinem ganzen Heer an gefallenen Engeln, die ihm zur Verfügung stehen, an diesem Kreuz Jesu Christi ein für allemal entwaffnet worden! Und wir wissen — und er weiß es auch —, daß die nächste Etappe seiner Entmachtung seine Verbannung in den Abyssos (Abgrund) ist, bevor dann seine totale Unterwerfung im 2. Tod erfolgt (Offb. 20, 3.10). Weil er das weiß und seinen Abstieg kennt, deshalb hat er einen großen Zorn (Offb. 12, 12), und Erde und Meer werden angesichts dieser Phasen seines Abstiegs gewarnt. Dabei dürfen wir aber wissen: Sein Abstieg und das gleichzeitige Zunehmen der Bosheit in dieser Welt sind nicht etwa sein Sieg, sondern seine letzten Rückzugsgefechte, bei denen er immer mehr verliert. Das dürfen wir aus dem Worte Gottes sehen und müssen deshalb in den Dunkelheiten dieser Welt und in den Dunkelheiten unseres Lebens nicht verzweifeln.
Wie aber sehen seine Tricks und Verführungskünste aus? — Hier müssen wir nun etwas konkreter werden und dürfen uns nicht nur in abstrakten Formulierungen ergehen. Um das herauskristallisieren zu können, müssen wir zunächst fragen, wie Gemeinde Jesu Christi (um deren Zerstörung es ja hier geht) nach dem Zeugnis der Bibel eigentlich auszusehen hat. Überall, wo sie von diesem Aussehen abweicht, scheint sie auf dem besten Weg der Verführung zu sein! So möchte ich jetzt kurz darauf eingehen: Wie hat Gemeinde Jesu nach dem Zeugnis der Bibel auszusehen? Wie hat sie jetzt in dieser Zeit auszusehen, in dieser Welt, die beherrscht wird von den “Kosmokratoren”, also von den Weltbeherrschern der Finsternis (Eph. 6)? Was sagt darüber die Bibel?
Da wird uns zunächst einmal gesagt, daß Gemeinde Jesu in dieser Welt in der Fremdlingschaft lebt. Wir sind hier nicht zu Hause. Unsere Heimat ist in den Himmeln. Wir leben hier in der Fremde, und das altdeutsche Wort für Fremde heißt “Elend”. Das gehört zum Wesen der Gemeinde Jesu in dieser Welt. Deshalb wird von ihr auch gesagt, dass sie hier eine leidende Gemeinde ist (Apg. 14, 22). Wir müssen uns das bewußt machen, auch wenn es uns nicht gefällt. Deshalb schreibt auch der Apostel Paulus in Römer 8, daß auch wir, die wir des Geistes Erstlingsgabe haben, hier seufzen. Und nach Kolosser 3, 3 führt Gemeinde Jesu heute ein verborgenes Leben mit Christus in Gott. Da gibt es nichts Großartiges zu schauen; das ist keine bombastische Angelegenheit vor aller Welt, sondern das sieht unansehnlich, nichtssagend aus. Und Jesus sagt von Seiner Gemeinde: “Will mir jemand nachfolgen, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.” Es ist durchaus möglich, daß uns das nicht so sehr gefällt und wir gern eine andere Art Gemeinde Jesu hätten. Aber so zeichnet sie die Bibel.
Dazu kommt die Sache mit der “kleinen Herde”, von der wir schon hörten. Wenn wir die Gemeinde Jesu genau unter die Lupe nehmen, stellen wir fest: Was sich da sonntags vormittags in einer Kirche versammelt, ist erstens schon sehr klein im Verhältnis zur Gesamteinwohnerschaft einer Stadt. Und wenn man dann eine solche Gemeinde nochmals unter der Lupe des Wortes Gottes prüfen und die einzelnen fragen würde: Bist du eigentlich wiedergeboren durch den Heiligen Geist? Hast du schon die Bestätigung von Gott her, ein Kind Gottes zu sein? Hast du über deiner Vergangenheit schon wirklich Buße getan und die Vergebung erlangt? — wenn wir so durch die Reihen gehen und fragen würden, dann wäre die kleine Schar ja nochmals kleiner! Und Jesus sagt: Der Weg zum Leben ist schmal, und es sind wenige, die darauf wandern (Matth. 7,14).
Eine sehr gute Gemeinde wird uns beschrieben in Offenbarung 3, 7-13, die Gemeinde zu Philadelphia. Sie wird uns jedoch als eine schwache Gemeinde vorgestellt, mit einer “kleinen Kraft”. Auch in 1. Korinther 15 sagt uns Paulus, daß wir als Christen in diesem Leben sagen müssen: Es wird gesät in Schwachheit, und auch er selber wußte durchaus etwas über die Schwachheit zu sagen (2. Kor. 12).
Das ist also ein Bild von der Gemeinde Jesu, das nicht groß und bombastisch aussieht: Fremdlingschaft, Kleinheit, Schwachheit. Aber fragen wir uns doch einmal ehrlich: Sieht es nicht wirklich so in unserem Leben aus? Da wo wir echt und wahr sind, haben wir Kämpfe, haben wir zu ringen, sind wir nicht groß angesehen, als solche, die gegen den Strom schwimmen und ihre Lebensnormen aus dem Worte Gottes beziehen und nicht aus der Bildzeitung.
Wie könnte nun der Aufbruch und der Einbruch überweltlicher Mächte in die Gemeinde aussehen? Könnte es nicht gerade so geschehen, daß man dieses so kümmerliche Leben der Gemeinde abwerfen möchte? Ich könnte mir sehr gut vorstellen, daß, wenn Gemeinde Jesu verführt werden soll, es auf “fromme” Weise geschieht, so fromm, daß man beinahe meint, es sei echt. Wenn der Teufel so käme, wie er oft an die Wand gemalt wird, mit Pferdefuß und Krallen und Hörnern, dann würden wir doch nicht mitmachen! Wir würden sagen: Den wollen wir nicht, wir wollen doch Christus! Folglich muß doch der Aufbruch finsterer Mächte, wenn sie uns hereinlegen wollen, christusähnlich sein! Und dann recht unterscheiden können — das ist die Schwierigkeit für uns. Man kann einer guten Idee nur dann siegreich begegnen, wenn man ihr eine andere Idee entgegenhält. Und so könnte ich mir gut vorstellen, und die Bibel sagt das auch, daß die raffinierteste Form, die die Mächte der Finsternis sich ausdenken, Gemeinde Jesu zu zerstören, die ist, das Reich Gottes ohne den wahren Messias vorwegzunehmen. Diesbezüglich machen wir heute schon Dinge durch, die mich hellwach machen. Die Vorwegnahme des Reiches Gottes ohne den wahren Messias zeigt sich einmal in der sich immer mehr verbreitenden
Theologie des Triumphes.
Das Reich Gottes hat natürlich, was seine Enderfüllung betrifft, eine triumphale Theologie. Das ist Triumph, das ist Herrlichkeit, das ist Lobpreis Gottes, wenn sich das Reich Gottes einmal in gewaltiger und großartiger Weise auf die ganze Welt ausgedehnt haben wird. Wenn es nun gelänge, diese triumphale Theologie vorwegzunehmen, ohne den wahren Messias, so daß die Gemeinde Jesu aus ihrem kümmerlichen Dasein auf einmal ausbrechen und schon heute ein triumphales Dasein in dieser Welt haben könnte, — das wäre doch eine glänzende Sache! Wer von uns wünschte das nicht?
Vielleicht haben wir schon gemerkt, daß wir es heute nicht mehr so sehr mit jener Theologie der Entmythologisierung zu tun haben; sie verursacht natürlich noch Nachwehen, gehört aber schon weithin der Vergangenheit an. Ich habe den Eindruck, wir haben es heute mit dem total Entgegengesetzten zu tun, wo man gar noch über die Bibel hinausspringen möchte — mit der Bibel über die Bibel hinaus. Da gibt es z. B. eine visionäre Welle, wo man die Bibel visionär deutet und wunderbare, glorifizierende Dinge herausarbeitet und sagt: So muß Gemeinde Jesu sein: schön, mächtig, gewaltig, voller Wunder und Tatkraft. Wir sind jetzt in die
Theologie des Festefeierns
gekommen, und da müssen wir aufpassen. — Ich habe das Buch von Harold Hill gelesen “Leben wie ein Königskind”: faszinierend, phantastisch! Wunder über Wunder, Sieg über Sieg über die Mächte der Finsternis, Heilungen und viel Zungenreden. Ich war wirklich fasziniert. Aber dann wurde ich nachdenklich und immer nachdenklicher, als ich Abstand von diesem und ähnlichen Büchern bekam, und ich merkte: Irgendwo stimmt etwas nicht. Dieser Mann ist sicher ein Gotteskind, ein lieber Bruder, der es subjektiv ehrlich meint und sicher auch viele Dinge erleben darf. Aber es kam mir aus diesen Büchern etwas entgegen, wovon ich den Eindruck hatte: Auf dieser Welle könnte etwas schwimmen, das ins vollendete Reich Gottes gehört, aber als Vorwegnahme gefährlich werden kann, eine Siegestheologie in Verbindung mit Wundermacht. Nicht mehr krank sein — das gehört auch zu dieser Welle —, eine Erfolgsmeldung nach der andern, Zusammenballung der Gläubigen in Massen, Schau und Demonstrationen. Das sind Dinge, die heute besonders aufbrechen. Wir haben es in Verbindung mit der triumphalen Theologie auch mit der
Theologie des Gigantismus
zu tun. Auch das ist im vollendeten Reiche Gottes recht und billig, aber als Vorwegnahme muß es uns nachdenklich machen. Wer hätte es vor einigen Jahren gedacht, daß wir heute Massenversammlungen von Millionen sogenannter Gläubiger erleben? Millionen strömen zusammen, und zwar in den verschiedensten Ländern. Ein Amerikaner hat sogar eine Vision gehabt, in der es hieß, er solle auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände eine große Entbannungs-Veranstaltung machen, wo das deutsche Volk von der Belastung durch den Nationalsozialismus freigesprochen werden soll. Das würde eine bombastische Sache werden, von allen Massenmedien verbreitet. Aber kann denn ein Volk so entnazifiziert werden? Ist dazu nicht die Beugung und die Büße eines jeden einzelnen nötig? Sonst dienen solche Feste nur dazu, uns fromm-religiös zu berauschen. — Auch die Massen, die sich um den Papst scharen, machen mir Angst. Ich verfolge diese Dinge mit größter Aufmerksamkeit. Wenn ich sehe, wie sich Millionen versammeln und einem Menschen zujubeln, und wie manche sogar die Gegenstände, die er berührt hat, hinterher bestürmen, zersägen und als Reliquien mit nach Hause nehmen, dann frage ich mich: Wo sind wir hingekommen? Die religiösen Wellen schlagen bereits so hoch, daß Atheistenversammlungen, die die Sache stören wollen, von den Frommen in Grund und Boden geschrieen werden! Noch vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.
Wir sind in diesem Jahrhundert durch die zunehmende Macht des Bildes reif geworden, Menschenvergötterung zu treiben. Das Aufkommen der Illustrierten mit dem Starkult, der darin getrieben wird, hat die heutige Menschheit wie nie zuvor fähig gemacht, Menschen zu vergöttern. Und der weltliche Starkult könnte eine weltliche Vorbereitung sein für einen Starkult auf der religiösen Ebene, für eine Menschenvergötterung gegen jede Regel der Vernunft. Daß die Menschheit das tut, wundert mich nicht so sehr; ich wundere mich über die Menschen, die das mit sich machen lassen. Wer gut und biblisch steht, im Worte Gottes gegründet ist, müßte solches von sich weisen. — Wir wissen aus dem Neuen Testament, vor allem aus der Offenbarung, daß in der Endzeit ein religiöser Menschenkult sich entwickeln wird, daß Bilderdienst und Menschenkult zu der großen Verführung werden. Und da, meine ich, müßten wir hellwach werden, besonders wenn der Menschenkult und Bilderdienst mit einer triumphalen Theologie und mit visionären Einflüssen einhergeht. Woher kommen denn die Visionen? Kommen sie immer vom Heiligen Geist? — Und woher stammen die Offenbarungen, die über Zungen gegeben werden? Ist da immer der Heilige Geist der Urheber?
Von den Offenbarungen durch Zungen, die mir bisher bekannt geworden sind — sie werden ja manchmal gedruckt und vervielfältigt — hatte ich zwei Eindrücke, wenn ich sie mit dem Worte Gottes verglich: Wo der Inhalt nicht abzulehnen war, weil das Gesagte immerhin biblisch möglich war, war es im Verhältnis zu den tiefgründigen Aussagen des Neuen Testamentes sehr flach. Wo der Inhalt aber nicht mit dem Worte Gottes übereinstimmt, müssen wir ihn sowieso ablehnen. Seien wir deshalb auf der Hut! Wir gehen nun einmal einer Zeit entgegen, wo diese Dinge — auf der Welle einer triumphalen Theologie — zunehmend über uns hereinbrechen und man nicht mehr nüchtern am Worte Gottes bleibt. Das geht quer durch alle Konfessionen und nimmt so stark zu, daß wir uns fragen müssen, ob nicht eines Tages der große Charismatiker auf dieser Welle reitend mit allen Wundern und Zeichen erscheint, um damit seine Messianität zu beweisen.
Der Auftritt der Mächte, die die Gemeinde Jesu verführen wollen, geschieht so täuschend ähnlich im Vergleich zum Original, daß Original und Täuschung, fast nicht auseinanderzuhalten sind. Auch viele echte, liebe Gotteskinder, die es ehrlich meinen, durchschauen die Sache nicht. Warum nicht? Vielleicht, weil sie das Wort Gottes nicht heilsgeschichtlich-prophetisch zu erkennen vermögen?
Wir können und dürfen eben das Reich Gottes in seiner Vollendung und seinem Triumph nicht vorwegnehmen. Die Gemeinde Jesu ist eine Leidensgemeinde, bis der Herr kommt.
In Verbindung mit dieser Theologie des Triumphes läuft nun interessanterweise auch
die Theologie der Macht.
Macht ist ebenfalls etwas Typisches für das Reich Gottes, aber erst in seiner Vollendung! Die Theologie der Macht in unseren Tagen jedoch, wo die religiösen Massen sich immer mehr auf Menschen hin ausrichten und nicht auf Christus, führt dazu, daß sich Gruppen bis an die Zähne bewaffnen und mit Mitteln arbeiten, die eigentlich typisch für das Reich der Finsternis sind.
Die Theologie der Macht hat es oft auch gleichzeitig mit Kapitalmacht zu tun; sie schafft die Religion derer, die das Geld haben. Die Kapitalmächte des Westens formieren sich auf einmal religiös. Und die Kapitalmächte um Israel herum, die das Öl und das Geld haben, formieren sich ebenfalls religiös. Das sind zwei große Wellen, die hier nebeneinander laufen — gegeneinander oder aufeinander zu, das wird sich noch herausstellen. Typisch ist in jedem Fall: es ist Theologie der Macht, Theologie des Triumphes, eine gewisse Siegesgewißheit und das Sich-Scharen um Menschen, im Islam wie auch in einem sogenannten Christentum ohne Christus. Immer werden Menschen emporgehoben und verehrt. So erwarten sie auch im Islam einen endzeitlichen Herrscher, den Imam Mahdi, den letzten Imam, der diese Religion auf Weltebene ausbreiten und die Weltherrschaft übernehmen wird. Und es bleibt dann der sogenannten “christianisierten Menschheit” — ich sage nicht, daß das Kinder Gottes sind — es bleibt dieser christianisierten Menschheit des Westens, wenn sie schon Christus nicht haben, nichts anderes übrig, als sich ebenfalls um einen Menschen zu scharen, um so gegen jene andere Formation ein Gegengewicht zu schaffen. Und wer weiß, ob nicht am Ende zwischen beiden eine Fusion entsteht, eine Vereinigung der monotheistischen Religionen?
Für mich ist das der letzte Trick Satans, daß es ihm im Islam gelungen ist, sogar eine monotheistische Religion nachzuäffen, wo doch sonst für ihn der Polytheismus, also die Vielgötterei, typisch ist. Daß er es zuwege gebracht hat, analog dem Reiche Gottes, auch eine monotheistische Religion nachzuäffen, ist für mich der Gipfel an Verführung. Und darauf dürfen wir auf keinen Fall hereinfallen, indem wir meinen, weil Judentum und Christentum ebenfalls monotheistische Religionen sind, müsse auch über dem Islam der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi, stehen. Das ist unmöglich, solange im Islam Jesus als Messias total abgelehnt wird. Daran sollen wir’s ja (nach 1. Joh. 2, 22 und 4, 3) erkennen: Wer den ins Fleisch gekommenen Sohn Gottes bekennt, ist aus Gott; wer Jesus nicht als den im Fleische gekommenen Sohn Gottes und Messias bekennt, ist nicht aus Gott; das ist der Geist des Widerchrists (Antichrists) — auch wenn es sich um eine monotheistische Religion handelt.
Auch die Moral, die nun in unserer Zeit wieder hochgespielt wird, darf uns nicht täuschen. Nachdem wir durch Jahre der Unmoral gegangen sind und noch faustdick in Unmoral stecken — ich denke an die wilden Ehen, an die Kriminalität, an die Zerwürfnisse in Ehen und Familien, an die Haltlosigkeit, die viele zu Aufputschmitteln greifen läßt —, schreit man heute wieder nach Moral, nach Sittlichkeit, nach Ordnung, besonders im Islam, wo die Frauen weithin wieder ihren Schleier tragen. Das ist in den Augen jener Frauen kein Rückschritt, wie wir vielleicht in der westlichen Welt meinen, sondern die Wiedererlangung ihrer Frauenwürde! Daß auch im Westen wieder solche da sind, die gegen den moralischen Zerfall auftreten, darf uns nicht täuschen. Es könnte sich trotzdem um Verführung handeln! Denn Moral ohne das Kreuz ist so verlogen wie Satan. Moral und soziales Engagement finden wir in allen Religionen der Welt; das allein ist noch kein Zeugnis für Christus. Man kann ein hochanständiges Leben zu leben versuchen — aber ohne das Kreuz bleibt man verdorben vor Gott und ist nicht gerechtfertigt! Das ist eben auch ein Merkmal unserer Zeit: Wo die Leute religiös werden, ohne durch Christus, den Gekreuzigten, die Gerechtigkeit empfangen zu haben, die vor Gott gilt, ist es Betrug. Glauben wir ja nicht, daß es auf einmal Millionen Gläubige gäbe in unserer Zeit, wo doch Christus sagte: Der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden! Der Weg ist so schmal, daß er nur über das Kreuz führt — über das Kreuz Jesu Christi, das auf Golgatha stand.
Ich will der Zeit wegen zum Schluß kommen und noch einige für uns wichtige Punkte nennen: Wenn Jesus immer wieder dazu aufforderte: “Wachet”, dann, so meine ich, sollten wir das ernstnehmen. Die Frage ist für uns, wie wir das machen sollen. Da hat z. B. in der Offenbarung die Philadelphia-Gemeinde (Kap. 3, 7-13) die Verheißung, durch die Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen soll, am besten durchzukommen. Dieser Gemeinde wird gesagt: Du hast das Wort bewahrt und hast eine kleine Kraft. Ob das nicht ein Stichwort für uns sein könnte, gerade in unserer Zeit hart am Wort zu bleiben? Nicht in der jeweiligen Welle mitschwimmen, nicht uns von diesem und jenem begeistern lassen, sondern hart am ganzen Worte Gottes bleiben, so wie wir es in der Bibel zusammengebunden vor uns haben! Da haben wir uns zu orientieren: Wie hat Gemeinde Jesu heute auszusehen? Dann gilt auch uns die Verheißung, daß es eben nicht möglich ist, wahre Gemeinde Jesu zu verführen, weil sie am Wort bleibt und das Wort ihr Licht auf dem Wege ist. — Ein weiterer Punkt, der von uns zu beachten ist, wäre der, nicht wundersüchtig zu werden. Denn nach Matthäus 24, 24 wird der kommende Widerchrist mit Zeichen und Wundern auftreten. Es ist einfach nötig, daß wir hier besonders argwöhnisch sind, damit wir nicht mit dem Näherkommen der Endzeit pseudo-messianisch verführt werden, d. h. durch einen Messias, der gar keiner ist — auch nicht, wenn er große Wunder tut. Lassen wir uns nicht verwirren, auch wenn heutzutage noch so viele Briefe in unser Haus kommen — ich kriege solche Briefe —, in denen es heißt: In der Versammlung geschehen wieder Wunder, und auf dieser Großveranstaltung werden garantiert Wunder geschehen! Das mag ja sein, aber aus welcher Quelle? Auch das interessiert mich jetzt nicht; ich weiß, Jesus hat mich zu anderem berufen.
Ein weiterer Punkt wäre: Verherrliche keinen Menschen! Auch wenn er charismatisch, messianisch, göttergleich auftritt — verherrliche keinen Menschen! Auch wenn er ein noch so faszinierendes Genie ist, auch wenn er von Christus redet — verherrliche nie einen Menschen und bete ihn nicht an! Denn das ist das Übel. Wenn wir das nicht tun, bleiben wir schon vor vielem bewahrt. Denn nicht einmal Engel lassen sich anbeten, wenn sie ihren Stand bewahrt haben (Offb. 19, 10); nur die gefallenen Engel sind auf Anbetung bedacht, und die Menschen, die unter der Regie gefallener Engel stehen. Die lassen Bilder von sich anfertigen und sich verehren. Und wenn Sie die Zeitungen lesen und das Geschehen z. B. in Iran in den letzten Monaten verfolgt haben, so wissen Sie: Da gab es in kürzester Zeit eine Nation voller Khomeini-Bilder! In unserer “Augsburger Allgemeinen” fand sich kürzlich eine Karikatur, die sprach Bände. Da saß also der Teufel im Genick von Khomeini, und Khomeini hatte einen Zügel im Mund und lief Amok und rannte alles um. Darunter stand eine Aussage des Teufels: “So herrlich bin ich schon lange auf keinem mehr geritten. ” Und ich mußte mir sagen: Besser hätte man es gar nicht darstellen können, was hier eigentlich geschieht! Aber wahrscheinlich reitet er in der westlichen Welt auch einige, und er könnte sagen: “So herrlich bin ich schon lange nicht mehr geritten — nämlich als Engel des Lichts!”
Nehmen wir es als Grundsatz mit, nie einen Menschen zu verherrlichen und anzubeten, auch wenn er als ein Genie auftritt und sogar von Christus redet! Das kann uns eine Hilfe sein in den schwierigsten, verführungsreichsten Situationen.
Und lassen wir es uns sagen, daß die Bibel die Gemeinde Jesu in der Endzeit als verfolgte und verachtete Gemeinde sieht, und nicht als Weltmacht, die das Heft in der Hand hat und die Nationen beherrscht. Nein, es wird eine Schar von Verfolgten und Verachteten sein, die Jesus hat und allein nach IHM Ausschau hält und die von Herzen betet:
“Komme bald, Herr Jesu!”
Er ist der Einzige, der der ganzen satanischen Verführungsmacht ein Ende setzen kann und wird, und wir warten auf IHN. Der wiederkommende Jesus ist nicht mehr der vom Weibe Geborene. Alle, die mit einem Messiasanspruch auftreten und vom Weibe geboren sind, müssen wir von vornherein ablehnen, weil die Bibel eindeutig sagt, daß der wiederkommende echte Messias nicht mehr über eine Maria, über eine Frau zur Welt gebracht wird. Er wird kommen wie ein Blitz (Matth. 24, 27). Und wenn Er die Gemeinde holt, kommt Er sowieso wie ein Dieb in der Nacht. Also kann man Ihn gar nicht vorweg in der Anbahnung sehen, wie das beiden falschen Messiassen der Fall ist.
Wir sehen: Wenn wir im Worte Gottes zu Hause sind, dann werden uns diese Dinge auf einmal klar und wir werden nüchtern und finden den schmalen Weg, der wirklich zum Leben führt. Amen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1980; Paulus-Verlag; Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 