Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Paulus — Ein Modell Gottes

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Paulus  |  524 x gelesen

“Das Wort ist gewiß und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von welchen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, auf dass an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige zum Vorbild für die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben” (1. Tim. 1, 15.16).

Unser Herr hat als das fleischgewordene Wort Gottes zu Israel geredet. Er kam in sein Eigentum und zeltete unter den Seinen. Sehr klar und unmißverständlich betont er, dass er nur gesandt sei zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Damit waren seine Heilsaufgaben natürlich keineswegs erschöpft: er hat weit darüber hinaus Rettungsaufträge kosmischen Umfangs. Denn außer Israel gab und gibt es ja auch noch Nationen auf der Erde, und neben und über den Völkern existieren ja noch gewaltige Welten des Lichts und der Finsternis, die sich aus Engeln und Menschen zusammensetzen.

So wird uns bezeugt, dass zur heiligen Festgemeinde, die jetzt in der Stadt des lebendigen Gottes, in dem himmlischen Jerusalem versammelt ist, nicht nur zehntausende von Engeln, sondern auch eine herausgerufene Wahl von Erstgeborenen, Geister vollendeter Gerechter, ja der Herr Jesus selbst, zählen (Hebr. 12, 22­-24). Welch eine wunderbare Einheit, welch ein herrlicher Organismus ist da geschaffen, mit dem wir in unsern streng und scharf geschiedenen oder auch wahllos vermengten biblischen Begriffen kaum etwas anzufangen wissen!

So, wie nun einstens der Herr zu Israel redete, so spricht er jetzt als verklärtes und verherrlichtes Haupt seiner Gemeinde durch den Apostel Paulus zu den Nationen. Möchten wir doch einmal, nein, nicht nur einmal, sondern immer wieder Eph. 5, 1­9 betend lesen und wirklich glauben! Immer neues Licht und tiefere Freude würden uns erleuchten und beseligen. Sagt der Sondergesandte Christi, der Nationenapostel, nicht, dass er Gnade und Aposteltum empfangen hat für Jesu Christi Namen zum Glaubensgehorsam unter allen Nationen (Römer 1, 5)? Und schließt nicht das gewaltige Schreiben des Römerbriefes in seinen letzten drei Versen mit dem Zeugnis unübertrefflicher Deutlichkeit: “Dem, der euch zu befestigen vermag nach meinem Evangelium, der Verkündigung von Jesu Christo entsprechend der Offenbarung des Geheimnisses, das in den Zeiten der Äonen verschwiegen war, jetzt aber geoffenbart und durch prophetische Schriften, nach Befehl des ewigen Gottes, zum Glaubensgehorsam an alle Nationen kundgetan worden ist, dem allein weisen Gott durch Jesum Christum; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.”

Hieraus ersehen wir klar, dass der Sohn Gottes das, was er zunächst zu sagen hatte (Joh. 16, 12), im Fleische tat; dass er jedoch das, was die Herauswahl aus den Nationen betrifft, durch den Apostel Paulus verkündigen ließ. Solange man das nicht erkennen will oder kann, sind unheilvolle Vermischungen, die jede klare biblische Schau trüben, nicht zu vermeiden. Dann aber zählt man zu jenen unbewährten Arbeitern, die sich einmal schämen müssen, da sie das Wort der Wahrheit nicht recht zerlegen oder zuteilen (2. Tim. 2, 15). Dass diese apostolische Anweisung sowohl eine geistliche, innere, als auch eine heilschronologische äußere Bedeutung hat, wollen wir hier nicht näher darlegen.

Paulus ist ein Vorbild der Gemeinde aus den Nationen (Phil. 3, 17; 2. Thess. 3, 9; 1. Kor. 11, 1 u.v.a.m.). Dieses Vorbildhafte bezieht sich auf Lehre und Leben, wie aus mancherlei Zusammenhängen hervorgeht.

Darüber hinaus jedoch ist Paulus weit mehr als das. Er ist nicht nur ein hypotyposis, ein Entwurf, Modell oder Abbild der Gemeinde, sondern auch Gottes! Das und nichts Geringeres sagt uns das oben angeführte Wort. Wir wollen versuchen, in die Größe und den Vollumfang dieses Zeugnisses ein wenig hineinzuschauen. Der Herr gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, etwas von der Überfülle dieses Gottesglanzes schauen zu dürfen!

Dem blutdürstigen Verfolger der Gemeinde Christi, der gegen den Namen Jesu viel Widriges tat, Heilige ins Gefängnis brachte, mitbestimmte, dass sie getötet würden, sie oft bestrafte, zur Lästerung zwang und über die Maßen gegen sie raste (Apg. 26, 9­-11), wurde Barmherzigkeit zuteil, weil er unwissend und im Unglauben gehandelt hatte (1. Tim. 1, 13).

Diese Darreichung göttlicher Barmherzigkeit hat aber nicht nur ein den Paulus betreffendes Ziel. Die Absicht Gottes ist eine weit höhere, ist von geradezu überwältigender Zweckbestimmung. Christus will an ihm, dem “erstrangigen (oder höchstgradigen) Sünder” (Vers 15b) die ganze Langmut, die auf lange, ausgedehnte Zeiten und entfernte Räume weitläufig sich erstreckende gesamte Geduld erzeigen, darlegen, nachweisen oder zur Schau und ins Licht stellen! Dass wir doch in etwa begreifen könnten, was das uns sagen will!

Paulus ist also nach unserem Wort ein göttlicher Entwurf, ein heiliges Modell, ein prophetisches Nachbild und Vorbild zugleich. Wenn wir nun in aller Keuschheit versuchen wollen, das in siebenfacher Hinsicht zu zeigen, so sind wir uns wohl bewußt, dass vielleicht manchen unsre Schau zu kühn und weit erscheinen mag. Wir bitten deshalb, diese Dinge am Schriftganzen gründlich zu prüfen, ehe man sie ablehnt oder gar bekämpft. Wen unser Zeugnis nicht anspricht, wer es nicht so nehmen kann, wie es gesagt ist, der lasse es liegen und freue sich der heiligen Güter und Herrlichkeitsoffenbarungen, die Gott ihm gegeben. Wem es jedoch der Geist Gottes als köstliche Wahrheit bestätigt und versiegelt, der bete mit uns an!

1. Paulus, ein Modell der Gemeinde

Dass Paulus in verschiedener Beziehung ein Vorbild der Gemeinde ist, dürfte wohl niemand bezweifeln, dem die Bibel Gottes Wort ist. Wir haben schon eine Reihe von Schriftbelegen gegeben, die das erhärten. Erinnern wir uns noch an Gal. 2, 7­-10: “Mir ist das Evangelium der Nichtbeschneidung anvertraut wie dem Petrus das der Beschneidung (denn der, welcher in Petrus für das Apostelamt der Beschneidung gewirkt hat, hat in mir in Bezug auf die Nationen gewirkt), und als sie (d. i. die Brüder in Jerusalem) die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen wurden, mir und Barnabas die Rechte der Gemeinschaft, auf dass wir unter die Nationen, sie aber unter die Beschneidung gingen.” Hier wird sowohl das Trennende als auch das Gemeinsame von Israel und den Nationen klar hervorgehoben (lies Vers 10!).

Dass man darauf nicht achtete, sondern entweder nur die Unterschiede (und diese dazu noch scharf überspitzt!) oder nur das Gemeinsame betonte (indem man Fragen praktischen Wandels auf das heilsökonomische Lehrbild übertrug), kam man in eine Verwirrung, die ausweglos erscheint. Die einen reißen Gemeinde und Israel völlig auseinander, die andern jedoch werfen sie in einen Topf und teilen das Wort der Wahrheit überhaupt nicht.

Wenn Paulus an die Epheser, bzw. die damaligen Nationengemeinden, schreibt: “Mir ist die Verwaltung der Gnade Gottes in Bezug auf euch gegeben” (Eph. 3, 1), so ist das doch eine derartig klare und unmißverständliche Sprache, dass jeder Einwand dagegen nichts anderes ist als Kritik an Gottes Wort. Dieses Zeugnis wird bestätigt durch den Hinweis, dass dieses “Geheimnis des Christus andern Geschlechtern der Menschensöhne nicht kundgetan” worden ist (Vers 5).

Vers 8 bestätigt das wiederum: “Mir ist es gegeben, den Nationen den unaussprechlichen Reichtum des Christus kundzutun.” Die dem Apostel Paulus anvertraute Botschaft ist “ein Geheimnis, das von den Äonen und den Generationen her verborgen war, jetzt aber seinen Heiligen geoffenbart ist” (Kol. 1, 26). Der Herrlichkeitsreichtum dieses Geheimnisses gilt jetzt nicht Israel, sondern den Nationen (Vers 27).

In 1. Kor. 4, 16 bittet Paulus: “Ich ermahne (oder ermuntere) euch nun, seid meine Nachahmer!” Das bezieht sich durchaus nicht nur auf das Moralische, sondern auch auf das Festhalten des anvertrauten Lehrbildes. Damit die Korinther wirklich Nachahmer des Apostels würden, sendet er ihnen seinen treuesten Mitarbeiter, den Timotheus. Gerade diesem aber hat er später geschrieben: “Du hast genau erkannt (oder: bist genau gefolgt) meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren, meine Verfolgungen, meine Leiden” (2. Tim. 3, 10.11a).

Hier sind neun Stücke aufgezählt, die es nachzuahmen gilt; das erste aber ist seine Lehre! Das ist gewiß von tiefer Bedeutung. Möchten wir bereit sein, uns von Gottes Wort wirklich belehren zu lassen!

In 1. Thess. 1, 6 lesen wir: “Ihr seid meine Nachahmer geworden und des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude des Heiligen Geistes.” Wie wird man ein Nachahmer des Herrn, ein Zeuge und Haushalter der Geheimnisse Gottes (1. Kor. 4, 1), der in paulinischen Linien läuft? Dadurch, dass man das Wort aufnimmt! Diese Aufnahme des Wortes hat aber fast immer eine doppelte Begleiterscheinung:

  1. Viele Drangsale (Mühsale, Einengungen, Quetschungen);
  2. Freude des Heiligen Geistes.

Wir möchten manchmal gern auf das erste verzichten, aber immer das zweite genießen. Das geht jedoch nicht. Wer nicht gewillt ist, um der erkannten Wahrheit willen geschmäht, verleumdet und isoliert zu werden, der ist auch weder würdig noch in der Lage, die mit der vollen Erkenntnis des Heils und der Herrlichkeit verbundenen Freudenkräfte und Seligkeiten des Heiligen Geistes zu empfangen. Das sind, wenn wir in einem Widerspruch in sich selbst so sagen dürfen, unverbrüchliche Naturgesetze der Geisteswelt.

Auf jeden Fall erkennen und verstehen wir, dass der Apostel in vielfacher Hinsicht ein Vorbild und Modell, ja, geradezu ein Programm Gottes für die Gemeinde darstellt. Seine Lebensführung und seine tiefe Erkenntnis sind gar nicht in erster Linie für ihn persönlich da, sondern für die Auswahl aus den Nationen, der er dient und sich selber mitteilt, wie er auch in 2. Kor. 12, 15 schreiben kann: “Ich will sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde.” Können wir das von uns auch sagen? Ach, was sind wir doch für arme Egoisten und wie weit entfernt von dem Vorbild unsres großen Bruders und Lehrers!

2. Paulus, ein Modell Israels

Saulus von Tarsus war von Geburt und Geblüt Jude. Schreibt er doch in Phil. 3, 4­9 die stolzen und doch demütigen Worte: “Wenn irgend ein andrer sich dünkt, auf Fleisch zu vertrauen: ich noch mehr! Beschnitten am 8. Tage, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern; was das Gesetz betrifft, ein Pharisäer; was den Eifer betrifft, ein Verfolger der Gemeinde; was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden. Aber was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich auch alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, auf dass ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde, indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die aus dem Glauben Christi ist ­ die Gerechtigkeit aus Gott auf Grund des Glaubens.”

Nach diesem Zeugnis könnte es scheinen, als habe der Apostel mit allem, was seine fleischlichen, natürlichen Beziehungen zu Israel betrifft, völlig gebrochen. Dem ist aber durchaus nicht so! ja, das gerade Gegenteil ist der Fall!

Denn in der Tatsache, dass er, der Jude, errettet wurde, sieht er eine Verheißung Gottes, dass Israel durchaus nicht verstoßen, sondern um seines Unglaubens willen nur vorläufig auf die Seite gestellt ist. Gerade der Umstand, dass ihm das Heil geschenkt wurde, ist ihm Beweis und Angeld, dass er als Überrest oder Anbruch, wie man es nehmen will, ein Vorbild für das Ganze ist.

Lesen wir etwa Römer 11, 1.2a: “Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit aus dem Samen Abrahams, vom Stamme Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvorverordnet hat!” (vgl. Vers 2b­-5). Nie hätte Paulus Römer 9, 1­6a schreiben können, wenn das nicht vom Heiligen Geist in ihm gewirkt worden wäre. Lesen wir diese ergreifenden Worte göttlicher Inbrunst nach! Der 3. Vers gibt uns einen tiefen Einblick in das, was in dem Herzen des Apostels vorging, und zugleich ein Verständnis für die Entwicklung des Heidentums und des entarteten Judentums. Wir können etwa so übersetzen: “Ich hatte mich durch ein feierliches Gelübde zu einem für immer vom Messias losgelösten Fluchopfer gemacht zugunsten meiner Volksgenossen.” Das hier gebrauchte Wort Fluch (anathema) ist ein den Mächten der Totenwelt gewidmetes Weihegeschenk zur Aufhebung eines bestehenden Fluches. Der Orientale ist ja viel leidenschaftlicher bewegt als wir und steht bewußt und unbewußt in viel stärkerer Beziehung zur Dämonenwelt, zu Engelmächten und ­ wenn er wirklich gläubig ist ­ zu Gott. Denken wir nur an solche Vorgänge, wie sie etwa in Apg. 23, 12­-14 geschildert werden: “Als es Tag geworden war, rotteten sich die Juden zusammen, verfluchten sich und sagten, dass sie weder essen noch trinken würden, bis sie Paulus getötet hätten. Es waren aber mehr als 40, die diese Verschwörung gemacht hatten, welche zu den Hohepriestern und Ältesten kamen und sprachen: Wir haben uns mit einem Fluche verflucht, nichts zu genießen, bis wir Paulus getötet haben.”

Was der Apostel in Römer 9, 3 von sich bezeugt, war auch die opferbereite Liebeshaltung Moses zu seinem Volk. Die Sprache des Blutes war auch bei ihm so stark, dass er zu Gott sagen konnte: “Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen, und sie haben sich einen Gott von Gold gemacht. Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! … Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buche, das du geschrieben hast!” (2. Mose 32, 31b.32). Doch der Herr nahm dieses Opfer nicht an und antwortete Mose: “Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buche auslöschen. Und nun gehe hin und führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Siehe, mein Engel wird vor dir herziehen; und am Tage meiner Heimsuchung werde ich ihre Sünden an ihnen heimsuchen” (Vers 33.34).

Wenn sich Paulus in 1. Kor. 15, 8 “eine unzeitige Geburt” (oder Frühgeburt) nennt, so ist das von tiefer, prophetischer Bedeutung. Er will damit sagen, dass er als Israelit eigentlich noch gar nicht an der Reihe war, aus Gott oder von oben her geboren zu werden. Denn sein Volk war ja in seiner Gesamtheit noch verstockt, aber Gott hatte es wohlgefallen, ihn gewissermaßen als Modell dessen, was einmal ganz Israel erfahren sollte, vorwegzunehmen, ihn sozusagen eine Frühgeburt werden zu lassen. Darum dürfen wir mit Recht sagen, dass Paulus ein Modell für Israel ist, das genau wie er, durch das Schauen Christi erschrecken wird und so zur Umsinnug kommt, wie Sach. 12, 10 geschrieben steht: “Ich werde über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den Eingeborenen und bitterlich über ihn leidtragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen leidträgt” (vgl. Joh. 19, 37; Off. 1, 7).

3. Paulus, ein Modell für die Nationen

Nicht nur für die Gemeinde und Israel, sondern auch für die Nationen ist Paulus ein prophetisches Vorbild oder ein Entwurf Gottes. Das ersehen wir aus Römer 11, 13. Dort lesen wir: “Ich sage euch, den Nationen: insofern ich der Nationen Apostel bin, ehre ich meinen Dienst.” Paulus ist also nicht nur der Apostel der Auswahl aus den Nationen, sondern auch der Nationen als solcher.

Dass dem wirklich so ist, geht auch aus dem Kontext, d. h. aus dem Zusammenhang mit den vorhergehenden und nachfolgenden Versen hervor. In Vers 15 spricht der Apostel von der Verwerfung und späteren Annahme Israels. Die Verwerfung Israels bedeutet die Versöhnung des Kosmos. Denn dadurch, dass sie ihren Messias kreuzigten, wurde dieser der Heiland der Welt. Israel verrichtete unbewußt den Dienst als Priestervolk, der darin bestand, das vollgültige Schlachtopfer zur Versöhnung der Welt darzubringen. Das tat es auf Golgatha.

Nun ist aber die Rettung aller Völker geknüpft an die Rettung Israels. Die Nationen sind nach dem prophetischen Schriftwort unreine Hunde, während die Israeliten rechtmäßige Kinder sind.

Nur so verstehen wir das große Lob, das der Herr dem kananäischen Weibe gab, weil es damit einverstanden war, als Hündin zu gelten, der das Lebensbrot vom Tisch Gottes eigentlich nicht gehörte. (Matth. 15, 21­-28.)

Ohne Zweifel besteht ein Rettungsziel Gottes darin, die Nationen zum Heil zu führen. Dafür gibt es ungezählte Belege. Aber dieses Heil kommt aus den Juden (Joh. 4, 22)! Das begnadete, zurechtgebrachte Israel wird das große Missionsvolk, der heilige Segensträger Gottes sein, durch den die Völker der Erde das Heil erlangen.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine kleine Auswahl aus den Nationen den Leib oder Körper des Christus bildet, an dem der Verklärte das Haupt ist, oder ob die Nationen als solche in ihrer Gesamtheit als errettete und beseligte Untertanen des Messiasvolkes ihren Platz auf der befriedeten Erde einnehmen, auf der Satan, für tausend Jahre gebunden, sie nicht mehr verführen darf. Das ist auch, ohne Zweifel, eine köstliche, gesegnete Stellung. Es ist dies die mehr oder weniger bewußte Sehnsucht aller Königreichschristen, die vom Geheimnis des Leibes Christi nichts wissen.

Aber Sohneswürde und Gliedschaft an Christus, unserm Haupt, dem wir als gleichgeartete Glieder ebenbürtig werden, Teilhaber seiner Verheißungen, ­ das ist doch etwas davon stark Verschiedenes! Diese Dinge sind viel zu heilig und kostbar, als dass man sie wahllos verschleudern oder darüber streiten dürfte. Die wesenhafte Erkenntnis dieses Fülleheiles bringt den Trägern immer Vereinsamung und Schmach ein. Das war immer so und ist so und wird so bleiben, bis der Herr kommt und seine Glieder mit magnetischer Liebesgewalt zu sich zieht.

In Römer 15, 16 spricht nun Paulus in feierlichen Worten von einem Liturgen­ und Priesterdienst, den er für die Nationen ausübt. Worin aber besteht das Opfer (die feierliche Darreichung oder Darbringung) der Nationen? Hier sehen wir in tiefe Geheimnisse göttlicher Wahrheiten hinein. Auf der einen Seite steht in heiliger Schärfe geschrieben, dass das, was die Nationen opfern, sie den Dämonen opfern und nicht Gott (1. Kor. 10, 20). Auf der anderen Seite sind jedoch, um nur ein einziges Zeugnis der entgegengesetzten Seite zu nennen, die Gebete und Almosen des heidnischen Hauptmanns Cornelius “hinaufgestiegen zum Gedächtnis vor Gott” (Apg. 10, 1­4).

So haben auch die Nationen, ohne es zu wissen und zu wollen, ihr Bestes geopfert, nämlich die wahren Gläubigen in ihrer Mitte! Sagt nicht Paulus von sich und den Treuen, mit denen er sich im Geist zusammengeschlossen weiß, sie seien miteinander eine perikatharma (wörtlich: ein ringsum gebrauchtes Sühne­- und Reinigungsmittel) des Kosmos und eine peripseema (ein Fegopfer, Auswurf oder Abschaum; wörtlich: etwas, das sich aufreibt, in Asche zerfällt und zerstiebt) für alle bis jetzt (1. Kor. 4, 13)? Welche gewaltigen, demütigenden und doch zutiefst beseligenden Wahrheiten sind in diesem Wort enthalten! Spricht Paulus nicht von dem hingegebenen Schlachtopfer unseres Leibes (Römer 12, 1), dem ausgegossenen, hingeschütteten Trankopfer seines Lebens (2. Tim. 4, 6), da er alles verwendet und sich selbst verwenden läßt, wenn er auch, je mehr er liebt, um so weniger geliebt wird (2. Kor. 12, 15)?

Das sind heimliche, verborgene Seligkeiten Gottes, die man nicht erlernen kann, in die man aber als Erwählter hineinsterben darf. Weißt du etwas davon? Die Welt existiert nur auf Grund der unerkannten Opfer der wahren Heiligen! Deren Leben und Beten, deren Segnen, Schweigen und Sterben, deren Selbstüberwindung und brünstige Liebe erhalten das morsche, brechende Gefüge des Kosmos und stützen den Gang der Äonen.

Die Errettung des Saulus von Tarsus hat nicht nur für Israel prophetische Bedeutung, sondern ist auch ein Hinweis und Angeld für das Heil der Nationen, für die er jetzt Priester und Opfer zugleich ist. Welch ein unvergleichlicher Adel liegt in dieser Niedrigkeit!

4. Paulus, ein Modell für die Engel

Ist es nicht gewagt, Paulus als Vorbild und Abbild der Engel hinzustellen? Gibt es dafür wirklich einwandfreie biblische Belege? Finden sich tatsächlich klare Parallelen zwischen der Errettung des eifernden Saulus von Tarsus und den Wegen, die Gott seine himmlischen Boten und Diener führt? Die Schrift möge uns antworten, und der Geist Gottes wolle zu ihrem Vollverständnis sein Licht schenken!

In Phil. 3, 6 sagt Paulus von sich: “(Ich war), was den Eifer betrifft, ein Verfolger der Gemeinde; was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden.” Er stellt sich im ganzen Zusammenhang als einen Mann hin, der dem Gesetz in völliger Hingabe diente und dessen inneres Sein durch das Gesetz gestaltet wurde. Er hat das Gesetz beobachtet und ihm gehuldigt, wie wohl kaum ein zweiter; es war so recht sein Lebenselement.

Das ist von tiefer Bedeutung. Denn das Gesetz ist im letzten und eigentlichen Grunde nichts anderes als der Versuch der Geisterwelt, das gegenwärtige Weltsystem in seinem jetzigen unvollkommenen Zustand zu halten und zu vollenden, ist der Versuch, auf geschöpflichem Wege das zu tun, was Gott allein tun kann und tun will.

Um die tiefen und wesenhaften Beziehungen zwischen dem Gesetz und der Engelwelt zu begreifen, müssen wir ein wenig ausholen. Das Gesetz fließt nicht, wie Gottes Liebe und Gnade, aus seinem Herzen, sondern ist etwas “Nebeneingekommenes” oder “Nebeneingeschlichenes”, wie wir in Römer 5, 20 lesen. Es wurde gegeben “durch der Engel Geschäfte (Apg. 7, 53) oder “angeordnet durch Engel” (Gal. 3, 19). Das Gesetz ist heilig und gerecht und gut (Römer 7, 12), und dennoch ist es unvollkommen und weckt und reizt die in uns schlummernde Sünde (Hebr. 7, 18.19; Römer 7, 5.8). Darum bewirkt es Zorn (Römer 4, 15) und tut, von einer Seite gesehen, einen Dienst des Todes und der Verdammnis (2. Kor. 3, 7.9).

Das letztere erkennen wir vielleicht am besten aus einer Szene, die typisch ist für die Geisteshaltung des Gesetzesmenschen. Als Pilatus bei der Verurteilung Christi dem Geschrei der Hohepriester und ihrer Diener nachgab und bereit war, den Herrn kreuzigen zu lassen, sagte er zu der tobenden Menge: “Nehmet ihr ihn und kreuziget ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm!” (Joh. 19, 6).

Was aber taten die Juden? Sie verschanzten sich hinter dem Gesetz und antworteten: “Wir haben ein Gesetz, und nach unserm Gesetz muß er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat” (Joh. 19, 7). Ihr eigenes Gewissen zeugte gegen sie, aber das Gesetz verlangte dem Buchstaben nach den Tod dessen, der in Wahrheit von sich sagen konnte, dass er Gottes Sohn sei. Ist das nicht eine ergreifende, auf Christus bezogene Darstellung des paulinischen Wortes: “Das Gebot, das zum Leben gegeben war, das erwies sich mir zum Tode!” (Römer 7, 10)?

Wer die Worte des Gesetzes hält und sie tut, der soll leben. Kein Mensch vermag jedoch die Gebote zu halten! Keiner? Doch, einer: der Sohn Gottes! Und gerade er, der als einziger nicht den Tod verdient, sondern das Leben erworben hatte, wurde, sich selbst als Stellvertreter freiwillig opfernd, durch dieses Gebot zu Tode gebracht. Welch eine heilige Ironie!

Weil nun das Gesetz durch Engel gegeben ist, so ist jeder Versuch, durch das Halten der Gebote gerecht zu werden, nichts anderes als Engelsdienst. Verstehen wir in diesem Licht das Wort in Kol. 2, 18, das von “Engelverehrung” redet? Die Engel, um die es sich hier handelt, sind durchaus keine gefallenen Wesen, sind keine Dämonen und Finsternismächte. Denn als der Herr vom Sinai kam, dem Ort, wo das Gesetz in die Hände der Menschen gelegt wurde, und sich ihnen zunächst durchaus nicht als Segen, sondern als Fluch erwies, kam er “von heiligen Myriaden” (Zehntausenden = der Zahl der Engel!), und das “Gesetzesfeuer” (Feuer bedeutet Gericht!) strahlte nicht aus seiner Linken, sondern aus seiner Rechten hervor (5. Mose 33, 2). Das sind gar große und ernste Dinge, die sich hier dem Blick des Glaubens erschließen.

Weil es nun diese heiligen Engel in ihrem Versuch, durch das Gesetz die Menschheit zu zügeln und zu bessern, durchaus gut meinten, legt ihnen Gott auch keine Sünde, sondern nur Irrtum oder Torheit zur Last. Das lesen wir in Hiob 15, 15 und 4, 18.

Da aber jeder auf gesetzlicher Linie laufende Mensch von dem gleichen Irrtum des Selbsterlösungsversuchs befangen ist, war es auch Paulus. Er war es sogar in besonderem Maße. Niemand übertraf ihn im Eifer für das Gesetz. Aber in diesem seinem Eifer, der auf Torheit und geistlicher Unwissenheit beruhte (1. Tim. 1, 13), wurde er ein prophetisches Abbild jener himmlischen Lichtsintelligenzen, die einmal gleich ihm eine Neuzeugung ins Leben erfahren werden, wie in Nehemia 9, 6 geschrieben sieht: “Du bist, der da ist, o Herr, du allein. Du hast die Himmel gemacht, der Himmel Himmel und all ihr Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was in ihnen ist. Und du zeugst dieses alles ins Leben, und das Heer des Himmels betet dich an!”

Wir sehen also, dass Paulus nicht nur ein Modell für Menschen, sondern auch für überirdische Geschöpfe ist, nämlich für Engel des Lichts und des Gesetzes.

Doch nicht nur das! Dieser große, leidenschaftliche Mann, der alles, was er war, ganz war, dieser Feuergeist voll selbstloser Hingabe an das, was er als Wahrheit zu erkennen glaubte und später auch wesenhaft erkannte, war auch ein Vorbild auf Gottes Feinde, war ein Typ finsterer Gewalten.

5. Paulus, ein Modell für Gottes Feinde

Saulus von Tarsus war, wenn auch unbewußt und ungewollt, ein Feind Gottes und Christi, ein Mörder der Heiligen und Geliebten. Das sagt er selbst. Schreibt er doch in 1. Tim. 1, 13, dass er ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war. Nicht als ob er mit Worten gelästert hätte! Im Gegenteil: er bezeugt, dass er von seinen Voreltern her Gott mit reinem Gewissen dient (2. Tim. 1, 3).

Und dennoch muß er das ergreifende Bekenntnis ablegen, dessen demütigenden Schmerz man in jedem Wort nachzittern fühlt: “Ich meinte bei mir selbst gegen den Namen Jesu, des Nazaräers, viel Widriges tun zu müssen, was ich auch in Jerusalem getan habe; und viele der Heiligen habe ich in Gefängnisse eingeschlossen, nachdem ich von den Hohepriestern die Vollmacht empfangen hatte; und wenn sie umgebracht wurden, so gab ich meine Stimme dazu” (Apg. 26, 9‑11).

Zweimal weist Paulus darauf hin, dass er aus dem Stamm Benjamin stammt (Römer 11, 1; Phil. 3, 5). Das wundert uns eigentlich, da er sonst entschieden davor warnt, sich auf Geschlechtsregister zu berufen, da sie oft mit Fabeln in Verbindung stehen und zu Streitfragen führen (1. Tim. 1, 4; Titus 3, 9). Nun lesen wir in dem prophetischen Segensspruch Jakobs über Benjamin (zu deutsch: Sohn des Glücks!), dass er ein reißender Wolf ist, der am Morgen Raub verzehrt und am Abend Beute verteilt (1. Mose 49, 27). Trifft das nicht in wunderbarer Weise auf den Benjaminiter Saul von Tarsus zu? Er war, aufs Ende gesehen, ein Sohn des Glücks, wie kaum ein andrer, da ihm die Botschaft der Herrlichkeit des “glückseligen Gottes” anvertraut war (1. Tim. 1, 11). Und doch hat er “am Morgen” seines Lebens, in seinen jungen Jahren wie ein reißender Wolf die Gemeinde des Herrn verfolgt.

Am Abend seines Lebens jedoch war er einer, der “reiche Beute” verteilte. Wer in aller Welt dürfte von sich behaupten, dass ihm, wie wir oben sahen, das Evangelium der Glorie der Glückseligkeit Gottes anvertraut sei (vgl. Gal. 2, 7; Titus 1, 3 u.a.)? Von dieser reichen Beute zehren seit 2000 Jahren ungezählte Menschen; durch seine Botschaft wurde das Antlitz der Erde verändert, wurden Gottlosigkeit und Verbrechen in Schranken gehalten, wurde die Welt bewahrt, dass sie nicht längst in dämonischer Besessenheit zugrunde ging. Und doch waren die letztgenannten Dinge nur Begleiterscheinungen der Botschaft von der Herrlichkeit des Leibes Christi, die kein nichtpaulinischer Schreiber so klar sah und bezeugte wie unser großer Bruder und Lehrer!

Wie nun sein Wüten gegen Christus und die Seinen ein Abbild dessen war, was die Mächte der Finsternis und Bosheit in ihrer Verblendung jetzt tun (gibt es nicht unter Menschen und Dämonen gar viele reißende Wölfe?), so ist auch seine Zurechtbringung für das geöffnete Auge des Glaubens ein Hinweis auf die Tatsache, dass Gott alle seine Feinde finden wird (Ps. 21, 8).

Niemand zwingt uns, zu glauben, dass Gott wirklich alle seine Widersacher findet und überwindet, das bleibt, menschlich gesprochen, unsrer Einsicht überlassen. Wenn wir aber bedenken, dass Paulus einst der erste (größte, vorderste oder höchstgradige) Sünder war (1. Tim. 1, 15b) und er seine Briefe “prophetische Schriften” nennt (Römer 16, 26), so leuchten uns da gewaltige Wahrheiten auf, die dem natürlichen Menschen, auch wenn er ein wenig “fromm” ist, völlig verschlossen sind.

Wir wollen keusch und treu in den Linien des Wortes Gottes bleiben und nur das bezeugen: Paulus war ein wütender Feind Gottes und Christi, der größte Sünder nach seinen eignen Worten, die durchaus keine Übertreibung und Lüge “zur größeren Ehre Gottes” darstellen. Der Herr aber wollte an ihm, als an einem Modell nicht nur einen Teil (etwa den, der sich nur auf Israel oder nur auf Menschen bezieht), sondern seine ganze oder gesamte Langmut erzeigen als Beispiel derer, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.

Wer aber ist das? Wer wird nach dem Zeugnis der Schrift einmal das ewige Leben erlangen? Wir wollen darüber weder philosophieren noch disputieren, sondern statt vieler Worte nur eine einzige Stelle anführen, die uns erschöpfende Antwort geben soll: Joh. 17, 2. Nach diesem gewaltigen Gotteszeugnis hat der Vater seinem Sohn zu dein Zweck Vollmacht über alles Fleisch verliehen (also über das Widerstrebendste und Unbrauchbarste, was es überhaupt gibt!), damit der Sohn allen oder allem, was der Vater ihm übergab, ewiges Leben mitteilte. Was aber hat der Vater seinem Sohn übergeben? Oder besser: was hat der Vater seinem Sohn nicht übergeben? Steht neben vielen andern Zeugnissen nicht ausdrücklich geschrieben, dass ihm auch Engel und Gewalten und Mächte unterstellt sind (1. Petr. 3, 22)? Und lesen wir nicht in vielen andern Zusammenhängen, dass diese Welt der Bosheit ihm in jeder Beziehung untertan ist und er sie einst durch “den Hauch seines Mundes außer Wirksamkeit setzt” (so wörtlich!)?

Fürwahr, Paulus ist Beweis und Vorbild dafür, dass Gott mit allen seinen Feinden, den gottlosen und den frommen, einmal fertig werden wird, indem er sie durch Gericht und Strafe, durch Gnade und Liebe überwindet und ihnen ewiges Leben schenkt.

6. Paulus, ein Nachbild Christi

Der Vater hat das heiße Verlangen, das Ebenbild seines geliebten Sohnes immer wieder in neuem Glanz strahlender Schönheit aufleuchten zu lassen und sich daran zu freuen. So ist auch Paulus, dieser von göttlicher Leidenschaft durchglühte Mann, dessen Leben von Blitzen hellster Erkenntnis durchzuckt war, ein Darsteller Christi. Das wollen wir an einigen Zusammenhängen beweisen.

Bedenken wir zunächst, dass der Apostel der Fülle seit Damaskus nicht mehr sein eignes Leben lebte, sondern dass er, inspiriert und bestätigt durch den Heiligen Geist, von sich sagen durfte: “Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir” (Gal. 2, 20). Das ist ein gewaltiges Wort, das wir nicht in nebelhaft verschwommener Mystik, sondern ganz buchstäblich nehmen dürfen.

Erinnern wir uns ferner daran, dass er in Römer 15, 18 bezeugt: “Ich werde nicht wagen, etwas von dem zu reden, was Christus nicht durch mich gewirkt hat!” Der gleiche Gottessohn, der in der Niedrigkeit seines Fleisches als jüdischer Mensch auf den Fluren Palästinas lebte, lehrte und litt, der zunächst nur zu Israel gesandt war, spricht jetzt als Erhöhter und Verherrlichter zur Rechten des Vaters durch sein eigens dazu auserwähltes und zubereitetes Werkzeug, den Apostel Paulus. Solange man das nicht in aller Klarheit und Folgerichtigkeit erfaßt, steht man immer in der Gefahr, Worte Jesu gegen Zeugnisse Christi durch den Mund des Paulus auszuspielen und so in den Heilsplan Gottes Verwirrung und Irrtum hineinzutragen.

Eine der ergreifendsten Abschattungen des Wesens und Wirkens Christi finden wir in dem kleinen Philemonbrieflein. Hier schreibt der Apostel im 19. Vers: “Ich, Paulus, habe mit meiner Hand geschrieben, ich will bezahlen (oder erstatten)!” Wir wissen, worum es sich handelt: der Sklave Onesimus, zu deutsch: nützlich, war seinem Herrn, dem Fabrikanten Philemon (Liebender oder Liebhaber), entlaufen und kam mit Paulus zusammen. Der führte ihn zur Selbsterkenntnis und zum Glaubensgehorsam und hätte ihn gern als persönlichen Diener behalten. Doch sandte er ihn, gehorsam den damaligen Polizeivorschriften, seinem rechtmäßigen Herrn, dem Philemon zurück und gab ihm ein Schreiben mit, das ihm eine liebevolle Aufnahme sichern sollte. Dieses kleine Schriftstück, eine wahre Perle der Briefliteratur, ist unser Philemonbrief.

Wenn Paulus sich durch eigne Handschrift verpflichtet, den Schaden, den Onesimus durch seine Flucht angerichtet hatte, zu bezahlen, wiedergutzumachen oder zu erstatten, so ist er damit ein wunderbares Nachbild dessen, der durch die Hingabe seiner selbst den Schaden der Schöpfung gezahlt hat. Hier sehen wir gewissermaßen durch die Worte eines Menschen in das Herz dessen hinein, der der Erstatter aller und jeglicher Schuld ist und sich sozusagen in den Seinen vermenschlicht, dessen Gottesart und Himmelsleben sich durch den Glauben in unserm persönlichen armen, kleinen Leben auswirkt und darstellt.

Wenn Paulus, dieses vollkommenste Modell Christi, ermahnt, so ermahnt er nicht kraft irgendwelcher behördlicher Machtvollkommenheiten, organisatorischer Beschlüsse und dergl., sondern allein “durch die Sanftmut und Lindheit des Christus” (2. Kor. 10, 1). Wie weit sind wir doch von diesen apostolischen Normen geistlicher Begnadung und göttlicher Vollmacht abgeglitten in menschlich gemachte Priesterherrschaft, die in endloser Folge ihrer Kämpfe um Ehre, Macht und Geld oft nur Neid und Streit gebiert!

Wie demütig und ergreifend und doch voll heiliger Kraft ist die Frage, die er den eiteln, hochmütigen Korinthern stellt: “Habe ich eine Sünde begangen, indem ich mich selbst erniedrigte, auf dass ihr erhöht würdet, indem ich das Evangelium Gottes umsonst verkündigt habe?” (2. Kor. 11, 7). Wer von uns kann das in Wahrheit auch von sich bezeugen, dass er sich in jeder Beziehung selbst erniedrigt hat, nur um gleich Paulus die andern, die doch zum großen Teil seine Feinde und Neider waren, zu erhöhen? Haben wir wirklich immer, du und ich, das Evangelium ganz umsonst verkündigt, oder sind wir nicht irgendwie durch den Empfang von Dank und Liebe, von Ehre und Anerkennung auf unsre Kosten gekommen? Diese Frage im Lichte Gottes stellen, bedeutet einen schmerzlichen Demütigungsprozeß. Wohl dem, der ihn jetzt, solange er noch im Fleischesleibe lebt, an sich vollziehen läßt!

Noch ein letztes, schlichtes, aber überaus kostbares Wort möge uns zeigen, wie wesenhaft Paulus ein Darsteller und Abbild Christi ist. In Phil. 1, 8 schreibt er: “Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu.” Wenn der Apostel in feierlichen, ernsten Worten Gott zum Zeugen dessen anruft, was er jetzt sagen will, so verdient das unsre besondere Beachtung.

Paulus ist von Sehnsucht nach den Philippern, und zwar nach allen Gliedern der Gemeinde, erfüllt. Aber diese Sehnsucht ist nicht aus seinem eignen, natürlichen Herzen geboren. “Wie schlöß’ ein Herz, so arm und klein, die ganze Sehnsucht Christi ein?” könnte man in Abwandlung eines Verses aus einem bekannten Gedicht, das der Mutterliebe gilt, fragen. Nein, die eigne Sehnsucht reicht nicht aus; sie wäre bald erschöpft. “Aus den Augen, aus dem Sinn!” sagt ein weltliches Wort. Und das ist wahr! Wieviele Gebetslisten haben wir doch schon gehabt! Und wieviel Sehnsucht und Verlangen, Liebesglut und Opferbereitschaft, die einmal glühend, ja, fast verzehrend unser Herz erfüllten, sind durch die Gleichgültigkeit, die Undankbarkeit und die Bosheit der Menschen erloschen! Ist das nicht beschämend? Wer nur aus sich selber schöpft, der ist wirklich bald erschöpft.

Paulus sehnt sich nach den Philippern, und zwar nicht nur nach den ihm sympathischen, sondern nach allen Philippern, mit dem Herzen Christi Jesu. Kein schwacher, müder Mensch wie du und ich kann “allezeit” beten und sich “unablässig” für andre verwenden (1. Kor. 1, 4; Phil. 1, 4; Kol. 1, 3; 4, 12; 2. Thess. 1, 3; Römer 1, 9; 1. Thess. 2, 13; 2. Tim. 1, 3 u.a.m.); das kann nur Christus, der in der Kraft des unauflöslichen Gotteslebens seinen Gegenwartsdienst in den Himmelsregionen tut.

Aber schwache Abbilder und Nachahmer, Gefäße seines ureigentlichen Wesens und Seins hat er überall da, wo sich Erstlinge in heiliger Hingabe ihm zur Verfügung stellen. Und wenn das einer vollkommen tat, soweit das menschlich möglich ist, dann war es unser großer, geliebter Lehrer und Bruder, der Apostel Paulus.

7. Paulus, ein Darsteller Gottes

Noch ein Letztes, Größtes wagen wir zu sagen: der Apostel der Nationen ist auch ein Abbild und Darsteller dessen, was und wer und wie unser Vater in Christo Jesu ist. Wenn der begnadete Bischof Fénélon einmal einer treuen Christin schreibt, er wünsche ihr “ein Leben voll von Gott und leer von allem andern”, so hat er damit ein großes, wunderbares Wort geprägt, das unser Herz mit göttlicher Gewalt erfaßt, das uns zugleich er­schreckt und beseligt.

Gab es je einen Menschen, dessen Leben voll von Gott und leer von allem andern war, so war es neben der unzählbaren Schar unbekannter, armer, geschmähter und verfolgter Heiliger auch der Lehrer der Gemeinde des Leibes Christi. Schlagen wir noch einmal unser Philemonbrieflein auf! Der begnadete, einsame und noch heute unverstandene Pfarrer Böhmerle hat es das “Vaterbrieflein” genannt. Er hat damit recht; denn wenn irgendwo das Wesen wahrer Vaterschaft aufleuchtet, dann hier.

Paulus hätte dem Philemon, der ja sein geistlicher Sohn war, den er als Kind im Glauben gezeugt hatte und der ihm sein inneres, göttliches Leben verdankte, befehlen können. Das tut er aber nicht! Vielmehr bittet er um der Liebe willen (Vers 8.9). Wie groß und köstlich ist das doch!

Steht so nicht auch Gott oft als Bittender vor seinen Geschöpfen? Er könnte befehlen und drohen, strafen und vernichten, tut es aber nicht, sondern bittet um der Liebe, um Christi willen!

Vor einigen Tagen war ein Junge meiner Klasse ungehorsam und frech. Ich stellte ihm sein Benehmen vor Augen und fragte ihn, was er denn jetzt, wenn er Lehrer wäre, mit einem solchen Schüler täte. Betroffen, doch ohne jede Hemmung sagte er: “Ich würde ihn schlagen!” Ich entgegnete ihm: “Siehst du, mein Junge, das könnte ich jetzt tun und würde damit nach deinem eignen Urteil recht handeln. Das will ich aber nicht. Vielmehr möchte ich dir vergeben und dich bitten: versprich mir doch, dass du so etwas nicht wieder tun willst!” Der Knabe schlug in die dargereichte Rechte ein, und Tränen rollten über seine Wangen. In Augenblicken solch schlichter, alltäglicher Erlebnisse lernt man Gott wesenhaft kennen, wird man sein Nachahmer, wenn man betend vergeben, lieben und andern zurechthelfen darf. Darum liegt auch unsre Glückseligkeit nicht im Wissen, sondern im “Tun” (Joh. 13, 17)! Man kann alle Geheimnisse wissen und allen Glauben haben, aber ein ichsüchtiger, eigenwilliger Mensch sein, dem das Wesentliche fehlt: die praktische, sich im Opfer erweisende Liebe (1. Kor. 13, 1.2).

Und gerade darin war Paulus Meister! Er war kein Kirchenfürst, der durch Erlasse regierte und seine Gegner aus dem Handgelenk abtat; er bat und ermahnte und litt und liebte. Ach, was sind wir doch für ein armseliges, hochmütiges, selbstsüchtiges Geschlecht, haben für andre oft fromme Worte und leben im tiefsten Grund unser eignes Ichleben. Herr, erlöse uns von uns selber, damit wir uns nicht an jenem, wer weiß wie nahen Tag vor deiner Preisrichterbühne schämen müssen!

Wir wissen, dass nur Gott selbst neues Leben schenken kann. Und dennoch schreibt Paulus in 1. Kor. 4, 15: “Wenn ihr zehntausend Zuchtmeister in Christo hättet, so doch nicht viele Väter, denn in Christo Jesu habe ich euch gezeugt durch das Evangelium.” Vaterschaft Gottes ist etwas wesentlich Größeres und Höheres als Zuchtmeisterdienst der Engel. Wenn hier von zehntausend Zuchtmeistern die Rede ist, so ist das keine willkürliche Fantasiezahl, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, sondern hat tiefe Bedeutung. Denn zehntausend (griech. Myriade) ist, wie wir schon andeuteten, die Zahl der Engel. Darum lesen wir auch in Hosea 8, 12 von zehntausend Satzungen des Gesetzes und verstehen den Wechselgesang der tanzenden Frauen von dem Sieg Sauls über Tausende und dem Davids über Zehntausende viel besser und tiefer als sie selber es zu fassen vermochten. Wir finden ja öfter, dass Propheten das nicht völlig verstanden, was sie sagten und darstellten. Welch ein wunderbares, unerschöpfliches Buch ist doch unsre Bibel, wenn der Geist erst einmal anfängt, sie uns zu erschließen!

Der Wagen Gottes, die Schechina, die aus Geistermächten bestehende Lichts­ und Herrlichkeitswolke, sind Myriaden oder Zehntausende (Ps. 68, 17); die Braut des Hohenliedes, Israel, rühmt ihren Geliebten, Christus, der vor Zehntausenden ausgezeichnet ist, also über alle Engelsmächte und Himmelsgewalten erhöht ist, und Daniel spricht von Myriaden mal Myriaden, die Gott zum Dienst zur Verfügung stehen (7, 10).

Zuchtmeister dienen und strafen, richten und rächen. Aber Väter lieben und zeugen und teilen ihr eignes Leben, ihr innerstes Sein und Wesen mit. Das ist der tiefe, oft so wenig verstandene Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium, frommem Eigenwirken und göttlicher Gnade. Glückselig, wer ihn zu begreifen beginnt!

Auch dann, wenn Paulus eifert (oder: in heiliger Begierde etwas er­strebt), tut er das nicht mit seinem natürlichen fleischlichen Eifer, sondern “mit Gottes Eifer” (2. Kor. 11, 2 ). Er kann in Wahrheit von sich sagen: “Alle meine Quellen sind in dir!” (Ps. 87, 7), denn all sein Tun und Lassen, sein Denken und Handeln, ist ein Ausfluß aus Gottes Vaterherzen: Paulus ist fürwahr ein Darsteller Gottes!

In dem großen Drama der Äonen, das Familien und Völker, Menschen und Engel, Sichtbares und Unsichtbares umfaßt, in dieser grandiosen “divina comedia”, diesem gewaltigen, göttlichen Schauspiel, ist Paulus fürwahr eine bedeutende, vielleicht die bedeutendste Persönlichkeit der Menschenwelt. Das vermag freilich nur der Glaube zu sehen, der zu fassen vermag, dass es dem Apostel der Nationen gegeben ist, den logos Gottes in sein Vollmaß, seine nicht mehr zu überbietende Fülle zu führen (Kol. 1, 25). Der logos Gottes ist aber sowohl Wort oder Schriftwerk als auch Sache oder Angelegenheit. Im tiefsten Sinne jedoch ist er der eingeborene Sohn, denn der logos Gottes wurde Fleisch und zeltete unter uns. Wir aber sind des verklärten Hauptes Glieder!

Welch eine gewaltige Schau eröffnet sich hier dem Glaubensblick! Was könnten wir angesichts solcher Heilstatsachen und Herrlichkeitsoffenbarungen anderes tun als anbeten in heiliger Hingabe?

Laßt uns lernen an den großen Vorbildern und Modellen Gottes, die der Vater uns gab, zunächst und in erster Linie an seinem geliebten Sohn, der unser Leben, unser Heil, unser alles ist, aber auch an unserm Bruder und Lehrer, dem Apostel Paulus, an dem “Christus Jesus die ganze Langmut erzeigte zum Vorbild für die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben”!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1953; Paulus-Verlag; Heilbronn)

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